| |
Das Leben und der Tod des Konigs Lear.
William Shakespeare
Ubersetzt von Christoph Martin Wieland
Personen des Trauerspiels.
Lear, Konig von Brittannien.
Konig von Frankreich.
Herzog von Burgund.
Herzog von Cornwall.
Herzog von Albanien.
Graf von Gloster.
Graf von Kent.
Edgar, Glosters Sohn.
Edmund, Bastard von Gloster.
Curan, ein Hofling.
Medicus.
Narr.
Oswald, Gonerills Haushofmeister.
Ein Officier.
Ein Edelmann, der Cordelia begleitet.
Ein Herold.
Ein alter Mann von Glosters Unterthanen.
Ein Bedienter von Cornwall.
Zwey Bediente von Gloster.
Gonerill, Regan und Cordelia, Lears Tochter.
Ritter die dem Konig aufwarten, Officiers, Boten, Soldaten und
Bediente etc.
Der Schauplaz ligt in Brittannien.
Erster Aufzug.
Erster Auftritt.
(Der Konigliche Palast.)
(Kent, Gloster, und Edmund der Bastard, treten auf.)
Kent.
Ich dachte, der Konig liebe den Herzog von Albanien mehr als den
von Cornwall.
Gloster.
So schien es uns allezeit; allein izt, bey der Theilung seiner
Konigreiche kan man nicht sehen, welchen von beyden er hoher schaze;
das scharfste Auge konnte nichts entdeken, das einem Theil vor dem
andern den Vorzug gabe; so genau sind sie nach ihren verschiedenen
Beschaffenheiten und Vorzugen gegen einander abgewogen.
Kent.
Ist dieses nicht euer Sohn, Mylord?
Gloster.
Die Last seiner Erziehung fiel auf mich. Ich habe schon so oft
errothet ihn fur meinen Sohn zu erkennen, das ich nicht mehr
errothen kan.
Kent.
Ich begreiffe euch nicht.
Gloster.
Die Mutter dieses jungen Menschen konnt' es; sie bekam davon eine
gewisse Geschwulst, und zulezt, Sir, fand sich, das sie einen Sohn
fur ihrer Wiege hatte, ehe sie einen Gemahl fur ihr Bette hatte.
Riechet ihr den Fehler?
Kent.
Die Wurkung dieses Fehlers ist so schon, das ich nicht wunschen kan,
er mochte unterblieben seyn.
Gloster.
Ich habe zwar auch einen gesezmassigen Sohn, der etliche Jahre
alter, aber mir nicht werther ist als dieser. Wenn dieser lose
Junge gleich ein wenig unverschamt auf die Welt kam, eh man ihn
verlangte, so war doch seine Mutter schon; es gieng kurzweilig zu
als er gemacht wurde, und der H** Sohn mus erkannt werden. Kennst
du diesen Edelmann, Edmund?
Edmund.
Nein, Mylord.
Gloster.
Es ist Mylord von Kent. Erinnere dich kunftig seiner als meines
wurdigen Freundes.
Edmund (zu Kent.)
Ew. Gnaden geruhen meine Dienste anzunehmen.
Kent.
Ihr gefallet mir, wir mussen besser mit einander bekannt werden.
Edmund.
Mylord, ich werde mich bestreben euere Gewogenheit zu verdienen.
Gloster.
Er ist neun Jahre ausser Landes gewesen, und soll noch langer seyn.
(Man hort Trompeten, der Konig kommt.)
Zweyter Auftritt.
(Konig Lear, Cornwall, Albanien, Gonerill, Regan, Cordelia und
Gefolge.)
Lear.
Gloster, gehe denen Fursten von Frankreich und Burgund Gesellschaft
zu leisten.
Gloster.
Ich gehe, mein Gebieter.
(Geht ab.)
Lear.
Nunmehr ist es Zeit, unser geheimes Vorhaben zu entdeken--Gebet mir
diese Land-Carte--Wisset, wir haben unser Konigreich in drey Theile
getheilt, und es ist unsre erste Absicht, unser Alter aller
Regierungs-Sorgen und Geschafte zu entladen, und solche jungern
Schultern aufzulegen, indes das wir unbelastet dem Tod entgegen
kriechen--Unser Sohn von Cornwall, und ihr, nicht minder geliebter
Sohn von Albanien, wir haben den standhaften Schlus gefast, in
dieser Stunde die verschiedenen Morgengaben unsrer Tochter bekannt
zu machen, damit allem kunftigen Streit daruber vorgebogen werde.
Die Fursten von Frankreich und Burgund, ansehnliche Nebenbuler um
die Liebe unsrer jungern Tochter, haben schon lange ihren
verliebten Aufenthalt an unserm Hofe gemacht, und sollen izt ihre
Antworten erhalten. Saget mir, meine Tochter, (da wir uns nun der
obersten Gewalt, der Landesherrschaft und der Sorge des Staats zu
begeben willens sind,) von welcher unter euch sollen wir sagen, das
sie uns am meisten liebe? damit wir unsre freygebigste Huld dahin
ergiessen, wo die Natur fur das groste Verdienst Anspruche macht.
Gonerill, unsre Erstgebohrne, rede zuerst.
Gonerill.
Sire, ich liebe euch mehr als Augenlicht, Raum und Freyheit; mehr
als alles was theuer und selten geschazt werden mag; nicht minder
als Leben, Gesundheit, Schonheit und Ehre; so sehr als jemals ein
Kind geliebt, oder ein Vater geliebt zu seyn verdient hat--mit
einer Liebe, die den Athem arm, und die Sprache unzulanglich macht,
die uber allen Ausdruk ist, liebe ich euch.
Cordelia (beyseite.)
Was soll Cordelia thun? Lieben und schweigen.
Lear.
Von allen diesen Landereyen, (von dieser Linie bis zu jener,) mit
schattichten Waldern und offnen Ebnen, mit fruchtbaren Stromen und
weit verbreiteten Matten bereichert, machen wir dich zur
Beherrscherin. Deiner und Albaniens Nachkommenschaft sollen sie
auf ewig eigen seyn!--Was sagt unsre zweyte Tochter, unsre
geliebteste Regan, Cornwalls Gemahlin? Rede!
Regan.
Ich bin von eben dem Metall gemacht wie meine Schwester, und schaze
mein getreues Herz nach dem Werth des ihrigen. Ich finde, das sie
das wahre Wesen meiner Liebe ausgedrukt hat; nur darinn fallt sie
zu kurz, das ich mich selbst eine Feindin aller andern Freuden
erklare, welche die vier* edelsten Sinnen uns zu geben vermogend
sind, und finde, das Eurer Majestat Liebe meine einzige
Glukseligkeit macht.
{ed.-* Durch diese vier edelsten Sinne sind hier Gesicht, Gehor,
Geruch, und Geschmak zu verstehen; denn eine junge Dame konnte mit
Anstandigkeit nicht zu verstehen geben, das sie die Vergnugungen
des funften kenne. Warburton.
Der Ubersetzer uberlast dieses dem Ausspruch der jungen Damen, und
wagt nur die Vermuthung, ob es nicht weit naturlicher sey zu denken,
Regan nenne eben darum die vier edelsten Sinne, weil sie dem funften
nicht entsagen will.}
Cordelia (beyseite.)
Arme Cordelia!--und doch nicht arm, denn ich bin gewis, das meine
Liebe gewichtiger ist als ihre Zunge.
Lear.
Dir und den Deinigen bleibe zum ewigen Erbtheil dieser ansehnliche
Drittheil unsers schonen Konigreichs, nicht geringer an Grosse,
Werth und Schonheit, als derjenige, den wir an Gonerill ubertragen
haben--Nun du, unsre Freude, nicht die geringste, obgleich die
lezte, deren jugendliche Liebe das weinvolle Frankreich, und das
milchtrieffende Burgund zu gewinnen streben, was sagst du, ein
drittes noch reicheres Loos zu ziehen als deine Schwestern?
Cordelia.
Nichts, Milord!
Lear.
Nichts?
Cordelia.
Nichts!
Lear.
Aus Nichts kan nichts entspringen. Rede noch einmal.
Cordelia.
Ich Unglukliche, das ich mein Herz nicht bis in meinen Mund hinauf
bringen kan! Ich liebe Eu. Majestat so viel als meine
Schuldigkeit ist, nicht mehr und nicht weniger.
Lear.
Wie? wie, Cordelia? Verbesre deine Rede ein wenig, oder du
mochtest dein Gluk verschlimmern.
Cordelia.
Mein theurer Lord, ihr habet mich gezeugt, erzogen, und geliebt.
Ich erstatte diese Wohlthaten wie es meine Pflicht erheischet, ich
gehorche euch, ich liebe und verehre euch. Wofur haben meine
Schwestern Manner, wenn sie sagen, sie lieben euch allein? Wenn
ich mich vermahlen sollte, so wird der Mann dem ich meine Hand gebe,
auch die Helfte meiner Liebe und Ergebenheit mit sich nehmen.
Wahrhaftig, ich will nimmermehr heurathen wie meine Schwestern, um
allein meinen Vater zu lieben.
Lear.
Sprichst du aus deinem Herzen?
Cordelia.
Ja, mein theurer Lord.
Lear.
So jung, und so unzartlich?
Cordelia.
So jung, Mylord, und so aufrichtig.
Lear.
So las denn deine Aufrichtigkeit deine Mitgift seyn. Denn bey den
heiligen Stralen der Sonne, bey den Geheimnissen der Hecate und der
Nacht, bey allen Wurkungen der himmlischen Kreise, durch welche wir
entstehen und aufhoren zu seyn--entsage ich hier aller vaterlichen
Sorge und Blutsverwandschaft, und erklare dich von diesem Augenblik
an auf immer fur einen Fremdling zu meinem Herzen, und mir. Der
barbarische Scythe, oder der mit dem Fleische seiner eignen Kinder
seinen unmenschlichen Hunger stillt, sollen meinem Herzen so nahe
ligen, und so viel Mitleiden und Hulfe von mir zu erwarten haben
als du, einst meine Tochter.
Kent.
Mein theurer Oberherr!
Lear.
Zuruk, Kent! Wage dich nicht zwischen den Drachen und seinen Grimm.
Ich liebte sie hochlich, und gedachte den Rest meines Eigenthums
ihren holden Abkommlingen zu vermachen--Hinweg aus meinem Gesicht!
(zu Cordelia)
--So sey mein Grab meine Ruhe, als ich sie hier aus ihres Vaters
Herzen verstosse.--Ruffet die Fursten von Frankreich und Burgund!--
Cornwall und Albanien, zu meiner beyden Tochter Mitgift, theilet
auch die dritte unter euch. Der Stolz den sie Aufrichtigkeit nennt,
mag sie versorgen. Euch belehne ich beyderseits mit meiner
Oberherrlichkeit, und allen den hohen Gerechtsamen und reichen
Vortheilen, welche die Majestat begleiten. Wir selbst werden mit
Vorbehalt von hundert Edelknechten, die ihr unterhalten sollet,
unsern monatlichen Aufenthalt wechselsweise bey euch nehmen; dieses
und der konigliche Titel mit seinem Zugehor ist alles was wir uns
ausbedingen; die Regierung, die vollziehende Gewalt, und die
Einkunfte, geliebte Sohne, sollen euer seyn. Zu dessen
Bekraftigung theilet diese Crone unter euch.
(Er giebt die Crone hin.)
Kent.
Koniglicher Lear, du, den ich allezeit als meinen Konig geehrt, als
meinen Vater geliebt, als meinen Meister begleitet, und als meinen
Schuz-Engel in meinen Gebeten angeruffen habe--
Lear.
Der Bogen ist gespannt und angezogen, geh dem Pfeil aus dem Wege.
Kent.
Las ihn vielmehr fallen, wenn gleich seine Spize mein Herz
durchbohren sollte. Kent mag unhoflich seyn, wenn Lear wahnwizig
ist! Was willt du thun, alter Mann? Denkst du, die Pflicht soll
sich scheuen zu reden, wenn sich die Gewalt vor der Schmeicheley
bukt? Die Ehre ist zu Aufrichtigkeit verbunden, wenn die Majestat
zu Thorheit herabsinkt. Behalt deinen Staat, hemme durch reifferes
Urtheil diese entsezliche Ubereilung. Mit meinem Leben stehe ich
davor, deine jungste Tochter liebt dich nicht am wenigsten.
Meynest du, ihr Herz sey weniger voll, weil es einen schwachern
Klang von sich giebt, als diejenigen, deren hohler Ton ihre
Leerheit wiederhallt?
Lear.
Bey deinem Leben, Kent, nicht weiter!
Kent.
Mein Leben hielt ich nie fur etwas anders als ein Pfand, das dir
meine Treue gegen deine Feinde versichern sollte; und ich furchte
nicht es zu verliehren, wenn deine Sicherheit der Beweggrund ist.
Lear.
Aus meinem Gesicht!
Kent.
Sieh' besser, Lear, und las mich immer deinen wahren Augapfel
bleiben.
Lear.
Nun, beim Apollo!
Kent.
Nun, beym Apollo, Konig, du entehrest deine Gotter mit vergeblichen
Schwuren.
Lear.
Treuloser Vasall.
(Er legt seine Hand an sein Schwerdt.)
Albanien. Cornwall.
Theurer Sir, haltet ein!
Kent.
Todte deinen Arzt, und nahre deinen Schaden--Wiederruffe deinen
Urtheilspruch, oder so lang ich einen Ton aus meiner Gurgel athmen
kan, will ich dir sagen, du thust ubel.
Lear.
Hore mich, Abtrunniger! Weil du uns hast bereden wollen, unsern
Eyd zu brechen, den wir nimmer brechen durfen, und dich erfrechet
hast, mit ubermuthigem Stolz zwischen unsern Ausspruch und dessen
Vollziehung zu treten, welches weder unsre Gemuthsart noch unsre
Wurde gestatten, und selbst unsre Macht nicht gut machen kan; so
empfange deinen Lohn. Funf Tage vergonnen wir dir, dich mit
Mitteln gegen die Unfalle der Welt zu versehen; am sechsten aber
kehre unserm Reich deinen verhasten Ruken; denn wenn von izt am
zehnten Tage dein verbannter Rumpf in unsern Herrschaften noch
gefunden wird, so ist der Augenblik dein Tod. Hinweg beym Jupiter!
dis soll nicht wiederruffen werden.
Kent.
Lebe wohl, Konig! Seit dem du dich in dieser Gestalt zeigest, lebt
die Freyheit anderwarts, und die Verbannung ist hier--Die Gotter
schuzen dich, Madchen, die du richtig denkst und sehr richtig
gesprochen hast. Ihr aber, mogen eure Thaten eure
vielversprechenden Reden bewahren! Und hiemit, ihr Fursten, sagt
Kent euch allen, lebewohl, und geht, seinen Lauf in einem fremden
Lande zu vollenden.
(Geht ab.)
(Gloster mit den Fursten von Frankreich und Burgund, und ihrem
Gefolge, tritt auf.)
Gloster.
Hier ist Frankreich und Burgund, mein edler Lord!
Lear.
Mylord von Burgund, wir wenden uns zuerst an euch, die ihr neben
diesem Konige um meine Tochter euch beworben habet. Nennet das
wenigste, was ihr zur Morgengabe mit ihr verlangt, oder stehet von
euerm verliebten Gesuch ab.
Burgund.
Koniglicher Herr! Ich fordre nicht mehr als Eure Majestat sich
erboten hat, und weniger werdet ihr nicht geben.
Lear.
Sehr edler Lord, als sie uns werth war, hielten wir sie so; aber
nun ist ihr Preis gefallen. Sir, hier steht sie. Wenn irgend
etwas an diesem kleinen Scheinding, oder alles zusammen genommen,
mit unsrer Ungnade beschwert, Eu. Gnaden anstandig ist, so ist sie
hier und ist Euer.
Burgund.
Ich weis keine Antwort hierauf.
Lear.
Wollt ihr sie, mit allen diesen Gebrechen, welche alles sind was
sie hat, freundlos, zu unserm Has adoptiert, mit unserm Fluch
ausgesteurt, und durch unsern Eyd fur eine Fremde erklart, wollt
ihr sie nehmen oder verlassen?
Burgund.
Vergebung, Koniglicher Herr! Auf solche Bedingungen findet keine
Wahl Plaz.
Lear.
So verlasset sie dann, Sir, dann bey der Macht, die mich erschaffen
hat, ich sagte euch ihren ganzen Reichthum. Was euch betrift,
grosser Konig, so schaze ich eure Liebe hoher, als das ich euch mit
derjenigen vermahlen wollte, die ich hasse. Ich bitte euch also,
wendet eure Neigung auf einen wurdigern Gegenstand als eine
Unglukselige, welche die Natur selbst beschamt ist, fur die ihrige
zu erkennen.
Frankreich.
Dis ist sehr seltsam, das Sie, die bisher der Liebling euers
Herzens, der Inhalt euers Lobes, und die Erquikung euers Alters war,
in etlichen Augenbliken eine That begangen haben soll, die
vermogend sey, sie einer so vielfaltigen Gunst zu berauben. Denn
nur irgend ein unnaturliches ungeheures Verbrechen kan eine solche
Wurkung thun. Dieses aber von Ihr zu denken, erfodert einen
Glauben, zu dem sich meine Vernunft ohne Wunderwerk nicht fahig
findet.
Cordelia.
Ich bitte Euer Majestat, (weil mein Verbrechen ist, das ich diese
glatte schlupfrige Kunst nicht besize, etwas zu reden, was ich
nicht meyne; denn was meine wahre Meynung ist, das gebe ich fruher
durch Thaten als Worte zu erkennen;) bekannt zu machen, das keine
lasterhafte Tuke, Mord oder Verratherey, noch eine unkeusche That,
oder sonst ein entehrender Schritt mich Eurer Gnade beraubt hat,
sondern blos ein Mangel der mich reicher macht, der Mangel eines
immer bettelnden Auges, und solch einer Zunge, dergleichen ich
nicht zu haben, mich freue; obgleich sie nicht zu haben, mir den
Verlust Eurer Zuneigung gebracht hat.
Lear.
Besser war' es, du warest nie gebohren worden, als das du mir nicht
besser gefallen hast.
Frankreich.
Ist es nur dis? Eine Langsamkeit des Temperaments, die manchmal
nicht ausdruken kan, was sie im Sinne hat? Mylord von Burgund, was
sagt ihr zu der Lady? Liebe ist nicht Liebe, wenn sie mit
Absichten vermengt ist, die neben dem wahren Ziel vorbey gehen.
Redet, wollt ihr sie haben? Sie selbst ist das groste Heurathgut.
Burgund.
Koniglicher Herr! Gebet Ihr nur das Erbtheil, das Ihr willens
waret, so nehme ich hier Cordelias Hand, und erklare sie zur
Herzogin von Burgund.
Lear.
Nichts!--ich habe geschworen.
Burgund.
So bedaure ich denn, das ihr einen Vater so verlohren habet, das
ihr auch einen Gemahl verlieren must.
Cordelia.
Friede sey mit Burgund! weil Absichten auf Vermogen seine Liebe
sind, so werde ich nicht sein Weib werden.
Frankreich.
Schonste Cordelia; desto reicher, weil du arm bist, desto
wahlenswurdiger, weil du vergessen, und desto geliebter, weil du
verschmahet wirst. Hier bemachtige ich mich deiner und deiner
Tugenden, wenn es anders erlaubt ist zu nehmen, was andre
verworffen haben. Ihr Gotter! wie seltsam, das die kalteste
Gleichgultigkeit meine Liebe zu flammender Ehrfurcht anfachen soll!
Deine enterbte Tochter, Konig, von dir verworffen, und meiner
Willkuhr uberlassen, ist Konigin von Mir, von Frankreich, und von
allem was mein ist. Alle Herzoge des wasserreichen Burgunds konnen
dieses ungeschazte theure Madchen nicht von mir erkauffen. Gieb
ihnen das lezte Lebewohl, Cordelia, so ungutig sie sind; du
verlierst hier, anderswo etwas bessers zu finden.
Lear.
Du hast sie, Frankreich! Las sie dein seyn, denn wir haben keine
solche Tochter, noch werden wir dieses ihr Gesicht jemals wieder
sehen. Gehet also, ohne unsre Gnade, unsre Liebe, und unsern Segen.
Komm, edler Burgund!
(Lear und Burgund gehen ab.)
Frankreich.
Beurlaubet euch von euern Schwestern.
Cordelia.
Ihr Kleinode euers Vaters, mit gebadeten Augen verlast euch
Cordelia; ich weis wer ihr seyd, und bin als eine Schwester gar
nicht geneigt, eure Fehler mit ihrem eignen Namen zu nennen.
Liebet unsern Vater in der That. Euerm Liebe-athmenden Busen
empfehle ich ihn! Und doch, stunde ich in seiner Gnade, ich wollte
ihm einen bessern Plaz anweisen. So lebet wol!
Regan.
Ihr habt nicht nothig, uns unsre Pflicht vorzuschreiben.
Gonerill.
Last ihr eure Sorge seyn, euerm Gemahl zu gefallen, der euch vom
Allmosen des Gluks aufgenommen; ihr habt durch Mangel an Gehorsam
den Mangel wol verdienet, auf den ihr noch stolz zu seyn scheint.
Cordelia.
Die Zeit wird enthullen, was die gefaltete List verbirgt. Wol mog'
es gehen!
Frankreich.
Komm, meine schone Cordelia.
(Frankreich und Cordelia gehen ab.)
{ed.-In Wielands Ubersetzung blieben dritter und vierter Auftritt
ohne Uberschrift.}
Funfter Auftritt.
Gonerill.
Schwester, es ist nicht wenig, was ich uber Dinge, die uns beyde
angehen, zu sagen habe. Ich denke, unser Vater wird diese Nacht
von hier abgehen.
Regan.
Das ist gewis, und mit Euch; den kunftigen Monath zu Uns.
Gonerill.
Ihr sehet, wie veranderlich ihn sein Alter macht; die Gelegenheit
die wir hatten, diese Beobachtung zu machen, war nicht gering. Er
liebte unsre Schwester immer vorzuglich, und aus was fur einem
armseligen Grund er sie izt weggeworffen, ist nur allzu offenbar.
Regan.
Es ist die Schwachheit seines Alters; und doch hat er sich selbst
allezeit nur obenhin gekannt.
Gonerill.
Das Beste und Gesundeste was er in seiner Zeit that, war ubereilt;
was konnen wir also anders erwarten, als nicht nur alle Fehler
einer lang eingewurzelten Gewohnheit; sondern uberall diese
unlenksame Wunderlichkeit, die ein schwaches und cholerisches Alter
mit sich bringt.
Regan.
Wir werden noch manche solche unverstandige Grillen von ihm
erfahren, wie Kents Verbannung war.
Gonerill.
Der Abschied zwischen ihm und Frankreich ist noch ein solches
Beyspiel. Ich bitte euch, last uns gemeinschaftlich zu Werke gehen.
Wenn unser Vater das konigliche Ansehen mit einer solchen Gemuths-
Beschaffenheit beybehalt, so ist seine lezte Abdankung vielmehr
etwas beleidigendes.
Regan.
Wir wollen weiter uber diese Sache denken.
Gonerill.
Wir mussen irgend etwas thun, und das in der ersten Hize.
(Sie gehen ab.)
Sechster Auftritt.
(Die Scene verandert sich in ein Schlos des Grafen von Gloster.)
Edmund (mit einem Briefe.)
Du, Natur, bist meine Gottin! Deinem Gesez allein will ich
dienstbar seyn. Warum sollte ich mich selbst in den Cirkel der
Gewohnheit bannen, warum die ungerechte Gewohnheit der Volker, mich
des Rechts das du mir giebst, entsezen lassen? Blos darum, weil
ich zwolf oder vierzehn Mondscheine vor einem Bruder kam? Warum
Bastard? Warum unedel? Wenn ich eben so wol gemacht, von Geist so
edel, von Gestalt so acht bin als die Geburt der ehrlichen Madam.
Warum brandmahlen sie uns so mit Namen von boser Ahnung? Unacht,
ehrlos, Bastard? Wie? Ich unacht? Ich,* der in der verstohlnen
Lust der uppigen Natur mehr Stoff und Feuer erhielt, als jener der
in einem abgeschmakten, schaalen, langweiligen Ehebette, bestimmt
eine ganze Zucht von Dumkopfen auszuheken, zwischen Schlaf und
Wachen gezeugt ward?--Wohl dann, mein achter Edgar! Mir fehlt
nichts als deine Guter. Unsers Vaters Liebe ist zu dem Bastard
Edmund was zu dem achten Sohn--ein feines Wort--acht! Nun wohl,
mein achter Herr, las nur diesen Brief und meinen Anschlag gluken,
so wird Bastard Edmund der achte seyn.--Ich wachse, ich gedeyhe!
Wohlan, ihr Gotter, haltet fest auf der Parthey der Bastarde! Ihr
habt es wol Ursache.**
{ed.-* Diese feinen Zeilen sind ein Beyspiel von unsers Autors
bewundernswurdiger Kunst, seinen Charaktern gehorige Gesinnungen
zu geben. Des Bastards seiner ist der Charakter eines volligen
Gotteslaugners; und das er als ein Spotter uber die
Judicial-Astrologie vorgestellt wird, ist nach der Absicht des
Poeten, ein Zeichen eines solchen. Denn zu seiner Zeit wurde diese
gottlose Taschenspielerey mit einer religiosen Ehrfurcht angesehen;
und daher erkennen die besten Charakter in diesem Stuke die Macht
des Einflusses der Gestirne. Wie Charaktermassig aber die
folgenden Zeilen sind, kan aus dem ungeheuren Wunsch des
Italianischen Atheisten (Vanini), in seinem Tractat, (de admirandis
Natura & c.) welcher zu Paris 1616. in eben dem Jahr, da unser
Poet gestorben, heraus gekommen, ersehen werden. (O utinam) (sind
die Worte des (Vanini) extra legitimum & connubialem thorum
essem procreatus! Ita enim progenitores mei in Venerem
incaluissent ardentius, ac cumulatim affatimque generosa semina
contulissent, e quibus ego forma blanditiam & elegantiam,
robustas corporis vires mentemque innubilam consequutus fuissem.
At quia conjugatorum sum soboles, his orbatus sum bonis.) Ware
dieses Buch fruher heraus gekommen, wer wurde nicht geglaubt haben,
das Shakespeareauf diese Stelle anspiele? So aber sagte ihm die
prophetische Kraft seines Genius vorher, was ein solcher Atheist
wie (Vanini) uber diese Materie sagen wurde. Warburton.}
{ed.-** Warum dieses? Das sagt er uns nicht; aber der Poet deutet
auf die Ausschweiffungen der heidnischen Gotter, die aus allen
ihren Bastarden Helden machten. Warburton.}
Siebender Auftritt.
(Gloster. Edmund.)
Gloster.
Kent verbannt! und Frankreich im Zorn entlassen! und der Konig
bey Nacht abgereist! Seine Gewalt abgetreten! Sein Unterhalt
sogar fremder Willkuhr uberlassen!--Alles geht unter uber sich--
Edmund?--Wie steht's? Was Neues?
Edmund.
Mit Euer Gnaden Erlaubnis, nichts.
Gloster.
Warum eilt ihr so eifrig, diesen Brief einzusteken?
Edmund.
Ich weis nichts neues, Mylord.
Gloster.
Was fur ein Papier laset ihr da?
Edmund.
Nichts, Mylord.
Gloster.
Wozu war es denn vonnothen, mit einer so entsezlichen Eilfertigkeit
in eure Tasche damit zu fahren? Last es sehen!--Kommt, wenn es
nichts ist, so werde ich keine Brille dazu brauchen.
Edmund.
Ich bitte Euer Gnaden um Vergebung, es ist ein Brief von meinem
Bruder, den ich noch nicht ganz uberlesen habe; und so viel als ich
davon gelesen, finde ich ihn nicht so beschaffen, das Ihr ihn sehen
durftet.
Gloster.
Gebt mir den Brief, Sir.
Edmund.
Ich vergehe mich, wenn ich ihn zuruk behalte, und wenn ich ihn gebe;
der Inhalt, so viel ich zum theil davon verstehe, ist zu tadeln.
Gloster.
Las sehen, las sehen.
Edmund.
Ich hoffe zu meines Bruders Rechtfertigung, er schreibe ihn nur,
meine Tugend auf die Probe zu stellen.
Gloster (liest.)
"Diese durch die Geseze eingefuhrte Ehrfurcht vor dem Alter macht
die Welt fur unsre besten Jahre unbrauchbar, und enthalt uns unser
Vermogen vor, bis wir es nimmer geniessen konnen. Ich fange an,
eine alberne und allzu gutherzige Sclaverey in der Unterwerffung
unter bejahrte Tyranney zu finden, welche nicht herrschet, weil sie
Gewalt hat, sondern weil sie geduldet wird. Wenn unser Vater so
lange schliefe bis ich ihn wekte, so solltet ihr auf immer die
Helfte seiner Einkunfte geniessen, und der Liebling euers Bruders
Edgar seyn."--Hum!--Verratherey!--schlieffe, bis ich ihn wekte--
solltet ihr die Helfte seiner Einkunfte geniessen--Mein Sohn Edgar!
Hat er eine Hand dis zu schreiben? Ein Herz und ein Gehirn, dis
auszubruten? Wenn kam euch dis zu? Wer bracht es euch?
Edmund.
Es wurde mir nicht gebracht, Mylord; das ist die List davon. Ich
fand es durch ein Fenster in mein Cabinet geworffen.
Gloster.
Kennet ihr die Hand, das sie euers Bruders ist?
Edmund.
Wenn der Inhalt gut ware, Mylord, so wollte ich schworen, es ware
die seinige; aber so wie er ist, mochte ich gerne denken, es ware
nicht so.
Gloster.
Es ist seine Hand.
Edmund.
Seine Hand ist es, Mylord, aber ich hoffe sein Herz ist nicht in
dem Inhalt.
Gloster.
Hat er euch vorher niemals uber diesen Punct ausgeforschet?
Edmund.
Niemals, Mylord. Doch hab ich ihn oft behaupten gehort, es ware am
schiklichsten, wenn Sohne bey reiffen Jahren, und Vater auf der
Neige seyen, das der Vater unter der Vormundschaft des Sohnes
stehen, und dieser das Vermogen verwalten sollte.
Gloster.
O! Bosewicht! Bosewicht! Eben das ist die Meynung seines Briefes.
Abscheulicher Bosewicht! Unnaturlicher, entsezlicher, viehischer
Bosewicht! Geh', suche ihn, ich will ihn fest machen lassen.--
Schandlicher Bube! wo ist er?
Edmund.
Ich weis es nicht eigentlich, Mylord. Wenn es Euer Gnaden belieben
mochte, Euern Unwillen uber meinen Bruder noch zuruk zu halten, bis
Ihr ein gewisseres Zeugnis von seinen Absichten aus ihm heraus
gebracht hattet, so wurdet Ihr desto sicherer gehen; da hingegen,
wenn Ihr gewaltthatig mit ihm verfahret, und sich's fande, das Ihr
uber seine Absicht geirret hattet, so wurde das Eurer eignen Ehre
eine grosse Wunde beybringen, und das Herz seines Gehorsams in
Stuken zerschlagen. Ich wollte mein Leben fur ihn verpfanden, das
er das nur schrieb, meine Liebe zu Euer Gnaden zu versuchen, und
das er nichts boses damit meynte.
Gloster.
Denket ihr das?
Edmund.
Wenn Euer Gnaden es gut finden, will ich Euch an einen Ort stellen,
wo Ihr uns beyde uber diese Sache reden horen, und durch das
Zeugnis Eurer eignen Ohren befriediget werden konnt; und das ohne
langern Aufschub, diesen Abend noch.
Gloster.
Nein! er kan nicht ein solches Ungeheuer seyn!
Edmund.
Auch ist er es gewis nicht!
Gloster.
Gegen einen Vater, der ihn so zartlich liebt--Himmel und Erde!
Edmund, such ihn auf; mache das ich ihn ungesehen horen kan,
veranstalte die Sache nach deiner eignen Klugheit. Ich will den
Vater ablegen, um nur nach den Gesezen der Gerechtigkeit zu handeln.
Edmund.
Ich will ihn sogleich aufsuchen; ich will die Sache so einleiten,
wie es die Umstande erfodern, und euch von allem Nachricht geben.
Gloster.
Diese neuerlichen Verfinsterungen der Sonne und des Monds bedeuten
uns nichts Gutes. Wenn schon die Ordnung der allezeit weisen Natur
nicht dadurch aufgehoben wird, so leidet sie doch unter den Folgen.
Die Liebe erkaltet, die Freundschaft fallt ab, Bruder trennen sich.
In Stadten Aufruhr; in Provinzen Zwietracht; in Pallasten
Verratherey; und das Band zwischen Sohn und Vater aufgelost.
Dieser mein Bosewicht fallt unter die Weissagung--Hier ist ein Sohn
wider den Vater; der Konig tritt aus dem Gleise der Natur--Hier ist
ein Vater wider sein Kind. Wir haben das Beste von unsrer Zeit
schon gesehen. Untreue, Ranke, Verrath und alle verderbliche
Unordnungen verfolgen uns bis in unser Grab. Suche diesen Buben
auf, Edmund; es soll dir keinen Schaden bringen--Thu es mit
Sorgfalt--und der edle treuherzige Kent verbannt! Sein Verbrechen,
Redlichkeit! das ist wunderlich!
(Geht ab.)
Achter Auftritt.
Edmund (kommt zuruk.)
Es ist doch eine vortreffliche Narrheit der Welt, das wenn wir
meistens durch eigne Schuld ungluklich sind, wir auf Sonne, Mond
und Sterne die Schuld unsrer Unfalle werfen, und uns bereden
mochten, wir seyen Bosewichter durch fatale Nothwendigkeit, Thoren
durch himmlischen Antrieb, feige Memmen, Diebe und Spizbuben durch
die Obermacht der Spharen; Sauffer, Lugner und Ehebrecher durch
einen unwiderstehlichen Einflus der Planeten; und alles, worinn wir
schlimm sind, durch gottliches Verhangnis. Eine unvergleichliche
Ausflucht fur den H** Jager, den Menschen, seine bokische Neigungen
auf Rechnung der Gestirne zu schreiben. Mein Vater hielt mit
meiner Mutter unter dem Drachenschwanz zu, und unter dem Einflus
des grossen Baren wurde ich gebohren; folglich kan ich nicht anders
als rauh und schelmisch seyn. Wahrhaftig, ich wurde gewesen seyn
wer ich bin, wenn gleich der allerjungfraulichste Stern am ganzen
Firmament uber meine Bastardisation gefunkelt hatte.
Neunte Scene.
(Edgar kommt zu ihm.)
Edmund.
Husch!--Er kommt gleich der Entwiklung in der alten Comodie.* Meine
Rolle ist, spizbubische Melancholie mit einem Seufzer, wie Tom von
Bedlam--O! diese Finsternisse bedeuten solche Mishelligkeiten! fa,
sol, la, mi,--
{ed.-* Das ist, er kommt recht (a propos.) Ein Compliment, welches
Shakespeareden regelmassigen Stuken macht.}
Edgar.
Wie stehts, Bruder Edmund, in was fur einer tiefsinnigen
Betrachtung seyd ihr begriffen?
Edmund.
Ich denke, Bruder, an eine Weissagung, die ich dieser Tagen las,
was auf diese Verfinsterungen folgen wurde.
Edgar.
Bekummert ihr euch um solche Dinge?
Edmund.
Ich versichre euch, diese Weissagungen treffen zum Ungluk nur gar
zu wol ein. Wenn sahet ihr meinen Vater das lezte mal?
Edgar.
Verwichne Nacht.
Edmund.
Sprachet ihr mit ihm?
Edgar.
Ja, zwey Stunden an einander.
Edmund.
Schiedet ihr vergnugt von einander? Fandet ihr kein Misvergnugen
bey ihm, weder in Worten noch Gebehrden?
Edgar.
Nicht das geringste.
Edmund.
Besinnet euch, worinn ihr ihn etwann beleidigt haben mochtet, und
lasset euch erbitten, seine Gegenwart zu meiden, bis die erste Hize
seines Unwillens sich verlohren haben wird, welche izt so sehr in
ihm tobet, das es ohne Ungluk fur eure Person schwerlich ablauffen
konnte.
Edgar.
Irgend ein schandlicher Bube mus mich bey ihm verlaumdet haben.
Edmund.
Das furcht' ich eben; ich bitte euch, weichet ihm sorgfaltig aus,
bis sich seine Wuth in etwas gelegt hat; und wie ich sage, kommt
mit mir in mein Zimmer, wo ich machen will, das ihr ohne bemerkt zu
werden, Mylord reden horen konnet. Ich bitte euch, geht; hier ist
mein Schlussel; wenn ihr heraus geht, so gehet bewaffnet.
Edgar.
Bewaffnet, Bruder!
Edmund.
Bruder, ich rathe euch das beste; ich will kein ehrlicher Mann seyn,
wenn man etwas gutes gegen euch im Sinn hat. Ich habe euch gesagt,
was ich gesehen und gehort habe; doch auf die gelindeste Art; es
kan nichts entsezlichers seyn.--Ich bitte euch, gehet.
Edgar.
Werde ich bald wieder von euch horen?
(Geht ab.)
Zehnter Auftritt.
Edmund.
Ich diene euch in diesem Geschafte. Ein leichtglaubiger Vater, und
ein edler Bruder, dessen Gemuthsart so entfernt ist jemand ein Leid
zu thun, das er auch keines argwohnen kan, und dessen alberne
Ehrlichkeit die Helfte meiner Ranke unnothig macht. Ich sehe
diesem Geschaft unter die Augen. Wenn mir die Geburt keine
Landereyen gab, so soll mein Wiz sie mir verschaffen. Mir ist
alles recht, was sich machen last.
(Geht ab.)
Eilfter Auftritt.
(Des Herzogs von Albanien Palast. Gonerill und Haushofmeister
treten auf.)
Gonerill.
Wie? mein Vater schlagt meinen Hof-Junker, weil dieser seinen
Narren ausgescholten hat?
Hofmeister.
So ist es, Gnadige Frau.
Gonerill.
Tag und Nacht beleidigt er mich; es vergeht keine Stunde, da er
nicht in diese oder jene grobe Ubelthat aufsprudelt, die uns alle
an einander hezt; ich will es nicht langer leiden: Seine Ritter
fangen an ganz ausgelassen zu werden, und er selbst macht uns um
einer jeden Kleinigkeit willen Vorwurffe. Wenn er von der Jagd
zuruk kommt, will ich nicht mit ihm reden; sagt, ich befinde mich
nicht wol. Wenn ihr von euerm vorigen Dienst-Eifer gegen ihn
nachlasset, werdet ihr wohl thun; ich nehme die Verantwortung auf
mich.
Hofmeister.
Er kommt wurklich, Gnadige Frau; ich hor' ihn.
Gonerill.
Ermudet seine Geduld durch so viel Nachlassigkeiten, als euch nur
beliebt, ihr und eure Cameraden; ich mochte gern, das es zur
Untersuchung kame. Wenn es ihm nicht ansteht, so mag er zu meiner
Schwester gehen, deren Sinn mit dem meinigen darinn ubereinkommt,
sich nicht beherrschen lassen zu wollen; der thorichte alte Mann,
der alle diese Gewalt immer ausuben will, die er doch weggegeben
hat. Nun, bey meinem Leben! Alte Leute werden wiederum Kinder,
und mussen, wie Kinder, ausgescholten und nicht geliebkoset werden,
wenn man sieht das sie nur unartiger davon werden.
Hofmeister.
Euer Gnaden haben vollkommen recht.
Gonerill.
Seinen Rittern kan man auch kaltere Blike zukommen lassen; was
daraus entstehen mag, das hat nichts zu bedeuten; weiset die
ubrigen Bedienten deshalben an; ich will sogleich an meine
Schwester schreiben, damit sie eben denselben Weg einschlagt--Macht,
das das Mittag-Essen fertig wird.
(Sie gehen ab.)
Zwolfter Auftritt.
(Die Scene verandert sich in einen offnen Plaz, vor dem Palast.)
Kent (tritt auf, verkleidet.)
Wenn ich eben sowol einen andern Accent und eine langsamere
Aussprache annehmen kan, als ich meine Gestalt verandert habe, so
kan meine gute Absicht vielleicht zu dem volligen Endzwek kommen,
um dessentwillen ich meine Person verlaugne. (Man hort Hifthorner.
Lear, seine Ritter und Bediente treten auf.)
Lear.
Last mich nicht einen Augenblik auf das Mittag-Essen warten. Geht,
macht es fertig. Wie nun, wer bist du?
(Zu Kent.)
Kent.
Ein Mann, Sir.
Lear.
Wofur giebst du dich? was willt du bey uns?
Kent.
Ich gebe mich fur nicht weniger, dann ich scheine; fur einen, der
demjenigen treulich dienen will, der mich in Pflicht nimmt, der
ehrliche Leute liebt, und mit vernunftigen Leuten gern umgeht; der
nicht viel spricht, weil er sich vor Tadel furchtet; der ficht,
wenn er's nicht vermeiden kan, und keine Fische ist.*
Lear.
Wer bist du?
Kent.
Ein recht ehrlicher gutherziger Kerl, und so arm als der Konig.
Lear.
Wenn du fur einen Unterthanen so arm bist, als er es fur einen
Konig ist, so bist du arm genug. Was willt du?
Kent.
Dienste.
Lear.
Wem willt du dienen?
Kent.
Euch.
Lear.
Kennst du mich, Bursche?
Kent.
Nein, Sir; aber ihr habt etwas in eurer Person, das ich gerne
meinen Herrn nennen mochte.
Lear.
Und was ist das?
Kent.
Ansehen.
Lear.
Was fur Dienste kanst du thun?
Kent.
Ich kan ehrliche Geheimnisse bey mir behalten, reiten, lauffen, ein
lustiges Mahrchen auf eine langweilige Art erzahlen, und eine
leichte Commission ungeschikt ausrichten--Wozu ein alltaglicher
Mensch nur immer tuchtig ist, dazu bin ich der Mann; und das Beste
an mir, ist Fleis.
Lear.
Wie alt bist du?
Kent.
Nicht jung genug, Sir, um ein Weibsbild, wegen ihres Singens zu
lieben; und nicht alt genug, um wegen irgend einer Ursache in sie
vernarrt zu seyn. Ich hab acht und vierzig Jahr auf meinem Ruken.
Lear.
Folge mir, ich nehme dich in meine Dienste; wenn du mir nach der
Mahlzeit nicht schlechter gefallst, so werden wir nimmer von
einander scheiden. Das Mittag-Essen! hO! das Mittag-Essen!--Wo
ist mein Schlingel? mein Narr? Geht, ruft meinen Narren her. Ihr,
Ihr, Bengel! Hort ihr, wo ist meine Tochter? (Der Haushofmeister
kommt.)
Hofmeister.
Wenn es beliebt--
(Er geht wieder ab.)
Lear.
Was sagt der Kerl da? Ruft den Lummel zuruk--Wo ist mein Narr? ho!
Ich denke, die ganze Welt ligt im Schlaf Was ists? was sagt der
Maulaffe?
Ritter.
Mylord, er sagt, eure Tochter befinde sich nicht wohl.
Lear.
Warum kam der Sclave nicht zuruk, als ich ihn rief?
Ritter.
Er antwortete mir rund heraus, er wolle nicht.
Lear.
Er wolle nicht?
Ritter.
Mylord, ich weis nicht was es zu bedeuten hat; aber meines
Bedunkens, wird Euer Hoheit nicht mehr mit der ehrfurchtsvollen
Zuneigung begegnet, wie ehmals--Es zeigt sich eine gewaltige
Abnahme von Freundlichkeit, sowol bey allen Bedienten, als bey dem
Herzog und Eurer Tochter selbst.
Lear.
Ha! sagst du das?
Ritter.
Ich bitte um Vergebung, Mylord, wenn ich mich irre; aber meine
Pflicht kan nicht schweigen, wenn ich denke, Eure Hoheit werde
beleidiget.
Lear.
Du erinnerst mich nur an meine eigne Beobachtungen. Ich habe seit
kurzem eine hochst kaltsinnige Nachlassigkeit bemerkt, die ich aber
mehr meiner eignen allzu eifersuchtigen Aufmerksamkeit, als einer
Absicht Unfreundlichkeit gegen mich zu zeigen, beymas. Ich will
genauer Acht geben. Aber wo ist mein Narr? ich habe ihn diese
zween Tage nicht gesehen.
Ritter.
Seitdem meine junge Lady nach Frankreich abgegangen ist, ist er
ganz niedergeschlagen.
Lear.
Nichts mehr hievon; ich hab es wol bemerkt. Geht, und sagt meiner
Tochter, ich mochte mit ihr reden. Und ihr geht, und ruft mir
meinen Narren her--ha--Sir! kommt ihr hieher, Sir? wer bin ich,
Sir? (Der Haushofmeister kommt.)
Hofmeister.
Milady's Vater.
Lear.
Milady's Vater? Mylords Schurke! ihr Hurensohn von einem Hund,
ihr Sclave, ihr Kettenhund!
Hofmeister.
Ich bin nichts dergleichen, Mylord, ich bitte mir's aus.
Lear.
Darfst du solche Blike auf mich schiessen, du Galgenschwengel?
(Er giebt ihm eine Ohrfeige.)
Hofmeister.
Ich will nicht geschlagen seyn, Mylord.
Kent.
Und gesturzt auch nicht, du nichtswurdiger Ballspieler, du?
(Er unterschlagt ihm ein Bein.)
Lear.
Ich danke dir, Camerad. Du dienst mir, und ich will dich lieben.
Kent.
Kommt, Sir, steht auf, fort! Ich will euch einen Unterschied
machen lehren. Fort, fort! wenn ihr euern grossen Wanst noch
einmal messen wollt, so versucht es noch einmal; aber fort, pakt
euch! Seyd ihr gescheidt? So--
(Er schmeist den Hofmeister hinaus.)
Lear.
Ich danke dir, mein gutwilliger Bursche! es ist Ernst in deinem
Dienst. * In Konigin Elisabeths Zeiten wurden die Papisten mit
gutem Grund fur Feinde der Regierung gehalten. Daher kam die
Redensart: (Er ist ein ehrlicher Mann, und ist keine Fische,) um
einen Freund der Regierung und Protestanten zu bezeichnen.
Fletcher zielet hierauf in seinem Weiberfeind, wo er, da Lazarillo
von der Wache vor der Courtisane Haus gefangen genommen, diese
leztere sagen last: Meine Herren, es freut mich das ihr ihn entdekt
habt. Er sollte vor zwanzig Pfund unter meinem Dach nichts zu
essen gekriegt haben; und wahrhaftig er gefiel mir gleich nicht, da
er Fische verlangte. Und Marstons Niederlandische Courtisane--Ich
versichre, ich bin keine von den gottlosen Leuten, die am Freytag
Fische essen.
Dreyzehnter Auftritt.
(Der Narr kommt zu ihnen.)
Narr.
Ich will ihn auch miethen--Hier ist meine Kappe. --
(Er giebt ihm seine Kappe.)
Lear.
Wie, mein artiger Schurke! was thust du?
Narr.
Ihr Esel, ihr thatet am besten, wenn ihr meine Kappe--nahmet.
Kent.
Warum, Junge?
Narr.
Warum? Weil sich jemands anzunehmen, gefahrlich ist; wenn du nicht
lacheln kanst wie der Wind geht, so wirst du bald den Schnuppen
kriegen. Hier, nimm meine Schellen-Kappe--Wie, dieser Bursche hier
hat zwo von seinen Tochtern verbannt, und der dritten einen Segen
wider seinen Willen gegeben; wenn du ihm folgst, so must du
nothwendig meine Kappe tragen. Wie gehts, Onkel? Ich wollt, ich
hatte zwo Kappen und zwo Tochter.
Lear.
Warum das, Junge?
Narr.
Wenn ich ihnen alle meine Haab und Gut gebe, so will ich meine
Kappe fur mich selbst behalten. Hier ist meine, bettle du eine von
deinen Tochtern.
Lear.
Nimm dich in Acht, Schurke! Die Peitsche--
Narr.
Die Wahrheit ist ein Hund, sie mus in den Hundsstall; mus
hinausgepeitscht werden, wenn der Lady ihre Brake beym Feuer sizen
und stinken darf.
Lear.
Das ist ein verdammter Stich!
Narr (zu Kent.)
Kerl, ich will dich reden lehren.
Lear.
Thu es.
Narr.
Gieb Acht, Nonkel!
Hab mehr dann du zeigst,
Sprich minder als du verschweigst,
Leyh minder als du hast,
Reit mehr als du gehst,
Lern mehr als du glaubst,
Seze minder als du wirfst,
Las deinen Wein und dein Mensch,
Und bleib fein zu Hause,
So wirst du mehr haben als zwey
Zehner zu zwanzig.
Kent.
Das ist nichts, Narr.
Narr.
So ist es wie der Athem eines unbezahlten Advocaten; ihr gebet mir
nichts davor; konnt ihr nichts zu nichts gebrauchen, Nonkel?
Lear.
Wie? Nein, Junge; man kan nichts aus nichts machen.
Narr (zu Kent.)
Ich bitte dich, sag ihm, so hoch belauffen sich just die Einkunfte
von seinen Landern; er wurd' es einem Narren nicht glauben.
Lear.
Ein bittrer Narr!
Narr.
Junge, weist du den Unterschied zwischen einem bittern Narren, und
einem sussen?
Lear.
Nein; sag ihn dann.
Narr.
Der Lord, der dir rieth dein Land wegzugeben, komm, las ihn hier zu
mir hersizen, und du steh vor ihn hin; so wird man den bittern und
den susen Narren nicht lange suchen mussen; der ist personlich hier,
und der andere dort.
Lear.
Nennst du mich einen Narren, Junge?
Narr.
Alle deine andre Titel, mit denen du gebohren warst, hast du
weggegeben.
Kent.
Dis ist nicht so ganz und gar narrisch, Mylord.
Narr.
Nein, mein Treu! Lords und grosse Herren wollen mir's nicht lassen;
wenn ich ein Monopolium dafur hatte, so wurden sie auch einen
Antheil daran haben wollen; ja die Damen noch dazu, sie wurden
nicht leiden wollen, das ich alles Narrische fur mich allein hatte,
sie wurden mich bemausen. Gieb mir ein Ey, Nonkel, so will ich dir
zwo Kronen geben.
Lear.
Was fur zwo Kronen sollen das seyn?
Narr.
Was? Wenn ich das Ey mitten in zwey geschnitten, und was darinn
ist, aufgegessen habe, so geb ich dir die zwo Kronen von den
Schaalen. Wie du deine Krone mitten in zwey gespalten, und beyde
Theile weggegeben hast, da trugst du deinen Esel auf dem Ruken
durch den Koth; du hattest wenig Wiz in deiner kahlen Krone, wie du
deine goldne weg gabst; wenn ich hierinn mir selbst gleich rede, so
las den peitschen, der es zuerst wahr findet.
(Der Narr singt ein Liedchen.)
Lear.
Seit wenn seyd ihr so liederreich, Herr Bengel?
Narr.
Schon lange vorher, eh du deine Tochter zu deinen Muttern machtest;
denn wie du ihnen die Ruthe gabst, und deine eigne Hosen herunter
liessest, da--
(Er singt wieder ein Liedchen.)
* Ich bitte dich, Nonkel, halt einen Schulmeister, der den Narren
lugen lehre; ich habe eine rechte Lust lugen zu lernen.
{ed.-* Der Ubersetzer bekennt, das er sich ausser Stand sieht,
diese, so wie kunftig, noch manche andre Lieder von gleicher Art
zu ubersezen; denn mit dem Reim verliehren sie alles. Er hat sie
inzwischen hieher sezen wollen, damit andre, wenn sie Lust haben,
mit mehrerm Erfolg, sich daran versuchen konnen.
(1.) Fools ne'er had less grace in a Year
for wise Men art grown foppish;
And Know not how their Wits to wear
their Manners are so apish.
(2.) Then they for sudden joy did weep
And I for sorrow sung,
That such a King should play bo-peep
And go the fools among.}
Lear.
Wenn du liegst, Schurke, so wirst du gepeitscht.
Narr.
Mich wundert, von was fur einer Art Geschopfe du und deine Tochter
sind; sie wollen mich peitschen lassen, wenn ich die Wahrheit sage;
du willt mich peitschen lassen, wenn ich luge; und zuweilen werd'
ich gepeitscht, weil ich gar nichts sage; ich wollte lieber irgend
etwas anders seyn als ein Narr; und doch wollte ich nicht Du seyn,
Nonkel! Du hast deinen Wiz an beyden Enden abgeschnitten, und
nichts in der Mitte gelassen. Hier kommt eines von den Stuken.
Vierzehnter Auftritt.
(Die Vorigen. Gonerill.)
Lear.
Wie nun, Tochter? was will dis Stirnband hier? Ihr rumpft seit
kurzem die Stirne ein wenig zu viel.
Narr.
Du warest ein ganz hubscher Kerl, wie du nicht nothig hattest, dich
um ihre Falten zu bekummern--Nun bist du ein 0 ohne Zahl; ich bin
besser als du izt bist; ich bin ein Narr, und du bist nichts.--Doch,
ja, mein Treu! ich will mein Maul halten--
(zu Gonerill)
so befiehlt mir euer Gesicht, ob ihr gleich nichts sagt.
(Er singt wieder.)
(Zu Lear.) Du bist eine gescheelte Bohne.
Gonerill.
Nicht allein, Sir, dieser euer zaumloser Narr, sondern auch andre
von euerm ubermuthigen Gefolge, fangen hier stundlich Zank und
Handel an, und brechen in ganz ausgelassene und unertragliche
Unordnungen aus. Ich dachte, wenn euch dieses nur bekannt gemacht
wurde unfehlbare Hulfe zu finden; aber nun mus ich allerdings aus
dem was ihr erst kurzlich gesagt und gethan habt besorgen, das ihr
diese Ausschweiffungen in euern Schuz nehmet, und sogar selbst
aufmuntert; thut ihr's, so wird der Fehler dem Tadel nicht entgehen,
noch wird es an Mitteln fehlen, Einhalt zu thun; die, obgleich zu
euerm Besten abgesehen, doch die unangenehme Folge haben mochten,
das ihr, nicht ohne Schaam, von der Nothwendigkeit eine
vorsichtigere Auffuhrung lernen mustet.
Narr.
Denn ihr wist, Nonkel, der Sperling nahrte den Kukuk so lang, bis
seine Jungen ihm den Kopf abbissen; So loscht das Licht aus, und
wir sizen im Finstern.
Lear.
Seyd ihr unsre Tochter?
Gonerill.
Ich wunschte, ihr mochtet einen Gebrauch von dem guten Verstand
machen, womit ihr, wie ich weis, so wol versehen seyd; und diese
Dispositionen von euch thun, die euch seit kurzem zu etwas ganz
anderm machen, als ihr ordentlicher Weise seyd.
Narr.
Kan ein Esel nicht wissen, wenn der Karren das Pferd zieht? Schrey,
Nachtigall, ich liebe dich.
Lear.
Kennt mich hier jemand? Dis ist nicht Lear! Geht Lear so?
spricht er so? wo sind seine Augen? Entweder ist sein Hirn
geschwacht, sein Verstand in Todesschlaf versunken--Ha! wach ich?--
Es ist nicht so! wer ist hier, der mir sagen kan, wer ich bin?
Lear's Schatten? Ich mocht' es gern erfahren; denn nach den
Kennzeichen der untruglichen Vernunft zu schliessen, stand ich in
einem falschen Wahn, da ich Tochter zu haben glaubte. Euer Name,
schones Frauenzimmer?
Gonerill.
Diese Verwundrung, Sir, ist sehr im Geschmak eurer ubrigen neuen
Grillen. Ich bitte euch, meine Absichten recht zu verstehen. So
wie ihr alt und ehrwurdig seyd, solltet ihr auch weise seyn. Ihr
haltet hier hundert Ritter und Schildknappen, so ausgelassenes,
verwegenes und schwelgerisches Volk, das dieser unser Hof, von
ihren Sitten angestekt, einer liederlichen Schenke gleich sieht;
Epicurisches Wesen und Unzucht machen ihn mehr einem Weinhaus und
Bordel, als einem furstlichen Palast ahnlich. Die Schaam selbst
spricht fur ungesaumte Hulfe. Lasset euch von einer erbitten, die
sonst das was sie bittet nehmen wird, euer Gefolge um funfzig zu
vermindern; und die ubrig bleibenden solche Leute seyn zu lassen,
die sich fur eure Jahre schiken, und sich selbst und euch kennen.
Lear.
Finsternis und Teufels! Sattelt meine Pferde! Ruft meine Leute
zusammen--Ausgearteter Bastard! Ich will dich nicht beunruhigen.
Ich habe noch eine Tochter ubrig.
Gonerill.
Ihr schlagt meine Leute; und euer zugelloses Gesindel will von
Leuten bedient seyn, die besser als sie sind.
Funfzehnter Auftritt.
(Zu ihnen, der Herzog von Albanien.)
Lear.
Weh dem, den zu spat die Reue trift! O Sir! seyd ihr gekommen?
Ist es euer Wille, sprecht, Sir? last meine Pferde bereit halten--
Undankbarkeit! du marmorherziger Teufel; scheuslicher wenn du dich
in einem Kind zeigst, als in einem Meer-Ungeheuer.
Albanien.
Ich bitte, Sir, seyn Sie geduldig.
Lear
(zu Gonerill).)
Verdammter Habicht! Du lugst! Mein Gefolge sind ausgesuchte Leute,
von den seltensten Gaben, die alles kennen, was die Pflicht von
einem Ritter fordert, und die den Adel ihrer Namen in allen Stuken
behaupten--O sehr kleiner Fehler! Wie haslich schienst du an
Cordelia! da du, gleich einem Hebel, meine ganze Natur aus ihrer
gewohnten Stellung hubst, und alle Liebe aus meinem Herzen zogst,
und zu Galle machtest--O Lear, Lear, Lear! Schlag an diese Thur,
(Er schlagt sich an den Kopf.)
die deine Thorheit ein- und deine Vernunft auslies--Geht, geht,
meine Leute.
Albanien.
Mylord, ich bin so unschuldig, das ich nicht einmal weis, was euch
in diesen Unwillen gesezt hat.
Lear.
Es mag so seyn, Mylord--Hore mich, Natur, theure Gottin, hore einen
Vater! Hemme deinen Vorsaz, wenn er war, dis Geschopf fruchtbar zu
machen. Banne Unfruchtbarkeit in ihre Schoos, trokne die Werkzeuge
der Vermehrung in ihr auf, und las niemals aus diesem geschandeten
Leib einen Saugling entspringen, der ihr Ehre mache. Mus sie aber
gebahren, so erschaff ihr Kind aus Galle, und las es leben, sie
ohne Rast mit unnaturlicher Bosheit zu peinigen; las es Runzeln in
ihre junge Stirne graben, und mit gluhenden Thranen Canale in ihre
Wangen azen; las es alle ihre Mutter-Schmerzen, mit Hohngelachter,
alle ihre Wohlthaten mit Verachtung erwiedern; damit sie fuhle, wie
viel scharfer als einer Schlange Bis es ist, ein undankbares Kind
zu haben! Geht, geht, meine Leute!
Albanien.
Nun, ihr Gotter, die wir anbeten, woher kommt dis!
Gonerill.
Bekummert euch nicht, es zu wissen, sondern last seinem Wahnwiz
freyen Lauf--
Lear.
Was? Funfzig von meinem Gefolge auf einen Streich!--Innerhalb
vierzehn Tagen! --
Albanien.
Was ist denn die Sache, Mylord?
Lear.
Ich will dir's sagen--Leben und Tod!--
(zu Gonerill)
ich schame mich, das du Macht hast meine Mannheit also zu
erschuttern!--O! das diese heissen Thranen, die mit Gewalt aus
meinen Augen brechen, dich ihrer wurdig machen konnten--Sturme und
Wetter uber dich! das nichts dich gegen die unheilbaren Wunden des
Fluchs eines Vaters schuze!--Ihr alten unmannlichen Augen, weint
ihr schon wieder? Ich will euch ausreissen und wegwerffen, um mit
dem Wasser das ihr verliehrt, Leim zu waschen. Ha! ist es dazu
gekommen! So sey es dann: Ich habe eine andre Tochter, die, wie
ich gewis bin, zartlich und hulfreich ist; wenn sie dis von dir
horen wird, sie wird dein wolfisches Gesicht mit ihren Nageln
zerkrazen; du sollt finden, das ich die Gestalt wieder annehmen
werde, die ich, deiner Einbildung nach, auf ewig abgelegt habe.
(Lear und Gefolge gehen ab.)
Sechszehnter Auftritt.
Gonerill.
Hortet ihr das?
Albanien.
Die grosse Liebe die ich zu euch trage, kan mich nicht so
partheyisch machen, Gonerill--
Gonerill.
Ich bitte euch, seyd ruhig--Wie? Oswald; hO! Ihr, Sir, mehr
Spizbube als Narr, folgt euerm Herrn.
Narr.
Nonkel Lear, Nonkel Lear! warte, nimm den Narren mit dir. Ein
Fuchs, wenn jemand einen gefangen hat, und eine solche Tochter
sollten beyde erdrosselt werden, wenn ich fur meine Kappe einen
Strik kauffen konnte; und hiemit zieht der Narr ab.
(Geht ab.)
Gonerill.
Dieser Mann hat gute Anschlage!--Hundert Ritter? das ware
politisch, und sicher, ihn hundert Ritter halten zu lassen--
Wahrhaftig! damit er wegen eines jeden Traums, einer jeden Grille,
jeder kleinen Beschwerung oder Unzufriedenheit wegen, seinen
Aberwiz durch ihre Macht schuzen, und unser Leben in seiner
Willkuhr haben konnte--Oswald, sag ich!
Albanien.
Eure Furcht kan zu weit gehen--
Gonerill.
Es ist sicherer, als zuviel trauen. Last mich immer die Krankungen
die ich befurchte, aus dem Wege raumen, anstatt immer zu furchten,
das ich gekrankt werde. Ich kenne sein Herz; ich habe meiner
Schwester geschrieben, was fur Reden er ausgestossen hat; wenn sie
ihn mit seinen hundert Rittern unterhalten wird, nachdem ich ihr
die Unschiklichkeit davon gezeigt haben werde. --
(Der Haushofmeister kommt.) Wie steht es, Oswald? Habt ihr den
Brief an meine Schwester geschrieben?
Hofmeister.
Ja, Gnadige Frau.
Gonerill.
Nehmet einige Leute mit euch, und ohne Verzug zu Pferde; berichtet
sie umstandlich von allen meinen Besorgnissen, und fuget solche
Grunde von euern eignen bey, die zu derselben Bestatigung dienen
konnen. Eilet, und beschleuniget eure Rukkunft.
(Der Hofmeister geht ab.)
Nein, nein, Mylord, ob ich gleich diese milchigte Gelindigkeit
eurer Gemuthsart nicht schelten will, so werdet ihr doch, mit
Erlaubnis, mehr wegen Mangel an Klugheit getadelt, als wegen dieser
harmlosen Mildigkeit gepriesen.
Albanien.
Wie weit eure Augen ins Verborgne dringen mogen, kan ich nicht
sagen; aber die Bestrebung nach etwas besserm, beraubt uns oft
dessen was gut war.
Gonerill.
Nun dann--
Albanien.
Wohl, wohl, der Ausgang--
(Sie gehen ab.)
Siebenzehnter Auftritt.
(Ein Vorhof an des Herzogs von Albaniens Palast.)
(Lear, Kent, Ritter und Narr treten wieder auf.)
Lear.
Geht ihr voraus zu Gloster mit diesen Briefen. Sagt meiner Tochter
von allem was ihr wist, nichts weiter, als was sie euch aus dem
Briefe fragen wird; wenn ihr nicht sehr eilfertig seyn werdet, so
werde ich vor euch dort seyn.
Kent.
Ich will nicht schlafen, Mylord, bis ich eure Briefe abgegeben habe.
(Geht ab.)
Narr.
Wenn jemands Hirn in seinen Fussolen ware, ware es nicht in Gefahr,
Schwulen zu kriegen?
Lear.
Freylich, Junge.
Narr.
So bitt' ich dich, sey nur gutes Muths, dein Wiz wird die Schuhe
nie zu Pantoffeln machen mussen.
Lear.
Ha, ha, ha!
Narr.
Wirst sehen, deine andre Tochter wird freundlich gegen dich seyn;
denn, wenn sie schon dieser hier so ahnlich sieht als ein Holzapfel
einem Apfel, so weis ich doch wol, was ich weis--
Lear.
Was weist du denn, Junge?
Narr.
Sie wird dieser hier so ahnlich schmeken als ein Holzapfel einem
Holzapfel. Kanst du sagen, warum einer seine Nase mitten im
Gesichte stehen hat?
Lear.
Nein.
Narr.
Warum? Damit er auf jeder Seite seiner Nase ein Auge habe, um das
was er nicht riechen kan, zu sehen.
Lear (vor sich).
(Ich that ihr Unrecht)--
Narr.
Kanst du sagen, wie eine Auster ihre Schaale macht?
Lear.
Nein.
Narr.
Ich auch nicht; aber ich kan sagen, warum eine Schneke ihr Haus
tragt.
Lear.
Warum?
Narr.
Warum? ihren Kopf darein zu ziehen, und nicht es an ihre Tochter
zu verschenken, und ihre Horner ohne Futteral zu lassen.
Lear.
Ich will meine Natur vergessen--ein so gutiger Vater! Sind meine
Pferde fertig?
Narr.
Deine Esel sind gegangen, darnach zu sehen; die Ursache, warum das
Sieben-Gestirn nicht mehr als sieben Sterne hat, ist eine artige
Ursache.
Lear.
Weil es nicht acht sind.
Narr.
Das ist es, in der That--du wurdest einen feinen Narren abgeben.
Lear.
Es mit Gewalt wieder zu nehmen!--Ungeheuer von Undankbarkeit!
Narr.
Nonkel, wenn ihr mein Narr waret, so wurd' ich dich geprugelt haben,
weil du vor der Zeit alt worden bist.
Lear.
Wie so?
Narr.
Du hattest nicht alt werden sollen, bis du klug gewesen warest.
Lear.
O! las mich nicht wahnwizig werden, nicht wahnwizig, gutiger
Himmel! Erhalte mich gelassen, ich mochte nicht wahnwizig seyn.
(Ein Ritter kommt.) Sind die Pferde fertig?
Ritter.
Ja, Mylord.
Lear.
Komm, Junge.
(Sie gehen ab.)
Zweyter Aufzug.
Erster Auftritt.
(Ein Schlos des Grafen von Gloster.)
(Edmund und Curan treten von verschiedenen Seiten auf.)
Edmund.
Gluk zu, Curan!
Curan.
Und euch, Sir. Ich bin bey euerm Vater gewesen, und habe ihm
angesagt, das der Herzog von Cornwall und Regan seine Gemahlin,
heute bey ihm ubernachten werden.
Edmund.
Wie kommt das?
Curan.
Das weis ich nicht; ihr habt ohne Zweifel gehort was Neues vorgeht--
ich meyne Neuigkeiten, die ins Ohr geflustert werden; denn es sind
noch Heimlichkeiten.
Edmund.
Ich weis nichts; ich bitte euch, was ist es?
Curan.
Habt ihr nichts von einem vermuthlichen Krieg zwischen den Herzogen
von Cornwall und Albanien gehort?
Edmund.
Nicht ein Wort.
Curan.
So konnt ihr euch beizeiten anschiken. Lebet wohl, Sir.
(Gehen ab.)
Zweyter Auftritt.
Edmund.
Der Herzog auf die Nacht hier! desto besser! ja das Beste! Das
webt sich selbst mit Gewalt in mein Geschafte ein. Mein Vater hat
Wachen ausgestellt, sich meines Bruders zu bemachtigen; und ich
habe nur noch eine Kleinigkeit zu verrichten--Kurze und Gluk!--
Bruder, ein Wort, kommt herunter; Bruder, sag ich--
(Edgar kommt.) Mein Vater wacht--O Sir, flieht diesen Ort. Es ist
verrathen worden, wo ihr verborgen seyd; ihr habt izt den Vortheil
der Nacht--Habt ihr nichts wider den Herzog von Cornwall
gesprochen? Er kommt noch diese Nacht hieher, in groster Eile, und
Regan mit ihm; habt ihr nichts zum Besten seiner Parthey wider den
Herzog von Albanien gesprochen? Besinnet euch!
Edgar.
Ich kan euch versichern, kein Wort.
Edmund.
Ich hore meinen Vater kommen. Verzeihet mir--aus Verstellung mus
ich meinen Degen gegen euch ziehen.--Ziehet, stellet euch als ob
ihr euch vertheidiget--Nun ist es genug, weichet--kommt meinem
Vater zuvor--
(laut)
Licht, he! holla!
(leise)
Flieht, Bruder--
(laut)
Fakeln!
(leise)
lebet wohl!
(Edgar flieht.)
Ein wenig Blut wurde die Meynung erweken, das ich einen hartern
Stand gehabt hatte,
(er verwundet sich am Arm.)
Ich habe Trunkenbolde gesehen, die nur zum Scherz mehr gethan
haben als dis;
(laut)
Vater, Vater! Haltet ihn! Haltet ihn! Will mir niemand helfen?
Dritter Auftritt.
(Gloster und Bediente mit Fakeln.)
Gloster.
Nun, Edmund, wo ist der Bosewicht?
Edmund.
Hier stund er im Finstern, sein blosses Schwerdt in der Hand, und
murmelte verfluchte Zauberworter um den Mond zu beschworen, seinem
Vorhaben gunstig zu seyn--
Gloster.
Aber wo ist er dann?
Edmund.
Sehen Sie, Mylord, ich blute.
Gloster.
Wo ist der Bosewicht, Edmund?
Edmund.
Dahinaus floh' er, Mylord, wie er sahe das es unmoglich war--
Gloster.
Verfolgt ihn, fort, sezt ihm nach!--das es unmoglich war--Was?
Edmund.
Mich zu bereden, Euer Gnaden zu ermorden; sondern ich ihm entgegen
hielt, das die rachenden Gotter alle ihre Donnerkeile auf
Vatermorder schiessen, und mit wie vielen und grossen Pflichten ein
Sohn seinem Vater verbunden sey--Kurz, Mylord, da er sah' wie sehr
ich seinem unnaturlichen Vorhaben entgegenstund, fiel er mich in
groster Wuth an, da ich mich nichts weniger versah', und verwundete
mich am Arm; wie er aber merkte, das meine billig aufgebrachte
Lebensgeister, kuhn auf die Gerechtigkeit meiner Sache, sich seinem
Angriff entgegensezten, oder vielleicht weil ihn der Lerm den ich
machte, erschrekte, floh' er plozlich davon.
Gloster.
Last ihn fliehen: in diesem Land kan er nicht bleiben, ohne
gefangen zu werden, und nicht gefangen werden, ohne seinen Lohn zu
bekommen. Der Herzog, mein Herr, mein wurdiger Gebieter und Gonner,
kommt diese Nacht; unter seinem Namen, will ich ausruffen lassen,
das derjenige, der ihn findet, und den meuchelmordrischen Buben zu
seiner Straffe einliefert, unsern Dank, und wer ihn verbirgt, den
Tod zum Lohn haben soll.
Edmund.
Als ich ihn von seinem Vorhaben abmahnte, und ihn so entschlossen
fand, es zu vollbringen, drohte ich ihm zulezt mit heftigen
Ausdruken ihn zu verrathen--Du unverstandiger Bastard, antwortete
er mir, meynst du wenn ich gegen dir stunde, irgend eine Meynung,
die man von deiner Treue, Tugend oder Rechtschaffenheit gefast
haben kan, wurde deinen Worten Glauben verschaffen, wenn ich laugne,
wie ich thun werde, und wenn du auch meine eigne Handschrift
aufweisen wurdest! Ich wollte machen, das alles deinem Antrieb,
deinen geheimen Absichten und verdammten Ranken beygemessen wurde;
und du mustest einen Dummkopf aus der Welt machen, wenn sie nicht
denken sollte, die Vortheile die du von meinem Tode hattest, seyen
stark genug dich anzuspornen, ihn zu suchen.
Gloster.
O! unerhorter verhartetet Bosewicht!--Er wollte seinen Brief
ableugnen?--Nein, ich hab ihn nicht gezeugt.--Hore, des Herzogs
Trompeten! Ich weis nicht warum er kommt--Alle Haven will ich
sperren--Der Lasterbube soll nicht entrinnen--Das mus mir der
Herzog bewilligen; auch will ich sein Bildnis allenthalben
umherschiken, damit das ganze Konigreich die nothige Kenntnis von
ihm habe; und von allen meinen Landereyen, will ich dich, mein
getreuer und naturlicher Sohn, erbfahig zu machen wissen.
Vierter Auftritt.
(Cornwall, Regan und Gefolge.)
Cornwall.
Wie geht's, mein edler Freund? Seit ich hier angelangt bin,
welches doch nur eben izt ist, hab ich seltsame Neuigkeiten gehort.
Regan.
Wenn sie wahr sind, so fallt alle Rache zu kurz, die den
Ubelthater verfolgen kan; wie befindet ihr euch, Mylord?
Gloster.
O, Madam, mein altes Herz ist gebrochen, in Stuken zerschlagen!
Regan.
Wie? Meines Vaters Taufpathe;* der, dem mein Vater den Namen gab,
euer Edgar?
{ed.-* Hier vergist der Poet mit einer ihm sehr gewohnlichen
Distraction, das seine Personen Heiden sind.}
Gloster.
O Lady, Lady, die Schaam mochte es verbergen konnen!
Regan.
War er etwann ein Gespiel von den luderlichen Rittern, die meinen
Vater bedienen?
Gloster.
Ich weis es nicht, Gnadige Frau; es ist zu arg, zu arg!
Edmund.
Ja, Gnadige Frau, er war von dieser Cameradschaft.
Regan.
Kein Wunder also, wenn er so schlimme Dinge vornahm; sie sind es,
die ihn zur Ermordung des alten Mannes aufgemuntert haben, um seine
Einkunfte mit ihm verprassen zu konnen. Ich habe eben diesen Abend
von meiner Schwester genaue Nachrichten von ihnen erhalten, und mit
solchen Umstanden, das wenn sie kommen, sich in meinem Haus
aufzuhalten, ich nicht daheim seyn werde.
Cornwall.
Noch ich, das versichre ich dich, Regan. Ich hore, Edmund, das ihr
euerm Vater eine grosse Probe von kindlicher Liebe gegeben habt.
Edmund.
Es war meine Pflicht, Mylord.
Gloster.
Er entdekte seine boshaften Anschlage, und bekam diesen Stos von
ihm, wie ihr sehet, da er sich bemuhete ihn abzuhalten.
Cornwall.
Wird er verfolgt?
Gloster.
Ja, mein gutiger Lord.
Cornwall.
Wenn er ertappt wird, so soll jedermann seinetwegen ausser Furcht
gesezt werden: Bedient euch hierinn aller meiner Gewalt nach euerm
eignen Gefallen. Was euch betrift, Edmund, dessen Tugend und
kindliche Treue sich in dieser Probe selbst empfiehlt, Ihr sollt
der Unsrige seyn; Gemuther von so vollkommner Zuverlassigkeit haben
wir am meisten nothig; wir bemachtigen uns hiemit Eurer Dienste.
Edmund.
Aufs wenigste, werde ich Euer Gnaden getreulich dienen.
Gloster.
Ich danke Euer Gnaden.
Cornwall.
Ihr wist nicht, warum wir euch diesen Besuch machen--
Regan.
Bey so ungewohnter Zeit, und in der finstersten Nacht;--Umstande,
edler Gloster, von einigem Gewicht, worinn wir euers Raths bedurfen,
veranlasen uns. Unser Vater, unsre Schwester, haben beyde uber
Zwistigkeiten geschrieben, die ich am fuglichsten aus euerm Hause
beantworten zu konnen glaubte; die verschiedenen Boten erwarten von
hier, abgefertiget zu werden. Ihr, unser guter alter Freund,
helfet zu unsrer Beruhigung, und ertheilet euern nothigen Rath zu
unsern Angelegenheiten, welche augenblikliche Besorgung erfodern.
Gloster.
Ich bin zu Dero Diensten, Madame; Euer Gnaden sind hochlich
willkommen.
(Sie gehen ab.)
Funfter Auftritt.
(Kent und der Haushofmeister der Lady Gonerill treten von
verschiedenen Seiten auf.)
Hofmeister.
Einen guten Abend, Freund; bist du hier vom Hause?
Kent.
Ja.
Hofmeister.
Wo konnen wir unsre Pferde abstellen?
Kent.
Im Koth.
Hofmeister.
Sey so gut und sag mir's, wenn du mich liebst.
Kent.
Ich liebe dich nicht.
Hofmeister.
So frag ich auch nichts nach dir.
Kent.
Wenn ich dich kreuzweise gebunden in Lipsbury hatte, ich wollte
dich lehren nach mir zu fragen.
Hofmeister.
Warum begegnest du mir so, der ich dich nicht einmal kenne?
Kent.
Ich kenne dich, Bursche.
Hofmeister.
Wofur kennst du mich dann?
Kent.
Fur einen Schlingel, einen Schurken, einen Tellerleker, einen
niedertrachtigen, hochmuthigen, holen, bettlermassigen, drey-
rokichten, schmuzigen, lumpichten Schurken, einen weisleberichten,
mauskopfigen Schurken, einen Huren-Sohn von einem glasaugichten,
uberdienstfertigen, abgefeimten Galgenschwengel; einen, der eine
Kupplerin seyn wurde, um jemanden einen Dienst zu thun, und der
nichts anders ist als eine Composition von einem Spizbuben, einem
Bettler, einer Memme und einem Hurenwirth, und der Sohn und Erbe
einer Bastard-Hundin; einen den ich prugeln will, bis du wie ein
kleiner Junge weinst, wofern du nur eine einzige Sylbe von diesem
deinem Titel laugnest.
Hofmeister.
Wie? was fur ein ungeheurer Kerl bist du, einen Menschen so zu
schimpfen, den du nicht kennst, und der dich nicht kennt?
Kent.
Und was fur ein ausgeschamter Raker bist du, zu laugnen, das du
mich kennst? Ist es schon zwey Tage, seitdem ich dir ein Bein
unterschlug, und dich vor dem Konig prugelte? Zieht vom Leder, ihr
Schurke; wenn es schon Nacht ist, so scheint doch der Mond; ich
will machen, das er durch euch hindurch scheinen soll; ihr
Hurensohn von einem rakermassigen Bartkrazer, zieht.
Hofmeister.
Fort, ich habe nichts mit dir zu thun.
Kent.
Zieht, ihr Halunke! Ihr kommt mit Briefen wider den Konig, und
nehmt des Puppchens (Vanitas) Parthey wider die Majestat ihres
Vaters; zieht, ihr Lumpenhund, oder ich will eure Beine dermassen
rosten--zieht, sage ich, hieher, Schurke--
Hofmeister.
Hulfe! ho! Morder! Morder! Hulfe!
Kent.
Wehr dich, du Sclave! Steh, Galgenschwengel, steh, du
mauskopfichter Sclave, wehre dich.
(Er prugelt ihn.)
Hofmeister.
Hulfe, ho! Morder! Morder!--
Sechster Auftritt.
(Edmund, Cornwall, Regan, Gloster und Bediente.)
Edmund.
Was giebts hier? Was habt ihr mit einander?--Hinweg--
Kent.
Mit euch, Herr Bube, wenn es euch beliebt; kommt, ich will euch
trillen; hieher, junger Herr!
Gloster.
Waffen? Schwerdter? Was sind das fur Handel hier?
Cornwall.
Haltet Frieden, so lieb euch euer Leben ist; der ist des Todes, der
noch einmal schlagt; was ist die Sache?
Regan.
Es sind die Abgeschikten von unsrer Schwester, und vom Konig.
Cornwall.
Was ist euer Zwist? redet.
Hofmeister.
Ich kan kaum Athem holen, Mylord.
Kent.
Kein Wunder, da ihr eure Dapferkeit so angespornt habt; ihr
hasenfussiger Schurke! Die Natur sagt sich von allem Antheil an
dir los; ein Schneider machte dich.
Cornwall.
Du bist ein seltsamer Bursche--ein Schneider einen Menschen machen!
Kent.
Ich, Mylord, ein Schneider, ein Steinmez, oder ein Mahler, konnten
ihn nicht so schlecht gemacht haben, wenn er auch nur zwo Stunden
in der Arbeit gewesen ware.
Cornwall.
Aber sagt, woruber euer Zank entstanden?
Hofmeister.
Der alte Jauner, Mylord, dessen Leben ich aus Achtung fur seinen
grauen Bart gesparet habe,--
Kent.
Du Hurensohn von einem Zet; du unnothiger Buchstabe! Mylord, wenn
ihr mir Erlaubnis geben wollt, so will ich diesen ungereiterten
Galgenschwengel in einem Morsel stossen, und die Mauer eines
Secrets mit ihm anstreichen. Meinen grauen Bart sparen--du
Bachstelze!
Cornwall.
Halt ein, Flegel! du viehischer Schurke--kennst du keine Ehrfurcht?
Kent.
Ja, Sir, aber Zorn hat ein Privilegium.
Cornwall.
Warum bist du zornig?
Kent.
Das solch ein Sclave wie dieser, ein Schwerdt tragen soll, der
keinen ehrlichen Blutstropfen im Leib hat; solche lachelnde
Schurken wie dieser, beissen oft, gleich den Razen, die heiligen
Knoten entzwey, die zu verflochten sind um aufgelost zu werden;
schmeicheln jeder Leidenschaft die ihre Herren dahinreist, schutten
Ol in die Flamme, und Eis in ihren Kaltsinn; verneinen, bejahen,
und drehen ihren Eisvogels-Schnabel nach jedem veranderlichen
Luftchen ihrer Gebieter; als Leute, die gleich den Hunden nichts
wissen, als andern nachzulauffen. Das die Pest ein solch
epileptisches Gesicht!--Ihr lachelt zu meinen Reden als ob ich ein
Narr sey! Ihr Ganse, hatte ich euch auf der Ebne von Salisbury,
ich wollte euch schnatternd bis heim nach Camelot* treiben.
{ed.-* Dis war der Ort, wo, nach den Romanzen, Konig Arthur sein
Hoflager im Westen hatte; und es scheint also dieses eine
Anspielung auf irgend eine spruchwortliche Redensart in den alten
Ritterbuchern zu seyn.}
Cornwall.
Bist du aberwizig, alter Bursche?
Gloster.
Wie kamet ihr aus? Sagt uns das.
Kent.
Es ist keine solche Antipathie in der Natur, als die meinige gegen
einen solchen Schlingel.
Cornwall.
Warum nennst du ihn einen Schlingel? was ist sein Vergehen?
Kent.
Ich kan seine Figur nicht leiden.
Cornwall.
Vielleicht die meinige, oder dieser oder dessen hier nicht besser.
Kent.
Herr, meine Art ist aufrichtig zu seyn: Ich habe zu meiner Zeit
bessere Gesichter gesehen, als auf irgend einer Schulter stehen,
die ich diesen Augenblik vor mir habe.
Cornwall.
Dis ist einer von den Burschen, die, wenn sie etwann einmal wegen
einer Bruskerie gelobt worden, eine verdriesliche Grobheit
affectieren, und sich von allen Gesezen des eingefuhrten Wohlstands
los machen--"Er kan nicht schmeicheln, er--ein ehrlicher Mann mus
aufrichtig seyn, er mus die Wahrheit reden; wollen sie sich's
gefallen lassen, gut; wo nicht, so ist er aufrichtig." Diese Art
von Spizbuben kenn ich, die unter dieser Aufrichtigkeit oft mehr
Arglist und schlimmere Absichten verbergen, als zwanzig solcher
seidenen untertauchenden Hofschranzen, die so subtil in Ausdehnung
ihrer Pflichten sind.
Kent.
Mylord, in vollem Ernst, und nach der lautersten Wahrheit, unter
der Nachsicht euers grossen Aspects, dessen Einflus, gleich der
Crone von stralendem Feuer auf der wallenden Stirne des Phobus--
Cornwall.
Was willt du mit diesem Galimathias?
Kent.
Eine Sprache fahren lassen, die ihr so ubel empfehlet: Ich weis,
Mylord, das ich kein Schmeichler bin; der, der euch in einer ganz
platten Sprache betrogen hat, ist ein platter Spizbube, welches ich
nicht seyn will, wenn ich mir gleich dadurch euern Unwillen
zuziehen sollte.
Cornwall (zum Hofmeister).
Was habt ihr ihm denn zu Leide gethan?
Hofmeister.
Nicht das mindeste, Mylord. Es gefiel dem Konig seinem Herrn,
unlangst mich wegen eines Misverstands zu schlagen; sogleich nahm
er sich der Sache an, um dem Unwillen seines Herrn zu schmeicheln,
unterschlug mir ein Bein, verspottete und beschimpfte mich, da ich
zu Boden lag, und wurde von dem Konig gelobt, das er einen Mann
anfiel, der aus Respect sich nicht zu wehren begehrte; und von
dieser dapfern That aufgemuntert, zog er hier wieder gegen mich.
Kent.
Es ist keiner von diesen Schlingeln und Memmen, der nicht den Ajax
zu seinem Muster mache.
Cornwall.
Schafft Fus-Stoke herbey. Du starrkopfiger alter Schurke, du
ehrwurdiger Grossprecher, wir wollen dich lehren--
Kent.
Herr, ich bin zu alt zum lernen; fodert eure Fus-Stoke nicht fur
mich; ich diene dem Konig; ihr wurdet wenig Ehrerbietung und eine
zu verwegne Bosheit gegen die hochste Person meines Herrn verrathen,
wenn ihr seinen Abgeordneten in den Stok legen wurdet.
Cornwall.
Fus-Stoke herbey! So wahr ich Leben und Ehre habe, er soll darinn
sizen bis Mittag.
Regan.
Bis Mittag! Bis Nacht, Mylord, und alle ubrige Nachte dazu.
Kent.
Wie, Madame, wenn ich euers Vaters Hund ware, ihr konntet mir nicht
so begegnen!
Regan.
Sir, weil ihr meines Vaters Spizbube seyd, so will ich.
Cornwall.
Das ist ein Bursche von eben der Gattung, wovon unsre Schwester
spricht. Kommt, bringt die Fus-Stoke.
Gloster.
Euer Gnaden lassen sich erbitten, es nicht zu thun. Sein Vergehen
ist gros, und der gute Konig, sein Herr, wird ihn deswegen
bestraffen; die Straffe, die ihr vorhabet, ist von einer Art, das
nur die schlechteste und niedrigste Art von Elenden, wegen
Mausereyen und dergleichen pobelhaften Unfugen, damit bestraft
werden. Der Konig mus es ubel nehmen, das er in seinem
Abgeschikten so schlecht geachtet wurde--
Cornwall.
Ich will das verantworten.
Regan.
Meine Schwester kan es noch weit ubler nehmen, das ihr Edelmann
wegen Ausrichtung ihrer Befehle so mishandelt werden soll--Legt
seine Beine hinein.
(Kent wird in den Stok gelegt.)
Kommt, Mylord, wir wollen gehen.
(Regan und Cornwall gehen ab.)
Siebender Auftritt.
Gloster.
Ich bin deinetwegen bekummert, guter Freund; aber es ist des
Herzogs Wille so, der, wie alle Welt weis, sich keinen Einhalt thun
last. Ich will fur dich bitten.
Kent.
Ich bitte euch, thut es nicht, Sir. Ich habe lange gewacht und
gewandert; einen Theil der Zeit kan ich ausschlaffen, und den
ubrigen will ich verpfeiffen. Eines ehrlichen Manns Gluk kan
endlich mude Fusse kriegen. Ich wunsche euch einen guten Morgen.
Gloster.
Der Herzog ist hierinn zu tadeln; es wird ubel aufgenommen werden.
(Geht ab.)
Kent.
Du guter Konig must izt das alte Spruchwort erfahren: Du kommst aus
des Himmels Segen in die warme Sonne. Komm naher, du Signal-Feuer
fur diese Unterwelt, damit ich bey deinen hulfreichen Stralen
diesen Brief durchlesen konne:
(indem er den Mond ansieht)
Niemand sieht mehr Wunder als der Elende--Ich kenne ihn, er ist
von Cordelia, die hochstgluklicher Weise von meinem verdunkelten
Lauf benachrichtiget worden. Ich werde in diesem ungebuhrlichen
Zustand Zeit finden, darauf zu denken, wie unser Verlust ersezt
werden konne; ihr muden und ausgemachten Augen, bedient euch des
Vortheils, diese schandliche Wohnung nicht zu sehen. Gute Nacht,
Gluk; lachle noch einmal, dann dreh' dein Rad.
(Er entschlaft.)
(Die Scene verwandelt sich in einen Wald.)
(Edgar tritt auf.)
Edgar.
Ich habe mich selbst ausruffen gehort, und bin, Dank sey einer
gluklichen Hole in einem Baum, der Jagd entgangen. Kein Seehaven
ist frey, kein Ort, wo nicht Wachen und ungewohnliche
Aufmerksamkeit auf meine Ertappung warten. Da ich nicht entrinnen
kan, will ich mir auf eine andre Art helfen, und bin entschlossen,
die niedrigste und armseligste Gestalt anzunehmen, die nur immer
die Durftigkeit ersinnen kan, den verachteten Menschen naher zum
Vieh herab zu sezen. Mein Gesicht will ich mit Schmuz entstellen,
meine Lenden mit Binden umwikeln, mein Haar in Knoten schlingen,
und mit dargebotner Naktheit, den Winden und den Verfolgungen des
Wetters Troz bieten. Die Dorfer zeigen mir ein Muster an den
Tollhaus-Bettlern, die mit heulenden Stimmen, in ihre gefuhllose,
abgestorbene, nakte Arme, Nadeln, holzerne Pfriemen, Nagel und
Rosmarin-Zweige schlagen, und in diesem entsezlichen Aufzug, vor
kleinen Pacht-Hofen, armen Bauerhutten, Schaaf-Hurden und Muhlen,
bald durch mondsuchtige Fluche, bald durch Gebete, der
Mildthatigkeit der Leute Gewalt anthun. Armer Turlupin*! Armer
Tom! Das ist izt etwas--als Edgar bin ich nichts.
{ed.-* Im vierzehnten Jahrhundert entstand eine Art von Zigaunern,
Turlupins genannt, eine Bruderschaft von nakenden Bettlern die in
Europa auf und ab lieffen; dem ungeachtet hat die Romische Kirche
sie mit dem Kezer-Namen beehrt, und wurklich einige von ihnen zu
Paris verbrannt. Was sie aber fur eine Art von Religionisten
gewesen, sehen wir aus Genebrards Nachricht von ihnen, (Turelupini
Cynicorum sectam suscitantes, de nuditate pudendorum & publico
coitu.) In der That nichts anders, als eine Art Tollhaus-Narren.
Warburton.}
{ed.-Bei Wieland folgt, wie schon in der englischen Ausgabe von
Warburton, der neunte Auftritt auf den siebenten.}
Neunter Auftritt.
(Die Scene verwandelt sich wieder in des Grafen von Gloster Schlos.)
(Lear, Narr, und ein Ritter.)
Lear.
Das ist wunderlich, das sie von Hause abreisen, ohne mir meinen
Boten zuruk zu schiken.
Ritter.
So viel ich erfahren habe, war die Nacht vorher noch kein Gedanke
an diese Entfernung.
Kent.
Heil dir, mein edler Meister!
Lear.
Ha! machst du deine Schmach zu deinem Zeitvertreib?
Kent.
Nein, Mylord.
Narr.
Ha, ha! er tragt verzweifelte Kniebander; Pferde werden am Kopf
gebunden, Hunde und Baren am Hals, Affen um die Lenden, und
Menschen an den Beinen; wenn ein Mann gar zu lustig auf den Beinen
ist, so tragt er holzerne Unterstoke.
Lear.
Wer ist der, der deinen Plaz so sehr miskennt, dich hieher zu sezen?
Kent.
Es ist Er und Sie, euer Sohn und eure Tochter.
Lear.
Nein.
Kent.
Ja.
Lear.
Nein, sag ich.
Kent.
Ich sage, Ja.
Lear.
Beym Jupiter, schwor ich, Nein!
Kent.
Bey Juno, schwor ich, Ja.
Lear.
Das hatten sie sich nicht unterstanden; sie konnten, sie wollten es
nicht thun; das ist arger als Mord, die Ehrerbietung gegen mich so
gewaltthatig zu verlezen. Sage mir, so schnell als moglich,
wodurch du eine solche Begegnung verdienen, oder was sie dazu
bringen konnte, dich so miszuhandeln, da du von uns kamest?
Kent.
Mylord, als ich Ihnen in Ihrem Hause, Eurer Hoheit Briefe
uberreichte, kam, eh ich noch vom Boden, wo mich die Ehrfurcht
knien hies, aufgestanden war, ein rauchender Postillion an, der
ganz beschwizt und halb athemlos einen Grus von Gonerill seiner
Gebieterin keuchte, und Briefe ubergab, die sogleich, ohne auf die
meinige Acht zu haben, uberlesen wurden; dem Inhalt derselben
zufolge, liessen sie sogleich ihre Leute aufbieten, die Pferde
fertig halten, befahlen mir ihnen zu folgen und zu warten, bis es
ihnen gelegen sey mir zu antworten, und gaben mir kalte Blike. Da
ich nun hier den andern Boten antraf, dessen Willkomm (wie ich
merkte) den meinigen vergiftet hatte, und sah', das es eben der
Gesell war, der sich lezthin so unartig gegen Eu. Hoheit auffuhrte,
so zog ich, weil ich mehr Mannheit als Wiz bey mir hatte, den
Degen gegen ihn; er brachte mit seinem zaghaften Geschrey das Haus
in Bewegung, und euer Sohn und eure Tochter fanden dieses Vergehen
der Schmach wurdig, die ich hier erdulde.
Lear.
O! wie schwillt diese Mutter zu meinem Herzen auf! Herunter
(hysterica passio!) Du klimmender Kummer, dein Element ist unten;
wo ist diese Tochter?
Kent.
Bey dem Grafen, Mylord, hier drinnen.
Lear.
Folget mir nicht--bleibt hier zuruk--
(Er geht ab.)
Ritter.
Verbrachet ihr sonst nichts, als was ihr da gesagt habet?
Kent.
Nichts. Wie kommts, das der Konig in so kleiner Anzahl anlangt?
Narr.
Wenn du um dieser Frage willen in den Stok gesezt worden warest, so
hattest du es wol verdient.
Kent.
Warum, Narr?
Narr.
Man mus dich zu einer Ameise in die Schule thun, zu lernen, das man
im Winter nicht arbeitet. Alle die ihrer Nase folgen, werden von
ihren Augen geleitet, die Blinden ausgenommen; und unter zwanzig
Nasen ist nicht eine die den nicht roche, der stinkt. Wenn ein
grosses Rad einen Hugel herunter lauft, so las es unaufgehalten,
oder es bricht dir den Hals, wenn du ihm nachlaufst; wenn es aber
aufwarts geht, so las dich von ihm nachziehen. Wenn ein weiser
Mann dir einen bessern Rath giebt, so gieb mir meinen wieder zuruk;
ich mochte nicht, das ihm jemand andrer folgte als ein Spizbube, da
ihn ein Narr giebt.
Zehnter Auftritt.
(Lear und Gloster treten auf.)
Lear.
Sie wollen nicht mit mir reden? sie sind unpaslich, sie sind mude,
sie haben die ganze Nacht durch gereist? Blosse Ausfluchte!
Anzeigen von Emporung und Abtrunnigkeit. Bring mir eine bessre
Antwort--
Gloster.
Mein theurer Lord, Ihr kennet die feurige Gemuthsart des Herzogs!
Wie unbeweglich und fest er in seinen Entschliessungen ist--
Lear.
Rache! Pest! Tod! Verderben! feurig? was feurige Gemuthsart?
Wie? Gloster, ich will mit dem Herzog von Cornwall und seinem
Weibe reden.
Gloster.
Gut, Mylord, so habe ich sie berichtet.
Lear.
Sie berichtet? Verstehst du mich, Mann?
Gloster.
Ja, mein Gnadiger Lord.
Lear.
Der Konig will mit Cornwallen reden, der Vater will mit seiner
Tochter reden; befiehlt ihr, ihm aufzuwarten--Sind sie dessen
berichtet?--Mein Athem! Mein Blut!--Feurig? der feurige Herzog?
Sagt dem heissen Herzog, ich--Nein! izt noch nicht; es mag seyn,
das er nicht wohl ist. Krankheit verabsaumt immer alle Pflichten,
an die unsre Gesundheit gebunden ist; wir sind nicht wir selbst,
wenn die unterligende Natur der Seele mit dem Leib zu leiden
befiehlt. Ich will Geduld haben; ich war zu hastig, die Laune
eines Kranken dem Gesunden zur Last zu legen.--Verwunscht sey mein
Zustand!--Aber wofur sollte er hier sizen? Diese Handlung
uberfuhrt mich, das ihre Entfernung von Hause nur ein Kunstgriff
ist. Gebt mir meinen Diener los--Geht, sagt dem Herzog und seinem
Weib, ich wolle mit ihnen sprechen, izt gleich; sagt ihnen, sie
sollen kommen und mich anhoren, oder ich will vor ihrer Kammerthure
die Trommel schlagen lassen, bis sie schreyt, schlaft zu Tod.
Gloster.
Ich wollte, es ware alles gut zwischen euch.
(Geht ab.)
Lear.
O! mein Herz, mein schwellendes Herz! herunter!
Narr.
Schrey ihm zu, Nonkel, wie das Kuchen-Madchen den Alen, die sie
lebendig in die Pastete gethan hatte; sie schlug sie mit einem
Steken ernstlich auf die Nasen und schrie, zu Boden mit euch, ihr
Muthwilligen, zu Boden! Es war ihr Bruder, der aus lauter
Gutigkeit gegen sein Pferd Butter an sein Heu that.
Eilfter Auftritt.
(Cornwall, Regan, Gloster und Bediente, zu den vorigen.)
Lear.
Ich wunsche euch beyden einen guten Morgen.
Cornwall.
Euer Gnaden sind willkommen.
(Kent wird losgemacht.)
Regan.
Ich bin erfreut Eu. Hoheit zu sehen.
Lear.
Regan, ich denke, ihr seyd es, ich weis die Ursachen warum ich es
denke; wenn du nicht erfreut warest, ich wollte mich im Grab von
deiner Mutter als einer Ehebrecherin scheiden.
(Zu Kent.)
O! seid ihr frey? Ein andermal hievon. Geliebte Regan, deine
Schwester ist nichts: O Regan, sie hat ihre Undankbarkeit gleich
einem Geyer hier
(er zeigt auf sein Herz)
angefesselt, an meinem Herzen zu nagen. Ich kan kaum mit dir
reden; du kanst nicht glauben, mit was fur einer ausgearteten
Bosheit--o Regan! --
Regan.
Ich bitte euch, Mylord, habet Geduld; ich hoffe, ihr wisset weniger
ihren Werth zu schazen, als sie ihre Pflicht zu vergessen.
Lear.
Sagst du? Wie ist das?
Regan.
Ich kan nicht denken, meine Schwester sollte nur im mindesten ihre
Schuldigkeit beyseite sezen. Wenn sie vielleicht die
Ausschweiffungen eurer Begleiter eingeschrankt hat, so geschah es
aus solch einem Grund, und zu einem so heilsamen Zwek, das sie
gegen allem Tadel gesichert ist.
Lear.
Meine Fluche uber sie! --
Regan.
O Sir, ihr seyd alt, die Natur steht bey euch auf der aussersten
Grenze ihres Gebiets. Ihr solltet euch durch einen Verstand leiten
lassen, der besser zu unterscheiden wuste was euch anstandig ist,
als ihr selbst; ich bitte euch also, Mylord, kehret zu meiner
Schwester zuruk, sagt, ihr habet ihr Unrecht gethan--
Lear.
Sie um Verzeihung zu bitten? Merkt ihr auch, wie wol sich das
schiken wird? Liebste Tochter, ich bekenne das ich alt bin, Alter
ist unvermoglich, ich bitte dich auf meinen Knien, das du mir
Kleider, Unterhalt und Bette zukommen lassen wollest.
Regan.
O Sir, nichts weiter; das sind Launen, die nicht auszustehen sind;
kehret ihr zu meiner Schwester zuruk.
Lear.
Nimmermehr, Regan. Sie hat mich um die Helfte meines Gefolgs
geschwacht, mich mit schwarzen Bliken angesehen, mich mit ihrer
Zunge, recht wie eine Natter, ins Herz gestochen. Alle
aufgehauften Raachen des Himmels fallen auf ihren undankbaren Kopf.
Schlaget, ihr anstekenden Lufte, ihre jungen Beine mit Lahmheit--
Cornwall.
Pfui, Sir, Pfui!
Lear.
Ihr durchdringenden Blize, schiesset eure blendenden Flammen in
ihre hochmuthigen Augen! Steket ihre Schonheit an ihr aus Sumpfen
gesaugte Nebel, von der machtigen Sonn emporgezogen zu fallen, und
ihren Stolz zu versengen.
Regan.
O! ihr gutigen Gotter!--So werdet ihr mir wunschen, wenn der
rasche Humor regiert.
Lear.
Nein, Regan, du sollt niemals meinen Fluch haben; deine zartliche
Natur wird dich nicht in Hartigkeit ausarten lassen; ihre Augen
sind scharf; die deinen erquiken und brennen nicht. Du bist nicht
fahig mir mein Vergnugen zu misgonnen, mein Gefolg zu vermindern,
ein hastiges Wort ubel auszulegen, mir an meinem Unterhalt
abzubrechen, und den Riegel gegen meine Ankunft zu stossen. Du
kennst die Pflichten der Natur besser, das Band der Kindschaft, die
Geseze der Hoflichkeit, und die Forderungen der Dankbarkeit. Du
hast noch nicht vergessen, das ich dir die Helfte meines
Konigreichs geschenkt habe.
Regan.
Guter Sir, zur Hauptsache--
(Man hort Trompeten.)
Lear.
Wer legte meinen Mann in den Stok? (Der Haushofmeister kommt.)
Cornwall.
Was fur Trompeten sind das?
Regan.
Meiner Schwester, ohne Zweifel; ihr Brief sagt, das sie bald hier
seyn wolle. Ist eure Lady gekommen?
Lear.
Dis ist ein Sclave, dessen leicht-geborgter Hochmuth in der
wankelmuthigen Gnade seiner Gebieterin wohnt. Fort, Schurke, aus
meinem Gesicht!
Cornwall.
Was meynten Euer Gnaden hiemit?
Zwolfter Auftritt.
(Gonerill tritt auf.)
Lear.
Wer legte meinen Diener in den Stok? Regan, ich habe gute Hoffnung,
du wustest nichts davon--Wer kommt hier? O ihr Himmel! wenn ihr
alte Leute liebet, wenn eure sanfte vaterliche Regierung den
Gehorsam heiliget, wenn ihr selbst alt seyd,* so macht meine Sache
zur eurigen, sendet herab und nehmet meine Partey! Schamt euch
nicht, auf diesen eisgrauen Bart zu sehen--O Regan, du nimmst sie
bey der Hand?
{ed.-* Konig Lear deutet hier auf die alte heidnische Theologie,
welche lehrt, das (Coelus) oder (Uranus) (der Himmel) von seinem
Sohn Saturnus abgesezt worden, der sich wider seinen alten Vater
auflehnte, und ihn durch Gewalt der Waffen austrieb. Da sein Fall
demjenigen, worinn Lear sich befindet, so ahnlich war, so war es
naturlich, sich bey diesem Anlas an ihn zu wenden.}
Gonerill.
Und warum nicht bey der Hand, Sir? Was hab ich gesundiget? Nicht
alles ist Verbrechen, was Unbesonnenheit tadelt, und Aberwiz so
benennt.
Lear.
O! meine Seiten! ihr seyd zu hart! Konnt ihr noch halten?--Wie
kam mein Mann in den Stok?
Cornwall.
Ich lies ihn hineinsezen, Sir; aber seine unordentliche Auffuhrung
verdiente eine noch geringere Beforderung.
Lear.
Ihr? Ihr thatet es?
Regan.
Ich bitte euch, Vater, erkennet doch eure Schwache--Wenn ihr bis
zum Verflus ihres Monats mit meiner Schwester wieder umkehren, und
mit Abdankung der Helfte euers Gefolges, bey ihr wohnen wollet, so
kommet dann zu mir. Izt bin ich nicht zu Hause, und nicht mit so
vielem versehen, als zu eurer Unterhaltung nothig ist.
Lear.
Zu ihr zuruk kehren, und funfzig Mann abdanken? Nein, eher will
ich allen Aufenthalt unter einem Dach abschworen, lieber gegen die
Anfalle der Luft kampfen, und ein Geselle des Wolfs und der Eule
seyn; so grausam auch ein solcher Zustand ist--Mit ihr zuruk
kehren? Eben so leicht konnte ich dazu gebracht werden, vor den
Thron des feurigen Franzosen, der unsre Jungste ohne Erbgut nahm,
niederzuknien, und wie ein armer Schildknappe um eine Ritterzehrung
zu betteln--Mit ihr zuruk kehren? Uberrede mich lieber ein Sclav
und Karren-Gaul von diesem verfluchten Hofschranzen zu seyn. --
(Er deutet auf den Hofmeister.)
Gonerill.
Es steht in euerm Belieben, Sir.
Lear.
Ich bitte dich, Tochter, treib mich nicht zum Wahnwiz. Ich will
dich nicht beunruhigen, mein Kind. Lebe wohl! Wir wollen nicht
mehr zusammen kommen, einander nicht mehr sehen. Aber du bist doch
mein Fleisch, mein Blut, meine Tochter--oder vielmehr ein Schaden
der in meinem Fleisch ist, und den ich wider Willen mein nennen mus;
du bist ein Geschwar, eine Pestbeule, eine aufgeschwollene Blatter
in meinem vergifteten Blute. Doch ich will dich nicht schelten.
Die Schaam mag kommen wenn sie will, ich ruffe ihr nicht; ich bitte
den Donnerer nicht, dich zu schlagen, und erzahle dem
allesrichtenden Jupiter keine Geschichten von dir: Bessre dich wenn
du kanst, und wenn es dir gelegen ist. Ich kan Geduld haben, ich
kan bey Regan bleiben, ich und meine hundert Ritter.
Regan.
Nicht vollkommen so; ich habe izt nicht fur euch gesorgt, ich bin
nicht darauf versehen, euch gehorig zu empfangen; gebt meiner
Schwester Gehor. Leute die mit Passionen urtheilen, konnten sich
begnugen zu denken, ihr seyd alt, und so--Aber sie weis, was sie
thut.
Lear.
Ist das wohl gesprochen?
Regan.
Ich darf es behaupten, Sir. Was? funfzig Begleiter? Ist es nicht
genug? Wozu braucht ihr mehr? Ja, wozu so viele? Da beydes,
Uberlast und Gefahr, gegen eine so grosse Anzahl reden. Wie
konnten so viel Leute in einem Hause unter zweyerley Befehl Friede
halten? Es ist schwer, es ist ganz unmoglich.
Gonerill.
Konntet Ihr, Mylord, dann nicht von unsern Bedienten zugleich
bedient werden?
Regan.
Warum nicht, Mylord--wenn sie alsdann etwann saumselig seyn sollten,
so konnten wir sie zur Gebuhr weisen. Wenn Ihr zu mir kommen
wollet, (denn nun merke ich, was die Sache auf sich hat,) so bitte
ich nicht mehr als funf und zwanzig mitzubringen; denn ich werde
nicht mehr als funf und zwanzigen Plaz und Versorgung geben.
Lear.
Ich gab euch alles--
Regan.
Und ihr gabet es zu rechter Zeit.
Lear.
Machte euch zu meinen Beschirmern, meinen Pflegern, mit dem
einzigen Vorbehalt einer solchen Anzahl; mus ich mit funf und
zwanzig zu euch kommen? Regan, sagtet ihr so?
Regan.
Und sag es noch einmal, Mylord, ich werde nicht mehr aufnehmen.
Lear.
Diese runzlichten Geschopfe sehen doch noch ganz hubsch aus, wenn
sie neben andern stehen, die noch runzlichter sind. Nicht der
schlimmste zu seyn, verdient einigen Grad von Lob;
(zu Gonerill)
ich will mit dir gehen, deine Funfzig sind doch noch einmal so
viel als funf und zwanzig, und du liebst mich um die Helfte nicht
so wenig als sie.
Gonerill.
Horet mich, Mylord, wozu braucht ihr funf und zwanzig, zehen oder
funf, euch in ein Haus zu folgen, wo zweymal so viel Befehl haben,
euch aufzuwarten?
Regan.
Wozu braucht ihr nur einen einzigen?
Lear.
O! philosophiert nicht uber das was man nicht braucht, oder die
elendesten Bettler haben in ihrer grosten Durftigkeit noch
Uberflus. Gestehet der Natur nicht mehr zu, als die Natur bedarf,
so ist des Menschen Leben so wohlfeil als des Viehes. Du bist eine
Lady; wenn warm gekleidet gehen schon Pracht ist, so wirf deine
Kleider weg, die Natur bedarf nicht was du zur Pracht tragst, da es
dich schwerlich warm halten kan; aber was die wahre Nothdurft
betrift--Ihr Himmel! Gebt mir die Geduld die ich vonnothen habe.
Ihr seht mich hier, ihr Gotter, einen armen alten Mann, von Gram so
gedrukt als von Jahren: Wenn ihr es seyd, die dieser Tochter Herzen
wider ihren Vater emporen--o so treibet euer grausames Spiel nicht
so weit, mich zahm wie einen Thoren dulden zu machen. Ruhret mich
mit edelm Zorn! o last nicht weibische Waffen, Wassertropfen,
meine mannliche Wange befleken!--Nein! Ihr unnaturlichen Unholden,
ich will solche Raache an euch beyden nehmen, das alle Welt--ich
will solche Dinge thun--die meine Seele sich selbst noch nicht
gestehen darf**--Dinge, woruber der Erdboden sich entsezen soll.--
Ihr denkt, ich soll weinen? Nein, ich will nicht weinen--ob ich
gleich Ursache genug zum Weinen habe.--Eh soll dis Herz in tausend
Stuke brechen eh ich weinen will--O Narr, ich werde wahnsinnig
werden--
{ed.-**--(Nescio quid ferox Decrevit animus intus & nondum sibi
audet fateri.) (Seneca in Med.)}
(Lear, Gloster, Kent und Narr gehen ab.)
Dreyzehnter Auftritt.
Cornwall.
Wir wollen uns wegbegeben; es kommt ein Ungewitter.
Regan.
Dis Haus ist klein, der alte Mann und seine Leute konnen nicht wol
darinn versorgt werden.
Gonerill.
Es ist seine eigne Schuld, das er keine Ruhe hat; er mag die Folgen
seiner Thorheit kosten.
Regan.
Ihn fur seine Person will ich mit Vergnugen aufnehmen, aber nicht
einen einzigen Begleiter.
Gonerill.
Das ist auch mein Vorsaz. Wo ist Mylord von Gloster? (Gloster
kommt zuruk.)
Cornwall.
Er begleitete den alten Mann--Hier kommt er wieder.
Gloster.
Der Konig ist in der aussersten Wuth, und will fort, ich weis nicht
wohin.
Cornwall.
Das beste ist, ihm den Lauf zu lassen, den er selbst nimmt.
Gonerill (zu Gloster.)
Mylord, sprechet ihm auf keinerlei Art zu, das er bleibe.
Gloster.
Aber, die Nacht bricht an, und die Winde sturmen entsezlich; auf
manche Meile herum ist kaum ein Busch--
Regan.
O Sir, eigensinnigen Leuten mussen die Ubel die sie sich selbst
zuziehen, fur Lehrmeister dienen. Sperret eure Thuren zu; er hat
verzweifelte Leute bey sich; und die Klugheit befiehlt zu furchten,
wozu sie ihn aufhezen konnten, da es so leicht ist, ihn zu
verfuhren.
Cornwall.
Verschliest eure Thuren, Mylord, es ist eine ungestume Nacht.
Meine Regan rath wol; kommt, eh das Wetter angeht.
(Gehen ab.)
Dritter Aufzug.
Erster Auftritt.
(Eine Heyde.)
(Man hort einen Sturm mit Donner und Blizen.)
(Kent und ein Ritter treten von verschiedenen Seiten auf.)
Kent.
Wer geht hier in diesem schlimmen Wetter?
Ritter.
Einer dessen Gemuthsfassung diesem Wetter sehr ahnlich ist.
Kent.
Ich kenne euch; wo ist der Konig?
Ritter.
Mit den erzurnten Elementen kampfend, befiehlt er den Winden die
Erde in die See zu wehen, oder die krausen Wellen uber das feste
Land aufzuschwellen, damit die Welt eine neue Gestalt bekomme oder
aufhore. Er rauft seine weissen Haare, und bemuht sich in sich
selbst, in seiner innerlichen Welt, die streitenden Sturmwinde und
die berstenden Wolken zu uberrasen. In einer solchen Nacht, wo der
wuthende Hunger auch die wildesten Thiere nicht aus ihren Holen zu
treiben vermochte, rennt er mit unbedektem Haupt hin und wieder,
und stost seinen Grimm in Verwunschungen aus--
Kent.
Aber wer ist bey ihm?
Ritter.
Niemand als der Narr, der sich bemuht, ihn der Krankungen, die sein
Herz zerreissen, durch seine Thorheiten vergessen zu machen.
Kent.
Sir, ich kenne euch, und wage es unter der Burgschaft meiner euch
nicht unbekannten Gesinnungen, euch einen wichtigen Auftrag zu
machen. Es ist Mishelligkeit, ob sie gleich aus Staatslist noch
verborgen wird, zwischen den Herzogen von Albanien und Cornwall:
Sie haben Bediente, (und welche Grosse haben nicht solche?) die
unter dem Schein der Treue heimliche Kundschafter sind, und
Frankreich alles verrathen, was in unserm Staat vorgeht--die
Zankereyen der Herzoge, oder die rauhe Art womit beyde dem guten
alten Konige begegnet sind, oder vielleicht etwas noch tiefferes,
wozu beydes nur die Vorbereitungen sind--was es auch seyn mag,
gewis ist, das ein Franzosisches Kriegsheer im Begriff steht in
dieses geschwachte Konigreich einzufallen. Unsre Nachlassigkeit
hat ihnen schon Zeit gelassen, sich in unsern besten Seehafen
Anhanger zu machen, und sie werden nicht lange saumen, ihre
Feldzeichen offentlich aufzusteken. Wenn ihr nun anders auf meinen
Credit so viel wagen wollet, in Eile nach Dover abzugehen, so
werdet ihr Leute finden, die euch danken werden, wenn ihr ihnen
eine wahrhafte Nachricht gebet, uber was fur unnaturliche und
unsinnigmachende Beleidigungen der Konig zu klagen Ursach hat. Ich
bin ein Edelmann von Stand und Bedeutung, und wurde euch diesen
Dienst nicht auftragen, wenn ich nicht wiste, das ich mich auf euch
verlassen kan.
Ritter.
Ich will weiter mit euch hievon reden.
Kent.
Nein, thut es nicht; zur Bestatigung das ich weit mehr bin, als
meine Aussen-Seite, offnet diesen Beutel und nehmt, was darinn ist.
Wenn ihr Cordelia sehen werdet, wie ihr nicht zweifeln durft, so
zeigt ihr diesen Ring, und sie wird euch sagen wer der gute Freund
ist, den ihr izt nicht kennt.
Ritter.
Gebt mir euere Hand, habt ihr sonst nichts zu sagen?
Kent.
Wenig Worte, aber, der Wurkung nach, mehr als alles bisherige. Wir
wollen uns trennen, um den Konig zu suchen, und der erste der ihn
erblikt, soll dem andern ein Zeichen geben.
(Gehen ab.)
Zweyter Auftritt.
(Das Ungewitter daurt immer fort.)
(Lear und der Narr treten auf.)
Lear.
Blaset ihr Winde, und zersprengt eure Baken, wuthet, blaset! Ihr
Wolkenbruche und Orkane, speyet Wasser aus bis ihr unsre
Glokenthurme uberschwemmt und ihre Hahnen ersauft habet. Ihr
schweflichten, meine Gedanken ausrichtenden Blize, senget mein
weisses Haupt; und du allerschutternder Donner, schlage die dike
Runde der Welt platt, zerbrich die Form der Natur, und zerstuke auf
einmal alle die ursprunglichen Keime, woraus der undankbare Mensch
entsteht.
Narr.
O Nonkel, Hofweyhwasser in einem trocknen Haus ist besser als
Regenwasser vor der Thure. Guter Nonkel, hinein, und bitte deine
Tochter um ihren Segen; das ist eine Nacht, die weder mit
Gescheidten noch mit Narren Mitleiden hat.
Lear.
Brause und larme nur so laut du kanst, spey Feuer, strome Regen;
weder Regen noch Wind, Donner noch Blize sind meine Tochter; ich
beschuldige euch keiner Unfreundlichkeit, ihr Elemente; ich gab
euch keine Konigreiche, ich nannte euch nie meine Kinder, ihr seyd
mir keinen Gehorsam schuldig. So last denn euer entsezliches
Vergnugen fallen--Hier steh ich, euer Gegner, ein armer,
entkrafteter, schwacher, und verachteter alter Mann! Und doch seyd
ihr nur knechtische Diener, die, in Verstandnis mit zwo
verderblichen Tochtern eure donnernde Schlachtordnungen gegen einen
so alten und weissen Kopf auffuhret--oh! oh! es ist
niedertrachtig.
Narr.
Wer ein Haus hat, worein er seinen Kopfsteken kan, hat einen guten
Helm--Wer sein Herz zu seinem Zehen macht, wird uber Huner-Augen
schreyen und nicht schlaffen konnen; denn es ist noch nie kein
hubsches Madchen gewesen, die nicht Gesichter in einen Spiegel
gemacht hatte.
Dritter Auftritt.
(Kent kommt zu ihnen.)
Lear.
Nein, ich will das Muster aller Geduld seyn, ich will nichts sagen.
Kent.
Wer ist hier?
Narr.
------------*
{ed.-* Der Narr sagt hier etwas so elendes, das der Ubersetzer sich
nicht uberwinden kan, es herzusezen. Der Leser darf versichert
seyn, das man nichts verliehrt, wenn schon zuweilen Einfalle
weggelassen werden, deren Absicht blos war, die Grundsuppe des
Londner-Pobels zu Konig Jacobs Zeiten lachen zu machen.}
Kent.
Ach! Sir, seyd ihr hier? Geschopfe die sonst die Nacht lieben,
lieben keine solche Nachte wie diese; der ergrimmte Himmel schrekt
sogar die nachtwandernden Gespenster in ihre Holen zuruk. Seit ich
ein Mann bin, erinnere ich mich nicht solche Feuer-Gusse, solche
furchterlich berstende Donner, ein solches Geheul und Geprassel von
Sturmwinden und Plazregen gehort zu haben. Das ist mehr als die
menschliche Natur ausstehen kan.
Lear.
Izt mogen die grossen Gotter, die dieses entsezliche Getose uber
unsern Hauptern machen, ihre Feinde aufsuchen. Zittre, du
Unglukseliger, dessen unentdekte Verbrechen der Ruthe der
Gerechtigkeit entgangen sind! Verbirg dich, du blutige Hand, du
Meineydiger, du blutschanderischer Heuchler der Tugend; zerfall in
Asche, Bosewicht, der unter dem Schein der Freundschaft nach dem
Leben eines Menschen getrachtet hat--Ihr geheimen verschlossenen
Sunden, offnet euere verbergende Kammern, und bittet diese
furchterlichen Aufforderer um Gnade--Ich bin ein Mensch, gegen den
mehr gesundiget worden, als er selbst gesundiget hat.
Kent.
O weh! mit blossem Haupt! Mein gutiger Lord, ganz nah an hier ist
eine Hutte; Irgend ein mitleidiges Geschopf wird sie euch gegen das
Ungewitter leihen; ruhet dort aus, indes das ich in dieses harte
Haus (harter als der Fels auf dem es erbaut ist, weil sie nur eben
izt, da ich nach euch fragte, mir den Eingang versagten) zuruk
kehre, und ihrer kargen Hoflichkeit Gewalt anthue.
Lear.
Mein Kopf fangt an zu schwarmen--Komm mit, Junge. Was machst du,
Junge? frierst du? Ich friere selbst. Wo ist Stroh, guter
Freund? Die Kunst der Nothwendigkeit ist wunderbar, das sie die
schlechtesten Dinge kostbar machen kan. Kommt, in eure Hutte!--
Armer Tropf! Ich habe nur noch eine Faser von meinem Herzen ubrig,
und die ist izt fur dich bekummert.
Narr
(singt ein kahles Liedlein.)
Lear.
In der That, mein guter Junge; komm, fuhr uns in die Hutte--
(Geht mit Kent ab.)
Narr.
Das ist eine hubsche Nacht ein verliebtes Weibsbild abzukuhlen.
Ich will noch eine oder zwo Propheceyungen sagen, eh ich geh. (Die
folgende Stelle ist im Original in Reimen.) "Wenn Priester reicher
an Worten als Gedanken sind, und Brauer ihr Malz mit Wasser
verderben; wenn Edelleute die Lehrmeister ihrer Schneider sind, und
anstatt der Kezer nur Hurenjager verbrennt werden, dann kommt die
Zeit, wer sie erlebt, das der Gebrauch seyn wird mit den Fussen zu
gehen. Wenn ein jeder Rechtshandel gerecht seyn wird, kein
Edelmann voller Schulden, und kein Junker arm, wenn Verleumdungen
nicht in Zungen leben, und Beutelschneider sich in kein Gedrange
mischen, wenn Wucherer ihr Gold auf freyem Felde zahlen, und
Kupplerinnen und H**n Kirchen bauen: Dann wird das Reich von Albion
in grosse Verwirrung gerathen"--Diese Propheceyung soll Merlin
machen, denn ich lebe vor seiner Zeit.
(Geht ab.)
Vierter Auftritt.
(Ein Zimmer in Glosters Schlos.)
(Gloster und Edmund.)
Gloster.
Edmund, diese unnaturliche Begegnung gefallt mir gar nicht. Wie
ich sie um Erlaubnis bat, Mitleiden mit ihm zu haben, so nahmen sie
mir den Gebrauch meines eigenen Hauses, und verboten mir bey
Straffe einer ewigen Ungnade, weder mit ihm zu reden, noch fur ihn
zu bitten, noch ihn auf irgend eine Weise zu unterstuzen.
Edmund.
Das ist ja ganz barbarisch und unnaturlich.
Gloster.
Geht hinein, aber sagt nichts. Es ist Zwiespalt zwischen den
Herzogen, und noch etwas schlimmers als das; ich habe diese Nacht
einen Brief bekommen, es ist gefahrlich davon zu reden, (ich habe
den Brief in mein Cabinet verschlossen.) Diese Beleidigungen die
der Konig duldet, werden gerochen werden; es ist schon ein Theil
der Macht auf den Beinen; wir mussen uns zum Konige schlagen; ich
will zu ihm sehen, und ihm heimlich Beystand thun; geht ihr, und
unterhaltet ein Gesprach mit dem Herzog, damit er nicht merke was
ich fur den Konig thun werde; wenn er nach mir fragt, so bin ich
nicht wohl und zu Bette gegangen. Und wenn ich deshalb sterben
muste, (wie mir dann nicht weniger gedraut ist,) so mus der Konig,
mein alter Herr Hulfe haben. Es sind wunderliche Dinge auf dem
Tapet, Edmund, ich bitte euch, geht und seyd sorgfaltig.
(Geht ab.)
Edmund (allein.)
Diese Grosmuth soll mit deiner Erlaubnis der Herzog diesen
Augenblik erfahren, und den Brief dazu. Das hat das Ansehen eines
wichtigen Verdiensts, und mus mir geben was mein Vater verliehrt;
nicht weniger als Alles. Der Jungere steigt, wenn der Alte fallt.
(Geht ab.)
Funfter Auftritt.
(Die Scene verwandelt sich in einen Theil der Heyde mit einer
Hutte.)
(Lear, Kent und Narr.)
Kent.
Hier ist der Ort, Mylord; mein gutiger Lord, gehet hinein. Es ist
der Natur unmoglich, die Strenge dieser Nacht im freyen Feld
auszuhalten.
Lear.
Last mich allein.
Kent.
Mein gutiger Lord, gehet doch hinein.
Lear.
Wird es mein Herz brechen?
Kent.
Ich wollte lieber mein eignes brechen; ich bitte euch, Mylord,
kommet herein.
Lear.
Du denkst es sey zuviel, das dieser wuthende Sturm uns bis auf die
Haut anfallt; fur dich ist es so; aber wenn ein grosserer Schmerz
tobet, wird der geringere kaum gefuhlt. Du wurdest dich vor einem
Baren entsezen; wenn aber deine Flucht gegen das heulende Meer lage,
wurdest du dem Baren in den Rachen lauffen. Wenn das Gemuth frey
ist, so ist der Leib zartlich; der Sturm in meinem Gemuth nimmt
meinen Sinnen alles andre Gefuhl, als was hier schlagt.
(Er zeigt auf sein Herz.)
Kindliche Undankbarkeit! Ist es nicht als ob dieser Mund diese
Hand zerreissen wollte, weil sie ihm Speise gereicht habe?--Doch
ich will sie abstraffen; Nein, ich will nicht mehr weinen--In einer
solchen Nacht mich auszustossen--Schutte nur zu, ich will es leiden,
--In einer Nacht wie diese? O Regan, Gonerill, euern alten guten
Vater, dessen ehrliches Herz alles gab--O auf diesem Wege ligt
Wahnwiz; ich mus ihn ausweichen--Nichts mehr hievon--
Kent.
Mein gutiger Lord, gehet doch hinein.
Lear.
Ich bitte dich, geh du selbst hinein, sieh wie du dir helfen kanst,--
dieser Sturm will mir nicht erlauben an Dinge zu denken, die mich
noch starker angreiffen wurden.--Aber ich will hinein gehen--hinein,
Junge, geh zuerst. Ihr Durftigen, die ihr izt ohne Dach seyd--Nun,
geh doch hinein; ich will beten und dann will ich schlafen--Arme
nakende Unglukselige, wo ihr auch seyd, der Wuth dieses
unbarmherzigen Sturms ausgesezt! Wie sollen eure unbedekten
Haupter, und ausgehungerten Seiten, eure zerlumpte, durchlocherte
Blosse euch gegen ein Wetter wie dieses ist schuzen?--O! ich habe
zu wenig hieran gedacht!--Nimm Arzney ein, Pracht!--Seze dich in
die Umstande zu fuhlen was diese Elenden fuhlen, damit du ihnen
deinen Uberflus zuwerffest, und die Gerechtigkeit des Himmels
gerettet werde.
Edgar (in der Hutte.)
Einen Faden und einen halben! Einen Faden und einen halben! Armer
Tom!
Narr (indem er aus der Hutte herauslauft.)
Geh nicht hinein, Nonkel, es ist ein Geist drinn; Hulfe, Hulfe!
Kent.
Gieb mir deine Hand; was ists?
Narr.
Ein Geist, ein Geist! er sagt, er heisse der arme Tom.
Kent.
Wer bist du, der hier im Stroh winselt? Hervor!
Sechster Auftritt.
(Die vorigen, Edgar in einen tollen Menschen verkleidet.)
Edgar.
Aus dem Wege, der bose Feind folgt mir. Durch den scharfen Hagdorn
blast der kalte Wind. Hans, geh in dein Bett und warme dich.
Lear.
Gabst du deinen Tochtern Alles, das du in diesen Zustand gekommen
bist?
Edgar.
Wer giebt dem armen Tom etwas? den der bose Feind durch Feuer und
Flammen, durch Furthen und Strudel, durch Sumpf und Pfuhl gefuhrt
hat; der Messer unter sein Kussen und Strike unter seinen Siz
gelegt hat; der Mausgift in seine Suppe gethan, und ihn ubermuthig
gemacht hat, auf einem braunrothen Gaul zu trotten, uber vier
zollbreite Bruken seinem eignen Schatten als einem Verrather
nachzujagen--Gott behute deine funf Sinnen; Tom friert. O da, di,
da, di, da, di,--Gott behute dich vor Wirbel-Winden, bosen Sternen
und Gefangenschaft; gebt dem armen Tom etwas Almosen, den der bose
Feind plagt--Hier mocht ich ihn izt haben, und da, und wieder hier
und dort.
Lear.
Wie? Haben seine Tochter ihn dahin gebrach t? Konntest du nichts
davon bringen? gabst du ihnen Alles?
Narr.
Nein, er behielt sich eine Windel vor, sonst waren wir alle
beschamt worden.
Lear.
Nun, alle die rachenden Plagen, die in der schwebenden Luft uber
den menschlichen Ubelthaten hangen, blizen auf deine Tochter!
Kent.
Er hat keine Tochter, Mylord.
Lear.
Tod! Verrather, nichts konnte die Natur zu einer solchen
Erniedrigung heruntergebracht haben, als undankbare Tochter. Ist
es erhort, das ausgetriebene Vater so wenig Erbarmung gegen ihr
eigen Fleisch tragen sollten? Wohlausgesonnene Straffe! Dieses
Fleisch war es, das diese Pelican-Tochter zeugte.
Edgar.
Pillicok sas auf Pillicoks Stein; holla, holla, la, la!
Narr.
Diese kalte Nacht wird uns noch alle zu Narren und Wahnwizigen
machen.
Edgar.
Hute dich vor dem bosen Feind, gehorche deinen Eltern, halte dein
Versprechen, fluche nicht, halte nicht zu mit eines andern
geschwornen Weibe, seze dein Herz nicht auf Pracht und Uppigkeit.
Tom friert!
Lear.
Wer bist du gewesen?
Edgar.
Ein Sclave, stolz von Herz und Sinn, der sein Haar krauselte,
Handschuh auf dem Hut trug, der bosen Lust seiner Buhlschaft
frohnte, und das Werk der Finsternis mit ihr trieb; so viel Schwure
that, als Worte aussprach, und sie vor dem milden Antliz des
Himmels brach. Einer der in unzuchtigen Gedanken einschlief, und
erwachte um sie auszuuben; den Wein liebt' ich tief, die Karten
fruh, und bey den Weibern ubertraf ich den Turken. Falsch von
Herzen, leicht von Ohr, blutig von Hand, ein Schwein an
Unreinigkeit, ein Fuchs an Schelmerey, ein Wolf an Gefrassigkeit,
ein Hund an Tollheit, und ein Lowe an Rauberey. Las nicht das
Knarren der Schuhe, und das Rauschen der Seide dein armes Herz an
Weibsbilder verrathen. Halt deinen Fus zuruk von Hurenhausern,
deine Hand von Unterroken, deine Feder von den Zins-Buchern der
Wucherer, und troze dem bosen Feind. Immer blast durch den Hagdorn
der kalte Wind; sagt, Sum, Mun, Nonny, Delphin, mein Junge, Junge,
Sessey, las ihn antraben.
(Der Sturm daurt immer fort.)
Lear.
Besser du warst in deinem Grab, als deinen unbedekten Kopf diesem
Unwetter entgegen zu stellen.--Ist der Mensch nichts mehr als das?
Betracht ihn recht! Du bist dem Wurm keine Seide schuldig, den
wilden Thieren keinen Pelz, dem Schaafe keine Wolle, der Bisam-Kaze
keinen guten Geruch. Ha! hier sind drey von uns solche Sophisten;
du bist das Ding selbst. Der unaufgeschmukte Mensch ist nichts
mehr als ein solch armes, naktes, gabelformiges Thier wie du bist.
Weg, weg, du geborgter Plunder, kommt, knopft mich auf--
(Er reist seine Kleider auf.)
Narr.
Ich bitte dich, Nonkel, sey ruhig; es ist keine hubsche Nacht zum
Schwimmen. Ein kleines Feuer in einem Wald ware izt gerade wie
eines alten Hurenjagers Herz, ein Funkchen, und der ganze ubrige
Leib kalt; sieh, hier kommt ein feuriger Mann.
Edgar.
Es ist der bose Flibbertigibbet, er fangt an wenn die Nachtgloke
gelautet wird, und geht bis der Hahn kraht; er verursachet den
Staar, macht schielende Augen, und Hasen-Scharten, milthaut den
weissen Weizen, und stost die armen Geschopfe auf der Erde. Sanct
Withold u.s.w.*
{ed.-* Hier singt Edgar im Original etliche altenglische Reime,
davon ungefehr der Inhalt, das Sanct Withold indem er bey Nacht
herumgespaziert, die Nachtfrau (Night-Mare) angetroffen, und
genothiget habe, die Leute welche sie im Schlaf zu druken pflegt,
in Ruhe zu lassen. Diese Begebenheit ist aus der Legende dieses
Heiligen genommen, der deswegen als ein Schuzpatron wider den Alp
angeruffen zu werden verdiente, so wie diese Reime als eine Art
von Beschworung wider die vermeynte Nachtfrau von dem gemeinen
Volke gebraucht wurden.
Siebender Auftritt.
(Gloster kommt mit einer Fakel.)
Lear.
Wer ist der?
Kent.
Wer ist hier? was sucht ihr?
Gloster.
Wer seyd ihr selbst? wie heist ihr?
Edgar.
Der arme Tom, der den schwimmenden Frosch ist, die Krote, die Mauer-
Eidexe, und die Wasser-Eidexe, der in der Wuth seines Herzens, wenn
der bose Feind raset, Kuhfladen fur Salat ist, alte Razen und todte
Hunde verschlukt, und den grunen Mantel des stehenden Sumpfes
trinkt, der von Haus zu Haus gepeitscht, in den Stok gesezt und
eingesperrt wird; der drey Kleider fur seinen Ruken gehabt hat,
sechs Hemder fur seinen Leib, ein Pferd zum reiten, und einen Degen
zum tragen;
Aber Razen und Mause und solche Waar,
Sind nun Tom's Speise seit sieben Jahr.
Gloster.
Wie, hat Eure Hoheit keine bessere Gesellschaft?
Edgar.
Der Furst der Finsternis ist ein Edelmann; er heist Modo und Mahu.
Gloster.
Unser Fleisch und Blut, Mylord, ist so sehr verdorben, das es die
hasset, die es gezeugt haben.
Edgar.
Tom friert!
Gloster.
Kommet mit mir, Mylord; meine Treue kan mir nicht zulassen, eurer
Tochter grausamen Befehlen in allem zu gehorchen. Ob sie mir
gleich eingescharft haben, meine Thuren zu verrigeln, und euch der
Willkuhr dieser tyrannischen Nacht zu uberlassen, so hab ich es
doch gewagt euch aufzusuchen, um euch an einen Ort zu bringen, wo
Feuer und etwas zu essen bereit ist.
Lear.
Zuerst last mich mit diesem Philosophen reden; was ist die Ursache
vom Donner?
Kent.
Mein gutiger Lord, nehmet sein Erbieten an, geht in das Haus.
Lear.
Ich will ein Wort mit diesem gelehrten Thebaner hier reden: Was ist
euer Studium?
Edgar.
Dem bosen Feind auszuweichen, und Ungeziefer zu todten.
Lear.
Last uns euch ein Wort in Geheim fragen.
Kent.
Sezt ihm starker zu mit euch zu gehen, Mylord; sein Verstand fangt
an in Unordnung zu kommen.
Gloster.
Kanst du ihn tadeln? Seine Tochter suchen seinen Tod.--Ach! der
gute Kent! Er sagte, so wurd' es gehen; der arme verbannte Mann!
Du sagst, der Konig wird wahnsinnig; ich kan dir sagen, Freund, ich
bin selbst wahnsinnig; ich hatte einen Sohn, (denn izt ist er aus
meinem Herzen verbannet) er stand mir nach dem Leben, erst kurzlich,
ganz neuerlich; ich liebte ihn, Freund, kein Vater hat jemals
seinen Sohn mehr geliebt; dir die Wahrheit zu sagen, der Schmerz
hat meinen Verstand angegriffen. Was fur eine Nacht ist dis!--
(zu Lear.)
Ich bitte eure Hoheit--
Lear.
O, ich bitte euch um Vergebung, Sir.
(zu Edgar)
Edler Philosoph, eure Gesellschaft.
Edgar.
Tom friert.
Gloster.
Hinein, Bursche, in die Hutte; warme dich.
Lear.
Kommt, wir wollen alle hinein.
Kent.
Diesen Weg, Mylord.
Lear.
Mit ihm; ich will immer bey meinem Philosophen bleiben.
Kent (zu Gloster.)
Mein gutiger Lord, seyd ihm zu Willen, last ihn den Burschen
mitnehmen.
Gloster.
Nehmt ihr ihn mit.
Kent.
Komm mit, Bursche, mit uns.
Lear.
Komm, du guter Athenienser.
Gloster.
Keine Worte, keine Worte, husch!
Edgar.
Kind Roland kam zum finstern Thurm etc.*
{ed.-* Der Name (Infant) wurde in den alten ritterlichen Zeiten denen
jungen Leuten von Stande gegeben, eh sie zu wurklichen Rittern
geschlagen wurden. Das was Edgar hier sagt, ist vermuthlich der
Anfang einer ins alte Englische ubersezten Romanze, wo der
Ubersezer das Wort (Infant) durch Kind gegeben.}
(Sie gehen ab.)
Achter Auftritt.
(Die Scene verwandelt sich in Glosters Schlos.)
(Cornwall. Edmund.)
Cornwall.
Ich will Rache haben, eh ich dieses Haus verlasse.
Edmund.
Ich darf kaum daran denken, Mylord, was man urtheilen wird, das ich
die Natur der Treue gegen euch Plaz machen heisse.
Cornwall.
Nun merke ich, das es nicht blos euers Bruders schlimme Gemuthsart
war, was ihn seinen Tod suchen machte.--Es war vielleicht ein zur
Rache gereiztes Verdienst, welches nicht ausstehen konnte, von
einem niedertrachtigen Vater vernachlassigst zu werden.
Edmund.
Wie ungluklich ist mein Stern, das ich bereuen mus gerecht zu seyn.
Hier ist der Brief, wovon er mir sagte; er entdekt ihn als einen
heimlichen Anhanger der Franzosischen Parthey. O Himmel! mochte
entweder diese Verratherey nicht seyn, oder ich nicht der Entdeker!
Cornwall.
Folget mir zu der Herzogin.
Edmund.
Wenn der Inhalt dieses Papiers wahr ist, so habt ihr sehr viel zu
thun.
Cornwall.
Er mag wahr oder falsch seyn, so hat er dich zum Grafen von Gloster
gemacht. Suche deinen Vater auf, damit seine Bestraffung vollzogen
werden konne.
Edmund (vor sich.)
Wenn ich finde das er dem Konig Vorschub thut, so wird der Verdacht
desto starker--
(laut.)
Ich will fortfahren euch die Treue zu beweisen, Mylord, die ich
meinem Oberherrn schuldig bin, so schmerzlich auch der Kampf
zwischen Schuldigkeit und Natur ist.
Cornwall.
Ich bin von deiner Treue uberzeugt, und du sollt in meiner Liebe
einen theurern Vater finden.
(Sie gehen ab.)
Neunter Auftritt.
(Eine Stube in einem Meyer-Hofe.)
(Kent und Gloster treten auf.)
Gloster.
Hier ist es besser als unter freyem Himmel, nehmt es mit Dank an;
ich will besorgt seyn euch so viel Vorschub zu thun, als ich kan--
ich werde bald wieder bey euch seyn.
(Geht ab.)
Kent.
Alle Krafte seines Verstandes haben seiner Ungeduld weichen mussen;
die Gotter belohnen euer mitleidiges Herz. (Lear, Edgar und Narr.)
Edgar.
Frateretto ruft mir und erzahlt mir, Nero sey ein Angel-Fischer im
Pfuhl der Finsternis. Betet in Unschuld und hutet euch vor dem
bosen Feind.
Narr.
Sey so gut, Nonkel, und sag mir, ist ein wahnwiziger Mann ein
Edelmann oder ein Bauer?
Lear.
Ein Konig, ein Konig.
Narr.
Nein, er ist ein Bauer, der einen Edelmann zum Sohn hat; denn das
ist ein wahnwiziger Bauer, der seinen Sohn fur einen Edelmann
ansieht.
Lear*.
{ed.-* Hier folgen in der ersten Ausgabe etliche Reden im
tollhausischen Geschmak, welche Shakespearevermuthlich selbst in
den folgenden weggelassen hat; und welche, wenn es auch moglich
ware sie zu ubersezen, den wenigsten Lesern dieser Muhe wurdig
scheinen wurden. Die lezte, welche Lear sagt, ist die einzige, in
der man den Shakespearewieder erkennt.}
--Last sie Regan anatomiren--Seht, was in ihrem Herzen ausgebrutet
wird--Ist irgend eine Ursache in der Natur, die solche harte Herzen
macht? Euch, Sir, unterhalt' ich fur einen von meinen Hundert; nur
steht mir der Schnitt euerer Kleider nicht an; man sollte denken,
sie waren persianisch; aber last sie andern. (Gloster kommt zuruk.)
Kent.
Nun, mein gutiger Lord, legt euch hier und ruhet eine Weile.
Lear.
Macht kein Getose, macht kein Getose, zieht die Vorhange. So, so,
wir wollen morgen fruh zum Nacht-Essen gehen.
Narr.
Und ich will des Mittags zu Bette gehen.
Gloster.
Kommt hieher, Freund; wo ist der Konig, mein Herr?
Kent.
Hier, Sir, aber beunruhigt ihn nicht; sein Verstand ist dahin.
Gloster.
Guter Freund, ich bitte dich, nimm ihn in deine Arme; (ich habe
etwas von einem Anschlag wider sein Leben gehort;) es ist eine
Sanfte bereit, trag ihn hinein, und eile nach Dover, Freund, wo du
beydes, Aufnahm und Schuz, finden wirst. Nimm deinen Herrn auf die
Schultern; wenn du nur eine halbe Stunde saumest, so ist sein Leben
und deines und eines jeden, der ihn vertheidigen wollte, unfehlbar
verlohren. Fort, mache fort, nimm ihn auf deine Schultern, und
folge mir; ich will dir einen Wegweiser mitgeben--
Kent.
Die unterdrukte Natur schlaft. Diese Ruhe mochte ein Balsam fur
deine verwundeten Sinnen gewesen seyn, die, wie ich besorge, ohne
eine gunstige Veranderung der Umstande, unheilbar sind. Komm,
(zum Narren)
hilf deinen Herrn hinweg tragen, du must nicht zuruk bleiben.
Gloster.
Kommt, kommt, hinweg.
(Sie tragen den Konig fort.)
Edgar (bleibt allein.)
Wenn wir Bessere als wir sind mit unsern Ubeln beladen sehen, so
vergessen wir beynahe unsers eignen Elends. Wer allein leidet,
leidet am meisten am Gemuth, indem er mit Menschen umgeben ist, die
von seinen Ubeln frey, durch den beleidigenden Anblik ihrer
Glukseligkeit seine Pein verdoppeln. Wie leicht, wie ertraglich
scheint mir mein Ungluk zu seyn, da der Konig von gleichem Ungemach
gedrukt wird! Er hat Kinder, wie ich einen Vater habe--Hinweg, Tom--
begegne diese Nacht was will, wenn nur der Konig unversehrt
entkommt--
(Edgar geht ab.)
Zehnter Auftritt.
(Cornwall, Regan, Gonerill, Edmund und Bediente.)
Cornwall.
Eilet unverzuglich zu euerm Gemahl und zeigt ihm diesen Brief; die
franzosische Armee ist angelandet; sucht den Verrather Gloster.
Regan.
Last ihn auf der Stelle aufhangen.
Gonerill.
Reist ihm die Augen aus.
Cornwall.
Uberlasset ihn nur meinem Unwillen. Edmund, leistet unsrer
Schwester Gesellschaft; die Rache die wir an euerm verrathrischen
Vater zu nehmen genothiget sind, leidet eure Gegenwart nicht.
Uberzeuget den Herzog zu dem ihr gehet, von der Nothwendigkeit
einer schleunigen Kriegs-Zurustung--wir haben die gleiche
Obliegenheit; unsre Couriers sollen ein ununterbrochnes Verstandnis
unter uns erhalten. Lebet wohl, liebe Schwester; lebet wohl,
Mylord von Gloster. (Der Haushofmeister kommt.) Wie gehts? wo ist
der Konig?
Hofmeister.
Mylord von Gloster hat ihn von hier hinweggebracht. Funf oder
sechs und dreissig von seinen Rittern, welche sehr hizig nach ihm
fragten, haben ihn vor der Pforte angetroffen, und sind nebst
einigen von des Lords Angehorigen mit ihm nach Dover abgegangen, wo
sie sich ruhmen, wohlbewaffnete Freunde zu haben.
Cornwall.
Hohlet Pferde fur eure Gebieterin.
Gonerill.
Lebet wohl, mein liebster Lord, und meine Schwester.
(Gonerill und Edmund gehen ab.)
Cornwall.
Edmund, lebe wohl--Geht, sucht den Verrather Gloster; bindet ihn
wie einen Dieb, und bringt ihn vor uns: Wir konnen ihm zwar ohne
die Formlichkeiten der Justiz das Leben nicht nehmen; aber dennoch
soll unsre Macht unserm Zorn eine Gefalligkeit erweisen, welche die
Leute tadeln mogen ohne sie verhindern zu konnen.
Eilfter Auftritt.
(Gloster wird von einigen Bedienten hereingebracht.)
Cornwall.
Wer ist hier? der Verrather?
Regan.
Der undankbare Fuchs! Er ists.
Cornwall.
Bindet ihm seine hagern Arme fest zusammen.
Gloster.
Was meynen Euer Gnaden damit? Meine guten Freunde, bedenket das
ihr meine Gaste seyd; spielet mir keinen schlimmen Streich, Freunde.
Cornwall.
Bindet ihn, sag ich.
(Sie binden ihn.)
Regan.
Fester, fester! du nichtswurdiger Verrather.
Gloster.
Unbarmherzige Lady, ich bin kein Verrather.
Cornwall.
An diesen Lehnstuhl bindet ihn. Nichtswurdiger, du sollt finden--
Gloster.
Bey den mitleidigen Gottern, das ist hochst unwurdig gehandelt, mir
so den Bart auszurauffen.
Regan.
So weis, und so ein Verrather!
Gloster.
Boshafte Lady, diese Haare, die du meinem Kinn raubest, werden
lebendig werden und dich anklagen; ich bin euer Wirth, ihr solltet
euch schamen, so mit rauberischen Handen mein gastfreundliches
Gesicht zu zerrauffen! Was wollt ihr aus mir machen?
Cornwall.
Saget, Sir, was fur Briefe hattet ihr lezthin aus Frankreich?
Regan.
Antwortet gerade zu, denn wir wissen die Wahrheit schon.
Cornwall.
Und was fur ein Bundnis hattet ihr mit den Verrathern, die erst
kurzlich in dem Konigreich angelandet sind?
Regan.
In wessen Hande schiktet ihr den mondsuchtigen Konig? Redet!
Gloster.
Ich habe einen Brief, worinn von blossen Muthmassungen die Rede ist,
und der von jemanden kam, der neutral, und nicht von einer
feindlichen Parthey ist.
Cornwall.
Ausfluchte--
Regan.
Und falsch.
Cornwall.
Wo hast du den Konig hingeschikt?
Gloster.
Nach Dover.
Regan.
Warum nach Dover? War dir nicht bey Gefahr deines Lebens verboten--
Cornwall.
Warum nach Dover? Last ihn zuerst auf das antworten.
Gloster.
Ich bin an den Pfahl gebunden, und mus nun den Anfall aushalten.
Regan.
Warum nach Dover?
Gloster.
Weil ich nicht sehen wollte, das deine grausamen Nagel seine alten
Augen auskrazten, noch das deine grimmige Schwester ihre Baren-
Klauen in sein gesalbtes Fleisch einhakte. Von einem solchen Sturm,
wie sein kahles Haupt in Holle-schwarzer Nacht aushalten muste,
hatte die kochende See bis an den Himmel aufbrausen, und die
gestirnten Feuer ausloschen mogen. Und doch, das arme alte Herz!
half er dem Himmel regnen. Hatten Wolfe in dieser entsezlichen
Nacht vor deinem Thor geheulet, du wurdest dem Pfortner befohlen
haben, sie zu offnen; die grausamsten Thiere wurden vor Schreken
mild--Aber ich werd es noch sehen, wie die geflugelte Rache solche
Kinder uberfallen wird.
Cornwall.
Sehen sollt du es niemals. Kerls, haltet den Stuhl; auf diese
deine Augen will ich meinen Fus sezen.
(Gloster wird auf den Boden gelegt, und Cornwall tritt ihm das eine
von seinen Augen aus.)
Gloster.
Wer so lange zu leben gedenkt bis er alt wird, gebe mir einige
Hulfe--O grausam! O! ihr Gotter!
Regan.
Eine Seite mocht' es der andern vorruken; das andere auch.
Cornwall.
Wenn ihr Rache sehet--
Ein Bedienter.
Haltet ein, Mylord, ich habe euch von meiner Kindheit an gedient,
aber keinen bessern Dienst hab ich euch nie gethan, als izt, da ich
euch bitte, einzuhalten.
Regan.
Was ist das, du Hund?
Bedienter.
Wenn ihr einen Bart an euerm Kinn truget, so wollt' ich es mit euch
aufnehmen--
(indem er sieht, das Cornwall den Degen gegen ihn zieht:)
Wie? was habt ihr im Sinn?
Cornwall.
Nichtswurdiger Bube--
Bedienter.
Nun so kommt dann, weil ihr mich so herausfodert--
(Sie fechten, Cornwall wird verwundet.)
Regan.
Gieb mir dein Schwerdt--ein Sclave soll sich so auflehnen?
(Sie ersticht ihn.)
Bedienter.
O! ich bin erschlagen--Mylord, ihr habt noch ein Auge ubrig, um
Ungluk uber ihm zu sehen--O! --
(Er stirbt.)
Cornwall.
Wir wollen ihm zuvorkommen; aus, nichtswurdige Sulz--
(Er tritt das andre Aug auch aus.)
Gloster.
Ganz finster und hulflos--Wo ist mein Sohn Edmund? Edmund, fache
alle Funken der Natur an, diese greuliche That zu rachen.
Regan.
Hinaus, verrathrischer Hund! du rufst einem, der dich verabscheuet;
Edmund war's, der uns deine Verrathereyen entdekte; er ist zu gut,
Mitleiden mit dir zu haben.
Gloster.
O meine Thorheiten!--So wurde Edgar falschlich angeklagt! Ihr
mitleidigen Gotter, vergebet mir das, und segnet ihn!
Regan.
Geht, fuhrt ihn vor das Thor hinaus, und last ihn seinen Weg nach
Dover durch den Geruch finden.
(Gloster wird weggefuhrt.)
Wie stehts, Mylord, wie seht ihr so ubel aus?
Cornwall.
Ich habe einen Stos bekommen; folget mir, Lady; Stosset diesen
auglosen Buben hinaus--werft diesen Sclaven auf den Mist--Regan,
ich verblute; dieser Stos kommt sehr zur Unzeit--
Regan.
Gebt mir euern Arm--
(Sie gehen ab.)
1. Bedienter.
Wenn es diesem Mann wohl geht, so will ich mir um keines Bubenstuks
willen bange seyn lassen.
2. Bedienter.
Wenn Sie lange lebt, und am Ende so stirbt wie andre Leute, so
werden alle Weiber zu Ungeheuern werden.
1. Bedienter.
Wir wollen dem alten Grafen nachlaufen, und irgend einen Bettler
suchen, der ihn fuhre--
2. Bedienter.
Geh du, ich will etwas Flachs und Eyer-Weis hohlen, es auf seine
blutenden Augen zu legen. Nun, der Himmel helf ihm!
(Gehen ab.)
Vierter Aufzug.
Erster Auftritt.
(Ein freyes Feld.)
Edgar (tritt auf)
Immer besser so, und wissen das man verachtet wird, als immer
verachtet und geschmeichelt werden. Das armste, niedrigste,
verworrenste Geschopf lebt immer in Hoffnung, und hat nichts zu
befurchten. Klagliche Veranderungen treffen nur die Gluklichsten.
Wer nichts verliehren kan, kan immer lachen. Willkommen dann, du
unkorperliche Luft, der Unglukliche, den du unter den Elendesten
hinunter geweht hast, ist deinen Sturmen nichts mehr schuldig.
(Gloster tritt auf, von einem alten Manne gefuhrt.) Aber wer kommt
hier? Mein Vater, von einem fremden Manne gefuhrt?--Welt, Welt, o
Welt!--Und doch, wenn deine seltsamen Abwechslungen dich nicht
verhast machten, wo ist der Greis welcher sterben wollte?
Der alte Mann.
O mein guter Lord, ich bin euer Pachter und euers Vaters Pachter
gewesen, diese achzig Jahre.
Gloster.
Gehe, gehe deinen Weg, guter Freund, geh, dein Beystand kan mir
nichts nuzen, und dir konnt' er schadlich seyn.
Der Alte.
Ihr konnt ja euern Weg nicht sehen.
Gloster.
Ich habe keinen Weg, und bedarf also keiner Augen; ich strauchelte,
da ich noch sah. Wie wahr ist es, was uns die Erfahrung so oft
lehrt, unsre Mittelmassigkeit ist unsre Sicherheit, und selbst was
wir entbehren, beweist, das wir es nicht nothig haben--O theurer
Sohn Edgar, ungluklicher Gegenstand des Zorns deines betrogenen
Vaters, mocht ich nur leben dich in meinen Armen zu fuhlen, dann
wollt' ich sagen, ich habe wieder Augen.
Der Alte.
Wie? wer ist der?
Edgar.
Ihr Gotter, wer kan sagen, ich bin der Elendeste? Ich bin elender
als ich jemals war.
Der Alte.
Es ist der arme tolle Tom.
Edgar.
Und doch kan ich noch elender werden; das Argste ist noch nicht,
so lang man noch sagen kan, das ist das Argste.
Der Alte.
Guter Freund, wo gehst du hin?
Gloster.
Ist es ein Bettelmann?
Der Alte.
Ein Thor und ein Bettler zugleich.
Gloster.
Er hat noch einige Vernunft, sonst konnt' er nicht betteln. In dem
Sturm der lezten Nacht sah ich einen solchen Burschen, der mich
denken machte, der Mensch sey ein Wurm. Mein Sohn kam mir dabey in
den Sinn; und doch war er damals fern von meinem Herzen. Seitdem
hab ich mehr gehort. Was Fliegen fur muthwillige Knaben sind, sind
wir den Gottern; sie todten uns zu ihrem Zeitvertreib.
Edgar.
Gott helf dir, Meister.
Gloster.
Ist das der nakende Bursche?
Der Alte.
Ja, Mylord.
Gloster.
Geh doch, oder wenn du mir zu lieb eine Meile oder zwoo uns nach
Dover zuvorlauffen willt, so thu es um der alten Liebe willen, und
bring etwas Kleidung fur diese nakte Seele, die ich bitten will,
mich zu fuhren.
Der Alte.
Ach, Mylord, es ist wahnwizig.
Gloster.
Das ist eine bose Zeit, wenn Wahnwizige die Blinden fuhren; thu was
ich dir gesagt habe, oder vielmehr thu was du willst; alles
uberlegt, geh deinen Weg.
Der Alte.
Ich will ihm den besten Anzug bringen, den ich habe; werde daraus
was will.
(Geht ab.)
Gloster.
Hieher, nakter Bursche.
Edgar.
Der arme Tom friert, ich kan es nicht langer verheelen.
Gloster.
Komm hieher, Bursche.
Edgar.
Und doch mus ich; Gott behute deine lieben Augen, sie bluten.
Gloster.
Kennst du den Weg nach Dover?
Edgar.
Gatter und Zaune, Postweg und Fussteg: Der arme Tom ist um seine
guten Sinnen gekommen. Gott behute dich vor dem bosen Feind, alter
Mann. Funf Feinde sind auf einmal in dem armen Tom gewesen;
Obidicut, der Hureteufel, Hobbididen, der Furst der Taubheit; Mahu,
des Stehlens, Mohu, des Mordens, und Flibbertigibbet, der Grimassen-
Teufel, der seither die Kammer-Jungfern und Stuben-Madchen besizt.*
{ed.-* Shakespeare last den Edgar in seinen phantastischen Reden
ofters auf eine niedertrachtige Betrugerey etlicher Englischen
Jesuiten zielen, die um selbige Zeit in Gesellschaften Stoff zur
Unterredung gab, weil eben damals eine von dem nachmaligen
Erzbischof von York Dr. Harsenet mit grosser Kunst und Starke
geschriebene Geschichte derselben zum Vorschein kam, unter dem
Titel: Entdekung merkwurdiger Papistischer Betrugereyen, um Ihrer
Majestat Unterthanen von ihrer Pflicht abzuziehen u.s.w. unter
dem Vorwand Teufel auszutreiben, gespielt von Edmunds sonst
Weston genannt, einem Jesuiten, und verschiedenen Romischen
Priestern, seinen boshaften Gesellen. 1603. Diese Jesuitische
Comodie wurde zur Zeit der beruhmten Spanischen Armada gegen
England gespielt, und hatte zur Absicht, zu Beforderung des
Spanischen Vorhabens, Proselyten unter dem Pobel zu machen.
Die vornehmste Scene war in der Familie eines Hrn. Edmund Pekham,
eines Catholiken, wo Marwood, ein Bedienter von Hrn. Anton
Babington, Trayford, ein Bedienter des Hrn. Pekham und drey
Kammer-Madchen in diesem Hause fur besessen ausgegeben, und von
gedachten Priestern in die Cur genommen wurden. Die funf
barbarischen Teufel, von denen Edgar spricht, sind eben die, von
denen ermeldte funf dienstbare Personen besessen seyn sollten.
Auszug aus Warburt. Anmerk.}
Gloster.
Hier, nimm diesen Beutel, du den des Himmels Plagen allen Streichen
des Ungluks ausgesezt haben. Das ich elend bin, macht dich
gluklicher. Theilet immer so, ihr Gotter; Last den reichen, von
Uberflus und Wollust berauschten Mann, der euern Schiksalen Troz
bietet, und das Elend seiner Nebengeschopfe nicht sehen kan, weil
er's nicht fuhlt, last ihn schleunig eure Allmacht fuhlen; so wird
Freygebigkeit den unmassigen Uberflus dampfen, und ein jeder
Mensch genug haben. Kennst du Dover?
Edgar.
Ja, Herr.
Gloster.
Es ist ein Hugel dort, dessen hoher und uberhangender Gipfel
furchterlich uber die angrenzende Tieffe herabsieht. Bring mich
auf die ausserste Spize desselben, und ich will dir etwas geben,
das deinem armseligen Zustand ein Ende machen wird; von dort aus
werd' ich keinen Fuhrer mehr nothig haben.
Edgar.
Gieb mir deinen Arm, der arme Tom soll dich fuhren.
Zweyter Auftritt.
(Des Herzogs von Albanien Palast.)
(Gonerill und Edmund.)
Gonerill.
Seyd willkommen, Mylord; mich wundert, das mein sanftmuthiger Mann
uns nicht entgegen gegangen ist. (Der Hofmeister kommt.) Nun, wo
ist euer Herr?
Hofmeister.
Gnadige Frau, er ist drinnen; aber so verandert, das es kaum
glaublich ist; ich sagte ihm, die Feinde seyen angelandet; er
lachelte dazu. Ich sagte ihm, Euer Gnaden kommen wieder an; desto
schlimmer, war seine Antwort. Als ich ihm von Glosters Verratherey
und von der Treue seines Sohns Nachricht gab, nannte er mich einen
Dummkopf, und sagte mir, ich hatte die schlimme Seite herausgekehrt.
Was ihm am unangenehmsten seyn sollte, scheint ihm zu gefallen;
und was ihm gefallen sollte, beleidigt ihn.
Gonerill (zu Edmund.)
So sollt ihr nicht weiter gehen. Es ist nichts, als die feige
Zaghaftigkeit seines Geistes, welcher nicht Muth genug hat etwas zu
unternehmen: Er wird keine Beleidigung fuhlen, die ihn zu einer
Antwort nothigte. Auf diese Art konnen unsre Wunsche zur Erfullung
kommen. Zuruk, Edmund, zu meinem Bruder; beschleunige dich, mustre
seine Volker und fuhre sie an. Hier zu Hause mus ich die Waffen
wechseln, und meinem Manne die Spindel in die Hand geben. Dieser
getreue Diener soll unser Verstandnis unterhalten; ihr sollt in
kurzem von mir horen, wenn ihr Herz genug habt zu euerm eignen
Vortheil, den Befehl einer Geliebten zu wagen. Traget dis
(sie giebt ihm ich weis nicht was,)
sparet die Worte,
(leise)
drehet den Kopf ein wenig--Dieser Kus, wenn er reden durfte, wurde
deine Lebensgeister in die Hohe treiben--Verstehe mich und lebe
wohl.
Edmund.
Der Eurige bis in den Tod.
Gonerill.
Mein allerliebstes Gloster.
(Edmund geht ab.)
Was fur ein Unterscheid ist zwischen Mann und Mann! Du verdienst
die Gunstbezeugungen einer Dame; mein Thor usurpiert meine Person.
Hofmeister.
Gnadige Frau, hier kommt Mylord. (Der Herzog von Albanien kommt.)
Gonerill.
Bin ich nicht mehr werth gewesen, als meinem Bedienten zu pfeiffen,
wie ich ankam?
Albanien.
O, Gonerill, ihr seyd den Staub nicht werth, den euch der Wind ins
Gesicht blast. Ich furchte die Folgen eurer Gemuthsart; ein
Geschopf das seinen Ursprung verachtet, kan sich nicht in seiner
eignen Natur erhalten; der Zweig, der sich selbst von seinem
vaterlichen Stamm abreist, mus verdorren, und zu einem todtlichen
Gebrauch kommen.*
{ed.-* Eine Anspielung auf den Gebrauch, welchen, der Sage nach, die
Hexen und Zauberer von verdorreten Zweigen zu ihren Bezauberungen
machen sollen. Warburton.}
Gonerill.
Nichts mehr, welch ein narrisches Gewasche!
Albanien.
Weisheit und Gute scheinen dem Nichtswurdigen verachtlich;
Tygerthiere, nicht Tochter, was habt ihr gethan? Einen Vater,
einen hochstgutigen alten Mann habt ihr, auf eine hochst
barbarische, hochst unnaturliche Weise, zum Wahnwiz getrieben.
Konnte mein Bruder zulassen, das ihr es thatet, ein Mann, ein Furst,
der ihm soviel zu danken hatte? Wahrlich, wenn die Himmel nicht
ungesaumt ihre sichtbar werdenden Geister herabsenden, so
schandliche Ubelthaten zu straffen, so mus die Menschheit
nothwendig, gleich den Meer-Ungeheuern, sich selbst aufzehren.
Gonerill.
Du Milchleberichter Mann! der eine Wange fur Maulschellen und
einen Kopf fur Beleidigungen tragt; der kein Auge hat, den
Unterschied zwischen deiner Ehre und deiner Beschimpfung zu sehen;
der nicht weis, das nur Thoren mit Bosewichtern Mitleiden haben,
wenn sie gestraft werden, eh sie ihre Ubelthaten ausuben konnten.
Wo ist deine Trummel? Frankreich spreitet seine Fahnen in unserm
ruhigen Land aus; in befiederten Helmen beginnst dein kunftiger
Morder seine Drohungen, wahrend das du, ein moralischer Narr, still
sizest und rufst: Ach! warum thut er denn das? --
Albanien.
Sieh dich selbst, Teufel! Seine ihm naturliche Haslichkeit scheint
in einem Teufel nicht so abscheulich, als in einem Weibe.
Gonerill.
O eitler Thor!
Albanien.
Du verwandeltes, ausgeartetes Ding! Schame dich wenigstens, deine
Bildung mit so ungeheuern Gesinnungen zu schanden! Wenn es sich
fur mich schikte, diese Hande dem Trieb meines kochenden Blutes zu
uberlassen, sie wurden fertig genug seyn dein Fleisch von deinen
Knochen abzureissen--Ob du gleich ein Teufel bist, so schuzt dich
doch die Gestalt eines Weibes--
Gonerill.
Wahrhaftig, eine wolangebrachte Mannheit! (Ein Bote kommt.)
Bote.
O mein gnadigster Lord, der Herzog von Cornwall ist todt, von
seinem Bedienten erschlagen, da er im Begriff war, Glosters zweytes
Auge auszutreten.
Albanien.
Glosters Augen?
Bote.
Ein in seinem Haus erzogner Bedienter, von Reue durchbohrt,
widersezte sich der That, und zog sein Schwerdt gegen seinen Herrn,
welcher voll Wuth uber eine solche Kuhnheit, ihn auf der Stelle
todtete, vorher aber eine Wunde bekam, die ihn nun das Leben
gekostet hat.
Albanien.
Dis zeigt, das ihr dort oben nicht saumet, ihr himmlischen Richter,
diese unsre unter euern Augen begangne Verbrechen zu rachen. Aber,
O! der arme Gloster! Verlohr er das andre Aug auch?
Bote.
Beyde, beyde, Mylord. Dieses Schreiben, Gnadigste Frau, fodert
eine schleunige Antwort; es ist von eurer Schwester.
Gonerill (vor sich.)
Von einer Seite gefallt mir dis ganz wol. Und doch da sie izt
Wittwe, und mein Gloster bey ihr ist, so konnte leicht das ganze
Gebaude in meiner Phantasie uber mein verhastes Leben einsturzen--
Auf einer andern Seite ist diese Neuigkeit nicht so reizend--Ich
will lesen und antworten.
(Geht ab.)
Albanien.
Wo war sein Sohn, als sie ihn seiner Augen beraubten?
Bote.
Er begleitete die Herzogin hieher.
Albanien.
Er ist nicht hier.
Bote.
Nein, Mylord, ich traf ihn unterwegs auf der Rukreise an.
Albanien.
Weis er die schandliche That?
Bote.
Ja, Gnadigster Herr, er war es selbst der seinen Vater anklagte,
und er verlies das Haus, nur damit ihre Rache freyern Lauf hatte.
Albanien.
Gloster, ich lebe, dir fur deine Liebe zu dem Konig zu danken, und
deine Augen zu rachen. Komm mit mir, Freund, und sage mir was du
noch mehr weissest.
(Gehen ab.)
Dritter Auftritt.
(Dover.)
(Kent und ein Edelmann treten auf.)
Kent.
Der Konig von Frankreich so plozlich wieder umgekehrt! Wist ihr
die Ursache?
Edelmann.
Umstande, welche seine Abwesenheit in seinem Konigreiche dem Staat
gefahrlich machen, haben seine schleunige Rukreise nothig gemacht.
Kent.
Wen hat er zum Feldherrn zurukgelassen?
Edelmann.
Den Marschall von Frankreich, Monsieur le Far.
Kent.
Brachten eure Briefe die Konigin zu einiger Ausserung von
Bekummernis?
Edelmann.
Ja, Sir, sie nahm sie und las sie in meiner Gegenwart, und zu
verschiednen malen rollte eine grosse Thrane uber ihre sanften
Wangen; es schien, sie sey Konigin uber ihren Affect, der auf eine
ganz rebellische Weise Konig uber sie zu seyn suchte.
Kent.
So ruhrte es sie also?
Edelmann.
Aber nicht zum Zorn. Geduld und Schmerz stritten mit einander,
welches von beyden ihrem Gesicht den schonsten Ausdruk geben konnte;
ihr habt Sonnenschein und Regen zugleich gesehen--ihr Lacheln, und
ihre Thranen schienen wie ein nasser May. Dieses anmuthsvolleste
Lacheln das um ihre reiffen Lippen spielt, schien nicht zu wissen,
was fur Gaste in ihren Augen waren, die aus denselben wie Perlen
von Diamanten, herunter tropfelten--Kurz, der Schmerz wurde die
liebenswurdigste Sache von der Welt werden, wenn er allen so
anstunde wie ihr.
Kent.
Aber gab sie ihn nicht in Worten zu erkennen?
Edelmann.
Ein oder zweymal seufzte sie aus beklemmten, langsam emporathmender
Brust den Namen Vater hervor, rief zu verschiednen Malen--
Schwestern! Schwestern!--Schandfleke euers Geschlechts!
Schwestern! Kent! Vater! Schwestern! wie? Im Sturm? in einer
solchen Nacht? Last die Menschlichkeit es niemals glauben!--Hier
schuttelte sie das heilige Wasser aus ihren himmlischen Augen; und
in einer Bewegung, als ob es ihr unmoglich sey, den lautesten
Ausbruch des Schmerzens zuruk zu halten, fuhr sie auf und eilte in
ihr Cabinet, ihrer Empfindung freyen Lauf zu lassen.
Kent.
Die Sterne sind's, die Sterne uber uns, die unsre Zufalle bestimmen,
sonst konnte unmoglich eben dasselbige Paar so ungleiche Kinder
zeugen. Sprach sie mit euch seit diesem?
Edelmann.
Nein.
Kent.
Geschah dis noch vor der Rukreise des Konigs?
Edelmann.
Nein, erst hernach.
Kent.
Gut, Sir, der arme unglukliche Lear ist in der Stadt; in seinen
bessern Augenbliken erinnert er sich, warum wir hieher gekommen
sind, und dann will er sich schlechterdings nicht bereden lassen,
seine Tochter zu sehen.
Edelmann.
Warum, guter Sir?
Kent.
Eine demuthigende Schaam uberwaltigt ihn so; die Harte, mit der er
sie seines Segens beraubte, sie der Willkuhr fremder Zufalle
uberlies, und ihre theuresten Rechte ihren hundischen Schwestern
zuwarf: Diese Dinge verwunden ihn mit so giftigen Stichen, das
brennende Schaam ihn von seiner Cordelia zuruk halt.
Edelmann.
Der arme alte Herr!
Kent.
Hortet ihr nichts von Albaniens und Cornwalls Kriegs-Macht?
Edelmann.
Man sagt, sie sey auf den Beinen.
Kent.
Gut, Sir, ich will euch zu unserm Herrn fuhren, und ihn eurer
Sorgfalt uberlassen. Irgend eine wichtige Ursache wird mich eine
Weile verborgen halten. Wenn ich euch recht bekannt seyn werde, so
wird es euch nicht gereuen, so genau mit mir bekannt worden zu seyn.
Ich bitte, kommt mit mir.
(Gehen ab.)
Vierter Auftritt.
(Ein Lager.)
(Cordelia, ein Medicus und Soldaten.)
Cordelia.
Ach! es ist er selbst; man fand ihn eben izt so rasend als die von
Sturmen gepeitschte See; uberlaut singend, mit rankichtem
Daubenkropf, mit Schierling, Nesseln, Kukuk-Blumen, Lulch und allem
dem Unkraut bekranzt, das in unsern Kornfeldern wachst. Schiket
eine Anzahl Leute aus, durchsuchet das ganze Feld, und bringt ihn
vor unsre Augen. Was vermag die menschliche Weisheit seine
beraubten Sinnen wieder herzustellen? Der, der ihm hilft, nehme
alles davor, was ich im Vermogen habe.
Medicus.
Es sind Mittel dazu da, Madame; der beste Arzt der Natur ist Ruhe;
diese mangelt ihm; sie ihm zu verschaffen, sind die Krafte mancher
Simplicium geschikt, deren Macht das Auge des Kummers zuschliessen
wird.
Cordelia.
Mochten alle gesegneten noch unbekannten Heil-Krafte der Erde, von
meinen Thranen begossen, hervorsprossen!--Wendet alles an, die
Krankheit des guten alten Mannes zu heben.--Suchet, suchet ihn auf,
eh seine unbezahmte Raserey aus Mangel an Mitteln sie zu dampfen,
den Rest seines Lebens aufloset. (Ein Bote kommt.)
Bote.
Neue Zeitungen, Madame, die Brittischen Volker sind im Anzug hieher.
Cordelia.
Das wusten wir schon vorher; unsre Zurustungen warten nur auf ihre
Ankunft. O theurer Vater, es ist deine Sache die mich hieher
gebracht hat; fur dich haben meine Klagen, meine heissen Thranen
den grossen Fursten von Frankreich erweicht; kein aufgeblahter
Stolz sezt uns in Waffen, sondern Liebe, kindliche Liebe, und
unsers alten Vaters Recht. O wie verlangt mich ihn zu horen und zu
sehen!
(Gehen ab.)
Funfter Auftritt.
(Regans Pallast.)
(Regan und der Hofmeister.)
Regan.
Sind meines Bruders Volker ausgerukt?
Hofmeister.
Ja, Gnadige Frau.
Regan.
Und er ist selbst in Person dabey?
Hofmeister.
Ja und noch jemand, der mehr zu bedeuten hat; eure Schwester ist
ein besrer Soldat als er.
Regan.
Lord Edmund sprach nicht mit eurer Lady, da sie zu Hause angekommen?
Hofmeister.
Nein, Madame.
Regan.
Was mag meiner Schwester Brief an ihn zu sagen haben?
Hofmeister.
Ich weis es nicht, Gnadige Frau.
Regan.
Er ist in wichtigen Geschaften von hier abgegangen. Es war ein
grosser Unverstand, dem Gloster nur die Augen, und nicht auch das
Leben zu nehmen; wohin er kommt, emport er alle Herzen wider uns.
Edmund, denke ich, ist gegangen, aus Mitleiden uber seinen elenden
Zustand, seinem nachtlichen Leben ein Ende zu machen; und zugleich
die Starke der Feinde zu erkundigen.
Hofmeister.
Ich mus ihn nothwendig aufsuchen, Gnadige Frau; um ihm meinen Brief
einzuhandigen.
Regan.
Unsere Truppen ruken morgen vor; bleibet bey uns; die Wege sind so
unsicher--
Hofmeister.
Ich darf nicht, Madame; Mylady gab mir dieses Geschafte auf meine
Pflicht.
Regan.
Was konnte sie dem Edmund zu schreiben haben? Konntet ihr ihr
Geschafte nicht etwann mundlich ausrichten?--Vielleicht, etwas--ich
weis nicht was--Du sollt alle meine Gunst haben--las mich den Brief
offnen.
Hofmeister.
Gnadige Frau, ich wollte lieber--
Regan.
Ich weis, eure Lady liebt ihren Gemahl nicht; und bey ihrem lezten
Hierseyn, warf sie zartliche Blike, sehr deutlich redende Blike auf
den edeln Edmund. Ich weis, ihr seyd ihr Vertrauter--
Hofmeister.
Ich, Gnadige Frau?
Regan.
Ich weis was ich sage--ihr seyd's--ich weis es; merkt euch also,
was ich euch izt sagen will. Mein Gemahl ist todt; Edmund und ich
haben uns miteinander besprochen; er schikt sich besser fur meine
Hand, als fur eure Lady. Das ubrige konnt ihr selbst schliessen.
Wenn ihr ihn findet, so gebt ihm dieses, ich ersuche euch; und wenn
ihr eurer Lady diese Nachrichten bringt, ich bitte, so rathet ihr,
ihre Weisheit zuruk zu ruffen. Hiemit lebet wohl. Wenn ihr etwann
von diesem blinden Verrather horen solltet, so wist, das der eine
reiche Belohnung zu erwarten hat, der ihm den Kopf abschneiden wird.
Hofmeister.
Ich wollte ich trafe ihn an, Madame, ich wollte bald zeigen, was
fur eine Parthey ich halte.
Regan.
Lebet wohl.
(Gehen ab.)
Sechster Auftritt.
(Die Gegend um Dover.)
(Gloster, und Edgar als ein Bauer.)
Gloster.
Wenn kommen wir dann zu dem Hugel, wovon ich sagte?
Edgar.
Eben izt steigen wir hinauf. Sehet, wie wir arbeiten.
Gloster.
Mich daucht, der Grund ist eben.
Edgar.
Entsezlich steil. Horcht, hort ihr das Meer?
Gloster.
Nein, wahrhaftig.
Edgar.
Wie denn, so greift die Verderbnis eurer Augen auch eure ubrigen
Sinnen an.
Gloster.
In der That es kan wol seyn. Mich daucht, deine Stimme ist
verandert, und du sprichst bessere Sachen, und in bessern Ausdruken
als zuvor.
Edgar.
Ihr irret euch sehr, ich bin in nichts verandert als in meinem
Anzug.
Gloster.
Ganz gewis, du sprichst besser.
Edgar.
Folget mir, das ist der Ort--Stehet still. Wie entsezlich und
schwindlicht ist es, die Augen in eine solche Tieffe herab zu
senken! Die Krahen und Wasser-Raben die in der mittlern Luft
fliegen, scheinen kaum so gros als die Schroter; an der Mitte des
Felsen hangt einer, der Meerfenchel sucht, ein furchterliches
Handwerk; mich dunkt, er ist nicht diker als sein Kopf. Die
Fischer die am Ufer herum gehen, kommen mir vor wie Mause, jene
lange vor Anker ligende Barke nicht grosser als ihr Hahn, und ihr
Hahn so klein, das ihn das Auge nicht mehr fassen kan. Die
murmelnde Welle, die um die unzahlbaren nakten Kieselsteine keift,
kan in dieser Hohe nicht mehr gehort werden. Ich will nicht mehr
hinab schauen, sonst mochte das schwindelnde Hirn und das
gebrechende Gesicht mich uberwalzend in die Tieffe hinab sturzen.
Gloster.
Stelle mich dahin, wo du stehest.
Edgar.
Gebt mir eure Hand; izt seyd ihr nur eines Fusses Breite von der
aussersten Spize entfernt; um alles was unter dem Mond ligt, wollte
ich hier keinen Sprung vorwarts thun.
Gloster.
Las meine Hand gehen; Hier, Freund, ist noch ein andrer Beutel, und
in demselben ein Juweel, das wol werth ist von einem armen Mann
angenommen zu werden. Gotter und Feen mogen es dir gedeyhen lassen.
Geh du izt weiter, sag mir Lebewohl, und las mich horen, das du
gehst.
Edgar (stellt sich als geh er fort.)
Nun, so lebet wohl, mein guter Sir.
Gloster.
Ich danke dir.
Edgar (vor sich.)
Warum treibe ich dieses Spiel mit seiner Verzweiflung? Meine
Absicht ist, sie zu heilen.
Gloster.
O! ihr machtigen Gotter, dieser Welt entsag' ich hiemit, und
schuttle vor euern Augen mein schweres Leiden geduldig ab. Konnte
ich es langer tragen, ohne uber euere grossen unwidersezlichen
Schlusse zu murren, so wollt' ich, bis der schwache Docht meines
grauenvollen Lebens sich vollends ausgebrannt hatte--Wenn Edgar
lebet, o so segnet ihn!--Nun, Camerade, lebe wohl!
(Er thut einen Sprung, und fallt der Lange nach vor sich hin.)
Edgar (in einiger Entfernung, und vor sich.)
Guter Alter, lebe wohl! Ware er da gewesen, wo er zu seyn gedachte,
so hatte er izt aufgehort zu denken.
(Er nahert sich dem Gloster, und verandert seine Stimme.)
Lebendig oder todt? He, hort ihr, guter Freund! Sir! Sir!
Redet!--So konnt' er sterben, in der That--Doch er lebt wieder auf.
Wer seyd ihr, Sir?
Gloster.
Hinweg, und las mich sterben.
Edgar.
Warst du gleich nichts anders gewesen als Spinneweben, Federn und
Luft, du wurdest durch einen Fall von so vielen Klaftern wie ein Ey
zersplittert seyn: Aber du athmest, bist noch ganz und blutest
nicht. Rede, bist du unverwundet? Zehen auf einandergesezte
Mastbaume machen die Hohe noch nicht aus, die du senkelrecht
herunter gefallen bist. Dein Leben ist ein Wunderwerk. Rede doch!
Gloster.
Bin ich gefallen oder nicht?
Edgar.
Von dem furchterlichen Gipfel dieses kreideweissen Felsens. Schau
in die Hohe, die hellgurgelnde Lerche kan aus dieser Hohe weder
gesehen noch gehort werden; sieh nur auf!
Gloster.
Ach, ich habe keine Augen--Ist das ausserste Elend so gar der
Wohlthat beraubt, sich durch den Tod zu enden? Es ware doch
einiger Trost gewesen, wenn mein Jammer die Wuth des Tyrannen
betrugen, und seinen trozigen Willen hatte vereiteln konnen.
Edgar.
Gebt mir euern Arm. Auf, so--wie ists? Fuhlt ihr eure Beine noch?
Ihr steht doch?
Gloster.
Nur allzuwohl, nur allzuwohl.
Edgar.
Dis ubertrift alles Wunderbare. Was fur ein Ding war das, das auf
der Spize des Felsen von euch weggieng?
Gloster.
Ein armer ungluklicher Bettler.
Edgar.
Wie ich hier unten stand, dauchte mich, seine Augen waren zween
Vollmonde, er hatte tausend Nasen, krumme Horner, und baumte sich
auf wie die aufschwellende See; Es war irgend ein boser Geist.
Zweifle also nicht, du gluklicher alter Vater, das die Gotter, die
sich aus dem was Menschen unmoglich ist, eine Ehre machen dich
sichtbarlich errettet haben.
Gloster.
Izt erinnere ich mich einiger Umstande. Kunftig will ich mein
Elend tragen, bis es sich zu tode schreyt, genug, genug, und stirbt.
Ich hielt das Ding wovon ihr redet, fur einen Menschen--ofters
rief es aus, der Feind, der bose Feind--Es fuhrte mich an diesen
Ort.
Edgar.
Unterhaltet euch mit geduldigen Gedanken--
Siebender Auftritt.
(Lear, auf eine phantastische Art mit Blumen geziert, tritt auf.)
Edgar.
Aber wer kommt hier? Ein nuchterner Verstand wird seinen Besizer
nimmermehr so ausstaffieren.
Lear.
Nein, sie konnen mir des Munzens wegen nichts thun, ich bin der
Konig selbst.
Edgar.
O herzdurchbohrender Anblik!
Lear.
In diesem Stuk ist die Natur uber die Kunst. Hier ist euer
Handgeld. Dieser Bursche tragt seinen Bogen, wie ein Krahen-Mann;
spannt mir einen Ellen-Stab--Schaut, schaut, eine Maus. Still,
still!--dieses Stukchen von gerostetem Kase wird es thun--Hier ist
mein eiserner Handschuh, ich will ihn gegen einen Riesen probieren.
Bringt die Pfeile her--O! wohl geflogen, Kiel! Im Schwarzen, im
Schwarzen!--Hey da; Gebt das Wortzeichen.
Edgar.
Der liebliche Majoran.
Lear.
Passiert.
Gloster.
Ich kenne diese Stimme.
Lear.
Ha! Gonerill! ha, Regan! Sie streichelten mich wie einen Hund,
und sagten mir, ich hatte weisse Haare in meinem Bart, eh noch die
schwarzen da waren.--Ja und Nein zu allem zu sagen, was ich sagte--
Ja und Nein, aber es war unachte Munze. Wie der Regen kam und mich
durch und durch nezte, wie der Wind mich schaudern machte, und der
Donner auf meinen Befehl nicht schweigen wollte; da fand ich sie,
da spurt' ich sie aus. Geht, geht, sie sind keine Leute die auf
ihr Wort halten; Sie sagten mir, ich sey alles; es ist eine Luge,
ich halte die Fieber-Probe nicht.
Gloster.
Ich erinnere mich des Tons dieser Stimme. Ist es nicht der Konig?
Lear.
Ja, jeden Zolls lang ein Konig. Wenn ich sauer sehe, seht wie
meine Unterthanen zittern. Ich schenke diesem Mann das Leben. Was
war seine Sache? Ehebruch? du sollt nicht sterben! wegen
Ehebruchs sterben? Nein, der Zaunschlupfer thut es, und die kleine
verguldete Fliege buhlet unter meinen Augen. Last das Vermehrungs-
Werk gehen wie es will; denn Glosters Bastard war zartlicher gegen
seinen Vater, als meine ehlichgezeugte Tochter. Nur zu, Uppigkeit,
alles durcheinander, ich brauche Soldaten. Sehet jene lachelnde
Matrone, deren Gesicht hinter ihren ausgebreiteten Fingern Schnee
weissagt, die so tugendhafte Grimassen macht, und vor dem blossen
Namen der Wollust den Kopf schuttelt. Die Meer-Kaze und die
brunstige Stutte bringt keinen so heishungrigen Appetit dazu; von
der Hufte herab sind sie Centauren, obgleich von obenher ganz
weiblich: Bis zum Gurtel wohnen lauter Gotter; weiter unten ist
alles mit Teufeln angefullt. Hier ist die Holle, hier ist
Finsternis, hier ist der brennende, siedende Schwefelpfuhl--pfuy,
pfuy! Gieb mir eine Unze Zibeth, guter Apotheker, meine
Imagination zu versussen; hier hast du Geld.
Gloster.
O! las mich diese Hande kussen.
Lear.
Ich will sie vorher abwischen, sie hat einen Todten-Geruch.
Gloster.
O! zertrummertes Meisterstuk der Natur! So wird einst diese
grosse Welt sich zu nichts abnuzen. Kennest du mich?
Lear.
Ich erinnere mich deiner Augen ganz wohl; schielst du nach mir?
Nein? du magst dein argstes thun, blinder Cupido, ich will nicht
lieben. Lies du diese Ausforderung, bemerke nur die Schrift davon.
Gloster.
Waren alle Buchstaben darinnen Sonnen, so konnte ich doch keinen
sehen.
Edgar.
Ich hab' es dem Bericht nicht glauben wollen, aber es ist, und mein
Herz bricht daruber in Stuke.
Lear.
Lies.
Gloster.
Wie, mit diesen Augen-Dekeln?
Lear.
O ho, steht es so mit euch? Keine Augen in euerm Kopf, und kein
Geld in euerm Beutel. Eure Augen sind in einem schweren Zustand,
und euer Beutel in einem leichten; aber ihr seht, wie diese Welt
geht.
Gloster.
Ich seh es fuhlend.
Lear.
Wie! bist du wahnwizig? Es kan jemand sehen wie diese Welt geht,
wenn er gleich keine Augen hat. Sieh mit deinen Ohren; sieh wie
jener Richter jenen einfaltigen Dieb ausschilt! Verandre den Ort,
und die Hand auf, die Hand zu, sag mir einmal, wer ist der Richter,
wer ist der Dieb? du hast gesehen, das ein Pachtershund einen
Bettler anbellte?
Gloster.
Ja, Sir.
Lear.
Und der arme Tropf lief vor dem Hund? Da hattest du das grosse
Sinnbild des Ansehens beobachten konnen; man gehorcht einem Hund,
wenn er sein Amt thut--Du ruchloser Buttel, halt deine Hand zuruk!
Warum peitschest du diese Hure? Streiche deinen eignen Ruken; du
keuchest vor viehischer Begierde sie eben dazu zu gebrauchen, wofur
du sie streichest. Der Wucherer hangt den Spizbuben. Durch
zerlumpte Kleider sieht man die kleinsten Laster; Magistrats-Mantel
und Pelz-Roke verbergen alles. Deke die Sunde mit Gold und die
starke Lanze der Gerechtigkeit wird brechen, ohne sie verwunden zu
konnen. Kleide sie in Lumpen, so ist eines Pygmaen Strohhalm
hinreichend sie zu durchbohren. Niemand sundiget, niemand, sag ich,
niemand, nimm das von mir, mein Freund, niemand sundiget, wer die
Macht hat seines Anklagers Lippen zu versiegeln. Kauf dir glaserne
Augen, und stelle dich, wie ein Stumper in der Politik, als ob du
Dinge sahest, die du nicht siehst. Nun, nun, nun, zieht meine
Stifel ab, starker, starker, so.
Edgar.
O welch eine Mischung von Vernunft und Unsinn!
Lear.
Wenn du mein Ungluk beweinen willst, so nimm meine Augen. Ich
kenne dich ganz wol, dein Name ist Gloster. Du weissest, in dem
ersten Augenblik da wir die Luft schmeken, winseln und weinen wir.
Ich will dir predigen, horch--
Gloster.
Ach, ach! der Tag!
Lear.
Wenn wir gebohren sind, so weinen wir, das wir auf diese grosse
Schaubuhne von Thoren gekommen sind--Es ist ein guter Kloz! Das
war' ein feines Stratagema, einen Trupp Pferde mit Filz zu
beschuhen; ich will die Probe davon machen, und wenn ich denn diese
Tochtermanner uberrascht haben werde, dann schlagt todt, schlagt
todt, schlagt todt, schlagt todt etc.
Achter Auftritt.
(Ein Edelmann, und sein Begleit.)
Edelmann.
O hier ist er, legt Hand an ihn. Mylord, eure theureste Tochter--
Lear.
Keinen Entsaz? wie, ein Gefangener? Ich bin recht dazu gebohren,
der Narr des Gluks zu seyn. Begegnet mir wohl, ihr sollt Losegeld
haben. Last mir Wundarzte kommen, ich bin bis ins Gehirn gehauen
worden.
Edelmann.
Ihr sollt alles haben--
Lear.
Keine Helfer? Bin ichs allein? Wie, das konnte aus einem Mann
einen Mann von Salz machen, der seine Augen fur Garten-Sprengkruge
brauchte, den Staub des Herbstes zu legen. Ich will wie ein
tapfrer Mann sterben, wie ein schmuker Brautigam. Was? Ich will
jovialisch seyn; Kommt, kommt, ich bin ein Konig. Meine Herren,
Wissen Sie das?
Edelmann.
Ihr seyd ein Konig, und wir gehorchen euch.
Lear.
So schenk ich euch das Leben. Kommt, wenn ihr es davon tragen
wollt, so must ihr lauffen. Sa, sa, sa, sa.
(Er geht ab.)
Edelmann.
Ein Anblik der an dem niedrigsten Menschen erbarmlich, aber an
einem Konig uber allen Ausdruk ist. Du hast eine Tochter, welche
die Natur von dem allgemeinen Fluch befreyt, den zwo uber sie
gebracht haben.
Edgar.
Heil euch, mein edler Herr.
Edelmann.
Sir, macht es kurz; was ist euer Begehren?
Edgar.
Hortet ihr etwas von einem bevorstehenden Treffen, Sir?
Edelmann.
Das ist etwas unfehlbares, und landkundiges; das hort jedermann,
der einen Ton horen kan.
Edgar.
Aber mit eurer Erlaubnis, wie nahert sich die feindliche Armee?
Edelmann.
Sehr eilfertig; der vollige Bericht wird jede Stunde erwartet.
Edgar.
Ich danke euch, Sir; das ist alles, was ich wollte.
Edelmann.
Ob die Konigin gleich einer besondern Ursache wegen hier, so ist
ihre Armee doch vorgerukt.
(Geht ab.)
Edgar.
Ich danke euch, Sir.
Gloster.
Ihr allgutigen Gotter, nehmt meinen Athem von mir; last meine bose
Seele mich nicht noch einmal versuchen, zu sterben eh es euch
gefallt.
Edgar.
Ihr betet recht, Vater.
Gloster.
Nun, guter Sir, wer seyd ihr?
Edgar.
Ein sehr armer Mann, zu den Streichen des Gluks zahm gemacht, den
die Kenntnis und das Gefuhl aller Arten von Elend gegen andre
mitleidig macht.
Gloster.
Herzlicher Dank! die Gute und der Segen des Himmels vergelt es dir
--
Neunter Auftritt.
(Der Haushofmeister mit einem Brief.)
Hofmeister (indem er den Gloster gewahr wird.)
Eine offentliche ausgeruffene Belohnung! Das ist hochstgluklich.
Dieses dein augenloses Haupt ist dazu ausersehen, mein Gluk zu
machen. Alter, unglukseliger Verrather, befiehl deine Seele dem
Himmel, das Schwerdt ist gezogen, das dich todten soll.
Gloster.
Las nur deine freundschaftliche Hand Starke genug dazu anwenden.
Hofmeister.
Woher, verwegner Bauer, darfst du dich unterstehen, einen
offentlichen Verrather zu unterstuzen? Hinweg, oder sein Schiksal
soll das deinige seyn. Las seinen Arm gehen.
Edgar.
Ick werd en nit gahn laaten, Herre, mit juhr Verlof.
Hofmeister.
Las ihn gehen, Sclave, oder du stirbst.
Edgar.
Myn leeve Heer, loopt mant uers Pades und latet arme Luite met
Freeden. Wann ma vo Grootspreken starve so wurd myn Leven um
viertein Tag nit so verjahet zyn als es is. Komt mant den verjahet
Mann nit tau nah, seeg ick: tauruck! ick will jau verwarnt hebben,
oder ich well proeven, ob jue Bratspiet oder myn Steecken mehre
duret, ick wells ganz kort metju maaken. Ick will euk jue Thane
wys maaken, komt Man, es brukt jue Finten kar nit.
(Er schlagt ihn zu Boden.)
Hofmeister.
Sclave, du hast mich erschlagen; Nimm meinen Beutel, und wenn du
willt, das es dir jemals wohl gehen soll, so begrabe meinen Leib,
und gieb die Briefe die du bey mir findst Edmunden, Grafen von
Gloster: such ihn bey der Englischen Partey auf--O! unzeitiger Tod!
(Er stirbt.)
Edgar.
Ich kenne dich wol, ein dienstfertiger Spizbube, so pflichtvoll
gegen die Laster deiner Gebieterin, als Bosheit es nur immer
wunschen kan.
Gloster.
Wie, ist er todt?
Edgar.
Sezt euch nieder, Vater; ruhet aus. Ich will sehen, was in seinen
Taschen ist; die Briefe von denen er spricht, mogen vielleicht
meine Freunde seyn: er ist todt; es verdriest mich nur, das er
keine Begleiter hat. Last sehen--Mit eurer Erlaubnis, mein schones
Sigel--die Hoflichkeit kan uns nicht tadeln. Wir reissen unsern
Feinden das Herz auf, um in ihr Herz zu sehen; ihre Briefe zu
erbrechen ist nicht so grausam.
(Er liest den Brief.)
"Erinnert euch unsrer gegenseitigem Gelubde. Ihr habt viele
Gelegenheiten, ihn aus dem Wege zu raumen; wenn es an euerm Willen
nicht fehlt, so werden sich Zeit und Ort von selbst anbieten.
Kommt er als Sieger zuruk--so ist nichts gethan; dann bin ich die
Gefangene und sein Bette ist mein Kerker; befreyet mich von
desselben ekelhafter Warme, und entsezet den Plaz zur Belohnung
eurer Muhe. Eure (Gemahlin wunschte ich zu sagen) geneigte Dienerin
Gonerill." Welch ein veranderliches Ding ist ein Weib! Ein
Anschlag wider ihres Mannes Leben, um meinen Bruder dafur
einzutauschen! Hier, in diesem Sand will ich dir ein Grab
aufscharren, zum Denkmal fur morderische Hurenjager, und, wenn es
Zeit seyn wird, dieses schnode Blat vor die Augen des zum Tode
bestimmten Herzogs legen; es ist sein Gluk, das ich ihm von deinem
Tod und von deiner Verrichtung Nachricht geben kan.
Gloster.
Der Konig ist wahnwizig. Verwunscht sey die Harte meiner Sinnen,
und eine Vernunft, die mich nur fur mein Elend fuhlend macht!
Besser ich ware verrukt, so wurden doch meine Gedanken von meinen
Leiden entwohnt, und Schmerzen durch seltsame Einbildungen die
Empfindung ihrer selbst verliehren.
Edgar.
Gebt mir eure Hand, mich dunkt ich hore von fern die Trummel ruhren.
Kommt Vater, ich will euch zu einem Freund fuhren.
(Gehen ab.)
Zehnter Auftritt.
(Cordelia, Kent, ein Arzt.)
Cordelia.
O du redlicher Kent! Wie kan ich lange genug leben, und bemuht
genug seyn, deine Gute zu erwiedern!
Kent.
Erkannt zu werden, Gnadigste Frau, ist uberflussig bezahlt; alles
was ich Ihnen berichtet habe, ist die bescheidne Wahrheit, weder
mehr noch weniger, sondern so.
Cordelia.
Kleidet euch besser an; dieser Habit erinnert uns an diese bosen
Stunden; ich bitte, leget ihn ab.
Kent.
Um Vergebung, Madame; Mein Vorhaben erlaubt mir noch nicht erkannt
zu werden. Ich bitte mirs zur Gnade aus, das Sie mich nicht kennen,
bis Zeit und ich es rathsam finden.
Cordelia.
So sey es dann also, Mylord--
(zum Arzt)
Was macht der Konig?
Arzt.
Madame, er schlaft noch.
Cordelia.
O! Ihr gutigen Gotter, heilet diesen grossen Bruch in seiner
zerrutteten Natur! O! windet auf die tonlosen verstimmten Sinne
dieses in ein Kind verwandelten Vaters!
Arzt.
Gefallt es Euer Majestat, das wir den Konig weken? Er hat lange
geschlafen.
Cordelia.
Folget hierinn der Vorschrift eurer Wissenschaft, und handelt nach
euerm eignen Gutdunken; ist er angezogen?
(Lear wird von einigen Bedienten in einem Lehnsessel schlaffend
hereingetragen.)
Arzt.
Ja, Madam; da er im tiefsten Schlaf lag, zogen wir ihm frische
Kleider an. Bleiben Sie, Gnadigste Frau, wenn wir ihn weken; ich
zweifle nicht an seiner Massigung.
Cordelia.
O! mein theurer Vater! Mochte die Gottin der Gesundheit deine
Arzney auf meine Lippen legen, und dieser Kus den sturmischen Gram
besanftigen, den meine zwo Schwestern deinem ehrwurdigen Alter
verursacht haben.
Kent.
Zartliche und theuerste Princessin!
Cordelia.
Waret ihr auch nicht ihr Vater gewesen, so hatten diese weissen
Loken Mitleiden von ihnen fodern sollen. War dis ein Gesicht, den
kampfenden Winden ausgesezt zu werden? Dem tiefbrullenden
furchtbaren Donner entgegenzustehen? Unter den entsezlichsten
Schlagen fliegender sich durchkreuzender Blize? Wie ein armer
Verlohrner in diesem dunnen Helm zu wachen? Meines argsten Feindes
Hund, wenn er mich gleich gebissen hatte, sollte in einer solchen
Nacht bey meinem Feuer Plaz bekommen haben; und du, armer Vater,
warst genothiget, in einer armseligen Hutte bey Schweinen und
verworfnen Elenden auf kurzem halbverfaultem Stroh zu ubernachten.
O Jammer! Jammer! Es ist ein Wunder, das dein Leben sich nicht
zugleich mit deiner Vernunft geendiget hat. Ach! er erwacht--
redet mit ihm--
Arzt.
Reden Sie selbst, Madame, izt ist es am gelegensten.
Cordelia.
Wie befindet sich mein Koniglicher Herr? wie steht es um Euer
Majestat?
Lear.
Ihr handelt nicht recht an mir, mich so aus meinem Grabe zu nehmen;
du bist ein seliger Geist, und ich bin an ein feuriges Rad gebunden,
welches meine eignen Thranen gleich zerschmolznem Bley erhizen.
Cordelia.
Mylord, kennet ihr mich?
Lear.
Du bist ein Geist, ich weis es; wenn starbest du?
Cordelia.
Immer, immer, noch weit--
Arzt.
Er ist noch nicht recht erwacht; lassen Sie ihn eine Weile allein.
Lear.
Wo bin ich gewesen? Wer bin ich? Schones Tageslicht! Ich bin
ubel zugerichtet--einen andern so zu sehen, konnte mich vor
Mitleiden sterben machen. Ich weis nicht was ich sagen soll; ich
wollte nicht schworen, das dieses meine Hande sind; last sehen, ich
fuhle diesen Nadelstich--Ich wollte, ich ware gewis was ich bin.
Cordelia.
O sehet mich an, Mylord, und streket eure Hand zum Segen uber mich
aus. Nein, Mylord, ihr must nicht knien.
Lear.
Ich bitte euch, spottet meiner nicht. Ich bin ein sehr thorichter
weichherziger alter Mann, achtzig und druber, und, aufrichtig zu
seyn, ich furchte, ich bin nicht bey meinem volligen Verstande.
Mich dunkt, ich sollte euch und diesen Mann kennen, und doch
zweifle ich; denn ich weis gar nicht was fur ein Ort dis ist, und
so sehr ich auch mich besinne, kenne ich diese Kleider nicht; nein,
ich weis nicht, wo ich in der lezten Nacht ubernachtete. Lacht
nicht uber mich, denn, so wahr ich ein Mann bin, ich denke diese
Dame ist mein Kind Cordelia.
Cordelia.
Und das bin ich, ich bins--
(weinend.)
Lear.
Sind eure Thranen nas? Ja, bey meiner Treue; ich bitte euch,
weinet nicht. Wenn ihr Gift fur mich habt, so will ichs trinken;
ich weis ihr liebet mich nicht; denn eure Schwestern haben, wie ich
mich erinnre, mir ubel begegnet; ihr habt einige Ursache, sie nicht.
Cordelia.
Keine Ursache, keine Ursache.
Lear.
Bin ich in Frankreich?
Cordelia.
In euerm eignen Konigreich, Mylord.
Lear.
Betruget mich nicht.
Arzt.
Beruhigen Sie sich, Madame; die groste Wuth hat, wie Sie sehen,
sich bey ihm gelegt. Und doch ware es gefahrlich ihn an Sachen zu
erinnern, die sich auf das Vergangne beziehen. Bitten Sie ihn,
hinein zu gehen. Beunruhigen Sie ihn nicht langer, bis er sich
besser erholt hat.
Cordelia.
Gefallt es Eurer Majestat nicht, sich eine Bewegung zu machen?
Lear.
Ihr must Geduld mit mir haben. Nun, ich bitte euch, vergest und
vergebt; ich bin alt und albern.
(Lear, Cordelia, Arzt und Bediente gehen ab.)
(Kent und der Edelmann bleiben.)
Edelmann.
Bestatiget es sich, das der Herzog von Cornwall so ermordet worden?
Kent.
Ja, Sir, es ist gewis.
Edelmann.
Wer ist der Anfuhrer dieses feindlichen Heers?
Kent.
Man sagt, der unehliche Sohn des Grafen von Gloster.
Edelmann.
Sein verbannter Sohn Edgar soll mit dem Grafen von Kent sich in
Deutschland befinden.
Kent.
Das Geruchte ist unbestandig; es ist Zeit uns umzusehen; die Macht
des Konigreichs rukt mit grossen Schritten uns entgegen.
Edelmann.
Dem Ansehen nach wird die Entscheidung blutig seyn--Lebet wohl, Sir.
(Geht ab.)
Kent.
Mein ganzer Entwurf wird heute zu Ende gebracht, wol oder ubel, je
nachdem die Sache ausfallen wird.
(ab.)
Funfter Aufzug.
Erster Auftritt.
(Ein Lager.)
(Edmund, Regan, ein Edelmann und Soldaten.)
Edmund (zum Edelmann.)
Erkundiget euch, ob der Herzog bey seinem lezten Entschlus
verharret, oder ob er indes sich durch irgend etwas bewegen lassen,
einen andern Weg einzuschlagen? Er ist sehr wankelmuthig und
misbilligt jeden Augenblik was er im vorigen beliebt hatte. Bringt
uns seinen standhaften Willen.
(Der Edelmann geht ab.)
Regan.
Unsrer Schwester Mann ist ganz gewis auf dem Wege, sich zu Grunde
zu richten.
Edmund.
Es ist moglich, Madame.
Regan.
Nun, mein angenehmster Lord; ihr kennet die Gewogenheit die ich fur
euch habe. Sagt mir aufrichtig, liebet ihr meine Schwester nicht?
Edmund.
Mit einer pflichtmassigen Liebe.
Regan.
Aber habt ihr niemals--*
{ed.-* Das Original ist hier kuhner als die Ubersetzung. Shakespeare
last Regan fragen: (have you never found my brothers way to the
fore-fended place?)}
Edmund.
Nein, bey meiner Ehre, Madame.
Regan.
Ich werde sie nimmermehr leiden konnen; mein liebster Lord,
enthaltet euch aller Vertraulichkeit mit ihr.
Edmund.
Furchten Sie nichts; sie und der Herzog, ihr Gemahl--
(Der Herzog von Albanien, Gonerill und Soldaten treten auf.)
Gonerill (fur sich.)
Lieber wollt' ich die Schlacht verliehren als zugeben, das diese
Schwester mich von ihm trenne.
Albanien.
Ich erfreue mich meine liebe Schwester, euch anzutreffen--Sir, der
Konig ist wie ich hore bey seiner Tochter angekommen, mit noch mehr
andern, welche die Strenge unsrer Maasregeln genothigt hat, eine
andre Partey zu nehmen. Wo ich kein ehrlicher Mann seyn kan, bin
ich niemals tapfer. Frankreich thut einen Einfall in unser Land,
in so ferne ist es billig ihn abzutreiben. Aber er fuhrt die Sache
des Konigs und andrer, die, wie ich besorge, durch gerechte und
hochstwichtige Ursachen wider uns aufgebracht worden--
Edmund.
Mylord, Sie sprechen sehr edel.
Regan.
Was fur eine Betrachtung ist das?
Gonerill.
Last uns gegen den Feind uns vereinigen; von diesen Familien- und
Privat-Handeln ist izt die Rede nicht.
Edmund.
Ich werde Eurer Gnaden sogleich in dero Zelt aufwarten.
Albanien.
Wir wollen uns daselbst mit unsern altesten Kriegsmannern berathen,
was zu thun sey.
Regan.
Schwester, ihr geht ja mit uns?
Gonerill.
Nein.
Regan.
Das wurde sich nicht wol schiken; ich bitte euch, geht mit uns.
Gonerill.
O ho, ich verstehe das Razel, ich will gehen.
Zweyter Auftritt.
(Indem sie hinausgehen, tritt Edgar verkleidet auf.)
Edgar (zu Albanien.)
Wenn Euer Gnaden jemals mit einem so armen Mann gesprochen haben,
so horen Sie mich nur ein Wort.
Albanien (zu den ubrigen.)
Ich werde euch wieder einholen--
(zu Edgar)
Rede!
(Edmund, Regan, Gonerill und Gefolge gehen ab.)
Edgar.
Ehe Sie das Treffen beginnen, eroffnen Sie diesen Brief. Wenn der
Sieg auf Ihre Seite fallt, so lassen Sie durch den Schall der
Trompeten denjenigen auffodern, der ihn gebracht hat. So armselig
ich scheine, so kan ich einen Ritter aufstellen, der beweisen soll,
was hier vorgegeben wird. Verliehren Sie, so hat Ihr Geschafte in
der Welt ohnehin ein Ende, und die Anschlage der Ubelgesinnten
sind zu nichte. Das Gluk stehe Ihnen bey!
Albanien.
Verweile nur, bis ich den Brief gelesen habe.
Edgar.
Es ist mir verboten worden. Wenn die Zeit es erfodert, so lassen
Sie nur den Herold rufen, und ich werde wieder sichtbar werden.
(Geht ab.)
Albanien.
So lebe wol; ich will das Papier ubersehen. (Edmund kommt zuruk.)
Edmund.
Der Feind last sich sehen; lassen Sie Ihre Volker ausruken, Mylord.
Seine eigentliche Starke ist, aller gebrauchten Sorgfalt
ungeachtet, schwer zu entdeken. Aber Ihre Gegenwart, Mylord, ist
izt das nothigste.
Albanien.
Wir wollen der Zeit entgegen gehen.
(Geht ab.)
Dritter Auftritt.
Edmund.
Beyden Schwestern habe ich meine Liebe zugeschworen, jede ist auf
die andre so eifersuchtig als die Gestochenen uber die Schlange.
Welche von beyden soll ich nehmen? Beyde? Eine? oder keine von
beyden? Keine kan genossen werden, wenn beyde beym Leben bleiben.
Nehme ich die Wittwe, so wird Gonerill bis zum Unsinn aufgebracht,
und so lange ihr Gemahl lebt, werd ich schwerlich meine Absicht
ausfuhren konnen. Wohlan dann, wir bedorfen seines Ansehens bey
dem Treffen; ist dieses geendiget, so mag diejenige, die seiner los
seyn mochte, zusehen wie sie ihm beykommen kan. Was die Gnade
betrift, die er gegen Lear und Cordelia im Sinn hat, wofern sie in
unsre Gewalt kommen, so sollen sie gewis nichts davon sehen; denn
mein Interesse ist auszuparieren, nicht anzugreiffen.
(Geht ab.)
Vierter Auftritt.
(Ein Getummel und Trompeten-Stos hinter der Schaubuhne.)
(Lear, Cordelia und Soldaten ziehen mit Trummeln und Fahnen uber
die Scene, und gehen wieder ab.)
(Edgar und Gloster treten auf.)
Edgar.
Hier, Vater, ruhet unter dieses Baumes wirthlichem Schatten aus,
und bittet fur den Fortgang der gerechten Sache. Ich komme gar
nicht wieder zuruk, oder ich bringe euch eine trostliche Zeitung
mit.
Gloster.
Gott steh euch bey, Sir.
(Edgar geht ab.)
(Trompeten-Schall, Gefecht und Flucht hinter der Buhne.)
Edgar tritt wieder auf.)
Edgar.
Las uns fliehen, alter Mann; gieb mir deine Hand, las uns fliehen.
Konig Lear hat verlohren, er und seine Tochter sind gefangen; Gieb
mir deine Hand, komm!
Gloster.
Nicht weiter, Sir; ich kan hier so gut verfaulen als an einem
andern Ort.
Edgar.
Wie? schon wieder in schwermuthigen Gedanken? Die Menschen mussen
bey ihrem Ausgang aus der Welt, wie bey ihrem Eintritt, die
naturliche Zeit erwarten; sie mussen zu beyden reif werden; kommet
mit.
Gloster.
Ihr habt wurklich recht.
(Sie gehen ab.)
Funfter Auftritt.
(Edmund zieht mit Lear, und Cordelia, als Gefangenen im Triumph
auf.)
Edmund.
Einige Officiers konnen sie hinweg fuhren. Bewachet sie genau, bis
uns der hohe Wille derjenigen, die uber sie zu entscheiden haben,
bekannt seyn wird.
Cordelia.
Wir sind nicht die ersten, die sich mit der besten Absicht das
schlimmste Gluk zugezogen haben. Nur um deinetwillen, unterdrukter
Konig, bin ich niedergeschlagen. Trafe unser Ungluk mich allein,
ich wurde ihm Troz bieten--Werden wir diese Tochter, und diese
Schwestern nicht zu sehen kriegen?
Lear.
Nein, nein, nein, nein! komm, las uns ins Gefangnis gehen; Wir
beyde allein wollen singen wie Vogel im Keficht: Wenn du mich um
meinen Segen bittest, will ich niederknien, und dich um deine
Verzeihung bitten. So wollen wir leben, und beten und singen, und
uns alte Mahrchen erzehlen, und uber verguldete Sommer-Fliegen
lachen, und armselige Schurken von Hofneuigkeiten reden horen, und
dann wollen wir mit ihnen schwazen, wer gewinnt, wer verliehrt, wer
drinnen ist, wer draussen, und so zuversichtlich von den geheimen
Angelegenheiten reden, als ob wir Gottes Kundschafter waren. Und
so wollen wir in einen Kerker eingemaurt, die Banden und Secten der
Grossen uberleben, die, gleich der Ebbe und Fluth, je nachdem das
Gluk wachst oder abnimmt, sich zusammendrangen oder zurukfliessen.
Edmund.
Fuhrt sie hinweg.
Lear.
Auf solche Opfer, meine Cordelia, mochten die Gotter selbst
Weyhrauch herabstreuen.
(Er umarmt sie.)
Hab ich dich in meinen Armen? Der uns trennen will, mus einen
Brand vom Himmel bringen, und uns wie Fuchse von einander feuern.
Wische deine Augen; ehe soll der Aussaz ihnen das Fleisch von den
Knochen nagen, eh sie uns weinen machen sollen. Wir wollen sie
eher verhungern sehen.
(Lear und Cordelia werden abgefuhrt.)
Edmund.
Tritt naher, Hauptmann, und hore. Nimm dieses Papier; geh, folge
ihnen ins Gefangnis. Ich habe dich erst um eine Stuffe befordert;
wenn du thust, was dich dieses anweist, so machst du deinen Weg zu
einem glanzenden Gluk. Wisse, das die Menschen sind wie die Zeit
ist; ein zartliches Herz schikt sich nicht zu einem Degen an der
Seite--der wichtige Auftrag der dir gemacht wird, leidet keine
Einwurfe; versprich entweder, das du es thun willt, oder suche dein
Gluk auf einem anderen Wege.
Hauptmann.
Ich will es thun, Mylord.
Edmund.
So beschleunige dich, und schreibe mir in dem Augenblik da du es
gethan hast. Merke das ich sage, im gleichen Augenblik, und fuhre
die Sache aus, wie ich's aufgesezt habe.
(Der Hauptmann geht ab.)
Sechster Auftritt.
(Trompeten--Der Herzog von Albanien.)
(Gonerill, Regan und Soldaten treten auf.)
Albanien.
Sir, ihr habt an diesem Tage eure angestammte Tapferkeit bewiesen,
und das Gluk hat euch wol gefuhrt. Ihr habt die Gefangenen, die in
dem Streit dieses Tages unsre Gegner waren; wir fodern sie von euch
zuruk, um so mit ihnen zu verfahren, wie beydes ihr Verdienst und
unsre Sicherheit von uns erheischen wird.
Edmund.
Sir, ich hielt es fur rathsam, den alten elenden Konig unter guter
Aufsicht, irgends in Verwahrung zu bringen, da sein hohes Alter,
und noch mehr sein Titel eine Zauberkraft in sich hat, die Herzen
des Volks auf seine Seiten zu ziehen, und unsre eingelegte Lanzen
in unsre eigne Augen zu stossen. Ich schikte die Konigin mit ihm;
meine Ursache ist eben dieselbe; sie sind aber bereit, morgen oder
zu einer andern Zeit, wenn ihr euer Gericht halten werdet, zu
erscheinen. Izo schwizen und bluten wir; der Freund hat seinen
Freund verlohren, und die besten Handel werden in der ersten Hize
von denen verflucht, die ihre Scharfe fuhlen. Das Verhor der
Cordelia und ihres Vaters erfordert bessere Gelegenheit.
Albanien.
Sir, mit eurer Erlaubnis, ich hielt euch in diesem Krieg nur fur
einen Unterthanen, nicht fur einen Bruder.
Regan.
Und das ist die Ehre die wir ihm zugedacht haben. Mich dunkt, ihr
hattet uns gar wol um unsre Gedanken fragen mogen, eh ihr euch so
weit herausgelassen hattet. Er fuhrte unsre Volker an, er war mit
dem Ansehen meines Plazes und meiner Person bekleidet, und diese
unmittelbare Vorstellung ist wol berechtiget aufzustehen und sich
euern Bruder zu nennen.
Gonerill.
Nicht so hizig; seine personlichen Verdienste erhohen ihn mehr als
eure Beforderung.
Regan.
In dem Recht womit ich ihn bekleidet, kan er die Besten seines
gleichen nennen.
Albanien.
Das ware nicht weniger, als wenn er euch heurathen wurde.
Regan.
Spotter werden oft Propheten.
Gonerill.
Holla, holla! Das Auge das euch so berichtete, schielte ein wenig.
Regan.
Lady, ich befinde mich nicht wohl, sonst wollte ich euch aus
uberfliessendem Herzen antworten. Feldherr, nimm du meine
Kriegsleute, meine Gefangene, mein Erbgut, und mich selbst; schalte
damit nach deinem belieben! Die ganze Welt sey Zeuge, das ich dich
hier zu meinem Herrn und Meister ernenne.
Gonerill.
Bildet ihr euch ein, das ihr ihn besizen werdet?
Albanien.
Die groste Hindernis ligt nicht in euerm guten Willen.
Edmund.
Noch in deinem, Lord.
Albanien.
Allerdings, du nichtswurdiger Bube.
Regan.
So last die Trummel schlagen, und beweisen, das mein Recht das
deinige ist.
Albanien.
Haltet noch und horet: Edmund, ich bemachtige mich deiner Person
wegen Hochverraths, und zugleich mit dir, dieser vergoldeten
Schlange. Was euern Anspruch betrift, schone Schwester, so parire
ich ihn zu Gunsten meiner Gemahlin, die mit diesem Herrn bereits in
Tractaten begriffen ist. Als ihr Ehmann widerspreche ich euerm
Ausruf; wenn ihr heurathen wollt, so bewerbet euch um mich, meine
Gemahlin ist schon bestellt.
Gonerill.
Ein Zwischenspiel--
Albanien.
Du bist bewafnet, Gloster; las die Trompete blasen; wenn niemand
erscheint, deine schandliche, offenbare und manchfaltige
Verratherey an deiner Person zu erweisen, so ist hier mein
Handschuh; auf dein Herz will ich beweisen, und eher keinen Bissen
Brodt zu mir nehmen, das du nichts weniger bist, als wovor ich dich
hier ausgeruffen habe.
Regan.
O! wie ubel wird mir--
Gonerill (fur sich.)
Wenn es nicht so ware, so wollt' ich keinem Gift mehr trauen.
Edmund.
Hier ist mein Gegenpfand; wer der auch in der Welt ist, der mich
einen Verrather nennt, der lugt es wie ein Nichtswurdiger: Last die
Trompete schallen. Erscheine, wer es wagen will; an ihm, an euch,
an einem jeden, will ich meine Ehre und Treue standhaft behaupten.
Albanien.
Einen Herold, he! (Ein Herold kommt.)
Albanien (zu Edmund.)
Du hast nichts worauf du dich verlassen kanst, als deine eigne
Tapferkeit; denn deine Soldaten, die alle in meinem Namen
aufgeboten worden, haben auch in meinem Namen ihre Entlassung
erhalten.
Regan.
Es wird mir immer schlimmer--
Albanien.
Sie ist nicht wohl, fuhret sie in ihr Zelt.
(Regan geht ab.)
Siebender Auftritt.
Albanien (zum Herold.)
Hieher, Herold, las die Trompete schallen, und lies dieses ab.
(Ein Trompeten-Stos. Der Herold liest.)
Herold.
Wenn irgend ein Mann von Ritterlichem Stand und Wurde unter diesem
Heer gegen Edmund anmaslichen Grafen von Gloster behaupten will,
das er ein vielfacher Verrather ist, der erscheine bey dem dritten
Trompeten-Stos; er steht fertig, sich zu vertheidigen. (1.
Trompeter.)
Herold.
Abermal! (2. Trompeter.)
Herold.
Zum drittenmal. (3. Trompeter.)
(Eine Trompete antwortet von innen.)
Edgar, tritt bewafnet auf.)
Albanien.
Frag ihn sein Vorhaben, warum er auf diesen Ruf der Trompete
erscheint?
Herold.
Wer bist du? Was ist dein Name und dein Stand? Und warum
antwortest du auf diese Ausforderung?
Edgar.
Wisse, meinen Namen habe ich durch den giftigen Zahn der
Verratherey verlohren; dennoch bin ich so edel als der Gegner, mit
dem ich es aufnehmen will.
Albanien.
Wer ist dieser Gegner?
Edgar.
Wer ist der, der fur Edmund Grafen von Gloster das Wort fuhrt?
Edmund.
Er selbst; was hast du ihm zu sagen?
Edgar.
Zieh deinen Degen, damit wenn meine Rede ein edles Herz beleidigt,
dein Arm dir Recht verschaffen konne. Hier ist der meine. Ich
thue, was mein ritterlicher Stand, mein Eyd und mein Beruf von mir
fordern. Deiner Starke, Ehren-Stelle, Jugend und Wurde ungeachtet,
troz deinem siegreichen Schwerdt und deinem nagelneuen Gluk,
behaupte ich das du ein Verrather bist, treulos gegen die Gotter,
deinen Vater und deinen Bruder, verschworen wider diesen hohen
ruhmwurdigen Fursten, und von dem aussersten Wirbel deines Hauptes
bis zu dem Staub an deiner Fussole, durchaus ein Kroten-flekichter
Verrather. Sagst du, nein, so ist dieses Schwerdt und dieser Arm
gezukt, und meine besten Lebensgeister gesammelt, es auf dein Herz,
zu dem ich rede, zu beweisen, das du lugst.
Edmund.
Die Klugheit erforderte nach deinem Namen zu fragen; jedoch, da
dein Ansehen so schon und ritterlich ist, und in deiner Sprache ein
Ton von Erziehung athmet, so verachte ich die Bedenklichkeiten,
wodurch ich nach den Gesezen der Ritterschaft deine Ausforderung
ablehnen konnte. Ich schleudre also alle diese Verrathereyen auf
dein Haupt zuruk, und uberwalze mit denen holle-verhasten Lugen
dein Herz, durch welches ihnen dieses mein Schwerdt einen Weg
machen soll, wo du auf ewig ruhen sollst.* Trompeten, redet!
{ed.-* Dieses Nonsensicalische Gewasche hat man beynahe so
verworren, als es im Original ist, zu einer Probe stehen lassen
wollen, von einer dem Shakespeare sehr gewohnlichen Untugend,
seine Gedanken nur halb auszudruken, ubel-passende Metaphern
durcheinander zu werffen, und sich von allen Regeln der
Grammatik zu dispensieren.}
(Die Trompeten erschallen. Sie fechten.)
Gonerill.
O rettet ihn, rettet ihn; dis ist ein angestelltes Spiel, Gloster:
Nach den Gesezen des Zweykampfs warst du nicht verbunden einem
unbekannten Gegner zu antworten; du bist nicht uberwunden, sondern
betrogen.
Albanien.
Schliest euern Mund, Dame, oder ich will ihn mit diesem Papier
stopfen--Du argstes unter allen Dingen, lies deine eigne Schande--
Es nuzt nichts, es zu zerreissen, Lady; ich merke ihr kennt es.
Gonerill.
Sag, ob ich es kenne; die Geseze sind mein, nicht dein; wer kan
mich dafur zu Rede stellen?
Albanien.
Ungeheuer, kennst du dieses Papier?
Gonerill.
Fragt mich nicht, was ich kenne--
(Gonerill geht ab.)
Albanien (zu einem Hofbedienten.)
Geht ihr nach sie ist in Verzweiflung, habt Acht auf sie.
Achter Auftritt.
Edmund.
Alles, wessen ihr mich bezuchtiget habt, das hab ich gethan, und
noch weit mehr, das die Zeit ans Licht bringen wird. Es ist nun
vorbey, und ich auch. Aber wer bist du, dem das Gluk diesen
Vortheil uber mich gegeben hat? Wenn du edel bist, so vergeb ich
dir.
Edgar.
Diese Gesinnung verdient erwiedert zu werden. Ich bin von Geburt
nicht weniger als du bist, Edmund, und wenn ich mehr bin, so ist
das Unrecht desto grosser, das du mir gethan hast. Mein Name ist
Edgar und deines Vaters Sohn. Die Gotter sind gerecht, und machen
aus unsern wollustigen Verbrechen Werkzeuge uns damit zu peitschen.
Der finstre und unzuchtige Plaz, wo er dich zeugte, hat ihm seine
Augen gekostet.
Edmund.
Du hast recht gesprochen; es ist wahr, das Rad ist ganz umgelauffen,
und ich bin hier.
Albanien (zu Edgar.)
Mich dauchte, dein Ansehen weissage einen koniglichen Adel. Las
dich umarmen--Kummer moge mein Herz zersplittern, wenn ich jemals
dich oder deinen Vater gehasset habe.
Edgar.
Wurdiger Prinz, ich weis es.
Albanien.
Wo habt ihr euch dann verborgen gehalten, und woher erfuhret ihr
den elenden Zustand euers Vaters?
Edgar.
Indem ich ihn nahrte, Mylord. Horet einer kurzen Erzahlung zu, und
wenn sie erzahlt ist, o das dann mein Herz bersten mochte!--Der
blutige Ausruf, der so nah auf meine Flucht folgte, lehrte mich
(wie sus ist das Leben, das wir lieber stundlich die Pein des Todes
ertragen, als einmal sterben wollen!) lehrte mich in die Lumpen
eines wahnwizigen Bettlers mich zu verkleiden, die Ahnlichkeit
eines verschmahten Hundes anzunehmen; und in dieser Gestalt
begegnete ich meinem Vater mit seinen blutenden Augen-Ringen, die
nur erst ihre kostbaren Brillianten verlohren hatten; ich wurde
sein Fuhrer, leitete ihn, bettelte fur ihn, rettete ihn vor der
Verzweiflung, und entdekte ihm niemalen (o das ich es gethan hatte!)
wer ich sey, bis ungefehr vor einer halben Stunde da ich mich
bewafnet hatte, und zwar in Hoffnung dieses gluklichen Ausgangs,
doch nicht ohne Zweifel, um seinen Segen bat, und ihm meine
Pilgramschaft von Anfang bis zu End erzahlte. Aber ach! sein
verwundetes Herz, zu schwach den Kampf entgegengesezter
Leidenschaften auszuhalten, brach lachelnd zwischen Freude und
Schmerz.
Edmund.
Diese eure Rede hat mich geruhrt, und wird vielleicht eine gute
Wurkung haben; aber fahret fort, ihr sehet aus, als ob ihr noch
mehr zu sagen hattet.
Albanien.
Wenn es noch traurigere Sachen sind, so haltet ein; denn das was
ihr erzahlt habt, ist schon bereit mein Herz aufzulosen.
Edgar.
Fur menschliche Gemuther mochte dieses zum aussersten Grad des
Elends genug seyn; aber diejenigen, die ein Vergnugen an grausamen
Schauspielen haben, mochten gern immer mehr dazu thun, und nur ein
Jammer der sich nicht grosser denken last, kan ihr Mitleiden rege
machen. Wahrend das ich vor Schmerz laut winselte, kam ein Mann,
der mich in meinem schlimmern Zustand gesehen und meine
verabscheute Gesellschaft geflohen hatte; izt aber, da er fand wer
es war, der so viel erlidten hatte, heftete er seine starken Arme
um meinen Hals, und schrie, so laut als ob er den Himmel zerspalten
wollte; warf sich auf meinen Vater, erzahlete die Geschichte von
Lear und ihm, die klaglichste, die je ein Ohr gehort hat; und
machte durch diese Vorstellung seinen Schmerz von neuem so heftig,
das die Strange des Lebens zu reissen anfiengen--Indes erklang die
Trompete zum zweiten mal, und ich verlies ihn ohne Gefuhl seiner
selbst.
Albanien.
Wer war dann dieser?
Edgar.
Mylord, es war Kent, der verbannete Kent, der in unkenntlicher
Verkleidung seinem Konig folgte, und ihm Dienste that, die eines
Sclaven unwurdig gewesen waren.
Neunter Auftritt.
(Ein Edelmann zu den Vorigen.)
Edelmann.
Hulfe! Hulfe!
Edgar.
Was fur Hulfe?
Albanien.
Rede.
Edgar.
Was will dieses blutige Messer?
Edelmann.
Es ist heis, es raucht; es kommt eben aus dem Herzen--O! sie ist
todt!
Albanien.
Wer ist todt? Rede, Mann.
Edelmann.
Eure Gemahlin, Mylord, eure Gemahlin, und ihre Schwester ist von
ihr vergiftet worden; sie bekennt es.
Edmund.
Ich war mit beyden versprochen; bald werden wir alle drey zusammen
kommen.
Edgar.
Hier kommt Kent.
(Kent tritt auf.)
Albanien.
Bringt die Leichname herbey, todt oder lebend.
(Gonerills und Regans Leichen werden auf die Buhne gebracht.)
Dieses Gericht des Himmels macht uns zittern, ohne unser Mitleid
zu erregen--
(indem er Kent ansichtig wird)
O! er ists! Vergebet, Mylord. Die Umstande worinn wir sind,
erlauben nicht an die Beobachtung der Hoflichkeit zu denken.
Kent.
Ich bin gekommen, meinem Konig und Herrn das lezte Lebwohl zu sagen.
Ist er nicht hier?
Albanien.
Wir haben das Wichtigste vergessen. Sprich, Edmund, wo ist der
Konig? Wo ist Cordelia? Siehst du dieses Schauspiel, Kent?
Kent.
Himmel! was ist das?
Edmund.
So wurde Edmund geliebt; Die eine vergiftete die andre um
meinetwillen, und ermordete sich sodann selbst.
Albanien.
So ist es; verhullet ihre Gesichter.
Edmund.
Ich schnappe nach Leben, um troz meiner eignen Natur, noch etwas
Gutes zu thun. Sendet eilends in das Schlos, ich habe einen Befehl
gegen das Leben Lears und Cordelias ausgestellt; schiket, eh es zu
spat ist.
Albanien.
Rennet, rennet, O! rennet--
Edgar.
Zu wem, Mylord? Wer hat die Aufsicht im Schlosse? Schike ihm ein
Merkmal, woraus er deinen geanderten Willen erkennen kan.
Edmund.
Du hast wohl hieran gedacht; nimm meinen Degen, gieb ihn dem
Hauptmann--
Edgar.
Eile, so lieb dir dein Leben ist.
(Der Bote geht ab.)
Edmund.
Er hatte von eurer Gemahlin und mir Befehl, Cordelia im Gefangnis
zu erhangen, und die Schuld ihrer eignen Verzweiflung beyzumessen.
Albanien.
Die Gotter beschuzen sie!--Traget ihn indessen hinweg.
(Edmund wird fortgetragen.)
Zehnter Auftritt.
(Lear tritt auf, Cordelia todt in seinen Armen tragend.)
Lear.
Heult, heult, heult, heult--O! ihr seyd Menschen von Stein; hatt'
ich eure Zungen und Augen, ich wollte sie so brauchen, das des
Himmels Gewolbe krachen sollte: Sie ist auf ewig dahin. Ich
verstehe mich darauf, ob einer todt ist oder ob einer lebt; Sie ist
todt wie Erde. Leiht mir einen Spiegel; wenn ihr Athem das Glas
trube macht, dann will ich sagen, sie lebt.
Kent.
Ist das der gehoffte Ausgang?
Lear.
Diese Feder regt sich, sie lebt; wenn es so ist, so ist es ein
Wechsel, der allen Kummer bezahlt, den ich jemals gefuhlt habe.
Kent (kniend.)
O mein guter Meister.
Lear.
Ich bitte dich, hinweg.
Edgar.
Es ist der edle Kent, euer Freund.
Lear.
Das Verderben uber euch alle, ihr Verrather! Ich hatte sie noch
retten konnen; izt ist sie auf immer dahin. Cordelia, Cordelia,
bleibe noch ein wenig. Ha!--Was sagtest du?--Ihre Stimme war immer
sanft, anmuthig und gelassen; ein vortrefliches Ding an einem
Weibsbilde! Ich todtete den Sclaven der dich erdrosselte.
Der Edelmann.
Es ist wahr, Mylords, er that es.
Lear.
That ichs nicht, Bursche? Ich weis die Zeit, da ich sie mit meinem
guten krummen Weidmesser wollte springen gemacht haben: Izt bin ich
alt, und alle diese Widerwartigkeiten sezen mir zu--Wer seyd ihr?
Meine Augen sind keine von den besten; ich kan es euch nicht
verheelen--Seyd ihr nicht Kent?
Kent.
Ich bin es, euer Diener Kent; wo ist euer Diener Cajus?
Lear.
Es war ein guter Bursche, das kan ich euch sagen; er konnte
zuschlagen, und das ohne sich lange zu besinnen--Nun ist er todt
und verfault.
Kent.
Nein, mein guter Lord, ich bin dieser Mann.
Lear.
Das will ich gleich sehen.
Kent.
Der vom Anfang eurer Ungluksfalle euren traurigen Fusstapfen
gefolget ist.
Lear.
Ihr seyd willkommen.
Kent.
Aber gewis sonst kein andrer--Alles ist hier freudenlos, finster
und todt. Eure altesten Tochter haben sich selbst abgethan, und
sind in Verzweiflung gestorben.
Lear.
Ja, so denke ich.
Albanien.
Er weis nicht, was er sagt; und es ist izt vergeblich, das wir uns
ihm vorstellen.
Edgar.
Ganz vergeblich. (Ein Bote zu den Vorigen.)
Der Bote.
Edmund ist todt.
Albanien.
Das ist nur eine Kleinigkeit. Ihr Lords und edle Freunde horet
unsre Entschliessung: Was uns ubrig gelassen ist, den grossen
Jammer dieses Tages zu lindern, das soll angewendet werden. Was
uns betrift, so treten wir, so lang diese alte Majestat leben wird,
ihm unsre oberste Gewalt, und euch
(zu Edgar)
unsre Rechte ab, mit allen den Vorzugen, die eure Tugend mehr als
verdient hat. Alle Freunde sollen die Belohnung ihrer Tugend, und
alle Feinde den bittern Kelch ihrer Ubelthaten schmeken--O seht,
seht--
Lear.
Und meine arme Seele ist gehangen Nein, nein, nichts mehr von Leben.
Wie, soll ein Hund, ein Ros, eine Raze leben, und du sollst nur
nicht Athem holen? Du wirst nimmer wieder kommen, nimmer, nimmer,
nimmer, nimmermehr--Ich bitte euch, macht diesen Knopf auf. Ich
danke euch, Sir.
(Er deutet auf Cordelias Leiche.)
Seht ihr das? Sehet hieher, seht auf ihre Lippen, seht hieher,
seht hieher--
(Er stirbt.)
Edgar.
Er wird ohnmachtig.
Kent.
Brich, Herz, ich bitte dich, brich.
Edgar.
Sehet auf, Mylord.
(zu Lear.)
Kent.
Plage seinen Geist nicht: O! las ihn seinen Weg gehen; er wurde
den hassen, der ihn langer auf die Folter dieser unbarmherzigen
Welt ausspannen wollte.
Edgar.
In der That, er ist todt.
Kent.
Das Wunder ist, das er so lange ausgedaurt hat; er usurpirte nur
sein Leben.
Albanien.
Traget sie von hinnen; unser iziges Geschafte ist allgemeines Weh.
Freunde meiner Seele, regieret ihr beyde das Reich, und erhaltet
den einsturzenden Staat.
Kent.
Mylord, ich bin am Ende meiner Tagreise: Mein Meister ruft mir, ich
darf nicht sagen nein.
(Er stirbt.)
Albanien.
Vom Gewicht dieser jammervollen Zeit zu Boden gedrukt, reden wir
was wir fuhlen, nicht was wir sollten. Der Alteste hat am meisten
gelidten: Wir, die wir jung sind, werden nicht lange genug leben,
um wieder soviel zu sehen.
Das Leben und der Tod des Konigs Lear, von William Shakespeare
(Ubersetzt von Christoph Martin Wieland).
END
This etext was retrieved by ftp from ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg
It is also available from www.ibiblio.org/gutenberg
Produced by Delphine Lettau
This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
zur Verfugung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
|
|
Buy all the books from our site on CD or DVD
B&R Samizdat Express publishes books you read on your computer,
collected
and organized in useful and suggestive ways on CD and DVD.
They offer classics and out-of-print gems, organized by author, genre,
time
period, theme/subject, and geographic region. Books in text form
are searchable, printable, and editable. You can buy an entire library
for
the price of a single printed book.
|