| |
Hamlet, Prinz von Dannemark.
William Shakespeare
Ubersetzt von Christoph Martin Wieland
Ein Trauerspiel.
Personen.
Claudius, Konig in Dannemark.
Fortinbras, Prinz von Norwegen.
Hamlet, Sohn des vorigen, und Neffe des gegenwartigen Konigs.
Polonius, Ober-Kammerer.
Horatio, Freund von Hamlet.
Laertes, Sohn des Polonius.
Voltimand, Cornelius, Rosenkranz und Guldenstern, Hofleute.
Osrich, ein Hofnarr.
Marcellus, ein Officier.
Bernardo und Francisco, zween Soldaten.
Reinoldo, ein Bedienter des Polonius.
Der Geist von Hamlets Vater.
Gertrude, Konigin von Dannemark, und Hamlets Mutter.
Ophelia, Tochter des Polonius, von Hamlet geliebt.
Verschiedene Damen, welche der Konigin aufwarten.
Comodianten, Todtengraber, Schiffleute, Boten, und andre stumme
Personen.
Der Schau-Plaz ist Elsinoor.
Die Geschichte ist aus der Danischen Historie des Saxo
Grammaticus genommen.
Erster Aufzug.
Erste Scene.
(Eine Terrasse vor dem Palast.)
(Bernardo und Francisco, zween Schildwachen, treten auf.)
Bernardo.
Wer da?
Francisco.
Nein, gebt Antwort: Halt, und sagt wer ihr seyd.
Bernardo.
Lang lebe der Konig!
Francisco.
Seyd ihr Bernardo?
Bernardo.
Er selbst.
Francisco.
Ihr kommt recht punktlich auf eure Stunde.
Bernardo.
Es hat eben zwolfe geschlagen; geh du zu Bette, Francisco.
Francisco.
Ich danke euch recht sehr, das ihr mich so zeitig abloset: Es ist
bitterlich kalt, und mir ist gar nicht wohl.
Bernardo.
Habt ihr eine ruhige Wache gehabt?
Francisco.
Es hat sich keine Maus geruhrt.
Bernardo.
Wohl; gute Nacht. Wenn ihr den Horatio und Marcellus antreffet,
welche die Wache mit mir bezogen haben, so saget ihnen, das sie
sich nicht saumen sollen. (Horatio und Marcellus treten auf.)
Francisco.
Mich daucht, ich hore sie. halt! he! Wer da?
Horatio.
Freunde von diesem Lande.
Marcellus.
Und Vasallen des Konigs der Dahnen.
Francisco.
Ich wunsche euch eine gute Nacht.
Marcellus.
Ich euch desgleichen, wakerer Kriegs-Mann; wer hat euch abgelost?
Francisco.
Bernardo hat meinen Plaz; gute Nacht.
(Er geht ab.)
Marcellus.
Holla, Bernardo!--
Bernardo.
He, wie, ist das Horatio?
Horatio. (Indem er ihm die Hand reicht)
Ein Stuk von ihm.
Bernardo.
Willkommen, Horatio; willkommen, wakrer Marcellus.
Marcellus.
Sagt, hat sich dieses Ding diese Nacht wieder sehen lassen?
Bernardo.
Ich sah nichts.
Marcellus.
Horatio sagt, es sey nur eine Einbildung von uns, und will nicht
glauben, das etwas wirkliches an diesem furchtbaren Gesichte sey,
das wir zweymal gesehen haben; ich habe ihn deswegen ersucht, diese
Nacht mit uns zu wachen, damit er, wenn die Erscheinung wieder
kommt, unsern Augen ihr Recht wiederfahren lasse; und mit dem
Gespenste rede, wenn er Lust dazu hat.
Horatio.
Gut, gut; es wird nicht wiederkommen.
Bernardo.
Sezt euch ein wenig, wir wollen noch einmal einen Angriff auf eure
Ohren wagen, welche so stark gegen unsre Erzahlung befestigt sind,
deren Inhalt wir doch zwo Nachte nach einander mit unsern Augen
gesehen haben.
Horatio.
Gut, wir wollen uns sezen, und horen was uns Bernardo davon sagen
wird.
Bernardo.
In der leztverwichnen Nacht, da jener nemliche Stern, der westwarts
dem Polar-Stern der nachste ist, den nemlichen Theil des Himmels wo
er izt steht, erleuchtete, sahen Marcellus und ich--die Gloke hatte
eben eins geschlagen--
Marcellus.
Stille, brecht ab--Seht, da kommt es wieder. (Der Geist tritt auf.)
Bernardo.
In der nemlichen Gestalt, dem verstorbnen Konig ahnlich.
Marcellus.
Du bist ein Gelehrter, Horatio, rede mit ihm.
Bernardo.
Sieht es nicht dem Konige gleich? Betrachte es recht, Horatio.
Horatio.
Vollkommen gleich; ich schauere vor Schreken und Erstaunung.
Marcellus.
Red' es an, Horatio.
Horatio.
Wer bist du, der du dieser nachtlichen Stunde, zugleich mit dieser
schonen Helden-Gestalt, worinn die Majestat des begrabnen Dahnen-
Konigs einst einhergieng, dich anmassest? Beym Himmel beschwor'
ich dich, rede!
Marcellus.
Es ist unwillig.
Bernardo.
Seht! es schreitet hinweg.
Horatio.
Steh; rede; ich beschwore dich, rede!
(Der Geist geht ab.)
Marcellus.
Es ist weg, und will nicht antworten.
Bernardo.
Was sagt ihr nun, Horatio? Ihr zittert und seht bleich aus. Ist
das nicht mehr als Einbildung? Was haltet ihr davon?
Horatio.
So wahr Gott lebt, ich wurde es nicht glauben, wenn ich dem
fuhlbaren Zeugnis meiner eignen Augen nicht glauben muste.
Marcellus.
Gleicht es nicht dem Konige?
Horatio.
Wie du dir selbst. So war die nemliche Rustung die er anhatte, als
er den ehrsuchtigen Norweger schlug; so faltete er die Augbraunen,
als er in grimmigem Zweykampf den Prinzen von Pohlen aufs Eis
hinschleuderte. Es ist seltsam--
Marcellus.
So ist es schon zweymal, und in dieser nemlichen Stunde, mit
kriegerischem Schritt, bey unsrer Wache vorbey gegangen.
Horatio.
Was ich mir fur einen bestimmten Begriff davon machen soll, weis
ich nicht; aber so viel ich mir uberhaupt einbilde, bedeutet es
irgend eine ausserordentliche Veranderung in unserm Staat.
Marcellus.
Nun, Freunde, sezt euch nieder, und saget mir, wer von euch beyden
es weist, warum eine so scharfe nachtliche Wache den Unterthanen
dieser ganzen Insel geboten ist? Wozu diese Menge von Geschuz und
Kriegs-Bedurfnissen, welche taglich aus fremden Landen anlangen?
Wozu diese Gedrange von Schiffs-Bauleuten, deren rastloser Fleis
den Sonntag nicht vom Werk-Tag unterscheidet? Was mag bevorstehen,
das die schwizende Eilfertigkeit die Nacht zum Tage nehmen mus, um
bald genug fertig zu werden? Wer kan mir hieruber Auskunft geben?
Horatio.
Das kan ich; wenigstens kan ich dir sagen, was man sich davon in
die Ohren flustert. Unser verstorbner Konig, dessen Gestalt uns
nur eben erschienen ist, wurde, wie ihr wisset, von Fortinbras, dem
Konig der Norwegen, seinem Nebenbuhler um Macht und Ruhm, zum
Zweykampf herausgefodert: Unser tapfrer Hamlet (denn dafur hielt
ihn dieser Theil der bekannten Welt) erschlug seinen Gegner in
diesem Kampf, und dieser verlohr dadurch vermog eines vorher
besiegelten und nach Kriegs-Recht formlich bekraftigten Vertrages,
alle seine Lander, als welche nun dem Sieger verfallen waren; eben
so wie ein gleichmassiger Theil von den Landen unsers Konigs dem
Fortinbras und seinen Erben zugefallen seyn wurde, wenn der Sieg
sich fur ihn erklart hatte. Nunmehro vernimmt man, das sein Sohn,
der junge Fortinbras, in der gahrenden Hize eines noch
ungebandigten Muthes, hier und da, an den Kusten von Norwegen einen
Hauffen heimathloser Wage-Halse zusammengebracht, und um Speise und
Sold, zur Ausfuhrung irgend eines kuhnen Werkes gedungen habe:
Welches dann, wie unser Hof gar wol einsieht, nichts anders ist,
als die besagten von seinem Vater verwurkten Lander uns durch
Gewalt der Waffen wieder abzunehmen: Und dieses, denke ich, ist die
Ursach unsrer Zurustungen, dieser unsrer Wache, und dieses hastigen
Gewuhls im ganzen Lande.
Bernardo.
Vermuthlich ist es keine andre; und es mag wol seyn, das eben darum
dieses schrekliche Gespenst, in Waffen, und in der Gestalt des
Konigs, der an diesen Kriegen Ursach war und ist, durch unsre Wache
geht.
Horatio.
Es ist ein Zufall, welchem es schwer ist auf den Grund zu sehen.
In dem hochsten und siegreichesten Zeit-Punkt der Romischen
Republik, kurz zuvor eh der grosse Julius fiel, thaten die Graber
sich auf; die eingeschleyerten Todten schrien in graslichen
ungeheuren Tonen durch die Strassen von Rom; Sterne zogen Schweiffe
von Feuer nach sich; es fiel blutiger Thau; der allgemeine Unstern
hullte die Sonne ein, und der feuchte Stern, unter dessen
Einflussen das Reich des Meer-Gottes steht, verfinsterte sich wie
zum Tage des Welt-Gerichts. Ahnliche Vorboten schrekenvoller
Ereignisse, Wunder-Zeichen, welche die gewohnliche Vorredner
bevorstehender trauriger Auftritte sind, haben an Himmel und Erde
sich vereiniget, dieses Land in furchtsam Erwartung irgend eines
allgemeinen Ungluks zu sezen. (Der Geist tritt wieder auf.)
Aber stille, seht! Hier kommt es wieder zuruk! Ich will ihm in
den Weg stehen, wenn es mir gleich alle meine Haare kosten sollte.
Steh, Blendwerk!
(Er breitet die Arme gegen den Geist aus.)
Wenn du fahig bist, einen vernehmlichen Ton von dir zu geben, so
rede mit mir. Wenn irgend etwas gutes gethan werden kan, das dir
Erleichterung und Ruhe, und mir das Verdienst eines guten Werkes
geben mag, so rede! Wenn du Wissenschaft von dem Schiksal deines
Landes hast, und es vielleicht, durch deine Vorhersagung noch
abgewendet werden konnte, o so rede!--Oder wenn du, in deinem Leben
unrechtmassig erworbene Schaze in den Mutterleib der Erde
aufgehauft hast, um derentwillen, wie man glaubt, die Geister oft
nach dem Tode umgehen mussen, so entdek es.
(Ein Hahn kraht.)
Steh, und rede--Halt es auf, Marcellus--
Marcellus.
Soll ich mit meiner Partisane darnach schlagen?
Horatio.
Thu es, wenn es nicht stehen will.
Bernardo.
Hier ist es--
Horatio.
Izt ists hier--
Marcellus.
Weg ist's.
(Der Geist geht ab.)
Wir beleidigen die Majestatische Gestalt, die es tragt, wenn wir
Mine machen, als ob wir Gewalt dagegen brauchen wollen; und da es
nichts als Luft ist, so ist es ja ohnehin unverwundbar, und unsre
eiteln Streiche beweisen ihm nur unsern bosen Willen, ohne ihm
wurklich etwas anzuhaben.
Bernardo.
Es war im Begriff zu reden, als der Hahn krahete.
Horatio.
Und da zitterte es hinweg, wie einer der sich eines Verbrechens
bewust ist, bey einer furchterlichen Aufforderung. Ich habe sagen
gehort, der Hahn, der die Trompete des Morgens ist, weke mit seiner
schmetternden, scharftonenden Gurgel den Gott des Tages auf, und,
auf sein Warnen, entfliehe in Wasser oder Feuer, Luft oder Erde,
jeder herumwandernde Geist in sein Bezirk zuruk: Und das dieses
wahr sey, beweiset was wir eben erfahren haben.
Marcellus.
Er verschwand sobald der Hahn krahete. Einige sagen, allemal um
die Zeit, wenn die Geburt unsers Erlosers gefeyert wird, krahe der
Vogel des Morgens die ganze Nacht durch: Und dann, sagen sie, gehe
kein Geist um; die Nachte seyen gesund, und die Planeten ohne
schadliche Influenzen; keine Fee konne einem beykommen, keine Hexe
habe Gewalt zu Zauber-Wirkungen; so heilig und segensvoll sey diese
Zeit.
Horatio.
Das hab ich auch gehort, und glaub es auch zum Theil. Aber seht,
der Morgen, in einen rothen Mantel eingehullt, wandelt uber jenen
emporragenden ostlichen Hugel durch den Thau; wir wollen von unsrer
Wache abziehen; und wenn ihr meiner Meynung seyd, so last uns dem
jungen Hamlet entdeken, was wir diese Nacht gesehen haben. Ich
wollte mein Leben dran sezen, dieser Geist, so stumm er fur uns ist,
wird fur ihn eine Sprache bekommen. Seyd ihrs zufrieden, das wir
ihm, aus Antrieb unsrer Liebe und Pflicht gegen ihn, Nachricht
davon geben?
Marcellus.
Thut es, ich bitte euch: Wir werden diesen Morgen schon erfahren,
wo wir ihn zur gelegensten Zeit sprechen konnen.
(Sie gehen ab.)
Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in den Palast.)
(Claudius, Konig von Dannemark, Gertrude die Konigin, Hamlet,
Polonius, Laertes, Voltimand, Cornelius, und andre Herren vom Hofe,
nebst Trabanten und Gefolge treten auf.)
Konig.
Ungeachtet, bey dem noch frischen Andenken von Hamlets, unsers
theuren Bruders, Tode, sichs geziemen will, das wir unsre Herzen in
Trauer hullen, und das Antliz unsers ganzen Konigreichs in
allgemeinen Schmerz zusammengezogen sey: So haben wir doch der
Klugheit so viel uber die Natur verstattet, das wir, unter dem
gerechten Schmerz uber seinen Verlust, nicht ganzlich unsrer selbst
vergessen. Wir haben also unsre vormalige Schwester, nunmehr unsre
Konigin, als die gebietende Mitregentin dieses kriegerischen
Reiches, wiewol mit niedergeschlagner Freude, das eine Auge von
hochzeitlicher Freude glanzend, das andere von Thranen
uberfliessend, und mit einer in gleichen Waag-Schalen gegen unsern
Schmerz abgewognen Lust, zur Gemahlin erkiest. Auch haben wir
nicht unterlassen, uns hierinn euers guten Raths zu bedienen, und
erkennen mit gebuhrendem Danke, das ihr uns in diesem ganzen
Geschafte durch eure einsichtsvollen Rathschlage so frey und
gutwillig unterstuzt habt. Nun ist noch ubrig euch zu eroffnen,
das der junge Fortinbras, aus einer allzuleichtsinnigen Berechnung
unsrer Krafte, oder weil er sich vielleicht einbildet, das der Tod
unsers abgelebten Bruders unsern Staat verrenkt und aus seiner
Fassung gesezt habe, ohne einen andern Beystand als diesen Traum
eines eingebildeten Vortheils uber uns, sich hat zu Sinne kommen
lassen, uns durch eine Abschikung zu behelligen, welche nichts
geringers als die Zurukgabe aller der Lander fordert, die sein
Vater, nach allen Gesezen des Kriegs-Rechts, an unsern
heldenmuthigen Bruder verlohren hatte. So viel von ihm--Nunmehr zu
uns selbst, und dem besondern Zwek der gegenwartigen Versammlung!--
Wir haben hier an den alten Prinzen von Norwegen, den Oheim des
jungen Fortinbras (welcher, unvermogend und bettlagerig wie er ist,
nichts von diesem Vorhaben seines Neffen weis) zu dem Ende
geschrieben, damit er dessen weitern Fortgang hintertreiben moge:
Es sind alle Umstande, die Anzahl seiner angeworbnen Truppen, die
Namen der angesehensten Theilnehmer seines Vorhabens, und seine
ganze Starke hierinn enthalten: Und nunmehr ernennen wir euch,
Voltimand, und euch, wakrer Cornelius, dem alten Norwegen diesen
unsern Grus zu uberbringen. Die personliche Vollmacht die wir euch
ertheilen, mit diesem Prinzen zu handeln, erstrekt sich nicht
weiter, als die besondern Artikel dieser schriftlichen Instruction
euch anweisen werden. Gehabt euch also wol, und beweiset uns eure
Treue durch eine schleunige Ausrichtung.
Voltimand.
Hierinn, so wie bey allen andern Gelegenheiten, werden wir unsre
Schuldigkeit thun.
Konig.
Wir zweifeln nicht daran; gehabt euch wol.
(Voltimand und Cornelius gehen ab.)
Und nun, Laertes, was bringt ihr uns neues? Ihr sagtet uns was
von einer Bitte. Was ist es, Laertes? Ihr konnet nichts billiges
von euerm Konige begehren, das euch versagt werden sollte. Was
kanst du verlangen, Laertes, das ich dir nicht schon bewilligen
sollte, eh du es begehrt hast? Das Haupt ist dem Herzen nicht
unentbehrlicher, noch dem Mund der Dienst der Hand, als es dein
Vater dem Throne von Dannemark ist. Was willst du haben, Laertes?
Laertes.
Mein gebietender Herr, eure gnadige Bewilligung nach Frankreich
zurukkehren zu durfen, von wannen ich zwar aus eigner Bewegung nach
Dannemark gekommen bin, um bey Eurer Kronung meine Schuldigkeit zu
beweisen; nun aber, ich gesteh es, da diese Pflicht erstattet ist,
drehen sich alle meine Gedanken und Wunsche wieder nach Frankreich
um, und beugen sich, um Eurer Majestat Gnadigste Erlaubnis und
Vergebung zu erhalten.
Konig.
Habt ihr euers Vaters Einwilligung? Was sagt Polonius dazu?
Polonius.
Gnadigster Herr, er hat mir durch unablassiges Bitten meine
Erlaubnis abgedrungen; und, weil ich nicht anders konnte, so drukte
ich seinem Willen endlich das Siegel meiner Einwilligung auf. Ich
bitte euch, ihm auch die eurige zu ertheilen.
Konig.
Reise in einer gluklichen Stunde ab, Laertes, und bestimme die Zeit
deiner Abwesenheit nach deinem Willen, und der Erfordernis deiner
lobenswurdigen Absichten--Und nun ein Wort mit euch, Vetter Hamlet--
Mein geliebter Sohn--
Hamlet (vor sich.)
Lieber nicht so nah befreundt, und weniger geliebt.
Konig.
Woher kommt es, das immer solche Wolken uber euch hangen?
Hamlet.
Es ist nicht das, Gnadigster Herr; ich bin zuviel in der Sonne.
Konigin.
Lieber Hamlet, leg einmal diese nachtliche Farbe ab, und sieh aus,
wie ein Freund von Dannemark. Geh nicht immer so mit gesenkten
halbgeschlossnen Augen, als ob du deinen edeln Vater im Staube
suchest. Du weissest ja, es ist das allgemeine Schiksal; alle,
welche leben, mussen sterben--
Hamlet.
Ja, Madame, es ist das allgemeine Schiksal.
Konigin.
Wenn es denn so ist, warum scheint es dir denn so ausserordentlich?
Hamlet.
Scheint, Madame? Nein, es ist; bey mir scheint nichts. Es ist
nicht blos dieser schwarze Rok, meine liebe Mutter, nicht das
Geprange einer Gewohnheits-massigen Trauer, noch das windichte
Zischen erkunstelter Seufzer, nicht das immer-thranende Auge, noch
das niedergeschlagene Gesicht, noch irgend ein anders ausserliches
Zeichen der Traurigkeit, was den wahren Zustand meines Herzens
sichtbar macht. Diese Dinge scheinen, in der That; denn es sind
Handlungen, die man durch Kunst nachmachen kan; aber was ich
innerlich fuhle, ist uber allen Ausdruk; jenes sind nur die Kleider
und Verzierungen des Schmerzens.
Konig.
Es ist ein ruhmlicher Beweis eurer guten Gemuths-Art, Hamlet, das
ihr euern abgelebten Vater so beweinet: Aber ihr musset nicht
vergessen, das euer Vater auch einen Vater verlohr, und dieser
Vater den seinigen; den uberlebenden verband die kindliche Pflicht,
mit Ziel und Maas um seinen verstorbnen zu trauern: Aber in
hartnakiger Betrubnis immerfort zu beharren, ist unmannliche
Schwachheit oder gottlose Unzufriedenheit mit den Fugungen des
Himmels; ein Zeichen eines ungeduldigen, feigen Gemuths, oder eines
schwachen und ungebildeten Verstandes. Denn warum sollen wir etwas,
wovon wir wissen das es seyn mus, und das es so gemein ist als
irgend eine von den alltaglichen Sachen die immer vor unsern Sinnen
schweben, aus verkehrtem kindischem Eigensinn, zu Herzen nehmen?
Fy! Es ist ein Vergehen gegen den Himmel, ein Vergehen gegen den
Gestorbnen, ein Vergehen gegen die Natur; hochst ungereimt in den
Augen der Vernunft, welche kein gemeineres Thema kennt, als den Tod
von Vatern, und von der ersten Leiche bis zu dem der eben izt
gestorben ist, uns immer zugeruffen hat, es musse so seyn. Wir
bitten euch also, werfet diese zu nichts dienende Traurigkeit in
sein Grab, und sehet kunftig uns als euern Vater an; denn die Welt
soll es wissen, das ihr unserm Thron der nachste seyd, und das die
Liebe, die der zartlichste Vater zu seinem Sohne tragen kan, nicht
grosser ist als diejenige, welche wir euch gewiedmet haben. Was
euer Vorhaben, nach der Schule zu Wittenberg zuruk zu gehen betrift,
so stimmt es gar nicht mit unsern Wunschen ein, und wir bitten
euch davon abzustehen, und unter unsern liebesvollen Augen hier zu
bleiben, unser erster Hofling, unser Neffe, und unser Sohn.
Konigin.
Las deine Mutter keine Fehlbitte thun, Hamlet; ich bitte dich,
bleibe bey uns, geh nicht nach Wittenberg.
Hamlet.
Ich gehorche euch mit dem besten Willen, Madame.
Konig.
Nun, das ist eine schone liebreiche Antwort; seyd wie wir selbst in
Dannemark! Kommet, Madame; diese gefallige und ungezwungne
Einstimmung Hamlets ist mir so angenehm, das dieser Tag ein
festlicher Tag der Freude seyn soll--Kommt, folget mir--
(Sie gehen ab.)
Dritte Scene.
Hamlet (bleibt allein.)
O das dieses allzu--allzu--feste Fleisch schmelzen und in Thranen
aufgelost zerrinnen mochte! Oder das Er, der Immerdaurende, seinen
Donner nicht gegen den Selbst-Mord gerichtet hatte! O Gott! o
Gott! Wie ekelhaft, schaal, abgestanden und ungeschmakt kommen mir
alle Freuden dieser Welt vor! Fy, fy, mir graut davor! Es ist ein
ungesauberter Garten, wo alles in Saamen schiest, und mit Unkraut
und Disteln uberwachsen ist. Das es dahin gekommen seyn soll! Nur
zween Monate todt! Nein, nicht einmal so viel; nicht so viel--Ein
so vortrefflicher Konig--gegen diesen, wie Apollo gegen einen Satyr:
Der meine Mutter so zartlich liebte, das kein rauhes Luftchen sie
anwehen durfte--Himmel und Erde! Warum mus mir mein Gedachtnis so
getreu seyn? Wie, hieng sie nicht an ihm, als ob selbst die
Nahrung ihrer Zartlichkeit ihren Hunger vermehre?--und doch, binnen
einem Monat--Ich will, ich darf nicht dran denken--Gebrechlichkeit,
dein Nam' ist Weib! Ein kleiner Monat! Eh noch die Schuhe
abgetragen waren, in denen sie meines armen Vaters Leiche folgte,
gleich der Niobe lauter Thranen--Wie? Sie--eben sie--(o Himmel!
ein vernunftloses Thier wurde langer getraurt haben) mit meinem
Oheim verheyrathet--Meines Vaters Bruder; aber meinem Vater gerade
so gleich als ich dem Hercules. Binnen einem Monat!--Eh noch das
Salz ihrer heuchelnden Thranen ihre rothen Augen zu juken aufgehort,
verheyrathet!--So eilfertig, und in ein blutschanderisches Bette!--
Nein, es ist nichts Gutes, und kan zu nichts Gutem ausschlagen.
Aber--o brich du, mein Herz, denn meine Zunge mus ich schweigen
heissen.
Vierte Scene.
(Horatio, Bernardo und Marcellus treten auf.)
Horatio.
Heil, Gnadigster Prinz!
Hamlet.
Ich erfreue mich, euch wohl zu sehen--Ihr seyd Horatio, oder ich
vergesse mich selbst.
Horatio.
Ich bin Horatio, Gnadiger Herr, und euer demuthiger Diener auf ewig.
Hamlet.
Sir, mein guter Freund; das soll kunftig das Verhaltnis unter uns
seyn. Und was fuhrt euch von Wittenberg hieher, Horatio?--Ist das
nicht Marcellus? --
Marcellus.
Ja, Gnadigster Herr.
Hamlet.
Ich bin erfreut euch zu sehen; guten Morgen, Sir
(zu Bernardo)
--Aber, im Ernste, Horatio, was bringt euch von Wittenberg hieher?
Horatio.
Ein Anstos von Landstreicherey, mein Gnadigster Herr.
Hamlet.
Das mochte ich euern Feind nicht sagen horen, auch sollt ihr meinen
Ohren die Gewalt nicht anthun, sie zu Zeugen einer solchen Aussage
gegen euch selbst zu machen. Ich weis, ihr seyd kein Mussigganger.
Was ist euer Geschafte in Elsinoor? Wir mussen euch trinken
lehren, eh ihr wieder abreiset.
Horatio.
Gnadigster Herr, ich kam, euers Vaters Leichenbegangnis zu sehen.
Hamlet.
Ich bitte dich, spotte meiner nicht, Schul-Camerade: ich denke, du
kamst vielmehr auf meiner Mutter Hochzeit.
Horatio.
Die Wahrheit zu sagen, Gnadigster Herr, sie folgte schnell hinter
drein.
Hamlet.
Das war aus lauter Hauslichkeit, mein guter Horatio--Um die Braten,
die von dem Leichenmahl ubrig geblieben, bey der Hochzeit kalt
auftragen zu konnen--O Horatio, lieber wollt' ich meinen argsten
Feind im Himmel gesehen, als diesen Tag erlebt haben--Mein Vater--
mich daucht, ich sehe meinen Vater--
Horatio (lebhaft.)
Wo, Gnadiger Herr?
Hamlet.
In den Augen meines Gemuths, Horatio.
Horatio.
Ich sah ihn einmal; er war ein stattlicher Furst.
Hamlet.
Sag', er war ein Mann, in allen Betrachtungen ein Mann, so hast du
alles gesagt; seines gleichen werd' ich niemal sehen.
Horatio.
Gnadigster Herr, ich denke ich sah ihn verwichne Nacht.
Hamlet.
Du sahest ihn? Wen?
Horatio.
Den Konig, euern Vater.
Hamlet.
Den Konig, meinen Vater?
Horatio.
Massiget eure Verwunderung nur so lange, und leihet mir ein
aufmerksames Ohr, bis ich, auf das Zeugnis dieser wakern Manner
hier, euch das Wunder erzahlt haben werde.
Hamlet.
Um des Himmels willen, las mich's horen.
Horatio.
Zwo Nachte auf einander haben diese beyden Officiers, Marcellus und
Bernardo, auf der Wache, in der todten Stille der Mitternacht,
diesen Zufall gehabt: Eine Gestalt, die euerm Vater glich, vom Kopf
zu Fus, Stuk vor Stuk bewaffnet, erscheint vor ihnen, und geht mit
feyerlichem Gang, langsam und majestatisch bey ihnen vorbey;
dreymal gieng er vor ihren von Furcht starrenden Augen, mit seinem
langen Stok in der Hand, hin und her; indes das sie, von Schreken
beynahe in Gallerte aufgelost, ganz unbeweglich stuhnden, und den
Muth nicht hatten ihn anzureden. Sie entdekten mir diesen Zufall
in Geheim, und bewogen mich dadurch in vergangner Nacht mit ihnen
auf die Wache zu ziehen; und hier sah ich um die nemliche Zeit,
diese nemliche Erscheinung, von Wort zu Wort, wie sie mir selbige
beschrieben hatten. Ich erkannte euern Vater: Diese Hande sind
einander nicht ahnlicher.
Hamlet.
Und wo geschahe das?
Horatio.
Gnadiger Herr, auf der Terrasse, wo wir die Wache hatten.
Hamlet.
Habt ihr es nicht angeredet?
Horatio.
Ich that es, Gnadiger Herr, aber es gab mir keine Antwort; nur ein
einziges mal kam mir's vor, es hebe den Kopf auf, und mache eine
Bewegung als ob es reden wolle: Aber in dem nemlichen Augenblik
krahte der Hahn, und da zittert' es plozlich weg, und verschwand
aus unserm Gesicht.
Hamlet.
Das ist was sehr Wunderbares!
Horatio.
So wahr ich lebe, Gnadiger Herr, so ist es; und wir hielten es fur
unsre Schuldigkeit, euch Nachricht davon zu geben.
Hamlet.
In der That, ihr Herren, ich mus es bekennen, ich bin unruhig
hieruber.
(Zu Marcellus und Bernardo.)
Habt ihr die Wache diese Nacht?
Beyde.
Ja, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Es war bewaffnet, sagt ihr?
Beyde.
Bewaffnet, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Von Fus zu Kopf?
Beyde.
Ja, Gnadiger Herr.
Hamlet.
So konntet ihr ja sein Gesicht nicht sehen?
Horatio.
O ja, Gnadiger Herr; er trug sein Visier aufgezogen.
Hamlet.
Sagt mir, sah er ungehalten aus?
Horatio.
Seine Gebehrdung schien mehr Traurigkeit als Zorn auszudruken.
Hamlet.
Bleich oder roth?
Horatio.
Sehr bleich.
Hamlet.
Und sah er euch ins Gesicht?
Horatio.
Sehr starr.
Hamlet.
Ich wollte, das ich dabey gewesen ware.
Horatio.
Es wurde euch in kein geringes Schreken gesezt haben.
Hamlet.
Sehr vermuthlich; blieb es lange?
Horatio.
So lange man brauchte, um mit massiger Geschwindigkeit Hundert zu
zahlen.
Beyde.
Langer, Langer.
Horatio.
Als ich es sah, nicht.
Hamlet.
War sein Bart grau? Nein--
Horatio.
Das war er, so wie ich ihn in seinem Leben gesehen habe, silbergrau.
Hamlet.
Ich will mit euch auf die Wache, diese Nacht; vielleicht geht es
wieder.
Horatio.
Ich bin euch gut dafur, das wird es.
Hamlet.
Wenn es meines ehrwurdigen Vaters Gestalt annimmt, so will ich mit
ihm reden, wenn gleich die Holle selbst ihren Schlund aufreissen
und mich schweigen heissen wurde. Ich bitte euch, wofern ihr diese
Erscheinung bisher geheim gehalten habet, so last es immer ein
Geheimnis unter uns bleiben; es mag heute Nacht begegnen was da
will, beobachtet es, aber schweigt. Ich will erkenntlich fur eure
Freundschaft seyn: Nun, gehabt euch wol. Zwischen eilf und zwolf
Uhr, auf der Terrasse, will ich euch besuchen.
Alle.
Eure demuthige Knechte, Gnadiger Herr--
(Sie gehen ab.)
Hamlet.
Meine Freunde, wie ich der eurige: Lebet wohl.
(Allein.)
Meines Vaters Geist in Waffen! Es ist nicht alles wie es seyn
soll! Ich besorge irgend eine verdekte Ubelthat: Wenn nur die
Nacht schon da ware! Bis dahin, size still, meine Seele:
Schandliche Thaten mussen ans Licht kommen, und wenn der ganze
Erdboden uber sie hergewalzt ware.
Funfte Scene.
(Verwandelt sich in ein Zimmer in Polonius Hause.)
(Laertes und Ophelia treten auf.)
Laertes.
Mein Gerathe ist eingepakt, lebet wohl Schwester, und wenn die
Winde meiner Reise gunstig sind, so verschlaft mein Andenken nicht,
sondern last mich Nachrichten von euch haben.
Ophelia.
Wie konnt ihr daran zweifeln?
Laertes.
Was den Hamlet und die Tandeley seiner Liebe betrift, haltet sie
fur einen fluchtigen Geschmak, und ein Spiel des jugendlichen
Blutes; ein Veilchen in den ersten Fruhlings-Tagen der Natur,
fruhzeitig aber nicht dauerhaft; angenehm, aber hinfallig; ein
lieblicher Geruch fur eine Minute; nicht mehr--
Ophelia.
Nicht mehr als das?
Laertes.
Glaubt mir, nicht mehr, liebe Schwester. Wir nehmen in unsrer
Jugend nicht nur an Grosse und Starke zu; die Seele wachst mit, und
ihre innerliche Verrichtungen und Pflichten dehnen sich mit ihrem
Tempel aus. Vielleicht liebt er euch izt aufrichtig, mit der
reinen Zuneigung eines noch unverdorbnen Herzens: Aber ihr must
bedenken, das, sobald er seine Grosse in Erwagung ziehen wird,
seine Neigung nicht mehr in seiner Gewalt ist: Denn er selbst hangt
von seiner Geburt ab; er darf nicht fur sich selbst wahlen, wie
gemeine Leute: Die Sicherheit und das Wohl des Staats hangt an
seiner Wahl, und daher mus sich seine Wahl nach der Stimme und den
Wunschen des Korpers, wovon er das Haupt ist, bestimmen. Wenn er
also sagt, er liebe euch, so kommt es eurer Klugheit zu, ihm in so
weit zu glauben, als er nach seiner Geburt und kunftigen Wurde,
seinen Worten Kraft geben kan; und das ist nicht mehr, als wozu er
die Einwilligung des Konigs erhalten kan. Uberleget also wol, was
fur einen grossen Verlust eure Ehre leiden kan, wenn ihr seinem
lokenden Gesang ein zu leichtglaubiges Ohr verleihet; entweder ihr
verliehrt euer Herz, oder sein Ungestum, den zulezt nichts mehr
zurukhalten wird, sieget gar uber eure Keuschheit. Furchtet es,
Ophelia, furchtet es, meine theure Schwester; steuret einer noch
unschuldigen Neigung, die so gefahrlich ist, und uberlast euch
nicht dem Strom schmeichelnder Wunsche. Das gefalligste Madchen
ist verschwenderisch genug, wenn sie ihre keusche Schonheit dem
Mond entschleyert: Die Tugend selbst ist vor den Bissen der
Verlaumdung nicht sicher; nur allzu oft frist ein verborgner Wurm
die Kinder des Fruhlings, bevor ihre Knospen sich entwikelt haben;
und mengender Meel-Thau ist nie mehr zu besorgen als im Thauvollen
Morgen der Jugend. Seyd also vorsichtig; hier giebt Furcht die
beste Sicherheit; die Jugend hat einen Feind in sich selbst, wenn
sie auch keinen von aussen hat.
Ophelia.
Ich werde diese guten Erinnerungen zu immer wachsamen Hutern meines
Herzens machen. Aber, mein lieber Bruder, macht es ja nicht, wie
manche ungeheiligte Seelen-Hirten, die euch den engen und
dornichten Pfad zum Himmel weisen, indessen das sie selbst, ihrer
eignen Lehren uneingedenk, in ruchloser Freyheit auf dem breiten
Fruhlings-Wege der Uppigkeit dahertraben.
Laertes.
O, davor seyd unbekummert.
Sechste Scene.
(Polonius zu den Vorigen.)
Laertes.
Ich halte mich zulang auf--Aber hier kommt mein Vater: Desto besser;
ich werde seinen Abschieds-Segen gedoppelt erhalten.
Polonius.
Du bist noch hier, Laertes! Zu Schiffe, zu Schiffe, mein Sohn; der
Wind schwellt eure Segel schon, und man wartet auf euch. Hier,
empfange meinen Segen,
(Er legt seine Hand auf Laertes Haupt)
und diese wenigen Lebens-Regeln, womit ich ihn begleite, schreib
in dein Gedachtnis ein. Gieb deinen Gedanken keine Zunge, und wenn
du je von unregelmassigen uberrascht wirst, so hute dich wenigstens,
sie zu Handlungen zu machen: Sey gegen jedermann leutselig, ohne
dich mit jemand gemein zu machen: Hast du bewahrte Freunde gefunden,
so hefte sie unzertrennlich an deine Seele; aber gieb deine
Freundschaft nicht jeder neuausgebruteten, unbefiederten
Bekanntschaft preis. Hute dich vor den Gelegenheiten zu Handeln;
bist du aber einmal darinn, so fuhre dich so auf, das dein Gegner
nicht hoffen konne, dich ungestraft zu beleidigen. Leih' dein Ohr
einem jeden, aber wenigen deinen Mund; nimm jedermanns Tadel an,
aber dein Urtheil halte zuruk. Kleide dich so kostbar als es dein
Beutel bezahlen kan, aber nicht phantastisch; reich, nicht
comodiantisch: Denn der Anzug verrath oft den Mann, und in
Frankreich pflegen Leute von Stand und Ansehen sich gleich dadurch
anzukundigen, das sie sich mit Geschmak und Anstand kleiden. Sey
weder ein Leiher noch ein Borger; denn durch Leihen richtet man oft
sich selbst und seinen Freund zu Grunde; und borgen untergrabt das
Fundament einer guten Haushaltung. Vor allem, sey redlich gegen
dich selbst, denn daraus folget so nothwendig als das Licht dem
Tage, das du es auch gegen jedermann seyn wirst. Lebe wohl, mein
Sohn; mein Segen befruchte diese Erinnerungen in deinem Gemuthe!
Laertes.
Ich beurlaube mich demuthigst von euch, Gnadiger Herr Vater.
Polonius.
Du hast hohe Zeit; geh, deine Bediente warten--
Laertes.
Lebet wohl, Ophelia, und erinnert euch dessen was ich gesagt habe.
Ophelia.
Es ist in mein Gedachtnis verschlossen, und ihr sollt den Schlussel
dazu mit euch nehmen.
Laertes.
Lebet wohl.
(Er geht ab.)
Polonius.
Was sagte er denn zu euch, Ophelia?
Ophelia.
Mit Eu. Gnaden Erlaubnis, etwas, das den Prinzen Hamlet angieng.
Polonius.
Wahrhaftig, ein guter Gedanke! Ich habe mir sagen lassen, das er
euch seit einiger Zeit ziemlich oft allein gesprochen habe, und das
ihr ihm einen sehr freyen Zutritt verstattet, und geneigtes Gehor
gegeben habt. Wenn es so ist, (wie es mir dann von sichrer Hand
zukommt) so mus ich euch sagen, das ihr euch selbst nicht so gut
versteht, als es meiner Tochter und eurer Ehre geziemt. Was ist
denn zwischen euch? Sagt mir die reine Wahrheit.
Ophelia.
Gnadiger Herr Vater, er hat mir zeither verschiedene Erklarungen
von seiner Zuneigung gemacht.
Polonius.
Von seiner Zuneigung? He! Ihr sprecht wie ein junges Ding, das
noch keine Erfahrung von dergleichen gefahrlichen Dingen hat.
Glaubt ihr denn seine Erklarungen, wie ihr es nennt?
Ophelia.
Ich weis nicht was ich denken soll, Herr Vater.
Polonius.
Potz hundert! Das will ich dich lehren; denk du seyst ein
Kindskopf, das du seine Erklarungen fur baar Geld genommen hast, da
sie doch falsche Munze sind. Du must bessere Sorge zu dir selbst
haben, oder ich werde wenig Freude an dir erleben--
Ophelia.
Gnadiger Herr Vater, er bezeugt zwar eine heftige Liebe zu mir,
aber in Ehren--
Polonius.
Ja, in Thorheit solltest du sagen; geh, geh--
Ophelia.
Und hat seine Worte durch die feyrlichsten und heiligsten Schwure
bekraftiget.
Polonius.
Ja, Schlingen, um Schnepfen zu fangen. Ich weis wie
verschwendrisch das Herz in Schwure aussprudelt, wenn das Blut in
Flammen ist. Mein gutes Kind, du must diese Aufwallungen nicht fur
wahres Feuer halten; sie sind wie das Wetterleuchten an einem
kuhlen Sommer-Abend, sie leuchten ohne Hize, und verloschen so
schnell als sie auffahren. Von dieser Stunde an seyd etwas
sparsamer mit dem Zutritt zu eurer Person; sezt eure Conversationen
auf einen hohern Preis als einen Befehl, das man euch sprechen
wolle. Was den Prinzen Hamlet betrift, so glaubt so viel von ihm,
das er jung ist; und das er sich mehr Freyheit herausnehmen darf,
als der Wolstand euch zulast. Mit einem Wort, Ophelia, trauet
seinen Schwuren nicht; desto weniger, je feyrlicher sie sind; sie
hullen sich, gleich den Gelubden, die oft dem Himmel dargebracht
werden, in Religion ein, um desto sichrer zu betrugen. Einmal fur
allemal: Ich mochte nicht gern, deutlich zu reden, das du nur einen
einzigen deiner Augenblike in den Verdacht seztest, als wistest du
ihn nicht besser anzuwenden, als mit dem Prinzen Hamlet Worte zu
wechseln. Merk dir das, ich sag dir's; und geh in dein Zimmer.
Ophelia.
Ich will gehorsam seyn, Gnadiger Herr Vater.
(Sie gehen ab.)
Siebende Scene.
(Verwandelt sich in die Terrasse vor dem Palast.)
(Hamlet, Horatio und Marcellus treten auf.)
Hamlet.
Die Luft schneidt entsezlich; es ist grimmig kalt.
Horatio.
Es ist eine beissende, scharfe Luft.
Hamlet.
Wie viel ist die Gloke?
Horatio.
Ich denke, es ist bald zwolfe.
Marcellus.
Nein, es hat schon geschlagen.
Horatio.
Ich horte es nicht: Es ist also nah um die Zeit, da der Geist zu
gehen pflegt.
(Man hort eine kriegrische Musik hinter der Scene.)
Was hat das zu bedeuten, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Der Konig halt Tafel, und verlangert den Schmaus, wie es scheint,
in die tiefe Nacht, und so oft er den vollen Becher mit Rhein-Wein
auf einen Zug ausleert, verkundigen Trompeten und Kessel-Pauken den
Sieg, den Seine Majestat davon getragen hat.
Horatio.
Ist das so der Gebrauch?
Hamlet.
Ja, zum Henker, das ist es; aber nach meiner Meynung, ob ich gleich
ein Dahne und zu diesem Gebrauch gebohren bin, ein Gebrauch der mit
grosrer Ehre gebrochen als gehalten wird. Diese taumelnden Trink-
Gelage machen uns in Osten und Westen verachtlich, und werden uns
von den ubrigen Volkern als ein National-Laster vorgeworffen: Sie
nennen uns Sauffer, und sezen schweinische Beyworter dazu, die uns
wenig Ehre machen; und in der That, der Ruf worinn wir deswegen
stehen, nimmt unsern Thaten, so gros und ruhmlich sie sonst sind,
ihren schonsten Glanz. In diesem Stuke geht es oft ganzen Volkern
wie einzelnen Leuten, welche um irgend eines Natur-Fehlers willen,
als etwann wegen der angebohrnen Obermacht eines gewissen
Temperaments (woran sie doch keine Schuld haben, da sich niemand
seine ursprungliche Anlage selber auswahlen kan,) welches sie
manchmal durch den Zaun der Vernunft durchbrechen macht; oder wegen
irgend einer angewohnten Manier, einer Grimasse oder so etwas,
welches mit dem eingefuhrten Wohlstand einen allzugrossen Absaz
macht--ich sage, das solche Leute um eines einzigen solchen Fehlers
willen, es mag nun seyn, das die Natur oder ein Zufall Schuld daran
habe, sich's gefallen lassen mussen, ihre guten Eigenschaften, so
gros und zahlreich sie immer seyn mogen, in dem Urtheil der Welt
abgewurdiget zu sehen. (Der Geist tritt auf.)
Horatio.
Hier, Gnadiger Herr; seht, es kommt.
Hamlet.
Ihr Engel und himmlischen Machte alle, schuzet uns! Du magst nun
ein guter Geist oder ein verdammter Kobolt seyn, du magst
himmlische Lufte oder hollische Dampfe mit dir bringen, und in
wohlthatiger oder schadlicher Absicht gekommen seyn; die Gestalt
die du angenommen hast, ist so ehrwurdig, das ich mit dir reden
will. Ich will dich Hamlet, ich will dich meinen Konig, meinen
Vater nennen: O, antworte mir; las mich nicht in einer Unwissenheit,
die mir das Leben kosten wurde: Sage, warum haben deine
geheiligten Gebeine ihr Behaltnis durchbrochen? Warum hat das Grab,
worein wir dich zu deiner Ruhe bringen sahen, seinen schweren
marmornen Rachen aufgethan, um dich wieder auszuwerfen? Was mag
das bedeuten, das du, ein todter Leichnam, in vollstandiger Rustung
den Mondschein wieder besuchst, um die Nacht mit Schreknissen zu
erfullen, und unser Wesen auf eine so entsezliche Art mit Gedanken
zu erschuttern, die uber die Schranken unsrer Natur gehen.
(Der Geist winkt dem Hamlet.)
Horatio.
Es winkt euch, mit ihm zu gehen, als ob es euch etwas allein zu
sagen habe.
Marcellus.
Seht, wie freundlich es euch an einen entferntern Ort winkt: Aber
geht ja nicht mit ihm.
Horatio (Den Hamlet zurukhaltend.)
Nein, um alles in der Welt nicht.
Hamlet.
Weil es nicht reden will, so will ich ihm folgen.
Horatio.
Das thut nicht, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Und warum nicht? Wofur sollt' ich mir furchten? Mein Leben ist
mir um eine Stek-Nadel feil, und was kan es meiner Seele thun, die
ein unsterbliches Wesen ist wie es selbst?--Es winkt mir wieder weg--
ich will ihm folgen--
Horatio.
Und wie dann, Gnadiger Herr, wenn es euch an die Spize des Felsens
fuhrte, der sich dort uber die See hinaus bukt, und dann eine noch
furchterlichere Gestalt annahme, welche euern Verstand verwirren
und in sinnloser Betaubung euch in die Tiefe hinunter sturzen
konnte? Denket an dis! Der Ort allein, ohne das noch andere
Ursachen dazu kommen durfen, konnte einem, der so viele Faden tief
in die See hinab schaute, und sie von unten herauf so graslich
heulen horte, einen Anstos von Schwindel geben.
Hamlet.
Es winkt mir noch immer: Geh nur voran, ich will dir folgen.
Marcellus.
Wir lassen euch nicht gehen, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Zuruk mit euern Handen!
Marcellus.
Last euch rathen, ihr sollt nicht gehen.
Hamlet.
Mein Verhangnis ruft; seine Stimme macht jede kleine Ader in diesem
Korper so stark, als den Nerven des Nemeischen Lowens: Er ruft mir
noch immer: Last eure Hande von mir ab, ihr Herren--
(Er reist sich von ihnen los.)
Beym Himmel, ich will ein Gespenst aus dem machen, der mich halten
will--Weg, sag ich--Geht--Ich will mit dir gehen--
(Hamlet und der Geist gehen ab.)
Horatio.
Seine Einbildung ist so erhizt, das er nicht weis was er thut.
Marcellus.
Wir wollen ihm folgen; bey einer solchen Gelegenheit war' es wider
unsre Pflicht, gehorsam zu seyn.
Horatio.
Das wollen wir--Was wird noch endlich daraus werden?
Marcellus.
Es mus ein verborgnes Ubel im Staat von Dannemark liegen.
Horatio.
Der Himmel wird alles leiten.
Marcellus.
Fort, wir wollen ihm nachgehen.
(Sie gehen ab.)
Achte Scene.
(Verwandelt sich in einen entferntern Theil der Terrasse.)
(Der Geist und Hamlet treten wieder auf.)
Hamlet.
Wohin willt du mich fuhren? Rede; ich gehe nicht weiter.
Geist.
Hore mich an.
Hamlet.
Das will ich.
Geist.
Die Stunde rukt nah herbey, da ich in peinigende Schwefel-Flammen
zurukkehren mus.
Hamlet.
Du daurst mich, armer Geist!
Geist.
Bedaure mich nicht, sondern hore aufmerksam an, was ich dir
entdeken werde.
Hamlet.
Rede, ich bin schuldig, zu horen--
Geist.
Und zu rachen, was du horen wirst.
Hamlet.
Was?
Geist.
Ich bin der Geist deines Vaters, verurtheilt eine bestimmte Zeit
bey Nacht herum zu irren, und den Tag uber eng eingeschlossen in
Flammen zu schmachten, bis die Sunden meines irdischen Lebens
durchs Feuer ausgebrannt und weggefeget sind. Ware mirs nicht
verboten, die Geheimnisse meines Gefangnisses zu entdeken, ich
konnte eine Erzahlung machen, wovon das leichteste Wort deine Seele
zermalmen, dein Blut erstarren, deine zwey Augen, wie Sterne, aus
ihren Kreisen taumeln, deine krause dichtgedrangte Loken trennen,
und jedes einzelne Haar wie die Stacheln des ergrimmten Igels
emporstehen machen wurde: Aber diese Scenen der Ewigkeit sind nicht
fur Ohren von Fleisch und Blut--Horch, horch, o horch auf! Wenn du
jemals Liebe zu deinem Vater getragen hast--
Hamlet.
O Himmel!
Geist.
So rache seine schandliche, hochst unnaturliche Ermordung.
Hamlet.
Ermordung?
Geist.
Jeder Mord ist hochst schandlich; aber dieser ist mehr als
schandlich, unnaturlich, und unglaublich.
Hamlet.
Eile, mir den Thater zu nennen, damit ich schneller als die Flugel
der Betrachtung oder die Gedanken der Liebe, zu meiner Rache fliege.
Geist.
So bist du, wie ich dich haben will; auch mustest du gefuhlloser
seyn, als das fette Unkraut, das seine Wurzeln ungestort an Lethe's
Werft verbreitet, wenn du nicht in diese Bewegung kamest. Nun,
Hamlet, hore. Es ist vorgegeben worden, eine Schlange habe mich
gestochen, da ich in meinem Garten geschlaffen hatte. Mit dieser
erdichteten Ursach meines Todes ist ganz Dannemark hintergangen
worden: Aber wisse, edelmuthiger Jungling, die Schlange, die deinen
Vater zu tode stach, tragt izt seine Krone.
Hamlet.
O, meine weissagende Seele! Mein Oheim?
Geist.
Ja, dieser ehrlose blutschandrische Unmensch verfuhrte durch die
Zauberey seines Wizes, und durch verrathrische Geschenke (o!
verflucht sey der Wiz und die Geschenke, welche die Macht haben, so
zu verfuhren,) das Herz meiner so tugendhaft scheinenden Konigin.
O Hamlet, was fur ein Abfall war das! Von mir, dessen Liebe, in
unbeflekter Wurde Hand in Hand mit dem Ehe-Gelubde gieng, so ich
ihr gethan hatte--zu einem Elenden abzufallen, dessen naturliche
Gaben gegen die meinigen nicht einmal in Vergleichung kamen!
Allein, so wie die Tugend sich niemals verfuhren lassen wird, wenn
das Laster gleich in himmlischer Gestalt kame, sie zu versuchen; so
wurde die Unzucht, und wenn sie an einen stralenden Engel
angeschlossen ware, sich nicht enthalten konnen, selbst in einem
himmlischen Bette ihre heishungrige Lust an Luder-Fleisch zu bussen.
Doch sachte! Mich daucht, ich wittre die Morgen-Luft--Ich mus
kurz seyn. Ich lag, wie es nachmittags immer meine Gewohnheit war,
unter einer Sommer-Laube in meinem Garten, und schlief unbesorgt,
als dein Oheim sich ingeheim mit einer Phiole voll Gift
herbeyschlich, welches eine so gewaltsame Wirkung thut, das es
schnell wie Queksilber alle Adern durchdringt, und das sonst
flussige und gesunde Blut gerinnen macht, wie Milch wenn etwas
Saures darein gegossen wird; dieses Gift schuttete er mir in die
Ohren, und es wirkte so gut, das es mir eine plozliche
Schwindeflechte verursachte, die meinen ganzen Leib mit einem
ekelhaften Aussaz uberzog, und in einem Augenblik in ein grasliches
Scheusal verwandelte. Solchergestalt wurde ich dann schlafend,
durch die Hand eines Bruders, auf einmal des Lebens, der Krone und
meiner Konigin beraubt; mitten in meinen Sunden weggerissen, ohne
Vorbereitung, ohne Sacrament, ohne Furbitte; eh ich meine Rechnung
gemacht, mit allen meinen Vergehungen beladen, zur Rechenschaft
fortgeschikt. O, es ist entsezlich, entsezlich, hochst entsezlich!
Wenn du einen Bluts-Tropfen von mir in deinen Adern hast, so duld'
es nicht; las das Konigliche Bette von Dannemark nicht zu einem
Tummel-Plaz der Uppigkeit und blutschandrischer Unzucht gemacht
werden. Doch, so strenge du auch immer diese Greuel-That rachen
magst, so befleke deine Seele nicht mit einem blutigen Gedanken
gegen deine Mutter; uberlas sie dem Himmel und dem nagenden Wurm,
der in ihrem Busen wuhlet. Lebe wohl! Der Feuer-Wurm kundigt den
herannahenden Morgen an, und beginnt sein unwesentliches Feuer
auszustralen. Adieu, adieu, adieu--Gedenke meiner, Sohn!
(Er verschwindet.)
Hamlet.
O du ganzes Heer des Himmels! O Erde! Und was noch mehr?--Soll
ich auch noch die Holle aufruffen?--O Fy, halte dich, mein Herz!
Und ihr, meine Nerven, werdet nicht plozlich alt, sondern traget
mich aufrecht--Deiner gedenken? Ja, du armer ungluklicher Geist,
so lange das Gedachtnis in diesem betaubten Rund
(er schlagt an seinen Kopf)
seinen Siz behalten wird!--Deiner gedenken? Ja, ja, ich will sie
alle von der Tafel meines Gedachtnisses wegwischen, alle diese
alltagliche lappische Erinnerungen, alles was ich in Buchern
gelesen habe, alle andern Ideen und Eindruke, welche Jugend und
Beobachtung darinn eingezeichnet haben; ich will sie ausloschen,
und dein Befehl allein, unvermischt mit geringerer Materie, soll
den ganzen Raum meines Gehirns ausfullen. Ja, beym Himmel!--O!
abscheuliches Weib! O Bosewicht, Bosewicht, lachelnder verdammter
Bosewicht!--Meine Schreib-Tafel--ich will es niederschreiben--das
einer lacheln und immer lacheln, und doch ein Bosewicht seyn kan--
wenigstens weis ich nun, das es in Dannemark so seyn kan--
(Er schreibt.)
So, Oheim, da steht ihr; izt zu meinem Wortzeichen; es ist: Adieu,
adieu, gedenke meiner: Ich hab' es beschworen--
Neunte Scene.
(Horatio und Marcellus treten auf.)
Horatio.
Gnadiger Herr, Gnadiger Herr--
Marcellus.
Prinz Hamlet--
Horatio.
Der Himmel schuze ihn!
Marcellus.
Amen!
Horatio.
Holla, ho! ho! Gnadiger Herr--
Hamlet.
Hillo, ho, ho; Junge; komm, Vogel, komm--
Marcellus. Horatio.
Wie geht es, Gnadiger Herr? Was habt ihr Neues gehort?
Hamlet.
O, Wunderdinge!
Horatio.
Entdekt sie uns, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Nein, ihr wurdet es ausbringen.
Horatio.
Ich nicht, Gnadiger Herr, beym Himmel!
Marcellus.
Ich auch nicht, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Nun, sagt mir denn einmal, konnte sich ein Mensch zu Sinne kommen
lassen--Aber wollt ihr schweigen?
Beyde.
Ja, beym Himmel, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Es wohnt nirgends im ganzen Dannemark kein Bosewicht, der nicht ein
ausgemachter Schurke ist.
Horatio.
Es braucht keinen Geist, Gnadiger Herr, der aus seinem Grabe
aufstehe, uns das zu sagen.
Hamlet.
Richtig, so ist's; ihr habt recht; und also ohne weitere Umstande,
hielt ich fur rathsam, das wir einander die Hande geben und
scheiden; ihr, wohin euch eure Geschafte und Absichten weisen,
(denn jedermann hat seine Geschafte und Absichten, wie es geht) und
was mich selbst betrift, ich will beten gehen.
Horatio.
Gnadiger Herr, das sind nichts als wunderliche und schnurrende
Reden.
Hamlet.
Es ist mir leid, das sie euch beleidigen, herzlich leid; in der
That, herzlich.
Horatio.
Die Rede ist von keiner Beleidigung, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Ja, bey Sanct Patriz! Die Rede ist hier von einer Beleidigung,
Gnadiger Herr, und von einer schweren, das glaubt mir. Was diese
Erscheinung hier betrift--Es ist ein ehrlicher Geist, das kan ich
euch sagen: Aber euer Verlangen zu wissen was zwischen uns
vorgegangen ist, das ubermeistert so gut ihr konnet. Und nun,
meine guten Freunde, wenn wir Freunde, Schul- und Spies-Gesellen
sind, so gewahrt mir eine einzige arme Bitte.
Horatio.
Was ist es, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Saget niemanden nichts von dem, was ihr heute Nacht gesehen habt.
Beyde.
Wir versprechen es Euer Gnaden.
Hamlet.
Das ist nicht genug, ihr must mir's zuschworen.
Horatio.
Auf meine Treu, Gnadiger Herr, ich will nichts sagen.
Marcellus.
Ich auch nicht, Gnadiger Herr, bey meiner Treue.
Hamlet.
Schwort auf mein Schwerdt.
Marcellus.
Wir haben ja schon geschworen, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Auf mein Schwerdt sollt ihr schworen, in der That.
Der Geist (ruft hinter der Buhne:)
Schwort.
Hamlet.
Ha, ha, Junge, sagst du das? Bist du noch da?--Kommt, kommt, ihr
hort ja was der Bursche dahinten sagt--Schwort!
Horatio.
Was sollen wir dann beschworen, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Das ihr niemals von dem was ihr gesehen habet, reden wollt.
Schwort bey meinem Schwerdt.*
{ed.-* Eine Anspielung auf die Gewohnheit der alten Dahnen, auf ihr
Schwerdt zu schworen, wenn sie den feyrlichsten Eid thun wollten.
Sehet den Bartholinus, (de Causis contemp. mort. apud Dan.)
Warburton.}
Geist
Schwort!
Hamlet.
Hier und uberall? So wollen wir uns einen andern Plaz suchen.
Kommt hieher, ihr Herren, leget eure Hande nochmals auf mein
Schwerdt, und schwort, das ihr gegen niemand sagen wollt, was ihr
gehort habt. Schwort bey meinem Schwerdt.
Geist.
Schwort bey seinem Schwerdt.
Hamlet.
Wolgesprochen, alter Maulwurf, kanst du so schnell in den Boden
arbeiten? Das heis' ich einen geschikten Schanz-Graber!--Noch ein
wenig weiter weg, gute Freunde.
Horatio.
O Tag und Nacht, aber das ist ausserordentlich seltsam.
Hamlet.
Eben darum, weil es euch so fremd vorkommt, so heist es als einen
Fremdling willkommen. Mein guter Horatio, es giebt Sachen im
Himmel und auf Erden, wovon sich unsre Philosophie nichts traumen
last. Aber kommt; schwort mir, wie zuvor, das ihr niemals (so wahr
euch Gott gnadig sey!) So seltsam und widersinnisch ich mich auch
immer anstellen und betragen mag (wie ich, vielleicht, kunftig vor
gut befinden konnte, zu thun) das ihr, wenn ihr mich alsdann sehen
werdet, niemals durch eine solche Stellung der Arme, oder ein
solches Kopfschutteln, oder durch irgend eine geheimnisvolle
abgebrochne Redensart, als gut--wir wissen was wir wissen--oder,
wir konnten, wenn wir wollten--oder, wenn wir reden mochten--oder,
es konnte wol vielleicht--oder andere solche zweideutige
Andeutungen zu erkennen geben wollet, das ihr mehr von mir wisset
als andre; das schwort mir, als euch der Himmel in eurer hochsten
Noth helfen wolle! Schwort!
Geist.
Schwort!
(Sie schworen.)
Hamlet.
Gieb dich zur Ruh, gieb dich zur Ruh, ungluklicher Geist. So, ihr
Herren; ich empfehle und uberlasse mich euch wie ein Freund seinen
Freunden, und was ein so armer Mann als Hamlet ist, thun kan, euch
seine Liebe und Freundschaft auszudruken, das soll, ob Gott will,
nicht fehlen. Wir wollen gehen, aber immer eure Finger auf dem
Mund, ich bitte euch: Die Zeit ist aus ihren Fugen gekommen; o!
unseliger Zufall! das ich gebohren werden muste, sie wieder
zurecht zu sezen! Nun, kommt, wir wollen mit einander gehen.
(Sie gehen ab.)
Zweyter Aufzug.
Erste Scene.
(Ein Zimmer in Polonius Hause.)
(Polonius und Reinoldo treten auf.)
Polonius.
Ubergieb ihm dieses Geld und diese Papiere.
Reinoldo.
Ich werde nicht ermangeln, Gnadiger Herr.
Polonius.
Es wurde uberaus klug von euch gehandelt seyn, ehrlicher Reinold,
wenn ihr euch vorher, eh ihr zu ihm geht, nach seiner Auffuhrung
erkundigen wurdet.
Reinoldo.
Das war auch mein Vorsaz, Gnadiger Herr.
Polonius.
Meiner Treu, das war ein guter Gedanke; ein sehr guter Gedanke.
Seht ihr, Herr, zuerst erkundiget euch, was fur Dahnen in Paris
seyen, und wie, und wer, und wie bemittelt, und wo sie sich
aufhalten, und was sie fur Gesellschaft sehen, und was sie fur
einen Aufwand machen; und findet ihr aus ihren Antworten auf diese
Praliminar-Fragen, das sie meinen Sohn kennen, so kommt ein wenig
naher; stellt euch, als ob ihr ihn so von weitem her kenntet--zum
Exempel, so--Ich kenne seinen Vater und seine Freunde, und zum
Theil, ihn selbst--Merkt ihr was ich damit will, Reinoldo?
Reinoldo.
Ja, sehr wohl, Gnadiger Herr.
Polonius.
Und zum Theil ihn selbst--Doch konnt ihr hinzu sezen--nicht sehr
genau; aber wenn es der ist, den ich meyne, so ist er ein ziemlich
wilder junger Mensch--Solchen und solchen Ausschweiffungen ergeben--
Und da konnt ihr uber ihn sagen, was ihr wollt; doch nichts was
seiner Ehre nachtheilig seyn konnte; auf das must ihr wol Acht
geben; aber wol solche gewohnliche Excesse von Muthwillen und
Wildheit, welche gemeiniglich Gefahrten der Jugend und Freyheit zu
seyn pflegen--
Reinoldo.
Als wie Spielen, Gnadiger Herr--
Polonius.
Ja, oder trinken, fluchen, Handel machen, den Weibsbildern
nachlaufen--So weit durft ihr schon gehen.
Reinoldo.
Aber das wurde ja seiner Ehre nachtheilig seyn.
Polonius.
Das nicht, wenn ihr euch in den Ausdruken ein wenig vorsehet: Ihr
must eben nicht so weit gehen, und ihn beschuldigen, das er ein
offentlicher Huren-Jager sey, das ist nicht meine Meynung; ihr must
so von seinen Fehlern reden, das sie fur Fehler der Freyheit,
Ausbruche eines feurigen Blutes, einer noch ungebandigten Jugend-
Hize, die allen jungen Leuten gemein sind, angesehen werden konnen.
Reinoldo.
Aber, warum, Gnadiger Herr--
Polonius.
Warum ihr das thun sollt?
Reinoldo.
Ja, Gnadiger Herr, das wollt' ich fragen.
Polonius.
Gut, Herr, das will ich euch sagen; es ist ein Kunstgriff, Herr,
und, beym Element, ich denke einer von den feinen. Seht ihr, wenn
ihr meinem Sohn dergleichen kleinen Fehler beyleget, das man denken
kan, es sey ein junger Bursche, der ein wenig im Machen misgerathen
sey--versteht ihr mich, so wird derjenige, mit dem ihr in
Conversation seyd, und den ihr gern ausholen mochtet, wenn er den
jungen Menschen, von dem die Rede ist, gelegenheitlich etwann einer
oder der andern von vorbesagten Ausschweiffungen sich schuldig
machen, gesehen hat, so zahlt darauf, das er sich folgender massen
gegen euch herauslassen wird: Mein werther Herr, oder Herr
schlechtweg, oder mein Freund, oder wie er dann sagen mag--
Reinoldo.
Sehr wohl, Gnadiger Herr--
Polonius.
Und dann, Herr, thut er das--thut er--was wollt ich sagen--Ich
wollte da was sagen--wo blieb ich?
Reinoldo.
Bey dem, wie er sich gegen mich herauslassen wurde--
Polonius.
Wie er sich herauslassen wurde--ja, meiner Six--er wurde sich so
herauslassen--Ich kenne den jungen Herrn, ich sah ihn gestern oder
vorgestern, oder einen andern Tag mit dem und dem; und wie ihr sagt,
da spielte er, da gerieth er in Hize, da fieng er beym Ballspiel
Handel an; oder vielleicht, ich sah ihn in dis oder jenes
verdachtige Haus gehen, Videlicet in ein Bordell, oder dergleichen--
Seht ihr nun, das auf diese Weise der Angel eurer Luge diesen
Karpen der Wahrheit fangen konnt--Das sind die Wege, wie wir andern
Gelehrten und Staatisten, durch Winden und Sondiren, (per
indirectum), hinter die wahre Beschaffenheit der Sachen zu kommen
pflegen: Ich mache euch kein Geheimnis aus dieser Frucht meiner
ehmaligen Lectur und Erfahrung, damit ihr sie nun bey meinem Sohn
applicieren konnt--Ihr habt mich doch begriffen; habt ihr nicht?
Reinoldo.
Ja wohl, Gnadiger Herr.
Polonius.
So behut euch Gott; lebt wohl.
Reinoldo.
Mein Gnadiger Herr--
Polonius.
Ihr must trachten, das ihr durch euch selbst hinter seine Neigungen
kommt.
Reinoldo.
Das will ich, Gnadiger Herr.
Polonius.
Und macht, das er seine Musik fleissig exerciert.
Reinoldo.
Wohl, Gnadiger Herr.
(Reinold geht ab.)
Zweyte Scene.
(Ophelia tritt auf.)
Polonius.
Lebt wohl--Ha, was giebts, Ophelia? Was wollt ihr?
Ophelia.
Ach, Gnadiger Herr Vater, ich bin so erschrekt worden!
Polonius.
Womit, womit, ums Himmel willen?
Ophelia.
Gnadiger Herr Vater, weil ich in meinem Zimmer sas und nahte, da
kam der Prinz Hamlet, sein Wammes von oben an bis unten ungeknopft,
keinen Hut auf dem Kopf, seine Strumpfe nicht aufgezogen, ohne
Kniebander, bis auf die Zehen herunter gerollt, so bleich wie sein
Hemde, zitternd, das seine Kniee an einander anschlugen, und mit
einem Blik von so erbarmlicher Bedeutung, als ob er aus der Holle
herausgelassen worden ware, damit er von ihren Schreknissen reden
sollte; in dieser Gestalt stellte er sich vor mich hin.
Polonius.
Er wird doch nicht aus Liebe zu dir toll worden seyn?
Ophelia.
Ich weis es nicht, Gnadiger Herr Vater, aber, auf meine Ehre, ich
besorg es.
Polonius.
Was sagte er dann?
Ophelia.
Er nahm mich bey der Hand, und hielt mich fest; hernach trat er um
die ganze Lange seines Arms zuruk, und die andre Hand hielt er so
uber seine Stirne, und dann sah er mir scharf ins Gesicht, als ob
er es abzeichnen wollte. So stuhnd er eine gute Weile; zulezt
schuttelte er mir den Arm ein wenig, wankte dreymal so mit dem Kopf
auf und nieder, und holte dann einen so tiefen und erbarmlichen
Seufzer, das ich nicht anders dachte, als er wurde den Geist
aufgeben. Drauf lies er mich gehen, drehte seinen Kopf uber die
Schulter, und schien seinen Rukweg ohne Augen zu finden; denn, er
kam ohne ihre Hulfe zur Thur hinaus, und heftete sie zulezt noch
mit einem traurigen Blik auf mich.
Polonius.
Komm mit mir, ich will den Konig aufsuchen. Das ist nichts anders,
als die Wirkung einer ubermassigen und ausser sich selbst
gebrachten Liebe; denn die Gewalt der Liebe ist so heftig, das sie
den Menschen zu so verzweifelten Handlungen treiben kan, als irgend
eine andre Leidenschaft, womit unsre Natur behaftet ist. Es ist
mir Leid dafur; habt ihr ihn etwa kurzlich hart angelassen?
Ophelia.
Nein, Gnadiger Herr Vater; alles was ich that, war blos, das ich
nach euerm Befehl keine Briefe von ihm annahm, und ihn nicht vor
mich kommen lies.
Polonius.
Und daruber ist er narrisch worden. Es ist mir leid, das ich die
Natur seiner Zuneigung zu dir nicht besser beobachtet habe. Ich
besorgte, er kurzweile nur so, und suche dich zu verfuhren; aber
der Henker hole meine voreilige Besorgnis; es scheint es sey eine
Eigenschaft des Alters, die Vorsichtigkeit zu weit zu treiben, so
wie bey jungen Leuten nichts gemeiners ist als gar keine zu haben.
Kommt, wir wollen zum Konige gehen. Er mus Nachricht hievon
bekommen; die Entdekung dieses Geheimnisses kan uns lange nicht so
viel Verdrus zuziehen, als wir davon haben konnten, wenn wir langer
schweigen wurden.
(Sie gehen ab.)
Dritte Scene.
(Verwandelt sich in den Palast.)
(Der Konig, die Konigin, Rosenkranz, Guldenstern, Edle und andre
vom Koniglichen Gefolge.)
Konig.
Willkommen, Rosenkranz und Guldenstern. Ausserdem, das wir ein
besonderes Verlangen getragen haben euch zu sehen, hat uns noch die
Nothwendigkeit, Gebrauch von euch zu machen, zu dieser eilfertigen
Beschikung vermocht. Ihr habet vermuthlich etwas von Hamlets
Verwandlung gehort; so mus ich es nennen, da er weder dem
Ausserlichen noch Innerlichen, noch sich selbst mehr ahnlich ist.
Was das seyn mag, was, ausser seines Vaters Tod, ihn zu dieser
Entfremdung von sich selbst gebracht hat, kan ich mir nicht traumen
lassen. Ich bitte euch also beyde, da ihr von eurer ersten Jugend
an mit ihm auferzogen worden, und die Gleichheit des Alters euch zu
seiner Vertraulichkeit mehr Recht als andern giebt, so haltet euch
nur eine kleine Zeitlang an unserm Hofe auf, um ihm Gesellschaft zu
leisten, ihn in allerley Lustbarkeiten zu ziehen, und zu versuchen,
ob ihr nicht Gelegenheit findet von ihm heraus zu loken, was die
uns unbekannte Ursache seiner ungewohnlichen Schwermuth ist, und ob
sie so beschaffen ist, das wir derselben abzuhelfen im Stande sind.
Konigin.
Meine liebe Herren, er hat viel von euch gesprochen, und ich bin
gewis das niemand in der Welt ist, auf den er mehr halt als auf
euch beyde. Wenn ihr uns so viele Gefalligkeit und guten Willen
erweisen, und euch so lange hier bey uns aufhalten wollet, als zu
Erreichung unsrer Absicht und Erwartung nothig seyn mag, so seyd
versichert, das euer Besuch einen Dank erhalten soll, wie es der
Erkenntlichkeit eines Konigs anstandig ist.
Rosenkranz.
Eure Majestaten haben beiderseits eine so unumschrankte Macht uber
uns, das sie da befehlen konnen, wo es ihnen beliebt zu bitten.
Guldenstern.
Wir gehorchen also beyde, und geben alles was wir sind zum Pfand
des Eifers, womit wir uns bestreben werden, unsre Dienste zu euern
Fussen zu legen.
Konig.
Ich danke euch, werther Rosenkranz und Guldenstern.
Konigin.
Ich danke euch, werther Guldenstern und Rosenkranz, und ersuche
euch, sogleich zu gehen, und meinem ganz unkenntlich gewordnen Sohn
einen Besuch zu geben. Geh einer von euch, und fuhre diese Herren
zu Hamlet.
Guldenstern.
Gebe der Himmel, das ihm unsre Gegenwart und unsre Verwendungen
angenehm und heilsam sey!
(Rosenkranz und Guldenstern gehen ab.)
Konigin.
Amen! (Polonius zu den Vorigen.)
Polonius.
Gnadigster Herr; die Abgesandten nach Norwegen sind gluklich wieder
angelangt.
Konig.
Du bist immer der Vater guter Zeitungen gewesen.
Polonius.
Bin ich, Gnadigster Herr? Seyd versichert, mein Gebieter, ich
halte auf meine Pflicht wie auf meine Seele, beydes gegen meinen
Gott und gegen meinen huldreichesten Konig; und ich denke, (oder
mein Kopf muste alle die Muhe, die ich in meinem Leben auf die
politische Wahrsager-Kunst gewandt, vergebens gehabt haben,) ich
denke, ich habe die wahre Ursache von Hamlets Wahnwiz ausfundig
gemacht.
Konig.
O, so redet von dem, was mich am meisten verlangt zu horen.
Polonius.
Gebet vorher den Abgesandten Audienz; meine Neuigkeit soll der
Nachtisch von diesem grossen Schmause seyn.
Konig.
So erweiset ihnen die Ehre, und fuhret sie selbst ein.
(Polonius geht ab.)
Er sagt mir, meine liebste Konigin, er habe die wahre Quelle von
unsers Sohnes Krankheit ausfindig gemacht.
Konigin.
Ich besorge, es ist im Grunde keine andre, als seines Vaters Tod
und unsre ubereilte Vermahlung.
Vierte Scene.
(Polonius kommt mit Voltimand und Cornelius zuruk.)
Konig.
Gut, wir wollen ihm die Wurmer schon aus der Nase ziehen--
Willkommen, meine guten Freunde! Redet, Voltimand, was bringt ihr
uns von unserm Bruder Norwegen?
Voltimand.
Die verbindlichste Erwiederung euers Grusses mit allen
freundschaftlichen Erbietungen. Auf unsre erste Anzeige schikte er
aus, die Werbungen seines Neffen abzustellen, welche er fur eine
Zurustung gegen Pohlen gehalten hatte; wie er aber besser zur Sache
sah, befand sich's, das es in der That gegen Eu. Majestat
abgesehen war: Bey dieser Entdekung fuhrte er grosse Klagen, das
seine Alters-Schwachheit und Unvermogenheit so misbraucht werde,
und lies den Fortinbras sogleich in Verhaft nehmen; dieser (damit
wir unsre Erzahlung kurz zusammen fassen) unterwarf sich, nahm von
seinem Oheim einen scharfen Verweis ein, und gelobete demselben
zulezt in die Hand, das er die Waffen niemals gegen Eu. Majestat
ergreifen wolle. Hieruber hatte der alte Norwegen eine so grosse
Freude, das er ihm auf der Stelle ein jahrliches Gehalt von
dreytausend Kronen ausmachte, mit dem Auftrag, die bereits
angeworbnen Truppen gegen den Konig in Pohlen zu gebrauchen; zu
welchem Ende er dann Eu. Majestat in gegenwartigem Schreiben
ersucht, das es ihr gefallen mochte, selbigen den ruhigen Durchzug
durch ihre Staaten zu dieser Unternehmung zu gestatten, unter
denjenigen Bedingnissen und Sicherheits-Clausuln, welche in
bemeldtem Schreiben enthalten sind.
Konig.
Wir sind es ganz wol zufrieden, und werden, bey gelegnerer Zeit
dieses Schreiben lesen, uberdenken und beantworten. Inzwischen
danken wir euch fur eure gluklich angewandte Bemuhung. Gehet izt
und ruhet aus; auf die Nacht wollen wir uns mit einander lustig
machen. Seyd nochmals freundlich willkommen!
(Die Gesandten gehen ab.)
Polonius.
Dieses Geschafte ist nun gluklich geendigt. Mein Gnadigst
gebietender Herr, und meine Gnadigste Frau; weitlaufig zu
exponieren, was Majestat und was Pflicht ist, warum der Tag Tag,
die Nacht Nacht, und die Zeit Zeit ist, ware nichts anders als Tag,
Nacht und Zeit verderben. Demnach und alldieweilen dann die Kurze
die Seele des Wizes, und Weitlaufigkeit im Vortrag nur den Leib und
die ausserliche Auszierung desselben ausmacht, so will ich mich der
Kurze befleissen: Euer edler Sohn ist toll; toll, nenn ich es, denn
um von der wahren Tollheit eine Definition zu geben, was ist sie
anders, als sonst nichts zu seyn als toll? Doch das wollen wir izo
beyseite sezen--
Konigin.
Mehr Stoff mit weniger Kunst, wenn es euch beliebig ware.
Polonius.
Gnadigste Frau, ich kan drauf schworen, das ich vor dismal gar
keine Kunst gebrauche. Das er toll ist, ist wahr; das es wahr ist,
ist zu bedauren--eine drollige Figur--Aber sie mag reisen; denn ich
will hier gar keine Kunst gebrauchen. Wir wollen also zum Grund
legen, das er toll ist; nun ist ubrig, das wir die Ursache von
diesem Effect, oder richtiger zu reden, die Ursache von diesem
Defect ausfindig machen. Das bleibt ubrig, und dieses Residuum ist
dis--Uberleget die Sache. Ich habe eine Tochter; habe, sag' ich,
so lange sie mein ist; und diese hat, aus schuldiger Pflicht und
Gehorsam, merket wol, mir dieses zugestellt; nun rathet einmal,
oder bildet euch ein was es seyn mag.
(Er offnet einen Brief und liest:)
"An den himmlischen Abgott meiner Seele, die reizerfullteste
Ophelia"--Das ist eine schlimme Redensart, eine abgeschmakte
Redensart: Reizerfullteste ist eine abgeschmakte Art zu reden: Aber
ihr werdet's erst noch horen--"Diese Zeilen auf ihren
unvergleichlichen weissen Busen, diese--
Konigin.
Kommt das von Hamlet an sie?
Polonius.
Gnadigste Frau, nur eine kleine Geduld, ich will meine Schuldigkeit
thun.
(Er liest:)
Zweifle an des Feuers Hize,
Zweifle an der Sonne Licht,
Zweifle ob die Wahrheit Luge,
Schonste, nur an deinem Siege
Und an meiner Liebe nicht. O, meine liebste Ophelia, ich bin bose
uber diese Verse; ich verstehe die Kunst nicht meine Seufzer an den
Fingern abzuzahlen, aber das ich dich so vollkommen liebe als du
liebenswurdig bist, das glaube. Adieu. Der deinige so lange diese
Maschine sein ist, Hamlet." Dieses hat mir also meine Tochter aus
pflichtschuldigem Gehorsam gezeigt, und uberdas noch weiters meine
Ohren mit allen seinen Nachstellungen, so wie sie nach Zeit, Ort
und Umstanden sich begeben haben, bekannt gemacht.
Konig.
Aber wie hat sie seine Liebe aufgenommen?
Polonius.
Was denket ihr von mir?
Konig.
Das ihr ein ehrlicher und pflichtvoller Mann seyd.
Polonius.
So mochte ich in der Probe gerne bestehen. Aber was konntet ihr
denken? Wie ich diese feurige Liebe gewahr wurde, (und ich mus
euch gestehen, das ich sie merkte, eh mir meine Tochter was davon
sagte,) was hatten Eu. Konigliche Majestaten denken konnen? Wenn
ich einen Pult oder eine Schreib-Tafel vorgestellt, oder aus
weitaussehenden Absichten den Tauben und Stummen gemacht, oder uber
diese Liebe mit gleichgultigen Augen hingesehen hatte, was wurdet
ihr denken? Aber nein, ich gieng fein gerade durch, und besprach
mein junges Frauenzimmer folgender maassen: Prinz Hamlet ist ein
Prinz, und also uber deiner Sphare; es kan nicht seyn; und dann gab
ich ihr Regeln, wie sie sich vor ihm unsichtbar machen, keine
Bottschaften von ihm vor sich lassen, und weder Briefchen noch
Geschenke annehmen sollte--Das that sie nun; aber sehet was die
Fruchte meines Raths gewesen sind. Denn, das ich es kurz mache,
wie er abgewiesen wurde, so gerieht er in Traurigkeit, hernach
verlohr er den Appetit, darauf den Schlaf, dadurch verfiel er in
Schwachheit, aus dieser in ein Delirium, und so von Grad zu Grad,
endlich in die Tollheit, worinn er nun raset, und welche wir alle
beweinen.
Konig.
Denkt ihr das?
Konigin.
Es kan gar wol moglich seyn.
Polonius.
Ist jemals eine Zeit gewesen, das mocht' ich doch gerne wissen, wo
ich positive gesagt habe, es ist so, und es hat sich anders
befunden?
Konig.
Meines Wissens nicht.
Polonius.
Wenn es anders ist, will ich meinen Kopf verlohren haben. Wenn ich
nur einige Umstande weis, so will ich allemal finden, wo die
Wahrheit verstekt liegt, und wenn sie im Mittelpunkt der Erde
stekte.
Konig.
Aber wie konnten wir der Sache gewisser werden?
Polonius.
Ihr wist, das er manchmal vier Stunden hinter einander hier in der
Galerie auf- und abgeht.
Konigin.
Es ist so.
Polonius.
Um eine solche Zeit will ich meine Tochter zu ihm lassen: Ihr und
ich wollen uns hinter eine Tapete versteken, und da wollen wir
beobachten, was vorgehen wird: Liebt er sie nicht, und hat seine
Vernunft nicht daruber verlohren, so will ich meine Minister-Stelle
aufgeben, ein Bauer werden und Mist auf meine Felder fuhren.
Konig.
Wir wollen die Sache naher erkundigen.
Funfte Scene.
(Hamlet, in einem Buche lesend, tritt auf.)
Konigin.
Seht, da kommt der arme Tropf daher, in einem Buch lesend--wie
schwermuthig er aussieht!
Polonius.
Ich bitte euch, entfernt euch beyde. Ich will ihn anreden.
(Der Konig und die Konigin gehen ab.)
O, mit Erlaubnis--Wie befindet sich mein Gnadigster Prinz Hamlet?
--
Hamlet.
Wohl, Gott sey Dank.
Polonius.
Kennt ihr mich, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Sehr wol; ihr seyd ein Fisch-Handler.
Polonius.
Das bin ich nicht, Gnadiger Herr.
Hamlet.
So wollt' ich, ihr waret so ein ehrlicher Mann.
Polonius.
Ehrlich, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Ja, Herr; ehrlich seyn, das ist, so wie die heutige Welt geht, so
viel als aus Zehntausenden ausgeschlossen seyn.
Polonius.
Das ist wol wahr, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Denn wenn die Sonne Maden in einem todten Hunde zeugt, die doch ein
Gott ist, aber sobald sie ein Aas kust--Habt ihr eine Tochter?
Polonius.
Ja, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Last sie nicht in der Sonne gehen; Empfangnis ist ein Segen, aber
wie eure Tochter empfangen konnte, ist keiner; gebt Acht auf das.
Polonius.
Was wollt ihr damit sagen?--
(vor sich.)
Immer die gleiche Leyer, von meiner Tochter; und doch kannte er
mich anfangs nicht; er hielt mich fur einen Fisch-Handler. Es ist
weit mit ihm gekommen; aber ich erinnre mich wol, das ich in meiner
Jugend erschreklich viel von der Liebe ausgestanden habe, es war
diesem ziemlich nahe--Ich will ihn noch einmal anreden. Was leset
ihr, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Worte, Worte, Worte.
Polonius.
Wovon ist die Rede, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Zwischen wem?
Polonius.
Ich meyne, was der Inhalt dessen, was ihr leset, sey?
Hamlet.
Calumnien, Herr; denn der satirische Bube da sagt, alte Manner
hatten graue Barte, und runzlichte Gesichter, ihr Augen trieften
Amber und Pflaumen-Baum-Harz, und sie hatten vollen Mangel an
Verstand mit sehr schwachen Schinken. Welches alles, mein Herr,
ich zwar machtiglich und festiglich glaube; aber doch halt' ich es
fur Unhoflichkeit, das es so niedergeschrieben worden; denn ihr
selbst, Herr, wurdet so alt als ich seyn, wenn ihr wie ein Krebs
rukwarts gehen konntet.
Polonius (vor sich.)
Wenn das Tollheit ist, wie es dann ist, so ist doch Methode drinn--
Wollt ihr nicht ein wenig aus der freyen Luft gehen, Gnadiger Herr?
Hamlet.
In mein Grab.
Polonius.
In der That, das ware aus der freyen Luft--
(vor sich.)
wie nachdruklich manchmal seine Antworten sind! Das ist ein
Vortheil der unsinnigen Leute, das sie zuweilen Einfalle haben, die
einem der bey seinen Sinnen ist, nicht so schnell und leicht von
statten giengen--Ich will ihn verlassen, und sogleich Anstalt zu
einer Zusammenkunft zwischen ihm und meiner Tochter machen--
(laut)
Gnadigster Herr, ich nehme meinen unterthanigen Abschied von euch.
Hamlet.
Mein Leben ausgenommen, konnt ihr mir in der Welt nichts nehmen,
dessen ich so leicht entrathen kan.
Polonius.
Lebet wohl, Gnadiger Herr.
Hamlet (vor sich.)
Die verdrieslichen alten Narren!
Sechste Scene.
(Rosenkranz und Guldenstern treten auf.)
Polonius.
Ihr sucht vermuthlich den Prinzen Hamlet; hier ist er.
(Er geht ab.)
Rosenkranz.
Gott erhalte euch, Gnadiger Herr.
Guldenstern.
Mein theurester Prinz!
Hamlet.
Ah, meine werthen guten Freunde! Wie lebst du, Guldenstern? Ha,
Rosenkranz, ihr ehrlichen Jungens, wie geht's euch beyden?
Rosenkranz.
Wie es so unbedeutenden Erden-Sohnen zu gehen pflegt.
Guldenstern.
Eben darinn gluklich, das wir nicht gar zu gluklich sind--Wir sind
eben nicht der Knopf auf Fortunens Kappe.
Hamlet.
Doch nicht die Solen an ihren Schuhen?
Rosenkranz.
Das auch nicht, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Ihr hangt also an ihrem Gurtel--Gut; was bringt ihr denn neues?
Rosenkranz.
Nichts, Gnadiger Herr, als das die Welt ehrlich worden ist.
Hamlet.
So ist der jungste Tag im Anzug; aber eure Zeitung ist falsch.
Verstattet mir einmal eine vertrauliche Frage: Womit habt ihr euch
an der Gottin Fortuna versundiget, meine guten Freunde, das sie
euch hieher in den Kerker geschikt hat?
Guldenstern.
In den Kerker, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Dannemark ist ein Kerker.
Rosenkranz.
So ist die ganze Welt einer.
Hamlet.
Ein recht stattlicher, worinn viele Thurme, Gefangnisse und Locher
sind, unter denen Dannemark eines der argsten ist.
Rosenkranz.
Wir denken nicht so, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Nicht? Nun so ist es auch nicht so fur euch: Es ist nichts so gut
oder so schlimm, das nicht durch unsre Meynung dazu gemacht wird:
Fur mich ist es ein Gefangnis.
Rosenkranz.
Wenn das ist, so macht es euer Ehrgeiz dazu; es ist zu enge fur
euern Geist.
Hamlet.
O Gott, ich wollte mich in eine Nusschale einsperren lassen, und
mir einbilden, das ich Konig uber einen unendlichen Raum sey; wenn
ich nur nicht so schlimme Traume hatte.
Guldenstern.
Welche Traume im Grunde nichts anders als Ehrgeiz sind; denn was
ist das ganze Wesen des Ehrsuchtigen, als ein Schatten von einem
Traum?
Hamlet.
Ein Traum ist selbst nur ein Schatten.
Rosenkranz.
Allerdings, und ich halte den Ehrgeiz fur etwas so leichtes und
unwesentliches, das er nur der Schatten eines Schattens genennt zu
werden verdient.
Hamlet.
Nach dieser Art zu urtheilen, sind unsre Bettler, Korper; und unsre
Monarchen und aufgespreisten Helden, der Bettler Schatten. Wollen
wir nach Hofe? Denn, auf meine Ehre, raisonnieren ist meine Sache
nicht.
Beyde.
Wir sind zu Euer Gnaden Aufwartung.
Hamlet.
Keine solche Complimente: Ich mochte euch nicht zu meinen ubrigen
Bedienten rechnen: Denn wenn ichs euch als ein ehrlicher Mann sagen
soll, ich habe ein sehr furchterliches Gefolge; aber in vollem
Vertrauen, was thut ihr hier in Elsinoor?
Rosenkranz.
Wir sind blos hieher gekommen, euch unsern Besuch abzustatten.
Hamlet.
Ich bin so bettelarm, das ich so gar an Dank arm bin; doch dank ich
euch, und versichert euch, meine theuren Freunde, mein Dank ist zu
theuer um einen Halb-Pfenning. Seyd ihr nicht beruffen worden?
war es euer eigner Gedanke? Ist es ein Besuch aus freyem gutem
Willen? Kommt, geht mit der Sprache heraus--Kommt, kommt; nun so
sagt dann--
Guldenstern.
Was sollen wir sagen, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Das gilt mir gleich, wenn es nur zur Sache taugt. Man hat euch
holen lassen; ich sehe eine Art von Gestandnis in euern Augen,
welches eure Bescheidenheit nicht Kunst genug hat zu maskieren.
Ich bin gewis, der gute Konig und die Konigin haben euch holen
lassen.
Rosenkranz.
Zu was Ende, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Das ihr mich ausforschen sollt; aber last mich euch bey den Rechten
unsrer Cameradschaft, bey der Ubereinstimmung unsrer Jugend, bey
den Banden unsrer niemals unterbrochnen Liebe, und bey allem was
ein besrer Redner als ich bin, euch noch theurers vorhalten konnte,
beschworen, mir aufrichtig und gerade heraus zu sagen, ob man euch
nicht habe holen lassen?
Rosenkranz (zu Guldenstern.)
Was sagt ihr hiezu?
Hamlet.
Nicht so, denn ich hab' ein Aug auf euch; wenn ihr mich liebet so
haltet nicht zuruk.
Guldenstern.
Man hat uns ruffen lassen, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Ich will euch sagen wofur; so habt ihr euch doch keine Verratherey
vorzuwerfen, und eure Treue gegen den Konig und die Konigin wird um
keine Feder leichter. Ich habe, seit einiger Zeit, warum weis ich
selbst nicht, alle meine Munterkeit verlohren, alle meine gewohnten
Ubungen aufgegeben; und in der That es ist mit meiner Schwermuth
so weit gekommen, das diese anmuthige Erde mir nur ein kahles
Vorgeburge; dieses prachtige Baldachin die Luft, seht ihr, dieses
stolze uber uns hangende Firmament, diese majestatische Deke mit
goldnen Spharen eingelegt, mir nicht anders vorkommt, als wie ein
stinkender Sammelplaz pestilenzischer Ausdunstungen. Was fur ein
Meisterstuk ist der Mensch! Wie edel durch die Vernunft! Wie
unbegrenzt in seinen Fahigkeiten! An Gestalt und Bewegungs-Kraft
wie vollendet und bewundernswurdig! Im Wurken wie ahnlich einem
Engel! Im Denken wie ahnlich einem Gott! Die schonste Zier der
Schopfung! Das vollkommenste aller sichtbaren Wesen! Und doch,
was ist in meinen Augen diese Quintessenz von Staub? Der Mensch
gefallt mir nicht, und das Weib eben so wenig; ohngeachtet ihr es
durch euer Lacheln zu verstehen zu geben scheint.
Rosenkranz.
Gnadiger Herr, ich hatte keinen Gedanken an das.
Hamlet.
Warum lachtet ihr dann, wie ich sagte, der Mensch gefalle mir nicht?
Rosenkranz.
Ich lachte, weil mir dabey einfiel, was fur einen magern Unterhalt,
bey solchen Umstanden, die Comodianten, bey Euer Gnaden finden
werden; wir stiessen unterwegs auf sie, und sie sind im Begriff
hieher zu kommen, um euch ihre Dienste anzubieten.
Hamlet.
Derjenige, der den Konig macht, soll mir willkommen seyn; seine
Majestat soll Tribut von mir empfangen; der irrende Ritter soll
sein Rappier und seine Tarsche brauchen; der Liebhaber soll nicht
gratis seufzen; die lustige Person soll ihre Rolle ruhig bis zu
Ende spielen; der Hans Wurst soll alle lachen machen, deren Lunge
ohnehin von scharfen Feuchtigkeiten gekizelt wird, und die Damen
sollen sagen was sie denken, oder die reimlosen Verse sollen es
entgelten. Was fur Comodianten sind es?
Rosenkranz.
Die nemlichen, welche sonst euern Beyfall hatten, die Schauspieler
von der Stadt.
Hamlet.
Wie kommt es, das sie reisen? Ihre Residenz war fur ihren Ruhm und
ihren Beutel vorteilhafter.
Rosenkranz.
Ich denke, ihre Abdankung ist die Folge einiger Veranderungen,
welche neuerlich gemacht worden sind.
Hamlet.
Stehen sie noch in dem nemlichen Credit wie vormals, als ich in der
Stadt war? Haben sie noch so viel Zulauf?
Rosenkranz.
Nein in der That, den haben sie nicht.
Hamlet.
Wie kommt das, fangen sie an rostig zu werden?
Rosenkranz.
Nein, sie geben sich noch immer so viele Muhe als zuvor; aber es
ist ein Nest voll Kinder zum Vorschein gekommen, kleine Kichelchen,
die beym Haupt-Wort eines Sazes aus allen Kraften ausgrillen, und
auch jammerlich genug geschlagen werden, bis sie es so gut gelernt
haben; die sind izt Mode, und uberplappern die gemeinen
Schauspieler (so nennen sie's) dermassen, das manche, die einen
Degen an der Seite tragen, vor Gansespulen erschraken, und das Herz
nicht haben, sie zu besuchen.*
{ed.-* Diese ganze Stelle bezieht sich auf einen damaligen
theatralischen Streit, durch gewisse Schauspiele veranlast, welche
von den Chor-Knaben von des Konigs Jacob I. Capelle aufgefuhrt
wurden.}
Hamlet.
Kinder, sagt ihr, seyen es? Und wer unterhalt sie? Wie werden sie
salariert? Werden sie das Handwerk nur so lange treiben, als sie
singen konnen? Und wenn sie sich endlich zu gemeinen Comodianten
ausgewachsen haben, (wie sie doch zulezt werden mussen, wenn sie
keine Mittel haben,) werden sie sich alsdann nicht beschweren, das
ihre Autoren ihnen vormals so schone Exclamationen gegen ihre eigne
kunftige Profession in den Mund gelegt haben?
Rosenkranz.
Bey meiner Ehre, es wurde auf beyden Seiten grosser Lerm gemacht,
und die Nation halt es fur keine Sunde, sie noch mehr zum Streit
aufzureizen. Es war eine geraume Zeit lang mit dem schonsten Stuk
von der Welt kein Geld zu verdienen, wenn der Poet und der
Schauspieler diese wichtige Streitfrage nicht mit hineinbrachten,
und ihren Gegnern links und rechts Ohrfeigen austheilten.
Hamlet.
Ist's moglich?
Guldenstern.
O, ich kan Euer Gnaden versichern, es ist hizig hergegangen.
Hamlet.
Und tragen die Jungens es davon?**
{ed.-** Man hat diese Redensart, welche auch im Franzosischen
gewohnlich ist,
(est-ce que les Enfans l'emportent?)
um der Antwort willen beybehalten mussen.}
Guldenstern.
Das thun sie, Gnadiger Herr; den Hercules mit samt seiner Ladung.
Hamlet.
Mich wundert es nicht; denn mein Oheim ist Konig in Dannemark, und
die Nemlichen, welche bey meines Vaters Leben Frazen-Gesichter
gegen ihn geschnitten hatten, geben izt zwanzig, vierzig, funfzig,
ja hundert Ducaten, um sein Bildnis in Miniatur zu haben.*** Es ist
etwas mehr als naturliches hierinn, das wol werth ware, das die
Philosophen sich Muhe gaben, es zu erforschen.
{ed.-*** Ein Stich uber den Beyfall den die Chor-Knaben bey dem
Konig und dem Hofe fanden.}
(Man hort ein Getose.)
Guldenstern.
Da kommen die Comodianten.
Hamlet (zu Guldenstern und Rosenkranz.)
Meine Herren, ihr seyd willkommen in Elsinoor, gebt mir eure Hande;
kommt, kommt; wir wollen die Ceremonien bey Seite legen. Das mus
unter uns ausgemacht seyn, sonst wurde mein Betragen gegen diese
Comodianten (gegen welche ich, gewisser Ursachen wegen, hoflich
seyn werde,) mehr Verbindliches zu haben scheinen, als mein
Bezeugen gegen euch. Ihr seyd willkommen; aber mein Oheim-Vater,
und meine Tante-Mutter haben sich betrogen.
Guldenstern.
Wie so, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Ich bin nur toll bey Nord oder Nord-West; wenn der Wind von Suden
blast, kan ich einen Falken sehr wol von einer Hand-Sage
unterscheiden.****
{ed.-**** Ein damals gewohnliches Spruchwort. Eigentlich soll es
heissen, einen Falken von einem Reyger-Nest; allein das gemeine
Volk machte aus (Hern-shaw, (I know a hawk from a hern-shaw)
hand-saw) eine Hand-Sage, vermuthlich, damit die Redensart
possierlicher klinge, wie es vielen Spruchwortern zu gehen pflegt.}
Siebende Scene.
(Polonius zu den Vorigen.)
Polonius.
Ich wunsche euch viel Gutes, meine Herren.
Hamlet.
Hort ihr, Guldenstern, und ihr auch; dis grosse Wiegen-Kind, das
ihr hier vor euch seht, ist noch nie aus seinen Windeln gekommen.
Rosenkranz.
Vielleicht ist er zum andern mal drein gekommen, denn man sagt,
alte Leute zweymal Kinder.
Hamlet.
Ich seh es ihm an, das er kommt, mir von den Comodianten zu
sprechen--Gebt Acht darauf--Ihr habt recht, mein Herr; lezten
Montag fruh war es so, in der That.
Polonius.
Gnadiger Herr, ich habe euch was neues zu sagen.
Hamlet.
Gnadiger Herr, ich habe (euch) was neues zu sagen; als Roscius ein
Comodiant zu Rom war--
Polonius.
Die Comodianten sind hier angekommen, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Was?
Polonius.
Auf meine Ehre--
Hamlet.
Jeder Comodiant kam also auf seinem Esel--
Polonius.
Die besten Schauspieler in der Welt, es sey nun fur Tragodie,
Comodie, Historie, Pastoral, Tragi-Comodie, Comical-Pastoral, oder
was ihr immer wollt; fur sie ist Seneca nicht zu schwer, und
Plautus nicht zu leicht. Wenn Wiz und Freyheit das einzige Gesez
sind, so findet man ihres gleichen nicht in der Welt.
Hamlet.
(O Jephta, Richter in Israel)*, was fur einen Schaz hast du!
{ed.-* Dieses und was Hamlet dem Polonius antwortet, scheinen
Bruchstuke aus alten Balladen zu seyn.}
Polonius.
Was hatte er fur einen Schaz, Gnadiger Herr?
Hamlet.
(Ein' Tochter hatt' er, und nicht mehr,
Ein hubsches Madchen, das liebt er sehr.)
Polonius (vor sich.)
Immer stekt ihm meine Tochter im Kopf
Hamlet.
Hab' ich nicht recht, alter Jephta?
Polonius.
Wenn ich der Jephta bin, den ihr meynt, Gnadiger Herr, so hab ich
eine Tochter, die ich sehr liebe.
Hamlet.
Nein, das folgt nicht.
Polonius.
Was folgt denn, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Was? Zum Exempel,
(Da trug sich zu, wie ich sagen thu--) ihr kennt ja das Liedchen?
Aber da kommen die ehrlichen Leute, die mir heraushelfen--
(Vier oder funf Schauspieler treten auf.) Willkommen, ihr Herren,
willkommen allerseits--Es freut mich, dich wohl zu sehen--
Willkommen meine guten Freunde--Ha! Alter Freund! Du hast ja
einen hubschen Bart bekommen, seit dem wir uns gesehen haben--wie,
meine hubsche Jungfer, ihr seyd ja um eine Pantoffel-Hohe
gewachsen? Ich will hoffen, das es eurer schonen Stimme nichts
geschadet haben werde--Ihr Herren, ihr seyd alle willkommen; wir
wollen nur gleich zur Sache--eine hubsche Scene, wenn ich bitten
darf; kommt, kommt; eine kleine Probe von eurer Kunst, eine Rede,
worinn recht viel Affect ist--
1. Schauspieler.
Was fur eine Rede, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Ich horte dich einmal eine declamieren, aber auf die Schaubuhne kam
sie nicht; wenigstens nicht mehr als einmal; denn das Stuk, so viel
ich mich erinnere, gefiel dem grossen Hauffen nicht; es war Stor-
Rogen (Caviar) fur den Pobel; aber, wie ich und andre, deren
Urtheil ich in solchen Sachen traue, es ansahen, war es ein
vortreffliches Stuk; viel Einfalt und doch viel Kunst in der Anlage
des Plans, und die Scenen wol disponiert; nichts affectiertes in
der Schreibart; kein Salz, (sagte jemand) in den Worten, um der
Mattigkeit der Gedanken nachzuhelfen; keine Redensarten noch
Schwunge, worinn man statt der redenden Person den sich selbst
gefallenden Autor hort; kurz, ein naturlicher, ungeschminkter Styl,
wie der Kenner sagte. Ich erinnre mich sonderheitlich einer Rede,
die mir vorzuglich gefiel; es war in einem Dialoge des Aneas mit
der Dido, die Stelle, wo er von Priams Tochter sprach. Wenn ihr's
noch im Gedachtnis habt, so fangt bey der Zeile an--Last sehen,
last sehen--"Der rauhe Pyrrhus, gleich dem Hyrcanischen Tyger"--
Nein, so heist es nicht--es fangt mit dem Pyrrhus an--"Der rauhe
Pyrrhus, dessen Rustung, schwarz wie sein unmenschliches Herz,
jener Nacht glich, da er auf Verderben laurend, im Bauch des
fatalen Pferdes verborgen lag, hatte nun die furchtbare Schwarze
seiner Waffen mit einer noch graslichern Farbe beflekt; nun ist er
von Kopf zu Fus ganz blutroth; entsezlich besprizt mit Blut von
Vatern, Muttern, Sohnen, Tochtern, in die dustre Flamme gehullt,
deren verdammter Schein den Weg schnoder Morder beleuchtet--So von
Wuth und Hize lechzend, so mit gestoktem Blut uberzogen, sucht mit
funkelnden Augen der hollische Pyrrhus den alten Anherrn Priam auf."
Polonius.
Bey Gott, Gnadiger Herr, das war gut declamirt; mit einem guten
Accent, und mit einer geschikten Action.
1. Schauspieler.
Er findet ihn, von Griechen umringt, die er aber mit zu
kurzgefuhrten Streichen, zurukzutreiben sucht. Sein altes Schwerd,
ungehorsam dem kraftlosen Arm, fuhrt lauter unschadliche Hiebe und
bleibt liegen, wohin es fallt--welch ein Gegner, die Wuth des
dahersturzenden Pyrrhus aufzuhalten, der Wutrich hohlt zu einem
todtlichen Streich weit aus; aber von dem blossen Zischen seines
blutigen Schwerds fallt der nervenlose Vater zu Boden. Das
gefuhllose Ilion selbst schien diesen Streich zu fuhlen, seine
flammenden Thurme sturzten ein, und der entsezliche Ruin macht
sogar den Pyrrhus stuzen; denn, seht, sein Schwerd, im Begriff, auf
das milchweisse Haupt des ehrwurdigen Priams herab zu fallen, blieb,
so schien es, in der Luft steken; Pyrrhus stuhnd, wie ein
gemahlter Tyrann, unthatig, dem Unentschlosnen gleich, der zwischen
seinem Willen und dem Gegenstand im Gleichgewicht schwebt; aber, so,
wie wir oft wenn ein Sturm bevorsteht, ein tiefes Schweigen durch
die Himmel wahrnehmen das Rad der Natur scheint zu stehen, die
trozigen Winde schweigen, und unter ihnen liegt der Erdkreis in
banger Todes-Stille; auf einmal sturzt der krachende Donner,
Verderben auf die Gegend herab: So feurt den unmenschlichen Pyrrhus,
nach dieser kleinen Pause, ein plozlicher Sturm von Rachsucht
wieder zur blutigen Arbeit an: Gefuhlloser fielen nie die Hammer
der Cyclopen auf die gluhende Masse herab, woraus sie des Kriegs-
Gottes undurchdringliche Waffen schmieden; als nun des Pyrrhus
Schwerdt auf den hulflosen Greisen fallt--Hinaus, hinaus, du Meze,
Fortuna! O ihr Gotter alle, vereiniget euch, stehet alle zusammen,
sie ihrer Gewalt zu berauben: Zerbrechet alle Speichen und Felgen
ihres Rades, und rollet die zirkelnde Nabe von dem Hugel des
Himmels bis in den Abgrund der Holle hinab!
Polonius.
Das ist zu lang.
Hamlet.
Es soll mit euerm Bart zum Barbier--Ich bitte dich, fahre fort; er
mus Wortspiele oder schmuzige Mahrchen haben, oder er schlaft ein--
Weiter fort, zur Hecuba--
1. Schauspieler.
Aber wer, o wer izt die vermummte Konigin gesehn hatte--
Hamlet.
Die vermummte Konigin?
Polonius.
Das ist gut, vermummte Konigin, ist gut.
Schauspieler.
Wie sie, in Verzweiflung, mit nakten Fussen auf- und nieder rannte,
und weinte, das die Flammen von ihren Thranen hatten verloschen
mogen; ein besudelter Lumpe auf diesem Haupt, wo kurzlich noch das
Diadem funkelte; und statt des Koniglichen Purpurs ein Bettlaken,
das erste was sie im betaubenden Schreken ergriff, um ihre
schlappen, von haufigem Gebahren ganz ausgemergelte Lenden
hergeworffen; wer das gesehen hatte, wurde mit in Gift getauchter
Zunge Verwunschungen gegen das Gluk ausgestossen haben--Doch, wenn
die Gotter selbst sie gesehen hatten, in dem Augenblik sie gesehen
hatten, da Pyrrhus, mit unmenschlichem Muthwillen, die Glieder
ihres Gemahls vor ihren Augen in kleine Stuke zerhakte, das
ausberstende Geschrey, das sie da machte, wurde sie, (es ware dann,
das sie von sterblichen Dingen gar nicht geruhrt werden,) wurde die
brennenden Augen des Himmels in Thranen aufgelost, und die Gotter
in Leidenschaft gesezt haben.
Polonius.
Seht nur, ob er nicht seine Farbe verandert, und ob er nicht
Thranen in den Augen hat? Ich bitte dich, las es genug seyn.
Hamlet.
Gut, wir wollen den Rest dieser Rede auf ein andermal sparen--Mein
guter Herr,
(zu Polonius)
wollt ihr dafur sorgen, das diese Schauspieler wohl besorgt
werden? Hort ihr's, last ihnen nichts abgehen; es sind Leute, die
man in Acht nehmen mus; sie sind lebendige Chroniken ihrer Zeit; es
ware euch besser, eine schlechte Grabschrift nach euerm Tod zu
haben, als ihre uble Nachrede, weil ihr lebt.
Polonius.
Gnadiger Herr, ich will ihnen begegnen, wie sie es verdienen.
Hamlet.
Behut uns Gott, Mann, weit besser! Wenn ihr einem jeden begegnen
wolltet, wie er's verdient, wer wurde dem Staup-Besen entgehen?
Begegnet ihnen, wie es eurer eignen Ehre und Wurde gemas ist. Je
weniger sie verdienen, je mehr Verdienst ist in eurer Gutigkeit.
Nehmt sie mit euch hinein.
Polonius.
Kommt, ihr Herren.
(Polonius geht ab.)
Hamlet.
Folget ihm, meine guten Freunde: Morgen wollen wir ein Stuk horen--
Horst du mich, alter Freund, kanst du die Ermordung des Gonzago
auffuhren?
Schauspieler.
Ja, Gnadigster Herr.
Hamlet.
So wollen wir's Morgen auf die Nacht haben. Ihr konnt doch, im
Nothfall eine Rede von einem Duzend oder sechszehn Zeilen studieren,
die ich noch aufsezen, und hinein bringen mochte? Konnt ihr nicht?
Schauspieler.
Ja wohl, Gnadigster Herr.
Hamlet.
Das ist mir lieb. Geht diesem Herrn nach, aber nehmt euch in Acht,
das ihr ihn nicht zum besten habt.
(Zu Rosenkranz und Guldenstern.)
Meine guten Freunde, ich verlasse euch bis diese Nacht; ihr seyd
willkommen in Elsinoor.
Rosenkranz.
Wir empfehlen uns zu Gnaden--
(Sie gehen ab.)
Achte Scene.
Hamlet (allein).
Ja, so behut euch Gott: endlich bin ich allein--O, was fur ein
Schurke, fur ein nichtswurdiger Sclave bin ich! Ist es nicht was
ungeheures, das dieser Comodiant hier, in einer blossen Fabel, im
blossen Traum einer Leidenschaft, soviel Gewalt uber seine Seele
haben soll, das durch ihre Wurkung sein ganzes Gesicht sich
entfarbt, Thranen seine Augen fullen, seine Stimme bricht, jeder
Gesichtszug, jedes Gliedmas, jede Muskel die Heftigkeit der
Leidenschaft, die doch blos in seinem Hirn ist, mit solcher
Wahrheit ausdrukt--und das alles um nichts? Um Hecuba--Was ist
Hecuba fur ihn, oder er fur Hecuba, das er um sie weinen soll? Was
wurd er thun, wenn er die Ursache zur Leidenschaft hatte, die ich
habe? Er wurde den Schauplaz in Thranen ersauffen, und mit
entsezlichen Reden jedes Ohr durchbohren; die Schuldigen wurden von
Sinnen kommen, und die Schuldlosen selbst wie Verbrecher erblassen--
und ich, trager schwermuthiger Tropf, harme mich wie ein
milzsuchtiger Grillenfanger ab, fuhle die Grosse meiner Sache nicht,
und kan nichts sagen--nein, nichts, nichts fur einen Konig, der
auf eine so verruchte Art seiner Crone und seines Lebens beraubt
worden ist!--Bin ich vielleicht eine Memme? Wer darf mich einen
Schurken nennen, mir ein Loch in den Kopf schlagen, mir den Bart
ausrauffen, und ins Gesicht werfen? Wer zwikt mich bey der Nase,
oder wirft mir eine Luge in den Hals, so tief bis in die Lunge
hinab? Wer thut mir das? Und doch sollt' ich es leiden--Denn es
kan nicht anders seyn, ich bin ein Daubenherziger Mensch, der keine
Galle hat, die ihm seine Unterdrukung bitter mache; wenn es nicht
so ware, hatte ich nicht bereits alle Geyer der Gegend mit dem
vorgeworfnen Aas dieses Sclaven gemastet? Der blutige kupplerische
Bube! Der gewissenlose, verrathrische, unzuchtige, unbarmherzige
Bosewicht!--Wie, was fur eine niedertrachtige Geduld halt mich
zuruk? Ich, der Sohn eines theuren ermordeten Vaters, von Himmel
und Holle zur Rache aufgefodert, ich soll wie eine feige Meze, mein
Herz durch Worte erleichtern, wie eine wahre Gassen-Hure in Schimpf-
Worte und Fluche ausbrechen--und es ist Hirn in diesem Schedel! Fy,
der Niedertrachtigkeit! Es mus anders werden!--Ich habe gehort,
das Verbrecher unter einem Schauspiel durch die blosse Kunst des
Poeten und des Schauspielers so in die Seele getroffen worden, das
sie auf der Stelle ihre Ubelthaten bekennt haben. Wenn ein Mord
gleich keine Zunge hat, so mus doch ehe das lebloseste Ding Sprache
bekommen, als das er unentdekt bleiben sollte. Ich will diese
Comodianten etwas der Ermordung meines Vaters ahnliches vor meinem
Oheim auffuhren lassen. Ich will sein Gesicht dabey beobachten;
ich will ihm die Wike bis aufs Fleisch in die Wunde bohren; wenn er
nur erblast, so weis ich was ich zu thun habe. Der Geist, den ich
gesehen habe, kan der Teufel seyn; denn der Teufel hat die Macht
eine gefallige Gestalt anzunehmen; vielleicht misbraucht er meine
Schwermuth und Trubsinnigkeit (Geister, durch die er eine besondere
Gewalt hat) mich zu einer verdammlichen That zu verleiten. Ich
will einen uberzeugendern Grund haben als diese Erscheinung; und im
Schauspiel soll die Falle seyn, worinn ich das Gewissen des Konigs
fangen will.
Dritter Aufzug.
Erste Scene.
(Der Pallast.)
(Der Konig, die Konigin, Polonius, Ophelia, Rosenkranz,
Guldenstern, und Herren vom Hofe treten auf.)
Konig.
Ihr habt also nicht von ihm herausbringen konnen, was die Ursache
ist, warum er in den schonsten Tagen seines Lebens in diese
sturmische und Gefahr-drohende Raserey gefallen?
Rosenkranz.
Er gesteht, das er sich in einem ausserordentlichen Gemuths-
Zustande fuhle; aber was die Ursache davon sey, daruber will er
sich schlechterdings nicht herauslassen.
Guldenstern.
Auch giebt er nirgends keine Gelegenheit, wo man ihn ausholen
konnte, und wenn man wurklich ganz nahe dabey zu seyn glaubt, ihn
zum Gestandnis seines wahren Zustands zu bringen, so hat er, seiner
vorgeblichen Tollheit ungeachtet, doch List genug, sich immer
wieder aus der Schlinge zu ziehen.
Konigin.
Empfieng er euch freundlich?
Rosenkranz.
Mit vieler Hoflichkeit.
Guldenstern.
Doch so, das man die Gewalt die er seinem Humor anthun muste, sehr
deutlich merken konnte.
Rosenkranz.
Mit Fragen war er sehr frey, aber uberaus zurukhaltend, wenn er auf
die unsrigen antworten sollte.
Konigin.
Schluget ihr ihm keinen Zeitvertreib vor?
Rosenkranz.
Gnadigste Frau, es begegnete von ungefehr, das wir unterwegs auf
eine Schauspieler-Gesellschaft stiessen; von dieser sagten wir ihm,
und es schien, als ob er eine Art von Freude daruber hatte: Sie
befinden sich wurklich bey Hofe, und (wie ich glaube,) haben sie
bereits Befehl, diese Nacht vor ihm zu spielen.
Polonius.
Es ist nichts gewissers, und er ersucht Eure Majestaten, Zuschauer
dabey abzugeben.
Konig.
Von Herzen gern, es erfreut mich ungemein, zu horen, das er so gut
disponiert ist. Erhaltet ihn bey dieser Laune, meine guten Freunde,
und seyd darauf bedacht, das er immer mehr Geschmak an dergleichen
Zeitvertreib finde.
Rosenkranz.
Wir wollen nichts ermangeln lassen, Gnadigster Herr.
(Sie gehen ab.)
Konig.
Liebste Gertrude, verlast ihr uns auch; wir haben heimliche
Anstalten gemacht, das Hamlet hieher komme, damit er Ophelien, als
ob es von ungefehr geschahe, hier antreffe. Ihr Vater und ich
wollen einen solchen Plaz nehmen, das wir, ungesehn, Zeugen von
allem was zwischen ihnen vorgehen wird, seyn, und also durch uns
selbst urtheilen konnen, ob die Liebe die Ursache seines Trubsinns
ist oder nicht.
Konigin.
Ich gehorche euch; und an meinem Theil, Ophelia, wunsch' ich, das
eure Reizungen die glukliche Ursach von Hamlets Zustande seyn mogen:
Denn das wurde mir Hoffnung machen, das eure Tugend ihn, zu euer
beyder Ehre, wieder auf den rechten Weg bringen wurde.
Ophelia.
Gnadigste Frau, ich wunsch' es so.
(Die Konigin geht ab.)
Polonius.
Ophelia, geht ihr hier auf und ab--Gnadigster Herr, wenn es
beliebig ist, wollen wir uns hier verbergen--
(Zu Ophelia.)
Thut, als ob ihr in diesem Buche leset; damit das Ansehn einer
geistlichen Ubung eure Einsamkeit beschonige. Es begegnet nur gar
zu oft, das wir mit der andachtigsten Mine und der frommsten
Gebehrde an dem Teufel selbst saugen.
Konig (vor sich.)
Das ist nur gar zu wahr. Was fur einen scharfen Geissel-Streich
giebt diese Rede meinem Gewissen! Die Wangen einer Hure durch
Kunst mit betrugerischen Rosen bemahlt, sind nicht haslicher unter
ihrer Schminke, als meine That unter der schonen Larve meiner Worte--
O schwere Burde!
Polonius.
Ich hor' ihn kommen; wir wollen uns entfernen, Gnadigster Herr.
(Alle, bis auf Ophelia gehen ab.)
Zweyte Scene.
(Hamlet tritt auf, mit sich selbst redend.)
Hamlet.
Seyn oder nicht seyn--Das ist die Frage--Ob es einem edeln Geist
anstandiger ist, sich den Beleidigungen des Gluks geduldig zu
unterwerfen, oder seinen Anfallen entgegen zu stehen, und durch
einen herzhaften Streich sie auf einmal zu endigen? Was ist
sterben?--Schlafen--das ist alles--und durch einen guten Schlaf
sich auf immer vom Kopfweh und allen andern Plagen, wovon unser
Fleisch Erbe ist, zu erledigen, ist ja eine Glukseligkeit, die man
einem andachtiglich zubeten sollte--Sterben--Schlafen--Doch
vielleicht ist es was mehr--wie wenn es traumen ware?--Da stekt der
Haken--Was nach dem irdischen Getummel in diesem langen Schlaf des
Todes fur Traume folgen konnen, das ist es, was uns stuzen machen
mus. Wenn das nicht ware, wer wurde die Mishandlungen und Staupen-
Schlage der Zeit, die Gewaltthatigkeiten des Unterdrukers, die
verachtlichen Krankungen des Stolzen, die Quaal verschmahter Liebe,
die Schicanen der Justiz, den Ubermuth der Grossen, ertragen, oder
welcher Mann von Verdienst wurde sich von einem Elenden, dessen
Geburt oder Gluk seinen ganzen Werth ausmacht, mit Fussen stossen
lassen, wenn ihm frey stuhnde, mit einem armen kleinen Federmesser
sich Ruhe zu verschaffen? Welcher Taglohner wurde unter Achzen
und Schwizen ein muhseliges Leben fortschleppen wollen?--Wenn die
Furcht vor etwas nach dem Tode--wenn dieses unbekannte Land, aus
dem noch kein Reisender zuruk gekommen ist, unsern Willen nicht
betaubte, und uns riehte, lieber die Ubel zu leiden, die wir
kennen, als uns freywillig in andre zu sturzen, die uns desto
furchtbarer scheinen, weil sie uns unbekannt sind. Und so macht
das Gewissen uns alle zu Memmen; so entnervet ein blosser Gedanke
die Starke des naturlichen Abscheues vor Schmerz und Elend, und die
grossesten Thaten, die wichtigsten Entwurfe werden durch diese
einzige Betrachtung in ihrem Lauf gehemmt, und von der Ausfuhrung
zurukgeschrekt--Aber sachte!--wie? Die schone Ophelia?--Nymphe,
erinnre dich aller meiner Sunden in deinem Gebete.
Ophelia.
Mein Gnadiger Prinz, wie habt ihr euch diese vielen Tage uber
befunden?
Hamlet.
Ich danke euch demuthigst; wohl--
Ophelia.
Gnadiger Herr, ich habe verschiedne Sachen zum Andenken von euch,
die ich euch gerne zurukgegeben hatte; ich bitte euer Gnaden, sie
bey dieser Gelegenheit zuruk zu nehmen.
Hamlet.
Ich? ich wiste nicht, das ich euch jemals was gegeben hatte.
Ophelia.
Ihr wist es gar wohl, Gnadiger Herr, und das ihr eure Geschenke mit
Worten, von so sussem Athem zusammengesezt, begleitet habt, das sie
dadurch einen noch grossern Werth erhielten. Da sich dieser Parfum
verlohren hat, so nehmt sie wieder zuruk. Geschenke verliehren fur
ein edles Gemuth ihren Werth, wenn das Herz des Gebers geandert ist.
Hamlet.
Ha, ha! Seyd ihr tugendhaft?
Ophelia.
Gnadiger Herr--
Hamlet.
Seyd ihr schon?
Ophelia.
Was sollen diese Fragen bedeuten?
Hamlet.
Das will ich euch sagen. Wenn ihr tugendhaft und schon seyd, so
soll eure Tugend nicht zugeben, das man eurer Schonheit
Schmeicheleyen vorschwaze.
Ophelia.
Machen Schonheit und Tugend nicht eine gute Gesellschaft mit
einander aus, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Nicht die beste; denn es wird allemal der Schonheit leichter seyn,
die Tugend in eine Kupplerin zu verwandeln, als der Tugend, die
Schonheit sich ahnlich zu machen. Das war ehmals ein paradoxer Saz,
aber in unsern Tagen ist seine Wahrheit unstreitig--Es war eine
Zeit, da ich euch liebte.
Ophelia.
In der That; Gnadiger Herr, ihr machtet mich's glauben.
Hamlet.
Ihr hattet mir nicht glauben sollen. Denn Tugend kan sich unserm
alten Stamme nie so gut einpfropfen, das wir nicht noch immer einen
Geschmak von ihm behalten sollten. Ich liebte euch nicht.
Ophelia.
Desto schlimmer, das ich so betrogen wurde.
Hamlet.
Geh in ein Nonnenkloster. Warum wolltest du eine Mutter von
Sundern werden? Ich bin selbst keiner von den Schlimmsten; und
doch konnt' ich mich solcher Dinge anklagen, das es besser ware,
meine Mutter hatte mich nicht zur Welt gebracht. Ich bin sehr
stolz, rachgierig, ehrsuchtig, zu mehr Sunden aufgelegt, als ich
Gedanken habe sie zu namsen, Einbildungs-Kraft sie auszubilden, und
Zeit sie zu vollbringen. Wozu sollen solche Bursche, wie ich bin,
zwischen Himmel und Erde herumkriechen? Wir sind alle ausgemachte
Taugenichts; traue keinem von uns--Geh in ein Nonnen-Kloster--Wo
ist euer Vater?
Ophelia.
Zu Hause, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Las die Thur hinter ihm zuschliessen, damit er den Narren nirgends
als in seinem eignen Hause spielen konne--Adieu.
Ophelia.
O hilf ihm, Gutiger Himmel!
Hamlet.
Wenn du einen Mann nimmst, so will ich dir diesen Fluch zur Mitgift
geben--Sey so keusch wie Eis, so rein wie Schnee, du wirst doch der
Verlaumdung nicht entgehen--Geh in ein Nonnen-Kloster--Adieu--Oder
wenn du es ja nicht vermeiden kanst, so nimm einen Narren; denn
gescheidte Leute wissen gar zu wohl, was fur Ungeheuer ihr aus
ihnen macht.--In ein Nonnen-Kloster, sag ich und das nur bald:
Adieu.
Ophelia.
Ihr himmlischen Machte, stellet ihn wieder her!
Hamlet.
Ich habe auch von eurer Mahler-Kunst gehort; eine feine Kunst!
Gott hat euch ein Gesicht gegeben, und ihr macht euch ein anders.
Ihr verhunzt unserm Herrn Gott sein Geschopf durch eure tandelhafte
Manieren, durch eure Ziererey, euer affektiertes Stottern, euern
tanzenden Gang, eure kindische Launen; und seyd unwissend genug
euch auf diese Armseligkeiten noch wer weis wie viel einzubilden.
Geh, geh, ich will nichts mehr davon, es hat mich toll gemacht.
Ich meyne, keine Heyrathen mehr! Diejenigen die nun einmal
verheyrathet sind, alle bis an einen, mogen leben; die ubrigen
sollen bleiben wie sie sind. In ein Nonnen-Kloster, geh.
(Hamlet geht ab.)
Ophelia.
O was fur ein edles Gemuth ist hier zu Grunde gerichtet! Das Aug
eines Hofmanns, die Zunge eines Gelehrten, der Degen eines Helden!
Die Erwartung, die bluhende Hoffnung des Staats! Der Spiegel,
worinn sich jeder besah, der gefallen wollte; das Modell von allem
was gros, schon und liebenswurdig ist, ganzlich, ganzlich
zernichtet! Ich unglukselige! Die einst den Honig seiner
Schmeicheleyen, die Musik seiner Gelubde so begierig in mich sog;
und izt sehen mus, wie der schonste Geist, gleich einem verstimmten
Glokenspiel, lauter falsche, misklingende Tone von sich giebt, und
diese unvergleichliche Tugend-Bluhte in finstrer Schwermuth
hinwelkt! O! wehe mir! das ich leben muste, um zu sehen, was ich
gesehen habe.
Dritte Scene.
(Der Konig und Polonius treten auf.)
Konig.
Liebe, sagt ihr? Nein, sein Gemuth ist von ganz andern Dingen
eingenommen, und was er sagte, ob es gleich ein wenig seltsam klang,
war auch nicht Wahnwiz. Es liegt ihm etwas im Gemuth, woruber
seine Melancholie brutend sizt, und ich besorge es mochte
gefahrlich seyn, es zeitig werden zu lassen. Es ist mir in der
Geschwindigkeit ein Mittel beygefallen, wie diesem Ubel vorgebogen
werden kan. Ich will ihn ohne Aufschub nach England schiken, um
den Tribut zu fodern, der uns zurukgehalten wird: Vielleicht, das
die See-Luft, ein anders Land und andre Gegenstande, diese bose
Materie zerstreuen mogen, die sich in seinem Herzen gesezt, und
sein Gehirn mit schwarzen Vorstellungen angefullt hat, denen er
nachhangt, und daruber in diesen seltsamen Humor verfallen ist.
Was denkt ihr davon?
Polonius.
Es wird eine gute Wirkung thun. Und doch glaub ich noch immer, das
verachtete Liebe die erste Quelle und Ursach dieser Schwermuth
gewesen--Wie steht's, Ophelia? Ihr habt nicht nothig uns zu
erzahlen, was Prinz Hamlet sagte; wir haben alles gehort--
(Ophelia geht ab.)
Gnadigster Herr, handelt nach euerm Gefallen; wenn es euch aber
nicht entgegen ist, so last die Konigin seine Frau Mutter nach der
Comodie in einer geheimen Unterredung einen Versuch machen, die
Ursache seines Grams von ihm zu erfahren; last sie mit der Sprache
gerad gegen ihn herausgehen; und ich will mich, wenn ihr's fur gut
anseht, an einen Ort stellen, wo ich alles was sie mit einander
reden, horen kan. Will er sich nicht erklaren, so schikt ihn nach
England, oder verwahrt ihn sonst irgendwo; was eure Klugheit das
rathsamste finden wird.
Konig.
Wir wollen es so machen--Wahnwiz ist an den Grossen allemal was
verdachtiges das man nicht unbewacht lassen soll.
(Sie gehen ab.)
(Hamlet mit zween oder dreyen Schauspielern tritt auf.)
Hamlet.
Sprecht eure Rede, ich bitte euch, so wie ich sie euch vorgesagt
habe, mit dem naturlichen Ton und Accent, wie man im gemeinen Leben
spricht. Denn wenn ihr das Maul so voll nehmen wolltet, wie manche
von unsern Schauspielern zu thun pflegen, so ware mir eben so lieb,
wenn der Ausruffer meine Verse hersagte. Und sagt auch die Luft
nicht so mit eurer Hand, sondern macht es manierlich; denn selbst
in dem heftigsten Strom, Sturm und Wirbelwind einer Leidenschaft
must ihr eure Bewegungen so gut in eurer Gewalt haben, das sie
etwas edels und anstandiges behalten. O, es ist mir in der Seele
zuwider, wenn ich einen breitschultrichten Lummel in einer grossen
Peruke vor mir sehe, der eine Leidenschaft zu Fezen zerreist, und
um pathetisch zu seyn, sich nicht anderst gebehrdet, als wie ein
toller Mensch; aber gemeiniglich sind solche Gesellen auch nichts
anders fahig als Lerm und seltsame unnaturliche Gesticulationen zu
machen. Ich konnte einen solchen Burschen prugeln lassen, wenn er
die Rolle eines Helden kriegt, und einen Dragoner in der Schenke
daraus macht; Herodes selbst ist nur ein Kind dagegen. Ich bitte
euch, nehmt euch davor in Acht.
Schauspieler.
Dafur stehe ich Euer Gnaden.
Hamlet.
Indessen must ihr auch nicht gar zu zahm seyn; in diesem Stuke mus
eure Beurtheilungs-Kraft euer Lehrmeister seyn. Last die Action zu
den Worten, und die Worte zur Action passen, mit der einzigen
Vorsicht, das ihr nie uber die Grenzen des Naturlichen hinausgehst--
Denn alles Ubertriebne ist gegen den Endzwek der Schauspieler-
Kunst, der zu allen Zeiten, von Anfang und izt, nichts anders war
und ist, als der Natur gleichsam einen Spiegel vorzuhalten, der
Tugend ihre eigne wahre Gestalt und Proportion zu zeigen, und die
Sitten der Zeit, bis auf ihre kleinsten Zuge und Schattierungen
nach dem Leben gemahlt darzustellen. Wird hierinn etwas
ubertrieben, oder auch zu matt und unter dem wahren Leben gemacht,
so kan es zwar die Unverstandigen zum Lachen reizen; aber
Vernunftigen wird es desto anstossiger seyn; und das Urtheil von
diesen soll in euern Augen allemal ein ganzes Theater voll von
jenen uberwiegen. Ich kenne Schauspieler, und sie wurden von
gewissen Leuten gelobt (so sehr man loben kan,) die ihre Rollen so
abscheulich heulten, sich so ungebehrdig dazu spreisten, das ich
dachte, irgend einer von der Natur ihren Tagwerks-Jungen habe
Menschen machen wollen, und sie seyen ihm nicht gerathen; so
abscheulich-grotesk ahmten sie die menschliche Natur nach.
Schauspieler.
Ich hoffe, wir haben diesen Unform so ziemlich bey uns abgeschaft.
Hamlet.
O, schaft ihn durchaus ab. Und denen, die eure lustigen Bauren
machen sollen, scharfet ein, das sie nicht mehr sagen sollen, als
in ihrer Rolle steht; denn es giebt einige unter ihnen, die sich
selbst einen Spas damit machen wollen, das sie eine Anzahl alberner
Zuschauer zum Lachen bringen konnen, wenn gleich in dem nemlichen
Augenblik die Aufmerksamkeit auf eine wichtige Stelle des Stuks
geheftet seyn sollte: Das ist was infames, und zeigt eine
erbarmliche Art von Ambition an dem Narren, der es so macht. Geht,
macht euch fertig.
(Die Schauspieler gehen ab.)
Vierte Scene.
(Polonius, Rosenkranz und Guldenstern treten auf.)
Hamlet.
Wie ists, mein Herr? Will der Konig dieses Stuk horen?
Polonius.
Und die Konigin dazu, und das sogleich.
Hamlet.
So seht, das die Schauspieler hurtig machen.
(Polonius geht ab.)
Wollt ihr beyde nicht auch gehen, und ihnen helfen, das sie fertig
werden?
Beyde.
Wir wollen, Gnadiger Herr.
(Sie gehen ab.)
Hamlet.
He, holla, Horatio--(Horatio zu Hamlet.)
Horatio.
Hier, liebster Prinz, was habt ihr zu befehlen?
Hamlet.
Horatio, du bist durchaus so ein ehrlicher Mann, als ich jemals in
meinem Leben einen gefunden habe.
Horatio.
O, mein Gnadigster Herr--
Hamlet.
Nein, bilde dir nicht ein, ich schmeichle; denn was fur Interesse
konnt' ich von dir hoffen, dessen ganzer Reichthum darinn besteht,
das du Verstand genug hast, dir Nahrung und Kleider zu verschaffen?
Die Zunge der Schmeicheley lekt nur um die Fusse der Grossen, und
beugt ihre kupplerische Kniee nur, wo sie Belohnung hofft. Horst
du? Seitdem meine Seele fahig ist zu wahlen, und Menschen von
Menschen zu unterscheiden, hat sie dich aus allen fur sich selbst
auserkohren. Denn ich habe dich als einen Mann kennen gelernt, der
gutes und boses Gluk mit gleicher Massigung annahm, und wenn alle
Widerwartigkeiten sich gegen ihn vereinigten, so gutes Muthes war,
als ob er nichts zu leiden hatte. Und gluklich sind diejenigen,
deren Blut und Gemuths-Art so wol gemischt ist, das sie keine
Pfeiffe fur Fortunens Finger sind, und tonen mussen, wie sie greift.
Zeigt mir den Mann, der kein Sclave der Leidenschaft ist, ich
will ihn im Kern meines Herzens tragen; ja, in meines Herzens
Herzen, wie ich dich trage--Genug, und ein wenig mehr als genug
hievon!--Es soll diese Nacht ein Schauspiel vor dem Konig
aufgefuhrt werden, worinn eine Scene demjenigen sehr nahe kommt,
was ich dir von den besondern Umstanden von meines Vaters Tod
erzahlt habe. Ich bitte dich, wenn diese Scene kommt, so beobachte
meinen Oheim mit dem aussersten Grade der Aufmerksamkeit, der
deiner Seele moglich ist. Wenn bey einer gewissen Rede seine
geheime Schuld sich nicht selbst verrath, so ist der Geist den wir
gesehen haben, aus der Holle, und meine Einbildungen auf des
Teufels Ambose geschmiedet. Verwende kein Auge von ihm, ich will
es auch so machen, und hernach wollen wir unsre Beobachtungen
zusammentragen, und ein Urtheil uber sein Bezeugen festsezen.
Horatio.
Gut, Gnadiger Herr. Wenn er was stiehlt, wahrend das die Comodie
gespielt wird, und der Entdekung entgeht, will ich den Diebstahl
bezahlen.
Funfte Scene.
(Der Konig, die Konigin, Polonius, Ophelia, Rosenkranz,
Guldenstern, und andere Herren von Hofe, mit Bedienten, welche
Fakeln vortragen. Ein danischer Marsch, mit Trompeten.)
Hamlet.
Da kommen sie zur Comodie--ich mus hier den Geken machen--
(zu Horatio.)
Sieh dich um einen Plaz um.
Konig.
Wie steht's um unsern Neffen Hamlet?
Hamlet.
Unvergleichlich, in der That, nach Cameleons Art; ich esse Luft,
mit Versprechungen gefullt; eure Capunen werden nicht fett dabey
werden.
Konig.
Ich weis nichts mit dieser Antwort zu machen, Hamlet--
Hamlet.
Ich auch nicht--
(Zu Polonius.)
Nun, mein Herr; ihr spieltet ja ehmals auch Comodien auf der
Universitat, sagtet ihr?
Polonius.
Das that ich, Gnadiger Herr, und man hielt mich fur einen guten
Schauspieler.
Hamlet.
Und was machtet ihr fur Rollen?
Polonius.
Ich machte den Julius Casar, ich wurde im Capitol umgebracht;
Brutus brachte mich um.
Hamlet.
Das war brutal von ihm gehandelt, ein solches Capital-Kalb da
umzubringen--Sind die Comodianten fertig?
Rosenkranz.
Ja, Gnadiger Herr, sie warten auf euern Befehl.
Konigin.
Komm hieher, mein liebster Hamlet; seze dich zu mir.
Hamlet.
Um Vergebung, Frau Mutter, hier ist ein Magnet der starker zieht.
Polonius (zur Konigin.)
O, ho, habt ihr das bemerkt?
Hamlet.
Fraulein, wollt ihr mich in euerm Schoos ligen lassen?
(Er sezt sich zu ihren Fussen auf den Boden hin.)
Ophelia.
Nein, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Ich meyne, meinen Kopf auf euerm Schoos?
Ophelia.
Ja, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Denkt ihr, ich habe was anders gemeynt?
Ophelia.
Ich denke nichts, Gnadiger Herr.
Hamlet (etwas leise.)
Das ist ein hubscher Gedanke, zwischen eines Madchens Beinen zu
ligen--
Ophelia.
Was ist's, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Nichts.
Ophelia.
Ihr seyd aufgeraumt, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Wer, ich?
Ophelia.
Ja.
Hamlet.
O Gott! ein Spasmacher, wie ihr keinen mehr sehen werdet. Was
sollte einer thun, als aufgeraumt seyn? Denn, seht ihr, was meine
Mutter fur ein vergnugtes Gesicht macht, und es ist doch kaum zwo
Stunden, das mein Vater todt ist.
Ophelia.
Um Vergebung, es sind zweymal zween Monate, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Schon so lange? O, wenn das ist, so mag der Teufel schwarz gehen,
ich will meinen Hermelin-Pelz wieder umwerfen. O Himmel! schon
zween Monat todt, und noch nicht vergessen! So kan man doch hoffen,
das eines grossen Mannes Andenken sein Leben ein halbes Jahr
uberleben werde: Aber, bey unsrer Frauen! in diesem Fall mus einer
wenigstens eine Kirche gebaut haben; sonst mag er leiden, das man
nicht mehr an ihn denkt, wie das Steken-Pferd; dessen Grabschrift
ist:
Au weh! das ist beklagens werth,
Man denkt nicht mehr ans Steken-Pferd.*
{ed.-* Ein satyrischer Stich auf die damaligen Puritaner, welche man
in den Gassen-Liedern, die uber sie gemacht und gesungen wurden,
ihren bekannten scheinheiligen Eifer gegen alle Spiele bis gegen das
Steken-Pferd treiben lies, auf welchem doch sie, und ihres gleichen,
bis auf den heutigen Tag, so weydlich herumtraben.}
Sechste Scene.
(Musik von Hautbois. Die Pantomime tritt auf.)
(Ein Herzog und eine Herzogin mit Cronen auf den Hauptern, treten
sehr liebreich mit einander auf; die Herzogin umarmt ihn, und er
sie; sie kniet nieder, er hebt sie auf und neigt seinen Kopf auf
ihren Hals; er legt sich auf einen Blumenbank hin; sie sieht das er
eingeschlafen ist, und verlast ihn. Darauf kommt ein Kerl hervor,
nimmt seine Crone weg, kust sie, schuttet dem Herzog Gift ins Ohr,
und geht ab. Die Herzogin kommt zuruk, und da sie den Herzog todt
findet, gebehrdet sie sich gar klaglich. Der Vergifter kommt mit
zween oder drey Stummen wieder, und stellt sich, als ob er mit ihr
jammere. Der Leichnam wird weggetragen. Der Vergifter buhlt
hierauf um die Herzogin, und bietet ihr Geschenke an; sie scheint
eine Zeit lang unwillig, und unschlussig; doch zulezt nimmt sie
seine Liebe an.)
(Die Pantomime geht ab.)
Ophelia.
Was soll das bedeuten?
Hamlet.
Poz Stern, Fraulein, es bedeutet Unheil.
Ophelia.
Vermuthlich wird es den Inhalt des Stuks vorstellen sollen? (Der
Vorredner tritt auf.)
Hamlet.
Das werden wir von diesem Burschen horen: Die Comodianten konnen
nichts Geheimes bey sich behalten; sie werden alles sagen.
Ophelia.
Wird er uns sagen, was das stumme Schauspiel bedeutet?
Hamlet.
Ja, oder irgend ein Schauspiel das ihr ihm zu schauen gebt. Schamt
euch nicht, es ihn sehen zu lassen, so wird er sich nicht schamen,
euch zu sagen was es bedeutet.
Ophelia.
Ihr seyd unartig, sehr unartig; ich will auf die Comodie Acht geben.
Vorredner.
Der Prologus tritt hier hervor
Und bittet eure Huld
Um ein nicht allzu-critisch Ohr
Und ziemlich viel Geduld.
(Sie gehen ab.)
Hamlet.
Ist das ein Prologus, oder Poesie auf einen Ring?
Ophelia.
Es war ziemlich kurz.
Hamlet.
Wie Weiber-Treue.
(Der Herzog und die Herzogin des Schauspiels treten auf.)
Herzog.*
Dreissig male schon hat Phobus seinen glanzenden Lauf durch den
Himmel vollbracht, und zwolfmal dreissigmal der Mond seinen Silber-
Wagen um den Erdkreis getrieben, seit Amor unsre Herzen und Hymen
unsre Hande durch das Band geheiligter Liebe vereinigt hat.
{ed.-* Dieses ganze kleine Schauspiel ist im Original in Reimen von
unubersezlicher Schlechtigkeit abgefast.}
Herzogin.
Und eben so viele Reisen moge Sonne und Mond uns noch zahlen lassen,
eh das unerbittliche Geschik dieses theure Band zertrennen durfe.
Aber ach! weh mir! ihr befindet euch Zeit her so ubel, und eure
Gesundheit hat einen so starken Abfall erlidten, das ich nicht
anders als zittern kan: Doch lasset euch meine zartliche
Besorgnisse nicht erschreken, liebster Gemahl: Weiber furchten
allezeit wie sie lieben, in beydem mit Ubermaas. Wie weit meine
Liebe geht, hat euch die Erfahrung gelehrt; und so wie meine Liebe,
ist meine Furcht. Wo die Liebe gros ist, werden die kleinsten
Zweifel zu angstlichen Besorgnissen--
Herzog.
Deine Besorgnisse tauschen dich nicht, meine Liebe; ich werde dich
verlassen mussen, und das bald: Ich fuhle es, das meine Lebens-
Krafte ihren Verrichtungen nicht mehr gewachsen sind; ich werde
dich verlassen, und den Trost haben dich in dieser schonen Welt
geehrt und geliebt zuruk zu lassen; und vielleicht wirst du bald in
den Armen eines eben so zartlichen Ehegatten--
Herzogin.
O haltet ein, liebster Gemahl, vollendet den entsezlichen Gedanken
nicht! Diese auf ewig eurer Liebe geheiligte Brust, ist keiner
Verratherey fahig. Der Fluch falle auf den Tag, der mich in die
Arme eines andern Mannes legen wird! Nur diejenige heyrathet den
zweyten Mann, die den ersten ermordet hat--
Hamlet.
Wurmsaamen, Wurmsaamen!
Herzogin.
Die Betrachtungen, wodurch man sich zur zweyten Ehe bewegen last,
sind niedertrachtiges Interesse, niemals Liebe. Mir wurde es seyn,
ich stosse allemal den Dolch in meines ersten Mannes Herz, so oft
mich der zweyte kuste.
Herzog.
Ich zweifle nicht, das alles was ihr izt sagt, euer wahrer Ernst
ist: Aber wie oft brechen wir was wir uns selbst versprochen haben!
Unsre Vorsaze sind den zu fruhzeitigen Fruchten gleich, die zwar
eine Zeit lang fest am Baume steken, aber zulezt faulen, und dann
ungeschuttelt fallen. Wir vergessen nichts leichter zu bezahlen,
als was wir uns selbst schuldig sind; und es ist naturlich, das
Vorsaze, die wir aus Leidenschaft fassen, zugleich mit ihrer
Ursache aufhoren. Ubermaas in Vergnugen und Schmerz reibt sich
allezeit selber auf; und es ist billig, das in einer Welt, die
nicht fur immer gemacht ist, Schmerz und Lust ihr Ziel haben. Es
ist gar nichts befremdliches darinn, wenn unsre Liebe mit unsern
Umstanden sich andert, und es ist noch immer eine unausgemachte
Frage, ob die Liebe das Gluk, oder das Gluk die Liebe leite. Ihr
seht, wenn ein Grosser fallt, so fliehen seine Gunstlinge, und der
Arme, der emporkommt, macht seine Feinde zu Freunden; wie hingegen
derjenige, der in der Noth einen hohlen Freund auf die Probe sezen
will, sich geradezu einen Feind macht. Um also zum Schlus dessen
was ich angefangen habe zu kommen, so daucht mich, unsre Wunsche
und unsre Umstande durchkreuzen einander so oft, das unsre Vorsaze
selten in unsrer Gewalt bleiben; unsre Gedanken sind unser, aber
nicht ihre Ausfuhrung. Denke also immer, meine Liebe, das du
keinen zweyten Gemahl nehmen wollest, aber las diese Gedanken
sterben, sobald dein erster Mann gestorben ist.
Herzogin.
O! dann gebe mir weder die Erde Nahrung, noch der Himmel Licht!
Dann komme bey Tag und bey Nacht weder Freude in mein Herz noch
Ruhe auf meine Auglieder! Elender sey mein Leben als das Leben des
bussenden Einsiedlers, ein fortdaurender Tod; jeder meiner Wunsche
begegne dem was ihm am meisten entgegen ist, und ewige Qual
verfolge mich hier und dort, wenn ich aus einer Wittwe, jemals
wieder eine Vermahlte werde.
Hamlet.
Wenn sie diese Schwure bricht--
Herzog.
Das sind grosse Schwure! Meine Geliebteste, verlas mich izt eine
Weile; meine Geister werden matt; ich will versuchen, ob ich
schlafen kan--
(Er entschlaft.)
Herzogin.
Ruhe sanft, und niemals, niemals komme Ungluk zwischen uns beyde!
(Sie geht ab.)
Hamlet (zur Konigin.)
Gnadige Frau, wie gefallt euch dieses Stuk?
Konigin.
Mich daucht, die Dame verspricht zu viel.
Hamlet.
O, wir werden sehen, wie sie ihr Wort halten wird.
Konig.
Kennt ihr den Inhalt des Stuks? Ist nichts anstossiges darinn?
Hamlet.
Nein, gar nichts; es ist alles nur Spas; sie vergiften nicht im
Ernst; auf der Welt nichts anstossiges.
Konig.
Wie nennt sich das Stuk?
Hamlet.
Die (Maus-Falle;)--In der That, in einem figurlichen Verstande,
vermuthlich--Das Stuk ist die Vorstellung eines Mords der in Wien
begegnet ist; Gonzago ist des Herzogs Name, seine Gemahlin heist
Baptista; ihr werdet gleich sehen, das es ein schelmisches Stuk
Arbeit ist; aber was thut das uns? Eure Majestat und andre, die
ein gutes Gewissen haben, geht es nichts an; der mag sich krazen,
den es jukt; wir haben eine glatte Haut. (Lucianus tritt auf.)
Das ist einer, Namens Lucianus, ein Neffe des Herzogs.
Ophelia.
Man kan den Chor mit euch ersparen, Gnadiger Herr.
Hamlet.**
--Nun, fang einmal an, Morder. Hor auf, deine verteufelte
Gesichter zu schneiden, und fang an. Komm, der krachzende Rabe
schreyt um Rache.
{ed.-** Hier hat man zwey Scherz-Reden Hamlets weglassen mussen,
wovon die erste dem Ubersezer unverstandlich, und die andre eine
zweydeutige Zote ist.}
Lucianus
Schwarze Gedanken; willige Hande; schnellwurkendes Gift, und
gelegne Zeit--Alles stimmt zusammen, und kein Mensch ist da, der
mich sehen konnte. Ergiesse, du fatale Mixtur, aus
mitternachtlichen Krautern gezogen, und dreyfach mit Hecates Zauber-
Fluch geschwangert, ergiesse deine verderbliche Natur und magische
Eigenschaft, und mach' einem mir verhasten Leben ein plozliches
Ende!
(Er giest dem schlaffenden Herzog das Gift in die Ohren.)
Hamlet
(zum Konige.)
Er vergiftet ihn in seinem Garten, um Herr von seinem Vermogen zu
werden; sein Nam' ist Gonzago; die Historie davon ist im Druk, sie
ist im besten Toscanischen geschrieben. Sogleich werdet ihr sehen,
wie der Morder auch die Liebe von Gonzago's Gemahlin gewinnt--
Ophelia.
Der Konig steht auf.
Hamlet.
Wie, von einem blinden Lermen erschrekt?
Konigin.
Was fehlt meinem Gemahl?
Polonius.
Hort auf zu spielen!
Konig.
Gebt mir Licht. Weg! weg!
Alle.
Lichter, Lichter, Lichter!
(Sie gehen in Verwirrung ab.)
Siebende Scene.
(Hamlet und Horatio bleiben.)
Hamlet.
Last weinen den verwundten Hirsch,
Der unverlezte scherzt:
Denn billig wacht die Missethat
Indem die Unschuld schlaft. Wurde das, Herr, (wenn alles andre
fehlschluge) und ein Wald von Federn auf dem Hut, und ein paar
ungeheure Rosen auf meinen gestreiften Schuhen, mir nicht einen
Plaz unter einen Kuppel von Comodianten verschaffen?
Horatio.
Ich mache mit, wenn's dazu kommt.
Hamlet.
O mein guter Horatio, ich wollte des Geists Wort fur zehntausend
Thaler annehmen. Hast du's gesehen?
Horatio.
Nur gar zu wohl, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Wie die Rede vom Vergiften war?
Horatio.
Ich hab' es sehr wol beobachtet. (Rosenkranz und Guldenstern
treten auf.)
Hamlet.
He! holla! kommt, spielt uns eins auf. Kommt, wo sind die
Floten? Wenn die Comodie dem Konig nicht gefallt, nun, so gefallt
sie ihm eben nicht, und er mus wissen warum. Kommt, spielt auf,
sag ich.
Guldenstern.
Mein Gnadiger Prinz, erlaubet mir ein Wort mit euch zu reden--
Hamlet.
Eine ganze Historie, Herr.
Guldenstern.
Der Konig, mein Herr--
Hamlet.
So, mein Herr, was giebt's von ihm?
Guldenstern.
Hat sich in sein Cabinet verschlossen, und befindet sich
ausserordentlich ubel--
Hamlet.
Vielleicht von zu vielem Wein?
Guldenstern.
Nein, Gnadiger Herr, von Galle--
Hamlet.
Eure gewohnliche Weisheit hat euch nicht wohl gerathen, mein Herr,
da sie euch zu mir gewiesen hat; zum Doctor hattet ihr gehen sollen;
ich kan hier nichts; denn wenn ich ihm auch ein Purgier-Mittel
eingeben wollte, so mocht' es ihm leicht noch mehr Galle machen.
Guldenstern.
Gnadiger Herr, horet mich an, anstatt durch solche seltsame
Absprunge meinem Vortrag auszuweichen.
Hamlet.
Ich will stehen bleiben, Herr--Sprecht!
Guldenstern.
Die Konigin, eure Frau Mutter, schikt mich in grossester Betrubnis
ihres Herzens zu euch.
Hamlet.
Ihr seyd willkommen.
Guldenstern.
Nein, Gnadiger Herr, dieses Compliment ist hier ausser seinem Plaz.
Wenn es euch beliebig ist, mir eine gesunde Antwort zu geben, so
will ich mich des Auftrags entledigen, den mir eure Mutter
aufgegeben hat; wo nicht, so werdet ihr mir verzeihen, wenn ich
gehe, und mein Geschaft fur geendigt halte.
Hamlet.
Herr, das kan ich nicht--
Guldenstern.
Was, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Euch eine gesunde Antwort geben; mein Wiz ist gar nicht wohl auf
Aber, Herr, so gut als ich eine Antwort geben kan, steht sie euch
zu Diensten; oder vielmehr wie ihr sagt, meiner Mutter--also nur
ohne fernern Umschweif zur Sache!--Meine Mutter, sagt ihr--
Rosenkranz.
Nun dann, das sagt sie; euer Betragen hat sie in das ausserste
Befremden und Erstaunen gesezt.
Hamlet.
O erstaunlicher Sohn, der seine Mutter so in Erstaunen sezen kan!
Aber stolpert nicht etwann eine Folge hinter dieser Erstaunung her?
Rosenkranz.
Sie wunscht, eh ihr zu Bette geht, in ihrem Cabinet mit euch zu
sprechen.
Hamlet.
Wir werden gehorchen, und wenn sie zehnmal unsre Mutter ware. Habt
ihr noch weiter was mit uns zu handeln?
Rosenkranz.
Gnadiger Herr, ihr liebtet mich einst--
Hamlet.
Das thu ich noch--
Rosenkranz.
Nun, dann, liebster Prinz, um unsrer alten Freundschaft willen, was
ist die Ursache dieses euers seltsamen Humor's? Seyd versichert,
ihr sezt eure eigne Freyheit in Gefahr, wenn ihr euch langer
weigert, eure Beschwerden einem Freunde zu vertrauen.
Hamlet.
Mein Herr, ich mochte gern Befordrung.
Rosenkranz.
Wie kan das seyn, da ihr das Konigliche Wort fur eure Thronfolge in
Dannemark habt?
Hamlet.
Schon gut, aber, (weil das Gras wachst)--Das Spruchwort ist ein
wenig schmuzig. (Einer mit einer Flote tritt auf.) O, die Floten;
last mich eine sehen--Wir gehen mit einander, mein Herr--Wie, warum
geht ihr so um mich herum, mir den Wind abzugewinnen, als ob ihr
mich in ein Garn treiben wolltet?
Guldenstern.
O mein Gnadiger Prinz, wenn mich meine Pflicht zu kuhn macht, so
zwingt mich meine Liebe so gar unhoflich zu seyn.
Hamlet.
Das versteh' ich nicht allzuwol. Wollt ihr auf dieser Flote
spielen?
Guldenstern.
Ich kan nicht, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Ich bitte euch.
Guldenstern.
Glaubt mir, auf mein Wort, ich kan nicht.
Hamlet.
Ich bitte recht sehr.
Guldenstern.
Ich kenne keinen Griff, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Es ist eine so leichte Sache als Lugen; regiert die Windlocher mit
euern Fingern und dem Daumen, blast mit euerm Mund darein, und es
wird die beredteste Musik von der Welt von sich geben. Seht ihr,
hier sind die Griff-Locher.
Guldenstern.
Aber das ist eben der Fehler, das ich sie nicht zu greiffen weis,
damit eine Harmonie heraus komme; ich verstehe die Kunst nicht.
Hamlet.
So? seht ihr nun, was fur ein armseliges Ding ihr aus mir machen
wollt; ihr mochtet gern auf mir spielen; ihr mochtet dafur
angesehen seyn, als ob ihr meine Griffe kennet; ihr mochtet mir
gern mein Geheimnis aus dem Herzen herausziehen; ihr wollt das ich
euch von der untersten Note an bis zur hochsten angeben soll; das
wollt ihr; und es ist so viel Musik, ein so reizender Gesang in
diesem kleinen Stuke Holz, und doch konnt ihr sie nicht
herausbringen? Wie, bildet ihr euch ein, das ich leichter zu
spielen bin als eine Pfeiffe? Nennt mich welches Instrument ihr
wollt, aber wenn ihr schon auf mir herumpfuschen konnt, so konnt
ihr doch nicht auf mir spielen--Grus euch Gott, mein Herr--
Polonius (zu den Vorigen).
Gnadiger Herr, die Konigin mochte gern mit euch sprechen, und das
sogleich.
Hamlet.
Seht ihr dort jene Wolke, die beynahe wie ein Camel aussieht?
Polonius.
Bey Sct. Veit, in der That, vollkommen wie ein Camel.
Hamlet.
Mich daucht, sie gleicht eher einer Amsel.
Polonius.
Sie ist schwarz wie eine Amsel.
Hamlet.
Oder einem Wallfisch?
Polonius.
Sie hat viele Ahnlichkeit mit einem Wallfisch, das ist wahr.
Hamlet.
Nun, so will ich gleich zu meiner Mutter kommen--
(vor sich.)
--Die Kerls werden mich noch toll machen--Ich will kommen,
augenbliklich.
Polonius.
Ich will es so sagen.
Hamlet.
Augenbliklich ist bald gesagt. Last mich allein, gute Freunde.
(Sie gehen ab.)
Es ist nun Mitternacht, die Zeit wo Zauberer und Unholden hinter
dem Vorhang der Finsternis ihre abscheulichen Kunste treiben; die
Zeit, wo Kirchhofe ihre Todten auslassen, und die Holle selbst
verpestete Seuchen in die Oberwelt aufdunstet. Nun konnt ich
heisses Blut trinken, Dinge thun, von deren Anblik der bessere Tag
zurukschauern wurde. Stille! Nun zu meiner Mutter--O mein Herz,
verliehre deine Natur nicht! Las nicht, o! nimmermehr! die Seele
des Nero in diesen entschlossenen Busen fahren; ich will grausam
seyn, nicht unnaturlich; ich will Dolche mit ihr reden, aber keinen
gebrauchen. Hierinn sollen meine Zunge und mein Herz nicht
zusammen stimmen. So unbarmherzig immer meine Worte mit ihr
verfahren werden, so fern sey es doch auf ewig von meiner Seele,
sie ins Werk zu sezen.
(Er geht ab.)
Achte Scene.
(Der Konig, Rosenkranz und Guldenstern treten auf.)
Konig.
Er gefallt mir gar nicht, und es wurde auch nicht sicher fur uns
seyn, diese Tollheit so ungebunden fortschwarmen zu lassen. Macht
euch also reisefertig; ich will euch unverzuglich eure Instruction
aufsezen, und er soll mit euch nach England. Die Umstande
gestatten nicht, uns den Gefahren blos zu stellen, welche stundlich
aus seinen Mondsuchtigen Launen entstehen konnen.
Guldenstern.
Wir wollen uns anschiken; es ist eine hochst gerechte und heilige
Furcht, fur so vieler tausend Personen Sicherheit besorgt zu seyn,
die in Eu. Majestat leben.
Rosenkranz.
Es ist die Privat-Pflicht eines jeden Menschen, alle Krafte seines
Verstands dazu anzustrengen, sich selbst vor Schaden zu bewahren:
Aber vielmehr ist es eine Pflicht desjenigen Geists, der die Seele
des ganzen Staats-Korpers ist, und von dessen Wohl das Leben so
vieler andern abhangt. Der Tod eines Konigs ist nicht der Tod
eines einzigen, sondern zieht, wie ein Strudel alles was ihm nahe
kommt, in sich. Er ist wie ein Rad, das von dem Gipfel des
hochsten Bergs herunter gewalzt, unter seinen ungeheuren Speichen
tausend kleinere Dinge die daran hangen zertrummert. Ein Konig
seufzt nie allein; wenn er leidet, leiden alle.
Konig.
Rustet euch, ich bitte euch, aufs eilfertigste zu dieser Reise; wir
mussen dieser Gefahr Fesseln anlegen, die bisher so frey herum
gegangen ist.
Beyde.
Wir wollen unser ausserstes thun.
(Sie gehen ab.)
(Polonius tritt auf.)
Polonius.
Gnadigster Herr, er ist im Begriff, in seiner Frau Mutter Cabinet
zu gehen; ich will mich hinter die Tapeten versteken, um zu horen,
wie sie ihm den Text lesen wird. Denn wie Euer Majestat sagte,
(und es war weislich gesagt) es ist nicht uberflussig, das noch
jemand andrer als eine Mutter, (die das mutterliche Herz immer
partheyisch zu machen pflegt) mit anhore, was er zu seiner
Verantwortung sagen wird. Lebet wohl, mein Gebieter, ich will euch
wieder aufwarten, eh ihr zu Bette geht, und euch erzahlen, was ich
gehort haben werde.
(Er geht ab.)
Konig.
Ich danke euch, mein ehrlicher Polonius.
(allein.)
O! Mein Verbrechen ist stinkend; es riecht zum Himmel hinauf; es
ist mit dem altesten Fluche beladen; ein Bruder-Mord--Beten kan ich
nicht--wie konnt' ich, da ich, in innerlichem Streit zwischen
meiner Neigung und meinem Vorsaz demjenigen gleich bin, der zwey
Geschafte vor sich liegen hat, und unterm Zweifel, welches er
zuerst thun soll, beyde versaumt.--Wie, wenn diese verbrecherische
Hand diker als sie ist, mit Bruder-Blut uberzogen ware? Hat der
allgutige Himmel nicht Regen genug, sie schneeweis zu waschen?
Wozu dient Barmherzigkeit, als dem Verschuldeten Gnade zu erweisen?
Hat nicht das Gebet diese doppelte Kraft, uns Unterstuzung zu
verschaffen, eh wir fallen, oder Vergebung, wenn wir gefallen sind?
So will ich dann aufschauen--Mein Verbrechen ist hinweg. Aber, o!
was fur eine Formul von Gebet kan ich gebrauchen?--"Vergieb mir
meinen schandlichen Mord!"--Das kan nicht seyn, da ich noch immer
im Besiz der Vortheile bin, um derentwillen ich diesen Mord begieng--
meiner Krone, und meiner Konigin? Wie kan ein Verbrecher
Vergebung hoffen, so lang er sich den Gewinn seiner Ubelthat
vorbehalt? Ja, nach dem verkehrten Lauf dieser Welt kan es seyn,
kan des Verbrechens uberguldete Hand das Auge der Gerechtigkeit
zuschliessen; hier, wo oft der Lohn der Ungerechtigkeit selbst das
Gesez auskauft; aber so ist es nicht dort oben: Dort gelten keine
Ausfluchte; dort liegt die That in ihrer naturlichen Blosse da, und
wir sind gezwungen, ihr Zeugnis wieder uns, im Angesicht unsrer
Sunden, zu bekraftigen. Wie dann? Was bleibt ubrig?--Versuchen,
was Reue vermag: Was vermag sie nicht?--Aber was vermag blosse
unfruchtbare Reue?--O unseliger Zustand! O, im Schlamme versunkene
Seele! die du desto tiefer versinkst, je mehr du dich losarbeiten
willst. Helft mir, ihr Engel! helfet! Zur Erde, ihr
ungeschmeidigen Kniee! Und du, Herz mit Fibern von Stahl, entharte
dich, und werde so weich wie die Sehnen eines neugebohrnen Kinds!--
Es kan noch alles gut werden.
(Er begiebt sich in den hintersten Theil der Scene und kniet nieder.)
Neunte Scene.
(Hamlet tritt auf.)
Hamlet.
Izt konnt' ich's am fuglichsten thun, izt da er betet, und izt will
ich's thun--so fahrt er doch gen Himmel--Und das sollte meine Rache
seyn? Das wurde fein lauten!--Ein Bosewicht ermordet meinen Vater,
und davor schik ich sein einziger Sohn, diesen nemlichen Bosewicht
gen Himmel--O, das ware Belohnung nicht Rache! Er uberfiel meinen
Vater unversehens, bey vollem Magen, mit allen seinen in voller
Bluthe stehenden Sunden--und wie es nun um ihn steht, weis allein
der Himmel--Unsern Begriffen nach ubel genug. War ich also
gerochen, wenn ich ihm in dem Augenblik wegnahme, da sich seine
Seele ihrer Schulden entladen hat, da sie zu diesem Ubergang
geschikt ist?--Hinein, mein Schwerdt; du bist zu einem
schreklichern Dienst bestimmt! Wenn er betrunken ist und schlaft,
oder im Ausbruch des Zorns, oder mitten in den blutschanderischen
Freuden seines Bettes, wenn er spielt, flucht, oder sonst etwas
thut, das keine Hoffnung der Seligkeit ubrig last, dann gieb ihm
einen Stos, das er seine Beine gen Himmel streke, indem seine
schwarze Seele zur Holle fahrt--Meine Mutter wartet auf mich--eine
Arzney, die zu nichts dient, als eine unheilbare Krankheit zu
verlangern.
(Er geht ab.)
(Der Konig steht auf, und tritt vorwarts.)
Konig.
Meine Worte fliegen auf, meine Gedanken bleiben zuruk; und Worte
ohne Gedanken langen nie im Himmel an.
(Er geht ab.)
Zehnte Scene.
(Verwandelt sich in das Cabinet der Konigin.)
(Die Konigin und Polonius treten auf.)
Polonius.
Er wird sogleich da seyn; seht, das ihr rund mit ihm zu Werke geht;
sagt ihm, die Streiche die er gespielt habe seyen zu grob, zum
Ausstehen; der Konig sey sehr ungehalten daruber, und wenn ihr
nicht seine Fursprecherin gewesen waret, so hatte es Folgen haben
konnen--Ich will mich hier verbergen; ich bitte euch, sagt ihm die
Meynung fein scharf.
Hamlet (hinter der Scene.)
Mutter! Mutter!--
Konigin.
Seyd deswegen ohne Sorge; verlast euch auf mich--Entfernt euch, ich
hor' ihn kommen.
(Polonius verbirgt sich hinter die Tapeten.)
(Hamlet tritt auf.)
Hamlet.
Nun, Mutter, was ist die Sache?
Konigin.
Hamlet, du hast deinen Vater sehr beleidiget.
Hamlet.
Mutter, ihr habt (meinen) Vater sehr beleidiget.
Konigin.
Kommt, kommt, ihr gebt mir eine verkehrte Antwort.
Hamlet.
Sie schikt sich auf eine boshafte Anrede.
Konigin.
Wie, was soll das seyn, Hamlet?
Hamlet.
Was wollt ihr dann?
Konigin.
Kennst du mich nicht mehr?
Hamlet.
Nein, beym Himmel, das nicht; ihr seyd die Konigin, euers Gemahls
Bruders Weib, aber ich wollte, ihr waret es nicht!--Ihr seyd meine
Mutter.
Konigin.
Gut, wenn du aus diesem Ton anfangst, so will ich dir jemand
antworten lassen, der reden kan--
Hamlet.
Kommt, kommt, und sezt euch nieder; ihr sollt mir nicht von der
Stelle: Ich las euch nicht gehen, bis ich euch einen Spiegel
vorgehalten habe, worinn ihr euch bis auf den Grund eurer Seele
sehen sollt.
Konigin.
Was hast du im Sinn? Du wirst mich doch nicht ermorden wollen?
Hulfe! ho!
Polonius (hinter der Tapete.)
Wie? He, Hulfe!
Hamlet.
Was giebt's da? Eine Maus? Todt um einen Ducaten, todt.
(Er ersticht den Polonius.)
Polonius.
O, ich bin ein Mann des Todes.
Konigin.
Weh mir! Was hast du gethan?
Hamlet.
In der That, ich weis es nicht: Ist es der Konig?
Konigin.
O, was fur eine rasche und blutige That ist das!
Hamlet.
Eine blutige That; beynahe so schlimm, meine gute Mutter, als einen
Konig ermorden und seinen Bruder heyrathen.
Konigin.
Einen Konig ermorden?
Hamlet.
Ja, Gnadige Frau, das war mein Wort.
(Zu Polonius.)
Du ungluklicher, unbesonnener, unzeitig-geschaftiger Thor, fahr du
wohl! Ich hielt dich fur einen Grossern als du bist; habe nun, was
du dir zugezogen hast; du erfahrst nun, das es gefahrlich ist, sich
gar zu viel zu thun zu machen--
(Zur Konigin.)
Macht nicht so viel Hande-Ringens, still, sezt euch nieder, und
last mich euer Herz in die Presse nehmen; denn das will ich thun,
wenn es anders von lasterhafter Gewohnheit nicht so eisenhart
worden ist, das es alles Gefuhl verlohren hat.
Konigin.
Was hab ich gethan, das dich vermessen genug macht, mich so rauh
anzulassen?
Hamlet.
Eine That, welche die keusche Rothe der Unschuld selbst verdachtig
macht, und die Tugend eine Heuchlerin nennt; die Rose von der
schonen Stirne einer rechtmasigen Liebe wegreist und eine Eyter-
Beule an ihre Stelle sezt; eine That, die den Ehgelubden nicht mehr
Glauben ubrig last, als die Schwure falscher Wurfel-Spieler haben--
O! so eine That, die den ehrwurdigsten Vertragen die Seele
ausreist, und die holde Religion in leeren Worter-Schall verwandelt.
Des Himmels Angesicht sieht, seit dem diese That geschehen ist,
mit trubem Auge auf diesen Erdball herab; so duster und traurig,
wie beym Anbruch des Welt-Gerichts.
Konigin.
Weh mir, was fur eine That?
Hamlet.
Die so laut brullt, das sie bis in die Indien donnert--Seht hieher,
seht auf dieses Gemahlde, und auf dieses, die Abbildungen zwoer
Bruder: seht, was fur eine Wurde sas auf dieser Stirne--Hyperions
Loken--die Stirne des Jupiters selbst--ein Auge, wie des Kriegs-
Gottes, zu schreken oder Befehle zu herrschen; eine Stellung, wie
des Herolds der Gotter, der sich eben auf einen himmelkussenden
Hugel herabgeschwungen hat; eine Gestalt, auf welche jeder Gott
sein Siegel gesezt zu haben schien um der Welt zu urkunden, das das
ein Mann sey. Das war euer Gemahl--Seht nun hieher; hier ist euer
Gemahl, er, der wie der Mihlthau eine gesunde Ahre, seinen Bruder
vergiftete. Habt ihr Augen? Konntet ihr die gute Weyde auf diesem
schonen Berge verlassen, um euch in diesem Morast zu walzen? Ha!
habt ihr Augen? Ihr konnt es nicht Liebe heissen; denn, in euerm
Alter, ist das Blut zahm, und last sich von der Vernunft leiten;
und welche Vernunft wurde von (diesem) zu (diesem) ubergehen?
Sinnlichkeit habt ihr, das ist gewis; sonst konntet ihr keine
Vorstellung haben; aber diese Sinnen sind vom Schlage getroffen:
Wahnwiz konnte sich nicht so sehr verirrt haben; so toll wird
niemand, das ihm nicht noch immer so viel Unterscheidungs-Kraft
ubrig bleibe, eine solche Verschiedenheit wahrzunehmen--Was fur ein
Teufel hat euch denn die Augen verbunden, wie ihr diese Wahl
machtet? Augen ohne Gefuhl, Gefuhl ohne Augen, Ohren ohne Hande
oder Augen, oder nur ein kranker Rest eines einzigen unverblendeten
Sinn's hatte sich nicht so verfehlen konnen--O Schaam! wo ist
deine Rothe? Rebellische Holle, wenn du in den Gebeinen einer
Matrone einen solchen Aufruhr machst, so las immer die Keuschheit
der Jugend Wachs seyn, und in ihrem eignen Feuer wegschmelzen.
Ruft keine Schande aus, wenn der ungestume Trieb der Jugend-Hize in
Ausschweiffung auflodert, da der Frost selbst eben so ungezahmt
brennt, und Vernunft die Kupplerin schnoder Luste wird.
Konigin.
O Hamlet, halte ein! Du drehst meine Augen in meine innerste Seele,
und da seh ich so schwarze, so hasliche Fleken, das sie nimmermehr
ihre Farbe verliehren werden.
Hamlet.
Gewis nicht, so lang ihr fahig seyd in dem stinkenden Schweis eines
blutschandrischen Bettes zu leben, der Liebe in einem unflatigen
Schwein-Stalle zu pflegen--
Konigin.
O hore auf; diese Reden dringen wie Dolche in meine Ohren--Nichts
mehr, lieber Hamlet.
Hamlet.
Ein Morder, und ein schlechter Kerl oben drauf!--Ein Sclave, der
nicht der zwanzigste Theil eines Zehentheils von euerm ersten Herrn
ist, der Pikelharing unter den Konigen, ein feiger Schurke und
Gaudieb, der die Krone von einem Kussen wegstahl, und sie in seinen
Schnapsak stekte--
Konigin.
Genug, genug--
(Der Geist last sich sehen.)
Hamlet.
Ein zusammengeflikter Lumpen-Konig--Himmel!
(Er starrt mit Entsezen auf.)
umschwebet mich mit euern Flugeln, ihr himmlischen Wachter!--Was
will deine ehrwurdige Erscheinung?
Konigin.
O weh! er ist wahnsinnig--
Hamlet.
Kommt ihr nicht, euern tragen Sohn zu beschelten, der die Zeit in
unthatigem Gram verliehrend, das grosse Werk, das ihr ihm
anbefohlen habt, liegen last?
Geist.
Vergis es nicht: Dieser Besuch hat sonst keine Absicht, als deinen
fast stumpfen Vorsaz zu wezen. Aber, siehe! Erstaunen ergreift
deine Mutter! O tritt zwischen sie und ihre kampfende Seele: In
den schwachsten Korpern wirkt die Einbildung am starksten. Rede
mit ihr, Hamlet.
Hamlet.
Wie steht es um euch, Gnadige Frau?
Konigin.
O weh! wie steht es um dich? das du deine Augen so auf einen Ort
ohne Gegenstand heftest, und mit der unkorperlichen Luft Gesprache
fuhrst? Deine Geister schauen wild aus deinen Augen heraus, und
gleich schlafernden Soldaten bey einem plozlichen Alarm, starren
deine Haare, wie beseelt, empor, und stehen unbeweglich auf ihren
Enden--O mein lieber Sohn, sprize kalte Geduld auf das Feuer deiner
Leidenschaft--Was schauest du so an?
Hamlet.
Ihn! Ihn selbst!--Seht ihr den dustern Schein, den er von sich
giebt? Seine Gestalt und seine Sache zusammengenommen, konnten
Steine in Bewegung und Leidenschaft sezen--O sieh mich nicht an,
oder dieser traurige Blik verwandelt meinen frommern Vorsaz in Wuth--
und macht hier Blut fur Thranen fliessen.
Konigin.
Mit wem redet ihr?
Hamlet.
Seht ihr denn nichts hier?
(Er zeigt mit dem Finger auf den Geist.)
Konigin.
Nicht das geringste; und doch seh ich alles was ist.
Hamlet.
Hort ihr auch nichts?
Konigin.
Nein, nichts als uns beyde.
Hamlet.
Wie, seht nur dorthin! Seht, wie es hinweg gleitet! Mein Vater in
seiner leibhaften Gestalt! Seht, eben izt geht es durch die Thure
hinaus.
(Der Geist verschwinde.)
Konigin.
Es ist ein blosses Gespenst euers Hirns, ein unwesentliches
Geschopf der schwarmenden Phantasie.
Hamlet.
Was Phantasie? Mein Puls schlagt so regelmassig als der eurige--
Ich habe nicht in tollem Muth gesprochen; sezt mich auf die Probe;
ich will euch alles von Wort zu Wort wieder hersagen; das kan der
Wahnwiz nicht--Mutter, um des Himmels willen, legt diese
schmeichlerische Salbe nicht auf eure Seele, als ob nicht euer
Verbrechen, sondern meine Tollheit rede: Das wurde nur den
eyternden Schaden mit einer Haut uberziehen, indes das faulende
Gift inwendig um sich frasse und das Ubel unheilbar machte.
Beichtet eure Sunde dem Himmel; bereuet, was geschehen ist, und
vermeidet, was noch geschehen kan--Leget keine Dungung auf Unkraut,
um es noch uppiger zu machen. Vergebet mir diese meine Tugend;
weil doch in dieser verdorbnen Zeit die Tugend das Laster um
Vergebung bitten, und sich noch buken und krummen mus, um Erlaubnis
zu erhalten, ihm Gutes zu thun.
Konigin.
O Hamlet! Du hast mir das Herz entzwey gebrochen.
Hamlet.
O werft den schadhaften Theil weg, und lebt desto gesunder mit der
andern Halfte. Gute Nacht; aber geht nicht in meines Oheims Bette:
Zwingt euch zur Tugend, wenn ihr sie nicht in euerm Herzen findet.
Die Gewohnheit, dieses Ungeheuer, welches das Gefuhl aller bosen
Fertigkeiten wegfrist, ist doch darinn ein Engel, das sie auch die
Ausubung schoner und guter Handlungen erleichtert: Thut euch diese
Nacht Gewalt an; das wird die folgende Enthaltung schon weniger
muhsam machen; die nachstfolgende wird schon leichter seyn: Denn
Ubung im Guten kan sogar den Stempel der Natur ausloschen, ja den
Teufel selbst uberwaltigen und austreiben, so sehr er sich entgegen
straubt. Noch einmal, gute Nacht! und wenn ihr selbst nach dem
himmlischen Segen begierig seyd, denn will ich euch um euern Segen
bitten--Was diesen ehrlichen Mann betrift,
(er zeigt auf die Leiche des Polonius)
so ist mir's leid; aber es hat nun dem Himmel so gefallen, einen
durch den andern zu straffen, und mich zur Geisel zu machen, um sie
zu zuchtigen. Ich will fur ihn sorgen, und fur den Tod, den ich
ihm gab, soll sein Geist Genugthuung von mir haben; hiemit noch
einmal gute Nacht! Ich mus grausam seyn, um eine gute Absicht zu
erhalten--Der Anfang ist nun gemacht, aber das Schlimmste steht
noch bevor.
Konigin (in Verlegenheit.)
Was soll ich thun?
Hamlet (entrustet und spottisch.)
Ja bey Leibe nichts von allem, warum ich euch gebeten habe--Euch
von euerm strozenden Konig wieder in sein Bette loken, in die Baken
zwiken, sein Mauschen nennen lassen; um ein paar stinkende Kusse,
oder dafur, das er euch mit seinen verdammten Fingern am Halse
herum krabbelt, euch den ganzen Inhalt unsrer Unterredung abtandeln
lassen, und das ich nicht wirklich, sondern nur verstellter Weise
toll bin. Es ware recht gut, wenn ihr ihn das wissen liesset.
Denn warum sollte auch eine so schone, kluge, tugendsame Konigin
Sachen von solcher Wichtigkeit vor einer Krote, vor einer
Fledermaus, vor einer Meer-Kaze geheim halten? Wer wollte das
thun? Nein, troz der Vernunft und Verschwiegenheit! Zieht den
Nagel aus dem Korb auf dem Dach, last die Vogel ausfliegen, und
kriecht, wie der Affe in der Fabel, dafur in den Korb hinein, und
wenn ihr euern eignen Hals daruber brechen solltet.
Konigin.
Sey du versichert, wenn Worte aus Athem, und Athem aus Leben
gemacht sind, so hab ich kein Leben, um zu athmen was du mir gesagt
hast.
Hamlet.
Ich mus nach England, das wist ihr doch?
Konigin.
Ach ja, das hatt' ich vergessen; so ist's beschlossen worden.
Hamlet.
Die Briefe sind schon gesiegelt, und meine zween Schul-Cameraden
(denen ich trauen will, wie ich einer Otter in meiner Hand trauen
wollte) tragen die Instruction; sie sollen mit mir reisen, und
meine Wegweiser in die Grube seyn, die mir gegraben ist: Wir wollen
sehen, was daraus wird--Denn das ist eben der Spas, wenn der
Artillerist in seiner eignen Mine in die Luft gesprengt wird; und
es mus hart hergehen, wenn ich nicht eine Ruthe tiefer als sie
grabe und sie in den Mond hinein blase. O es ist ein Vergnugen,
wenn eine List in gerader Linie auf die andre stost!--Diesen wakern
Mann hier will ich aufpaken--Er ist zu schwer; ich will den Wanst
in das nachste Zimmer schleppen; gute Nacht, Mutter--In der That,
dieser geheime Rath, der in seinem Leben ein alberner plauderhafter
Bube war, ist nun auf einmal gesezt, gravitatisch und verschwiegen
worden. Kommt, Sir, wir wollen euch an Ort und Stelle bringen--
Gute Nacht, Mutter.
(Hamlet geht ab, und schleppt den Polonius nach.)
Vierter Aufzug.
Erste Scene.
(Das Konigliche Zimmer.)
(Der Konig, die Konigin, Rosenkranz und Guldenstern treten auf.)
Der Konig (zur Konigin.)
Diese Seufzer sind von Inhalt schwer; es ist nothig, das wir ihre
Bedeutung verstehen. Wo ist euer Sohn?
Konigin.
Last uns auf einen Augenblik allein.
(zu Rosenkranz und Guldenstern welche sich entfernen.)
Konig.
Was ist's, Gertrude? Was macht Hamlet?
Konigin.
Er ist rasender als die See und der Wind, wenn beyde kampfen,
welches das machtigste sey; in einem solchen Anstos von unbandiger
Wuth hort er etwas hinter den Tapeten sich ruhren, zieht den Degen,
ruft, eine Maus! und ersticht in dieser Einbildung den ungesehenen
guten alten Mann.
Konig.
Himmel! welch ein Unfall--So wurde es (uns) gegangen seyn, wenn
wir an des Alten Plaz gewesen waren: Seine Freyheit drohet
allgemeine Gefahr, euch selbst und jederman. Wehe uns! Wie werden
wir diese blutige That rechtfertigen konnen? Sie wird uns zur Last
gelegt werden, weil wir die Vorsicht hatten haben sollen, diesen
rasenden jungen Menschen eingesperrt zu halten. Aber so weit gieng
unsre Liebe zu ihm; wir verblendeten uns selbst gegen das was die
Klugheit erforderte, und glichen hierinn einem Menschen, der mit
einem bosen Schaden behaftet ist, und ihn aus Furcht das er bekannt
werden mochte, so lange nahrt, bis er das Mark seines Lebens
weggefressen hat. Wo ist er hingegangen?
Konigin.
Den Leichnam des Ermordeten wegzuschaffen, bey dem er sich so
gebehrdet, das man deutlich siehet, wie sein Wille keinen Theil an
dem Werk seiner Raserey habe. Er beweint, was er gethan hat.
Konig.
O Gertrude, kommt mit mir; die Sonne soll nicht balder die Gebirge
beruhren, als wir ihn von hier zu Schiffe senden wollen: Und was
diese bose That betrift, so werden wir alles unsers Ansehens und
unsrer Klugheit nothig haben, um ihren Folgen vorzubauen--He!
Guldenstern! (Rosenkranz und Guldenstern kommen zuruk.) Meine
Freunde, geht, und nehmet noch einige Leute mit euch; Hamlet hat in
einem Anfall von Raserey den Polonius erschlagen, und ihn aus
seiner Mutter Cabinet weggeschleppt; geht, sucht ihn auf, redet
freundlich mit ihm, und bringt den Leichnam in die Schlos-Capelle.
Ich bitte euch, saumt euch keinen Augenblik.
(Rosenkranz und Guldenstern gehen ab.)
Kommt, Gertrude, wir wollen die Klugste von unsern Freunden
zusammenberuffen lassen, und ihnen anzeigen, sowol was wir zu thun
vorhaben, als was Hamlet ungluklicher Weise gethan hat. Es ist nur
allzu besorglich, das das Gerucht diese That in kurzem durch die
ganze Welt flustern, und vielleicht unsern Namen durch heimliche
Anschuldungen vergiften wird--Kommt, kommt; mein Gemuth ist voller
Unruh und innerlichem Streit--
(Sie gehen ab.)
Zweyte Scene.
(Hamlet tritt auf.)
Hamlet.
Nun liegt er wo er hin gehort--
(Hinter der Scene: Hamlet! Prinz Hamlet!)
Hamlet.
Was fur ein Lerm? Wer ruft Hamlet? Ha, da kommen sie angestochen--
(Rosenkranz und Guldenstern treten auf.)
Rosenkranz.
Was habt ihr mit dem todten Korper angefangen, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Ihn dem Staub gegeben, zu dem er ein Anverwandter ist.
Rosenkranz.
Sagt uns, wo er liegt, damit wir ihn abholen und in die Capelle
tragen konnen.
Hamlet.
Das bildet euch nicht ein--
Rosenkranz.
Was einbilden?
Hamlet.
Das ich euer Geheimnis verschweigen konnte und mein eignes nicht.
Zudem, wenn der Frager ein Erdschwamm ist, was fur eine Antwort kan
der Sohn eines Konigs geben?
Rosenkranz.
Seht ihr mich fur einen Schwamm an, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Ja Herr, fur einen Schwamm, der des Konigs Blike, Winke und Minen
aufsaugt; aber solche Diener thun einem Konig den besten Dienst
erst am Ende; wenn er dessen bedarf, was ihr eingeschlukt habt, so
drukt er euch aus, und ihr werdet wieder der trokne lochrichte
Schwamm, der ihr vorher waret.
Rosenkranz.
Ich weis nicht was ihr damit sagen wollt, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Das ist mir lieb; eine spizige Rede schlaft in einem narrischen Ohr.
Rosenkranz.
Gnadiger Herr, ihr must uns sagen, wo der Leichnam ist, und mit uns
zum Konige gehen.
Hamlet.
Der Leichnam ist schon beym Konige, aber der Konig nicht bey dem
Leichnam. Der Konig ist ein Ding--
Guldenstern.
Ein Ding, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Von--Nichts: fahrt mich zu ihm; Verstek dich, Fuchs, und alle
hinten drein.
(Sie gehen ab.)
Dritte Scene.
(Der Konig tritt auf.)
Konig.
Ich habe Befehl gegeben, ihn zu mir fuhren, und den Leichnam
aufsuchen zu lassen; wie gefahrlich es ist, diesen Menschen so frey
herumgehen zu lassen! Und doch durfen wir ihn nicht nach der
Strenge des Gesezes behandeln; der Pobel, der seine Neigungen nicht
nach seiner Vernunft, sondern nach seinen Augen abmist; der Pobel,
der ihn liebt, wurde in seiner Bestraffung, nicht ihr Verhaltnis
gegen sein Verbrechen, sondern nur die Harte der Straffe sehen.
Gluklicher Weise fugt es sich, das dieser Vorfall zu seiner
plozlichen Verschikung einen Vorwand giebt. Gegen verzweifelt
gewordene Schaden mus man verzweifelte Mittel gebrauchen oder gar
keine. (Rosenkranz tritt auf.) Was giebts? Was ist vorgefallen?
Rosenkranz.
Gnadigster Herr, wir konnen nicht von ihm heraus bringen, wo der
Leichnam hingekommen ist.
Konig.
Wo ist dann er?
Rosenkranz.
Draussen, Gnadigster Herr, mit einer Wache, euern Befehl erwartend.
Konig.
Fuhrt ihn herein.
Rosenkranz.
He! Guldenstern, fahrt den Prinzen herein. (Hamlet und
Guldenstern treten auf.)
Konig.
Nun, Hamlet, wo ist Polonius?
Hamlet.
Beym Essen.
Konig.
Beym Essen? wo dann?
Hamlet.
Nicht wo (er) ist, sondern wo er gegessen wird; eine gewisse
Versammlung von politischen Wurmern ist wirklich an ihm. Wo es
aufs Schmausen ankommt, ist in der Welt nichts uber einen Wurm.
Wir masten alle Creaturen damit sie uns masten sollen, und fur wen
masten wir uns als fur Maden? Euer fetter Konig, und euer magrer
Bettler sind nur verschiedne Gerichte; zwey Schusseln auf eine
Tafel; das ist das Ende vom Liede.
Konig.
O weh! o weh!
Hamlet.
Ein Mensch, kan mit dem Wurm der einen Konig gegessen hat, einen
Fisch angeln, und den Fisch essen, der diesen Wurm gegessen hat.
Konig.
Was willst du damit sagen?
Hamlet.
Nichts, als das ich euch zeigen will, wie es mit einem Konig so
weit kommen kan, das er eine Reise durch die Gedarme eines Bettlers
machen mus.
Konig.
Wo ist Polonius?
Hamlet.
Im Himmel, schikt nur hin, und last nach ihm fragen. Wenn ihn euer
Abgesandter dort nicht findt, so sucht ihn an dem andern Orte
selbst. Aber, im Ernst zu reden, wenn ihr ihn binnen diesem Monat
nicht findet, so werdet ihr ihn riechen, wenn ihr die Treppe in die
Galerie hinauf geht.
Konig.
Geht, sucht ihn dort.
Hamlet.
Er wird euch gewis nicht davon lauffen.
Konig.
Hamlet, diese deine That macht zu deiner eignen Sicherheit (fur
welche wir eben so sehr besorgt sind, als hochlich wir das was du
gethan hast, misbilligen) nothwendig, das du in feuriger Eile nach
England abgehest. Schike dich also dazu an; das Schiff liegt
fertig, der Wind ist gunstig, deine Gefahrten warten, und alles
kehrt sich schon nach England hin.
Hamlet.
Nach England?
Konig.
Ja, Hamlet.
Hamlet.
Gut.
Konig.
So ist es, wenn du unsre Absichten kennnest.
Hamlet.
Ich sehe einen Cherub, der sie sieht; aber kommt, nach England!
Lebet wohl, liebe Mutter.
Konig.
Dein liebender Vater, Hamlet.
Hamlet.
Meine Mutter; Vater und Mutter ist Mann und Weib; Mann und Weib ist
Ein Fleisch, und also seyd ihr meine Mutter--Kommt nach England!
(Er geht ab.)
Konig.
Folgt ihm auf dem Fusse; lokt ihn mit guten Worten an Bord; keinen
Aufschub! Ich will ihn noch in dieser Nacht fort haben. Hinweg,
es ist alles schon fertig und gesegelt, was sonst zur Sache gehort;
ich bitte euch, macht hurtig--
(Rosenkranz und Guldenstern gehen ab.)
Und, England, wenn du meine Freundschaft werth haltst, wie du in
Ansehung meiner Macht thun solltest, da die Narben noch so rauh und
roth aussehen, die das danische Schwerdt dir gegraben hat: So magst
du dich huten, unsern Auftrag, der nichts geringere als den
unfehlbaren Tod Hamlets zum Gegenstand hat, kaltsinnig auszufuhren.
Thu es England; Denn er rast in meinem Blut wie ein zehrendes
Fieber, und du must mich curieren. Bis ich weis das es geschehen
ist, werde ich, so gros mein Gluks-Stand ist, keines frohen
Augenbliks geniessen.
(Er geht ab.)
Vierte Scene.
(Ein Lager an den Grenzen von Dannemark.)
(Fortinbras zieht mit einem Kriegs-Heer auf.)
Fortinbras.
Geh Hauptmann, vermelde dem danischen Konige meinen Grus; sag ihm,
das seiner Bewilligung gemas, Fortinbras um den freyen Durchzug
durch sein Reich ansuche; und sag ihm, wofern seine Majestat uns zu
sehen verlange, so wurden wir ihm personlich unsre Aufwartung
machen.
Hauptmann.
Ich werde es ausrichten, Gnadiger Herr.
Fortinbras.
Marschiert weiter--
(Fortinbras geht mit der Armee wieder ab.)
(Hamlet, Rosenkranz und Guldenstern treten auf.)
Hamlet.
Mein guter Herr, wessen Volker sind das?
Hauptmann.
Sie sind aus Norwegen, mein Herr.
Hamlet.
Was ist ihr Vorhaben, mein Herr, wenn ich bitten darf?
Hauptmann.
Gegen einen Theil von Pohlen.
Hamlet.
Wer commandiert sie, mein Herr?
Hauptmann.
Fortinbras, des alten Norwegen Neffe.
Hamlet.
Gilt es dem ganzen Pohlen, oder ist die Frage nur von einem
District an den Grenzen?
Hauptmann.
Wenn ich euch die runde Wahrheit sagen soll, so gehen wir um einen
kleinen Flek Landes einzunehmen, wovon der Name das eintraglichste
ist--wenn er funf Ducaten eintragt--Funf? Ich mocht' es nicht
darum in Pacht nehmen, auch wurde es weder den Norwegen noch den
Pohlen mehr abwerfen, wenn es versteigert werden sollte.
Hamlet.
Wenn das ist, so wird sich der Polak wenig bekummern, es euch
streitig zu machen.
Hauptmann.
Allerdings; er hat es schon mit einer starken Mannschaft besezt.
Hamlet.
Zweytausend Seelen und zwanzigtausend Ducaten werden nicht
zureichend seyn, diesen Streit um einen Stroh-Halm auszumachen.
Das ist das Apostem von ubermassiger Grosse und Ruhe, das inwendig
aufbricht, ohne von aussen eine Ursache zu zeigen, warum der Mann
sterben mus. Ich danke euch, mein Herr, fur eure Nachrichten.
Hauptmann.
Gott behute euch, mein Herr.
Rosenkranz.
Gefallt's euch weiter zu gehen, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Ich will gleich wieder bey euch seyn; geht nur ein wenig voraus.
(Sie gehen ab.)
Hamlet (allein.)
Mussen nicht alle Gelegenheiten gegen mich auftreten, und meine
edle Saumseligkeit beschamen? Was ist ein Mann, wenn alles was er
mit seiner Zeit gewinnt, Essen und Schlaffen ist? Ein Thier,
nichts bessers. O gewis, Er, der uns mit einer Denkungs-Kraft
erschuf, die in einem so weiten Umkreis zuruk und vor sich sieht,
gab uns dieses Vermogen, diese Gott-ahnliche Vernunft nicht, sie
ungebraucht rosten zu lassen. Wie dann? Ist es thierische
Unachtsamkeit, oder sind es Bedenklichkeiten; ist es eine zu genaue
Erwegung des Ausgangs, (ein Gedanke, der, wenn er geviertheilet
wird, nur einen Theil Weisheit und drey Viertel von einer feigen
Memme in sich hat:) was die Ursache ist das ich noch lebe, um von
diesen Dingen als von solchen zu reden, die erst noch geschehen
sollen? Da ich doch Ursache, Willen, Vermogen und Mittel habe, sie
auszufuhren--Was fur ein Beyspiel! Ein so zahlreiches Heer, von
einem zarten jungen Prinzen angefuhrt, dessen Geist, von gottlicher
Ruhm-Begierde geschwellt, einem unsichtbaren Ausgang Troz bietet,
und alles was sterblich und ungewis ist, allem was Zufall, Gefahr
und Tod vermogen, aussezt, und das um eine Eyer-Schaale--Das ist
nicht ein grosses Herz, das nur durch grosse Gegenstande in
Bewegung gesezt werden kan; auf eine edle Art die Gelegenheit zu
Handeln in einem Stroh-Halm finden, wenn es die Ehre fodert--Das
nenn' ich gros. Was steh' ich dann, ich, der einen ermordeten
Vater, eine entehrte Mutter habe, (Betrachtungen, meine Vernunft
und mein Blut zugleich aufzureizen!) was steh ich, und las alles
schlaffen? Indes ich, zu meiner Schande, zusehe, wie der Tod uber
zwanzigtausend Mannern herabhangt, die um einer Grille, um eines
vermeynten Ehren-Punkts willen, so ruhig in ihr Grab wie in ihr
Bette gehen; fur ein Stukchen Boden fechten, das nicht weit genug
zu einem Grab fur die Erschlagnen ware. O meine Seele! So seyen
dann, von diesem Augenblik an, deine Gedanken blutig, oder hore auf
zu denken!
(Geht ab.)
Funfte Scene.
(Verwandelt sich in den Palast.)
(Die Konigin, Horatio, und ein Hof-Bedienter.)
Konigin.
Ich will sie nicht sprechen.
Hofbedienter
Sie ist ausser sich, in der That, nicht recht bey sich selbst; ihr
Zustand verdient Mitleiden.
Konigin.
Was will sie dann?
Hofbedienter
Sie spricht immer von ihrem Vater; sagt, sie hore, es gehe alles
bunt uber Ek in der Welt; ruft ach und oh, schlagt sich auf die
Brust; stost einen Stroh-Halm unwillig vor sich her; sagt Dinge,
die nur einen halben Sinn haben--die an sich nichts sind, aber dem
Horer Anlas zu Schlussen geben, und mit den Winken, dem Kopf-
Schutteln und andern Gebehrden, die sie dazu macht, zwar ihre wahre
Meynung nicht deutlich machen, aber gerade so viel zu verstehen
geben, das man sie misverstehen kan.
Horatio.
Es ware gut, wenn man mit ihr redete, denn sie konnte in
ubelgesinnten Gemuthern seltsame Muthmassungen erweken. Last sie
herein kommen--
Konigin (vor sich.)
Meiner kranken Seele scheint jeder Kinder-Tand das Vorspiel irgend
einer tragischen Begebenheit--So ist die Natur der Sunde; so
verrath sie sich selbst durch ihre immerwahrende Furcht verrathen
zu werden. (Ophelia tritt auf.)
Ophelia.
Wo ist die schone Majestat von Dannemark?
Konigin.
Was macht ihr, Ophelia?
Ophelia (singend.)
Woran erkenn ich deinen Freund, wenn ich ihn finden thu?
An seinem Muschel-Hut und Stab und seinem holzern Schuh.
Konigin.
Ach! das arme Madchen! was willt du mit diesem Liede?
Ophelia.
Sagt ihr das? Nein, ich bitte euch, hort zu.
(singend.)
(Er ist todt, Fraulein, er ist todt und dahin,
Ein gruner Wasen dekt sein Haupt, und seinen Leib ein Stein.)
(Der Konig tritt auf.)
Konigin.
Aber meine liebe Ophelia--
Ophelia.
Ich bitte euch, horcht auf--
(Weis ist dein Hemd, wie frischer Schnee.)
Konigin.
O weh! Seht hieher, mein Herr.
Ophelia. Mit Blumen rings umstekt;
Sie gehn mit ihm ins Grab, benezt
Mit treuer Liebe Thau.
Konig.
Wie steht's um euch, junges Fraulein?
Ophelia.
Wohl, Gott sey bey euch! Die Leute sagen, die Eule sey vorher eine
Bekers-Tochter gewesen. Herr Gott! wir wissen was wir sind, aber
wir wissen nicht, was wir werden konnen. Gott segne euch das
Mittag-Essen!
Konig.
Traurigkeit uber ihren Vater--
Ophelia.
Ich bitte euch, nichts mehr von dieser Materie; wenn sie euch
fragen, was es bedeuten sollte, so sagt ihnen das:
(Auf Morgen ist Sant Valentins Tag, und fruh vor Sonnenschein
Ich, Madchen, komm ans Fenster zu dir, und will dein Valentin seyn.
Da stuhnd er auf, und zog sich an, und lies sie in sein Haus;
Sie gieng als Madchen ein zu ihm, doch nicht als Madchen aus.)
Konig.
Holdselige Ophelia!
Ophelia.
In der That, und ohne einen Eid, das soll das lezte seyn:
Bey Kilian und Sanct Charitas,
Das garstige Geschlecht!
Sie thun's sobald der Anlas kommt;
Beym Hahn, es ist nicht recht.
Sie sprach: Bevor ihr mich ertappt,
Verspracht ihr mir die Eh;
Bey jener Sonn', ich hatt's gethan,
Was gabst du dich umsonst?
Konig.
Wie lang ist sie schon in diesem Zustande?
Ophelia.
Ich hoffe, alles soll gut gehen. Wir mussen Geduld haben; und doch
kan ich nicht anders als weinen, wenn ich denke, das sie ihn in den
kalten Boden hineinlegen sollen; mein Bruder soll es erfahren, und
hiemit dank' ich euch fur euern guten Rath. Kommt, wo ist meine
Kutsche?--Gute Nacht, meine Damen; gute Nacht, schone Damen; gute
Nacht, gute Nacht.
(Sie geht ab.)
Konig (zu Horatio.)
Folgt ihr, und last genau auf sie Acht geben, ich bitte euch--
(Horatio geht ab.)
Das ist der Gift eines tiefen Grams, eine Folge von ihres Vaters
Tod. O Gertrude, Gertrude, wenn Ungluk kommt, so kommt es nicht
einzeln, wie Kundschafter, sondern Schaaren-weis. Erst der
gewaltsame Tod ihres Vaters--Dann die Entfernung euers Sohns, die
er sich durch jene Mordthat gerechtest zugezogen--Das Volk von
ungesunden Muthmassungen uber den Tod des guten Polonius, die von
einem Ohr ins andre geflustert werden, aufgebracht und zur Emporung
bereit--Es war unvorsichtig von uns gehandelt, das wir ihn heimlich
bestatten liessen--Die arme Ophelia ihres schonen Verstandes
beraubt--und was noch das schlimmste ist, so ist ihr Bruder in
geheim aus Frankreich zurukgekommen, halt sich verborgen, zieht
Erkundigung ein, und wird Ohrenblaser genug finden, die ihn mit
giftigen Reden uber die Ursache von seines Vaters Tod ansteken
werden--O meine liebste Gertrude, das ist mehr als nothig ist, mich
das Schlimmste besorgen zu machen.
(Man hort ein Getose hinter der Scene.)
Konigin.
Himmel, was fur ein Getose ist das?
Sechste Scene.
(Ein Hof-Bedienter zu den Vorigen.)
Konig.
Wo sind meine Schweizer? Last sie die Thure bewachen--Was willst
du?
Hofbedienter
Rettet euch, Gnadigster Herr. Der uber seine Ufer schwellende
Ocean frist nicht mit reissenderm Ungestum die Furten und Sandbanke
weg, als der junge Laertes, an der Spize eines aufruhrischen
Hauffens eure Wachen zu Boden wirft; das Lumpenvolk nennt ihn Lord,
und nicht anders als ob die Welt erst izt anfienge, und Geseze,
Gebrauch und alles was die Bande der Gesellschaft befestiget, auf
einmal vergessen waren, ruffen sie: Machen wir den Laertes zu
unserm Konig! Kappen, Hande und Zungen geben ihren Beyfall bis in
die Wolken; alles schreyt: "Laertes soll unser Konig seyn, Laertes
Konig."
Konigin. (Man hort das Getummel naher)
Wie sie schreyen! Mit welcher Wuth von Freude! O, das sind nur
Rechen-Pfenninge, ihr falschen Danischen Hunde--
(Laertes tritt auf, mit einer Partey vor der Thure.)
Konig.
Die Thuren sind erbrochen.
Laertes.
Wo ist dieser Konig?--Ihr Herren! Bleibt ihr alle draussen stehen.
Alle.
Nein, wir wollen auch hinein.
Laertes.
Ich bitte euch, last mich gewahren.
Alle.
Wir wollen, wir wollen.
(Sie gehen ab.)
Laertes.
Ich danke euch; bewachet die Thure. O du schandlicher Konig,
schaffe mir meinen Vater her.
Konigin.
Ruhiger, guter Laertes.
Laertes.
Der Tropfe Bluts, der ruhig in mir ist, ruft mich zum Bastart aus;
nennt meinen Vater einen Hahnreyh; und brennt die Hure hier, hier
mitten zwischen die keusche und unbeflekte Augbraunen meiner
ehrlichen Mutter.
Konig.
Was ist die Ursache, Laertes, das deine Emporung sich dieses
Riesenmassige Ansehen giebt? Last ihn gehen, Gertrude; besorget
nichts fur eure Person; es ist etwas so Gottliches um einen Konig
hergezaunt, das Verratherey zu dem was sie gerne wollte, durch die
Vergitterung nur hineinguken kan; ohne die Kraft zu haben ihren
Willen ins Werk zu sezen. Sagt mir, Laertes, warum seyd ihr so
aufgebracht? Last ihn gehen, Gertrude--Redet, Mann!
Laertes.
Wo ist mein Vater?
Konig.
Todt ist er.
Konigin.
Aber nicht durch seine Schuld.
Konig.
Last ihn fragen, bis er genug hat.
Laertes.
Warum ist er todt? Wie gieng es zu, das er todt ist? Ich werde
mich nicht durch Ausfluchte abweisen lassen! Zur Holle, Lehens-
Pflicht! Zum schwarzesten Teufel, du Eyd, den ich schwur!
Gewissen und Religion selbst in den tiefsten Brunnen! Ich troze
der Verdammnis; auf dem Punkt wo ich stehe, sind beyde Welten
nichts in meinen Augen; las kommen was kommt; ich will Rache haben,
Rache fur meinen Vater, volle uberfliessende Rache!
Konig.
Wer soll euch denn aufhalten?
Laertes.
Nicht die ganze Welt; und was mein Vermogen betrift, so will ich so
damit haushalten, das ich mit wenigem weit kommen will.
Konig.
Mein lieber Laertes, wenn ihr von dem Schiksal euers Vaters gewisse
Nachricht einziehen wollt, ist es bey euch beschlossen, das ihr
beydes Freund und Feind, ohne Unterschied, eurer Rache aufopfern
wollt?
Laertes.
Niemand als seine Feinde.
Konig.
Wollt ihr wissen wer sie sind?
Laertes.
Seinen Freunden will ich mit ofnen Armen entgegen eilen, und sie
gleich dem Pelican mit meinem eignen Blut erhalten.
Konig.
Nun, das heist wie ein gutes Kind und wie ein Edelmann gesprochen.
Das ich an euers Vaters Tod unschuldig bin, und das ich aufs
empfindlichste dadurch betrubt worden, das soll euerm Verstand so
klar werden, als der Tag euerm Auge ist.
(Man hort hinter der Scene ein Geschrey: Last sie hinein.)
Laertes.
Nun, was giebt's, was fur ein Lerm ist das?
Siebende Scene.
(Ophelia, auf eine phantastische Art mit Stroh und Blumen
geschmukt, tritt auf.)
Laertes.
O Hize, trokne mein Gehirn auf! Thranen, siebenmal gesalzen,
brennet die Empfindung und Sehens-Kraft meiner Augen aus! Beym
Himmel, diese Verfinsterung deiner Vernunft soll mir so vollwichtig
bezahlt werden, bis die Wagschale an den Balken stost--O Rose des
Mayen! Holdes Madchen, liebe Schwester, angenehmste Ophelia!--
Himmel! ists moglich das der Verstand eines jungen Madchens so
sterblich seyn soll, als das Leben eines alten Mannes? Die Natur
ist in Liebe verfallen, und sendet dem geliebten Gegenstand das
Kostbarste was sie hat zum Andenken nach.
Ophelia (singend.)
Sie senkten ihn in kalten Grund hinab,
Und manche Thrane blieb auf seinem Grab.
Fahr wohl, mein Taubchen!
Laertes.
Hattest du deinen Verstand, und strengtest ihn an, mich zur Rache
zu bereden, er konnte nicht halb so viel ruhren--
Ophelia.
Ihr must singen--Hinab, hinab--Ihr wist ja das Lied?--Es war der
ungetreue Hausmeister, der seines Herrn Tochter entfuhrte--Hier ist
Rosmarin, es ist zum Angedenken; ich bitte dich, Liebe, denk' an
mich; und hier sind Vergis nicht mein--Hier ist Fenchel fur euch,
und Agley--Hier ist Raute fur euch,
(sie theilt im Reden ihre Blumen aus.)
und hier ist welche fur mich. Wir konnten sie Gnaden-Kraut oder
Sonntags-Kraut nennen; ihr durft eure Raute wol mit einigem
Unterschied tragen. Hier ist eine Maas-Liebe; ich wollte euch gern
einige Veylchen geben, aber sie verwelkten alle, da mein Vater
starb: Sie sagen, er hab' ein schones Ende genommen:
(singend:)
(Denn der Hanserl ist doch mein einziges Leben.)
Laertes.
Wer konnte bey einem solchen Anblik geduldig bleiben!
Ophelia. Und kommt er dann nicht wieder zuruk?
Und kommt er dann nicht wieder zuruk?
Nein, nein, er ist todt, geh in dein Tod-Bett!
Er kommt nicht wieder zuruk.
Sein Bart war so weis als Schnee
Ganz Silber-farb sein Haupt;
Er ist weg, er ist weg, und wir seufzen umsonst;
Friede sey mit seiner Seele!
Und mit allen Christen-Seelen--Gott behute euch.
(Sie geht ab.)
Laertes.
Seht ihr das, ihr Gotter?
Konig.
Laertes, last mich euern Schmerz theilen, oder ihr versagt mir mein
Recht: Geht wenn ihr zweifelt, leset eure verstandigsten Freunde
aus, sie sollen Richter zwischen mir und euch seyn: Finden sie das
wir auf irgend eine Art, geradezu oder verdekter Weise, in diese
Sache eingeflochten sind--so soll unser Konigreich, unsre Krone,
unser Leben, und alles was wir unser nennen, euch zur Genugthuung
verfallen seyn. Ist es aber nicht, so leihet uns eure Geduld, und
wir wollen gemeinschaftlich mit einander arbeiten, eure Rache zu
befriedigen.
Laertes.
Last es so seyn. Die Art seines Todes, seine heimliche Bestattung,
ohne Ehren-Zeichen, ohne einiges Geprange, das seinem Stand gebuhrt
hatte, alle Umstande ruffen so laut, als ob sie von der Erde bis in
Himmel gehort werden wollten, das ich sie in Untersuchung ziehen
solle.
Konig.
Das thut: und wo ihr die Beleidigung findet, dahin lasset die
Straffe fallen. Ich bitte euch, folget mir.
(Sie gehen ab.)
Achte Scene.
(Horatio mit einem Bedienten tritt auf.)
Horatio.
Wer sind diese Leute, die mit mir sprechen wollen?
Bedienter.
Matrosen, mein Herr; sie sagen, sie haben Briefe fur euch.
Horatio.
Las sie hereinkommen--Ich kan nicht begreiffen, aus welchem Theil
der Welt ich Briefe bekommen sollte, wenn sie nicht vom Prinzen
Hamlet sind. (Einige Matrosen treten auf.)
Matrosen.
Gott helfe euch, Herr.
Horatio.
Dir auch.
Matrosen.
Das wird er auch, wenn er will, Herr--Hier ist ein Brief an euch,
Herr--wenn ihr euch Horatio nennt, wie man mir gesagt hat; er kommt
von dem Abgesandten, der nach England geschikt wurde.
Horatio (uberliest den Brief.)
Horatio, wenn du dieses uberlesen haben wirst, so verschaffe diesen
Leuten Gelegenheit vor den Konig zu kommen; sie haben Briefe an ihn.
Eh wir noch zween Tage auf dem Meere waren, verfolgte uns ein See-
Rauber von sehr stattlichem Ansehen. Da wir uns von ihm ubersegelt
sahen, entschlossen wir uns zur Gegenwehr, und wahrendem Handgemeng
sprang ich zu ihnen an Bord--Augenbliklich liessen sie unser Schiff
fahren, und so blieb ich ihr Gefangner. Sie haben mir begegnet,
wie Diebe die zu leben wissen; das macht, sie wusten warum, und sie
sollen mir's nicht umsonst gethan haben. Mache, das der Konig
seinen Brief uberkommt, und suche mich dann so eilfertig auf, als
ob du vor dem Tode lieffest. Ich habe dir Worte ins Ohr zu sagen,
die dich taub machen werden; und doch sind sie viel zu leicht fur
ihren Inhalt. Diese guten Bursche werden dich zu mir bringen.
Rosenkranz und Guldenstern sezen ihren Lauf nach England fort. Ich
habe dir viel von ihnen zu erzahlen. Lebe wohl. "Dein Hamlet."
Kommt, ich will fur die Bestellung eurer Briefe sorgen; und desto
eilfertiger, damit ihr mich ohne Verzug zu demjenigen fuhren konnet,
der euch geschikt hat.
(Sie gehen ab.)
Neunte Scene.
(Der Konig und Laertes treten auf.)
Konig.
Nunmehr mus dann euer Gewissen selbst meine Freysprechung sigeln,
und ihr musset uberzeugt seyn, das ich euer Freund bin, da ihr
gesehen habt, das eben derjenige, von dessen Hand euer edler Vater
fiel, mir selbst nach dem Leben getrachtet hat.
Laertes.
Die Beweise reden. Aber erlaubet mir zu fragen, warum ihr gegen
Ubelthaten von so ungeheurer Beschaffenheit nicht gerichtlich
procedirt habet; da doch eure eigne Sicherheit, Klugheit, und alles
in der Welt euch rathen muste, den Thater zur Rechenschaft zu
ziehen?
Konig.
Zwoo besondre Ursachen haben mich davon abgehalten, die in euren
Augen vielleicht weniger Starke haben als in den meinigen. Die
Konigin seine Mutter lebt, so zu sagen, fast von seinen Bliken, und
ich selbst (es mag nun eine Tugend oder eine Schwachheit seyn:)
liebe sie so zartlich, das ich ihren Wunschen nichts versagen kan.
Der andre Grund ist die allgemeine Zuneigung, welche das Volk zu
ihm tragt, und die so weit geht, das sie seine Fehler selbst
ubergulden und seine Verbrechen zu Tugenden machen wurden: so das
meine Pfeile, zu schwach befiedert fur einen so starken Wind, auf
mich selbst zuruk gefallen, und nicht dahin gekommen waren, wohin
ich gezielt hatte.
Laertes.
Und so mus ich einen edlen Vater verlohren haben, und eine
Schwester zu Grund gerichtet sehen, deren Vortreflichkeit unser
ganzes Zeitalter herausfoderte, ihres gleichen zu zeigen--Aber
meine Rache soll nicht ausbleiben.
Konig.
Last euch das nichts von euerm Schlafe nehmen. Ihr must mich nicht
fur einen so phlegmatischen milchlebrichten Mann halten, der sich
den Bart mit Gewalt ausrauffen last, und es fur Kurzweil aufnimmt.
Ihr sollt bald mehr horen. Ich liebte euern Vater, und liebe mich
selbst, und dieses, hoff ich, wird euch nicht zweifeln lassen--Was
giebts? Was Neues? (Ein Bote.)
Bote.
Briefe, Gnadigster Herr, vom Prinzen Hamlet. Diesen an Eu.
Majestat, und diesen, an die Konigin.
Konig.
Von Hamlet? Wer brachte sie?
Bote.
Matrosen, sagt man; ich sah sie nicht; die Briefe wurden mir von
Claudio gegeben, der sie von ihnen empfieng.
Konig.
Laertes, ihr sollt sie horen--Verlast uns, ihr--
(Der Bote geht ab.)
"Durchlauchtiger und Grosmachtiger! Dieses soll euch
benachrichtigen, das ich nakend in euer Konigreich ausgesezt worden
bin. Auf Morgen werd' ich mir die Erlaubnis ausbitten, eure
Konigliche Augen zu sehen; wo ich dann (in Hoffnung Verzeihung
deswegen zu erhalten) erzahlen werde, was die Gelegenheit zu dieser
schleunigen Wiederkunft gegeben hat." Was soll dieses bedeuten?
Sind die andern auch zurukgekommen? Ist es ein Kunstgriff--oder
ist gar nichts an der Sache?
Laertes.
Kennt ihr die Hand?
Konig.
Es ist Hamlets Handschrift--Nakend, und hier sagt er in einem
Postscript, allein--Konnt ihr mir sagen, was ich davon denken soll?
Laertes.
Ich begreiffe nichts davon, Gnadigster Herr; aber last ihn kommen;
mein Herz lebt wieder auf von dem Gedanken, das ich es erleben
werde, ihm in seine Zahne zu sagen, das thatest du--
Konig.
Wenn es so ist, Laertes--ob ich gleich eben so wenig begreiffe das
es ist, als wie es anders seyn kan--wollt ihr euch von mir weisen
lassen?
Laertes.
Ja, nur nicht das ich ruhig bleiben soll.
Konig.
Was ich vorhabe, wird dir zu deiner eignen Gemuths-Ruhe verhelfen;
Wenn er nun wieder gekommen ist, weil ihm die Reise nicht anstandig
war, und er nicht gesinnt ist, sie von neuem zu unternehmen; so
habe ich so eben etwas ausgedacht, das ihn unfehlbar zu seinem Fall
befordern soll, ohne das sein Tod den mindesten Vorwurf nach sich
ziehen, noch seine Mutter selbst den Kunstgriff merken, sondern ihn
dem blossen Zufall beymessen soll.
Laertes.
Ich will mich weisen lassen, und desto lieber, wenn ihr es so
einrichten konnet, das ich das Werkzeug bin.
Konig.
Das ist auch meine Meynung: Es ist seitdem ihr auf Reisen seyd, und
zwar in Hamlets Gegenwart, oft von einer gewissen Geschiklichkeit
gesprochen worden, worinn ihr ausserordentlich gros seyn sollt:
Alle eure ubrigen Gaben zusammengenommen, erwekten nicht so viel
Eifersucht in ihm als diese einzige, die in meinen Augen die
geringste unter allen ist.
Laertes.
Was kan das seyn, Gnadigster Herr?
Konig.
Eine blosse Feder auf dem Hute der Jugend, aber doch nothig; denn
die Jugend hat in der leichten und nachlassigen Liverey die sie
tragt, nicht weniger Anstand als das gesezte Alter in seinen Pelzen
und langen Ceremonien-Kleidern--Es sind ungefehr zween Monate, das
ein junger Cavalier aus der Normandie hier war; die Normanner
werden fur gute Reiter gehalten; wie ich selbst gesehen habe, da
ich ehmals gegen die Franzosen diente; aber bey diesem jungen
Menschen dachte man, das es nicht naturlich zugehe; er schien mit
seinem Pferd zusammengewachsen, und wie ein Centaur, halb Mensch
und halb Pferd zu seyn, so bewundernswurdig hatte er sich zum
Meister desselben gemacht. Er ubertraf alles, was man sich davon
einbilden kan.
Laertes.
Es war ein Normann?
Konig.
Ein Normann.
Laertes.
So soll's mein Leben gelten, wenn es nicht Lamond war.
Konig.
Der war's.
Laertes.
Ich kenne ihn wohl; er ist in der That der Ausbund und die Zierde
der ganzen Nation.
Konig.
Dieser erzehlte uns von euch, und legte euch eine so bewunderns-
wurdige Geschiklichkeit in der Vertheidigungs-Kunst, besonders mit
dem Rappier, bey, das er behauptete, es wurde ein Wunder seyn, wenn
sich jemand finden sollte, der es mit euch aufnehmen durfte. Er
schwur die besten Fechter seiner Nation hatten weder Behendigkeit,
Auge noch Kunst, so bald sie es mit euch zu thun hatten--Mein Herr,
diese Erzahlung vergiftete den Hamlet mit solchem Neid, das er den
ganzen Tag nichts anders that als wunschen und beten, das ihr bald
zuruk kommen mochtet, um mit ihm zu fechten. Nun aus diesem--
Laertes.
Was wollt ihr aus diesem machen, Gnadigster Herr?
Konig.
Laertes, war euch euer Vater lieb? Oder seyd ihr nur ein Gemahlde
von einem Traurenden, ein Gesicht ohne Herz?
Laertes.
Warum diese Fragen?
Konig.
Nicht als ob ich denke, ihr liebtet euern Vater nicht, sondern weil
ich weis, das die Liebe, wie alles andre, der Gewalt der Zeit
unterworfen ist, das sie in ihrer Flamme selbst eine Art von Dacht
oder Wike hat, wovon sie endlich geschwacht und verdunkelt wird,
und kurz, das sie, wenn sie zu ihrer Starke angewachsen ist, an
ihrer eignen Vollblutigkeit sterben mus. Was wir thun wollen,
sollten wir sogleich thun, wann wir es wollen; denn dieses Wollen
ist veranderlich, und hat so viele Abfalle und Hindernisse als es
Zungen, Hande und Umstande giebt, welche uns, wenn die Gelegenheit
einmal versaumt ist, die Ausfuhrung vielleicht so schwer machen,
das wir auch den Willen verliehren, so vielen Schwierigkeiten troz
zu bieten. Doch, um das Geschwur aufzustechen--Hamlet kommt zuruk;
was waret ihr fahig zu unternehmen, um mehr durch Thaten als Worte
zu zeigen, das ihr euers Vaters Sohn seyd?
Laertes.
Ihm die Gurgel in der Kirche abzuschneiden.
Konig.
In der That sollte kein Plaz einen Morder schuzen, noch der Rache
Grenzen sezen; aber mein guter Laertes, wollt ihr das thun?
Schliest euch in euer Zimmer ein. Hamlet soll bey seiner
Wiederkunft horen, das ihr nach Hause gekommen seyd: Wir wollen ihm
Leute zuschiken, welche ein so grosses Lob von eurer
Geschiklichkeit im Fechten machen, und so viel und so lange davon
reden sollen, bis er es auf eine Wette ankommen lassen wird. Da er
selbst edelmuthig, zuversichtlich, und von allen Kunstgriffen fern
ist, wird er nicht daran denken, die Rappiere genau zu besehen, so
das ihr leicht durch ein bischen Taschenspielerey einen Degen ohne
Knopf mit euerm Rappier verwechseln, und durch einen geschikten
Stos euern Vater rachen konnt.
Laertes.
Ich will es thun, und zu diesem Gebrauch meinen Degen mit einem
Saft beschmieren, den ich von einem Marktschreyer gekauft habe; der
so todtlich ist, das wenn man ein Messer nur darein taucht, keine
Salbe, und wenn sie aus den heilsamsten Krautern die unter dem Mond
sind, gezogen ware, denjenigen vom Tod erretten kan, der nur damit
gerizt wird; mit diesem Gift will ich die Spize meines Degens nezen,
damit auch die leichteste Wunde, die ich ihm beybringe, Tod sey.
Konig.
Wir wollen diese Sache besser uberlegen; Zeit und Umstande mussen
abgewogen werden; und auf den Fall, das uns dieser Anschlag in der
Ausfuhrung mislingen sollte, mussen wir einen andern zum
Rukenhalter haben. Sachte--Last sehen--Es soll eine feyrliche
Wette uber eure Geschiklichkeit angestellt werden--Nun hab' ichs--
wenn ihr euch unterm Kampf erhizt habt, und er zu trinken begehrt,
will ich einen Becher fur ihn bereit halten; wovon er nur schlurfen
darf, um unsre Absicht zu erfullen, wofern er euerm Rappier entgeht.
Zehnte Scene.
(Die Konigin zu den Vorigen.)
Konig.
Was giebt's, meine liebste Konigin?
Konigin.
Ein Ungluk tritt dem andern auf die Fersen, so schnell folgen sie
auf einander: Eure Schwester ist ertrunken, Laertes.
Laertes.
Ertrunken? Oh, wo?
Konigin.
Es ist eine gewisse Weide, am Abhang eines Wald-Stroms gewachsen,
die ihr behaartes Laub in dem glasernen Strom besieht. Hieher kam
sie mit phantastischen Kranzen von Hahnen-Fussen, Nesseln, Ganse-
Blumchen und diesen langen rothen Blumen, denen unsre ehrlichen
Schafer einen naturlichen Namen geben, unsre kalten Madchens aber
nennen sie Todten-Finger; wie sie nun an diesem Baum hinankletterte,
um ihre Grasblumen-Kranze an die herabhangende Zweige zu hangen,
glitschte der Boden mit ihr, und sie fiel mit ihren Kranzen in der
Hand ins Wasser; ihre weitausgebreiteten Kleider hielten sie eine
Zeit lang wie eine Wasser-Nymphe empor; und so lange das wahrte,
sang sie abgebrochene Stuke aus alten Balladen, als eine die keine
Empfindung ihres Ungluks hatte, oder als ob sie in diesem Element
gebohren ware; aber langer konnte es nicht seyn, als bis ihre
Kleider so viel Wasser geschlukt hatten, das sie durch ihre Schwere
die arme Unglukliche von ihrem Schwanen-Gesang in einen nassen Tod
hinabzogen.
Laertes.
O Gott! So ist sie ertrunken!
Konigin.
Es ist allzuwahr.
Laertes.
--Lebet wohl, mein Gebieter--meine weibische Thranen erstiken eine
Rede von Feuer, welche eben auflodern wollte--
(Er geht ab.)
Konig.
Kommt mit mir, Gertrude--Wie viel hatte ich zu thun, seine Wuth zu
besanftigen! Nun besorg ich, dieser Umstand wird sie von neuem
anflammen--Wir wollen ihm folgen.
(Sie gehen ab.)
Funfter Aufzug.
Erste Scene.
(Ein Kirch-Hof.)
(Zween Todtengraber mit Grabscheitern und Spaten treten auf.)
1. Todtengraber.
Kan sie denn in ein Christliches Begrabnis gelegt werden, wenn sie
eigenmachtig ihre (Salvation) gesucht hat?
2. Todtengraber.
Ich sage dir's ja, sie kan; mach also ihr Grab unverzuglich; die
Obrigkeit hat es durch einen Commissarius und Geschworne
untersuchen lassen, und gefunden, das sie wie andre Christen
begraben werden soll.
1. Todtengraber.
Das kan nicht seyn, sie muste sich denn zu ihrer
Selbstvertheidigung ertrankt haben?
2. Todtengraber.
So hat sich's eben befunden.
1. Todtengraber.
Es mus (se offendendo) geschehen seyn, anders ist's nicht moglich.
Denn da stekt der Knoten: Wenn ich mich selbst wissentlich ertranke,
so zeigt das einen (Actum) an; ein (Actus) aber hat drey Zweige:
Beginnen, thun und vollbringen; (ergel), ersaufte sie sich selbst
wissentlich.
2. Todtengraber.
Nein, hort mich nur an, Gevatter--
1. Todtengraber.
Mit Erlaubnis; seht einmal, hier liegt das Wasser, gut; hier steht
der Mann, gut: Wenn nun der Mann zu diesem Wasser geht und ertrankt
sich, so mus er eben, woll' er oder woll' er nicht, dran glauben;
gebt wol Acht auf das: Aber wenn das Wasser zu ihm kommt und
ertrankt ihn, so ertrankt er sich nicht selbst; (ergel), hat der,
der keine Schuld an seinem eignen Tode hat, sich das Leben nicht
selbst abgekurzt.
2. Todtengraber.
Aber sagt das Gesez das?
1. Todtengraber.
Sapperment, ja wohl, sagt es: Das mussen ja die Geschwornen
verstehen, die es untersucht haben--
2. Todtengraber.
Willt du wissen, wo der Hase im Pfeffer liegt? Wenn sie kein
Gnadiges Fraulein gewesen ware, sie wurde gewis ihre Lebtage in
kein Christliches Grab gekommen seyn.
1. Todtengraber.
Wie, du magst mir wol recht haben. Aber desto schlimmer, das die
vornehmen Leute in der Welt mehr Recht haben sollen, sich zu hangen
oder zu ersauffen als ihre Neben-Christen! Komm, meine Spate, her!
es sind doch keine altere Edelleute als Gartner, und Todten-Graber;
sie haben ihre Profession von Adam her.
2. Todtengraber.
War der ein Edelmann?
1. Todtengraber.
Der erste, der jemals armirt gewesen ist.
2. Todtengraber.
Wie so, das?
1. Todtengraber.
Wie, bist du denn ein Heid? Verstehst du die Schrift nicht? Die
Schrift sagt, Adam habe gegraben: Hatt' er graben konnen, wenn er
keine Arme gehabt hatte? Ich will dir noch eine Frage vorlegen;
wenn du mir die rechte Antwort darauf giebst, so bekenne--
2. Todtengraber.
Was ist's dann?
1. Todtengraber.
Wer ist der, der starker baut als Maurer und Zimmermann?
2. Todtengraber.
Das ist der Galgen-Macher; denn dessen sein Gebau uberlebt tausend
Innhaber.
1. Todtengraber.
Dein Einfall gefallt mir nicht ubel, in der That; der Galgen schikt
sich wol: Aber wie schikt er sich wol? Er schikt sich wol fur
diejenigen die Ubels thun; nun thust du ubel zu sagen, der Galgen
sey starker gebaut als die Kirche; (ergel), mag sich der Galgen wol
fur dich schiken. Zur Sache, komm.
2. Todtengraber.
Wer starker baue als Maurer und Zimmermann?
1. Todtengraber.
Ja, wenn du mir das sagen kanst, so will ich dich gelten lassen.
2. Todtengraber.
Beym Element, nun kan ich dir's sagen.
1. Todtengraber.
Nun, so sage--
2. Todtengraber.
Nein, Sakerlot, ich kan nicht. (Hamlet und Horatio treten in
einiger Entfernung von den Todtengrabern auf.)
1. Todtengraber.
Gieb's lieber auf, dein Esel wird doch nicht schneller gehen, du
magst ihn schlagen wie du willt; und wenn dich einer einmal wieder
fragt, so sage, der Todtengraber. Denn die Hauser, die er macht,
dauren bis zum jungsten Tag: Geh einmal zum rothen Ros, und hol mir
ein Glas Brandtwein.
(Der 2te Todtengraber geht ab.)
(Der erste Todtengraber grabt und singt ein Liedchen dazu.)
Hamlet.
Hat dieser Bursche kein Gefuhl von seinem Geschafte, das er zum
Grabmachen singen kan?
Horatio.
Die Gewohnheit hat ihn so verhartet, das er bey einer solchen
Arbeit gutes Muths seyn kan.
Hamlet. (Indem der Todtengraber immer singend einen Schedel aufgrabt.)
Dieser Schedel hatte einst eine Zunge, und konnte singen--wie ihn
der Schurke in den Boden hinein schlagt, als ob es Cains des ersten
Morders Kinnbaken ware! und doch war der Schedel mit dem dieser
Esel izt so ubermuthig zu Werke geht, vielleicht der Hirnkasten
eines Staatsmanns, eines von diesen Herren, die unserm Herrn Gott
selbst einen Nebel vormachen mochten; nicht so?
Horatio.
Es ist moglich, Gnadiger Herr--
Hamlet.
Oder eines Hoflings, der sagen konnte: Guten Morgen, mein liebster
Lord; wie befindet sich Euer Herrlichkeit? Es kan Milord der und
der gewesen seyn, der Milord dessen seinem Pferd eine Lobrede
halten konnte, wenn er's ihm gerne abgebettelt hatte; nicht so?
Horatio.
Ja, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Nicht anders; und nun ist Milady Wurm von allen ihren Anbetern
verlassen, und mus sich von eines Todtengrabers Spate aus dem Boden
herausschlagen lassen. Hier ist eine hubsche Revolution, wenn wir
den Verstand hatten sie zu sehen--Hier ist ein andrer: Kan das
nicht der Schedel eines Rechtsgelehrten gewesen seyn? Wo sind nun
seine Quidditaten und Qualitaten? Seine (Casus?) Seine Tituls?
Seine Ranke? Warum leidet er, das ihn dieser grobe Geselle mit
seiner kothigen Schaufel aus seiner Retirade herausklopfen darf,
ohne eine Action gegen ihn anzustellen?--* Ich mus mit diesem
Burschen reden. Wessen Grab ist das, Bursche?
{ed.-* Hamlet sezt im Original diese kuhlen Betrachtungen noch langer
fort, indem er sich vorstellt, das es der Schadel eines reichen
Landsassen gewesen sey; man hat es aber unmoglich gefunden, diese
Stelle, deren groster Nachdruk in etlichen Wortspielen besteht, zu
ubersezen; und man wurde diese ganze Scene eben sogern ausgelassen
haben, wenn man dem Leser nicht eine Idee von der beruchtigten
Todtengraber-Scene hatte geben wollen.}
Todtengraber.
Meines, Herr--
(er fangt wieder an zu singen.)
Hamlet.
Ich denk' es ist dein, denn du lugst darinn.
Todtengraber.
Und ihr lugt daraus, Herr, und also ist es nicht euers--
(Hier folgen noch etliche elende Reden, wovon das sinnreiche in dem
Wortspiel mit lie, welches Liegen und Lugen bedeutet, liegt.)
Hamlet.
Ich frage, wie der Mann heist, fur den du das Grab machst?
Todtengraber.
Ich mach es fur keinen Mann, Herr.
Hamlet.
Fur was fur eine Frau dann?
Todtengraber.
Auch fur keine Frau.
Hamlet.
Wer soll dann darinn begraben werden?
Todtengraber.
Eine die in ihrem Leben ein Weibsbild war, aber, Gott trost ihre
Seele! nun ist sie todt.
Hamlet.
Was fur ein determinierter Schurke das ist! In was fur einer
Sprache mussen wir mit ihm reden, das er uns nicht mit
Zweydeutigkeiten stumm mache? Bey Gott, Horatio, ich habe diese
drey Jahre her beobachtet, das die Welt so spizfundig worden ist,
das der Bauer seinen plumpen Wiz eben so hoch springen und so
seltsame Gambaden machen last, als der wizigste von unsern
Hofschranzen--Wie lange bist du schon ein Todtengraber?
Todtengraber.
Unter allen Tagen im Jahr kam ich an dem Tag dazu, da unser
verstorbner Konig Hamlet uber den Fortinbras Meister wurde.
Hamlet.
Wie lang ist das?
Todtengraber.
Konnt ihr das nicht sagen? Das kan ein jeder Narr sagen: Es war
auf den nemlichen Tag, da der junge Hamlet auf die Welt kam, der
narrisch wurde, und nach England geschikt worden ist.
Hamlet.
Was, zum Henker! und warum wurde er nach England geschikt?
Todtengraber.
Warum? weil er narrisch worden ist; er soll dort seine funf Sinnen
wieder kriegen; oder wenn er sie nicht wieder kriegt, so hat es
dort nicht viel zu bedeuten.
Hamlet.
Warum das?
Todtengraber.
Man wird es nicht an ihm gewahr werden; denn dort sind die Leute
eben so narrisch als er.
Hamlet.
Wie wurde er dann narrisch?
Todtengraber.
Auf eine gar seltsame Art, sagt man.
Hamlet.
Wie so, seltsam?
Todtengraber.
Sapperment, er wurde eben ein Narr, weil er seinen Verstand verlohr.
Hamlet.
Aus was fur einem Grund?
Todtengraber.
Wie, hier, in Dannemark. Ich bin hier Todtengraber gewesen, von
meinen jungen Jahren an bis izt, diese dreissig Jahre.
Hamlet.
Wie lange kan wol ein Mensch in der Erde liegen, bis er verfault?
Todtengraber.
Wenn er nicht schon faul ist, eh er stirbt (wie wir denn heut zu
Tag manche Leichen haben, die kaum so lange halten, bis sie unterm
Boden sind) so kan er euch acht bis neun Jahre dauren; ein Loh-
Gerber dauert euch seine neun Jahre.
Hamlet.
Warum ein Loh-Gerber langer als andre Leute?
Todtengraber.
Warum, Herr? weil seine Haut von seiner Profession so gegerbt ist,
das sie das Wasser langer aushalt. Denn es ist nichts das einem
todten Korper eher den Garaus macht als Wasser. Hier ist ein
Schedel, der nun bereits drey und zwanzig Jahre im Boden liegt.
Hamlet.
Wessen war er?
Todtengraber.
Es war ein vertrakter Bursche, dem er gehorte; wer denkt ihr das es
war?
Hamlet.
Ich weis es nicht.
Todtengraber.
Das die Pestilenz den Schurken! Er gos mir einmal eine Flasche mit
Rheinwein uber den Kopf. Dieser nemliche Schedel, Herr, war Yoriks
Schedel, des Koniglichen Hofnarrens.
Hamlet.
Dieser?
Todtengraber.
Dieser nemliche.
Hamlet.
Ach der arme Yorik. Ich kannte ihn, Horatio, es war der
kurzweiligste Kerl von der Welt; von einer unvergleichlichen
Einbildungs-Kraft: Er hat mich viel hundertmal auf seinem Ruken
getragen: Und nun, was fur ein grausenhafter Anblik! Mein Magen
kehrt sich davon um. Hier hiengen diese Lippen, die ich wer weis
wie oft kuste. Wo sind nun deine Scherze? Deine Sprunge? Deine
Liedchen? Wo sind die schnakischen Einfalle, welche die Tafel mit
brullendem Gelachter zu erschuttern pflegten? Ist dir nicht ein
einziger ubrig geblieben, um uber dein eignes Grinsen zu spotten?
Nun geh mir einer in Mylady's Schlaf-Zimmer, und sag ihr; und wenn
sie sich einen Daumen dik ubermahle, so mus' es doch zulezt (dazu)
mit ihr kommen--Ich bitte dich, Horatio, antworte mir nur auf Eine
Frage--
Horatio.
Was ist es, Gnadiger Herr?
Hamlet.
Denkst du, Alexander habe auch so im Boden ausgesehen?
Horatio.
Eben so.
Hamlet.
Und so gerochen? Fy!
(Er riecht an dem Schedel.)
Horatio.
Ja, Gnadiger Herr.
Hamlet.
Zu was fur einer unedeln Bestimmung konnen wir endlich herabsinken,
Horatio! Konnen wir nicht in unsrer Einbildung Alexanders edlem
Staube folgen, bis wir ihn an einem Ort finden, wo er ein Spund-
Loch stoppt?
Horatio.
Eine solche Betrachtung ware gar zu spizfundig.
Hamlet.
Nein, gar nicht, im geringsten nicht: Die Betrachtung ist ganz
naturlich: Alexander starb, Alexander wurde begraben, Alexander
wurde zu Staub; der Staub ist Erde; aus der Erde machen wir Laim;
und konnte mit diesem Laim, worein er verwandelt wurde, nicht eine
Bier-Tonne gestoppt werden? Und so kan der Welt-Bezwinger Casar
eine Spalte in einer Mauer gegen den Wind gestoppt haben. Aber
sachte! Sachte eine Weile--da kommt der Konig--
Zweyte Scene.
(Der Konig, die Konigin, Laertes, und ein Sarg mit einem Trauer-
Gefolge von Hofleuten, Priestern, u.s.w.)
Hamlet.
Die Konigin--ein Gefolge von Hofleuten--Was ist das, was sie
begleiten? und warum mit so wenig Ceremonien? Das zeigt, das die
Leiche, so sie begleiten von jemand ist, der gewaltthatige Hand an
sich selbst gelegt hat--Es mus eine Person von Stande gewesen seyn--
wir wollen uns ein wenig entfernt halten und acht geben.
Laertes.
Die ubrigen Ceremonien?
Hamlet.
Das ist Laertes, ein sehr edler junger Mann: gieb acht--
Laertes.
Die ubrigen Ceremonien?
Priester.
Ihre Obsequien sind so weit ausgedehnt worden, als wir ermachtigst
sind; ihr Tod war zweifelhaft; und hatte der Konigliche Befehl die
Ordnung nicht ubermocht, so sollte sie in einem ungeweihten Boden
bis zum Schall der lezten Trompete ihr Lager gehabt haben; statt
mildherziger Furbitten sollten Scherben, und Kieselsteine auf sie
geworfen worden seyn; nun wird sie mit jungfraulichen Ehrenzeichen,
unter Gesang und Gloken-Gelaut bestattet.
Laertes.
Und ist das alles was gethan werden soll?
Priester.
Es ist alles was gethan werden kan; es wurde Entheiligung seyn, ihr
ein (requiem) zu singen und ihr die lezte Ehre die nur Seelen die
im Frieden abgeschieden sind, gebuhrt, zu erstatten.
Laertes.
Legt sie in die Erde; und aus ihrem schonen und unbeflekten Fleisch
mogen Violen hervorkeimen! Ich sage dir, hartherziger Priester,
meine Schwester wird ein Engel des himmlischen Thrones seyn, wenn
du heulend im Abgrund liegst.
Hamlet.
Wie? die schone Ophelia?
Konigin.
Das lezte lebe wohl, angenehme Schone! Ich hoffte, du solltest
meines Hamlets Weib werden; ich dachte einst dein Braut-Bette zu
deken, holdes Madchen, nicht dein Grab mit Blumen zu bestreuen.
Laertes.
O dreyfaches Weh falle zehnfaltig dreymal uber das verfluchte Haupt,
dessen gottlose That dich deiner schonen Vernunft beraubte.
Haltet noch ein, bis ich sie noch einmal in meine Arme geschlossen
habe.
(Er springt in das Grab.)
Nun werft euern Staub uber den Lebenden und Todten, bis ihr aus
dieser Ebne ein Geburge gemacht habt, das den alten Pelion und den
Himmelberuhrenden Olimpus ubergipfle.
Hamlet, (der sich zu erkennen giebt.)
Wer ist der, dessen Schmerz sich so emphatisch ausdrukt? Dessen
Trauer-Tone die irrenden Sterne beschworen und sie zwingen, von
Erstaunen gefesselt, stille zu stehn und zu horchen? Der bin ich,
Hamlet, der Dahne.
(Er springt in das Grab.)
Laertes.
Der Teufel hole deine Seele!
(Er ringt mit ihm.)
Hamlet.
Du betest nicht schon. Ich bitte dich, deine Finger von meiner
Gurgel weg!--Wenn ich gleich nicht splenetisch und jahzornig bin,
so hab ich doch etwas gefahrliches in mir, wovor du dich huten
magst, wenn du klug bist. Deine Hand zuruk.
Konig.
Reist sie von einander--
Konigin.
Hamlet, Hamlet--
Horatio.
Mein gnadigster Prinz, halltet euch zuruk--
(Die Umstehenden machen sie von einander los.)
Hamlet.
Was, ich will uber diese Materie mit ihm fechten, bis meine
Auglider nicht langer niken konnen.
Konigin.
O mein Sohn! was fur eine Materie?
Hamlet.
Ich liebte Ophelien; vierzigtausend Bruder konnten mit aller ihrer
Liebe zusammen genommen die Summe der meinigen nicht aufbringen.
Was willt du fur sie thun?
Konig.
O er ist rasend, Laertes--
Konigin.
Um Gottes willen, habt Geduld mit ihm.
Hamlet.
Komm, zeig mir, was du thun willt. Willt du weinen? Willt du
fechten? Willt du fasten? Dich selbst zerfezen? Willt du Wein-
Essig trinken, ein Crocodil verschlingen? Ich will es thun--Kamst
du nur hieher, zu weinen? Vor meinen Augen in ihr Grab zu
springen? Las dich lebendig mit ihr begraben; ich will es auch;
und wenn du von Bergen schwazest, so las sie Millionen Jaucharten
auf uns werfen, bis die auf uns liegende Erde, den Ossa zu einem
Maulwurfs-Hauffen macht! Wahrhaftig! Wenn du grossprechen willt,
so kan ich das Maul so voll nehmen wie du.
Konigin.
Er spricht in tollem Muth, und so wird der Paroxismus eine Weile
auf ihn wurken; aber auf einmal wird, so geduldig als die weibliche
Daube, eh ihre goldbehaarten Jungen ausgekrochen sind, sein
Stillschweigen brutend sizen.
Hamlet.
Hort ihr, Herr--was ist die Ursache, das ihr mir so begegnet? Ich
liebte euch allezeit: Aber es hat nichts zu sagen. Last den
Hercules selbst thun was er kan, die Kaze mus mauen und der Hund
seinen Lauf haben--
(Er geht ab.)
Konig.
Ich bitte euch, guter Horatio, habet acht auf ihn.
(Horatio geht ab.) (zu Laertes.)
Starket eure Geduld durch unsre lezte Abrede. Wir wollen uns
nicht langer saumen, die Hand an die Ausfuhrung zu legen--Liebe
Gertrude, gebet eurem Sohn einige Huter zu--Dieses Grab soll ein
wurdiges Denkmal bekommen--Und nun wollen wir unsrer Ruhe eine
Stunde schenken.
(Sie gehen ab.)
Dritte Scene.
(Verwandelt sich in eine Halle im Palast.)
(Hamlet und Horatio treten auf.)
(Hamlet erzehlt seinem Vertrauten,auf was Weise er den Inhalt der
koniglichen Commission, womitRosenkranz und Guldenstern beladen
waren, entdekt und vereitelthabe. Da diese ganze Scene nur zur
Benachrichtigung der Zuhorerdient, so waren zwey Worte hinlanglich
gewesen, ihnen zu sagen wassie ohnehin leicht erraten konnten.
Hamlet hatte Ursache einMistrauen in die Absichten des Konigs bey
seiner Versendung nachEngland zu sezen. Er schlich sich also
wahrend das die beydenGesandten schliefen, in ihre Cajute, fingerte
ihr Pakett weg, zogsich damit in sein eigenes Zimmer zuruk, erbrach
das koniglicheSigel und fand einen gemesnen Befehl an den
Englischen Konig,vermoge dessen dem Hamlet sobald er angelangt seyn
wurde, der Kopfabgeschlagen werden sollte--Er stekte dieses Papier
zu sich, undsezte sich hin, eine andre Commission zu schreiben,
worinn derKonig aufs ernstlichste beschwohren wurde, so lieb ihm
dieFreundschaft Dannemarks (von welchem England damals abhangig
war)sey, die Uberbringer dieses Schreibens unverzuglich aus dem
Wegeraumen zu lassen. Zu gutem Gluke hatte er seines Vater Signet
inder Tasche; und zu noch grosserm Gluk war es dem grossen
dahnischenSigel vollkommen gleich; er faltete also dieses Schreiben
eben sowie das erste, unterschrieb und sigelte es, und legte es
sogeschikt an die Stelle des andern, das Rosenkranz und
Guldensterndie Verwechslung nicht gewahr wurden, und also bey ihrer
Ankunft inEngland wie Bellerophon, ihr eigenes Todesurtheil
uberlieferten.Horatio findet hiebey bedenklich, das dieser
mislungene Ausgang desKoniglichen Bubenstuks nicht lange verborgen
bleiben konne. Hamletberuhigst sich hieruber das doch die Zwischen-
Zeit sein sey, undnicht mehr als ein Augenblik erfordert werde, dem
Leben einesMenschen ein Ende zu machen. Indessen bedaurt er, das
er sichdurch den Affect habe hinreissen lassen, den Laertes zu
beleidigen,und nimmt sich vor, das er sich bemuhen wolle, seine
Freundschaftwieder zu erlangen.)*
{ed.-* Man kan hieraus schliessen, das HamletAbsichten gegen den
Konig gehabt habe; es war aber doch nichtsbestimmtes, kein Entwurf,
wobey er sich seiner eignen Sicherheitund eines gluklichen Ausgangs
hatte versichert halten konnen--Hamlet soll und will seinen Vater
rachen--Dieser Wille beherrschtihn vom ersten Actus des Stuks bis
zum Ende, ohne das er jemalsselbst weis, oder nur daran denkt wie
er dabey zu Werke gehen wolle--Allein wir haben langst gesehen, das
die Anlegung der Fabel, dieVerwiklung und die Entwiklung derselben
gerade die Stuke sind,worinn unser Poet schwerlich jemand unter
sich hat. Indessengefallt doch dem Englischen Parterre kein Stuk
ihres Shakespearsmehr als dieses. Man sollte sagen, es
simpathisiere mit ihnen.Der Humor des Hamlet (Denn das was ihn in
dem ganzen Lauf des Stuksbeherrscht, ist viel weniger Leidenschaft
als Laune,) diese kalte,raisonnirende oder richtiger zu reden,
phantasirende Melancholie,die nur dann und wann in plozliche und
eben so schnell wiedersinkende Wind-Stosse von Leidenschaft
ausbricht, dieseGleichgultigkeit gegen sein eigens Leben, welche
das grosseVorhaben der Rache, wovon seine Seele geschwellt ist,
demungefehren Zufall uberlast, und es nicht der Muhe werth halt
einenPlan anzulegen oder Pracautionen zu nehmen, um nicht selbst in
denFall seines Feindes verwikelt zu werden--Alles dieses sind Zuge,
worinn Englander ihr eignes Bild zu sehr erkennen, um nicht
weitstarker davon interessiert zu werden, als durch die
idealischenCharakters und die starken soutenierten Leidenschaften
der Heldendes Corneille. Shakespears Helden, zumal seine Lieblings-
Helden,sind alle (Humoristen), und vermuthlich ist dieses eine
Haupt-Ursache, warum ungeachtet Sprache, Sitten und Geschmak sich
seitseiner Zeit so sehr verandert haben, dieser Autor doch fur
seineLandsleute immer neu bleibt, und etwas weit anzugelichers fur
siehat, als alle die neuern, welche nach franzosischen
Modellengearbeitet haben.}
Vierte Scene.
(Osrik des Konigs Hofnarr, kommt dem Hamlet zu melden, der Konig
habe eine Wette mit Laertes angestellt, das ihm Hamlet im Fechten
uberlegen sey. Diese Scene ist mit der unubersezlichen Art von Wiz,
Wortspielen und Fopperey angefullt, worinn unser Autor seine
damaligen Rivalen eben so weit als an Genie und an wahren
Schonheiten hinter sich lies. Nach einem langen Ball-Spiel mit Wiz,
unter welchen einige Satyrische Zuge gegen die gezwungene und)
precieuse(Hof-Sprache der damaligen Zeit mit einlauffen, fertigt
Hamlet den Narren mit der Antwort an den Konig ab, das er auf der
Stelle bereit sey, den Wett-Kampf mit Laertes zu unternehmen. Bald
darauf tritt ein Herr vom Hofe auf, und kundigt an, das der Konig,
die Konigin, und der ganze Hof im Begriff seyen zu kommen und dem
Wett-Kampf beyzuwohnen. Er sezt hinzu: Die Konigin ersuche den
Prinzen, vor Anfang des Gefechts sich eine Weile mit Laertes auf
einen freundschaftlichen Fus zu unterhalten. Hamlet verspricht es
zu thun, und der Hofling geht ab.)
Horatio.
Ich besorge ihr verliehret die Wette Gnadiger Herr.
Hamlet.
Ich glaub es nicht; ich bin, seit dem er nach Frankreich gieng, in
bestandiger Ubung gewesen, ich halte mich des Siegs gewis. Aber
du kanst dir nicht vorstellen, wie ubel mir allenthalben hier ums
Herz ist--Allein das hat nichts zu bedeuten.
Horatio.
Ich denke nicht so, mein liebster Prinz.
Hamlet.
Es ist nichts, blosse Kinderey; und doch war es vielleicht genug,
um ein Weibsbild unruhig zu machen.
Horatio.
Wenn euch euer Herz eine geheime Warnung giebt, so folgt ihm. Ich
will ihnen entgegen gehen, und sagen, ihr seyd izo nicht disponiert.
Hamlet.
Nein, nein, ich halte nichts auf Ahnungen; die Vorsehung erstrekt
sich bis uber den Fall eines Sperlings. Ist es izt, so ist es
nicht ein andermal; ist es nicht ein andermal, so ist es izt; und
ist es nicht izt, so wird es ein andermal seyn--Alles kommt darauf
an, das man bereit sey.
Funfte Scene.
(Der Konig, die Konigin, Laertes und eine Anzahl Herren vom Hofe,
Osrik und einige Bedienten mit Rappieren und Fecht-Handschuhen.
Ein Tisch und Flaschen mit Wein darauf.)
Konig.
Kommt, Hamlet, kommt, und nemmt diese Hand von mir.
(Er giebt ihm des Laertes Hand.)
Hamlet.
Ich bitte um eure Vergebung, mein Herr, ich habe euch bleidiget;
aber vergebet mirs und versichert mich dessen als ein Edelmann.
Alle Gegenwartigen wissen, und ihr must es gehort haben, mit was
fur einer ungluklichen Gemuths-Krankheit ich gestraft bin. Was ich
gethan habe, das in euch Natur, Ehre und Rache gegen mich aufreizen
mochte, hat, ich erklar' es hier offentlich, meine Raserey gethan;
Es war nicht Hamlet der euch beleidigte--Hamlet war nicht er selbst,
da er es that, er verabscheut die That seiner Raserey; sie ist der
Beleidiger, er auf der Seite der Beleidigten; seine Raserey ist des
armen Hamlets Feind. Last also meine feyerliche Erklarung das ich
keinen Vorsaz hatte, ubels zu thun, mich so fern in euern
edelmuthigen Gedanken frey sprechen, als ob ich meinen Pfeil uber
ein Haus geschossen, und meinen Bruder verwundet hatte.
Laertes.
Ich bin befriedigt, in so fern ich Sohn und Bruder bin, Namen, die
in diesem Fall mich am meisten zur Rache auffordern; Aber als ein
Edelmann, kan und will ich keine Versohnung eingehen, bis ich von
einigen altern und bewahrten Richtern dessen was die Ehre fodert,
die Versicherung erhalten habe, das ich es ohne meinen Namen zu
entehren thun konne. Inzwischen nehme ich, bis dahin, eure
angebotene Freundschaft als Freundschaft an, und will sie nicht
misbrauchen.
Hamlet.
Ich bin zufrieden, und auf diesen Fus bin ich bereit, diesen
freundschaftlichen Wett-Kampf zuversichtlich zu bestehen. Gebt uns
die Rappiere.
Laertes.
Kommt, eins fur mich.
Hamlet.
Ich werde eure Folie seyn, Laertes; eure Kunst wird aus meiner
Unwissenheit desto feuriger hervorstralen, wie ein Stern aus der
Finsternis der Nacht; in der That.
Laertes.
Ihr scherzet, mein Herr.
Hamlet.
Nein, bey dieser Hand.
Konig.
Gebt ihnen Rappiere, Osrik. Hamlet, ihr wisset, worauf ich
gewettet habe?
Hamlet.
Ich weis es, Gnadigster Herr; Eure Majestat hat sich in Gefahr
gesezt, zu verliehren.
Konig.
Ich besorge nichts; ich habe euch beyde fechten gesehen, weil er
aber indessen starker worden ist, so haben wir das Gewette
angestellt.
Laertes.
Dieses Rappier ist zu schwer, last mich ein anders sehen.
Hamlet.
Das meine ist mir ganz recht; diese Rappiere haben alle die rechte
Lange.
Konig.
Fullt mir diese Dekel-Glaser mit Wein! Wenn Hamlet den ersten oder
zweyten Stos beybringt, oder bis zum dritten sogleich erwiedert, so
last alle Canonen losfeuren; der Konig wird auf Hamlets bessern
Athem trinken, und in den Becher soll eine Perle geworfen werden,
reicher als die kostbarste die jemals ein danischer Konig in seiner
Crone getragen hat. Gebt mir die Becher: Und last es die Kessel-
Pauken den Trompeten kundmachen, die Trompeten den Canonieren
draussen, die Canonen dem Himmel, die Himmel der Erde, das der
Konig auf Hamlets Gesundheit trinke--Komt, fangt an, und ihr Herren
Richter, habt gute Acht.
Hamlet.
Kommt dann, mein Herr.
Laertes.
Wohlan, Gnadiger Herr--
(Sie fechten.)
Hamlet.
Einer--
Laertes.
Nein--
Hamlet.
Thut den Ausspruch--
Osrik.
Ein Stos, und das ein ziemlich fuhlbarer.
Laertes.
Gut--Noch einmal--
Konig.
Haltet ein--zu trinken! Hamlet, diese Perle ist dein--Auf deine
Gesundheit!--Gebt ihm den Becher--
(Trompeten und Pauken und mit Salve von Geschuz.)
Hamlet.
Ich will diesen Gang erst ausfechten--Sezt ihn indessen hin--
(sie fechten)
--Wohlan--wieder einen Stos--was sagt ihr?
Laertes.
Gestreift, gestreift, ich gesteh' es.
Konig.
Unser Sohn wird gewinnen.
Konigin.
Er ist zu fett und von zu kurzem Athem. Hier Hamlet, nimm mein
Schnupftuch und wische dir die Stirne--Die Konigin trinkt dirs zu,
Hamlet, auf dein gutes Gluk! --
(Sie trinkt aus dem Becher, der fur Hamlet bestimmt war.)
Hamlet.
Gutige Mutter--
Konig.
Gertrude trinkt nicht--
Konigin.
Ich will, mein Herr; ich bitte euch um Vergebung.
Konig (vor sich.)
Es ist der vergiftete Becher; nun ist's zu spat--
Hamlet.
Ich darf noch nicht trinken, Gnadige Frau; eine kleine Geduld--
Konigin.
Komm, las mich dein Gesicht abwischen.
Laertes.
Diesesmal will ich ihm gewis eins anbringen.
Konig.
Ich glaub es nicht.
Laertes (bey Seite.)
Und doch ist es fast gegen mein Gewissen.
Hamlet.
Kommt, den dritten Gang, Laertes; ihr tandelt nur; ich bitte euch,
gebraucht euch eurer aussersten Starke; ich sorge ihr wollt mich
nur zu sicher machen.
Laertes.
Sagt ihr das? Wohlan dann.
(Sie fechten.)
Osrik.
Es hat noch keiner nichts--
Laertes.
Da habt es dann--
(Laertes verwundet Hamleten; hernach verwechseln sie in der Hize
des Gefechts die Rappiere, und Hamlet verwundet den Laertes.)
Konig.
Trennet sie, sie gerathen in Hize.
Hamlet.
Nein, noch einmal--
Osrik.
Seht zu der Konigin hier, ho!
Horatio.
Sie bluten beyde--Wie geht's euch, Gnadigster Herr?
Osrik.
Wie steht's um euch, Laertes?
Laertes.
Wie eine Schneppe in meiner eignen Schlinge, Ossrik; billig sterb'
ich durch das Werkzeug meiner schnoden Verratherey.
Hamlet.
Was macht die Konigin--
Konig.
Es ist nur eine Ohnmacht, weil sie Blut gesehen hat.
Konigin.
Nein, nein, der Trank, der Trank--O mein theurer Hamlet! der Trank,
der Trank--Ich bin vergiftet--
(Die Konigin stirbt.)
Hamlet.
O Abscheulichkeit! he! last die Thuren verrigelt werden:
Verratherey! wer ist der Thater--
Laertes.
Hier ist er; Hamlet, du bist des Todes, kein Arzneymittel in der
Welt kan dich retten. Du hast fur keine halbe Stunde mehr Leben in
dir, das verrathrische Werkzeug ist in deiner Hand, ohne Knopf und
vergiftet; der schandliche Kunstgriff ist mein eignes Verderben
worden. Sieh, hier lieg ich, um nicht mehr aufzustehen; deine
Mutter ist vergiftet; ich kan nicht mehr--Der Konig, der Konig hat
die Schuld.
Hamlet.
Und dis Rappier auch vergiftet? Nun, Gift, so thu was du kanst--
(Er ersticht den Konig.)
Alle.
Verratherey! Verratherey!
Konig.
O helft, meine Freunde, vertheidiget mich, ich bin nur verwundet--
Hamlet.
Hier, du blutschandrischer, mordrischer, verdammter Dahne, trink
diesen Becher aus--ist die Perle hier? Folge meiner Mutter--
(Der Konig stirbt.)
Laertes.
Er hat empfangen was er verdient hat. Er selbst mischete das Gift.
Las uns einander verzeihen, edler Hamlet; mein und meines Vaters
Tod komme nicht uber dich, noch deiner uber mich!
(Er stirbt.)
Hamlet.
Der Himmel mog' ihn dir nicht zurechnen! Ich bin des Todes,
Horatio--Unglukliche Konigin, Adieu!--Ihr, die ihr mit erblasten
Gesichtern umhersteht, und vor Entsezen uber diesen Vorfall zittert;
ihr, die ihr nur die stummen Personen oder die Zuhorer bey diesem
Trauerspiel seyd--hatte ich nur Zeit--aber der Tod liegt zu hart
auf mir--oh, ich konnte euch Dinge sagen--las es seyn!--Horatio,
ich sterbe; du lebst, dir uberlas ich meine Ehre und meine
Rechtfertigung bey den Unberichteten.
Horatio.
Das glaubt nicht, das ich leben werde--Ich bin mehr ein alter Romer
als ein Dahne--Hier ist noch von dem Trank ubrig.
Hamlet.
Wenn du ein Mann bist, so gieb mir den Becher; las gehen; beym
Himmel, ich will ihn haben. O mein redlicher Horatio, was fur
einen verwundeten Namen, werd' ich bey diesen Umstanden hinter mir
lassen! Wenn du mich jemals in deinem Herzen getragen hast, so
verbanne dich selbst noch eine Weile von der Glukseligkeit, und
schleppe dich noch so lange in dieser muhseligen Welt, bis du mein
Andenken gerechtfertiget hast.
(Man hort einen Marsch und bald darauf ein Salve hinter der Scene.)
Was fur ein kriegrisches Getose ist das?
Sechste Scene.
(Osrik tritt auf.)
Osrik.
Der junge Fortinbras, welcher siegreich von Pohlen zuruk kommt,
beehrt die Abgesandten von England mit diesem kriegerischen Grus.
Hamlet.
O ich sterbe, Horatio; die Starke des Gifts uberwaltigt meinen
Geist: Ich kan nicht so lange leben, die Nachrichten aus England zu
horen. Aber ich sehe vorher, das die Wahl auf Fortinbras fallen
wird; er hat meine sterbende Stimme: Das sag ihm mit allen den
Umstanden, die diesen Ausgang--Es ist vorbey--
(Er stirbt.)
Horatio.
Nun bricht ein edles Herz; gute Nacht, liebster Prinz, und Engels-
Schwingen mogen dich zu deiner Ruhe tragen!--Wie, die Trummeln
kommen naher? (Fortinbras und die Englischen Gesandten, mit
Trummeln, Fahnen, und Gefolge treten auf.)
Fortinbras.
Was fur ein Anblik ist das?
Horatio.
Der klaglichste und ausserordentlichste, den eure Augen jemals
sehen werden.
Fortinbras.
Vier furstliche Leichen, todt und in ihrem Blut liegend--O stolzer
Tod, was fur ein Gastmal giebst du in deiner hollischen Grotte, das
du so viele Prinzen mit einem Streich geschlachtet hast.
Abgesandten.
Der Anblik ist entsezlich, und unsre Commission aus England kommt
zu spate. Die Ohren sind fuhllos, die uns Audienz geben sollten.
Wir sollten ihm melden, das sein Befehl an Rosenkranz und
Guldenstern vollzogen worden: Von wem werden wir nun unsern Dank
erhalten?
Horatio.
Nicht von diesem Munde (des Konigs), hatte er noch das Vermogen zu
reden: Denn er gab niemals keinenBefehl das sie sterben sollten.
Allein, nachdem es sich nungefuget hat, das ihr beyderseits so
schiklich, ihr von demPolnischen Krieg und ihr von England, zu
dieser blutigen Sceneangekommen seyd; so gebet Befehl, das diese
Leichen auf einemerhoheten Geruste ausgesezt werden, damit ich der
Welt, fur welchealles noch ein Geheimnis ist, sagen konne, wie
diese Dinge sichzugetragen haben. Ihr werdet dann von grausamen,
blutigen undunnaturlichen Thaten horen, wie einige durch
verratherische Ranke,andre durch den blossen Zufall, und wie am
Ende die mislungenenAnschlage auf ihrer Erfinder eignen Kopf
gefallen sind. Von allemdiesem kan ich umstandliche und echte
Nachricht geben.
Fortinbras.
Mich verlangt es zu horen--Die Anstalten sollen gemacht, und der
Adel zusammen beruffen werden. Was mich betrift so umarme ich mein
Gluk mit traurigem Herzen; ich habe einiges Recht an dieses
Konigreich, welches ich durch diese Zufalle nun geltend zu machen
veranlast bin.
Horatio.
Auch hievon hab ich zu reden, und aus einem Munde, dessen Stimme
manche andre nach sich ziehen wird: Aber lasset die Anstalten
unverzuglich gemacht werden, izt, da die Gemuther noch besturzt und
unfahig sind Entwurfe zu machen, die zu neuen Verwirrungen Anlas
geben konnten. (Fortinbras giebt Befehl, das Hamlets Leiche unter
kriegerischer Musik, von vier Hauptmannern auf das Geruste getragen
werde--(Sie marschieren ab, und das Stuk hort mit einem abermaligen
Salve aus dem kleinen Geschuz auf.)
END
This etext was retrieved by ftp from ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg
It is also available from www.ibiblio.org/gutenberg
Produced by Delphine Lettau
This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
zur Verfugung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
|
|
Buy all the books from our site on CD or DVD
B&R Samizdat Express publishes books you read on your computer,
collected
and organized in useful and suggestive ways on CD and DVD.
They offer classics and out-of-print gems, organized by author, genre,
time
period, theme/subject, and geographic region. Books in text form
are searchable, printable, and editable. You can buy an entire library
for
the price of a single printed book.
|