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Leben und Tod des Konigs Johann.
William Shakespeare
Ubersetzt von Christoph Martin Wieland
Personen.
Konig Johann von England.
Prinz Heinrich, sein Sohn und Nachfolger.
Arthur, Herzog von Bretagne, Neffe des Konigs.
Hubert, Vertrauter des Konigs.
Pembrok, Essex, Salisbury und Bigot, Englische Lords.
Faulconbridge, nachmals Sir Richard Plantagenet, unehlicher Sohn
Konig Richards des Ersten.
Robert Faulconbridge, vermeynter Bruder des Bastards.
Jacob Gurney, Diener der Lady Faulconbridge.
Peter von Pomfret, ein Prophet.
Philipp, Konig von Frankreich.
Ludwig, der Dauphin.
Der Herzog von Ostreich.
Cardinal Pandolpho, des Pabsts Legat.
Melun, ein Franzosischer vom Adel.
Chatilion, Franzosischer Gesandter bey Konig Johann.
Elinor, Konigin-Mutter von England.
Constantia, Arthurs Mutter.
Blanca, Tochter Konigs Alphonso von Castilien, und Nichte des
Konigs Johann.
Lady Faulconbridge, Mutter des Bastard und des Robert Faulconbridge.
Burger von Angiers, Herolde, Nachrichter, Boten, Soldaten und andre
stumme Personen.
Der Schauplaz, zuweilen in England, zuweilen in Frankreich.
Erster Aufzug.
Erste Scene.
(Der Englandische Hof.)
(Konig Johann, die Konigin Elinor, Pembroke, Essex und Salisbury
mit Chatilion treten auf.)
Konig Johann.
Wohlan, saget Chatilion, was will Frankreich von uns?
Chatilion.
So spricht, nachst seinem Grus der Konig von Frankreich, durch mich,
mit der Majestat, der geborgten Majestat von England hier--
Elinor.
Ein ausserordentlicher Eingang; geborgte Majestat!
Konig Johann.
Seyd ruhig, meine werthe Mutter; hort die Gesandtschaft.
Chatilion.
Philipp von Frankreich nimmt im Namen und in Kraft des Rechts von
deines verstorbnen Bruders* Gottfried Sohn, Arthur's Plantagenet,
rechtmasigen Anspruch an diese schone Insel, an Irrland, Poitiers,
Anjou, Touraine und Maine, und begehrt von dir, das du das Schwerdt
niederlegest, das einer unrechtmasigen Herrschaft uber diese
verschiednen Titel sich anmasset, und solches dem jungen Arthur
einhandigest, deinem Neffen und rechtmasigen souverainen Konig.
{ed.-* (Geoffroi Plantagenette), Sohn des Grafen von Anjou, bekam
durch seine Vermahlung mit Konig Heinrich des 1sten von England
einziger Tochter und erklarten Erbin, Matthilde, ein Recht an die
Crone von England, wozu sein altester Sohn nachmals unter dem Namen
Heinrichs des 2ten wurklich gelangte. Heinrich der 2te vereinigte
also mit der Crone von England Anjou, Poitou, Touraine und Maine,
und durch seine Vermahlung mit Eleonor, Erbin von Aquitanien, (die
von ihrem ersten Gemahl (Louis le Jeune) von Frankreich, wegen
Untreue verstossen worden,) auch das Herzogthum Aquitanien. Seinen
altesten Sohn Gottfried (von welchem hier die Rede ist), vermahlte
er mit Constantia, Tochter und Erbin von Conan Grafen von Bretagne;
die Crone hingegen kam nach Heinrichs Tod an seinen jungern Sohn
Richard (Coeur de Lion.) Nach dessen Abgang bemeisterte sich
(Johannes sine Terra), dessen Geschichte dieses Stuk enthalt, zum
Nachtheil Arthurs, des hinterlasnen Erben seines altern Bruders
Gottfrieds von Bretagne, der Crone, und der von Heinrich dem 2ten
derselben einverleibten Franzosischen Besizungen; und der daruber
zwischen ihm und dem Konig (Philippe Auguste) entstandne Krieg
macht den Anfang dieses Trauerspiels.}
Konig Johann.
Und was folget, wenn wir uns dessen weigern?
Chatilion.
Der stolze Widerspruch eines blutigen Kriegs, dir mit Gewalt die
Rechte abzudrangen, die du gewaltthatiger Weise vorenthaltst.
Konig Johann.
Hier haben wir Krieg um Krieg, Blut um Blut und Wiederspruch um
Wiederspruch; antwortet das dem Konig von Frankreich.
Chatilion.
So nimm dann die Kriegs-Erklarung meines Konigs aus meinem Munde,
den lezten Auftrag meiner Gesandtschaft.
Konig Johann.
Bring ihm die meinige zuruk, und so scheid' im Frieden; denn eh du
berichtet haben kanst, das ich kommen werde, soll Frankreich den
Donner meiner Canonen horen.** Hinweg dann; sey du die Trompete
unsers Zorns, und das plozliche Vorzeichen euers Untergangs.
Pembrok, sorget dafur, das er mit einem anstandigen Geleit aus
unserm Reich entlassen werde; lebe wohl, Chatilion.
{ed.-** Zu Anfang des dreizehnten Seculi nemlich.}
(Chatilion und Pembroke gehen ab.)
Elinor.
Wie nun, mein Sohn? Sagt' ich nicht immer, diese ehrgeizige
Constantia werde nicht ruhen, bis sie Frankreich und alle Welt fur
die Anspruche ihres Sohns in Flammen gesezt habe? Allem diesem
hatte man zuvorkommen und in der Gute beylegen konnen, was nun der
blutige und gefahrvolle Kampf zweyer Konigreiche entscheiden soll.
Konig Johann.
Unser volliger Besiz, und unser Recht--
Elinor.
Wenn unser Besiz nicht kraftiger ist als unser Recht, so mus es uns
beyden ubel gehen; last euch mein Gewissen das ins Ohr sagen, da es
niemand hort als der Himmel, ihr und ich.
Essex.
Gnadigster Herr, es ist hier eine Streitsache, die aus der Provinz
zu Eurer Majestat Entscheidung gebracht wird, die seltsamste, die
ich jemals gehort. Soll ich die Partheyen hereinfuhren?
Konig Johann.
Last sie herein kommen--Unsre Abteyen und Prioreyen sollen die
Unkosten dieses Kriegs bezahlen--Wer seyd ihr?
Zweyte Scene.
(Robert Faulconbridge und Philipp, sein Bruder, der Bastard,
treten auf.)
Philipp.
Euer Majestat getreuer Unterthan, ein Edelmann in Northamptonshire
gebohren, und wie ich behaupte, der alteste Sohn von Robert
Faulconbridge, einem Kriegsmann, den die ehrenvolle Hand des Konigs
Richard (Coeur-de-Lion) im Felde zum Ritter geschlagen.
Konig Johann (zu Robert.)
Wer bist du?
Robert.
Der Sohn und Erbe von diesem nemlichen Faulconbridge.
Konig Johann.
Ist dieser der Altere, und du bist der Erbe? Ihr seyd also nicht
von einer Mutter, scheint es?
Philipp.
Wir sind ganz gewis von einer Mutter, machtiger Konig, das ist
jedermann bekannt, und, wie ich glaube, auch von einem Vater; doch
wegen der Gewisheit dieses leztern Puncts mus ich Euer Majestat an
den Himmel und meine Mutter anweisen; denn davon bin ich nicht
gewisser als alle andre Menschen-Kinder.
Elinor.
Hinweg mit dir, du ungesitteter Mensch! Schamst du dich nicht,
deiner Mutter Ehre durch diesen Zweifel zu verwunden?
Philipp.
Auch thue ich es nicht, Gnadigste Frau; ich habe keine Ursache dazu,
das ist meines Bruders Sache, das geht mich nichts an; wenn er so
was beweisen kan, so bringt er mich wenigstens um schone
funfhundert Pfund des Jahrs; der Himmel schuze meiner Mutter Ehre
und mein Erbgut!
Konig Johann.
Ein guter runder Geselle; aber warum macht er denn einen Anspruch
an dein Erbgut, wenn er der jungere Bruder ist?
Philipp.
Ich weis nicht warum, ausser das er gerne meine Guter hatte; es ist
wahr, er warf mir einmal vor, das ich unehlich gezeugt sey, allein
das ist eine Sache, die ich lediglich meiner Mutter uberlasse; ich
kan nicht wissen, ob ich ehlich oder unehlich gezeugt bin; aber das
weis ich, das ich eben so wohl gemacht bin als er. (Sanft mogen
die Gebeine ruhen, die diese Muhe fur mich genommen haben!)
Vergleichet unsre Gesichter, gnadigster Herr, und thut den
Ausspruch. Wenn der alte Sir Robert uns beyde gemacht hat, und
dieser Sohn ihm ahnlich sieht; o alter Sir Robert, so dank ich dem
Himmel auf meinen Knien, das ich dir nicht ahnlich sehe.
Konig Johann.
Ha, was fur einen Pikelharing hat uns der Himmel hier zugeschikt?
Elinor.
Er hat einen Zug von (Coeur de Lion's) Gesicht, und einen ahnlichen
Ton der Stimme; findet ihr nicht einige Ahnlichkeiten mit meinem
Sohn, in der stammichten Gestalt dieses jungen Menschen?
Konig Johann.
Ich betrachte ihn schon lange deswegen, und find' ihn durchaus
Richard;
(zu Robert.)
Nun, Geselle, sage dann, was bewegt dich einen Anspruch an deines
Bruders Guter zu machen?
Philipp.
Weil er ein halbes Gesicht hat, wie mein Vater; um dieses halben
Gesichts willen mocht er gerne mein ganzes Erbgut haben; ein
groschenmasiges Halb-Gesicht, funfhundert Pfund des Jahrs!
Robert.
Mein gnadigster Souverain, wie mein Vater noch lebte, brauchte der
Konig, euer Bruder, meinen Vater viel--
Philipp.
Gut, Herr, das kan euch nichts von meinen Gutern geben; ihr must
sagen, wie er meine Mutter brauchte.
Robert.
--und verschikte ihn einst in einer Gesandtschaft nach Deutschland,
wo er uber wichtige Angelegenheiten der damaligen Zeit mit dem
Kayser Unterhandlung pflegen sollte; der Konig machte sich indessen
seine Abwesenheit zu Nuze, und hielt sich die ganze Zeit uber in
meines Vaters Haus auf; wie er's da so weit gebracht, das er--ich
schame mich es zu sagen; allein Wahrheit ist Wahrheit; Kurz, es
lagen Meere und Lander zwischen meinem Vater und meiner Mutter, wie
dieser junge Herr hier gezeugt wurde; das hab' ich aus meines
Vaters eignem Munde. Auf seinem Todbette vermachte er seine Guter
durch ein Testament mir, und blieb bis in seinen Tod dabey, das
dieser, meiner Mutter Sohn, nicht der seinige sey; und wenn er's
auch ware, so kam er volle vierzehn Wochen vor der gesezmasigen
Zeit in die Welt: Ich bitte also Euer Majestat mir zuzusprechen,
was mein ist, meines Vaters Guter, nach meines Vaters leztem Willen.
Konig Johann.
Mein guter Kerl, euer Bruder ist in der Ehe gebohren; euers Vaters
Weib brachte ihn wahrend ihrem Ehestand; wenn sie untreu war, so
ist es ihr Fehler, und ein Zufall dem alle Manner ausgesezt sind,
welche Weiber nehmen. Sag mir einmal, wie, wenn mein Bruder, der
deinem Vorgeben nach, die Muhe nahm diesen Sohn zu zeugen, ihn
deinem Vater als seinen Sohn abgefodert hatte? Hatte nicht dein
Vater ein Kalb, das ihm seine Kuh gebracht, gegen die Anspruche der
ganzen Welt behaupten konnen? Wahrhaftig, guter Freund, das hatt'
er konnen; gesezt also auch, er ware meines Bruders Sohn, so hatte
doch mein Bruder keinen Anspruch an ihn machen, noch hatt' ihn euer
Vater deswegen, weil er nicht sein sey, verlaugnen konnen; aus
allem diesem folgt also, das meiner Mutter Sohn euers Vaters Erben
zeugte, und das euers Vaters Erbe euers Vaters Guter haben mus.
Robert.
Soll denn meines Vaters lezter Wille keine Kraft haben, ein Kind zu
enterben, das nicht sein ist?
Philipp.
Von keiner grossern Kraft mich zu enterben, Herr, als, denk ich,
sein Wille mich zu zeugen war.
Elinor.
Was wolltest du lieber seyn, ein Faulconbridge, wie dieser hier, um
deine Guter zu haben; oder ein naturlicher Sohn von (Coeur de Lion),
ein Prinz vom Geblute, und keine Guter dazu?
Philipp.
Gnadigste Frau, und wenn mein Bruder meine Gestalt hatte, und ich
hatte die seinige, Sir Roberts seine, wie er; und wenn meine Beine
zwo solche Spindeln waren, meine Arme solch Aalhautiges Zeug, und
mein Gesicht so dunne, das ich keine Rose* in mein Ohr steken
konnte, ohne das die Leute sagten: Seht, da geht Drey-Viertels-
Pfennig--Und wenn gleich diese Gestalt Erbe von allen seinen Gutern
ware, so will ich nimmer von diesem Plaz kommen, wenn ich sie nicht
von Fus auf hingeben wollte, um dieses Gesicht zu haben; ich wollt'
um alles in der Welt nicht Sir Nobb seyn.
{ed.-* Um diese Anspielung zu verstehen mus man wissen, das die
Konigin Elisabeth unter allen Beherrschern von England die erste
und lezte war, die Drey-Halb-Pfenninge, und Drey-Viertels-Pfenninge
schlagen lies, auf denen sich ihr Bildnis bald mit bald ohne die
Rose, befand. Theobald.}
Elinor.
Du gefallst mir; willt du dein Erbtheil vergessen, ihm deine Guter
uberlassen und mir folgen? Ich bin ein Soldat, und im Begriff
wider Frankreich Dienste zu thun.
Philipp.
Bruder, nimm du meine Guter, und las mir mein Gesicht, das deinig'
hat dir funfhundert Pfund jahrlich erworben; aber wenn du es fur
funf Pfenning verkauffen kanst, so glaube du habest wohl gelost.
Gnadigste Frau, ich bin bereit, euch bis in den Tod zu folgen.
Elinor.
Was das betrift, so will ich lieber das ihr mir voran geht.
Philipp.
In unsrer Provinz erfordert die Hoflichkeit, das man die Vornehmern
zuerst gehen lasse.
Konig Johann.
Wie nennst du dich?
Philipp.
Philipp, Gnadigster Souverain, so ward ich genennt; Philipp, des
guten alten Sir Roberts seiner Frauen altester Sohn.
Konig Johann.
Von nun trage den Namen von dem, dessen Gestalt du tragst; knie
nieder, Philipp, um grosser aufzustehen.
(Er schlagt ihn zum Ritter.)
Steh als Sir Richard Plantagenet auf.
Philipp.
Bruder von mutterlicher Seite, gebt mir eure Hand; mein Vater gab
mir Ehre, der eure giebt euch Land. Nun, gesegnet sey die Stunde,
es mag Nacht oder Tag gewesen seyn, da ich gezeugt und Sir Robert
abwesend war.
Elinor.
Der echte Geist der Plantagenet's. Ich bin deine Grosmutter,
Richard, nenne mich so.
Philipp.
Durch einen Zufall, Gnadigste Frau, nicht in der Ordnung; doch was
thut das? Ob man zum Fenster hinein kommt oder zur Thure, wenn man
nur drinn ist; naher oder weiter vom Ziel, wohl getroffen ist wohl
geschossen, und ich bin ich, ich mag gezeugt seyn wie ich will.
Konig Johann.
Geh, Faulconbridge, du hast nun was du wunschtest; ein guterloser
Ritter macht dich zu einem beguterten Junker. Kommt, Madam; komm,
Richard, wir mussen nach Frankreich eilen, nach Frankreich, es ist
hochste Zeit.
Philipp.
Bruder, leb wohl; ich wunsche dir viel Gluks, denn du bist mit
Erlaubnis der Geseze auf die Welt gekommen.
(Alle gehen ab, bis auf Philipp.)
Dritte Scene.
Philipp.
Meine Ehre steht nun auf einem bessern Fus als zuvor, aber mein
Vermogen hat sich um manchen Fus Landes verschlimmert. Sey es dann;
izt kan ich doch ein jedes Gretchen zu einer Lady machen--"Guten
Tag, Sir Richard"--Grossen Dank, Camerad--und wenn er Gorge heist,
kan ich ihn Peter nennen; denn neugebakner Adel vergist der Leute
Nahmen; man wurde zuviel vergeben, wenn man noch auf solche
Kleinigkeiten acht haben wollte, und solche Leute sind nicht fein
genug fur eure Gesellschaft. Izt ist der gereiste Mann* meiner
Gnaden Tisch-Genosse, er und sein Zahnstocher; und wenn mein
ritterlicher Magen angefullt ist, nun dann saug' ich an meinen
Zahnen, und catechisire meinen Spizbart aus fremden Landern--
(Mein werther Herr), (so fang ich auf meinen Ellenbogen gestuzt an,)
(darf ich euch bitten)--das ist nun die Frage; und dann kommt
gleich die Antwort wie ein ABC-Buch: (O mein Herr,) sagt die Antwort,
(ich bin ganzlich zu euerm Befehl, zu euern Diensten, ganz der
Eurige, mein Herr--Nein, mein Herr,)sagt die Frage, (ich, mein
werthester Herr, bin der Eurige;)und so, eh die Antwort recht
gehort hat was die Frage will, wartet sie euch schon mit einem
Dialogus von Complimenten auf, spricht dann von Alpen und Apenninen,
von den Pyrenaen und dem Flusse Po, und weis das Gesprach so lange
hinaus zu ziehen, bis es vom Abend-Essen abgebrochen wird. Das ist
polite Gesellschaft, die sich fur einen emporstrebenden Geist, wie
der meinige, schikt! Denn der ist nur ein Bastard der Zeit, der
die Kunst nicht versteht sich beliebt zu machen, und nicht nur in
seiner ausserlichen Gestalt, in seinem Aufzug und in seinen
Manieren, dem Geschmak seiner Zeit schmeichelt; sondern auch aus
einer innerlichen Quelle den sussen, sussen, sussen Gift, der den
Gaumen der Leute so reizend kuzelt, von sich zu geben weis. Eine
Kunst, die ich zwar nicht ausuben will, um andre zu betrugen, aber
die ich zu lernen gedenke, damit ich von andern nicht betrogen
werde. Sie soll die Stuffen meiner Erhohung mit Blumen bestreuen.
Aber wer kommt hier so eilfertig, in Reit-Kleidern? Was fur ein
weiblicher Courier ist dis? Hat sie keinen Mann, der die Muh
nehmen mag, ein Horn vor ihr her zu blasen? Himmel, es ist meine
Mutter! Nun, meine werthe Lady, was bringt euch so eilfertig nach
Hofe?
{ed.-* Es ist bekannt, das damals alle Welt auf Abentheuer
ausgieng, und gereiste Leute in grostem Ansehn stuhnden, und, wie
bey unsern Nachbarn die (Beaux-Esprits), das Recht hatten, sich bey
grossen Herren zu Gaste zu laden.}
Vierte Scene.
(Lady Faulconbridge, und Jacob Gurney treten auf.)
Lady.
Wo ist der Sclave, dein Bruder; wo ist er, der sich erfrecht meine
Ehre offentlich anzutasten?
Philipp.
Mein Bruder Robert, des alten Sir Roberts Sohn, Colbrand, der Riese,
der nemliche gewaltige Mann; ist es Sir Robert's Sohn, den ihr
sucht?
Lady.
Sir Roberts Sohn? Ja, du unehrerbietiger Junge, Sir Roberts Sohn;
warum spottest du uber Sir Roberten?
Philipp.
Jacob Gurney, willt du so gut seyn, und uns ein wenig allein lassen?
Gurney.
Von Herzen gerne, mein lieber Philipp.
Philipp.
Philipp!--Verschone mich, Jacob; es sind kurzweilige Dinge heraus
gekommen; hernach ein mehrers davon.
(Jacob geht ab.)
Gnadige Frau, ich war nie des alten Sir Roberts Sohn; Sir Robert
hatte seinen Theil an mir an einem Charfreytag essen konnen, ohne
das er seine Fasten gebrochen hatte. Sir Robert war ein ganz
wakrer Mann; aber, meiner Treu, bekennt die Wahrheit! Hatt' er
mich machen konnen? Das konnte Sir Robert nicht; wir kennen seine
Arbeit. Sagt mir also, liebe Mutter, wem bin ich fur diese Figur
verpflichtet? Sir Robert konnte nimmermehr so ein Bein machen
helfen?
Lady.
Hast du dich auch mit deinem Bruder wider mich verschworen? Du,
der um deines eignen Vortheils willen meine Ehre vertheidigen
sollte? Was soll dieses Gespotte bedeuten, du hochst unbesonnener
Bube?
Philipp.
Ritter, Ritter, liebe Mutter--und Basilisco* ahnlich. Wie? ich
bin zum Ritter geschlagen; ich hab es auf meiner Schulter. Aber
Mutter, ich bin nicht Sir Roberts Sohn; ich hab auf Sir Robert und
meine Guter Verzicht gethan; ehliche Geburt, Name, alles ist hin;
las mich also, liebe Mutter, las mich meinen Vater kennen; irgend
ein wakrer Mann, hoff ich; wer war es, Mutter?
{ed.-* Eine Anspielung auf den Beynamen (Coeur de Lion), den Konig
Richard fuhrte. (Cor Leonis), ein Fixstern von der ersten Grosse
im Lowen, wird auch Basilisco genennt. Warburton.}
Lady.
Hast du dem Namen Faulconbridge entsagt?
Philipp.
So herzlich, als ich dem Teufel entsage.
Lady.
Konig Richard, (Coeur de Lion), war dein Vater; durch langwieriges
und heftiges Zusezen ward ich endlich verfuhrt, in meines Ehmanns
Bette Plaz fur ihn zu machen. Der Himmel vergebe mir meine
Ubertretung! Aber du bist die Frucht meiner schweren Sunde, zu
der ich so stark gereizt wurde, das ich nicht langer wiederstehen
konnte.
Philipp.
Nun, bey diesem Tageslicht, wenn ich wieder gezeugt werden sollte,
Madame, wollt' ich mir keinen bessern Vater wunschen. Einige
Sunden tragen ihre Lossprechung auf Erden mit sich; Euer Fehler
entsprang nicht aus eurer Thorheit; ihr mustet nothgedrungen euer
Herz als einen Tribut fur gebietende Liebe, demjenigen ausliefern,
gegen dessen Wuth und unbezwingbare Starke der unerschrokne Lowe
selbst keinen Kampf wagen durfte, noch sein konigliches Herz vor
Richards Hand schuzen konnte. Wer einem Lowen mit Gewalt das Herz
aus dem Leibe reissen kan, mag leicht ein weibliches Herz gewinnen.
Ja, meine Mutter, von ganzem Herzen dank ich dir fur meinen Vater.
Wenn jemand lebt, der sich erfrecht zu sagen, das du nicht recht
thatest, wie ich gezeugt ward, dessen Seele will ich zur Holle
schiken. Komm, Lady, ich will dich meinen Anverwandten vorstellen,
und sie sollen sagen, wie Richard mich zeugte, war es Sunde gewesen
wenn du Nein gesagt hattest.
(Sie gehen ab.)
Zweyter Aufzug.
Erste Scene.
(Vor den Mauern der Stadt Angiers.)
(Philipp-August, Konig von Frankreich, Ludwig der Dauphin, der
Herzog von Ostreich, Constantia und Arthur.)
Ludwig.
Willkommen vor Angiers, dapfrer Herzog!--Arthur, dein grosser Oheim,
Richard, der den Lowen seines Herzens beraubte, und die heiligen
Kriege in Palastina ausfocht, kam durch diesen dapfern Herzog vor
der Zeit ins Grab. Nun ist er, um seiner Nachkommenschaft
Erstattung deshalb zu thun, auf unsre Einladung gekommen, seine
Fahnen fur deine Sache auszuspreiten, und deinen unnaturlichen
Oheim, Johann von England, aus dem ungerechten Besiz deiner
Erblander vertreiben zu helfen. Umarm' ihn, Prinz, lieb' ihn, und
heis' ihn willkommen.
Arthur.
Gott wird euch (Coeur de Lion's) Tod desto eher verzeihen, da ihr
seinem Neffen das Leben gebet, und sein verfolgtes Recht mit den
Flugeln eurer Kriegs-Macht umschattet. Mit einer unmachtigen Hand
heis' ich euch willkommen, aber mit einem Herzen voll
unverfalschter Liebe; willkommen, Herzog, vor den Mauern von
Angiers.
Ludwig.
Ein edler Junge! Wer wollte dir nicht zu deinem Recht helfen?
Ostreich.
Diesen zartlichen Kus leg' ich auf deine Wange, als das Siegel
meines feyrlichen Versprechens, das ich nicht eher in meine Heimath
zuruk kehren will, bis Angiers und die gerechten Anspruche die du
in Frankreich hast, zugleich mit dieser blassen weis-ufrichten
Insel, deren Fus die heulenden Wellen des Oceans zuruk stost, und
ihre Einwohner von andern Landern abschneidet, bis dieses von der
See umzaunte England, dieses von Wasser gemauerte Bollwerk, dessen
stolze Sicherheit allen auswartigen Anfallen Troz bietet, bis
dieser ausserste Winkel von Westen selbst dich als seinen Konig
grussen wird; bis zu diesem Augenblik, schoner Knabe, will ich
nicht an meine Heimath denken, sondern den Waffen folgen.
Constantia.
O nehmet seiner Mutter Dank an, Dank einer armen Wittwe, bis euer
starker Arm ihm zu der Macht helfen wird, eure Freundschaft besser
erwiedern zu konnen.
Ostreich.
Der Friede des Himmels ruhet auf denjenigen, die ihre Schwerdter in
einem so gerechten und wohlthatigen Krieg entblossen.
Konig Philipp.
Wohlan dann, an die Arbeit; unsre Maschinen sollen gegen die Stirne
dieser widerspenstigen Stadt gerichtet werden; ruffet unsern Kriegs-
Obersten, um den Plan zum vortheilhaftesten Angriff zu machen.
Entweder wollen wir unsre koniglichen Gebeine vor diesen Mauern
niederlegen, oder wenn wir gleich in franzosischem Blut auf den
Markt-Plaz watten musten, Angiers diesem jungen Prinzen unterwurfig
machen.
Constantia.
Wartet noch auf die Antwort, die euer Abgesandter bringen wird; ihr
konntet sonst eure Schwerdter zu voreilig mit Blute besudeln.
Vielleicht bringt Milord Chatilion aus England eine friedliche
Abtretung dieses Rechts, welches ihr durch Krieg erzwingen wollet;
und wenn dieses geschahe, wurden wir einen jeden Tropfen Bluts
bereuen, den eine zu rasche Hize so unzeitig vergossen hatte.
(Chatilion zu den Vorigen.)
Konig Philipp.
Ein Wunder, Madam! Seht, auf euern Wunsch ist unser Gesandter,
Chatilion, angelangt; meld uns in Kurze, werther Lord, was England
uns zur Antwort giebt; wir warten hier musig auf dich. Rede,
Chatilion.
Chatilion.
So wendet also eure Macht von dieser armseligen Belagerung, und
spornet sie zu einem wichtigern Geschaft auf. England, voll
Unwillens uber unsre gerechte Forderungen, hat sich in Waffen
gestellt; die widrigen Winde, die meine Rukreise verzogerten, haben
ihm Zeit gegeben, alle seine Legionen zugleich mit mir ans Land zu
sezen. Er rukt mit eilfertigen Marschen gegen diese Stadt an;
seine Starke ist gros, und seine Krieger voller Muth. Mit ihm
kommt die Konigin-Mutter, eine Ate, die ihn zu Zwietracht und
Blutvergiessen anhezt; mit ihr, ihre Nichte, die Infantin Blanca
von Spanien; mit ihnen ein naturlicher Sohn des abgelebten Konigs,
und mit ihm alle unbandigen Kopfe des Landes. Rasche, feurige,
tollkuhne Freywillige, mit Frauenzimmer-Gesichtchen und Drachen-
Herzen, haben ihre angestammten Guter verkauft, und tragen ihr
Erbtheil zuversichtlich auf dem Ruken, um hier ein neues Gluk zu
suchen. Kurz, eine auserlesnere Schaar unerschrokner Geister, als
der englische Boden diesesmal ubergewalzt hat, schwamm niemals uber
die schwellende Fluth, um Unheil und Verwustung in der Christenheit
anzurichten. Das zurnende Getose ihrer Trummeln unterbricht eine
umstandliche Nachricht; sie sind im Anzug. Bereitet euch also zu
einer Unterhandlung oder zum Gefecht.
(Man hort Trummeln.)
Konig Philipp.
Wie schlecht sind wir auf eine solche Expedition versehen!
Ostreich.
Je unerwarteter sie ist, desto eifriger mussen wir uns zur
Gegenwehr stellen; Unser Muth soll mit der Gefahr steigen. Last
sie denn willkommen seyn, wir sind gerustet.
Zweyte Scene.
(Der Konig von England, Faulconbridge, Elinor, Blanca, Pembroke
und andre zu den Vorigen.)
Konig Johann.
Friede sey mit Frankreich, wenn Frankreich im Frieden unsern
rechtmasigen Einzug in unsre Stadt gestattet; wo nicht, so blute
Frankreich, und der Friede schwinge sich gen Himmel, indes das wir,
Gottes grimmvoller Sachwalter, den stolzen Ubermuth zuchtigen, der
seinen Frieden in den Himmel zuruk treibt.
Konig Philipp.
Friede sey mit England, wenn dieser Krieg aus Frankreich nach
England zurukkehrt, um dort im Frieden zu leben. Wir lieben
England, und nur um Englands willen, schwizen wir hier unter der
Last der Waffenrustung. Diese unsre Arbeit sollte dein
freywilliges Werk seyn. Aber du bist so weit entfernt, England zu
lieben, das du seinen rechtmasigen Konig unterdrukt, die Erbfolge
aufgehoben, die Kindheit des gesezmasigen Erben misbraucht, und an
der jungfraulichen Ehre der Crone Gewalt verubt hast. Schaue hier
auf deines Bruders Gottfrieds Gesicht! Diese Augen, diese Stirne,
sind nach den seinigen abgedrukt; in diesem kleinen Inbegriff ist
die vollstandige Form enthalten, die in Gottfried verstarb, und die
Hand der Zeit wird diese verjungte Gestalt in einen eben so grossen
Format ausdehnen. Dieser Gottfried war von Geburt dein altrer
Bruder, und dieser hier ist sein Sohn. England war Gottfrieds
Recht, und dieser hat es von Gottfried ererbt; wie kommt es dann,
um Gottes willen! das du ein Konig genennt wirst, so lange
lebendiges Blut in diesen Schlafen schlagt, die einen Anspruch an
die Crone haben, welche du zur Ungebuhr tragst?
Konig Johann.
Von wem hast du diesen grossen Auftrag, Frankreich, mich zur
Antwort auf deine Fragstuke zu ziehen?
Konig Philipp.
Von diesem obersten Richter, der in koniglichen Seelen den edlen
Gedanken erwekt, gewaltthatigen und ungerechten Thaten nachzufragen.
Dieser Richter hat mich zum Beschuzer dieses Knabens gemacht;
unter seinem Schuze klag' ich deine Ungerechtigkeit an, und mit
seinem Beystand hoff' ich sie zu bestraffen.
Konig Johann.
Du massest dich eines Ansehens an, das dir nicht zukommt.
Konig Philipp.
Entschuldige es; es geschieht, um ungerechte Anmassung
niederzuschlagen.
Elinor.
Wer ist der, den du einer unrechtmasigen Anmassung beschuldigest?
Constantia.
Last mich die Antwort geben: Der anmasliche Konig, dein Sohn.
Elinor.
Hinweg, Unverschamte; dein Bastard soll Konig seyn, damit du eine
Konigin seyn, und die ganze Welt hofmeistern konnest!
Constantia.
Mein Bette war deinem Sohn immer so getreu, als das deinige deinem
Gemahl; und dieser Knabe sieht seinem Vater Gottfried gleicher als
Johann dir, ob ihr gleich an Sitten einander so gleich seyd als der
Regen dem Wasser, und der Teufel seiner Mutter. Mein Sohn ein
Bastard! Bey meiner Seele, ich glaube nimmermehr, das sein Vater
so acht war als er ist; es kann nicht seyn, wenn gleich du seine
Mutter warest.
Elinor.
Das ist eine feine Mutter, Junge, die deinen Vater beschimpft.
Constantia.
Das ist eine feine Grosmutter, Junge, die dich beschimpfen will.
Ostreich.
Stille!
Faulconbridge.
Horcht dem Ausruffer.
Ostreich.
Wer Teufel bist du?
Faulconbridge.
Einer der den Teufel mit euch spielen will, Herr, sobald er euch
und euern Uberzug* allein zu paken kriegen kan. Ihr seyd der Hase
im Spruchwort, der todte Lowen beym Bart zupft; ich will euch das
Fell einschmauchen, wenn ich euch kriege; nehmt euch in acht; in
der That, ich will, in der That.
{ed.-* Um diese und verschiedne andre in einer der folgenden Scenen
vorkommenden Spottereyen und Grobheiten, die Faulconbridge dem
Herzog von Ostreich sagt, zu verstehen, mus man wissen, das dieser
Herzog mit einer Lowenhaut umhullt auf der Buhne erscheinen mus.
Konig Richard hatte, wie man sagt, wahrend seinem beruhmten
Kreuzzug, worinn er seine personliche Herzhaftigkeit und Starke
durch eine Menge ritterlicher Thaten bewies, auch einen
ausserordentlich grossen Lowen bezwungen, und die Haut desselben,
zum Zeichen dieses Siegs, nachher allezeit getragen oder bey sich
gefuhrt. Dieser Haut bemachtigte sich der Herzog von Ostreich,
nachdem er, wie bekannt ist, den Konig Richard, durch Hinterlist
und Betrug in seine Gewalt bekommen; und soll, aus einer allerdings
lacherlichen Pralerey, selbige, als eine Beute, die er einem so
grossen Helden wie Richard abgenommen, nach dessen Tod allezeit
getragen haben.}
Blanca.
O wie wohl stuhnd dem dieser Lowen-Rok an, der dem Lowen diesen Rok
abzog!
Faulconbridge.
Er ligt so stattlich auf seinem Ruken, als des grossen Alcides
Lowenhaut auf dem Ruken eines Esels; aber, Esel, ich will euch
diese Last von euerm Ruken abnehmen, oder euch noch eine auflegen,
davon euch die Schultern krachen sollen.
Herzog.
Was fur ein Schwarmer ist das, der unsre Ohren mit einem solchen
Ubermaas von vergeblichem Athem betaubt? Konig Philipp,
entschliesset euch ohne langeres Zaudern, was wir thun wollen.
Konig Philipp.
Weiber und Narren, brecht eure Conferenz ab. Konig Johann, hier
ist mein Vortrag in wenig Worten: England, Irrland, Anjou, Touraine
und Maine fordre ich im Namen des jungen Arthurs von dir; willt du
sie abtreten, und die Waffen niederlegen?
Konig Johann.
Eher mein Leben--Ich biete dir Troz deshalb, Frankreich. Arthur
von Bretagne, begieb dich in meinen Schuz, und ich will dir aus
Liebe mehr geben, als der feige Arm von Frankreich jemals fur dich
gewinnen kan. Ergieb dich, Junge.
Elinor.
Komm zu deiner Gros-Mama, Kind.
Constantia (indem sie eine kindische Art zu reden affectirt.)
Thu's, Kind, geh zu Gros-Mama, Kind. Gieb Gros-Mama Konigreich,
und Gros-Mama giebt dem Kind ein Zukerchen, eine Kirsche, eine
Feige; es ist eine gute Gros-Mama.
Arthur.
Meine liebe Mutter, gebt euch zufrieden. Ich wollt', ich lage tief
in meinem Grab; ich bin nicht werth, das man soviel Lerms
meinetwegen mache.
Elinor.
Seine Mutter beschamt ihn so, der arme Junge, er weint.
Constantia.
Das Unrecht, das ihm seine Grosmutter zufugt, nicht die Schande die
ihm seine Mutter macht, zieht diese den Himmel ruhrenden Perlen aus
seinen armen Augen, die der Himmel als ein Schuzgeld annehmen wird;
ja mit diesen Thranen wird sich der Himmel gewinnen lassen, sich
seines Rechts anzunehmen, und euch zur Straffe zu ziehen.
Elinor.
Ungeheuer, scheuest du dich nicht, Himmel und Erde zu lastern?
Constantia.
Ungeheuer, scheust du dich nicht, Himmel und Erde zu beleidigen?
Wie kanst du mich anklagen, das ich lastre? Du und die deinigen
usurpiren die Lander, Regalien und Gerechtsame dieses unterdrukten
Waysen; es ist der Sohn deines altesten Sohns, und in nichts
ungluklich als darinn, das er von dir abstammt. Deine Sunden
werden an diesem armen Kinde heimgesucht; der Ausspruch des Gesezes
ligt auf ihm, da er nur im dritten Glied von deinem
Sundempfangenden Leib entfernt ist.
Konig Johann.
Tollhauslerin, hort auf!
Constantia.
Ich habe nur das noch zu sagen, das er nicht nur um ihrer Sunde
willen gestraft wird, sondern Gott hat ihre Sunde und sie zur
Strafe dieses entfernten Abkommlings gemacht, der um ihrentwillen
gestraft wird, und mit ihrer Strafe ihre Sunde; sein Unrecht, ihr
Unrecht, der Buttel ihrer Sunde, alles in der Person dieses Kindes
gestraft, und alles um ihrentwillen; das sie die Pest!**
{ed.-** Dieses Ungeheuer von einer aller Sprach- und Vernunftlehre
trozbietenden Rede, hat man, da ihr ohnehin nicht zu helfen ist,
von Wort zu Wort geben wollen, wie sie der Autor giebt; Deutschen
Unsinn fur Englischen Unsinn.}
Elinor.
Du unverstandiges Lastermaul, ich kan ein Testament aufweisen, das
deines Sohnes Recht entkraftet.
Constantia.
So, wer zweifelt daran? Ein Testament?--Ein falsches Testament,
ein Weiber-Testament, einer unnaturlichen Grosmutter Testament.
Konig Philipp.
Stille, Lady; schweigt oder masigt euch; es schikt sich ubel fur
diese Versammlung diesen euern ubeltonenden Wiederholungen immer
Halt zu ruffen. Last eine Trompete diese Leute von Angiers auf die
Mauern fordern; sie sollen sich erklaren, wessen Recht sie gelten
lassen wollen, Arthur's oder Johann's.
(Trompeten.)
Dritte Scene.
(Ein Burger von Angiers kommt auf die Mauern.)
Burger.
Wer ist der, der uns auf die Mauern hervorgeruffen hat?
Konig Philipp.
Es ist Frankreich, im Namen Englands.
Konig Johann.
England in seinem eignen Namen. Ihr Manner von Angiers, und meine
lieben Unterthanen--
Konig Philipp.
Ihr werthen Manner von Angiers, Arthurs Unterthanen, unsre Trompete
rief euch zu dieser gutlichen Unterredung--
Konig Johann.
In Betreff unsrer gerechten Sache; horet uns also zuerst; diese
Franzosischen Fahnen, die hier, so nah' an eurer Stadt, vor euern
Augen sich verbreiten, sind zu euerm Verderben hieher gezogen; der
Bauch ihrer Canonen ist mit Grimm angefullt, sie sind schon
gerichtet, ihren eisernen Zorn gegen eure Mauern auszuspeyen; diese
Franzosen stellen sich mit allen Zurustungen zu einer blutigen
Belagerung und einem unbarmherzigen Verfahren vor die Augen eurer
Stadt und vor eure verschlosnen Thore; und, ohne unsre Annaherung,
wurden diese schlafenden Steine, die euch umgurten, durch den Stos
ihrer Maschinen aus ihrem ruhigen Leim-Bette gerissen, und der
blutigen Gewalt ein graslicher Ruin gemacht worden seyn, auf euern
Frieden einzusturmen; aber, auf unsern Anblik, euers rechtmasigen
Konigs, (der, des Ungemachs verdoppelter Marsche nichts achtend,
herbey geeilt ist, einen machtigen Entsaz vor eure Thore zu bringen,
und die bedrauten Wangen eurer Stadt unzerkrazt zu erhalten,) seht,
die besturzten Franzosen selbst eine Unterredung antragen, und nun,
fur in Feuer gekleidete Kugeln, die ein schuttelndes Fieber in
euern Mauern machen sollten, sanfte in Rauch eingehullte Worte
losschiessen, um eure Ohren durch ein betrugliches Getone zu
bethoren; aber glaubet ihnen, wie sie es verdienen, werthe Burger,
und lasset uns, euern Konig ein, dessen mude Lebensgeister, von
dieser ubertriebnen Eile abgemattet, Herberge innert euren
Stadtmauern suchen.
Konig Philipp.
Wenn ich gesprochen habe, so antwortet uns beyden. Seht! an
dieser rechten Hand, deren Schuz durch die heiligsten Gelubde dem
Rechte dessen, den sie halt, geweyhet ist, steht der junge
Plantagenet, Sohn von dem altern Bruder dieses Mannes, und Konig
uber ihn und alles, was er inne hat. Um seines zu Boden getretnen
Rechts willen treten wir in kriegrischem Marsch diese grunen Ebnen
vor eurer Stadt, ohne einigen Vorsaz einer Feindseligkeit gegen
euch, ausser wozu uns, von eurer Widerspenstigkeit gereizt, ein
mildthatiger Eifer zur Erhaltung dieses unterdrukten Kindes, in
unserm Gewissen nothiget. Weigert euch also nicht, eine Pflicht zu
erstatten, die ihr demjenigen unleugbar schuldig seyd, der sie zu
fordern berechtigt ist, nemlich, diesem jungen Prinzen; so soll
unsern Waffen, gleich einem bemaulkorbten Baren, sicher anzusehen,
alle Beleidigung verboten seyn, die Bosheit unsrer Canonen gegen
die unverwundbaren Wolken des Himmels ausgelassen werden, und mit
einem friedsamen und ungestorten Rukzug, mit ungebrauchten
Schwerdtern und unversehrten Helmen, wollen wir dieses muthige Blut
wieder heimtragen, welches wir gegen eure Mauern auszuspeyen
gekommen waren, und eure Weiber, Kinder und euch im Frieden lassen.
Solltet ihr aber so thoricht seyn, dieses unser zuvorkommendes
Anerbieten auszuschlagen, so bildet euch nicht ein, das diese alten
Mauern euch gegen unsre Kriegs-Abgesandten schuzen werden, wenn
gleich alle diese Englander mit ihrer Macht in ihrem rauhen Umkreis
gelagert waren. Sagt uns also, will eure Stadt uns im Namen
desjenigen, fur welchen wir euch dazu auffordern, als ihren Herrn
erkennen; oder sollen wir das Zeichen zum Angriff geben, und in
Blut wattend in unser Eigenthum einziehen?
Burger.
Unsre Antwort ist kurz: Wir sind des Konigs von England Unterthanen;
fur ihn und kraft seines Rechts, haben wir diese Stadt inne.
Konig Johann.
So erkennet dann euern Konig, und lasset mich ein.
Burger.
Das konnen wir nicht; demjenigen der es beweist, das er Konig ist,
wollen wir uns als getreue Unterthanen beweisen; so lange aber
dieses nicht geschehen seyn wird, sollen unsre Thore gegen die
ganze Welt verriegelt bleiben.
Konig Johann.
Beweist nicht die Crone von England den Konig? Und wenn dieses
nicht genug ist, so bring ich euch Zeugen, zweymal funfzehntausend
Herzen voll von Englischem Blut--
Faulconbridge.
(Hurensohne und andre.)
Konig Johann.
Die bereit sind, unser Recht mit ihrem Leben zu beweisen.
Konig Philipp.
Eben so viele, und von so gutem Blut als jene--
Faulconbridge.
(Die Hurensohne auch mitgezahlt.)
Konig Philipp.
Stehen hier, ihm seine Fordrung ins Angesicht zu widersprechen.
Burger.
Bis ihr ausgemacht haben werdet, wessen Recht das vorzuglichste ist,
halten wir fur den Vorzuglichsten das Recht von beyden zuruk.
Konig Johann.
So vergebe dann Gott die Sunden aller der Seelen, die zum
furchtbaren Erweis unsers Koniglichen Titels, noch eh der Abendthau
fallen wird, in ihre ewige Wohnung geflohen seyn werden!
Konig Philipp.
Amen, Amen!--Zu Pferde, ihr Ritter, zu den Waffen!
Faulconbridge.
Sanct Georg, der den Lindwurm trillte, und seither immer zu Pferd
vor meiner Wirthin Thure sizt, helf uns aus diesem Handel!
(Zu Ostreich.)
Kerl, war ich daheim in eurer Hole, Kerl, bey eurer Lowin, ich
wollt euch einen Ochsen-Kopf auf eure Lowenhaut sezen, und ein
Ungeheuer aus euch machen.
Ostreich.
Still, nichts mehr!
Faulconbridge.
O zittre, du horst den Lowen brullen.
Konig Johann (zu Faulconbridge.)
Wir wollen weiter in die Ebne vorruken, um unsre Regimenter besser
ausbreiten und stellen zu konnen.
Faulconbridge.
So macht fein geschwinde, das ihr den Vortheil des Plazes gewinnt.
Konig Philipp (zu Ostreich, mit dem er vorher leise gesprochen.)
Gut; die ubrigen last auf dem andern Hugel sich sezen. Gott und
unser Recht!
(Sie gehen ab.)
Vierte Scene.
(Man blast zum Angriff; beyde Armeen werden handgemein, Gefecht;
endlich tritt der Herold von Frankreich mit Trompeten vor das Stadt-
Thor.)
Franzosischer Herold.
Ihr Manner von Angiers, offnet eure Thore weit, und last den jungen
Arthur, Herzog von Bretagne, ein, der durch Frankreichs Hand an
diesem Tag manchen Englischen Muttern Stoff zu Thranen gegeben hat;
ihre Sohne ligen auf dem blutigen Grunde verzettelt, und mancher
Wittwe Mann krummt sich im Staub, und umfast mit kalten Armen die
blutgefarbte Erde; indes das der wohlfeil-erkaufte Sieg um die
tanzenden Paniere der Franzosen scherzt, die in triumphierender
Unordnung bey der Hand sind, als Sieger einzuziehen, und Arthur von
Bretagne zu Englands und euerm Konig auszuruffen.
(Ein Englischer Herold tritt mit Trompeten auf.)
Englischer Herold.
Freuet euch, ihr Manner von Angiers, lautet eure Gloken; Konig
Johann, euer und Englands Konig, ist im Anzug, als Meister von
diesem heissen blutigen Tage. Die Rustungen derer, die diesen
Morgen in so hellem Silberglanz vor euch vorbeyzogen, kehren alle
in Franzosischem Blute verguldet zuruk; nicht ein einziger
Federbusch, der auf einem Englischen Helme winkte, ist von einem
Franzosischen Speer abgeschlagen worden; unsre Fahnen kommen in den
nemlichen Handen wieder, die sie entfalteten als wir auszogen, und
gleich einem lustigen Truppen Jager, kommen unsre frolichen
Englander, alle mit bepurpurten Handen zuruk, in dem Lebensblut
ihrer sterbenden Feinde gefarbt. Offnet eure Thore, und last die
Sieger einziehen.
Burger.
Ihr Herolde, wir haben von unsern Thurmen euerm ganzen Gefecht, vom
Angriff bis zum Abzug zusehen konnen; unsre scharfsten Augen haben
keinen Vorzug oder Vortheil auf einen von beyden Partheyen entdeken
konnen; Blut hat Blut erkauft, und Streiche haben Streichen
geantwortet; Starke, Muth, Dapferkeit und Gluk waren auf beyden
Seiten gleich. So sind auch wir gegen beyde, bis einer der
Grosseste bleibt; so lange sie so im Gleichgewicht stehen, halten
wir unsre Stadt fur keinen, sondern fur beyde.
Funfte Scene.
(Die beyden Konige mit ihrem Heer treten auf verschiednen Seiten
auf.)
Konig Johann.
Frankreich, hast du noch mehr Blut wegzuwerfen? Sprich, willt du
dem Strom unsers Rechts seinen friedfertigen Lauf lassen; oder soll
er von dir gestort, aus seinem naturlichen Canal hervorschwellen,
und deine angrenzenden Ufer uberstromen?
Konig Philipp.
England, du hast in diesem hizigen Wettkampf nicht einen einzigen
Tropfen Bluts mehr zurukgebracht als wir; eher hast du mehr
verlohren. Und ich schwore bey dieser Hand, die diesen
weitgrenzenden Erdstrich beherrschet; eh wir diese gerechten Waffen
niederlegen, wollen wir dich, gegen den wir sie tragen, in den
Staub niederlegen, oder selbst die Zahl der Todten mit einem
koniglichen Schatten vermehren!
Faulconbridge.
Ha! Majestat!--Wie hoch steigt dein Stolz, wenn das goldne Blut
der Konige in Feuer gesezt wird! Oh, nun futtert der Tod seine
morschen Kinnbaken mit Stahl, Schlachtschwerdter sind seine Zahne
und Griffe, und nun schmaust er und frist sich, indes das die
Konige hadern, an Menschenfleisch satt. Warum stehen diese
koniglichen Linien so unbeweglich? Ruft zum Angriff, ihr Konige;
zuruk in das blutbeflekte Feld, ihr gleichmachtigen Fursten, ihr
Feuer-sprudelnden Geister! Last die Niederlage des einen Theils
den Frieden des andern bekraftigen. Bis dahin Streiche, Blut und
Tod!
Konig Johann.
Fur wessen Parthey erklaren sich nun die Leute in der Stadt?
Konig Philipp.
Sprecht, ihr Burger; wen erkennt ihr fur euern Konig?
Burger.
Den Konig von England, sobald wir ihn kennen.
Konig Philipp.
Erkennt ihn in Uns, die wir hier sein Recht verfochten haben.
Konig Johann.
In Uns, die wir unser eigner grosser Abgeordneter sind, und im
Besiz unsrer eignen Person uns hier befinden, Herr von unsrer
Gegenwart, von Angiers, und von euch.
Burger.
Eine grossere Macht, als die eurige, widerspricht all dieses, und
bis sie ausser allem Zweifel ist, schliessen wir unsre erste
Bedenklichkeit in unsre stark verrigelte Thore ein. Konige sind
unsre Furcht, so lange bis unsre Furcht von einem gewissen Konige
aufgelost, gereinigt und ausgetrieben seyn wird.
Faulconbridge.
Diese unverschamten Gesellen von Angiers spotten eurer, ihr Konige,
und stehen sicher auf ihren Zinnen, wo sie wie auf einem
Amphitheater, unsern arbeitvollen Todes-Scenen und Aufzugen mit
weitoffnen Augen und richtendem Blik zusehen. Last euch von mir
rathen, ihr Konige; seyd gleich den Aufruhrern von Jerusalem eine
Weile Freunde, und vereinigst eure ausserste Macht wider diese
Stadt. Last Frankreich von Osten, und England von Westen ihre bis
an die Mundung gefullte Canonen wider sie richten, bis ihr Seele-
schrekendes Geschrey die steinernen Rippen dieser trozigen Stadt zu
Boden geklafft hat; ich wollte unverzuglich auf diese Schindmahren
spielen, bis die Verwustung ihnen keine andre Schuzwehr als die
umgebende Luft ubrig liesse. Wenn dieses geschehen ist, dann
trennt eure vereinbarte Macht wieder, sondert eure vermengten
Fahnen ab, und sezet Antliz gegen Antliz, und Schwerdt gegen
Schwerdt. Dann wird Fortuna in einem Augenblik aus einem von
beyden Theilen ihren gluklichen Gunstling auswahlen, dem sie die
Ehre dieses Tages zuwenden, und den sie mit einem glorreichen Siege
kussen wird. Wie gefallt euch dieser wilde Rath, machtige Fursten?
Schmekt er nicht ein wenig nach der Politik?
Konig Johann.
Nun bey dem Himmel, der uber unsern Hauptern hangt, er gefallt mir.
Frankreich, last uns unsre Krafte vereinbaren, und dieses Angiers
dem Erdboden gleich machen; dann wollen wir erst durch die Waffen
ausmachen, wer Konig davon seyn soll?
Faulconbridge (zu Frankreich.)
Und wenn du anders die Empfindlichkeit eines Konigs hast, so richte,
da du eben so sehr als wir selbst von dieser halsstarrigen Stadt
beleidigt worden bist, den Rachen deiner Artillerie, wie wir der
unsrigen, gegen diese trozigen Mauern; und wenn wir sie zu Boden
geschmettert haben, nun, dann konnt ihr's mit einander aufnehmen,
und einander, wie es kommt, gen Himmel oder in die Holle schiken.
Konig Philipp.
So wollen wir's machen; saget, wo wollt ihr angreiffen?
Konig Johann.
Wir wollen von Westen Zerstorung in den Busen dieser Stadt senden.
Ostreich.
Ich von Norden.
Konig Philipp.
Unser Donner soll von Suden einen Hagel von Kugeln auf diese Stadt
regnen.
Faulconbridge (leise.)
Eine weise Einrichtung! Von Norden zu Suden; Ostreich und
Frankreich werden einander ins Gesicht schiessen. Ich will sie
dazu aufreizen;
(laut;)
kommt, hinweg, hinweg!
Burger.
Hort uns, grosse Konige; last euch gefallen noch einen Augenblik zu
verweilen, und ich will euch einen Vorschlag zum Frieden und zu
einem annehmlichen Verglich thun. Gewinnet lieber diese Stadt ohne
Wunden, und lasset diese Kriegsmanner, die als Schlachtopfer auf
den Wahlplaz hieher gekommen sind, ihr Leben wieder nach Hause
tragen, und in ihren Betten sterben. Verharret nicht auf euerm
Vorsaz, sondern horet mich, grosse Konige.
Konig Johann.
Redet, wir erlauben es, und wollen horen.
Burger.
Diese Infantin von Spanien, Lady Blanca, ist nahe mit England
verwandt; betrachtet den jungen Ludwig, den Dauphin, und dieses
liebenswurdige Madchen. Wenn wollustige Liebe auf die Jagd der
Schonheit ausgehen wollte, wo konnte sie solche schoner finden, als
in Lady Blanca? Wenn keusche Liebe gehen wollte, die Tugend
aufzusuchen, wo konnte sie solche reiner finden, als in Lady
Blanca? Wenn ehrsuchtige Liebe ein Bundnis mit hohem Stande machen
will, in welchen Adern rinnt ein edler Blut als in Lady Blanca's?
So wie sie an Schonheit, Tugend und Geburt ist, so vollkommen ist
der junge Dauphin, in jedem Stuke; soll er nicht vollkommen seyn, o,
so sagt nur, er ist nicht sie; so wie ihr nichts anders mangelt,
(wenn das ein Mangel heissen kan,) als das sie nicht er ist. Er
ist die Helfte eines vollkommnen Mannes, bestimmt, durch eine
solche Sie vollendet zu werden; und sie eine schone getheilte
Vortreflichkeit, deren vollstandige Vollkommenheit in ihm ligt. O!
zween solche Silberstrome, wenn sie sich vereinigen, machen die
Ufer worinn sie zusammenfliessen, zu Paradiesen. Diese Vereinigung
soll mehr uber unsre festverschlosnen Thore vermogen als Batterien;
denn sobald ihr dieses Bundnis beschlossen haben werdet, soll sich
der Mund des Zugangs, schneller als der Bliz des Pulvers ihn mit
Gewalt eroffnen konnte, von freyen Stuken weit aufthun, euch
einzulassen; aber ohne dieses Bundnis, ist die ergrimmte See nicht
halb so taub, sind Lowen nicht halb so unerschroken, und Berge und
Felsen so unbeweglich; nein, der Tod selbst ist in seiner
verderblichen Wuth nicht halb so unerbittlich, als wir, diese Stadt
zu behaupten.
Faulconbridge.
Das ist ein Redner, der das faule Gerippe des Todes aus seinen
Lumpen herausschuttelt. Das ist ein grosses Maul, in der That, das
Tod und Berge, Felsen und Seen ausspeyt, und von brullenden Lowen
so vertraulich spricht, als Madchen von dreyzehn Jahren von
Schooshundchen. Was fur ein Constabel zeugte dieses lustige Blut?
Er spricht lauter Canonen-Feuer, Rauch und Knall; er giebt Prugel-
Suppe mit seiner Zunge; unsre Ohren kriegen Stokschlage; er sagt
nicht ein Wort, das nicht eine derbere Maulschelle giebt als eine
Franzosische Faust. Zum Henker! Ich bin nie so mit Worten
abgeplaut worden, seit ich meines Bruders Vater Papa genennt habe.
Elinor (zu Konig Johann, leise.)
Sohn, gieb diesem Vorschlag Gehor, geh dieses Bundnis ein, und gieb
ihnen mit unsrer Nichte eine Morgengabe, womit sie zufrieden seyn
konnen; denn durch dieses Band kanst du dein izt wankendes Recht an
die Crone so feste machen, das jener grune Bube keine Sonne haben
wird, um die Bluthe zu zeitigen, die eine machtige Frucht
verspricht. Ich sehe Nachgiebigkeit in Frankreichs Bliken; sieh,
wie sie einander zuflustern; fasse sie bey diesem Augenblik, da
ihre Seelen fahig sind, sich durch die Hoffnung einer vergrosserten
Macht bestechen zu lassen, sonst mocht' ihr Eifer fur Arthurs Sache,
der izt durch den lauen Athem von sanften Bitten, Mitleiden und
Bedenklichkeiten aufgeschmelzt worden, wieder erkalten, und zu der
vorigen Harte gefrieren.
Burger.
Was antworten Eure Majestaten auf den gutlichen Vorschlag unsrer
bedrauten Stadt?
Konig Philipp.
Sprecht zuerst, England, da ihr der erste waret, der seinen Antrag
an diese Stadt machte; was ist eure Gesinnung?
Konig Johann.
Wofern der hier gegenwartige Dauphin, dein koniglicher Sohn, in
diesem Buche der Schonheit lesen kan, ich liebe; so soll ihre
Mitgift soviel wagen als eine Konigin; denn Anjou, und das schone
Touraine, Maine, Poitou, und alles, was (diese belagerte Stadt hier
ausgenommen,) auf dieser Seite des Meers unsrer Crone einverleibt
ist, soll ihr Braut-Bette vergulden, und sie an Titeln, Wurden und
Gutern so reich machen, als sie an Geburt, Erziehung und Schonheit,
jeder andern Princesin in der Welt die Wage halt.
Konig Philipp.
Was sagst du denn, Junge? Sieh der Princesin ins Gesicht.
Ludwig.
Ich thu es, Sire, und ich find' in ihren Augen ein Wunderwerk, oder
doch eine wunderbare Erscheinung, meinen eignen Schatten in ihren
Augen abgebildet, der, ob er gleich nur der Schatten euers Sohnes
ist, eine Sonne wird, und euern Sohn zu einem Schatten macht. Ich
versichre euch, ich liebte mich selbst noch nie bis izt, da ich
mich selbst in der schmeichelnden Tafel ihres Auges abgerissen
finde.
Blanca (zu Ludwig.)
Meines Oheims Wille ist in dieser Sache der meinige; was er nur
immer an euch sehen mag, das ihm gefallt, dieses Etwas, das ihm
gefallt, kan ich ohne Muhe zu meinem Willen ubertragen; oder, um
eigentlicher zu reden, wenn ihr wollt, kan ich es leicht meiner
Liebe aufnothigen. Milord, ohne euch uber alles was ich
liebenswurdiges an euch sehe, zu schmeicheln, will ich nur soviel
sagen, das ich nichts an euch sehe, was, wenn gleich die Tadelsucht
selbst Richter seyn sollte, einiges Hasses wurdig ware.
Konig Johann.
Was sagen diese jungen Leute? Was sagt ihr, meine Nichte?
Blanca.
Das ihre Ehre sie verbindet, alles zu thun, was eurer Klugheit ihr
zu befehlen belieben wird.
Konig Johann.
Redet dann, Prinz Dauphin, konnt ihr diese Lady lieben?
Ludwig.
Fragt mich vielmehr, ob es mir moglich sey, sie nicht zu lieben;
denn ich liebe sie im hochsten Grade.
Konig Johann.
So geb' ich dir also Volquessen, Touraine, Maine, Poitiers und
Anjou, diese funf Provinzen, mit ihr; und uber dieses noch die
volle Summe von dreysigtausend Mark Englischen Geldes. Philipp von
Frankreich, wenn du damit zufrieden bist, so befiehl deinem Sohn
und deiner Tochter einander die Hande zu geben.
Konig Philipp.
Wir sind es vollkommen zufrieden, ihr jungen Prinzen, vereinigst
eure Hande.
Ostreich.
Und eure Lippen dazu; denn ich erinnre michs noch wohl das ich es
so machte, wie ich das erstemal versprochen wurde.
Konig Philipp.
Nun, ihr Burger von Angiers, offnet eure Thore, um die Freundschaft
einzulassen die ihr gestiftet habt, damit ohne Verzug diese
Vermahlung in St. Martins Capelle sollennisirt werden konne. Ist
die Lady Constantia nicht in dieser Gesellschaft? Doch sie kan
nicht hier seyn; ihre Gegenwart wurde diesem neugeschlosnen
Verglich ein starkes Hindernis in den Weg gelegt haben. Wo ist sie,
und ihr Sohn, wer kan es mir sagen?
Ludwig.
Sie sizt voll Traurigkeit und Unwillen in Eurer Majestat Gezelt.
Konig Philipp.
Bey meiner Ehre, dieses Bundnis das wir getroffen haben, wird ihrer
Schwermuth wenig Lindrung geben. Bruder von England, wie konnen
wir diese Furstliche Wittwe zufrieden stellen? Zu Behauptung ihres
Rechts sind wir gekommen, und nun haben wir uns, Gott weis es, zu
unserm eignen Vortheil, auf eine andre Seite gedreht.
Konig Johann.
Wir wollen alles gut machen; denn wir wollen den jungen Arthur zum
Herzog von Bretagne und Grafen von Richmond ernennen, und ihn
uberdis zum Herrn dieser schonen reichen Stadt machen. Ruffet die
Lady Constantia; ladet sie eilfertig zu unsrer Feyrlichkeit ein;
wenn wir gleich nicht das ganze Maas ihres Willens erfullen, so
werden wir sie doch in gewissem Maasse befriedigen, und wenigstens
ihren Ausruffungen den Mund stopfen. Izt last uns zu Vollziehung
dieser unvorgesehnen und unvorbereiteten Solennitat keine Zeit
verliehren.
(Alle gehen ab, bis auf Faulconbridge.)
Sechste Scene.
Faulconbridge.
Narrische Welt! narrische Konige! narrisches Zeug zusammen!
Johann, um Arthurn sein Recht zum Ganzen zu benehmen, begiebt sich
freiwillig eines Theils; und Frankreich, dem das Gewissen seine
Rustung angeschnallt, den Eifer und Christliche Liebe als Gottes
eignen Waffentrager ins Feld gefuhrt, last sich nun von diesem
Vorsaz-Andrer entwafnen, diesem schlauen Teufel, diesem Makler,
der immer der Treue den Hals bricht, diesem taglichen Eidbrecher,
der alle Menschen verfuhrt, Konige, Bettler, Alte, Junge, und der
die Madchen selbst, die sonst nichts ausserliches zu verliehren
haben als das Wort Madchen, die armen Dinger auch um das betrugt;
diesem glattmaulichten Stuzer, diesem kizelnden Schmeichler,
Interesse--Interesse, der die ganze Welt aus ihrem ebnen
naturlichen Lauf heraushebt, und ohne alle gerade Richtung, Absicht
und Regel forttreibt. Und eben dieses Interesse, diese Kupplerin,
dieser Makler, dieser allesverwandelnde Zauberer, auf das Auge des
wankelmuthigen Philipps geplakt, hat ihn von seinem festgesezten
Endzwek, von einem beschlosnen und ehrenvollen Krieg, zu einem
hochst schimpflichen und niedertrachtigen Frieden gezogen--Und
warum ziehe ich wider dieses Interesse los, als weil es noch bisher
nicht um mich gebuhlt hat; nicht, weil ich die Starke hatte die
Hand zuzuschliessen, wenn seine schonen Engel mir die ihrige
darreichen wurden; sondern weil meine Hand, die noch immer leer
gelassen worden, gleich einem armen Bettler uber die Reichen
schmahlt. Wohl dann, so lang ich ein Bettler bin, will ich uber
die Reichen schmahlen, und sagen, es sey keine grossere Sunde als
reich seyn: Und wenn ich reich bin, dann soll meine Tugend darinn
bestehen, das ich behaupte, es sey kein Laster als Durftigkeit.
Wenn Konige selbst ihren Eid aus Eigennuz brechen, so sey du mein
Gott, Gewinnst; denn dir allein will ich dienen.
(Er geht ab.)
Dritter Aufzug.
Erste Scene.
(Des Franzosischen Konigs Gezelt.)
(Constantia, Arthur und Salisbury, treten auf.)
Constantia.
Gegangen, um sich zu vermahlen? Um einen Frieden zu schworen?
Treuloses Blut mit treulosem Blut vereinigt! Gegangen, um Freunde
zu seyn? Ludwig soll Blanca haben, und Blanca diese Provinzen? Es
ist nicht so, du hast dich verredet, du hast nicht recht gehort; es
kan nicht seyn, du sagst nur, es sey so; ich bin versichert das du
nicht die Wahrheit sagst, denn dein Wort ist nur der eitle Athem
eines gemeinen Mannes. Glaube mir, Mann, ich glaube dir nicht, ich
habe den Eid eines Konigs fur das Gegentheil; du sollt dafur
gestraft werden, das du mich so erschrekt hast; denn ich bin krank,
und leicht in Furcht zu sezen; mishandelt und unterdrukt, und also
voller Furcht; eine Wittwe ohne Mann, ohne Beschuzer, also der
Furcht unterworffen; ein Weibsbild, von Natur zur Furchtsamkeit
gebohren; und wenn du izt gleich bekennen wurdest, das du nur
gescherzt habest, so konnte ich doch meine in Unordnung gebrachten
Lebensgeister nicht sogleich wieder beruhigen, sondern sie werden
diesen ganzen Tag zittern und schaudern. Was soll dieses
Kopfschutteln bedeuten? Warum siehst du meinen Sohn so traurig an?
Warum legst du die Hand auf deine Brust? Warum diese Thranen, die
wie ein aufgeschwollner Bach uber ihre Ufer sturzen? Sind diese
schwermuthigen Seufzer Bekraftigungen deiner Worte? So sprich noch
einmal, nicht deine vorige Erzahlung, sondern nur dis einzige Wort,
ob deine Erzahlung wahr ist oder nicht?
Salisbury.
So wahr als ihr Ursache habt, diejenige fur falsch zu halten,
welche schuld an der Wahrheit meiner Aussage sind.
Constantia.
Oh, wenn du mich lehrst diese kummervolle Zeitung zu glauben, so
lehre diese kummervolle Zeitung wie sie mich todten soll, damit ihr
Glaube und mein Leben so an einander stossen, wie die Wuth von
zween ergrimmten Mannern, die in dem Augenblik da sie auf einander
treffen, fallen und sterben. Ludwig vermahlt sich mit Blanca? O
Junge, was bist dann du? Frankreich, Freund von England? Was wird
dann aus mir? Geh, Mann, ich kan deinen Anblik nicht ausstehen
diese Zeitung hat dich zu einem abscheulichen Mann gemacht.
Salisbury.
Was habe ich dann Ubels gethan, gute Lady, als das Ubel
anzuzeigen, das andre gethan haben?
Constantia.
Welches aber an sich selbst so scheuslich ist, das es alle die nur
davon reden abscheulich macht.
Arthur.
Ich bitte euch, Mutter, gebt euch zufrieden.
Constantia.
Wenn du, der mich zufrieden seyn heist, haslich warest, ungestalt,
und deiner Mutter Leibe schimpflich, voller Fleken und ekelhafter
Finnen, lahm, albern, buklicht, krummbeinicht, ungeheuer, und mit
Kraze und Eiterbeulen uberdekt; dann wollt' ich mich nicht
bekummern, dann wollt' ich mich zufrieden geben; denn alsdann wurd'
ich dich nicht lieben, nein, noch wurdest du deiner hohen Geburt
werth seyn, und eine Crone verdienen. Aber du bist schon, und
Natur und Gluk haben bey deiner Geburt, du theurer Knabe, sich
vereiniget, dich gros zu machen. Wie die Natur dich begabt hat,
kanst du mit Lilien und halb entfalteten Rosen um den Vorzug
streiten. Aber das Gluk! oh sie ist treulos worden, sie ist von
dir abgefallen, halt stundlich mit deinem Oheim zu, und hat mit
ihrer goldnen Hand Frankreich an sich gerissen, und dahin gebracht,
die Ehre der unumschrankten Herrschaft in den Staub zu treten, und
seine Majestat zu ihrer Kupplerin zu machen. Frankreich ist eine
Kupplerin zwischen dem Gluk und Johann, dem Gluk, dieser ehrlosen
Meze, und diesem rauberischen Johann. Sag mir, Bursche, ist
Frankreich nicht meineidig? Vergift' ihn mit Worten, oder geh
deines Weges, und las mich allein bey diesen Krankungen, die ich
allein tragen mus.
Salisbury.
Verzeihet mir, Madam, ich darf nicht ohne euch zu den Konigen zuruk
kommen.
Constantia.
Du darfst, du sollst, ich will nicht mit dir gehen; ich will meinen
Schmerz lehren stolz zu seyn; denn Schmerz ist stolz, und macht
seinen Besizer eigensinnig. Zu mir, und zu dem Hofstaat meines
grossen Kummers mogen die Konige sich versammeln; denn mein Kummer
ist so gros, das nichts als die unbewegliche gigantische Erde ihn
unterstuzen kan; hier siz' ich und mein Schmerz; hier ist mein
Thron, sage den Konigen, das sie kommen und sich vor ihm buken.
(Sie sezt sich auf den Boden.)
Zweyte Scene.
(Konig Johann, Konig Philipp, Ludwig, Blanca, Elinor,
Faulconbridge und Ostreich.)
Konig Philipp.
Es ist wahr, schone Tochter; und dieser gesegnete Tag soll auf ewig
in Frankreich festlich seyn. Diesen Tag feyrlicher zu machen, halt
die glorreiche Sonne in ihrem Lauf inne, und spielt den Alchymisten,
indem sie durch den Glanz ihres funkelnden Auges die magre
klumpichte Erde in schimmerndes Gold verwandelt. Der jahrliche
Kreislauf, der diesen Tag wiederbringt, soll ihn nie anders als
einen Fest-Tag sehen.
Constantia (indem sie aufsteht.)
Ein ungluklicher Tag, und nicht ein Fest-Tag! Was hat dieser Tag
verdient? Was hat er gethan, das er mit goldnen Buchstaben unter
die heiligen Zeiten in den Calender gesezt werden soll? Nein,
stost ihn vielmehr aus der Woche aus, diesen Tag der Schande, der
Unterdrukung und des Meineids; oder wenn er ja stehen bleiben mus,
so last schwangre Frauen beten, das sie ihrer Burde nicht an diesem
Tag entbunden werden; last, ausser an diesem Tag, den Seefahrer
keinen Schiffbruch furchten, und keinen Vertrag gebrochen werden,
der nicht an diesem Tage gemacht worden; ja, alles was an diesem
Tage angefangen wird, nehm' ein unglukliches Ende, und die Treue
selbst verwandle an ihm sich in Falschheit und Betrug!
Konig Philipp.
Beym Himmel, Lady, ihr habt keine Ursache die freudigen Begegnisse
dieses Tages zu verwunschen; hab ich euch nicht meine Majestat zum
Unterpfand gegeben?
Constantia.
Ihr habt mich mit einer nachgemachten Majestat betrogen, die,
sobald sie auf den Probstein gestrichen worden, sich falsch
befunden hat; ihr seyd meineidig, meineidig seyd ihr; ihr kam't in
Waffen, meiner Feinde Blut zu vergiessen, und vermischet und
verstarket es nun mit dem eurigen. Freundschaft und geschminkter
Friede haben den Plaz der kuhnen Streitbegierde und des edeln
kriegrischen Zorns genommen, und unsre Unterdrukung ist zum Sigel
dieses Bundes gemacht worden. Waffnet, waffnet euch, ihr
himmlischen Machte, wider diese meineidigen Konige; eine Wittwe
ruft: Sey mein Gemahl, o Himmel! Las diesen Ungottlichen Tag sich
nicht im Frieden schliessen; sondern sende, eh die Sonne
untergegangen seyn wird, bewaffnete Zwietracht zwischen diese
treulosen Konige. Hore mich, o hore mich!
Ostreich.
Lady Constantia, gebt euch zufrieden.
Constantia.
Krieg, Krieg, keinen Frieden; Frieden ist Krieg fur mich. O
Lymoges, o Ostreich! du schandest diesen edeln Raub, womit du
pralest! du Sclave, du Elender, du Memme, du kleiner Hasenritter,
in nichts gros als in Niedertrachtigkeit, und nie herzhaft als wenn
du dich hinter die starkste Parthey verbergen kanst; du Ritter der
Fortuna, der nie ficht, wenn dieses wetterlaunische Fraulein nicht
neben dir steht, und dir Burge fur deine Sicherheit ist; du bist
auch meineidig, und schmeichelst den Grossen. Was fur ein Narr
bist du, fur ein kriechender Narr, zu pralen und zu stampfen und zu
schworen, das du meine Parthey halten wollest; du kaltherziger
Sclave, hast du nicht wie ein Donner an meiner Seite gesprochen?
Geschworen, das du die Waffen fur mich fuhren wollest, und mich
ermahnet, mich deinem Gluke und deiner Starke anzuvertrauen? Und
nun trittst du auch zu meinen Feinden uber? du, eine Lowen-Haut
tragen? herab damit, wenn du noch eine Schaam in dir hast, und
hang' ein Kalbsfell um diese ehrlosen Schultern.
Ostreich.
O das ein Mann mir das sagte!
Faulconbridge.
Und hang' ein Kalbsfell um diese ehrlosen Schultern.
Ostreich.
Untersteh dich das zu sagen, Schurke, wenn dir dein Leben lieb ist.
Faulconbridge.
Und hang' ein Kalbsfell um diese treulosen Schultern.
Ostreich.
Mich daucht, Richards Stolz und Richards Fall sollt' eine Warnung
fur euch seyn, Herr.
Faulconbridge.
Was fur Worte sind das? Wie schwanken meine Sehnen! Meines Vaters
Feind in meines Vaters Raub gehullt! Wie flustert mir Alecto ins
Ohr: Zogre nicht, Richard, schlage den nichtswurdigen Kerl zu Boden,
zieh ihm dieses unvergleichliche Ehrenzeichen ab, das Denkmal des
Triumphs deines Vaters uber die Wilden--Nun bey seiner Seele
schwore ich, bey meines Vaters Seele, ich will nicht zweymal die
Sonne aufgehen sehen, bis ich dieses Siegeszeichen von deinem Ruken
gezogen, und dir das Herz davor zerschmettert habe, das du dich
unterstanden es zu tragen.
Konig Johann.
Hore auf, du misfallst uns mit solchen Reden, und vergissest dich
selbst.
Dritte Scene.
(Pandolph zu den Vorigen.)
Konig Philipp.
Hier kommt der heilige Legat des Papsts.
Pandolph.
Heil euch, ihr gesalbten Stadthalter des Himmels! An dich, Konig
Johann, geht meine heilige Gesandtschaft. Ich, Pandolph, Cardinal
Erz-Bischof von Meiland, und Legat des Papsts Innocentius allhier,
frage dich in seinem Namen auf dein Gewissen, warum du gegen die
Vorrechte der Kirche, unsrer heiligen Mutter, den erwahlten Erz-
Bischof von Canterbury, Stephan Langton, so vorsezlicher und
gewaltthatiger Weise von diesem heiligen Stuhl zurukstossest?
Dieses ists, was in unsers vorbesagten heiligsten Vaters, Papsts
Innocentius, Namen, ich dich fragen soll.
Konig Johann.
Was fur ein irdischer Name kan den freyen Athem geheiligter Konige
zu Fragstuken anhalten? Du kanst keinen schlechtern, unwurdigern
und lacherlichern Namen erdenken, Cardinal, um mich zu einer
Antwort zu vermogen, als des Papsts seinen. Sag ihm das, und seze
noch dieses aus Englands Mund hinzu, das wir nicht gestatten werden,
das ein Italianischer Priester Zehnden oder Zoll in unsern
Gebieten einziehe; sondern, so wie wir in unsern Reichen, unter dem
Himmel das oberste Haupt sind, so wollen wir auch unter ihm, diesem
grossen Oberherrn, allein und ohne Beyhulf einer sterblichen Hand,
dieses unser Ansehen behaupten. Sagt das dem Papst, mit
Beyseitsezung aller Ehrfurcht gegen ihn und seine anmasliche
Autoritat.
Konig Philipp.
Bruder von England, ihr lastert indem ihr so sprecht.
Konig Johann.
Ob gleich ihr und alle Konige der Christenheit euch von diesem
unruhigen Priester auf eine grobe Art hintergehen last, das ihr
einen Fluch furchtet, der sich mit Geld abkauffen last, und durch
das Verdienst von abschazigem Gold, Quark, Staub, verfalschten
Ablas von einem Menschen erkauft, der bey diesem Handel den Ablas
sich selber abkauft, ob gleich ihr und alle ubrigen, euch so grob
betrugen last, diesen heiligen Taschenspieler mit Einkunften zu
uberhauffen; so hab ich doch Muth, ich allein, mich dem Papst
entgegenzusezen, und halte seine Freunde fur meine Feinde.
Pandolph.
So sey dann du, kraft der rechtmasigen Gewalt die ich habe, mit dem
Fluch und Bann der Kirche belastet; und gesegnet soll der seyn, der
sich wider seine Lehenspflicht gegen einen Kezer emport; und
verdienstlich soll die Hand genennt werden, canonisirt und als
heilig verehrt, die, durch was fur ein Mittel es auch sey, dir dein
verfluchtes Leben nimmt.
Constantia.
O las es erlaubt seyn, das mir Rom eine Weile Plaz mache, ihm zu
fluchen. Guter Vater Cardinal, sprich du Amen zu meinen Fluchen;
denn ohne eine Krankung, wie die meinige, ist keine Zunge, die
Gewalt hat, ihm recht zu fluchen.
Pandolph.
Hier, Lady, ist die gesezmasige Vollmacht, die meinen Fluch
rechtmasig macht.
Constantia.
Ist es der meinige minder? Wenn das Gesez kein Recht thun kan, so
last rechtmasig seyn, das das Gesez kein Unrecht hindre; das Gesez
kan meinem Kinde hier sein Konigreich nicht geben; denn der, der
von seinem Konigreich Meister ist, ist Meister vom Gesez; da nun
das Gesez selbst vollkommnes Unrecht ist, wie kan das Gesez meiner
Zunge verbieten zu fluchen?
Pandolph.
Philipp von Frankreich, wenn du nicht selbst in den Bann fallen
willst, so las die Hand dieses Erz-Kezers fahren, und biete die
ganze Macht von Frankreich wider ihn auf, es ware dann, das er sich
unter Rom demuthigte.
Elinor.
Wirst du blas, Frankreich? Las deine Hand nicht gehen.
Constantia.
Habe Sorge, Teufel, damit Frankreich sich nicht andre, und durch
Zurukziehung seiner Hand die Holle eine Seele verliehre.
Ostreich.
Konig Philipp, gieb dem Cardinal Gehor.
Faulconbridge.
Und hang' ein Kalbsfell um seine ehrlosen Schultern.
Ostreich.
Gut, Galgenschwengel, ich mus diese Beleidigungen einsteken, weil--
Faulconbridge.
deine Hosen weit genug dazu sind, sie zu tragen.
Konig Johann.
Konig Philipp, was sagst du zu dem Cardinal?
Constantia.
Was kan er anders sagen, als wie der Cardinal.
Ludwig.
Bedenket euch, Vater; die Frage ist, ob ihr euch den schweren Fluch
von Rom, oder den leichten Verlust von Englands Freundschaft
zuziehen wollt; wahlet das leichteste Ubel.
Blanca.
Das ist Rom's Fluch.
Constantia.
Ludwig, halte fest; der Teufel versucht dich hier in Gestalt einer
schmuken jungen Braut.
Konig Johann.
Der Konig ist unruhig, und giebt keine Antwort.
Constantia (zu Philipp.)
O entfernt euch von ihm, und antwortet recht.
Ostreich.
Thut das, Konig Philipp, hangt nicht langer im Zweifel.
Faulconbridge.
Hang nichts als ein Kalbsfell, du allerangenehmste Laus.
Konig Philipp.
Ich bin ganz in Verwirrung, und weis nicht was ich sagen soll.
Pandolph.
Die Verwirrung wurde noch grosser seyn, wenn du exkomunicirt und
verflucht wurdest.
Konig Philipp.
Guter ehrwurdiger Vater, sezet euch an meine Stelle, und saget mir,
was ihr thun wurdet? Diese konigliche Hand und die meinige sind
nur erst zusammengefugt, und eine innerliche Vereinigung unsrer
Seelen durch ein feyrliches Bundnis und die ganze Starke
geheiligter Eydschwure unaufloslich gemacht worden. Der lezte
Athem, den unsre Lippen zu Worten bildeten, war festgeschworne
Treue, Friede, Freundschaft und aufrichtige Liebe zwischen uns und
unsern Konigreichen. Und unmittelbar vor diesem Friedenschlus,
nicht langer als das wir zu Beschworung desselben die Hande waschen
konnten, waren sie, der Himmel weis es, mit neuvergosnem Blut
beflekt. Und sollen nun diese Hande, die nur erst davon gereiniget,
nur erst in Freundschaft zusammengefugt worden, sich wieder
trennen, die beschworne Treue brechen, und des Himmels spotten?
Sollen wir so unbestandige Kinder aus uns selbst machen, einen
Augenblik darauf wieder unsre Hande zurukzuziehen? Soll die
beschworne Treue wieder abgeschworen, und das Brautbette des
lachelnden Friedens von blutigem Krieg zertreten werden? O
heiliger Mann, mein ehrwurdiger Vater, last es nicht so seyn!
Erfindet, rathet, schlaget einen gelindern Weg vor, und wir wollen
uns gluklich schazen, euch zu willfahren und Freunde zu bleiben.
Pandolph.
Alle Form ist unformlich, und jeder Weg ein Irrweg, der nicht der
Freundschaft mit England entgegensteht. Zu den Waffen also; sey
der Verfechter unsrer Kirche, oder die Kirche unsre Mutter wird
ihren Fluch uber dich aussprechen, den Fluch einer Mutter uber
einen rebellischen Sohn. Frankreich, es ware dir besser eine
Schlange bey ihrer Zunge, einen ergrimmten Lowen bey seiner
mordrischen Taze, einen hungernden Tyger bey seinen Zahnen zu
halten, als in Freundschaft diese Hand zu halten, die du haltst.
Konig Philipp.
Ich kan wohl meine Hand aber nicht meinen Eyd zuruk ziehen.
Pandolph.
Du machst also die Pflicht zu einem Feind der Pflicht und sezest,
wie in einem Burger-Krieg, Eyd gegen Eyd, und Versprechen gegen
Versprechen. Hast du nicht dein erstes Gelubde dem Himmel gethan,
nemlich ein Beschuzer unsrer Kirche zu seyn, und mus dieses nicht
zuerst erfullt werden? Was du seitdem geschworen hast, ist wieder
dich selbst geschworen, und kan nicht von dir vollzogen werden;
denn wenn du geschworen hast unrecht zu thun, so besteht das
Unrecht darinn, wenn du deinen Schwur haltst; und wenn du ihn nicht
haltst, wofern ihn zu halten unrecht ist, so kanst du deine Pflicht
nicht besser halten, als wenn du ihn nicht haltst. In diesem Fall
ist das Rechtmasigste, zweymal Unrecht zu thun; es scheint unrecht,
aber das Unrecht wird dadurch wieder recht, und Untreue heilt
Untreue, wie Feuer in den gerosteten Adern eines Menschen, der
verbrennt wird, das Feuer kuhlt. Die Religion ist es, was
beschworne Gelubde halten macht; allein du hast wider die Religion
geschworen; du schworst bey etwas, wider welches du schworst, und
machst einen Eid zur Sicherheit deiner Treue, gegen einen Eid,
dessen Treue du dadurch unsicher machst. Wenn man schwort, so
schwort man ja allein, das man nicht meineidig seyn soll; was fur
ein Gespotte war' es sonst zu schworen? Du aber schworst allein,
um falsch zu schworen; und bist meineidig, wenn du haltst was du
geschworen hast.* Dein lezter Eid, den du gegen deinen ersten
geschworen hast, ist also in dir selbst eine Emporung gegen dich
selbst. Und du kanst nimmermehr einen bessern Sieg davon tragen,
als wenn du dein besres Selbst gegen diese eiteln schwindlichten
Eingebungen waffnest; wozu unser Gebet, wenn du es annehmen willst,
dir beystehen soll. Wo nicht, so wisse, das unsre Fluche so heftig
auf dich blizen sollen, das du nicht vermogend seyn wirst sie
abzuschutteln, sondern unter ihrer schwarzen Last in Verzweiflung
sterben wirst.
{ed.-* In dieser langen Rede last Shakespeareden Legaten seine
Geschiklichkeit in der Casuistik zeigen; und das abentheurliche
Gemengsal von Wortspielen und Non-sens, woraus sie besteht, soll,
nach seiner Absicht die Scholastische Dialectik lacherlich machen.
Wenn der Legat, wie im Verfolg des Stuks geschieht, als ein
Staatsmann redet, spricht er aus einem ganz andern Ton; und ich
vermuthe, die Absicht war zu zeigen, das die Romischen Hoflinge
ungleich bessere Politici als Theologi seyen. Warburton.}
Ostreich.
Rebellion, offenbare Rebellion--
Faulconbridge.
Kan es denn nicht seyn? Ist denn kein Kalbsfell da, das dir dein
Maul stopfen kan?
Ludwig.
Vater, zu den Waffen.
Blanca.
An deinem Hochzeit-Tage? Wider das Blut, mit dem du dich vermahlt
hast? Wie? Sollen erschlagne Menschen unserm Fest beywohnen?
Sollen brausende Trompeten und lautlermende Trummeln, den Tact zu
unserm hochzeitlichen Geprange geben? O hore mich, mein Gemahl, (o
Himmel! wie neu ist dieses Wort in meinem Munde!) um dieses Namens
willen, den meine Zunge izt zum erstenmal ausspricht, auf meinen
Knien, bitt' ich dich, ergreiffe die Waffen nicht gegen meinen
Oheim.
Constantia.
O, auf meinen Knien bitte ich dich, und sollt ich so lange knien,
bis sie hart wurden, du tugendhafter Dauphin, wende die vom Himmel
zugedachte Rache nicht ab.
Blanca.
Izt ist die Gelegenheit, da du mir deine Liebe beweisen kanst; was
fur ein Beweggrund kan mehr bey dir gelten, als der Name einer
Gemahlin?
Constantia.
Das was ihn und dich aufrecht erhalt, seine Ehre. O deine Ehre,
Ludwig, deine Ehre!--
Ludwig.
Ich erstaunen wie Euer Majestat so kalt seyn kan, da so wichtige
Betrachtungen auf sie wurken.
Pandolph.
Ich will den Fluch uber sein Haupt aussprechen.
Konig Philipp.
Du sollst es nicht nothig haben. England, ich falle von dir ab.
Constantia.
O edle Wiederkehr der verbannten Majestat!
Elinor.
O schandliche Emporung der Franzosischen Unbestandigkeit!
Konig Johann.
Frankreich, du sollst diese Stunde noch in dieser Stunde bereuen.
Blanca.
So mus die Sonne in Blut untergehen. Schoner Tag, fahr' wohl! Wo
ist die Parthey mit der ich gehen mus? Ich stehe zwischen beyden,
jede Armee hat eine Hand, und indem ich beyde halte, reissen sie
sich in ihrer Wuth von einander, und zerstuken mich. Gemahl, ich
kan nicht beten, das du gewinnen mogest; Oheim, ich bin gezwungen
zu beten, das du verliehrest; Vater, ich kan das Gluk nicht auf
deine Seite wunschen; Grosmutter, ich will nicht wunschen, das
deine Wunsche erhort werden; keine Parthey kan gewinnen, ohne das
ich auf der andern verliehre.
Ludwig.
Folget mir, Madame, euer Gluk hangt nun von dem meinigen ab.
Blanca.
Wo mein Gluk lebt, stirbt mein Leben.
Konig Johann.
Vetter, geh und ziehe unsre Volker zusammen.
(Faulconbridge geht ab.)
Frankreich, ich bin von einem Grimm entflammt, dessen Hize nichts
als Blut, das Blut, das kostbarste Blut von Frankreich loschen kan.
Konig Philipp.
Deine Wuth soll dich aufzehren, und du sollt in Asche
zusammenfallen, eh unser Blut dis Feuer loschen soll. Sieh zu dir
selbst, du wagest viel.
Konig Johann.
Nicht mehr als der so mir drauet. Zun Waffen! hinweg!
(Sie gehen ab.)
Vierte Scene.
(Verwandelt sich in das Schlachtfeld.)
(Lerm; Gefecht; Faulconbridge mit Ostreichs Kopf, tritt auf.)
Faulconbridge.
Nun bey meinem Leben, dieser Tag wird entsezlich heis; irgend ein
feuriger Teufel brutet in der Luft, und schuttet Unheil herab.
Hier lig du, Ostreichs Kopf,--So hat Konig Richards Sohn sich
seines Gelubds entlediget, und der unsterblichen Seele seines
Vaters Ostreichs Blut zum Todten-Opfer gebracht. (Konig Johann,
Arthur und Hubert treten auf.)
Konig Johann.
Hier Hubert, bring diesen Knaben in Verwahrung--Richard, ermuntre
dich; meine Mutter wird in ihrem Gezelt besturmt, und ist, wie ich
besorge, gefangen.
Faulconbridge.
Ich befreyte sie, Gnadigster Herr; ihre Hoheit ist in Sicherheit,
besorget nichts. Aber zuruk, mein Konig; noch ein wenig Arbeit
wird diesen Tag zu einem gluklichen Ende bringen.
(Sie gehen ab.)
Funfte Scene.
(Lermen; Gefecht; Flucht; Konig Johann, Elinor, Arthur,
Faulconbridge, Hubert und Lords treten wieder auf.)
Konig Johann.
So soll es seyn;
(zu seiner Mutter.)
Euer Gnaden soll unter einer starken Bedekung zurukbleiben;
(zu Arthur.)
Vetter, sieh nicht so traurig aus; deine Grosmama hat dich lieb,
und dein Oheim will deines Vaters Stelle bey dir vertreten.
Arthur.
O dis wird meine Mutter vor Schmerz sterben machen.
Konig Johann (zu Faulconbridge.)
Vetter, auf, nach England; eile voran, und siehe, das du noch vor
unsrer Ankunft unsre reichen Abte schuttelst; sez du ihre
gefangnen Engel in Freyheit; der hungrige Krieg mus an den fetten
Ribben des Friedens zehren. Vollziehe unsern Auftrag mit dem
aussersten Nachdruk.
Faulconbridge.
Gloke, Buch und Kerze sollen mich nicht zuruktreiben, wo Gold und
Silber mich einladen einen Besuch zu machen. Ich verlasse Eu.
Majestat; Grosmutter, wenn mir anders einmal einfallt fromm zu seyn,
will ich fur eure Wohlfahrt beten; und hiemit kus' ich euch die
Hand.
Elinor.
Lebe wohl, mein lieber Vetter.
Konig Johann.
Vetter, lebe wohl.
(Faulconbridge geht ab.)
Elinor.
Komm zu mir, kleiner Vettermann--auf ein paar Worte--
(Sie nimmt den Arthur auf die eine Seite des Theaters.)
Konig Johann (zu Hubert auf der andern Seite.)
Komm hieher, Hubert. O mein lieber Hubert, wir sind dir sehr
verbunden; in diesen Mauern von Fleisch ist eine Seele die dein
Schuldner ist, und deine Liebe mit Wucher zu bezahlen gedenkt.
Glaube mir, mein guter Freund, der freywillige Eid, womit du dich
zu meinem Dienst verbunden hast, lebt in diesem Busen und wird
theuer geachtet. Gieb mir deine Hand, ich wollte dir etwas sagen--
aber ich will es auf eine gelegnere Zeit versparen. Beym Himmel,
Hubert, ich bin recht beschamt, wenn ich denke, wie grosse
Verbindlichkeiten ich dir habe.
Hubert.
Ich bin es, der Euer Majestat unendlich verpflichtet ist.
Konig Johann.
Mein guter Freund, du hast noch keine Ursache das zu sagen--Aber du
sollt bekommen--und so langsam die Zeit auch kriechen mag, so soll
sie doch kommen, das ich dir Gutes thun kan. Ich hatte dir was zu
sagen--Aber, las es gehen: Die Sonne ist am Himmel, und der stolze
Tag, von den Freuden der Welt umgeben, ist zu uppig, zu voll von
Lustbarkeiten, um mir Gehor zu geben. Wenn die mitternachtliche
Gloke mit ihrer ehernen Zunge uber die schlaftrunkne Geschopfe der
Nacht Eins erschallen liesse; wenn dieser Plaz wo wir stehn, ein
Kirchhof ware, und du vom Gefuhl von tausend Beleidigungen besessen
warst; oder wenn der saure Geist der Melancholie dein Blut, das izt
kuzlend in deinen Adern auf- und ab rollt, so dik wie Leim gemacht
hatte; oder wenn du sehen konntest ohne Augen, horen konntest ohne
Ohren, und mir antworten ohne Zunge; wenn du, ohne Augen, ohne
Ohren, ohne den beleidigenden Schall von Worten, durch blosse
Gedanken mit mir reden konntest; denn wollt' ich, troz dem
grosaugichten wachtsamen Tag meine Gedanken in deinen Busen
ausschutten--Aber so, will ich nicht--Und doch liebe ich dich sehr,
und bey meiner Treue, ich denke, du liebest mich auch.
Hubert.
So sehr, das ich, ich schwor es beym Himmel, alles unternehmen will,
was Euer Majestat mir befehlen kan, wenn gleich der Tod mit der
That verknupft ware.
Konig Johann.
Weis ich nicht, das du es thun wurdest? Guter Hubert, Hubert,
Hubert, wirf dein Auge auf jenen Knaben; ich will dir was sagen,
Freund; er ist eine rechte Schlange in meinem Wege, und wohin ich
den Fus sezen will, ligt er vor mir. Verstehst du mich? Du bist
sein Huter.
Hubert.
Und ich will ihn so huten, das er Eu. Majestat nimmer in den Weg
kommen soll.
Konig Johann.
Tod.
(leise.)
Hubert.
Gnadigster Herr.
Konig Johann.
Ein Grab.
Hubert.
Er soll nicht leben.
Konig Johann.
Genug, nun konnt' ich aufgeraumt seyn. Hubert, ich habe dich lieb.
Gut, ich will nicht sagen, was ich fur dich thun will; Vergis es
nicht--
(indem er zu Elinor zurukgeht.)
Madame, lebet wohl, ich will Euer Majestat die bewusten Truppen
zusenden.
Elinor.
Mein Segen geht mit euch.
Konig Johann (zu Arthur.)
Izt nach England, Vetter; Hubert soll euer Mann seyn, und euch mit
aller schuldigen Ehrerbietung zu Diensten stehen, auf, nach Calais,
hinweg!
(Sie gehen ab.)
Sechste Scene.
(Verwandelt sich in den Franzosischen Hof.)
(Konig Philipp, Ludwig, Pandolpho, und Gefolge treten auf.)
Konig Philipp.
So wird durch ein heulendes Ungewitter auf dem Meer eine ganze
Armade von vereinbarten Segeln zerstreut und von einander
verschlagen.*
{ed.-*Dieses Gleichnis, das an sich selbst an diesem Ort nicht zur
Sache past, ist, wie viele andere Stellen in diesem Stuke, eine
Anspielung auf die spanische Invasion im Jahr 1588, und die
damalige Zeit-Umstand; indem dieses Schauspiel langstens einen oder
zween Winter darnach zum erstenmal aufgefuhrt wurde. Warburton.}
Pandolph.
Nur guten Muth gefast, alles soll noch gut gehen.
Konig Philipp.
Was kan gut gehen, wenn es uns so ubel geht? Sind wir nicht
geschlagen? Ist nicht Angiers verlohren? Arthur gefangen?
Verschiedne von unsern besten Freunden erschlagen? Und unser
blutiger Gegner, mit verachtlichem Troz nach England zurukgegangen?
Ludwig.
Was er gewonnen hat, hat er befestiget: So kluge Entwurfe, mit
einem solchen Feuer ausgefuhrt, eine so gute Ordnung, in einem so
ungestumen Lauf ist ohne Exempel; wer hat jemals von einer Action
wie diese ist, gelesen oder gehort?
Konig Philipp.
Ich konnte es nach wohl ertragen, das England dieses Lob erhielte,
wenn ich nur wenigstens ein Beyspiel, fur unsre Schande kennte.
(Constantia zu den Vorigen.) Sehet, wer kommt hier? Das Grab einer
Seele, das den unsterblichen Geist wider seinen Willen in der
verhasten Gefangenschaft eines gequalten Athems halt. Ich bitte
dich, Lady, komm mit mir hinweg.
Constantia.
Seht, seht, das ist nun der Ausgang euers Friedens.
Konig Philipp.
Geduld, gute Lady; guten Muth, theure Constantia.
Constantia.
Nein, ich biete allem Rath, aller Hoffnung Troz, ausser dem was
allem Rath und aller Hoffnung ein Ende macht. Tod, Tod; o
angenehmer liebenswurdiger Tod! du wohlriechender Gestank, du
gesunde Faulnis, steh auf aus deinem Lager einer ewigen Nacht, du
Abscheu und Schreken des Gluks; und ich will deine ekelhaften
Knochen kussen, und meine Augen in deine holen Augen-Locher steken,
und diese Finger mit den Wurmern, die in dir hausen, umwinden, und
diesen Mund mit deinem vermoderten Staub verstopfen, und ein
scheusliches Gerippe werden, wie du. Komm, grinse mich an, und ich
will denken du lachelst, und dich wie dein Weib umarmen; o du
Liebling des Elends, komm, komm zu mir!
Konig Philipp.
O schone Bekummernis, stille!
Constantia.
Nein, nein, ich will nicht, so lang ich noch Athem habe zu schreyen;
o, das meine Zunge im Munde des Donners stake, damit ich mit
meinem Schmerz die ganze Welt erschuttern, und dieses entfleischte
faule Gerippe vom Schlaf aufweken konnte, das die Anrufung einer
schwachen weiblichen Stimme nicht horen will.
Pandolph.
Lady, ihr stost Unsinn aus, nicht Schmerz.
Constantia.
Du versundigest dich, das du das glaubst; ich bin nicht unsinnig;
dieses Haar das ich ausrauffe, ist mein; mein Nam ist Constantia,
ich war Gottfrieds Weib; der junge Arthur ist mein Sohn, und er ist
verlohren! Ich bin nicht unsinnig; wollte Gott, ich war' es! denn
alsdann konnt' ich vergessen, wer ich bin. O wenn ich es konnte,
was fur einen Schmerz wurd' ich vergessen! Predige irgend eine
Philosophie, die mich unsinnig mache, und du sollt canonisirt
werden, Cardinal. Denn, weil ich nicht unsinnig bin, sondern
meinen Schmerz fuhle, so arbeitet mein vernunftiger Theil, wie ich
mich von diesem Jammer befreyen moge, und lehrt mich, das ich mich
erstechen oder erhangen soll. Wenn ich unsinnig ware, wurd' ich
meinen Sohn vergessen, oder in meinem Wahnwiz denken, das nachste
Wikel-Kind sey mein Sohn; ich bin nicht unsinnig; zu gut, allzugut
fuhl ich die eigene Quaal jedes besondern Jammers.
Konig Philipp.
Bindet diese fliegenden Loken auf; O was fur Liebe seh ich in
dieser schonen Menge ihrer Haare; wohin nur von ungefehr ein
Silbertropfe gefallen ist, eben zu diesem Tropfen drangen sich
zehntausend feurige Freunde in geselligem Schmerz zusammen, gleich
wahren unzertrennlichen, getreuen Liebhabern, die mit einander im
Ungluk ausharren.
Constantia.
Nach England, wenn ihr wollt.--
Konig Philipp.
Bindet eure Haare auf
Constantia.
Ja, das will ich; und warum will ich es thun? Ich ris sie aus
ihren Fesseln, und rief. O das diese Hande meinem Sohne so die
Freyheit geben konnten, wie sie diesen Haaren ihre Freyheit gegeben
haben! Aber nun beneid' ich ihre Freyheit, und will sie wieder in
ihre Fesseln schliessen, weil mein armes Kind ein Gefangner ist.
Und Vater Cardinal, ich hab' euch sagen gehort, wir werden unsre
Freunde im Himmel wieder kennen. Wenn das ist, so werd ich meinen
Jungen nimmer wieder sehen. Denn seit der Geburt Cains, des ersten
mannlichen Kindes bis zu dem, der erst gestern seufzte, ist keine
anmuthigere Creatur gebohren worden. Aber nun wird der Krebs des
Kummers meine Rosenknospe fressen, und die angebohrne Schonheit von
seinen Wangen jagen; er wird aus holen Augen wie ein Gespenst
schauen, so duster und hager wie ein vom Fieber ausgezehrter
Kranker, und so wird er sterben und wenn er so wieder aufersteht,
und ich ihn in dem himmlischen Hofe wieder antreffe, so werd' ich
ihn nicht kennen; und also werd ich meinen holdseligen Arthur
nimmer, nimmer wieder sehen.
Pandolph.
Ihr uberlast euch euerm Schmerz zu sehr.
Constantia.
Das sagt mir einer, der niemals einen Sohn hatte--
Konig Philipp.
Ihr liebet euern Schmerz, wie ihr euer Kind liebt.
Constantia.
Mein Schmerz fullt den Plaz meines abwesenden Kindes aus, ligt in
meinem Bette, geht mit mir auf und ab, zeigt mir seine anmuthigen
Blike, wiederholt seine Worte, erinnert mich an alle seine
liebreizenden Eigenschaften; ich hab' also Ursache meinen Schmerz
zu lieben. Gehabt ihr euch wohl; hattet ihr einen solchen Verlust
erlidten wie ich, so konnte ich bessern Trost geben als ihr thut.
Ich will diesen Prunk nicht auf meinem Kopf leiden,
(Sie reist ihren Kopfzeug ab.)
da eine solche Unordnung in meinem Verstand ist. O Gott, mein
Kind, mein Arthur, mein schoner Sohn! Mein Leben, meine Freude,
meine Nahrung, mein Alles in der Welt! Mein Trost, die einzige
Lindrung meines Kummers! Mein Sohn! Mein Sohn!
(Sie geht ab.)
Konig Philipp.
Ich besorge, es entsteht noch ein Ungluk; ich will ihr folgen.
Siebende Scene.
Ludwig.
Es ist nichts in der Welt, das mir mehr Vergnugen geben kan; das
Leben ist mir so ekelhaft als ein zweymal erzahltes Mahrchen, das
die schlaffen Ohren eines schlafrigen Menschen plagt. Eine bittre
Schmach hat den angenehmen Geschmak der Welt verderbt, so das sie
izt nach lauter Schande und Bitterkeit schmekt.
Pandolph.
Eh eine heftige Krankheit geheilt wird, unmittelbar vor dem
Augenblik der wiederkehrenden Gesundheit, ist der Anstos am
heftigsten; scheidende Ubel scheinen am schlimmsten, indem sie
verschwinden. Was habt ihr denn durch den Verlust dieses Tages
verlohren?
Ludwig.
Alle ruhmvollen, frohen, gluklichen Tage meines Lebens.
Pandolph.
Glaubet mir, dann hattet ihr verlohren, wenn ihr diesen Tag
gewonnen hattet. Nein, nein; wenn's das Gluk am besten mit den
Menschen meynt, so sieht es sie mit einem drauenden Auge an. Es
ist unglaublich, wie viel Konig Johann gerade dadurch verlohren hat,
was er fur klaren Gewinn rechnet. Schmerzt es euch nicht, das
Arthur sein Gefangner ist?
Ludwig.
So herzlich, als er sich freut das er ihn hat.
Pandolph.
Euer Verstand ist noch so jung als euer Blut. Nun hore mich aus
einem prophetischen Geiste reden; der blosse Athem der Worte die
ich reden werde, soll jeden Staub, jeden Strohhalm, jedes kleine
Hindernis aus dem Wege wehen, der deinen Fus gerade zu Englands
Thron fuhren wird; hore also! Johann hat sich Arthurs bemachtiget,
und es ist unmoglich, das, so lange warmes Leben in seinen jungen
Adern spielt, Johann, der seinen Thron usurpirt, eine Stunde, ein
Minute, ja nur einen Augenblik ruhig athmen konnte. Ein Scepter
der mit einer unrechtmasigen Hand gefuhrt wird, mus so gewaltthatig
erhalten werden, als er gewonnen worden; und wer auf einem
schlupfrigen Plaz steht, ist nicht so zartlich, das ihm etwas zu
garstig seyn sollte, woran er sich halten kan. Damit Johann stehen
konne, mus Arthur fallen; und so sey es, da es nicht anders seyn
kan.
Ludwig.
Aber was kan ich durch Arthurs Fall gewinnen?
Pandolph.
Vermoge des Rechts eurer Gemalin Blanca, konnt ihr alsdann in alle
Anspruche Arthurs eintreten.
Ludwig.
Und Anspruche, Leben und alles verliehren, wie Arthur.
Pandolph.
Wie grun und jung ihr in dieser alten Welt noch seyd! Konig Johann
thut das wichtigste fur euch; die Umstande conspiriren mit euch,
und der, so in Vergiessung des rechtmasigen Bluts seine Sicherheit
sucht, wird nichts als eine blutige und unsichre Sicherheit finden.
Diese Ubelthat wird die Herzen seines ganzen Volks erkalten, und
ihren Eifer fur ihn so sehr gefrieren machen, das sie den
schlechtesten Anlas, seiner Regierung ein Ende zu machen, mit
Freuden ergreiffen werden. Es wird keine naturliche Ausdunstung in
der Luft seyn, kein Misgriff der Natur, kein Wetter-Tag, kein
gemeiner Sturmwind, keine gewohnliche Naturbegebenheit, denen sie
nicht eine ubernaturliche Ursache geben, die sie nicht Meteore,
Wunderzeichen, Misgeburten und Vorbedeutungen, kurz, Zungen des
Himmels nennen werden, die uberlaut wider Johann um Rache schreyen.
Ludwig.
Es ist aber moglich, das er dem jungen Arthur das Leben last, und
sich begnugt, ihn in einer ewigen Gefangenschaft zu halten.
Pandolph.
O Prinz, wenn er von eurer Annaherung horen wird, und Arthur nicht
schon fort ist, so stirbt er denselben Augenblik: Und dann werden
die Herzen aller seiner Unterthanen sich wider ihn emporen, sich
nach Veranderung sehnen, und von dieser blutigen That Anlas zu
Aufruhr und Krieg nehmen. Mich daucht, ich sehe diesen Lermen
schon vor meinen Fussen; und o! was kan fur euch gluklichers
gebrutet werden, als was ich gesagt habe!--Der Bastard
Faulconbridge ist nun in England, brandschazet die Kirche, und ubet
unchristliche Gewaltthatigkeit aus. Wenn nur zwolf bewehrte
Franzosen dort waren, sie wurden wie ein Zusammenruf seyn, und in
einem Augenblik zehntausend Englander an ihrer Seite sehen; oder
wie ein kleiner Schneeball, der sich herabwalzt und ein Berg wird.
Edler Dauphin, folge mir zum Konige; es ist erstaunlich, was fur
Folgen aus ihrem Misverstandnis gezogen werden konnen. Izt, da
ihre Seelen von Unwillen bis oben an gefullet sind, izt England zu;
ich will an dem Konige treiben.
Ludwig.
Grosse Beweggrunde zeugen grosse Thaten; wir wollen gehen; wenn ihr
Ja sagt, wird der Konig gewis nicht Nein sagen.
(Sie gehen ab.)
Vierter Aufzug.
Erste Scene.
(Verwandelt sich in England.)
(Ein Gefangnis.)
(Hubert und zween Nachrichter treten auf.)
Hubert.
Macht mir diese Eisen gluhend, und, du dort, bleibe hinter den
Tapeten stehen; und wenn ich mit dem Fus stampfe, so rausch hervor
und binde den Knaben, den du bey mir finden wirst, fest an den
Lehnstuhl: Gieb wol Acht; hinweg und wache.
Nachrichter
Ich hoffe, euer Befehl werde die That verantworten.
Hubert.
Unnothige Bedenklichkeiten! Furchtet nichts, habt Sorge--Junger
Herr, kommt hervor, ich hab' euch was zu sagen. (Arthur tritt auf.)
Arthur.
Guten Morgen, Hubert.
Hubert.
Guten Morgen, kleiner Prinz.
Arthur.
Mit einem grossen Anspruch ein so kleiner Prinz als einer seyn mag.
Ihr seyd traurig.
Hubert.
In der That, ich bin schon lustiger gewesen!
Arthur.
Der Himmel sey mir gnadig! Mich daucht, niemand sollte traurig
seyn als ich; doch erinnre ich mich, wie ich noch in Frankreich war,
an junge Leute, die aus lauter Muthwillen so traurig waren, wie
die Nacht. So wahr ich ein Christ bin, war ich nur aus dem
Gefangnis und hutete Schaafe, ich wollte so frolich seyn als der
Tag lang ist. Und das wollt' ich auch hier seyn, wenn ich nicht
von meinem Oheim noch mehr boses besorgte. Ist es mein Fehler, das
ich Gottfrieds Sohn worden bin? In der That, es ist nicht; und
wollte Gott ich ware euer Sohn, so wurdet ihr mich lieben, Hubert.
Hubert (vor sich.)
Wenn ich mit ihm rede, so wird er durch sein unschuldiges Geschwaze
mein erstorbnes Mitleiden aufweken. Ich will also eilen, und
meinen Auftrag vollziehen.
Arthur.
Seyd ihr krank, Hubert! Ihr seht heute so blas aus; gewislich, ich
wollt' ihr waret ein wenig krank, damit ich die ganze Nacht neben
euch sizen und mit euch wachen konnte. Ach! ich liebe euch mehr,
als ihr mich lieb habt.
Hubert.
Seine Reden dringen mir ins Herz.
(Er zeigt ihm ein Papier.)
Lies hier, junger Arthur--
(Bey Seite.)
Wie nun, narrisches Wasser, must du mein gefrohrnes Mitleiden
aufthauen! Ich mus es kurz machen, oder mein Entschlus vertropfelt
in weibischen Thranen aus meinen Augen--Konnt' ihr's nicht lesen?
Ist es nicht schon geschrieben?
Arthur.
Nur zu schon Hubert, zu einer so haslichen Absicht. So must ihr
meine beyden Augen mit Eisen ausbrennen.
Hubert.
Ich mus, junger Herr.
Arthur.
Und ihr wollt es?
Hubert.
Und ich will.
Arthur.
Habt ihr das Herz dazu? wenn euch nur der Kopf weh that, so band
ich euch mein Schnupftuch um die Stirne; (mein bestes das ich hatte,
eine Princesin hatt' es mir gestikt;) und ich fordert' es niemals
wieder von euch; und des Nachts hielt' ich euch mit meiner Hand den
Kopf, und wachte bey euch die ganze Nacht durch, und fragte alle
Minuten: was fehlt euch? oder, wo thut's euch weh? oder, was kan
ich euch zu liebe thun? Manches armen Manns Sohn wurde still
gelegen seyn, und nicht ein einziges freundliches Wort zu euch
gesagt haben, und ihr hattet einen Prinzen zum Krankenwarter--Doch
nein, ihr konnt denken, meine Liebe zu euch sey nur verstellt und
eigennuzig gewesen. Thut es, wenn ihr wollt; wenn es dem Himmel so
gefallt, das ihr ubel mit mir umgehen sollt, nun dann, so must ihr--
wollt ihr mir die Augen ausreissen, die euch niemals nur einen
sauern Blik gaben, und es auch niemals thun sollen?
Hubert.
Ich habe geschworen, das ich es thun wolle, und ich mus sie mit
gluhenden Eisen ausbrennen.
Arthur.
Ach, niemand, als in dieser eisernen Zeit, wurde das thun. Das
Eisen selbst, obgleich feuerroth von Hize, wurde, wenn es an diese
Augen kame, meine Thranen trinken, und in ihrem unschuldigen Wasser
seine feurige Wuth loschen. Seyd ihr harter als Eisen? O! wenn
ein Engel zu mir gekommen ware und hatte mir gesagt, Hubert werde
mir die Augen ausstossen, ich hatt' es ihm nicht geglaubt; keiner
andern Zunge wurd' ichs glauben, als deiner eignen.
Hubert (stampft auf den Boden, und die Manner kommen herein.)
Hervor, thut wie ich euch befehle.
Arthur (erschroken.)
O Hubert, rette mich! Meine Augen sind schon aus, nur von den
grimmigen Bliken dieser blutigen Manner.
Hubert.
Gebt mir das Eisen sag ich, und bindet ihn hieher.
Arthur.
O Gott, wozu habt ihr nothig so ungestum-rauh zu seyn? Ich will
mich nicht strauben, ich will wie ein Stein still halten. Um des
Himmels willen, Hubert, last mich nicht binden! Nein, hore mich,
Hubert, treibe diese Manner weg, und ich will ruhig still sizen wie
ein Lamm. Ich will mich nicht regen, nicht wimpern, kein Wort
reden, und das Eisen nicht zornig ansehen: Schiket nur diese Manner
fort, und ich will euch vergeben, was ihr mir auch fur Marter
anthun moget.
Hubert.
Geht, bleibt vor aussen, last mich allein mit ihm.
Nachrichter.
Es ist mir lieber, weit von einer solchen That zu seyn.
(Sie gehen ab.)
Arthur.
Ach, so hab ich meinen Freund weggetrieben; er hat einen
erschreklichen Blik, aber ein mitleidiges Herz; last ihn wieder
herein kommen, damit sein Mitleiden das eurige aufweke.
Hubert.
Komm, Junge, bereite dich.
Arthur.
Ist denn kein Mittel?
Hubert.
Keines, als deine Augen zu verliehren.
Arthur.
O Himmel! das doch nur ein Staubchen, ein Splitterchen, eine Muke,
ein irrendes Haar in den eurigen ware; wenn ihr fuhltet, was fur
Ungemach die kleinsten Dinge in diesem kostbaren Sinn anrichten,
euer grausames Vorhaben must' euch entsezlich vorkommen.
Hubert.
Ist dis dein Versprechen; komm her, schweig und ruhre dich nicht--
Arthur.
Hubert, du willt mir nicht erlauben, das ich um meine Augen jammere;
ach, heisse mich nicht schweigen, Hubert, heisse mich's nicht;
oder schneide mir die Zunge aus, wenn du willt, und las mich nur
meine Augen behalten. Sieh, bey meiner Treu, das Eisen ist kalt,
und wurde mir kein Leid thun.
Hubert.
Ich kan es wieder heis machen, Junge.
Arthur.
Nein, in rechtem Ernst, das Feuer ist vor Schmerz todt, das es, zum
Trost der Menschen erschaffen, zu einer solchen Grausamkeit
gebraucht werden soll. Seht nur selbst, diese brennenden Kohlen
haben keine Kraft mehr; der Athem des Himmels hat sie ausgeloscht,
und mit reuiger Asche uberstreut.
Hubert.
Aber ich kan sie mit meinem Athem wieder anblasen.
Arthur.
Und wenn ihr's thut, Hubert, so werdet ihr sie nur errothen, und
uber euer Verfahren vor Schaam gluhen machen; ja, vielleicht werden
sie euch in die Augen funkeln, wie ein Hund, der zum Angreiffen
genothigt wird, nach seinem Meister schnappt, der ihn anhezt. Alle
Dinge, die ihr gebrauchen konnt mir ubels zu thun, versagen ihren
Dienst; ihr allein habt nicht einmal so viel Erbarmen mit mir, als
Feuer und Eisen, Geschopfe, die doch zu den unbarmherzigsten
Verrichtungen gebraucht werden.
Hubert.
Wohlan dann, sieh und lebe; ich will deine Augen nicht anruhren,
wenn mir gleich dein Oheim alle seine Schaze geben wollte. Und
doch hab' ich geschworen; und ich war entschlossen, mit diesem
Eisen hier sie auszubrennen.
Arthur.
O! nun seht ihr wieder wie Hubert aus. Alle diese Weile war't ihr
verlarvt.
Hubert.
Stille, nichts weiter. Adieu; euer Oheim darf nichts anders wissen,
als das ihr todt seyd. Ich will diese hundische Auflaurer mit
falschen Nachrichten anfullen; und du, holdseliges Kind, schlaffe
ruhig, und sicher, das Hubert, um die ganze Welt, dir nichts Leides
thun wollte.
Arthur.
O Himmel! ich danke euch, Hubert.
Hubert.
Stille, nichts weiter; geh' sachte mit mir hinein; ich seze mich
keiner kleinen Gefahr um deinetwillen aus.
(Sie ziehen ab.)
Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in den Hof von England.)
(Konig Johann, Pembroke, Salisbury, und andre Lords treten auf.)
Konig Johann.
So sizen wir dann noch einmal wieder hier, noch einmal gekront, und,
wie ich hoffe, mit gewognen Augen angesehen.
Pembroke.
Dieses noch einmal, war, mit Euer Hoheit Erlaubnis, uberflusig; ihr
seyd vorher schon gekront worden, und dieser konigliche Schmuk ist
euch niemals abgerissen, niemals die euch zugeschworne Treue durch
Emporung gebrochen worden. Kein Verlangen nach Veranderungen hat
das Land beunruhiget, und niemand hat sich, in Hoffnung sein Gluk
zu verbessern, nach neuen Staats-Auftritten gelusten lassen.
Salisbury.
Dieser doppelte Pomp einen Titel zu befestigen, der vorhin schon
sicher war, ist eben soviel als feines Gold ubergulden, die Lilie
weis farben, die Viole parfumiren, das Eis glatten, den Regenbogen
mit einer neuen Farbe bereichern, und dem schonen Auge des Himmels
durch ein Fakel-Licht einen hohern Glanz geben wollen; es ist
vergebliche Verschwendung und lacherlicher Uberflus.
Pembroke.
Allein, da euer koniglicher Wille erfullt werden muste, so ist
dieser Actus nun ein neu-erzahltes altes Mahrchen; jedoch, weil
eine ungelegne Zeit dazu genommen worden, bey der lezten
Wiederholung, widrig und ubel aufgenommen.
Salisbury.
Das graue und wohlbekannte Angesicht des alten achten Herkommens
ist dadurch sehr entstellt; es giebt, gleich einem unversehns sich
drehenden Winde, dem Lauf der Gedanken einen neuen Schwung, schrekt
die stuzende Uberlegung auf, und macht gesunde Gesinnungen krank,
und Wahrheit verdachtig, da es in einer so neuzugeschnittnen
Kleidung aufzieht.
Pembroke.
Wenn Handwerksleute sich bemuhen noch besser zu machen als gut, so
bringt ihr Fleis Misgeburten hervor; und die Entschuldigung eines
Fehlers macht oft den Fehler desto schlimmer, weil die
Entschuldigung ein neuer Fehler ist; wie Lappen, die auf einen
kleinen Ris gesezt werden, ein Gewand durch die Verbergung des
Risses mehr entstellen, als der Ris that, eh er so geflikt war.
Salisbury.
Aus diesen Betrachtungen misriethen wir diese neue Kronung eh sie
vollzogen wurde; allein es gefiel Eu. Hoheit daruber hinaus zu
gehen, und wir lassens uns alle wol gefallen; indem alles und jedes,
was wir wollen konnten, vor Eu. Hoheit Willen Halte machen mus.
Konig Johann.
Einige Ursachen von dieser doppelten Kronung hab' ich euch schon
eroffnet, und ich halte sie fur stark. Noch weit starkere werd'
ich euch zu seiner Zeit entdeken, und ich bin also dieses Puncts
wegen ohne Furcht. Inzwischen zeiget nur an, was ihr gerne
verbessert hattet, und ihr sollt erfahren, wie bereitwillig ich
eure Bitten anhoren und erfullen will.
Pembroke.
Erlaubet also, Gnadigster Herr, das ich, als derjenige, der die
Zunge von diesen allen ist, und die Gedanken ihres Herzens
ausspricht, (fur Sie sowol als mich selbst, am meisten aber fur
eure eigne Sicherheit, fur welche wir alle unsre besten Bemuhungen
anwenden) angelegenst um die Befreyung des jungen Arthur bitten;
dessen Einsperrung die murmelnden Lippen des Misvergnugens in
gefahrliche Reden auszubrechen reizt. Wenn ihr das, was ihr in
Ruhe besizt, auch mit Recht besizt, warum soll die Furcht (die, wie
man sagt, sonst nur den Fustritt des Unrechts begleitet,) euch
bewegen, euern jungen Neffen einzusperren, ihn in einer
barbarischen Unwissenheit zu lassen, und seiner Jugend alle
Vortheile einer guten Erziehung zu versagen? Last euch also
gefallen, damit die Ubelgesinnten keinen Vorwand haben, dessen sie
bey Gelegenheit sich bedienen konnten, uns eine Bitte zu gewahren,
wozu Ihr selbst uns aufgemuntert habet, und ihm seine Freyheit zu
schenken, um die wir nicht anders zu unserm besten bitten, als weil
unser bestes von dem Eurigen abhangt. (Hubert zu den Vorigen.)
Konig Johann.
Ich bin es zufrieden, und vertraue seine Jugend eurer Aufsicht an--
Hubert, was bringt ihr Neues?
Pembroke (zu Salisbury.)
Das ist der Mann, der die blutige That thun sollte, er zeigte einem
von meinen Freunden, den Befehl den er dazu hatte. Das Bild einer
graslichen Ubelthat lebt in seinem Auge; sein betretnes und
gezwungnes Aussehen verrath ein sehr beunruhigtes Herz, und mir ist
bange, die That mochte schon geschehen seyn, die ihm befohlen
worden.
Salisbury.
Der Konig verandert die Farbe alle Augenblike, sie kommt und geht
von seinem Vorhaben zu seinem Gewissen, und von diesem zu jenem,
wie Herolde zwischen zwey furchterlichen Schlacht-Ordnungen; seine
Gemuthsbewegung schwillt so sehr an, das sie nothwendig aufbrechen
mus.
Pembroke.
Und wenn sie aufbricht, so furcht ich, es wird nichts anders
herauskommen, als der schandliche Eiter von eines holdseligen
Kindes Tod.
Konig Johann.
Wir konnen der machtigen Hand des Todes keinen Einhalt thun. Er
sagt uns, Arthur sey diese Nacht gestorben.
Salisbury.
In der That, wir besorgten, seine Krankheit mochte unheilbar seyn.
Pembroke.
In der That, wir horten, wie nah er dem Tode war, eh das Kind
selbst fuhlte das es krank war. Dafur mus Rede und Antwort gegeben
werden, hier oder anderswo.
Konig Johann.
Warum heftet ihr so feyrliche Blike auf mich? Denkt ihr, ich trage
die Scheere der Gottin des Schiksals? Hab' ich uber den Puls des
Lebens zu befehlen?
Salisbury.
Es ist augenscheinlich, das es nicht richtig zugegangen; und es ist
schandlich, das Grosse es auf eine so grobe Art zu erkennen giebt.
Wie gut ihr euer Spiel dadurch gemacht habt, wird sich zeigen, und
hiemit gehabt euch wohl.
Pembroke.
Warte noch, Lord Salisbury, ich will mit dir gehen, und das
Erbtheil dieses armen Kindes, sein kleines Konigreich von einem
gewaltsamen Grabe suchen. Dieses Blut, das ein Recht an alles was
auf dieser Insel athmet, hatte, schliest nun ein Raum von drey
Schuhen ein. Es ist izt eine schlimme Welt! Aber das mus nicht so
gelidten werden; dieses kan, und in kurzem, allen unsern
Beschwerden zum Ausbruch helfen.
(Sie gehen ab.)
Dritte Scene.
(Ein Courier zu den Vorigen.)
Konig Johann (fur sich.)
Sie brennen vor Unwillen; es reuet mich; es ist kein sichrer Grund
der auf Blut gelegt wird, und das Leben wird durch eines andern Tod
schlecht gesichert.
(Zum Courier.)
Du siehst erschroken aus! Wo ist das Blut, das ich sonst in
deinen Wangen wohnen gesehen habe? Ein truber Himmel erheitert
sich nicht ohne einen Sturm; schutte dein Ungewitter herab; wie
geht es in Frankreich?
Courier.
Niemals ist in einem Land eine so furchterliche Kriegszurustung
gemacht worden als in Frankreich, zu einem Einfall in England. Sie
haben uns die Eilfertigkeit abgelernt; denn da euch berichtet
werden sollte, das sie sich rusten, kommt die Zeitung schon, das
sie gelandet haben.
Konig Johann.
In was fur einer Trunkenheit haben denn unsre Freunde geschlafen?
Wo ist unsrer Mutter Sorgfalt? das eine solche Armee in Frankreich
aufgestellt werden soll, und wir nicht einmal etwas davon horen?
Courier.
Gnadigster Herr, ihre Ohren sind mit Staub verstopft; den ersten
April starb eure edle Mutter, und wie ich hore, ist drey Tage
vorher auch die Lady Constantia in Raserey verstorben. Doch dieses
habe ich nur von einem schwarmenden Geruchte; ob es wahr oder
falsch ist, weis ich nicht.
Konig Johann.
Hemme deine Geschwindigkeit, gefahrvolle Zeit; o! mach einen
Waffenstillstand mit mir, bis ich meine misvergnugten Pairs
befriedigst habe. Wie? Meine Mutter todt? Wie ubel mus es also
in meinen Franzosischen Staaten gehen!--Unter wessen Anfuhrung
haben diese Volker aus Frankreich, die du mir ankundigest, hier
gelandet?
Courier.
Unter dem Dauphin. (Faulconbridge und Peter von Pomfret zu den
Vorigen.)
Konig Johann.
Du hast mich mit diesen bosen Zeitungen ganz schwindlicht gemacht--
(Zu Faulconbridge.)
Nun, was sagt die Welt zu unserm Verfahren? Stopfe mir nicht noch
mehr solche schlimme Neuigkeiten in den Kopf, er ist schon voll.
Faulconbridge.
Wenn ihr euch furchtet das schlimmste zu horen, so must ihr das
schlimmste ungehort uber euern Kopf einsturzen lassen.
Konig Johann.
Habe Geduld mit mir, Vetter; ich war einen Augenblik betaubt; aber
izt athme ich wieder frey, und kan alles horen, was mir irgend eine
Zunge sagen kan.
Faulconbridge.
Wie ich mit der Geistlichkeit zu Werke gegangen bin, konnen die
Summen die ich zusammen gebracht am besten sagen. Allein indem ich
das Land, um hieher zu kommen, durchreiset bin, find' ich das Volk
in einem seltsamen Anstos von Schwarmerey, von Rumoren besessen und
voll wunderlicher Traume, voller Furcht und Schreken, ohne zu
wissen, was sie furchten; und hier ist ein Prophet, den ich von den
Strassen von Pomfret, wo ihm ein unzahliches Volk nachlief,
weggenommen, und mit mir gebracht habe. Er sang ihnen in rauhen
hartklingenden Reimen, das vor nachstem Auffahrts-Tag, mittags, Eu.
Hoheit die Crone niederlegen wurden.
Konig Johann.
Du eitler Traumer, warum thatest du das?
Peter.
Weil ich vorher weis, das es geschehen wird.
Konig Johann.
Hubert, hinweg mit ihm, ins Gefangnis, und auf den Tag, mittags,
wenn ich, wie er sagt, die Crone niederlegen soll, las ihn
aufhangen. Bring ihn in sichre Verwahrung und komm wieder, denn
ich habe dich nothig.
(Hubert geht mit Peter ab.) (Zu Faulconbridge.)
O mein liebster Vetter, horst du die Zeitung, die sich von einer
Landung ausbreitet?
Faulconbridge.
Jedermanns Mund ist voll davon; uberdas traf ich den Lord Bigot und
den Lord Salisbury an, mit Augen so roth wie frisch angeblasenes
Feuer, und noch viele andre, welche giengen Arthurs Grab zu suchen,
der, wie sie sagen, diese Nacht auf euer Anstiften ermordet worden
sey.
Konig Johann.
Mein lieber Vetter, geh, wage dich in ihre Gesellschaft; ich hab'
einen Weg ihre Liebe wieder zu gewinnen; bringe sie vor mich.
Faulconbridge.
Ich will sie aufsuchen.
Konig Johann.
Aber eile; du kanst nicht zu sehr eilen. O last mich keine
einheimische Feinde haben, wenn auswartige Gegner meine Stadte mit
dem furchtbaren Pomp eines trozigen Einfalls schreken! Sey mein
Mercurius, seze Flugel an deine Fusse, und fliege, wie ein Gedanke,
von ihnen zu mir zuruk.
Faulconbridge.
Der Geist der Zeit soll mich eilen lehren.
(Er geht ab.)
Konig Johann.
Das ist gesprochen, wie ein muntrer junger Edelmann sprechen soll.
Folg ihm; vielleicht hat er einen Courier zwischen mir und den
Pairs nothig; du taugst am besten dazu.
Courier.
Von Herzen gerne, mein Gebieter.
(Geht ab.)
Konig Johann.
Meine Mutter todt!
Vierte Scene.
(Hubert tritt auf.)
Hubert.
Gnadigster Herr, man sagt, es haben sich diese Nacht funf Monde
sehen lassen; viere seyen stille gestanden, und der funfte habe
sich mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit um die andern vier
herumgedreht.
Konig Johann.
Funf Monde?
Hubert.
Alte Manner und alte Mutterchen, auf den Strassen, machen
gefahrliche Propheceyungen hieruber; des jungen Arthurs Tod ist
immer in ihrem Mund, und wenn sie von ihm reden, so schutteln sie
die Kopfe und wispern einander ins Ohr; und der so redt, fast den
Horer bey der Hand, indem der, so zuhort, Gebehrden des Entsezens
macht, die Stirne rumpft, den Kopf schuttelt und die Augen verdreht.
Ich sah einen Schmidt mit seinem Hammer, der, indes das sein
Eisen auf dem Ambos erkaltete, mit ofnem Maul die Zeitungen eines
Schneiders einschlang, der mit seinem Ellstab und seiner Scheer in
der Hand, in halbangezognen Schuhen, in die er vor Eilfertigkeit
den unrechten Fus gestekt hatte, von viel tausend tapfern Franzosen
erzahlte, die in Kent in Schlachtordnung stunden; bis ein andrer
hagrer, ungewaschner Handwerksmann seiner Erzahlung ein Ende machte,
und von Arthurs Tod redte.
Konig Johann.
Warum suchst du mich durch dergleichen Schrekbilder zu beunruhigen?
Warum wiederholst du Arthurs Tod so oft? Deine Hand ist sein
Morder gewesen; ich hatte Ursachen seinen Tod zu wunschen, du
hattest keine.
Hubert.
Ich hatte keine, Sire? Wie? Reiztet ihr mich nicht dazu an?
Konig Johann.
Es ist ein Fluch der Konige, Sclaven um sich zu haben, die ihre
Launen fur Befehle nehmen; die einen blossen Wink des Herrn fur ein
Gesez halten, das sie zu jeder blutigen That berechtigt, und die
Gedanken der gefahrlichen Majestat zu befolgen glauben, wenn sie
vielleicht mehr aus einem Anstos von schlimmem Humor als aus
uberlegter Absicht sauer sieht.
Hubert.
Hier ist eure Hand, und euer Sigel, fur das was ich that.
Konig Johann.
O, wann die lezte Rechnung zwischen Himmel und Erde gemacht werden
wird, dann wird diese Hand und dis Sigel wider uns zeugen! Wie oft
wird eine Ubelthat nur darum gethan, weil wir die Mittel, sie zu
thun, vor uns sehen! Warest du nicht bey der Hand gewesen, ein
Geselle, den die Hand der Natur zu Ausfuhrung einer Schandthat
ausgezeichnet hat, dieser Mord ware mir niemals in den Sinn
gekommen. Dein grelles Aussehen, die Geschiklichkeit, die
Willigkeit zu gefahrlichen Dingen und blutigen Bubenstuken, die ich
an dir fand, versuchte mich--Und du, um dich einem Konig beliebt zu
machen, machtest dir kein Gewissen, einen Prinzen zu ermorden.
Hubert.
Gnadigster Herr--
Konig Johann.
Hattest du nur deinen Kopf geschuttelt, nur eine Pause gemacht, da
ich dir einen dunkeln Wink von meinem Vorhaben gab, nur einen
bedenklichen zweifelhaften Blik auf mich geworffen, oder mich
gebeten, das ich deutlich reden sollte; die Schaam wurde mich stumm
gemacht und deine Furcht auch in mir Furcht erwekt haben. Aber du
verstuhndest mich aus blossen Zeichen, und antwortetest auch durch
blosse Zeichen; ja, ohne einen Augenblik zu stoken, liessest du
dein Herz einwilligen, und dem zufolge deine rauhe Hand die That
vollbringen, die beyder Zungen zu nennen sich scheuten--Hinweg aus
meinem Gesicht, las dich nimmer vor mir sehen. Meine Edeln
verlassen mich, mein Reich wird uberfallen, und die feindlichen
Heere stehen schon vor meinen Thoren gelagert; und ach! in diesem
Konigreich meiner Seele, in diesen Grenzen von Blut und Athem,
herrscht Feindseligkeit und burgerlicher Aufruhr zwischen meinem
Gewissen und meines Neffen Tod.
Hubert.
Waffnet euch gegen eure andern Feinde, ich will zwischen euch und
euerm Gewissen Friede machen. Der junge Arthur lebt noch; diese
meine Hand ist noch eine jungfrauliche, unschuldige Hand, und von
Blut unbeflekt. Noch niemals ist in diesen Busen ein
meuchelmordrischer Gedanke gekommen, und ihr habt durch euer
Urtheil von meinem Aussehen die Natur verleumdet. So rauh es
scheinen mag, so bedekt es doch ein Gemuth, das zu edel ist, der
Henker eines unschuldigen Kindes zu seyn.
Konig Johann.
Lebt Arthur noch? O so eile zu den Pairs, giesse diese Nachricht
auf ihren flammenden Grimm, und zahme sie zu ihrer Schuldigkeit.
Vergieb der Auslegung, die meine Leidenschaft uber deine Gestalt
gemacht hat, denn meine Wuth war blind; und Augen, in denen meine
Einbildung eine Blutschuld funkeln sah, stellten dich mir
graslicher dar als du bist. O, antworte mir nicht, sondern bringe
mir die erzurnten Lords mit der aussersten Geschwindigkeit in mein
Cabinet. Ich beschwore dich nur langsam; renne noch eilfertiger.
(Sie gehen ab.)
Funfte Scene.
(Eine Strasse vor einem Gefangnis.)
(Arthur tritt verkleidet an die Mauer desselben.)
Arthur.
Die Mauer ist hoch, und doch will ich herunter springen. Guter
Boden, sey mitleidig und thu mir kein Leid. Es kennt mich hier
niemand, und wenn man mich auch kennte, so macht mich diese Gestalt
eines Schifferjungens vollig unerkenntlich. Ich furchte mich, und
doch will ich es wagen. Wenn ich herunter komme, und unbeschadigt
bleibe, will ich tausend Mittel finden, davon zu kommen; es ist
eben so gut mein Leben zu wagen, indem ich zu entkommen suche, als
mein Leben zu verliehren, wenn ich bleibe.
(Er springt herab.)
Weh mir, meines Oheims Geist ist in diesen Steinen! Himmel, nimm
meine Seele auf, und England meine Gebeine.
(Er stirbt.)
(Pembrok, Salisbury und Bigot treten auf.)
Salisbury.
Lords, ich will ihm zu St. Edmondsbury entgegen kommen; es ist fur
uns das sicherste; wir konnen in den gefahrlichen Umstanden, worinn
wir sind, dieses freundliche Anerbieten nicht ausschlagen.
Pembrok.
Wer uberbrachte diesen Brief von dem Cardinal?
Salisbury.
Der Graf von Melun, ein Franzosischer Edelmann, dessen mundliche
Erzahlung von des Dauphins guter Gesinnung gegen uns mir noch weit
mehr gesagt hat, als dieser Brief
Bigot.
So wollen wir ihm dann morgen fruh entgegen gehen.
Salisbury.
Oder vielmehr uns auf den Weg machen, denn wir werden zween lange
Tagreisen haben, eh wir bey ihm eintreffen werden. (Faulconbridge
zu den Vorigen.)
Faulconbridge.
Ich freue mich, euch noch einmal anzutreffen, Milords; der Konig
ersucht durch mich um eure unverzugliche Gegenwart.
Salisbury.
Der Konig hat sich selbst aus unserm Besiz gesezt; wir wollen
seinen dunnen besudelten Rok nicht mit unsrer reinen Ehre futtern,
noch den Fus begleiten, der, wohin er tritt, blutige Fusstapfen
zuruk last. Kehrt zuruk, und sagt ihm das; wir wissen das argste.
Faulconbridge.
Was ihr auch denken moget, so waren gute Worte, wie ich glaube, das
beste.
Salisbury.
Sir, Sir, Ungeduld hat ein Privilegium.
Faulconbridge.
Es ist wahr, seinem Besizer zu schaden, und sonst niemandem.
Pembroke.
Hier ist das Gefangnis; wer ligt hier?
(Indem er Arthur gewahr wird.)
Salisbury.
O Tod, stolz auf die Zerstorung dieser reinen und furstlichen
Schonheit. Die Erde hat keine Grube, diese That zu verbergen.
Bigot.
Der Meuchelmord, als ob er selbst verabscheute, was er gethan hat,
legt sie offenbar zur Schau aus, um die Rache aufzureizen.
Salisbury.
Sir Richard, was denkt ihr? Habt ihr jemals so etwas gesehen, oder
gelesen, oder gehort, oder euch vorstellen konnen, als ihr hier
sehet; ja, konnt ihr es begreiffen, ob ihr's gleich sehet? Konnte
die Denkungs-Kraft, ohne einen solchen Gegenstand, eine solche
Vorstellung hervorbringen? Es ist der Gipfel, die hochste Spize,
das Ausserste von dem Aussersten was der Meuchelmord wagen kan;
es ist die blutigste Schandthat, die wildeste Unmenschlichkeit, der
niedertrachtigste Streich, den jemals die starr-augichte Wuth den
Thranen des sanften Mitleidens dargestellt hat.
Pembrok.
Alle Mordthaten die jemals geschehen sind, werden durch diese
entschuldiget; sie ist so einzig, so mit keiner andern zu
vergleichen, das sie die noch ungebohrnen Sunden der Zukunft rein
und heilig, und einen jeden Menschen-Mord zu einem blossen Scherz
macht, in Vergleichung mit diesem abscheulichen Spektakel.
Faulconbridge.
Es ist eine verfluchte That, eine gottlose That einer mordrischen
Hand, wenn es anders die That irgend einer Hand ist.
Salisbury.
Wenn es die That irgend einer Hand ist? Wir hatten eine Art von
Licht, was erfolgen wurde. Es ist die schandliche That von Huberts
Hand, die hierinn das Werkzeug zu dem Willen des Konigs gewesen ist.
Und hier, schwore ich meine Seele von allem Gehorsam gegen ihn
los, hier vor dem Ruin dieses anmuthigen Lebens kniend, und athme
zu dieser athemlosen Vortreflichkeit den Weyhrauch eines Gelubdes,
eines heiligen Gelubdes, das ich eher von keinem Vergnugen des
Lebens kosten, eher keiner Freude und keiner Ruhe den Zutritt zu
mir lassen will, bis ich diese ermordete Unschuld durch die
feyrlichste Rache versohnt haben werde.
Pembrok. Bigot.
Unsre Seelen bekraftigen dein heiliges Gelubde!
Sechste Scene.
(Hubert zu den Vorigen.)
Hubert.
Milords, ich suche euch allenthalben mit feurigster Eile; Arthur
lebt, und der Konig sendet nach euch.
Salisbury.
O, er ist kuhn und errothet nicht zu todt; hinweg, du verabscheuter
Lasterbube, aus meinem Gesicht!
Hubert.
Ich bin kein Lasterbube.
Salisbury.
Mus ich dem Gesez zuvorkommen?
(Er zieht seinen Degen.)
Faulconbridge.
Euer Schwerdt ist glanzend, Sir, stekt es wieder ein.
Salisbury.
Nicht eher, bis ich ihm eines Morders Haut zur Scheide gemacht habe.
Hubert.
Zuruk, Lord Salisbury; zuruk, sag ich; beym Himmel, mein Degen ist
so scharf als der eurige; ich mochte nicht, Lord, das ihr euch
selbst vergasset, oder die Gefahr meiner abgenothigten Gegenwehr
reiztet; oder ich mochte, von eurer Wuth aufgefodert, euern Werth,
euern Adel und eure Grosse vergessen.
Bigot.
Hinweg, Misthaufe, unterstehst du dich einem Edelmann zu trozen?
Hubert.
Nicht fur mein Leben; aber meine Unschuld untersteh ich mich gegen
einen Kayser zu vertheidigen.
Salisbury.
Du bist ein Morder.
Hubert.
Zwingt mich nicht es zu werden; izt, bin ich noch keiner; Wessen
Zunge falsch redet, redt nicht wahr, und wer nicht wahr redt, lugt.
Pembroke.
Haut ihn in Stuken.
Faulconbridge.
Halte Frieden, sag ich.
Salisbury.
Auf die Seite, Faulconbridge, oder ich will dir die Haut abziehen.
Faulconbridge.
Du wurdest leichter dem Teufel die Haut abziehen, Salisbury. Wenn
du dich erkuhnst mich nur sauer anzusehen, nur deinen Fus
vorzusezen, oder ein unanstandiges Wort gegen mich auszustossen, so
schlag ich dich tod nieder. Steke deinen Degen bey Zeiten ein,
oder ich will dich und deinen Bratspies so zusammenpleuen, das du
denken sollst, der Teufel aus der Holle sey uber dich gekommen.
Bigot.
Was willt du thun, ruhmvoller Faulconbridge? Einem Bosewicht
beystehen, einem Morder?
Hubert.
Lord Bigot, ich bin keiner.
Bigot.
Wer ermordete diesen Prinzen?
Hubert.
Es ist noch keine Stunde seit ich ihn gesund verlassen habe; ich
ehrt' ihn, ich liebt' ihn, und ich will mein lebenlang den Verlust
seines sussen Lebens beweinen.
Salisbury.
Trauet nicht diesem heuchelnden Wasser in seinen Augen; ein
Bosewicht kan auch weinen, und eine lange Ubung macht, das seine
erzwungene Zahren Strome des Mitleidens und der Unschuld scheinen.
Folget mir alle, deren Seelen den unreinen Geruch eines
Schlachthauses verabscheuen; ich erstike in den Ausdunstungen
dieser Schandthat.
Bigot.
Hinweg nach Edmondsbury, zu dem Dauphin.
Pembrok.
Saget dem Konig, dort konn' er uns erfragen.
(Die Lords gehen ab.)
Siebende Scene.
Faulconbridge.
Das ist eine feine Welt; wist ihr was um diese saubre Arbeit?
Hubert, wann du diese That gethan hast, so reicht eine grenzenlose
Gute nicht zu, dir zu vergeben.
Hubert.
Hort mich nur an, Sir.
Faulconbridge.
Ha! ich will dir was sagen; du bist verdammt, so schwarz--Nein,
nichts ist so schwarz, tiefer verdammt als Lucifer; es ist kein so
scheuslicher Teufel in der Holle wie du seyn wirst, wenn du dis
Kind umgebracht hast.
Hubert.
Bey meiner Seele--
Faulconbridge.
Wenn du nur deinen Willen zu dieser Unmenschlichkeit gegeben hast,
so verzweifle; und wenn du keinen Strik hast, so wird der dunnste
Faden, den jemals eine Spinne aus ihrem Leib gezogen hat, stark
genug werden, dich zu erdrosseln; ein Rohr wird ein Balken werden,
dich daran zu hangen; oder wenn du dich ersauffen willt, so gies
nur ein wenig Wasser in einen Loffel, und es wird soviel seyn als
der ganze Ocean, zureichend, einen solchen Bosewicht zu erstiken.
Du bist mir ausserst verdachtig.
Hubert.
Wenn ich durch That, Einwilligung oder nur durch die Sunde eines
Gedankens an dem Raub dieses anmuthsvollen Lebens schuldig bin, so
moge die Holle selbst neue Qualen nothig haben mich zu martern. Er
war wohl da ich ihn verlies.
Faulconbridge.
Geh, trag' ihn in deinen Armen fort. Ich bin ganz betaubt, daucht
mich, und verliehre meinen Weg unter den Dornen und Gefahren dieser
Zeit--Wie wenig Muhe brauchst du, ganz England aufzuheben! Aus
diesem kleinen zerbrochnen Gehause der rechtmasigen Konigs-Wurde
ist das Leben, der Friede, die Treue von diesem ganzen Konigreich
gen Himmel geflogen; und das verlasne England als ein Ding, das
keinen rechtmasigen Eigenthumer hat, ist dem uberlassen, der es
zuerst zu paken kriegt. Der hundische Krieg straubt nun, um den
halbabgenagten Knochen der Majestat, seinen zurnenden Kamm, und
blakt die Zahne gegen die freundlichen Augen des Friedens. Nun
stossen auswartige Kriegsschaaren und einheimische Misvergnugte in
gerader Linie auf einander, und ode Verwustung laurt, wie ein Rabe
auf ein angestektes und gefallenes Stuk Vieh, auf den sturzenden
Fall des uberwaltigten Pomps. Nun ist derjenige gluklich, den sein
Priester-Rok und sein Gurtel vor diesem Ungewitter zu Hause bewahrt--
Tragt das Kind hinweg, und folget mir unverzuglich; ich gehe zu
dem Konig; tausend Geschafte warten auf uns, und der Himmel selbst
schiest einen zurnenden Blik auf dieses Land.
(Sie gehen ab.)
Funfter Aufzug.
Erste Scene.
(Der Englische Hof.)
(Konig Johann, Pandolph und Gefolge treten auf.)
Konig Johann.
Hiemit ubergeb ich in eure Hand diesen Cirkel meiner Konigs-Wurde.
(Er giebt ihm die Crone.)
Pandolph.
Empfanget wieder aus dieser meiner Hand, als ein Lehen des Papsts,
eure konigliche Grosse und Autoritat.
Konig Johann.
Und nun haltet euer geheiligtes Wort; gehet den Franzosen entgegen,
und bedienet euch aller Gewalt, die ihr von Sr. Heiligkeit habt,
ihnen, eh sie unser ganzes Reich in Flammen sezen, die Grenzen zu
versperren. Unsre misvergnugten Grafschaften lehnen sich auf,
unser Volk straubt sich gegen seine Pflicht, und schwort einem
fremden Blute Treue und Unterwurfigkeit. Dieser Schwall einer
fieberhaften Schwarmerey kan von euch allein besanftiget werden.
Saumet also nicht; denn die gegenwartige Zeit ist so krank, das sie,
ohne die Hulfe schleuniger Arzneymittel, gar bald unheilbare
Folgen nach sich zoge.
Pandolph.
Mein Athem war es, der wegen euers halsstarrigen Bezeugens gegen
den Papst, dieses Ungewitter erregte; nachdem ihr euch aber auf
eine so glukliche Art verandert habt, so soll eben dieser Athem,
diesen Sturm des Kriegs wieder hinweg hauchen, und schones Wetter
in euerm erschutterten Lande machen. An diesem Auffahrts-Tage,
erinnert euch dessen wol, geh ich, auf den Eid hin so ihr zum
Dienst des Papsts geschworen habt, die Franzosen zu vermogen, das
sie die Waffen niederlegen.
(Er geht ab.)
Konig Johann.
Ist heute Auffahrts-Tag? Sagte nicht der Prophet: An diesem Tage,
zu Mittag, sollt ich meine Crone niederlegen? Was hab ich gethan;
ich meynte, es sollte durch Gewalt geschehen, aber dem Himmel sey
Dank, es geschah blos freywillig. (Faulconbridge tritt auf.)
Faulconbridge.
Ganz Kent hat sich ergeben; nichts halt sich noch als Dover-Castle;
London hat wie ein freundlicher Wirth den Dauphin und sein
Kriegsheer aufgenommen; eure Edeln wollen euch nicht horen, sondern
sind im Begriff, ihre Dienste euerm Feind anzubieten; und die
kleine Zahl eurer wankenden Freunde treibt wilde Betaubung hin und
her.
Konig Johann.
War die Nachricht, das Arthur lebe, nicht vermogend, meine Lords
zur Wiederkehr zu mir zu bewegen?
Faulconbridge.
Sie haben ihn todt auf die Strasse geworffen gefunden; ein leeres
Kastchen, woraus der Juweel so darinn verschlossen war, das Leben,
von irgend einer verdammten Hand weggestohlen worden.
Konig Johann.
Der nichtswurdige Bube Hubert sagte mir, er lebe.
Faulconbridge.
Ich wollte fur ihn schworen das er nichts anders wuste--aber warum
seyd ihr so niedergeschlagen? Warum seht ihr so traurig? Seyd
gros in Thaten, wie ihr es in Entschliessungen gewesen seyd. Last
die Welt keine Furcht, kein banges Mistrauen in einem koniglichen
Auge lesen; seyd unternehmend, wie die Gelegenheit die euch
auffordert. Sezet dem Feuer Feuer entgegen, drohet dem Drauer und
trozet der rumpfenden Stirne der pralenden Gefahr; so werden eure
Anhanger, die ihre Auffuhrung von ihrem Oberhaupt borgen, durch
euer Beyspiel gros werden, und einen unerschroknen Muth fassen.
Hinweg, und schimmert wie der Kriegs-Gott, wenn er dem Sieg
entgegenzieht; zeigt Kuhnheit und Vertrauen auf euch selbst und
euer Gluk! Wie, sollen sie den Lowen in seiner Hole aufsuchen, und
sie sollen ihn da erschreken, ihn zittern machen? O! last das
nicht gesagt werden. Geht dem Feind herzhaft auf den Leib, und
ringet mit ihm, eh er in das Herz euers Landes eindringt.
Konig Johann.
Der Legat des Papsts ist bey mir gewesen, und ich habe Frieden mit
ihm gemacht, und er hat mir versprochen, den Dauphin wieder heim zu
schiken.
Faulconbridge.
O unruhmliches Bundnis! Fremde sollen in unser Land einfallen, und
wir sollen kein anders Mittel haben, als Unterhandlungen, Compromis
und erbettelten Waffenstillstand, um sie uns vom Halse zu schaffen?
Ein unbartiger Junge, ein verzartelter seidener Stuzer soll
ubermuthig uber unsre Felder einherziehn, seinen Muthwillen auf
einem kriegerischen Boden herumtummeln, der Luft mit dem bunten
Geprange seiner flatternden Fahnen spotten, und keinen Widerstand
finden? Zu den Waffen, mein Koniglicher Herr; vielleicht erhalt
der Cardinal seine Absicht nicht; und wenn er sie auch erhalt, so
last doch wenigstens von uns gesagt werden, das wir in der
Verfassung gewesen, uns wehren zu konnen.
Konig Johann.
Ich ubertrage dir die Gewalt, alles anzuordnen und zu thun, was du
in unsern gegenwartigen Umstanden nothig findest.
Faulconbridge.
Auf dann, und guten Muth gefast; ich bin gewis, das unsre Parthey
im Stande ware, einem starkern Feind entgegen zu gehen.
(Sie gehen ab.)
Zweyte Scene.
(Das Lager des Dauphins.)
(Ludwig, Salisbury, Melun, Pembrok, Bigot und Soldaten, treten in
Waffenrustung auf.)
Ludwig.
Mein Herr von Melun, last eine Copey hievon genommen, und zu unsrer
Erinnerung wol aufgehoben werden; den gegenwartigen Aufsaz aber
gebt diesen Lords zuruk, damit sie auch eine schriftliche Erklarung
unsers geneigten Willens haben, und wir sowol als sie, wenn wir
diese Papiere uberlesen, uns erinnern worauf wir geschworen haben,
und unser Wort fest und unverbruchlich halten.
Salisbury.
Auf unsrer Seite soll es niemals gebrochen werden. Und ob wir
gleich, edler Dauphin, euer Betragen gegen uns durch Zuschworung
einer freywilligen Ergebenheit und unerzwungnen Treue erwiedern; so
glaubet mir doch, Prinz, ich bin nicht erfreut, das ein solches
Geschwar der gegenwartigen Zeit bey der verachteten Rebellion ein
Pflaster suchen, und den eingewurzelten Krebs einer Wunde durch
viele heilen mus. O, es krankt meine Seele, das ich dieses Metall
von meiner Seite ziehen mus, um ein Wittwen-Macher zu seyn, und
dieses in einem Lande, wo ruhmlicher Widerstand und rechtmasige
Gegenwehr uber den Namen Salisbury schreyen! Aber so ist die
verpestete Krankheit dieser Zeit beschaffen, das wir unser Recht zu
heilen, gezwungen sind die Hand des kuhnen Unrechts und der
regellosen Gewaltthatigkeit anzuruffen. Und sollt es uns nicht
schmerzen, o meine tiefgekrankten Freunde, das wir, die Sohne und
Kinder dieser Insel, gebohren seyn sollen, die Stunde zu sehen, da
wir, zu einem auslandischen Kriegsheer gesellt, uber ihren schonen
Busen einhertreten, und die Linien ihrer Feinde ausfullen; (ich mus
mich wegwenden, und die Schmach dieser traurigen Nothwendigkeit
beweinen) die Stunde zu sehen, da wir das Volk eines entfernten
Landes wider unser eignes unterstuzen, und unbekannten Fahnen hier
folgen mussen? Wie, hier? O mein Volk, mochtest du dich
zurukziehen konnen! Mochte Neptun, der dich ringsumfast, dich in
seinen Armen aus dem Schoos deines mutterlichen Bodens hinweg an
irgend ein Heidnisches Ufer tragen, wo diese Christlichen Heere das
Blut des Hasses in eine Ader des Friedens zusammenlegten konnten,
anstatt es hier so unnachbarlich zu vergiessen.
Ludwig.
Du zeigst hierinn eine edle Sinnesart; und der grosse Trieb, der in
deinem Busen kampft, verursacht ein Erdbeben von edeln Empfindungen
in dir. Oh was fur einen edeln Kampf zwischen Nothwendigkeit und
Liebe zum Vaterland hast du gekampft! Las mich diesen ehrwurdigen
Thau abwischen, der wie fliessendes Silber uber deine Wangen rollt.
Mein Herz ist schon von den Thranen eines Frauenzimmers
zerschmolzen, die doch eine gewohnliche Uberschwemmung sind; aber
dieser Ausbruch von mannlichen Thranen, dieser von dem Ungewitter
einer grossen Seele zusammengetriebne Regen, macht mein Auge
starren, und sezt mich in ein grosseres Erstaunen, als wenn ich das
ganze Gewolbe des Himmels auf einmal mit brennenden Meteoren
uberwalzt sahe. Heitre deine Stirne auf, ruhmvoller Salisbury, und
treibe durch ein grosses Herz diesen Sturm hinweg. Uberlas diese
Thranen jenen Sauglings-Augen, die niemals die riesengleiche Welt
in Wuth gesehen, und das Gluk nirgends als bey Lustbarkeiten und
uppigen Schmausen kennen gelernt haben. Komm, komm, du sollt deine
Hand so tief in den Beutel des reichen Wohlstands steken als Ludwig
selbst; so, Milords, sollt ihr alle, die ihre Sehnen an die Starke
der meinigen anknupfen.
Dritte Scene.
(Pandolph zu den Vorigen.)
Ludwig.
Wie, hier eilet, daucht mich, ein Engel auf uns zu; sehet, der
heilige Legat kommt, uns Verhaltungs-Befehle vom Himmel zu bringen,
und unsern Unternehmungen durch seinen Beyfall das Sigel des Rechts
aufzudruken.
Pandolph.
Heil dir, edler Prinz von Frankreich; das nachste ist dieses: Konig
Johann hat sich mit Rom ausgesohnt; windet also diese drauenden
Fahnen auf, und zahmet den grimmigen Geist des wilden Kriegs, damit
er, gleich einem Lowen der im Hause zahm aufgezogen worden,
freundlich zu den Fussen des Friedens lige, und ausser durch sein
Ansehen ferner keinen Schaden thue.
Ludwig.
Mit Euer Gnaden Erlaubnis, ich werde nicht zuruk gehen. Ich bin
nicht gebohren, um mir befehlen zu lassen, und irgend eines
Souverains in der Welt Diener und Werkzeug zu seyn. Euer Athem
blies zuerst die todte Kohle des Kriegs zwischen mir und diesem
gezuchtigten Konigreich an, und legte Materie zu, dieses Feuer zu
nahren; allein nun ist es schon zu heftig, um von eben dem
schwachen Winde, der es anfachte, wieder ausgeblasen zu werden.
Ihr lehrtet mich meine Befugnisse und Anspruche an dieses Land
kennen, ihr allein legtet diese Unternehmung in mein Herz; und izt
kommt ihr, und sagt mir, Johann habe Frieden mit Rom gemacht! Was
geht mich sein Friede an? Kraft des Rechts so ich durch meine
Vermahlung erhalten, spreche ich, da Arthur todt ist, dieses Land
als mein Eigenthum an; und nun da es halb erobert ist, soll ich
zuruk gehen, weil Johann seinen Frieden mit Rom gemacht hat? Bin
ich Roms Sclave? Was fur Subsidien hat Rom zu dieser Unternehmung
hergegeben, was fur Volk, oder was fur Kriegs-Vorrath? Bin ichs
nicht allein, der die Last derselben tragt? Wer anders als ich,
und diejenigen die meinen gerechten Anspruch unterstuzen, schwizt
in diesem Geschaft und fuhrt diesen Krieg? Hab ich nicht diese
Insulaner mir zujauchzen gehort, (vive le Roi!) wie ich gegen ihre
Stadte angezogen bin? Hab' ich hier nicht die besten Carten, um
dieses Spiel zu gewinnen, das um eine Crone gespielt wird? Und nun
soll ich es aufgeben, da ich den Saz schon in Handen habe? Nein,
bey meiner Seele, das will ich nicht thun.
Pandolph.
Ihr seht nur auf das Ausserliche dieses Geschafts.
Ludwig.
Ausserlich oder innerlich, ich will nicht wieder heimgehen, bis
ich mein Vorhaben auf eine so glorreiche Art ausgefuhrt haben werde,
als ich zu hoffen von euch selbst aufgemuntert worden bin--
(Man hort eine Trompete.)
Was fur eine muntre Trompete fordert uns hier auf?
Vierte Scene.
(Faulconbridge zu den Vorigen.)
Faulconbridge.
Vergonnet mir, nach dem Gebrauch gesitteter Volker, ein ruhiges
Gehor: ich bin von dem Konig abgeschikt, um von euch, mein heiliger
Lord von Meiland, zu vernehmen, wie ihr ihm euer Wort gehalten
habet; und nachdem eure Antwort beschaffen seyn wird, wird es die
Erklarung seyn, zu der meine Zunge bevollmachtiget ist.
Pandolph.
Der Dauphin will sich durch meine Vorstellungen nicht bewegen
lassen, und sagt rund heraus, er wolle die Waffen nicht niederlegen.
Faulconbridge.
Bey allem dem Blut, das jemals von mannlicher Wuth gekocht hat, der
Jungling sagt recht. Horet izt unsern Englandischen Konig: Denn so
spricht seine Majestat durch mich; er ist vorbereitet, und die
Ursache davon ist, weil er es seyn soll. Auf diesen posierlichen
Affenzug, auf diese geharnischte Mummerey, und unbesonnenes
Spiegelgefecht, auf dieses lappische Kriegsheer von sauersehenden
Knaben, lachelt der Konig herab; und ist in guter Verfassung,
diesen Zwergen-Krieg, diese Pygmaen-Waffen aus dem Umfang seines
Gebiets hinaus zu peitschen. Sollte diese Hand, welche Starke
genug hatte, euch vor euern Hausthuren zu prugeln, und zu machen,
das ihr, gleich Wasserkubeln, euch in gemaurte Brunnen tauchen,
unter die Schindeln eurer Stalle klettern, wie Pfander in Kasten
und Kuffern eingeschlossen ligen, und euch zu euern Schweinen
verkriechen mustet; das ihr euere Sicherheit in Kellern und
Gefangnissen suchtet, und schon schaudertet und vor Angst zittertet,
wenn ihr nur einen Englischen Hahn krahen hortet, in der
Einbildung, es sey die Stimme eines bewaffneten Englanders; diese
siegreiche Hand sollte hier entkraftet hangen, nachdem sie euch in
euern Kammern gezuchtiget hat? Nein; wist, der dapfre Monarch ist
in Waffen, und schwebt gleich einem Adler uber seinen Horst, um
jeden Unfall, der sich seinem Neste nahert, wegzuscheuchen. Und
ihr ausgeartete, ihr undankbare Rebellen, ihr blutigen Neronen, die
den Leib ihrer theuren Mutter England aufreissen, errothet vor
Schaam; denn eure eignen Frauen und blas-wangichte Tochter, kommen,
gleich Amazonen, hinter Trummeln hertrippelnd, vertauschen ihre
Fingerhute um eiserne Handschuhe, ihre Nadeln um Lanzen, und ihre
sanftmuthigen Herzen um Grimm und Blutdurst--
Ludwig.
Hier mache deiner Pralerey ein Ende, und kehr im Frieden heim; wir
gestehen dir zu, das du besser schimpfen kanst als wir; gehab dich
wohl; wir schazen unsre Zeit zu hoch, sie mit einem solchen
Plauderer zu verderben.
Pandolph.
Last mich izt auch reden--
Faulconbridge.
Nein, ich will reden.
Ludwig.
Ich will keinen von beyden anhoren, ruhrt die Trummeln, und last
die Zunge des Kriegs fur unsre Sache reden.
Faulconbridge.
In der That, eure Trummeln wenn sie geschlagen werden, werden
schreyen, und so werdet ihr thun, wenn ihr geschlagen seyd; weke
nur ein Echo mit dem Geschrey deiner Trummel auf, und du wirst
sogleich eine andre horen, die bey der Hand ist, so laut
zurukzuschallen als die deinige; schlage noch eine, und wieder eine
andre, soll, so laut als die deinige, in die Ohren des Firmaments
rasseln, und dem holen Gebrull des Donners Troz bieten. Denn, ohne
sich auf diesen hinkenden Legaten zu verlassen, den er mehr zum
Scherz als aus Noth gebraucht hat, ist der tapfre Konig Johann in
der Nahe, und ein Tod mit nakten Rippen sizt auf seiner Stirne;
dessen Amt an diesem Tage ist, die Franzosen bey tausenden
aufzufressen.
Ludwig.
Ruhrt die Trummeln, um diese Gefahr aufzusuchen.
Faulconbridge.
Du sollt sie finden, Dauphin, zweifle nicht.
(Sie gehen ab.)
Funfte Scene.
(Verwandelt sich in ein Schlachtfeld.)
(Alarm. Konig Johann und Hubert treten auf.)
Konig Johann.
Wie gehts uns an diesem Tag? O sag es mir, Hubert.
Hubert.
Ubel, furchte ich; wie befindet sich Euer Majestat?
Konig Johann.
Dieses Fieber, das mich so lange schon plagt, sezt mir gewaltig zu;
o mein Herz ist krank! (Ein Bote tritt auf.)
Bote.
Gnadigster Herr, euer dapfrer Vetter, Faulconbridge, bittet Euer
Majestat, das Feld zu verlassen, und ihn wissen zu lassen, welchen
Weg ihr nehmet.
Konig Johann.
Sag ihm in die Abtey bey Swinstead.
Bote.
Ich bring gute Zeitungen; der grosse Succurs, den der Dauphin
erwartete, hat vor drey Nachten auf den Sandbanken von Godwin
gestrandet; Richard hat diese Neuigkeit so eben erfahren; die
Franzosen wehren sich nur noch schwach, und fangen schon an sich
zuruk zu ziehen.
Konig Johann.
Ach! ach! dieses tyrannische Fieber brennt mich aus, und last
mich dieser guten Zeitung nicht froh werden. Auf, nach Swinstead
zu; meinen Tragsessel her; ich kan es nicht langer aushalten; ich
bin ganz schwach.
(Gehen ab.)
Sechste Scene.
(Verwandelt sich in das Franzosische Lager.)
(Salisbury, Pembrok und Bigot, treten auf.)
Salisbury.
Ich glaubte nicht, das der Konig noch so viel Freunde hatte.
Pembroke.
So auf einmal; sprecht den Franzosen Muth ein; wenn sie ungluklich
sind, sind wir verlohren.
Salisbury.
Der misgezeugte Teufel, Faulconbridge, ist, troz allem Widerstand,
die einzige Ursach, das wir diesen Tag verliehren.
Pembroke.
Man sagt, Konig Johann habe sich sehr krank aus der Schlacht
wegbegeben.
(Melun wird verwundet herbeygefuhrt.)
Melun.
Fuhret mich zu den Englischen Rebellen.
Salisbury.
Wie wir gluklich waren, hatten wir andre Namen.
Pembroke.
Es ist der Graf von Melun.
Salisbury.
Auf den Tod verwundet.
Melun.
Flieht, ihr edeln Englander, ihr seyd gekauft und bezahlt. Ruft
die entlassene Treue wieder zuruk, suchet euern Konig auf, und
fallet ihm zu Fus; denn wenn Ludwig von diesem Tage Meister wird,
so gedenkt er euch die Muhe, die ihr nehmet, dadurch zu belohnen,
das er euch die Kopfe abschlagen lassen will; das hat er geschworen,
und ich mit ihm, und viele andre mit mir, auf eben dem Altar zu St.
Edmondsbury, wo wir euch Freundschaft und ewige Liebe schwuren.
Salisbury.
Ist das moglich? Kan das wahr seyn?
Melun.
Hab ich nicht den scheuslichen Tod im Antliz? Blutet nicht das
wenige Leben, so ich noch habe, von Augenblik zu Augenblik weg, wie
ein Bild von Wachs im Feuer dahinschmilzt? Was in der Welt konnte
mich bewegen, izt zu betrugen, da aller Nuzen des Betrugs aufhort?
Wie konnt ich noch falsch seyn, da es wahr ist, das ich sterben mus,
und nur durch Wahrheit jenseits des Grabes leben kan? Ich sag es
noch einmal: wenn Ludwig diesen Tag gewinnt, so ist er meineydig,
wenn diese eure Augen noch einen Tag in Osten aufgehen sehen;
sondern in eben dieser Nacht, deren schwarzer anstekender Athem
albereit den brennenden Kamm der alten, matten, ermudeten Sonne
anhaucht; in dieser Nacht, sollt ihr zum leztenmal athmen, und fur
die willkommne Verratherey den gewohnlichen Lohn der Verrather
bekommen. Empfehlet mich einem gewissen Hubert, der bey euerm
Konig ist; meine Liebe zu ihm, und die Erinnerung, das mein
Grosvater ein Englander war, wekte mein Gewissen zu diesem
Bekenntnis auf. Bringet mich nun, ich bitte euch, dafur aus dem
Getummel des Feldes an einen Ort, wo ich den Rest meiner Gedanken
in Ruhe ausdenken, und unter andachtigen Betrachtungen und Seufzern
meine Seele von diesem Leibe trennen kan.
Salisbury.
Wir glauben dir, und, auf meine Seele, ich bin erfreut uber diese
gunstige Gelegenheit, zu unsrer Schuldigkeit und zu unserm Konige
zuruk zu kehren. Mein Arm soll dir beystehen, dich von hier hinweg
zu tragen, denn ich seh den ringenden Tod in deinen Augen. Hinweg,
meine Freunde, und von neuem auf die Flucht; doch glukliche Flucht,
die uns zu unsrer Pflicht zuruk bringt!
(Sie gehen ab, und tragen Melun hinweg.)
Siebende Scene.
(Verwandelt sich in einen andern Theil des Franzosischen Lagers.)
(Ludwig und sein Gefolge treten auf.)
Ludwig.
Die Sonne dauchte mich, wollte heute nicht untergehen, sondern
blieb stehn, und machte die westlichen Wolken errothen, da die
Englander in muthlosem Weichen ihren eignen Boden zurukmassen; o
wir beschlossen den Tag auf eine ruhmliche Art, da wir ihnen mit
einer vollen Ladung unsers, zwar unnothigen, Geschuzes, nach einer
so blutigen Arbeit, gute Nacht sagten, und unsre zerfezten Fahnen
ruhig aufwanden, die lezten im Felde, und allerdings Meister davon--
(Ein Bote zu den Vorigen.)
Bote.
Wo ist mein Prinz, der Dauphin.
Ludwig.
Hier; was bringst du Neues?
Bote.
Der Graf von Melun ist erschlagen; die Englischen Lords sind durch
seine Vorstellungen zum Abfall bewogen worden; und die Verstarkung,
die ihr so lange gewunscht habt, ist auf den Sandbanken zu Godwin
zu Grunde gegangen.
Ludwig.
O schlimme, verdriesliche Zeitungen! So verdrieslich dacht' ich
diese Nacht nicht zu seyn, als ich es izt bin. Wer war der,
welcher sagte, Konig Johann sey geflohen, eine oder zwo Stunden, eh
die Nacht beyde Armeen schied?
Bote.
Wer es auch gesagt hat, hat die Wahrheit gesagt, Gnadigster Herr.
Ludwig.
Gut; haltet gute Wache diese Nacht uber; der Tag soll nicht so
schnell seyn als ich, um es morgen noch einmal zu wagen.
(Sie gehen ab.)
Achte Scene.
(Ein freyer Plaz, unweit der Abtey zu Swinstead.)
(Faulconbridge und Hubert treten von verschiednen Seiten auf.)
Hubert.
Wer ist hier? Sprich! he! Rede augenbliklich, oder ich gebe
Feuer.
Faulconbridge.
Ein Freund. Wer bist du?
Hubert.
Von der Englischen Parthey.
Faulconbridge.
Und wohin gehst du?
Hubert.
Was geht das dich an? Frag ich dich denn nach deinen Verrichtungen,
das du nach den meinigen fragst?
Faulconbridge.
Ich denke, du bist Hubert.
Hubert.
Du denkst richtig; ich will nun, auf alle Gefahr hin, glauben, du
seyest mein Freund, da du meine Stimme so gut kennest. Wer bist du?
Faulconbridge.
Was du willt; wenn du magst, so kanst du mir die Ehre anthun, und
denken, das ich gewisser Maassen ein Plantagenet bin.
Hubert.
Ha! das ich dich miskennen konnte! Du und die augenlose Nacht
haben mich beschamt; tapfrer Kriegsheld, vergieb mir, das der
wohlbekannte Ton deiner Stimme meinem Ohr fremde klingen konnte.
Faulconbridge.
Kommt, kommt, (sans compliment;) was giebt es Neues?
Hubert.
Ich war im Begriff, euch aufzusuchen.
Faulconbridge.
So mach' es kurz; was hast du Neues?
Hubert.
O mein werther Herr, eine Zeitung, die sich fur die Nacht schikt,
schwarz, gefahrvoll, trostlos und schreklich.
Faulconbridge.
Zeige mir ohne Umstande die Wunde deiner schlimmen Zeitung; ich bin
kein Weibsbild, ich will nicht daruber in Unmacht fallen.
Hubert.
Der Konig ist, wie ich besorge, von einem Monchen vergiftet worden;
ich verlies ihn beynahe sprachlos, und eilte sogleich fort, um euch
von diesem Unfall zu benachrichtigen; damit ihr euch desto besser
auf die Folgen desselben gefast machen konnet, als wenn ihr zu spat
von ihm uberraschet wurdet.
Faulconbridge.
Wie bekam er das Gift? Wer credenzte ihm?
Hubert.
Ein Monch, wie ich euch sagte; ein entschlossener Bosewicht, dem
die Gedarme sogleich davon geborsten sind. Doch der Konig kan noch
reden, und vielleicht wieder zurecht kommen.
Faulconbridge.
Wen liessest du seiner Majestat zur Aufwartung?
Hubert.
Wie? wist ihr nicht, das die Lords alle wieder zu ihm zuruk
gefallen sind, und den Prinzen Heinrich mit sich gebracht haben,
auf dessen Furbitte der Konig sie begnadiget hat. Sie alle sind
gegenwartig bey seiner Majestat.
Faulconbridge.
Halt deinen Zorn zuruk, machtiger Himmel! Und leg' uns nicht mehr
auf, als wir tragen konnen! Ich mus dir sagen, Hubert, das die
Helfte meiner Armee, indem ich diese Nacht uber diese Untieffen
sezte, von der Fluth ergriffen worden; diese Lincoln-Sumpfe haben
sie verschlungen, und ich selbst, obgleich wohl beritten, bin mit
Noth davon gekommen. Las uns eilen; fuhre mich zum Konige; ich
besorge, er mochte schon verschieden seyn, eh ich ihn sehe.
(Sie gehen ab.)
Neunte Scene.
(Verwandelt sich in einen Garten der Abtey zu Swinstead.)
(Prinz Heinrich, Salisbury und Bigot treten auf.)
Heinrich.
Es ist zu spate; sein ganzes Blut ist vom Gift angestekt, und sein
sonst so gesundes Gehirn, (welches einige fur das zerbrechliche
Wohnhaus der Seele halten) kundigt uns durch die unordentlichen
Phantasien, die es hervordrangt, das Ende der Sterblichkeit an.
(Pembroke zu den Vorigen.)
Pembroke.
Der Konig redet noch, und glaubt, wenn er in die freye Luft
gebracht wurde, so konnte sie die brennende Hize des Giftes lindern,
das ihn verzehrt.
Heinrich.
Last ihn hieher in den Garten tragen. Phantasirt er noch?
Pembrok.
Er ist ruhiger als ihr ihn verlassen habt; eben izt sang er.
Heinrich.
Dieses giebt uns wenig Hoffnung. Ubel, die aufs ausserste
gekommen sind, fuhlen sich selbst nicht mehr. Wenn der Tod einmal
die ausserlichen Theile benagt hat, last er sie unempfindlich, und
greift alsdann das Gemuth an, welches er durch ganze Legionen von
seltsamen Einbildungen anfallt und verwundet, die in ihrem Gedrange,
bey diesem lezten Sturm, sich selbst untereinander aufreiben; wie
wunderbar, das der Tod singen soll--Doch es ist das traurige
Sterbelied dieses bleichen verschmachtenden Schwans, der aus der
Orgelpfeiffe der Sterblichkeit seine Seele und seinen Leib in die
ewige Ruhe singt.
Salisbury.
Seyd guten Muthes, Prinz, denn ihr seyd dazu gebohren, das was er
so roh und ungestalt zurucklast, zu formen und zur Vollkommenheit
zu bringen.
(Konig Johann wird herbeygetragen.)
Konig Johann.
Ah, wohl, nun hat meine Seele freyen Pas; sie wollte nicht zum
Fenster oder zur Thure hinaus. Es ist ein so heisser Sommer in
meinem Busen, das sich alle meine Eingeweide zu Staub zerkrummeln.
Ich bin eine Figur, die mit einer Feder auf Pergament gezogen
worden, und schrumpfe an diesem Feuer zusammen.
Heinrich.
Wie befindet sich Eu. Majestat?
Konig Johann.
Vergiftet, todt, vergessen; und keiner von euch will dem Winter
befehlen, das er komme, und seine beeisten Finger in meinen Schlund
steke; noch machen, das die Strome meines Konigreichs ihren Lauf
durch meinen brennenden Busen nehmen; noch dem Nord sagen, das
seine kalten Winde meine ausgedorrten Lippen kussen, und mich
abkuhlen sollen. Ich verlange ja nichts als einen kalten Trost,
und ihr seyd so unbarmherzig, so undankbar, und schlagt ihn mir ab.
Heinrich.
O! das doch in meinen Thranen eine Kraft seyn mochte, euch
Lindrung zu verschaffen!
Konig Johann.
Das Salz darinn ist heis. Ich habe die Holle in mir, und das Gift
ist der Teufel, der darinn eingesperrt ist, mein ohne Hoffnung
verdammtes Blut zu peinigen.
Zehnte Scene.
(Faulconbridge zu den Vorigen.)
Faulconbridge.
Oh! ich bin athemlos und ganz abgebruht, vor ausserster
Eilfertigkeit Eu. Majestat zu sehen.
Konig Johann.
Vetter, du kommst eben recht, mir die Augen zuzudruken; das
Takelwerk meines Herzens ist zerrissen und verbrannt, und alle die
Thaue, womit mein Leben segeln sollte, sind bis auf einen einzigen
Faden, ein armes kleines Haar abgenuzt; mein Herz hangt nur noch an
einem einzigen schwachen Zwirn, der nur so lange halten wird, bis
du deine Zeitungen gesagt hast; und dann ist alles was du siehst,
nur ein Kloz und Model von zerstorter Majestat.
Faulconbridge.
Der Dauphin rustet sich, hieher vorzudringen, und der Himmel weis,
wie wir ihm begegnen sollen; denn ich habe in einer Nacht, da ich
mich mit Vortheil zurukziehen wollte, meine besten Truppen in den
Morasten von Lincoln verlohren, alle, ohne Rettung, von der
unerwarteten Fluth verschlungen.
(Der Konig stirbt.)
Salisbury.
Ihr athmet diese todtlichen Zeitungen in ein todtes Ohr--Mein
Gebieter, mein Konig--doch--kaum ein Konig, izt dis.
Heinrich.
Eben so mus ich nun lauffen, und eben so stille stehn. Was fur
Sicherheit, was fur Hoffnung, kan uns diese Welt geben, wenn das,
was eben izt ein Konig war, so bald ein Erdklos ist.
Faulconbridge.
Bist du dahin? O! ich bleibe nur zuruk, das Amt der Rache statt
deiner zu vollziehen; und dann soll meine Seele dir im Himmel
aufwarten, wie sie dir auf Erden immer gedient hat--
(Zu den Lords.)
Nun, nun, ihr Sterne, die ihr in eure Kreise zurukgetreten seyd,
wo sind eure Volker? Beweiset nun eure wiedergekehrte Treue und
eilet unverzuglich wider mit mir zuruk, um auslandische Verwustung
und ewige Schmach aus der schwachen Thure unsers unmachtigen Landes
auszutreiben. Last uns den Feind eilends aufsuchen, oder wir
werden von ihm gesucht werden. Der Dauphin wuthet beynahe an
unsern Fersen.
Salisbury.
So scheint es also, ihr wisset nicht so viel als wir. Der Cardinal
Pandolph ist hier, und ruhet drinnen aus, indem er nur vor einer
halben Stunde von dem Dauphin mit solchen Friedens-Vorschlagen
hieher gekommen, die wir mit Ehre und Vortheil, zu Endigung des
gegenwartigen Kriegs, annehmen konnen.
Faulconbridge.
Er wird desto geneigter zum Frieden seyn, wenn er uns zur
Vertheidigung gefast sehen wird.
Salisbury.
Die Sache ist gewisser massen schon in Richtigkeit; denn er hat
schon den grosten Theil seiner Kriegsgerathschaft nach der Kuste
abgeschikt, und dem Cardinal Vollmacht gegeben, den Frieden zu
machen; und wenn ihr es gut befindet, so wollen wir, ihr, ich
selbst und die ubrigen Lords uns diesen Nachmittag mit ihm auf den
Weg machen, um dieses Geschafte gluklich zu Ende zu bringen.
Faulconbridge.
Last es so seyn; und ihr, mein edler Prinz, mit den ubrigen Fursten,
die am besten geschont werden konnen, bleibet zuruk, euers Vaters
Leichenbegangnis zu besorgen.
Heinrich.
Zu Worcester soll, vermoge seines lezten Willens, sein Leichnam
beerdiget werden.
Faulconbridge.
Er soll also dahin gebracht werden, und gluklich moge Euer
theurstes Selbst die Erbfolge und den glorreichen Scepter dieses
Landes ubernehmen, als welchem ich hier, mit aller Unterwurfigkeit,
auf meinen Knien, meine getreuen Dienste und immerwahrenden
Gehorsam angelobe.
Salisbury.
Eben dieses Gelubde thut unsre zartliche Liebe, welche auf ewig
ohne einigen Fleken dauern soll.
Heinrich.
Meine geruhrte Seele wunscht euch danken zu konnen, und weis es
nicht anders zu thun als durch Thranen.
Faulconbridge.
Last uns einem Ubel, welches wir so lange zum voraus bejammert
haben, nur nothige Trauer bezahlen--So lag England niemals, und
soll kunftig nie zu eines Erobrers Fussen ligen, als wenn es sich
vorher durch seine eigne Hande verwundet hat. Nun, da diese seine
Fursten wieder heimgekehrt sind, nun last drey Theile der Welt in
Waffen herkommen, und wir sind stark genug, sie abzutreiben. So
lange England sich selbst getreu bleibt, ist nichts das uns
erschreken kan!
Leben und Tod des Konigs Johann, von William Shakespeare
(Ubersetzt von Christoph Martin Wieland).
END
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