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Maas fur Maas,
oder:
Wie einer mist, so wird ihm wieder gemessen.
William Shakespeare
Ein Lustspiel.
Ubersetzt von Christoph Martin Wieland
Personen des Lustspiels.
Vincentio, Herzog zu Wien.
Angelo, Stadthalter in Abwesenheit des Herzogs.
Escalus, ein alter Herr von Stande, dem Angelo in Verwaltung der
Regierung beygefugt.
Claudio, ein junger Edelmann.
Lucio, ein Libertiner.
Zwey Edelleute.
Varrius, einer von den Hofleuten des Herzogs.
Thomas und Peter, zwey Franciscaner-Monche.
Ein Richter.
Kerkermeister.
Ellbogen, ein Policey-Aufseher in einem Quartier der Stadt.
Schaum, ein narrischer Junker.
Harlequin, Diener der Frau Overdone.
Abhorson, ein Nachrichter.
Bernardin, ein ruchloser Gefangner.
Isabella, Claudios Schwester.
Mariane, mit Angelo versprochen.
Juliette, Claudios Liebste.
Francisca, eine Nonne.
Frau Overdone, eine Kupplerin.
Wache, Stadtbediente, und andre aufwartende Personen.
Der Schauplaz ist in Wien.
Die Geschichte ist aus Cinthios* Novellen genommen.
{ed.-* "Epitia" von Giambattista Giraldi, gen. Cintio (Cinzio),
1504--1573.}
Erster Aufzug.
Erste Scene.
(Des Herzogs Palast.)
(Der Herzog, Escalus, und einige Herren vom Hofe.)
Herzog.
Escalus--
Escalus.
Gnadigster Herr--
Herzog.
Es wurde eine unzeitige Sucht zu reden an mir scheinen, wenn ich
euch die Eigenschaften einer klugen Regierungsart entfalten wollte,
da mir bekannt ist, das eure Wissenschaft hierinn alle Erinnerungen,
die ich euch geben konnte, uberflussig macht; es bleibt mir also
nichts ubrig, als euch die Gelegenheit zu geben, diese
Geschiklichkeit im Werke zu zeigen. Fleis und Erfahrung hat euch
den Character unsers Volkes, die Geseze unsrer Stadt, und die
allgemeinen Regeln der Gerechtigkeit so bekannt gemacht, das wir
niemand kennen, der euch hierinn ubertreffe. Hier ist unser
Auftrag, welchem wir punctlich nachgelebt wissen wollen--Man rufe
den Angelo hieher--Wie meynt ihr, das er unsre Stelle vertreten
werde? Denn ihr must wissen, das wir ihn mit besonderer Vollmacht
ersehen haben, unsre Abwesenheit zu ersezen; ihm haben wir unsre
volle Macht zu strafen und gutes zu thun geliehen; sagt, was denkt
ihr hiezu?
Escalus.
Wenn jemand in Wien eines solchen Vertrauens, und einer so hohen
Ehre wurdig ist, so ist es Angelo.
Zweyte Scene.
(Angelo zu den Vorigen.)
Angelo.
Ich komme, Euer Durchlaucht Befehle zu vernehmen.
Herzog.
Angelo, dein Leben entdekt dem aufmerksamen Beobachter die ganze
Gestalt deines Characters. Die Ausubung jeder Tugend ist durch
eine lange Uebung deine Natur geworden. Wir zunden keine Fakeln an,
damit sie sich selbst leuchten; so macht es der Himmel mit uns;
wofern unsre Tugenden nicht ausser uns wurken, so ware es gleich
viel, wenn wir sie gar nicht hatten. Geister werden nur zu grossen
Endzweken vollkommner von der Natur ausgebildet, und diese sparsame
Gottin leyht nicht das kleinste Quintchen von ihrer Vortreflichkeit,
ohne die Absicht, Dank und Interesse davon zu ziehen. Doch ich
rede dieses zu einem, der mich selbst in dem Amt, das ich ihm
auftrage, unterrichten konnte. Sey also in unsrer Abwesenheit der
Vertreter unsres volligen Selbst in dieser Stadt; Leben und Tod,
Angelo, hange von deinen Lippen ab; der alte Escalus, ob gleich der
erste deiner Rathe, ist nur der zweyte nach dir. Hier ist deine
Commision.
Angelo.
Nein, mein gnadigster Herr; last mein Metall vorher auf irgend eine
scharfere Probe gesezt werden, eh eine so edle und grosse Figur
darauf gestempelt wird.
Herzog.
Kommt, keine Ausfluchte mehr; wir haben euch mit wohlbedachter Wahl
hiezu ersehen; ubernehmt also unsre Stelle. Unsre Abreise von hier
wird so schleunig seyn, das wir Sachen von Wichtigkeit
unentschieden zuruklassen mussen. Wir werden euch, so viel Zeit
und Umstande zulassen, von unserm Befinden Nachricht geben, und uns
erkundigen, wie es hier stehe. Lebet also wohl; ich uberlasse euch
der hoffnungsvollen Ausfuhrung unsrer Auftrage.
Angelo.
Erlaubet wenigstens, gnadigster Herr, das wir euch einige Umstande--
Herzog.
Wir konnen keinen Augenblik langer verziehen. Auch habt ihr, bey
meiner Ehre, nicht nothig euch das mindeste Bedenken zu machen.
Euer Werk ist, wie das unsrige, die Geseze so einzurichten und in
Wurksamkeit zu sezen, wie ihr es am besten achtet. Gebt mir eure
Hand, ich werde in geheim abreisen. Ich liebe das Volk, aber ich
seze mich ihm nicht gern zur Schau aus; ob es gleich wohl thut, so
bin ich doch kein Liebhaber ihres lauten Zujauchzens, und habe
keine grosse Meynung von der Bescheidenheit derjenigen, die
dergleichen Dinge lieben. Noch einmal, lebet wohl.
Angelo.
Der Himmel befordere euer Vorhaben.
Escalus.
Und bringe euch gluklich zuruk.
Herzog.
Ich danke euch, lebet wohl.
(Er geht ab.)
Escalus.
Ich mus euch, mein Herr, um Erlaubnis bitten, eine freye
Unterredung mit euch zu haben. Es ist mir daran gelegen, mein Amt
recht zu kennen. Ich habe eine Gewalt; aber ich bin nicht belehrt,
wie weit sie sich erstrekt.
Angelo.
Es geht mir eben so; wir wollen uns mit einander hinwegbegeben, und
durch Vergleichung unsrer Instructionen uns ins Klare sezen.
Escalus.
Ich werde Euer Gnaden folgen.
(Sie gehen ab.)
Dritte Scene.
(Eine Straasse.)
(Lucio und zween Edelleute.)
Lucio.
Wenn der Herzog, und die ubrigen Herzoge sich mit dem Konig von
Ungarn nicht vergleichen konnen, so werden sich alle Herzoge wider
den Konig vereinigen.
1. Edelmann.
Der Himmel geb uns seinen Frieden, aber nicht des Konigs in Ungarn
seinen.
2. Edelmann.
Amen!
Lucio.
Du betest wie jener andachtiger Seerauber, der mit den zehen
Gebotten zu Schiffe stieg, aber eines aus der andern Tafel
auskrazte.
2. Edelmann.
Du sollt nicht stehlen--
Lucio.
Eben das.
1. Edelmann.
Hatte er nicht Ursache? Das ist ein Gebott, das seine Leute von
ihrer Schuldigkeit abgehalten hatte; denn sie schiften sich ein, um
zu stehlen. Es ist nicht einer unter uns Soldaten, dem in dem
Gebet vor dem Essen, die Bitte fur den Frieden gefiele.
2. Edelmann.
Ich habe doch nie keinen Soldaten gehort, der sie misbilligt hatte.
Lucio.
Das glaub ich dir; du bist vermuthlich nie dabey gewesen, wenn man
das Tischgebet gesprochen hat.
2. Edelmann.
Nie? wenigstens ein duzendmal.
1. Edelmann.
Wie? In Reimen?
Lucio.
In allen Reim-Arten und in allen Sprachen.
1. Edelmann.
Und auch in allen Religionen denk' ich.
Lucio.
Warum das nicht?--Aber seht, seht, hier kommt Madam Gutherzigkeit.
1. Edelmann.
Wahrhaftig, die Krankheiten, die ich unter ihrem Dach aufgelesen
habe, kommen mich--
2. Edelmann.
Wie hoch, wenn ich bitten darf?
1. Edelmann.
Rathet?
2. Edelmann.
Dreytausend Thaler jahrlich?
1. Edelmann.
Ja, und mehr.
Lucio.
Eine franzosische Crone mehr.
Vierte Scene.
(Die Kupplerin, die Vorigen.)
1. Edelmann.
Wie gehts, Mutter, auf welcher Seite habt ihr das Huftweh am
nachdruklichsten?
Kupplerin.
Gut, gut, dort wird einer ins Gefangnis gefuhrt, der funftausend
wie ihr seyd werth ist.
1. Edelmann.
Wer ist das, ich bitte dich?
Kupplerin.
Zum Henker, Junker, es ist Claudio; Signor Claudio.
1. Edelmann.
Claudio ins Gefangnis? das kan nicht seyn.
Kupplerin.
Ich weis aber das es ist; ich sah, wie er angehalten wurde; ich sah
ihn wegfuhren, und was noch mehr ist, in den nachsten drey Tagen
wird ihm der Kopf abgeschlagen werden.
Lucio.
Das stunde mir gar nicht an; bist du dessen gewis?
Kupplerin.
Nur allzugewis; und das alles, weil er der Fraulein Juliette ein
Kind gemacht hat.
Lucio.
Glaubt mir, es kan seyn; er versprach mir, vor zwey Stunden mich
hier anzutreffen, und er war immer genau sein Wort zu halten.
1. Edelmann.
Und uberdas stimmt dieser Bericht mit dem offentlichen Ausruf ein.
Lucio.
Kommt, wir wollen sehen, was an der Sache ist.
Funfte Scene.
(Die Kupplerin, Harlequin.)
Kupplerin.
Was bringst du neues?
Harlequin.
Seht ihr nicht den Mann dort, den man ins Gefangnis fuhrt?
Kupplerin.
Was hat er denn gemacht?
Harlequin.
Eine Frau.
Kupplerin.
Ich frage, was ist sein Verbrechen?
Harlequin.
Das er in einem fremden Bache Dreuschen gefangen hat.
Kupplerin.
Wie? geht ein Madchen mit einem Kind von ihm?
Harlequin.
Nein, aber ein Weib geht mit einem Madchen von ihm. Ihr habt den
Ausruf nicht gehort, habt ihr?
Kupplerin.
Was fur einen Ausruf, Mann?
Harlequin.
Alle Hauser in den Vorstadten von Wien sollen niedergerissen werden.
Kupplerin.
Und was soll aus denen in der Stadt werden?
Harlequin.
Die last man zum Saamen stehen; sie hatten auch weg sollen, aber
einige weise Burger haben sich fur sie ins Mittel geschlagen.
Kupplerin.
So sollen also alle unsre Schenk- und Spiel-Hauser in den
Vorstadten niedergerissen werden?
Harlequin.
Bis auf den Grund, Madam.
Kupplerin.
Wahrhaftig, es geht eine grosse Veranderung im gemeinen Wesen vor;
was wird aus mir werden?
Harlequin.
O, dafur macht euch keine Sorgen: gute Rathgeber haben nie Mangel
an Clienten; wenn ihr schon euern Plaz andert, so braucht ihr
deswegen nicht euer Gewerbe zu andern; ich will immer euer treuer
Diener bleiben. Habt nur gut Herz, man wird Mitleiden mit euch
haben; ihr, die ihr eure Augen im Dienst des gemeinen Wesens
beynahe aufgebraucht habt, ihr werdet in Betrachtung gezogen werden.
Kupplerin.
Was giebts hier, Thomas, wir wollen uns zuruk ziehen.
(Sie gehen ab.)
Sechste Scene.
(Der Kerkermeister, Claudio, Juliette, und Stadtbediente.)
(Lucio, und zwey Edelleute.)
Claudio.
Guter Freund, warum fuhrst du mich so zur Schau herum? fuhre mich
in das Gefangnis, wohin ich verurtheilet bin.
Kerkermeister.
Ich thu es nicht aus bosem Willen, sondern auf ausdruklichen Befehl
des Herrn Stadthalters.
Claudio.
So kan der Halbgott, Authoritat, uns das volle Gewicht unsrer
Uebertretungen bezahlen machen. So sind die Urtheile des Himmels;
wem er verzeihen will, dem will er; wem er nicht will, will er
nicht, und ist doch immer gerecht.
Lucio.
Wie, was ist dieses, Claudio? Warum befindet ihr euch in solchen
Umstanden? Was ist euer Verbrechen?
Claudio.
Nur davon zu reden, wurde ein neues Verbrechen seyn.
Lucio.
Wie, ist es eine Mordthat?
Claudio.
Nein.
Lucio.
Unzucht?
Claudio.
Wenn ihr es so nennen wollt.
Kerkermeister.
Fort, mein Herr, ihr must gehen.
Claudio.
Nur ein Wort, guter Freund Lucio, ein Wort mit euch.
Lucio.
Hundert, wenn sie euch etwas nuzen konnen; wird Unzucht so hart
angesehen?
Claudio.
Dis ist mein Fall: Auf ein beydseitiges Eheversprechen hin nahm ich
Besiz von Juliettens Bette; (ihr kennet sie;) sie ist mein wahres
Eheweib, ausser das uns die Ceremonien mangeln, wodurch unsre
Heurath offentlich gemacht worden ware. Die einzige Ursache warum
wir sie unterliessen, war ein Erbe, das noch in den Kisten ihrer
Verwandten ligt, denen wir unsre Liebe noch so lange zu verbergen
gedachten, bis die Zeit sie uns gunstiger gemacht haben wurde.
Allein das Ungluk wollte, das das Geheimnis unsrer Vertraulichkeit
vor der Zeit verrathen wurde--es ist mit zu grossen Buchstaben an
Julietten geschrieben.
Lucio.
Mit einem Kind, vielleicht?
Claudio.
Leider! und der neue Stadthalter des Herzogs (ob es daher kommt,
das der Staatskorper ein Pferd ist, welches der Stadthalter
zureiten soll, und dem er, das erste mal, die Sporren starker zu
fuhlen giebt, damit es wisse, das er seiner meister ist; oder ob
die Tyranney in dem Plaz oder in demjenigen ist, der ihn einnimmt?
kan ich nicht entscheiden:) Kurz, der neue Stadthalter erwekt bey
meinem Anlas alle die veralteten Straffen, die gleich einer
ungepuzten Rustung, so lange an der Wand gehangen, bis neunzehn
Zodiaci sich umgewalzt haben, ohne das sie in einem einzigen
gebraucht worden; und um eines Namens willen, wekt er das vergesne
tiefeingeschlafne Gesez wider mich auf; in der That, um eines
Namens willen.
Lucio.
Du hast recht, es ist nicht anders; und dein Kopf steht so schwach
auf deinen Schultern, das ihn ein verliebtes Milchmadchen
wegseufzen konnte. Schikt dem Herzog nach, und appellirt an ihn.
Claudio.
Ich hab es gethan; aber man kan ihn nirgends finden. Ich bitte
dich, Lucio, thu mir diesen Liebesdienst; ich hab eine Schwester im
Kloster, die an diesem Tag ihre Probzeit enden soll. Gieb ihr
Nachricht von der Gefahr worinn ich bin; bitte sie in meinem Namen,
das sie Freunde an den strengen Stadthalter schike; bitte sie, das
sie in eigner Person einen Anfall auf ihn thue; von dem leztern
macht' ich mir die meiste Hoffnung. Eine junge Person wie sie, hat
eine Art von sprachloser Beredsamkeit, der die Manner selten
widerstehen konnen; und ausserdem, so ist sie auch geschikt genug,
wenn sie durch Grunde und Vorstellungen uberreden will.
Lucio.
Ich wunsche, das sie es konne; sowol zum Trost Aller die sich in
ahnlichen Umstanden befinden, als um deines Lebens willen; es wurde
mich sehr verdriessen, wenn es wegen eines Spiels Trictrak so
narrischer Weise verlohren gehen sollte. Ich will zu ihr.
Claudio.
Habe Dank, mein guter Freund, Lucio.
Lucio.
Binnen zwo Stunden--
Claudio.
Kommt, Kerkermeister, wir wollen gehen.
(Sie gehen ab.)
Siebende Scene.
(Ein Kloster.)
(Der Herzog und Bruder Thomas.)
Herzog.
Nein, heiliger Vater, last diesen Gedanken fahren: Glaubet nicht,
das der schmuzige Pfeil der Liebe einen mannlichen Busen
durchdringen konne. Die Ursache, warum ich euch um eine geheime
Beherbergung bitte, ist wichtiger und ernsthafter, als die
ausschweiffenden Absichten der gluhenden Jugend.
Bruder.
Kan Eure Durchlaucht davon reden--
Herzog.
Mein ehrwurdiger Vater, niemand weis besser als ihr, wie sehr ich
immer das abgesonderte Leben geliebt, und wie wenig ich an den
Gesellschaften, wo Jugend, Verschwendung, und froliche Thorheit
sich vereinigen, Geschmak gehabt habe. Ich habe dem Freyherrn
Angelo, einem Mann von strengen Sitten und geubter Enthaltsamkeit,
meine ganze unumschrankte Gewalt in Wien ubertragen; und er ist in
der Einbildung, das ich nach Polen gereist sey; denn so hab' ich
unter die Leute streuen lassen, und so ist es angenommen: Nun, mein
frommer Herr, werdet ihr mich fragen, warum ich das thue?
Bruder.
Wenn es erlaubt ist, Gnadigster Herr.
Herzog.
Wir haben strenge Geseze, (ein nothwendiges Gebis fur unbandige
Unterthanen) die wir diese neunzehn Jahre her haben schlaffen
lassen, gleich einem uberfullten Lowen, der in seiner Hole ligen
bleibt, und nicht auf Beute ausgeht. Wie es nun zu begegnen pflegt,
das wenn allzu zartliche Vater die Ruthe nicht zum Gebrauch,
sondern nur zum Schreken, ihren Kindern vor die Augen steken, sie
in kurzer Zeit mehr verlacht als gefurchtet wird; so ist es unsern
Gesezen gegangen: Anstatt den Verbrechern den Tod zu geben, sind
sie selbst todt; die ungebundne Freyheit zieht die Gerechtigkeit
bey der Nase, der Saugling schlagt die Amme, und alle Anstandigkeit
der Sitten geht verlohren.
Bruder.
Es hieng nur von Euer Durchlaucht ab, diese gefesselte
Gerechtigkeit wieder los zu lassen, und es wurde an Euch
furchtbarer geschienen haben, als an Angelo.
Herzog.
Ich besorge, nur allzu furchtbar. Da es mein Fehler war, dem Volk
so viel Freyheit zu lassen, so wurde es Tyranney gewesen seyn, sie
fur das zu strafen, was ich selbst ihnen zu thun befahl. Denn wir
befehlen Boses zu thun, wenn wir den Uebelthaten statt der Straffe
ihren freyen Lauf lassen. Dieses ist der wahre Grund, mein Vater,
warum ich dieses Amt dem Angelo aufgetragen habe, der unter dem
schuzenden Ansehen meines Namens straffen kan, ohne das, so lange
meine Person nicht gesehen wird, der Tadel auf mich fallt. Um aber
selbst ein Augenzeuge von dieser Regierung zu seyn, will ich unter
dem Namen eines Bruders von euerm Orden, sowol den Regenten als das
Volk besuchen. Ich bitte dich also, schaffe mir einen Habit, und
unterrichte mich, damit ich die vollstandige Person eines achten
Franciscaner-Monchs spielen konne. Noch mehr Grunde fur diese
Handlung will ich bey mehrerer Musse eroffnen; einer davon ist
dieser: Angelo ist strenge; steht gegen jeden Tadel auf der Hut,
gesteht kaum, das sein Blut fliest, oder das er zu Brot mehr
Appetit hat als zu Stein. Wir konnen vielleicht bey dieser
Gelegenheit lernen, wie viel man sich auf diese strengen Tugenden
verlassen kan.
(Sie gehen ab.)
Achte Scene.
(Ein Frauen-Kloster.)
(Isabella, und Francisca.)
Isabella.
Und habt ihr Kloster-Frauen keine andern Freyheiten?
Francisca.
Sind diese nicht gros genug?
Isabella.
Ja, freylich; ich frage nicht, als ob ich mehr wunschte; sondern
weil ich wunschte, das die Schwesterschaft der heiligen Clara noch
enger eingeschrankt seyn mochte. (Lucio last seine Stimme hinter
der Scene horen.)
Isabella.
Was ist das? Wer ruft?
Francisca.
Es ist eines Mannes Stimme. Meine liebe Isabella, schliest ihr auf,
und fragt ihn was er will; ihr durft es thun, ich nicht; ihr habt
das Gelubde noch nicht gethan; wenn ihr es gethan habt, so durft
ihr mit keiner Mannsperson sprechen, ausser in Gegenwart der
Priorin; und auch dann, wenn ihr redet, durft ihr euer Gesicht
nicht zeigen, oder wenn ihr das Gesicht zeigt, durft ihr nicht
reden. Er ruft wieder; ich bitte euch, gebt ihm Antwort.
(Francisca geht ab.)
Isabella.
Wer ruft hier?
(Sie macht die Thure auf.)
(Lucio kommt herein.)
Lucio.
Heil, Jungfrau, wenn ihr seyd, wofur euch diese Rosenwangen
ankundigen; wollt ihr so gefallig seyn, und mich vor Isabellen
bringen, der schonen Schwester des ungluklichen Claudio, die sich
unter den Probe-Schwestern dieses Hauses befindet.
Isabella.
Warum des ungluklichen Claudio, last mich zurukfragen, indem ich
euch sage, das ich diese Isabella und seine Schwester bin.
Lucio.
Holdselige Schone, euer Bruder grusset euch; um euch nicht lange
aufzuhalten, er ligt im Gefangnis.
Isabella.
Weh mir! Und warum?
Lucio.
Fur etwas, wofur er, wenn ich sein Richter ware, Belohnung statt
Strafe erhalten sollte; er hat einer guten Freundin ein Kind
gemacht.
Isabella.
Mein Herr, erzahlt mir nicht eure eigne Geschichte.
Lucio.
Es ist wie ich sage; wenn es gleich meine Schoossunde ist, den
Kybizen mit den Madchen zu spielen, und ihnen zum Spas Dinge
vorzusagen, wovon mein Herz nichts weis, so wollte ich doch nicht
mit allen Jungfrauen so scherzen. Ich sehe euch fur ein
geheiligtes und dem Himmel geweyhtes Geschopf an; und, aufrichtig
zu reden, euer Stand macht euch in meinen Augen schon zu einem
abgeschiednen seligen Geist.
Isabella.
Ihr lastert das Gute, indem ihr meiner spottet.
Lucio.
Denket das nicht von mir. In wahrem Ernst, dis ist die Sache: Euer
Bruder hat seine Liebste in einen Zustand gesezt, der dasjenige was
zwischen ihnen vorgegangen, unleugbar macht.
Isabella.
Ist eine schwanger von ihm?--Meine Base Juliette?
Lucio.
Ist sie eure Base?
Isabella.
Durch Adoption, durch die Liebe, die wir als Kinder fur einander
gehabt.
Lucio.
Sie ist es.
Isabella.
O! So kan er sie ja heurathen.
Lucio.
Das ist eben der Knoten. Der Herzog hat sich auf eine sehr
seltsame Art von hier wegbegeben; und manchen Edelmann, worunter
ich selbst einer bin, in der Hoffnung, einen Antheil an der Staats
Verwaltung zu bekommen, getauscht. Allein wenn denjenigen zu
glauben ist, welche die wahren Nerven des Staats kennen, so ist die
Bestellung die er gemacht, unendlich weit von seiner wurklichen
Absicht entfernt. Indessen herrschet an seinem Plaz, und mit
seiner ganzen unumschrankten Gewalt, der Freyherr Angelo, ein Mann
dessen Blut Schneewasser ist; ein Mann der durch die Starke seiner
Seele, durch Studieren und Fasten den Stachel der Natur stumpf
gemacht hat; der die Bewegung der Sinne, und den Trieb der
unordentlichen Lust nie gefuhlt hat. Dieser, (um den Muthwillen
und die Ausgelassenheit, die eine lange Zeit um die drohenden
Geseze, wie Mause um Lowen, herumgeschwarmt, in Schreken zu sezen)
hat ein Gesez hervorgesucht, unter dessen schwerem Inhalt eures
Bruders Leben der Todesstraffe verfallen ist; er hat ihn also
gefangen gesezt, und will durch Vollziehung der ganzen Strenge des
Gesezes, ihn andern zu einem Beyspiel machen. Alle Hoffnung ist
hin, wofern ihr nicht das Gluk habt, durch eure schone Furbitte den
Angelo zu ruhren; und dieses ist, warum ich euch in euers Bruders
Namen bitte.
Isabella.
Er will ihm das Leben nehmen, sagt ihr?
Lucio.
Er hat das Urtheil schon gesprochen, und der Kerkermeister hat, wie
ich hore, schon den Befehl wegen der Hinrichtung.
Isabella.
Ach Himmel! Was kan ich ihm also helfen?
Lucio.
Versucht die Macht, die ihr habt.
Isabella.
Meine Macht? Ach! ich zweifle--
Lucio.
Unsre Zweifel sind Betruger, und bringen uns oft um das Gute, das
wir gewinnen konnten, durch die blosse Furcht vor dem Versuch.
Geht zu dem Stadthalter, und last ihn erfahren lernen, was die
Bitten, die gebognen Knie und die Thranen der Schonheit uber einen
Mann vermogen.
Isabella.
Ich will sehen was ich thun kan.
Lucio.
Aber beschleuniget euch.
Isabella.
Ich will nicht langer saumen, als um der wurdigen Mutter Nachricht
von meinem Geschafte zu geben. Ich danke euch von Herzen; grusset
meinen Bruder: eh es Nacht ist, will ich ihm von meiner Ausrichtung
Nachricht geben.
Lucio.
Ich beurlaube mich von euch, schone Schwester--
Isabella.
Lebet wohl, mein gutiger Herr.
(Sie gehen ab.)
Zweyter Aufzug.
Erste Scene.
(Der Palast.)
(Angelo, Escalus, ein Richter, Bediente.)
Angelo.
Wir mussen kein Schrek-Bild aus dem Gesez machen, das, die
Raubvogel zu verscheuchen, aufgestellt wird; und ihm so lang
einerley Gestalt lassen, bis die Gewohnheit macht, das sie sich
darauf sezen, anstatt davor zu fliehen.
Escalus.
Auch ist mein Rath, nur in diesem Fall einige Nachsicht verwalten
zu lassen. Ach! der junge Mann den ich retten wollte, hatte einen
sehr edeln Vatter. Ich halte Euer Gnaden fur einen Mann von
strenger Tugend; aber mochtet ihr die Ueberlegung machen, ob ihr
selbst, wenn Zeit und Gelegenheit euerm Wunsch oder dem Trieb des
feurigen Blutes gunstig gewesen ware, ob ihr nicht selbst in
gewissen Augenbliken euers Lebens, in eben diesem Punct, weswegen
ihr ihn strafen wollt, gefehlt und das Gesez wider euch gereizt
hattet.
Angelo.
Ein anders ist, versucht werden, Escalus, ein anders, fallen. Ich
laugne nicht, das unter den zwolf Geschwornen, die uber eines
Gefangnen Leben sprechen sollen, einer oder zween seyn konnen, die
noch grossere Diebe sind, als der den sie verhoren. Die
Gerechtigkeit straft nur die Verbrechen, die ihr bekannt sind. Was
weis das Gesez davon, das Diebe uber Diebe urtheilen? Es ist
naturlich, das wir bey einem Edelstein, den wir finden, still
stehen und ihn aufheben, weil wir ihn sehen; aber wenn wir ihn
nicht sehen, so treten wir auf ihn und denken nicht daran. Ihr
konnt sein Vergehen dadurch nicht verringern, das ihr voraussezt,
ich habe auch solche Fehler machen konnen; aber dann, wenn ich, der
ihn bestraft, mich wurklich so vergehe, dann redet, und last mein
eignes Urtheil mir den Tod zu erkennen. Mein Herr, er mus sterben!
(Der Kerkermeister zu den Vorigen.)
Escalus.
So sey es, wie eure bessere Einsicht es will.
Angelo.
Wo ist der Kerkermeister?
Kerkermeister.
Hier, zu Euer Gnaden Befehl.
Angelo.
Sorget dafur, das Claudio bis morgen um neun Uhr gerichtet werde.
Bringt ihm seinen Beichtiger, last ihn vorbereitet werden; denn
diese Zeit ist alles, was er noch zu leben hat.
(Kerkermeister geht ab.)
Escalus (vor sich.)
Gut, der Himmel verzeihe ihm! und verzeih' uns allen! Einige
steigen durch Sunde, andre fallen durch Tugend: Einige uberwalzen
sich in Lastern, und werden nur nicht zur Rede gestellet; andre
mussen fur einen einzigen Fehltritt die Straffe des grosten
Verbrechens leiden.
Zweyte Scene.
(Ellbogen, Schaum, Harlequin und Gerichtsdiener.)
Ellbogen.
Kommt, fuhrt sie her; wenn das nuzliche Leute im gemeinen Wesen
sind, die nichts thun, als das Pflaster treten, und in H** Hausern
herumschwarmen, so versteh ich nichts vom Gesez. Fuhrt sie her.
Angelo.
Was giebts, mein Herr? Wie heist ihr? Wovon ist die Rede?
Ellbogen.
Mit Euer Gnaden Erlaubnis, ich bin des armen Herzogs Policey-
Aufseher in diesem Quartier, und mein Name ist Ellbogen. Ich
appelliere an die Justiz, und bringe hier vor Euer Gnaden ein paar
notorische Beneficanten.
Angelo.
Beneficanten? Was haben sie denn Gutes gethan? Du willt
Maleficanten sagen, vermuthlich.
Ellbogen.
Euer Gnaden nehmen mir nicht ubel, ich weis nicht wer sie sind;
aber ausgemachte Buben sind es, das weis ich gewis, und leer an
aller Profanation, welche gute Christen haben sollten.
Escalus.
Das geht gut; das ist ein weiser Official.
Angelo.
Zur Sache; von was fur einer Gattung Leute sind sie? Ellbogen
heist ihr? Warum redst du nicht, Ellbogen?
Harlequin.
Er kan nicht, Gnadiger Herr; er hat ein Loch im Ellbogen.
Angelo.
Wer seyd ihr, Monsieur?
Ellbogen.
Er? Ein Bierzapfer, Gnadiger Herr, ein Schlingel von einem H**
Wirth, einer der bey einem ubelberuchtigten Weibsbild in Diensten
ist; dessen Haus, Gnadiger Herr, wie die Leute sagen, in den
Vorstadten nieder gerissen worden ist. Izt halt sie ein Badhaus,
welches, denk ich, wohl so gut oder nicht besser seyn wird, als ein
H** Haus.
Escalus.
Woher wist ihr das?
Ellbogen.
Mein Weib, Gnadiger Herr, die ich vorm Angesicht des Himmels und
Euer Gnaden detestire--
Escalus.
Wie? dein Weib?
Ellbogen.
Ja, Gnadiger Herr, Gott sey Dank, sie ist ein ehrliches Weib--
Escalus.
Und darum detestirst du sie?
Ellbogen.
Ich sage Gnadiger Herr, ich detestire mich selbst sowohl als sie,
das dieses Haus, wenn es nicht ein H** Haus ist, so daurt mich ihr
Leben, denn es ist ein schlimmes Haus.
Escalus.
Und woher weist du es denn?
Ellbogen.
Sapperment, Gnadiger Herr, von meinem Weib, die, wenn sie ein Weib
ware, das den cardinalischen* Lusten nachhienge, in diesem Haus in
Hurerey, Ehebruch, und alle Unreinigkeit hatte gerathen konnen.
{ed.-* Es braucht kaum der Anmerkung, das Ellbogen den Fehler hat,
gerne lateinische Worte einzumengen, die er nicht recht ausspricht;
er sagt detestiren fur attestiren, cardinalisch fur carnalisch.
respectirt fur suspect, u.s.w.}
Escalus.
Durch dieser Frauen Vorschub?
Ellbogen.
Ja, Gnadiger Herr, durch Frau Overdons Vorschub; aber sie spie ihm
ins Gesicht, wie er sie--
Harlequin.
Mit Euer Gnaden Erlaubnis, es ist nicht so.
Ellbogen.
Beweis es, beweis es vor diesen Schurken, du Ehrenmann! beweis es.
Escalus.
Hort ihr, wie er sich verspricht?
Harlequin.
Gnadiger Herr, sie gieng mit dem Kind als sie in unser Haus kam,
und hatte (mit Respect vor Euer Gnaden zu sagen) einen Gelust nach
gebratnen Pflaumen; Gnadiger Herr, wir hatten nur zwey im Hause,
und die lagen zu eben derselben Zeit, wie das begegnete, in einem
Confect-Teller, einem Teller fur drey oder vier Groschen; Euer
Gnaden haben wol auch solche Teller gesehen, es sind keine
Porcellan-Teller, aber sehr gute Teller.
Escalus.
Weiter, weiter, es ist am Teller nichts gelegen--
Harlequin.
Nein, in der That nicht, Gnadiger Herr, in diesem Stuk hat Euer
Gnaden recht: Aber zur Sache zu kommen; wie ich sagte, diese Madam
Ellbogen gieng mit dem Kind, und hatte, wie ich sagte, schon einen
ziemlich grossen Bauch, und gelustete, wie ich sagte, nach Pflaumen,
und es waren nur noch zwey auf dem Teller, wie ich sagte; denn
dieser Herr von Schaum hier, dieser Junker, der hier steht, hatte
die ubrigen gegessen, wie ich sagte, und er bezahlte sie ehrlich,
das mus ich sagen; denn, wie ihr wist, Junker Schaum, ich konnte
euch nicht drey Kreuzer herausgeben--
Schaum.
Nein, in der That.
Harlequin.
Das mus wahr seyn; ihr waret eben daran, wenn ihr euch noch
erinnert, die Steine von den vorbesagten Pflaumen aufzuknaken.
Schaum.
Ja, das that ich, in der That.
Escalus.
Fort, ihr seyd ein langweiliger Narr, zur Sache; was that man denn
Ellbogens seinem Weib, das er Ursach zu klagen hat? Kommt auf das,
was man ihr that.
Harlequin.
Gnadiger Herr, Euer Gnaden kan noch nicht auf das kommen.
Escalus.
Das ist auch nicht meine Absicht.
Harlequin.
Aber Euer Gnaden soll darauf kommen, mit Euer Gnaden Erlaubnis; und
ich bitte euch, sehet einmal diesen Junker Schaum an, Gnadiger Herr,
einen Mann von achtzig Pfund Renten des Jahrs, dessen Vater an
aller Heiligen Tag gestorben ist. War es nicht aller Heiligen Tag,
Junker Schaum?
Schaum.
Aller Heiligen Abend.
Harlequin.
Gut, gut; ich hoffe, das ist ein Mann dem man glauben mus. Er sas
eben, Gnadiger Herr, wie ich sagte, in einem niedern Sessel,
Gnadiger Herr; es war in der Traube, wo ihr in der That so gerne zu
sizen pflegt; nicht wahr?
Schaum.
Es ist so, weil es eine hubsche offne Stube ist, und gut fur den
Winter.
Harlequin.
Das heist gesprochen, wie es sich gehort; ich hoffe, hier ist ein
Mann, der Glauben finden wird.
Angelo.
Das wird eine Rusische Nacht auswahren, wenn die Nachte am langsten
sind. Ich will mich beurlauben und es euch uberlassen, die Sache
zu untersuchen, in der Hoffnung, ihr werdet gute Ursache finden,
ihnen allerseits den Staupbesen geben zu lassen.
(Geht ab.)
Dritte Scene.
(Die Vorigen.)
Escalus.
Nun, Monsieur, zur Hauptsache; was that man Ellbogens Weib?
Harlequin.
Was man ihr that, Gnadiger Herr? Nichts, gar nichts, mit Euer
Gnaden Erlaubnis.
Ellbogen.
Ich bitte Euer Gnaden, fragt ihn, was dieser Mann hier meinem Weibe
gethan hat?
Harlequin.
Ich bitte Euer Gnaden, fragt mich.
Escalus.
Gut, Herr, was that ihr dann dieser Edelmann?
Harlequin.
Ich bitte Euer Gnaden, schauet diesem Edelmann ins Gesicht; Junker
Schaum, sehet den Gnadigen Herrn an; es geschieht aus keiner bosen
Absicht; beobachtet Euer Gnaden seine Physionomie?
Escalus.
Ja, Herr, sehr wohl.
Harlequin.
Nun, ich bitte euch, beobachtet es nur wol.
Escalus.
Das thu ich.
Harlequin.
Kan Euer Gnaden etwas gefahrliches darinn entdeken?
Escalus.
Nein.
Harlequin.
Nun will ich auf ein Buch schworen, das sein Gesicht das schlimmste
Ding an seiner ganzen Person ist; wohlan dann, wenn sein Gesicht
das schlimmste an ihm ist, wie konnte Jkr. Schaum des Ellbogens
Weib etwas zuleide thun? Das mocht ich von Euer Gnaden horen.
Escalus.
Er hat recht; Herr Commis, was sagt ihr dazu?
Ellbogen.
Furs Erste, so ist das Haus, mit Euer Gnaden Erlaubnis, ein
respectirtes Haus; Zweytens, ist das ein respectirter Bursche, und
seine Frau ein respectirtes Weib.
Harlequin.
Bey dieser Hand, Gnadiger Herr, sein Weib ist die respectirteste
Person unter uns allen.
Ellbogen.
Schurke, du lugst; du lugst, du Schurke du; die Zeit soll noch
kommen, da sie jemals mit einem Mann, Weib oder Kind respectirt
gewesen--
Harlequin.
Gnadiger Herr, er war mit ihr respectirt; eh er sie heurathete.
Escalus.
Ist das wahr, Ellbogen?
Ellbogen.
O du Galgenschwengel! o du Schurke! du gottloser Hannibal! Ich,
respectirt mit ihr, eh ich sie heurathete? Wenn ich jemals mit ihr
respectirt war, oder sie mit mir, so soll Euer Gnaden mich nicht
fur des armen Herzogs Beamten halten; beweis es, du verruchter
Hannibal, oder ich will eine Injurien-Actie gegen dich anstellen.
Was ist Euer Gnaden Befehl, das ich mit diesem gottlosen
Galgenbuben anfangen soll?
Escalus.
Im Ernst, Herr Commis, weil er ein und anders angestellt hat, das
du gern entdeken mochtest wenn du konntest, so las ihn seinen Weg
fortgehen, bis du weist was es ist.
Ellbogen.
Sapperment; ich danke Euer Gnaden davor; da siehst du, du
leichtfertiger Schurke, wo es mit dir hinkommt; du darfst nur so
fortmachen, du Schurke, du darfst nur so fortmachen--
Escalus (zu Schaum.)
Wo seyd ihr gebohren, guter Freund?
Schaum.
Hier, in Wien.
Escalus.
Habt ihr achtzig Pfund Renten, Herr?
Schaum.
Ja, mit Euer Gnaden Erlaubnis.
Escalus.
So.
(Zum Harlequin)
was ist eure Profession, Meister--
Harlequin.
Ein Bierzapfer, einer armen Wittfrauen Bierzapfer.
Escalus.
Wie heist eure Frau?
Harlequin.
Frau Overdon.
Escalus.
Hat sie mehr als einen Mann gehabt?
Harlequin.
Neune, Gnadiger Herr, Overdon war der lezte.
Escalus.
Neune? tretet naher her, Junker Schaum; Junker Schaum, ich sehe
nicht gerne das ihr mit Bierzapfern so wohl bekannt seyd; sie
zapfen euch euer Geld ab, Junker Schaum, und ihr bringt sie an den
Galgen. Gehet euers Weges, und last mich nichts mehr von euch
horen.
Schaum.
Ich danke Euer Gnaden; ich fur meinen Theil bin noch nie in keiner
Bierschenke gesessen, da ich nicht hineingezogen worden ware.
Escalus.
Genug, und nichts weiter mehr von dieser Art, Junker Schaum, gehabt
euch wohl. --
(Schaum geht ab.)
Vierte Scene.
Escalus.
Kommt zu mir her, Meister Bierzapfer, wie ist euer Name, Meister
Bierzapfer?
Harlequin.
Pompey.
Escalus.
Meister Pompey, ihr seyd ein Stuk von einem H** Wirth, ob ihr es
gleich hinter dem Bierzapfer versteken wollt. Seyd ihr's nicht?
Kommt, sagt mir die Wahrheit, es wird euch nicht desto schlimmer
gehen.
Harlequin.
In gutem Ernst, Gnadiger Herr, ich bin ein armer Kerl, der gerne
leben mochte.
Escalus.
Wie wollt ihr leben, Pompey? Von der H** Wirthschaft? Was dunkt
euch zu dieser Handthierung? Ist es eine gesezmasige
Begangenschaft?
Harlequin.
Wenn das Gesez sie gestattet, Gnadiger Herr.
Escalus.
Aber das Gesez gestattet sie nicht, Pompey; dazu soll es in Wien
nimmermehr kommen.
Harlequin.
Hat Euer Gnaden vielleicht im Sinn, alle jungen Leute in der Stadt
verschneiden zu lassen?
Escalus.
Nein, Pompey.
Harlequin.
Wahrhaftig, gnadiger Herr, so werden sie nach meiner einfaltigen
Meynung nicht davon abzuhalten seyn; wenn Euer Gnaden den H** und
den luderlichen Mannsleuten wehren wird, so habt ihr nicht nothig
die Kuppler und Kupplerinnen zu furchten.
Escalus.
Dafur sind hubsche Anstalten im Werk; es ist nur um Kopfen und
Hangen zu thun.
Harlequin.
Wenn ihr nur zehn Jahre nach einander alle die sich in diesem Stuke
verfehlen, kopfen und hangen lassen wollt, so werdet ihr in Zeiten
Commision fur mehr Kopfe geben mussen; wenn dieses Gesez zehen
Jahre in Wien gehalten wird, so will ich das schonste Haus in der
Stadt das Stokwerk fur drey Kreuzer miethen; wenn ihr so lang lebt,
das zu erleben, so sagt, Pompey hab es euch vorher gesagt.
Escalus.
Grossen Dank, Pompey, und, um eure Propheceyung zu erwiedern, so
sag ich euch hiemit gleichfalls, last mich keine Klage mehr wider
euch horen, woruber es seyn mag, auch nicht uber langern Aufenthalt
in dem Hause, wo ihr gewesen seyd; hor ich das mindeste, Pompey, so
will ich euch in euer Lager zuruk schlagen, und ein strenger Casar
gegen euch seyn; aufrichtig zu sprechen, Pompey, ihr hattet
verdient, das ich euch ein wenig abpeitschen liesse; und hiemit,
Pompey, gehabt euch fur dismal wohl.
Harlequin.
Ich danke Euer Gnaden fur den guten Rath; ich werde ihm folgen, wie
das Schiksal, und Fleisch und Blut es erlauben werden--
(fur sich)
Sapperment! Ein dapfrer Mann last sich nicht sogleich aus seinem
Handwerk peitschen.
(Geht ab.)
Funfte Scene.
Escalus.
Kommt zu mir hieher, Meister Ellbogen; kommt her, Herr Commis; wie
lang ist es, das ihr dieses Amt in euerm Quartier verwaltet?
Ellbogen.
Sieben und ein halb Jahr, Gnadiger Herr.
Escalus.
Ich dachte, nach euerer Fertigkeit in diesem Amte zu urtheilen, ihr
hattet es schon eine gute Zeit getrieben. Sieben ganze Jahre, sagt
ihr?
Ellbogen.
Und ein halbes, Gnadiger Herr.
Escalus.
Es wird euch viele Muhe gemacht haben, mein guter Mann; sie meynen
es nicht gut mit euch, das sie euch so oft dazu anstrengen; hat es
denn keine Leute in euerm Kirchspiel, die im Stande waren es zu
versehen?
Ellbogen.
Mein Treu, Gnadiger Herr, nicht viele die den Verstand zu solchen
Geschaften haben; wenn sie gewahlt werden, so ist es ihnen immer
eine Gefalligkeit, wenn ich den Dienst fur sie versehe; sie
bezahlen mich dafur, und so trag ich eben das Amt fur alle.
Escalus.
Seht ihr, bringt mir die Namen von sechs oder sieben, die die
tauglichsten in euerm Kirchspiel sind.
Ellbogen.
In Euer Gnaden Haus?
Escalus.
In mein Haus; behut euch Gott.
(Ellbogen geht ab.)
(Zum Richter.)
Wie viel denkt ihr das die Gloke ist?
Richter.
Eilfe, Gnadiger Herr.
Escalus.
Ich bitte euch, kommt mit mir zum Mittag-Essen.
Richter.
Ich danke euer Gnaden unterthanig.
Escalus.
Ich kranke mich herzlich uber Claudios Tod; aber es ist nicht zu
helfen.
Richter.
Der Freyherr Angelo ist streng.
Escalus.
Es ist nur allzu nothig; Gute hort auf es zu seyn, wenn sie immer
die gleiche Mine macht; und Nachsicht ist allemal die Mutter neuer
Verbrechen. Und doch--armer Claudio! Es ist nicht zu helfen!--
Folget mir, mein Herr.
(Gehen ab.)
Sechste Scene.
(Der Kerkermeister, ein Bedienter.)
Bedienter.
Er giebt nur einer Partey Gehor; er wird gleich kommen: Ich will
ihm sagen, das ihr hier seyd.
Kerkermeister.
Ich bitte euch, thut es; ich mochte wissen, was sein Wille ist;
vielleicht ihn wieder frey zu lassen--Ach! Er hat kaum mehr als in
einem Traum gesundiget; alle Stande, alle Alter riechen nach diesem
Laster--und er soll dafur sterben. (Angelo zu den Vorigen.)
Angelo.
Nun, was giebt es, Kerkermeister?
Kerkermeister.
Ist es Euer Gnaden Wille, das Claudio morgen sterben solle?
Angelo.
Sagt' ich dir nicht schon, ja? Hast du nicht Befehl? Wozu
brauchst du noch einmal zu fragen?
Kerkermeister.
Aus Furcht, ich mochte zu rasch seyn. Mit Euer Gnaden Erlaubnis,
ich habe den Fall schon erlebt, da der Richter nach der Vollziehung
sein Urtheil gerne wiederruffen hatte.
Angelo.
Thu du deine Pflicht, und las das meine Sorge seyn; thu deine
Pflicht, oder gieb dein Amt auf; und es soll dir keine Muhe mehr
gemacht werden.
Kerkermeister.
Ich bitt' unterthanig um Verzeihung, Gnadiger Herr--Und was soll
ich mit der winselnden Juliette anfangen? Sie ist ihrer Entbindung
sehr nahe.
Angelo.
Bringe sie an einen bequemem Ort, und das unverzuglich.
Der Bediente.
Gnadiger Herr, hier ist die Schwester des verurtheilten Manns, und
bittet vor Euer Gnaden gelassen zu werden.
Angelo.
Hat er eine Schwester?
Kerkermeister.
Ja, Gnadiger Herr, eine sehr tugendhafte junge Person, die im
Begriff ist eine Klosterfrau zu werden, wenn sie es nicht schon ist.
Angelo.
Gut; las sie herein kommen.
(Bedienter geht ab.)
Sorgt ihr davor, das die Hure in einen andern Ort gebracht werde;
last ihr blos die nothdurftige, und keine uberflussige Unterhaltung
geben; es soll Befehl deshalb ertheilt werden.
Siebende Scene.
(Lucio und Isabella, zu den Vorigen.)
(Kerkermeister will abtreten.)
Angelo.
Bleibt noch ein wenig--
(Zu Isabella.)
Seyd willkommen; was ist euer Begehren?
Isabella.
Ich bin eine bekummerte Person, die eine Bitte an Euer Gnaden thun
mochte, wenn es euch gefiele mich anzuhoren.
Angelo.
Gut; was ist eure Bitte?
Isabella.
Es ist ein Laster, das ich von Herzen verabscheue; das ich gestraft
zu sehen wunsche, und fur welches ich keine Furbitte thun wurde,
wenn ich nicht muste.
Angelo.
Gut, zur Sache.
Isabella.
Ich habe einen Bruder der zum Tod verurtheilt ist; ich bitte euch,
last das Urtheil auf sein Verbrechen, und nicht auf meinen Bruder
fallen.
Kerkermeister (leise.)
Der Himmel gebe dir die Gnade, ihn zu ruhren;
Angelo.
Das Verbrechen verurtheilen, und nicht den Thater? Ein jedes
Verbrechen ist schon verurtheilt, eh es gethan wird. Was wurde
mein Amt seyn, wenn ich die Verbrechen fande, deren Strafe die
Geseze bestimmt haben, und die Thater gehen liesse?
Isabella.
O! allzugerechtes wiewohl strenges Gesez!--Ich habe also keinen
Bruder mehr--
(Sie will fortgehen.)
Lucio (leise.)
Gebt nicht so gleich auf; versucht es noch einmal, bittet ihn,
fallt auf die Knie, hangt euch an seinen Rok; ihr seyd zu kalt;
wenn ihr eine Steknadel nothig hattet, konntet ihr sie mit keiner
gleichgultigern Art verlangen. Noch einmal an ihn, sag' ich.
Isabella (zu Angelo.)
Mus er denn nothwendig sterben?
Angelo.
Madchen, dafur ist kein Mittel.
Isabella.
Ey ja, ich denke ihr konntet ihm Gnade widerfahren lassen; weder
der Himmel noch die Menschen misbilligen es, wenn man Gnade vor
Recht gehen last.
Angelo.
Ich will aber nicht.
Isabella.
Konntet ihr, wenn ihr wolltet?
Angelo.
Seht, was ich nicht will, das kan ich auch nicht.
Isabella.
Aber konntet ihr es thun, ohne das die Welt einen Schaden davon
hatte, wenn euer Herz das Mitleiden des meinigen gegen ihn fuhlte?
Angelo.
Sein Urtheil ist gesprochen; es ist zu spat.
Lucio (leise.)
Ihr seyd zu kalt.
Isabella.
Zu spat? Warum? nein; ich kan ja ein Wort wiederruffen, das ich
gesprochen habe: Glaubet nur, den Konig ziert seine Crone, den
Statthalter sein Schwerdt, den Marschall sein Stab, und den Richter
sein Rok nicht halb so sehr als Gnade; waret ihr an seinem Plaze
gewesen und er an euerm, ihr wurdet gestrauchelt haben, wie er;
aber er wurde nicht so strenge gewesen seyn.
Angelo.
Ich bitte euch, geht.
Isabella.
Wollte der Himmel, ich hatte eure Macht, und ihr waret Isabella; es
sollte nicht so seyn.
Lucio.
Nur weiter--das ist der rechte Ton--
Angelo.
Das Gesez hat euern Bruder verurtheilt; alle eure Worte sind
verschwendet.
Isabella.
Ach! gnadiger Himmel! wie? Alle Seelen hatten einst gesundigt,
und waren vom Gesez verurtheilt. Aber der, der sie mit bestem Fug
straffen konnte, fand ein Mittel aus. Wenn er euch richten wollte,
wie ihr seyd? O! denkt an das! und Gnade wird, gleich dem
neuerschaffnen Menschen, aus euern Lippen athmen.
Angelo.
Gebt euch zufrieden, schones Madchen; das Gesez verurtheilt euern
Bruder, nicht ich. War' er mein Verwandter, mein Bruder, mein Sohn,
so wurd' es ihm nicht anders ergehen; morgen stirbt er.
Isabella.
Morgen? O! das ist zu schnell. Schonet seiner, gebt ihm noch
Frist; er ist nicht zum Sterben bereitet. Wir todten ja das
Geflugel fur unsre Kuche nicht eher, bis es Zeit ist; sollen wir
den Himmel schlechter bedienen, als den grobsten Theil von uns
selbst? O! mein gutiger Herr, bedenkt euch: Wenn ist jemals einer
fur dis Vergehen gestorben. Es sind manche, die es begangen haben.
Lucio (leise.)
Gut, wohl gesprochen!
Angelo.
Das Gesez ist nicht todt gewesen, ob es gleich geschlaffen hat.
Diese (Manche) hatten sich nicht unterstanden zu sundigen, wenn der
erste, der das Gesez ubertrat, gestraft worden ware. Izt, ist es
aufgewacht, erkundigt sich dessen was gethan wird, und sieht,
gleich einem Wahrsager, in einem Spiegel, alle die kunftigen
Verbrechen vor, die durch eine langere Nachsicht veranlast wurden,
und auf keine andere Art verhindert werden konnen, als wenn sie vor
ihrer Geburt getodtet werden.
Isabella.
Last wenigstens einiges Mitleiden sehen.
Angelo.
Ich kan es nicht besser sehen lassen, als wenn ich Gerechtigkeit
sehen lasse; denn alsdann hab' ich sogar Mitleiden mit denen, die
ich nicht kenne, indem ich verhindere, das ein ungestraftes
Verbrechen sie nicht zur Nachfolge reize; ja mit dem Verbrecher
selbst, der wenn er fur eine bose That bussen mus, nicht lebt um
die zweyte zu begehen. Gebt euch zufrieden; euer Bruder stirbt
morgen; gebt euch zufrieden.
Isabella.
So must ihr also der erste seyn, der ein solches Urtheil spricht,
und er der erste, der dadurch leidet. O! es ist vortrefflich, die
Starke eines Riesen zu haben; aber es ist tyrannisch, sie wie ein
Riese zu gebrauchen.
Lucio (leise.)
Das ist wohl gesprochen.
Isabella.
Konnten die Grossen der Welt donnern wie Jupiter, so wurde Jupiter
selbst keine Ruhe vor ihnen haben; denn bis auf den kleinsten
ledernen Officianten wurde ein jeder seinen Himmel zum donnern
brauchen wollen. Nichts als donnern--Gutiger Himmel! dein
scharfer schweflichter Keil zersplittert lieber die harte und
knottichte Eiche als die sanfte Myrrthe: O! nur der Mensch, der
stolze Mensch, fur etliche Augenblike in ein wenig Ansehen
gekleidet, vergist was er am gewissesten wissen kan, seiner
zerbrechlichen Natur; und spielt, gleich einem erbosen Affen, so
phantastische Streiche vor den Augen des Himmels, das die Engel
daruber weinen, die, wenn sie unsre Milz* hatten, sich alle
sterblich lachen musten.
{ed.-* Die Alten schrieben ein unmasiges Gelachter der Grosse der Milz
zu. Warburton.}
Lucio (leise.)
Weiter, weiter, Madchen--das wird wurken--es kommt ihm, ich merk'
es.
Kerkermeister.
Wollte Gott, sie mochte ihn gewinnen!
Isabella.
Ich darf meinen Bruder nicht gegen euch abwagen; grosse Herren
durfen mit Heiligen scherzen; an ihnen ist Wiz, was an geringem
Gottlosigkeit ware.
Lucio.
Du hast recht, Madchen; mehr dergleichen--
Isabella.
An dem Hauptmann ist das nur ein hastiges Wort, was an dem gemeinen
Soldaten eine platte Lasterung ist.
Angelo.
Wozu sagt ihr diese Dinge mir?
Isabella.
Weil das hochste Ansehn, ob es gleich dem Irrthum eben so sehr
unterworffen ist als andre Leute, doch immer eine Art von Arzney
bey sich fuhrt, die seine Vergehungen sogleich wieder zuheilt; geht
in euch selbst; klopft an euerm Busen an, und fragt euer Herz, was
es sich bewust ist, das meines Bruders Fehler ahnlich ist; und wenn
es euch wenigstens die Fahigkeit gesteht, eben so zu sundigen wie
er, so erlaubt ihm keinen Gedanken gegen meines Bruders Leben auf
eure Zunge zu tonen.
Angelo (fur sich.)
Sie spricht mit einem Verstand, der den meinigen uberwaltiget--
Lebet wohl--
(Er will weggehen.)
Isabella.
O! mein Gnadiger Herr, kehret zuruk.
Angelo.
Ich will mich bedenken; kommt morgen wieder.
Isabella.
Horet doch, wie ich euch bestechen will; mein gutiger Herr, kehret
zuruck.
Angelo.
Wie? Mich bestechen?
Isabella.
Ja, mit solchen Geschenken, die der Himmel mit euch theilen soll.
Lucio (leise.)
Gut, sonst hattet ihr alles verdorben.
Isabella.
Nicht mit Gold oder Steinen, die nur werth sind, was die Einbildung
sie gelten last, sondern mit unschuldigen Furbitten, die zum Himmel
aufsteigen, und durch ihn eindringen sollen, eh die Sonne wieder
aufgeht; mit Furbitten von unbeflekten Seelen, von fastenden
Jungfrauen, deren Herzen zu nichts Zeitlichem geweihet sind.
Angelo.
Gut, kommt morgen wieder.
Lucio (leise.)
Geht izt, es ist genug--weg.
Isabella.
Der Himmel erhalte Euer Gnaden gesund. Um welche Zeit soll ich
morgen Euer Gnaden aufwarten?
Angelo.
Vor Mittag, wenn ihr wollt.
(Isabella geht ab mit Lucio und Kerkermeister.)
Achte Scene.
Angelo (allein.)
Von dir? Von deiner Tugend selbst? Was ist das? Was ist das?
Ist es deine Schuld oder meine? Wer sundiget am meisten, der
Versucher, oder der Versuchte? Nicht sie, denn sie denkt nur nicht
daran mich versuchen zu wollen; ich bin es, der neben dem Veilchen
in der Sonne ligend, gleich einem Aas, nicht wie die Blume, von der
holden Fruhlings-Warme faule. Ists moglich, das die Sittsamkeit
eines Weibes unsern Sinnen gefahrlicher seyn soll, als ihre
Schlupfrigkeit? Sollen wir, da wir genug unnuzen Boden haben,
einen Tempel niederreissen, um unsre Laster hinein zu steken?--O
pfui, pfui, pfui! Was thust du, oder was bist du, Angelo? O las
ihren Bruder leben: Diebe haben Entschuldigung fur ihre Raubereyen,
wenn die Richter selbst stehlen. Wie? lieb ich sie, das ich so
begierig bin, sie wieder zu horen, und mich an ihren Augen zu
weiden? Was war dis was ich traumte? O! listiger Teufel, der, um
Heilige zu fangen, eine Heilige an deinen Angel stekst! Die
gefahrlichste Versuchung ist, die uns durch die Liebe zur Tugend
zur Sunde reizt. Nimmermehr konnt ein feiles Weibsbild, mit aller
ihrer verdoppelten Starke, mit allen Reizungen der Natur und Kunst,
meine Sinnen nur einen Augenblik aufruhrisch machen; aber dieses
tugendhafte Madchen uberwaltiget mich ganz, mich, der bis auf
diesen Augenblik, wenn ich von verliebten Mannsleuten horte,
lachelte, und nicht begreiffen konnte, wie sie es seyn konnten.
(Geht ab.)
Neunte Scene.
(Verwandelt sich in ein Gefangnis.)
(Der Herzog in einem Monchshabit, und der Kerkermeister, treten
auf.)
Herzog.
Gott grusse euch, Kerkermeister; denn das seyd ihr, denke ich.
Kerkermeister.
Ich bin's; was ist euer Wille, mein guter Pater?
Herzog.
Von Christlicher Liebe getrieben, und nach den Pflichten meines
Ordens komm' ich, die betrubten Seelen in diesem Gefangnis zu
besuchen; last mich sie sehen, damit ich die Natur ihrer Sunden
erkundigen, und nach Befinden mein Amt bey ihnen verrichten konne.
Kerkermeister.
Ich wollte noch mehr thun als das, wenn es nothig ware. (Juliette
tritt auf.)
Kerkermeister.
Seht, hier kommt eine von meinen Gefangnen, ein Fraulein, die in
die Flammen ihrer eignen Jugend gefallen ist, und ihren guten Namen
darinn versengt hat: Sie ist schwanger, und der Vater ihres Kinds
ist zum Tode verurtheilt; ein junger Mann, der bereiter ist, noch
eine solche Sunde zu begehen, als fur diese zu sterben.
Herzog.
Wenn soll er sterben?
Kerkermeister.
Ich denke, morgen.
(Zu Juliette.)
Ich habe Vorsehung fur euch gethan, bleibt eine Weile, und ihr
sollt weggefuhrt werden.
Herzog.
Bereuet ihr, schones Kind, die Sunde, die ihr begangen habt?
Juliette.
Ich bereue sie und trage die Schmach gedultig.
Herzog.
Ich will euch lehren, wie ihr euer Gewissen prufen konnt, um zu
erfahren, ob eure Busse aufrichtig ist oder nicht.
Juliette.
Ich will es gerne lernen.
Herzog.
Liebt ihr den Mann, der euch zu Falle gebracht hat?
Juliette.
Ja, so sehr als ich die Weibsperson liebe, die ihn zu Falle
gebracht hat.
Herzog.
Es scheint also, ihr habt aus beydseitigem Einverstandnis
gesundiget.
Juliette.
So ist es.
Herzog.
Also war eure Sunde von einer schwerern Art, als die Seinige.
Juliette.
Ich bekenn' und bereu' es, mein Vater.
Herzog.
Es ist billig, meine Tochter; aber bereut ihr eure Sunde vielleicht
nur darum, weil sie euch in diese Schmach gebracht hat, anstatt aus
Betrubnis das ihr den Himmel beleidiget habt? Eine gewohnliche Art
von Reue, wodurch wir beweisen, das wir den Himmel nicht suchen
weil wir ihn lieben, sondern nur wenn wir seine Strafen furchten.
Juliette.
Es reut mich, in so fern es ein Uebel ist, und ich ertrage die
Schmach mit Freuden.
Herzog.
Bleibet bey dieser Gesinnung. Euer Mitschuldiger mus, wie ich hore,
morgen sterben, und ich gehe izt zu ihm, ihn vorzubereiten. Also
geb ich euch meinen Segen.
(Er geht ab.)
Zehnte Scene.
(Der Palast.)
(Angelo tritt auf.)
Angelo.
Wenn ich beten oder mit geistlichen Gedanken mich unterhalten will,
so bete ich, und denke an verschiedne Gegenstande; aber der Himmel
hat nur meine leeren Worte, indes mein Gemuth, ohne meine Zunge zu
horen, auf Isabellen ankert. Der Himmel ist auf meinen Lippen, und
der machtige und schwellende Vorsaz der Sunde in meinem Herzen.
Der Staat, worinn ich studirte, ist mir wie ein gutes Buch, das man
so oft gelesen hat, bis man es uberdrusig worden ist; ja, diese
Ernsthaftigkeit, auf die ich (las niemand es horen) stolz war,
konnt ich mit Aufgabe gegen eine leichte Feder vertauschen, die der
Wind hin und her treibt. O! Plaz, o ausserliches Ansehen! Wie
oft erzwingst du Ehrfurcht von den Thoren, und hintergehest selbst
die weisern Seelen durch deine betrugliche Gestalt! Wir brauchen
nur (guter Engel) auf des Teufels Horn zu schreiben, so ists nicht
mehr des Teufels Horn--
(Ein Bedienter kommt herein.) Was giebts, wer ist da?
Bedienter.
Eine gewisse Isabella, eine Nonne, verlangt vor Euer Gnaden
gelassen zu werden.
Angelo.
Fuhre sie herein--O Himmel! wie treibt mein Blut zu meinem Herzen,
und entsezt auf einmal alle meine andern Theile ihrer nothigen
Starke--So spielt der alberne Hauffe mit einem der in Ohnmacht
sinkt; alle lauffen ihm zu Hulfe, und verstopfen dadurch die Luft,
durch die er wieder aufleben konnte: Und so verlassen die
Unterthanen, einen geliebten Konig zu sehen, ihre eignen Geschafte,
und drangen sich in dienstfertiger Zartlichkeit zu seiner Gegenwart,
wo ihre unbescheidene Liebe einer Beleidigung gleich sehen mus--
(Isabella kommt herein.) Wie geht es, schones Madchen?
Eilfte Scene.
Isabella.
Ich komme zu horen, was Euer Gnaden beliebt--
Angelo.
Das ihr es wissen mochtet, wurde mir besser belieben, als das ihr
darnach fragt. Euer Bruder kan nicht bey Leben bleiben.
Isabella.
Ist es dieses?--Der Himmel erhalte Eu. Gnaden.
(Sie will gehen.)
Angelo.
Und doch mocht' er noch eine Zeitlang leben, und das mochte seyn,
so lang als ihr oder ich; aber er mus sterben.
Isabella.
Durch euer Urtheil?
Angelo.
Ja.
Isabella.
Wenn, ich bitte euch? Last ihm wenigstens so viel Zeit als er
nothig hat, damit seine Seele geheilt werden konne.
Angelo.
Ha? Pfui dieser garstigen Laster! Es ware eben so gut denjenigen
zu begnadigen, der einen schon gemachten Menschen aus der Natur
weggestohlen hatte, als solchen Leuten, die das Bild des Himmels
auf verbotne Stempel graben, ihre unverschamte Ueppigkeit zu
verzeihen.
Isabella.
So wird im Himmel geurtheilt, aber nicht auf Erden.
Angelo.
Sagt ihr das? Nun will ich euch bald zum Stillschweigen bringen.
Was wolltet ihr lieber, das das gerechteste Gesez euerm Bruder das
Leben nehme; oder das ihr, um ihn zu retten, euern Leib eben so
behandeln lassen mustet, wie diejenige, die er beflekt hat?
Isabella.
Gnadiger Herr, glaubt mir das, ich wollte lieber meinen Leib preis
geben als meine Seele.
Angelo.
Ich rede nicht von eurer Seele; Sunden, wozu wir genothiget werden,
stehen nicht auf unsrer Rechnung.
Isabella.
Wie sagt ihr?
Angelo.
Ich will nicht davor gut stehen; denn ich kan vieles gegen das was
ich gesagt habe, einwenden. Antwortet mir nur auf das: Ich, durch
dessen Mund nur das Gesez redet, spreche das Todes-Urtheil wider
euern Bruder aus: Ware nicht Barmherzigkeit in einer Sunde, die ihr
nur darum begienget, um euers Bruders Leben zu retten?
Isabella.
Schenket ihm das Leben, ich will es auf die Gefahr meiner Seele
nehmen, dann ist gar keine Sunde darinn, sondern blosse
Barmherzigkeit.
Angelo.
Hort mich nur, ihr versteht mich nicht; entweder seyd ihr unwissend,
oder stellt euch so, und das ist nicht gut.
Isabella.
Last mich unwissend seyn, und in nichts gut, als in der demuthigen
Erkenntnis, das ich nicht besser bin.
Angelo.
So wunscht die Weisheit nur desto glanzender zu scheinen, wenn sie
sich selbst tadelt; wie diese schwarze Tucher die eingehullte
Schonheit zehnmal lauter ankundigen als die enthullte Schonheit
selbst thun konnte. Aber horet mich, um besser verstanden zu
werden, will ich deutlicher reden; euer Bruder mus sterben.
Isabella.
So.
Angelo.
Und wegen eines Verbrechens, worauf das Gesez diese Strafe gelegt
hat.
Isabella.
Es ist wahr.
Angelo.
Gesezt, es ware kein ander Mittel ihm das Leben zu retten (ich sage
nicht, das ich es gelten lassen wurde, sondern nur um den Fall zu
sezen) als das ihr, seine Schwester, wofern jemand euer begehrte,
den sein eigner Plaz oder sein Ansehen bey dem Richter in den Stand
sezte, euern Bruder aus den Fesseln des Gesezes zu befreyen, und
das kein andres Mittel ihn zu retten ware, als ihr mustet entweder
diesem vorausgesezten den Genus eurer Schonheit uberlassen, oder
euern Bruder leiden sehen, was wurdet ihr thun?*
{ed.-* Die unrichtige Construction dieser Rede ist im Original,
und man hat sie beybehalten, weil sie die Verwirrung ausdrukt,
worinn sich Angelo in diesem Augenblik befinden muste.}
Isabella.
Soviel fur meinen armen Bruder, als fur mich selbst; das ist, war
ich zum Tode verurtheilt, so wollt ich die Striemen scharfer
Geisseln wie Rubinen tragen, und mich auf die Marterbank mit der
Sehnsucht eines Kranken wie auf ein Ruhbette werfen, eh ich meinen
Leib der Schande preis geben wollte.
Angelo.
So muste euer Bruder sterben.
Isabella.
Besser, das ein Bruder einen einzigen Augenblik sterbe, als das die
Schwester, um ihn zu retten, ewig sterbe.
Angelo.
Waret ihr in diesem Falle nicht eben so grausam als das Urtheil,
das ihr so genennt habt?
Isabella.
So wie eine schandliche Ranzion, und eine freye Begnadigung von
zweyerley Hausern sind; so ist auch ganz gewis nicht die mindeste
Verwandtschaft zwischen einer gesezmasigen Barmherzigkeit, und
einer lasterhaften Erlosung.
Angelo.
Ihr schienet lezthin das Gesez fur einen Tyrannen, und den
Fehltritt euers Bruders eher fur eine Kurzweil als fur ein
Verbrechen anzusehen.
Isabella.
Verzeihet mir Gnadiger Herr; um zu erhalten was wir suchen, sind
wir oft genothiget nicht zu sagen, was wir denken. Aus Liebe zu
einem ungluklichen Bruder wunschte ich die That entschuldigen zu
konnen, die ich verabscheue.
Angelo.
Wir sind alle gebrechlich.
Isabella.
War' es nicht so, so mochte mein Bruder immerhin sterben.
Angelo.
Die Weiber sind auch gebrechlich.
Isabella.
Ja, wie die Spiegel, worinn sie sich beschauen; die Weiber! Der
Himmel stehe ihnen bey! Die Manner verderben ihre angebohrne
Unschuld zum Vortheil ihrer Leidenschaften; ja, nennet uns zehenmal
gebrechlich, denn wir sind sanft wie unsre Bildung, und weich genug
jeden fremden Eindruk anzunehmen.
Angelo.
So denke ich auch; und durch das Zeugnis euers eignen Geschlechts
last mich kuhner werden. Ich halte euch bey euern Worten. Seyd
was ihr seyd, ein Weib; wenn ihr mehr seyd, seyd ihr keines. Seyd
ihr's, wie diese Gestalt auf eine so reizende Art es bezeuget, so
zeiget es izt, indem ihr diese geweyhte Liverey ableget.
Isabella.
Ich habe nur eine Zunge; ich bitte Euer Gnaden, deutlich zu
sprechen.
Angelo.
Ich liebe euch.
Isabella.
Mein Bruder liebte die Juliette, und ihr sagt mir, das er dafur
sterben musse.
Angelo.
Er soll nicht sterben, wenn ihr meine Liebe begunstiget.
Isabella.
Ich weis das eure Tugend die Freyheit hat, ein wenig schlimmer zu
scheinen als sie ist, um andre auf die Probe zu sezen.
Angelo.
Glaubt mir, auf meine Ehre, meine Worte erklaren meine Absicht.
Isabella.
Ha! was fur eine Ehre? und was fur eine Absicht? O! Schein!
Schein! Ich will dich ausruffen, Angelo; siehe zu! Unterzeichne
mir diesen Augenblik die Begnadigung meines Bruders, oder ich will
so laut als ich schreyen kan, der Welt sagen, was fur ein Mann du
bist.
Angelo.
Wer wird dir glauben, Isabella? Mein unbeflekter Name, mein
strenges Leben, mein Ansehen im Staat, mein blosses Zeugnis wider
dich, werden deine Anklage so sehr uberwiegen, das du in deiner
eignen Aussage erstiken und nach Verlaumdung stinken wirst. Der
erste Schritt ist gethan, und nun will ich meinem sinnlichen Theil
den Zugel lassen. Bereite dich meiner erhizten Begierde
nachzugeben, lege alle Sprodigkeit, alle diese verzogernden
Errothungen ab, die das verbannen warum sie bitten; erlose deinen
Bruder, indem du deinen Leib meinem Willen uberlassest; oder er mus
nicht nur den Tod sterben, sondern deine Sprodigkeit soll seinen
Tod durch langsame Martern verlangern. Bringe mir morgen die
Antwort, oder, bey der Leidenschaft, die mich izt beherrschst, ich
will ein Tyrann gegen ihn werden. Was euch betrift, sagt was ihr
konnt; meine Lugen uberwiegen eure Wahrheiten.
(Er geht ab.)
Isabella.
Gegen wen soll ich mich beklagen? Wurd' ich dis erzahlen, wer
wurde mir glauben? Ich will zu meinem Bruder gehen. Ob er gleich
durch Antrieb des wallenden Blutes gefallen ist, so hat er doch so
viel Empfindung von Ehre, das wenn er auch zwanzig Haupter auf
zwanzig Bloke hinzustreken hatte, er eher sie alle hingeben wurde,
eh seine Schwester ihren Leib zu einer so schandlichen Beflekung
misbrauchen lassen sollte. Leb' also keusch, Isabella, und stirb
du, Bruder; unsre Keuschheit ist mehr als unser Bruder; inzwischen
will ich ihm das Zumuthen dieses Angelo kund machen, und ihn
sterben lehren, damit seine Seele leben moge.
Dritter Aufzug.
Erste Scene.
(Das Gefangnis.)
(Der Herzog, Claudio und Kerkermeister treten auf.)
Herzog.
Ihr hofft also Begnadigung von dem Stadthalter Angelo?
Claudio.
Die Ungluklichen haben keine andre Arzney als Hoffnung: Ich hoffe
zu leben, und bin bereitet zum Sterben.
Herzog.
Stellt euch als gewis vor, das ihr sterben must; Tod oder Leben
wird euch dadurch nur desto susser werden. Redet so mit dem Leben:
Verliehr ich dich, so verliehr ich ein Ding, das nur von Thoren
hochgeachtet wird; was bist du als ein Hauch, allen Einflussen der
Elemente unterwurffig, welche diese Wohnung, worinn du dich
aufhaltst, stundlich beunruhigen; du bist nichts anders als des
Todes Narr,* du arbeitest, ihm durch deine Flucht zu entgehn, und
rennst ihm immer entgegen; du bist nicht edel, denn du nahrst dich
von den verachtlichsten Dingen; du bist nicht dapfer, denn du
furchtest die kleine und schwache Zange eines armen Wurms; dein
bester Theil ist der Schlaf, du liebest ihn, und furchtest doch den
Tod, der nichts mehr ist. Du bist nichts Selbstbestandiges, denn
du bestehst durch viele tausend Korner, die aus einem Staub
hervorkeimen; gluklich bist du nicht, denn immer bestrebst du dich,
was du nicht hast zu gewinnen, und zu vergessen was du hast; du
bist nicht gewis, denn dein Zustand wechselt, wie der Mond; wenn du
reich bist, bist du doch arm, denn du tragst gleich einem mit
Silberstangen beladnen Esel deinen schweren Reichthum nur eine
Tagreise, und der Tod ladet dich ab; Freunde hast du keine, denn
deine eigene Eingeweide, die dich Vater nennen, fluchen dem Podagra,
der Gicht und dem Aussaz, das sie dir nicht balder ein Ende machen.
Du hast weder Jugend noch Alter; beydes ist nur ein Traum in
einem nachmittaglichen Schlaf; denn kaum ist das Feuer deiner
Jugend verrochen, so steht sie ab, und bettelt Almosen von dem
gichtbruchigen Alter; und wenn du alt und reich bist, so hast du
weder Gute, noch Hize, Trieb und Glieder, deines Reichthums froh zu
werden. Was ist denn in diesem allem, das den Namen des Lebens
tragt? Und doch ligen in diesem Leben zehentausend Tode verborgen;
und wir furchten den Tod, der alle diese seltsamen Dinge eben macht?
{ed.-* Dieses ist eine Anspielung auf gewisse Schauspiele, die in den
barbarischen Zeiten unter dem Namen (Moralitys) in England ublich
waren, worinn die lustige Person und der Tod die Hauptpersonen
waren, und die erste alle nur ersinnliche Kunstgriffe anwenden
muste, dem lezten, dem sie alle Augenblike in die Hande lief, zu
entgehen.}
Claudio.
Ich danke euch; nun find ich, das ich, wenn ich zu leben wunsche,
zu sterben suche; und wenn ich den Tod suche, das Leben finde: Las
es kommen. (Isabella zu den Vorigen.)
Isabella.
Wie? Friede sey mit dieser guten Gesellschaft.
Kerkermeister.
Wer ist da? herein--der Wunsch verdient einen Willkomm.
Herzog.
Mein lieber Herr, ich werde euch in kurzem wieder besuchen.
Claudio.
Ich danke euch, heiliger Vater.
Isabella.
Mein Geschafte besteht in einem oder zwey Worten mit Claudio.
Kerkermeister.
Von Herzen willkommen. Sehet, mein Herr, hier ist eure Schwester.
Herzog.
Kerkermeister, ein Wort mit euch.
Kerkermeister.
Soviele als euch beliebt.
Herzog (leise.)
Bringet mich an einen Ort, wo ich sie horen kan, ohne das sie mich
sehen.
(Herzog und Kerkermeister gehen ab.)
Zweyte Scene.
Claudio.
Nun, Schwester, was fur einen Trost bringt ihr?
Isabella.
Wie sie alle zu seyn pflegen; einen sehr guten in der That; der
Freyherr Angelo, welcher Geschafte im Himmel hat, ist entschlossen
euch zu seinem Abgesandten dahin zu machen; macht euch also ohne
Verzug reisefertig, morgen sollt ihr ubersezen.
Claudio.
Ist denn kein Mittel?
Isabella.
Keines als solch ein Mittel, das, um einen Kopf zu retten, ein Herz
entzwey brechen wurde.
Claudio.
Aber ist denn eines?
Isabella.
Ja, Bruder, ihr konnt bey Leben bleiben; es ist ein Mittel--Aber
eines, das wenn ihr fahig waret es zu billigen, eure Ehre sich von
diesem Rumpf, den ihr tragt, abstreifen, und euch nakend lassen
wurde.
Claudio.
Und was ist es denn?
Isabella.
O, ich furchte dich, Claudio, ich furchte du mochtest, um ein
fieberhaftes Leben zu verlangern, sechs oder sieben Winter theurer
schazen als eine immerwahrende Ehre--Hast du den Muth zu sterben?
Die Empfindung des Todes ist das furchterlichste an ihm; der arme
Kafer, auf den wir treten, leidet so viel als ein sterbender Riese.
Claudio.
Warum denkst du so schmahlich von mir? Haltst du mich fur so
schwach, das ich keiner mannlichen Entschliessung fahig seyn
sollte? Wenn ich sterben mus, so will ich der Finsternis wie einer
Braut entgegen gehn, und sie in meine Arme druken.
Isabella.
Izt sprach mein Bruder, und eine Stimme stieg aus meines Vaters
Grab empor. Ja, du must sterben; du bist zu edel, ein Leben durch
niedertrachtige Gefalligkeiten zu erkauffen. Dieser, mit
Heiligkeit ubertunchte Stadthalter, dessen gesezte Mine und
wohlbedachtliche Rede der Jugend die Klauen in den Kopf schlagt,
und ihre Thorheiten berupft, wie der Falke die Eule, ist doch nur
ein Teufel, dessen Herz einen Abgrund von Unrath, so tief als die
Holle, in sich hat.
Claudio.
Der priesterliche Angelo?
Isabella.
O das ist die betrugerische Liverey der Holle, den verdammtesten
Korper in priesterliches Gewand einzuhullen. Kanst du glauben,
Claudio, das wenn ich ihm meine Jungfrauschaft uberlassen wollte,
du frey werden konntest?
Claudio.
O Himmel! das kan nicht seyn.
Isabella.
So ist es; diese Nacht ist die Zeit, da ich thun soll, was ich zu
nennen verabscheue, oder morgen stirbst du.
Claudio.
Du sollst es nicht thun.
Isabella.
O! war' es nur mein Leben, ich wollt es fur deine Befreyung so
willig hinwerfen, als eine Steknadel.
Claudio.
Ich danke dir, meine theurste Isabella.
Isabella.
Bereite dich also morgen zu sterben, Claudio.
Claudio.
Ja. So hat er auch solche Begierden, die das Gesez in die Nase
beissen, wenn er es ubertreten will--Gewislich, es ist keine Sunde,
oder es ist doch wenigstens von den sieben Todsunden die lezte.
Isabella.
Was ist die lezte?
Claudio.
Wenn es so verdammlich ware, wurde er, der ein so weiser Mann ist,
um die Lust eines Augenbliks ewig verdammt seyn wollen? O Isabella
--
Isabella.
Was sagt mein Bruder?
Claudio.
Tod ist ein furchterliches Ding.
Isabella.
Und ein schandliches Leben ein hassenswurdiges.
Claudio.
Ja, aber sterben, und gehn wo man nicht weis wohin; in kalter
Erstarrung da ligen und verfaulen; diese warme gefuhlvolle Bewegung
zum starren Kloz werden, indes das der wollustgewohnte Geist sich
in feurigen Fluthen badet, oder in Gegenden von aufgehauftem Eys
erstarret, oder in unsichtbare Winde eingekerkert mit rastloser
Gewalt rund um die schwebende Welt getrieben wird; oder noch
unseliger ist als das unseligste, was zugellose und schwarmende
Gedanken heulend sich vorbilden--Das ist entsezlich! Das
armseligste Leben, mit allem Ungemach belastet, was Alter,
Krankheit, Durftigkeit und Gefangenschaft der Natur auflegen konnen,
ist ein Paradies gegen das, was wir auf den Tod furchten.
Isabella.
O weh!
Claudio.
Liebste Schwester, las mich leben. Wenn das Sunde seyn kan,
wodurch du deines Bruders Leben erkaufst, so spricht die Natur so
nachdruklich fur eine solche That, das sie zur Tugend wird.
Isabella.
O! du Thier! O! du ehrlose Memme! O! du schandlicher Elender!
Willt du durch mein Verbrechen zum Menschen gemacht werden? Ist es
nicht eine Art von Blutschande, dein Leben von deiner eignen
Schwester Schaam zu empfangen? Was mus ich denken? Moge der
Himmel verhutet haben, das meine Mutter meinem Vater untreu gewesen;
ein so niedertrachtiges Unkraut konnte nicht aus seinem Blut
entstehen. Stirb, vergeh Elender! Konnt ich dich durch einen
blassen Kniefall vom Tod erretten, ich wollt es nicht thun. Ich
will tausend Gebette fur deinen Tod sprechen, und nicht ein Wort,
dich zu retten.
Claudio.
Nein, hore mich, Isabella.
Isabella.
O Pfui, Pfui, Pfui, deine Sunde, izt seh ichs, ist kein Fall,
sondern ein Handwerk; Gnade gegen dich wurde selbst zur Kupplerin
werden; das beste ist, du sterbest ungesaumt.
Claudio.
O hore mich, Isabella.
Dritte Scene.
(Der Herzog und der Kerkermeister zu den Vorigen.)
Herzog.
Ein Wort mit euch, junge Schwester, nur ein Wort.
Isabella.
Was ist euer Begehren?
Herzog.
Wenn eure Zeit es zuliesse, so mocht ich eine kleine Unterredung
mit euch haben, deren Inhalt zu euerm eignen Besten abzielt.
Isabella.
Ich habe keine uberflusige Zeit; ich mus mein Verweilen andern
Geschaften stehlen; aber doch will ich noch eine Weile hier bleiben,
euch anzuhoren.
Herzog.
Sohn, ich habe gehort was zwischen euch und eurer Schwester
vorgegangen ist. Angelo hat nie den Vorsaz gehabt sie zu verfuhren;
seine Absicht war nur, ihre Tugend auf die Probe zu stellen, und
er ist erfreut das sie ihn so muthig abgewiesen hat. Ich bin des
Angelo Beichtiger, und weis das dis wahr ist; bereitet euch also
zum Tode. Entkraftet eure Entschlossenheit nicht durch betrugliche
Hoffnungen; morgen must ihr sterben; auf eure Knie nieder, und
bereitet euch zu!
Claudio.
Last mich meine Schwester um Verzeihung bitten. Die Liebe zum
Leben ist mir so vergangen, das ich froh seyn werde, davon los zu
kommen.
(Claudio geht ab.)
Herzog.
Gehabt euch wohl. Kerkermeister, ein Wort mit euch.
Kerkermeister.
Was ist euer Wille, Vater?
Herzog.
Das ihr euch ein wenig entfernen sollt; last mich eine Weile bey
dieser Schwester; mein Habit und mein Character sind euch Burge,
das sie von meiner Gesellschaft nichts zu besorgen hat.
Kerkermeister.
Das kan wohl geschehen.
(Geht ab.)
Herzog.
Das Gluk hat es so gefugt, das ich von dem Anfall, den Angelo auf
eure Tugend gethan hat, benachrichtiget worden bin; und wenn diese
Gebrechlichkeit nicht durch andre Beyspiele begreiflich gemacht
wurde, so wurde sie mich an Angelo wundern: aber was wollt ihr thun,
diesen Statthalter zu befriedigen, und euern Bruder zu retten?
Isabella.
Ich bin im Begriff ihm meinen Entschlus zu melden; ich will lieber,
mein Bruder sterbe durch das Gesez, als mein Sohn werde gegen das
Gesez gebohren. Aber, o! wie sehr hat sich der gute Herzog in
diesem Angelo betrogen! Wenn er jemals wieder zuruk kommt, und ich
vor ihn kommen kan, so will ich die Sprache verliehren, oder ihm
diese schandliche Regierung entdeken.
Herzog.
Das wird nicht ubel gethan seyn; aber so wie die Sache izt steht,
wird Angelo eure Anklage unkraftig machen; er wird sagen, er habe
euch nur auf die Probe gesezt. Horet also meinen Rath; meine
Begierde Gutes zu thun, giebt mir ein Mittel ein: Mich daucht, ihr
konntet auf die unschuldigste Art und zu gleicher Zeit einem armen
beleidigten Frauenzimmer einen Dienst leisten den sie verdient,
euerm Bruder das Leben retten, und euch dem abwesenden Herzog nicht
wenig gefallig machen, wenn er jemals wiederkommen, und von dieser
Sache horen sollte.
Isabella.
Redet weiter; ich habe Muth genug alles zu unternehmen, wovon mein
Herz mir nicht sagt, das es unrecht ist.
Herzog.
Die Tugend ist herzhaft, und die Gute niemals furchtsam. Habt ihr
nicht von einer gewissen Mariana gehort, einer Schwester des
Schiffhauptmann Friedrichs der auf dem Meer verunglukte?
Isabella.
Ich habe viel Gutes von diesem Frauenzimmer sagen gehort.
Herzog.
Sie sollte dieser Angelo geheurathet haben, er hatte sich mit ihr
versprochen, und der Hochzeit-Tag war schon angesezt: Allein
wahrend der Zwischenzeit hatte Friedrich das Ungluk, in einem
Schiffbruch sein Vermogen, seiner Schwester Erbtheil, und sein
Leben zu verliehren. Die arme Fraulein verlor dadurch einen edeln
und angesehnen Bruder der sie zartlichst liebte, mit ihm ihr
Heurathgut, und mit beyden ihren Brautigam, diesen scheinbaren
Angelo.
Isabella.
Ist das moglich? Angelo verlies sie?
Herzog.
Verlies sie in Thranen, und troknete nicht eine derselben mit
seinem Trost ab, brach sein Gelubde unter dem Vorwand einige Fleken
an ihrer Ehre entdekt zu haben; kurz, uberlies sie ihrem Elend, und
den Schmerzen die sie um seinetwillen leidet--
Isabella.
Wie wohl wurde der Tod thun, wenn er dieses arme Madchen aus der
Welt nahme! Und wie ungerecht ist dieses Leben, das es einen
solchen Mann leben last! Aber wie kan ihr geholfen werden?
Herzog.
Es ist ein Bruch, den ihr leicht heilen konnet; und die Heilung
desselben rettet nicht nur euern Bruder, sondern macht auch das ihr
ihn ohne Verlezung eurer Ehre retten konnet.
Isabella.
Wie kan das geschehen, mein guter Vater?
Herzog.
Die vorbenannte Person hegt noch immer ihre erste Leidenschaft;
sein ungerechter Kaltsinn, der ihre Liebe billig ausgeloscht haben
sollte, hat sie, gleich einem Hindernis das dem Lauf eines Stroms
entgegensieht, nur heftiger und unordentlicher gemacht. Geht ihr
zu Angelo, antwortet seinem Begehren durch den Verspruch eines
verstellten Gehorsams; gestehet ihm die Hauptsache zu, nur behaltet
euch diese Bedingungen vor, das ihr euch nicht lange bey ihm
verweilen musset, das die Zeit von Dunkelheit und Stillschweigen
begleitet sey, und der Ort die Bequemlichkeiten habe, die ein
Geheimnis erfodert. Gesteht er euch dieses zu, so geht alles nach
unserm Wunsche; wir unterrichten alsdenn dieses beleidigte Madchen,
sich zur gesezten Stunde an euern Plaz zu stehlen; dieses kan, wenn
die Wahrheit sich in der Folg' entdekt, ihn nothigen ihr
Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, euer Bruder kommt dadurch in
Freyheit, eure Ehre bleibt unbeflekt, die arme Mariana wird
versorgt, und dem Stadthalter wird die Larve abgezogen. Ich nehm'
es uber mich, das gute Madchen dazu vorzubereiten; wenn euch dieser
Entwurf sonst gefallt, so braucht ihr euch kein Bedenken zu machen;
das dreyfache Gute das daraus entspringt, macht den Betrug
untadelhaft. Was dunkt euch hiezu?
Isabella.
Die Vorstellung davon beruhigt mich bereits und ich hoffe der
Ausgang werde erfreulich seyn.
Herzog.
Es kommt alles auf euern Beytrag an; eilet unverzuglich zu Angelo;
wenn er euch um diese Nacht bittet, so sagt es ihm zu, unter den
Bedingungen, die wir abgeredt haben. Ich will indessen zu Marianen
gehen; fraget mir bey St. Lucas wieder nach, und macht das ihr von
Angelo bald zurukkommt.
Isabella.
Ich danke euch fur diesen Beystand; lebet wohl indessen, mein guter
Vater.
(Sie gehen ab.)
Vierte Scene.
(Die Straasse.)
(Der Herzog als ein Monch, Ellbogen, Harlequin, und Stadtbediente.)
Ellbogen.
Was wird noch aus der Welt werden, wenn man euch das Handwerk nicht
legt, Manner und Weiber wie das liebe Vieh zu verkauffen? Fort,
fort, euers Weges--He! Gott grus euch, guter Pater Bruder.
Herzog.
Und euch, guter Bruder Vater, was hat dieser Mann begangen, mein
Herr?
Ellbogen.
Beym Sapperment, Herr, er hat wider das Gesez gesundiget, und, Herr,
wir glauben er sey ein Dieb dazu, Herr; denn wir haben einen
seltsamen Schlussel-Haken bey ihm gefunden, Herr, den wir dem
Stadthalter geschikt haben.
Herzog.
Pfui, du Schurke, ein H** Wirth, ein schandlicher H** Wirth! Du
lebst von dem Bosen das du verursachst. Hast du auch einmal daran
gedacht, was das ist, von einem so unflatigen Laster den Magen zu
fullen, oder den Ruken zu kleiden? Sage zu dir selbst: Von ihren
abscheulichen viehischen Betastungen, es' ich, trink' ich, kleid'
ich mich und lebe. Kanst du das fur ein Leben halten, das von
einem so stinkenden Unterhalt abhangt? Geh, besre dich, besre dich!
Harlequin.
In der That, es stinkt in gewisser Maasse, Herr; aber doch, Herr,
wollt' ich beweisen konnen--
Herzog.
Was willt du beweisen? Du bist ein verstokter Bube. Fuhr ihn in
den Kerker, Commis; Zuchtigung und Unterricht mussen zugleich
wurken, um ein so wildes Vieh zahm zu machen.
Ellbogen.
Er mus vor den Stadthalter, Herr; er ist gewarnet worden; der
Stadthalter kan einen H** Wirth nicht leiden. Wenn er ein H**
Wirth ist, und kommt vor den Stadthalter, so war' es ihm eben so
gut, er war' eine halbe Stunde weit von ihm.
Harlequin.
Hier kommt ein junger Herr von meinen guten Freunden.
Funfte Scene.
(Lucio zu den Vorigen.)
Lucio.
Wie gehts, edler Pompey? Wie? in Casars Fesseln? Wirst du im
Triumph gefuhrt? Wie? war keine von Pygmalions Statuen, die
kurzlich wieder zu einem Weib gemacht worden*, die man hatte dafur
beym Kopf kriegen konnen, das sie die Hand in eine Tasche gestekt,
und eine Faust wieder herausgezogen? He! was sagst du zu dieser
neuen Methode? So gieng es nicht unter der lezten Regierung. Ha?
Was sagst du, Pflastertreter? wie gefallt dir diese neue Welt? Du
wanderst, daucht mich, ins Gefangnis?
{ed.-* Das ist: Die aus der Salivations-Cur gekommen. Warburton.}
Harlequin.
Ihr habt's errathen, mein Herr.
Lucio.
Das last sich horen, Pompey, Gluk zu; allenfalls kanst du sagen,
ich habe dich wegen einer Schuld dahin geschikt; oder warum--
Ellbogen.
Weil er ein H** Wirth ist, ein H** Wirth.
Lucio.
Gut, so sezt ihn immer ein; wenn das die Straffe ist die einem H**
Wirth gehort, so geht die Sache in ihrer Ordnung. Ein H** Wirth
ist er, das hat seine Richtigkeit, und das nicht erst von gestern
her; er ist ein gebohrner H** Wirth. Guten Abend, Pompey; mein
Compliment an das Gefangnis, Pompey; ihr werdet nun ein braver
Hausmann werden, Pompey, ihr werdet hubsch das Haus huten.
Harlequin.
Ich hoffe Euer Gnaden werden Burge fur mich seyn.
Lucio.
Nein, wahrhaftig, das werd ich nicht, Pompey; es verlohnt sich der
Muhe nicht; ich will um die Verlangrung eurer Gefangenschaft bitten;
schikt ihr euch nicht geduldig drein, desto schlimmer fur euch;
fahr wohl, ehrlicher Pompey. Guten Abend, Bruder!
Herzog.
Ebenfalls.
Lucio.
Mahlt sich Brigitte noch immer, Pompey? ha?
Ellbogen.
Fort euers Weges, Herr, fort.
Lucio.
Munter, Pompey, es mus schon seyn. Was giebts neues, Frater, was
Neues?
Ellbogen.
Fort, Herr, geht euers Weges.
Lucio.
Geh, in den Stall, Pompey, geh.
(Ellbogen, Harlequin und Bediente geben ab.)
Sechste Scene.
Lucio.
Was giebts neues, Frater, vom Herzog?
Herzog.
Ich weis nichts; wist ihr etwas?
Lucio.
Einige sagen, er sey bey dem Rusischen Kayser; andre, er sey in Rom;
aber wo meynt ihr, das er ist?
Herzog.
Das weis ich nicht, aber wo er auch seyn mag, wunsch' ich ihm Gutes.
Lucio.
Das war ein wunderlicher Einfall von ihm, sich aus dem Staat
wegzustehlen, und auf der Betteley herumzuziehen, die seines
Handwerks nicht ist. Der Herr Angelo halt indessen hubsch Haus, er
beunruhiget die Uebertretung, das es nicht auszustehen ist.
Herzog.
Daran thut er wohl.
Lucio.
Ein wenig mehr Gelindigkeit gegen die Galanterie mochte nicht
schaden; in diesem Stuk ist er ein wenig zu streng, Bruder.
Herzog.
Ein so verfuhrisches Laster kan nur durch Strenge geheilt werden.
Lucio.
Frater, so lang essen und trinken nicht abgeschaft werden kan, wird
es unmoglich seyn, es ganz auszurotten. Man sagt, dieser Angelo
sey nicht durch den ordentlichen Weg der Natur von einem Mann und
einem Weib entstanden; ist es wahr, was daucht euch?
Herzog.
Wie soll er denn entstanden seyn?
Lucio.
Einige erzahlen, eine Wassernixe habe ihn gebrutet; andre, er sey
von zwey Stokfischen gezeugt worden. Soviel ist gewis, das wenn er
das Wasser abschlagt, sein Urin gleich zu Eis gefriert; ich weis
das es wahr ist, und das er zur Zeugung unfahig ist, daran ist auch
nicht zu zweifeln.
Herzog.
Ihr scherzet, mein Herr--
Lucio.
Zum Henker, was fur eine Unbarmherzigkeit ist es von ihm, um der
Emporung eines H*s*nlazes willen einem ehrlichen Kerl das Leben zu
nehmen? Hatte der abwesende Herzog das gethan? Ehe er jemand, und
wenn es auch um hundert Bastarte willen gewesen ware, hatte hangen
lassen, ehe hatte er fur tausend das Kostgeld aus seinem Beutel
bezahlt. Er liebte das Spiel selbst ein wenig, und das machte ihn
gelinde.
Herzog.
Ich habe nie gehort, das man den abwesenden Herzog mit Weibsleuten
im Verdacht gehabt hatte; seine Neigung gieng nicht dahin.
Lucio.
O mein Herr, ihr betrugt euch sehr.
Herzog.
Es ist nicht moglich.
Lucio.
Wie? der Herzog nicht? Das alte Mensch, das fur euch bettelt,
konnte euch davon sagen; er warf ihr nicht umsonst allemal einen
Ducaten in ihre Buchse. Der Herzog hat seine Schliche. Er liebte
auch den Trunk, das konnt ihr mir glauben.
Herzog.
Gewislich, ihr thut ihm unrecht.
Lucio.
Herr, ich war ein Vertrauter von ihm; ein schlauer Bursche ist der
Herzog, und ich glaube ich weis warum er sich entfernt hat.
Herzog.
Ich bitte euch, was mag die Ursache seyn?
Lucio.
Um Vergebung, das ist ein Geheimnis, davon sich nicht reden last;
aber so viel kan ich euch zu verstehen geben; der groste Theil
seiner Unterthanen hielt den Herzog fur weise?
Herzog.
Weise? wie, es ist wohl keine Frage, ob er es war.
Lucio.
Ein sehr superficieller, unwissender, unbedachtlicher Geselle.
Herzog.
Entweder ist es Neid, oder Narrheit oder Irrthum das ihr so redet.
Sein ganzes Leben, und alle seine offentlichen Handlungen geben ihm
ein besseres Zeugnis; und der Neid selbst mus gestehen, das er
gelehrt, ein Staatsmann und ein Soldat ist. Ihr sprecht also sehr
unbesonnen; oder wenn es nicht aus Mangel an Einsicht geschieht, so
verrathet ihr viel Bosheit.
Lucio.
Herr, ich kenn' ihn und ich lieb' ihn.
Herzog.
Ihr wurdet ihn besser lieben wenn ihr in kenntet, und ihn besser
kennen wenn ihr ihn liebtet.
Lucio.
Gut, Herr, ich weis was ich weis.
Herzog.
Ich kan es schwerlich glauben, da ihr nicht wist was ihr redet.
Wofern aber der Herzog wieder zurukkommt, so gestattet das ich von
euch begehre, euch bey ihm zu verantworten. Habt ihr die Wahrheit
gesagt, so werdet ihr auch Herz haben, sie zu behaupten; meine
Schuldigkeit ist, euch dazu aufzufordern, und ich bitte euch
deswegen um euern Namen.
Lucio.
Herr, mein Name ist Lucio, der Herzog kennt ihn wohl.
Herzog.
Er wird euch noch besser kennen lernen, wenn ich so lange lebe, ihm
Nachricht von euch geben zu konnen.
Lucio.
Ich furchte euch nicht.
Herzog.
O! ihr hoft, der Herzog werde nicht wieder kommen, oder ihr bildet
euch ein ich sey ein Gegner, der euch nicht schaden konne; und in
der That, ich werde euch wenig schaden, denn ihr werdet alles was
ihr hier gesagt habt, wieder abschworen.
Lucio.
Erst will ich mich hangen lassen; du kennst mich nicht, Frater.
Doch nichts weiter hievon. Kanst du sagen, ob Claudio morgen
stirbt oder nicht?
Herzog.
Warum sollt' er sterben, mein Herr?
Lucio.
In der That ist es hart, einem darum den Kopf zu nehmen, weil er
die Hosen herunter gelassen hat; denn das ist doch zulezt alles,
was er gethan hat. Ich wollte, der Herzog von dem wir reden, ware
wieder da; dieser unvermogende Statthalter wird das ganze Land
durch Enthaltsamkeit entvolkern. Er leidet nicht, das die
Sperlinge in seinem Hause nisten, weil sie Liebhaber vom Paaren
sind. Der Herzog wurde Dinge, die im Finstern geschehen, auch im
Finstern ausmachen; er wurde sie gewis nicht ans Licht ziehen. Ich
wollt' er ware wieder da! Leb' wohl, mein guter Frater; ich bitte
um dein Gebet. Der Herzog, ich sag dir's noch einmal, macht sich
nichts daraus, an einem Freytag von einer Schopskeule zu essen;
seine Zeit ist noch nicht vorbey; ich versichre dich, er wurde eine
Bettlerin schnabeln, wenn sie gleich nach schwarz Brot und
Knoblauch roche. Sag, ich hab' es gesagt, und gehab dich wohl.
(Lucio geht ab.)
Herzog.
Weder Macht noch Hoheit kan dem Tadel entgehen, und die hinterruks
verwundende Verlaumdung scheuet sich nicht, die weisseste Tugend
anzugeifern.
Siebende Scene.
(Escalus, Kerkermeister, Kupplerin, und Stadtbediente.)
Escalus.
Geht, fuhrt sie ins Gefangnis.
Kupplerin.
Ach, Gnadiger Herr, schonet meiner; Euer Gnaden wird von jedermann
fur einen so mitleidigen Herrn gehalten! Ach mein gutiger Herr!
Escalus.
Doppelt, dreyfach gewarnt werden, und doch immer in dem gleichen
Verbrechen fortzufahren--das konnte die Gnade selbst zum Tyrannen
machen.
Kerkermeister.
Eine H** Wirthin, die das Handwerk eilf ganzer Jahre hinter
einander treibt, mit Euer Gnaden Erlaubnis.
Kupplerin.
Gnadiger Herr, das geschieht alles auf Anstiften eines gewissen
Lucio; Jungfer Kathchen Legdich wurde schwanger von ihm, in des
Herzogs Zeiten; er versprach ihr die Ehe; sein Kind ist auf
nachsten Philippi und Jacobi funf Virtheil Jahr alt; ich hab es
selbst unterhalten, und das ist nun der Dank den er mir davor giebt.
Escalus.
Dieser Lucio ist ein sehr ausgelassener Bursche; last ihn vor uns
ruffen. Weg mit ihr ins Gefangnis; fort, fort, keine Worte mehr.
(Sie gehen mit der Kupplerin ab.)
Kerkermeister, mein Bruder Angelo last sich nicht uberreden;
Claudio mus morgen sterben, versorget ihn mit Geistlichen, und mit
allem was er zu seiner Vorbereitung nothig hat. Wenn mein
Mitleiden ihm etwas helfen konnte, sollte es nicht so seyn.
Kerkermeister.
Dieser Franciscaner ist bey ihm gewesen, und hat ihn zum Tod
vorbereitet.
Escalus.
Guten Abend, Vater.
Herzog.
Heil und Segen sey mit euch!
Escalus.
Woher seyd ihr?
Herzog.
Nicht aus diesem Land, ob es mich gleich getroffen hat, eine
Zeitlang mich darinn aufzuhalten; ich bin ein Bruder aus einem
gesegneten Orden, und vor kurzem mit einem besondern Auftrag von
seiner Heiligkeit uber das Meer gekommen.
Escalus.
Was giebt es Neues in der Welt?
Herzog.
Nichts, als eine Neuigkeit die so alt ist als die Welt, und die
doch die Neuigkeit jedes Tages ist, das die Tugend siech und das
Laster munter, und das es leichter ist, das Bose zu strafen als
selbst unverwerflich zu seyn. Ich bitte euch, mein Herr, von was
fur einer Denkungsart war der Herzog?
Escalus.
Von einer, die sich nichts angelegner seyn last, als sich selbst zu
kennen.
Herzog.
Was fur einem Vergnugen war er ergeben?
Escalus.
Wenn er sich uber etwas freute, so war es mehr uber die Freude
andrer Leute, als das er an irgend etwas, das ihn belustigen wollte,
eine sonderliche Lust gehabt hatte. Doch wir wollen ihn seinen
Geschaften uberlassen, und nur bitten, das sie gluklich seyn mogen;
erlaubet mir euch zu fragen, wie findet ihr den Claudio
vorbereitet? Ich hore, das ihr ihn besucht habt.
Herzog.
Er bekennt, das ihm sein Richter nicht zuviel gethan habe, und
ergiebt sich mit gelasner Demuth in den Willen der Gerechtigkeit;
doch hat er Schwachheit genug gehabt, sich allerley betrugliche
Hoffnungen zum Leben zu machen, die ich ihm aber so benommen habe,
das er izt entschlossen ist zu sterben.
Escalus.
Ihr habt gegen den Himmel und den Gefangnen die Pflichten euers
Berufs erfullt. Ich habe mir fur den armen Edelmann so viel Muhe
gegeben, als es die Bescheidenheit zulies; allein ich habe meinen
Collegen Angelo so strenge gefunden, das er mich genothiget hat ihm
zu sagen, er sey in der That die Gerechtigkeit selbst.
Herzog.
Wenn sein eignes Leben mit der Strenge seines Richter-Amts
ubereinstimmt, wird es ihm wohl bekommen; wo nicht, so hat er sich
selbst das Urtheil gesprochen.
Escalus.
Ich gehe den Gefangnen zu besuchen; lebet wohl.
(Er geht ab.)
Achte Scene.
(Der Herzog allein.)
Herzog.
Wer das Schwerdt des Himmels tragen will, soll eben so heilig und
unverwerflich seyn als er streng ist. Schaam uber den, dessen
tyrannische Hand die Verbrechen an andern bestraft, die er sich
selbst nachsieht; dreyfache Schaam uber Angelo, der andrer Laster
ausreutet, und die seinigen wachsen last. O! was fur Unrath kan
in einem Menschen verborgen seyn, wenn er von aussen gleich ein
Engel scheint! Wie leicht ist's dem Laster, unter dieser Gestalt,
die Welt und die Zeit selbst zu betrugen, und mit schwachen
Spinnenfaden die gewichtigsten Dinge, Reichthum, Macht und Ehre, an
sich zu ziehen. Ich mus List gegen Laster gebrauchen. Diese Nacht
soll seine ehmalige verlasne und verschmahte Braut bey dem Angelo
ligen, um durch einen unschuldigen Betrug die keusche Unschuld zu
befreyen, und einen alten Eheverspruch gultig zu machen.
Vierter Aufzug.
Erste Scene.
(Eine Scheuer.)
(Mariane und ein kleiner Knabe treten singend auf.
Der Herzog als ein Franciscaner-Monch kommt dazu.)
Mariane.
Hor auf zu singen, und begieb dich eilends hinweg. Hier kommt ein
Mann des Trostes, dessen Zuspruch schon oft meinen murrenden Kummer
gestillet hat--
(Zum Herzog.)
Ich bitte euch um Vergebung, mein ehrwurdiger Herr, und wunschte,
das ihr mich hier nicht so musicalisch angetroffen hattet;
entschuldiget mich und glaubet mir, diese erzwungne Frolichkeit ist
nur ein schwaches Lindrungsmittel meines Schmerzens.
Herzog.
Es ist gut; obgleich die Musik oft eine so zaubrische Kraft hat,
das sie das Bose gut und das Gute bose machen kan. Ich bitte euch,
hat niemand hier nach mir gefragt; es wird schon uber die Zeit seyn,
da ich versprochen habe, mit jemand an diesem Orte zusammen zu
kommen.
Mariane.
Es hat niemand bey mir nach euch gefragt, ob ich gleich den ganzen
Tag hier gesessen bin. (Isabella kommt.)
Herzog.
Ich glaube euch in allen Sachen;--Die Zeit ist gekommen, eben izt--
Ich mus euch um ein wenig Geduld bitten; ich werde euch sogleich
wieder zuruk rufen, um von einer Sache mit euch zu sprechen, die zu
euerm Besten abgezielt ist.
Mariane.
Ich werde euern Befehl erwarten.
(Sie geht ab.)
Zweyte Scene.
Herzog.
Willkommen, Isabella, ihr haltet euer Wort genau; was giebt es
Neues von dem ehrlichen Stadthalter?
Isabella.
Er hat einen Garten, der mit einer Mauer von Ziegelsteinen
eingeschlossen ist, und an der West-Seite an einen Weinberg stost;
hier ist der Schlussel, der das Thor in diesen Weinberg aufschliest;
und hier ein andrer, der eine kleine Thur offnet, die aus dem
Weinberg in den Garten fuhrt. Hier habe ich versprochen, in der
finstern Mitternacht ihm einen Besuch zu geben.
Herzog.
Aber seyd ihr auch gewis, den Weg zu finden?
Isabella.
Er hat mir denselben mit einer so grossen Sorgfalt zu wiederholten
malen gezeigt, das ich ihn ganz genau angeben kan.
Herzog.
Sind keine andre Verabredungen zwischen euch genommen worden, die
das Frauenzimmer wissen mus, das eure Stelle vertreten wird?
Isabella.
Keine andre, als das die Zusammenkunft im Finstern geschehen soll;
und das ich ihm beygebracht, mein Aufenthalt konne nur sehr kurz
seyn, indem ich mit einer Magd kommen werde, die, in der Meynung,
das ich eine heimliche Zusammenkunft mit meinem Bruder habe, auf
mich warten solle.
Herzog.
Das ist wohl ausgesonnen. Aber ich habe Marianen noch kein Wort
von der Sache entdekt. Ha! kommt heraus, wenn es euch beliebt!
Dritte Scene.
(Mariane zu den Vorigen.)
Herzog (zu Isabella.)
Ich bitte euch, macht Bekanntschaft mit diesem jungen Frauenzimmer;
sie kommt, euch Gutes zu thun.
Isabella.
Ich wunsche, das es zu ihrem eignen Besten ausschlage.
Herzog (zu Mariane.)
Seyd ihr uberzeugt, das ich euch hoch schaze?
Mariane.
Mein gutiger Vater, ich bin vollkommen uberzeugt, und habe Proben
davon.
Herzog.
So nehmt dann diese eure Freundin bey der Hand, und horet die
Geschichte, die sie euch zu erzahlen hat; ich will hier auf eure
Zurukkunft warten; aber beschleuniget euch; die Nacht bricht an.
(Mariane und Isabella gehen ab.)
Herzog (allein.)
* O Macht und Grosse. Millionen falscher Augen sind auf dich
geheftet; ganze Bande voll unachter und widersprechender
Nachrichten verfalschen deine Thaten; und tausend halbkluge
Wizlinge machen dich zum Vater ihrer mussigen Traume, und foltern
dich in ihrer Einbildung--Willkommen! Wie versteht ihr euch mit
einander?
{ed.-* Diese Rede, die augenscheinlicher Weise keinen
begreiflichen Zusammenhang mit dem Inhalt dieser Scene hat, gehort,
nach des Dr. Warburtons Meynung, zum Schlus der Scene zwischen
Lucio und dem Herzog in dem vorigen Aufzug; und ist, wie er glaubt,
von den Schauspielern, die es nicht so genau zu nehmen pflegen,
hieher versezt worden, damit der Herzog in der Abwesenheit der
beyden Damen keine lange Weile habe.}
Vierte Scene.
(Mariane und Isabella kommen zuruk.)
Isabella.
Sie will die Verrichtung auf sich nehmen, wenn ihr nichts dawider
einzuwenden habt, Vater.
Herzog.
Ich gebe nicht nur meine Einwilligung, sondern ich bitte euch darum.
Isabella.
Wenn ihr euch wieder wegbegebet, so braucht ihr ihm nichts zu sagen,
als mit leiser Stimme: ("Erinnert euch nun meines Bruders.")
Mariane.
Seyd unbekummert--
Herzog.
Auch seyd ihr es nicht um euer selbst willen, meine liebe Tochter.
Ein gultiger Eheverspruch macht ihn zu euerm Gemahl, und es ist
also keine Sunde euch so zusammen zu bringen, indem die
Gerechtigkeit euers Anspruchs an ihn den Betrug unschuldig macht.
Kommt, last uns gehen; wir haben das wichtigste noch vor uns.
(Sie gehen ab.)
Funfte Scene.
(Das Gefangnis.)
(Der Kerkermeister und Harlequin.)
Kerkermeister.
Hieher, Bursche, konnt ihr einem Mann den Kopf abschlagen?
Harlequin.
Wenn der Mann ein Junggeselle ist, Herr, so kan ich's; wenn er aber
ein Ehemann ist, so ist er seines Weibes Haupt; und ich kan
unmoglich einem Weibsbild den Kopf abschlagen.*
{ed.-* Der Spas ligt hier in einem Wortspiel, das
sich nicht ubersezen last.}
Kerkermeister.
Last eure Schakereyen, Herr, und gebt mir eine gescheidte Antwort.
Morgen fruh sollen Claudio und Bernardin sterben; wir haben hier in
diesem Gefangnis einen offentlichen Scharfrichter, der einen
Gehulfen nothig hat; wenn ihr euch entschliessen wollt, dieser
Gehulfe zu seyn, so wird es euch von euern Fesseln frey machen; wo
nicht, so macht euch gefast eure volle Zeit im Gefangnis
auszuhalten, und bey eurer Entlassung eine unbarmherzige Tracht
Prugel mit auf den Weg zu bekommen; denn ihr wist, das ihr ein
stadtkundiger H** Wirth gewesen seyd.
Harlequin.
Herr, ich bin ein unehrlicher H** Wirth gewesen; doch, das ist nun
vorbey, und man redt nicht gerne davon; ich bin es zufrieden, nun
ein ehrlicher Henker zu werden; es wird mir ein Vergnugen seyn,
einigen Unterricht von meinem Herrn Collegen zu erhalten.
Kerkermeister.
Holla, Abhorson! Wo ist Abhorson? (Abhorson kommt.)
Abhorson.
Ruft ihr mir, mein Herr?
Kerkermeister.
Hier ist ein Kerl, der euch morgen bey Hinrichtung der
Verurtheilten helfen will; wenn ihr es gut findet, so vergleicht
euch mit ihm fur ein Jahr, und behaltet ihn hier bey euch; wo nicht,
so braucht ihn fur diesesmal, und last ihn wieder seines Weges
gehen. Er kan sich nicht beschweren, das er mit euch in die
gleiche Linie gestellt wird; er ist ein H** Wirth gewesen.
Abhorson.
Ein H** Wirth, mein Herr? Pfui, er wird unsre Kunst in einen bosen
Ruf bringen.
Kerkermeister.
Geht, geht, und macht euch keinen Scrupel; ihr wagt gleich viel;
eine Feder wurde die Wagschalen verruken.
(Er geht ab.)
Harlequin (zu Abhorson.)
Ich bitte euch, mein Herr, mit eurer Erlaubnis, nennt ihr eure
Beschaftigung eine Kunst?
Abhorson.
Ja, Herr, eine Kunst.
Harlequin.
Mahlen, Herr, hab ich sagen gehort, ist eine Kunst, und da eure H**,
welche sich sehr gut auf das Mahlen verstehen, Mitglieder meiner
Zunft sind, so ist also bewiesen, das meine Beschaftigung eine
Kunst ist; aber was fur eine Kunst--im Hangen seyn sollte, wenn ich
gehenkt wurde, kan ich mir nicht vorstellen--
** (Der Kerkermeister kommt zuruk.)
{ed.-** Hier ist, nach Herrn Warburtons Anmerkung, eine ziemliche
Luke im Original, welche auch die zwey Reden, die noch ubrig sind,
ganz unverstandlich macht. Es verlohnt sich der Muhe nicht, diese
Scene erganzen zu wollen, da sie selbst nach Warburtons darauf
ubelangewandter Arbeit ein abgeschmaktes Gewebe von albernen
Wortspielen bleibt.}
Kerkermeister.
Seyd ihr mit einander ubereingekommen?
Harlequin.
Herr, ich bin entschlossen, sein Knecht zu seyn; denn es daucht
mich, ein Henker zu seyn ist ein busfertigeres Gewerbe als ein H**
Wirth zu seyn; er bittet ofter um Verzeihung.
Kerkermeister.
Macht euern Blok und euer Beil zu rechte, bis morgen um vier Uhr.
Abhorson.
Komme mit, H**bube, ich will dir zeigen wie du dich zu deinem neuen
Handwerk anschiken must; folge mir.
Harlequin.
Ich bin sehr lehrbegierig, Herr; und ich hoffe, wenn ihr etwann
Gelegenheit bekommen solltet, mich fur euch selbst zu gebrauchen,
ihr werdet mich eifrig finden; Eure Gewogenheit fur mich verdient
wahrhaftig keine geringere Dankbarkeit von meiner Seiten.
(Sie gehen ab.)
Kerkermeister.
Ruft Claudio und Bernardin hieher; mit dem einen hab' ich Mitleiden;
mit dem andren, der ein Morder ist, nicht ein Jot, und wenn er
mein Bruder ware.
Sechste Scene.
(Claudio kommt herein.)
Kerkermeister.
Siehe hier, Claudio, dein Todesurtheil; es ist izt Mitternacht, und
bis morgen um acht Uhr must du unsterblich gemacht werden. Wo ist
Bernardin?
Claudio.
So stark vom Schlaf gefesselt als ob er unschuldig ware, und nichts
zu befurchten hatte. Er wird nicht aufzuweken seyn.
Kerkermeister.
Und was wurd' es ihm auch helfen; er ist ein verharteter Bube--Gut,
begebt euch wieder weg und bereitet euch.
(Claudio geht ab.)
Still! was fur ein Getose ist das?--der Himmel starke euch!--Ich
komme--Hoffentlich ist es Begnadigung, oder doch einiger Aufschub
fur den wakern Claudio--Willkommen, Vater. (Der Herzog kommt
herein.)
Herzog.
Die besten und heilsamsten Geister der Nacht steigen auf euch herab,
wakrer Kerkermeister! Wer klopfte seit einiger Zeit hier an?
Kerkermeister.
Niemand, seitdem die Nachtgloke gelautet worden.
Herzog.
Nicht Isabella?
Kerkermeister.
Nein.
Herzog.
So wird sie doch nicht lange mehr ausbleiben.
Kerkermeister.
Was fur Hoffnung haben wir fur den Claudio?
Herzog.
Es ist noch nicht alle verlohren.
Kerkermeister.
Der Statthalter ist ein harter Mann.
Herzog.
Nicht so, nicht so; sein Leben lauft mit seiner strengen
Gerechtigkeit in gleicher Linie: Mit der Enthaltung eines Heiligen
bezwingt er den Trieb in ihm selbst, dessen Ausschweiffungen sein
Amt an andern strafen mus. Ja, dann wenn er selbst ausubte, was er
an andern straft, dann war' er tyrannisch; aber so wie er ist, ist
er gerecht--Nun kommen sie.
(Man hort an der Thure klopfen. Der Kerkermeister geht hinaus.)
Dieser Kerkermeister ist ein wakrer Mann; es ist etwas seltnes an
einem Mann von seinem Beruf, ein Menschenfreund zu seyn. Aber was
giebts? Was fur ein Getose? Das mus ein hastiger Geist seyn, der
so ungestum an der Thure pocht. (Der Kerkermeister kommt zuruk.)
Kerkermeister.
Er kan warten, bis der Wachter wieder kommt, der ihn hineinfuhren
soll; er ist abgeruffen worden.
Herzog.
Habt ihr noch keinen Gegenbefehl wegen des Claudio? Mus er morgen
sterben?
Kerkermeister.
Keinen, ehrwurdiger Herr, keinen.
Herzog.
Es fangt schon an zu dammern, Kerkermeister; ihr werdet, eh es
Morgen seyn wird, mehr horen.
Kerkermeister.
Wie gluklich war's, wenn ihr etwas wistet; aber ich furchte, es
kommt kein Gegenbefehl; wir haben kein solch Exempel; und zudem, so
hat der Stadthalter, auf dem Thron der Gerechtigkeit selbst, und
vor den Ohren des ganzen Volks das Gegentheil versichert.
Siebende Scene.
(Ein Bote zu den Vorigen.)
Herzog.
Dieses ist einer von Sr. Gnaden Bedienten.
Kerkermeister.
Und hier kommt Claudios Begnadigung.
Bote.
Mein Gnadiger Herr uberschikt euch diesen schriftlichen Befehl, und
durch mich diesen mundlichen Zusaz, das ihr nicht von dem kleinsten
Theil desselben abweichen sollt, weder was die Zeit, noch die
andern Umstande betrift. Guten Morgen, denn ich denke, es ist
beynahe Tag.
Kerkermeister.
Ich werde gehorchen.
(Der Bote geht.)
Herzog (fur sich.)
Dis ist seine Begnadigung; Angelo findet billig eine Sunde zu
vergeben die er selbst begeht--Nun, mein Herr, was habt ihr Neues?
Kerkermeister.
Was ich euch sagte; Angelo, der mich vermuthlich fur nachlasig in
meinem Dienst ansieht, erwekt mich durch dieses ungewohnliche
Betreiben; ich begreiffe nicht was es zu bedeuten hat; denn er hat
es noch niemals so gemacht.
Herzog.
Ich bitte euch, last mich's horen.
Der Kerkermeister (list den Befehl.)
"Alles was ihr auch diesem meinem Befehl widersprechendes horen
moget, ungeachtet, lasset den Claudio morgen um vier Uhr hinrichten,
und des Nachmittags den Bernardin; und zu meiner bessern
Versicherung sorget dafur, das mir der Kopf des Claudio um funf Uhr
zugeschikt werde. Last dieses gehorig vollzogen werden, und
beobachtet hierinn eine noch grossere Sorgfalt als wir euch
anbefohlen. Eure eigne Gefahr soll uns fur die Ausubung eurer
Pflicht Burge seyn." Was sagt ihr hiezu, mein Herr?
Herzog.
Wer ist dieser Bernardin, der Nachmittags hingerichtet werden soll?
Kerkermeister.
Ein gebohrner Zigeuner, der aber hier zu Lande erzogen worden, und
schon neun Jahre gefangen ligt.
Herzog.
Wie kam es, das der abwesende Herzog ihn nicht entweder in Freyheit
sezte, oder hinrichten lies? Ich horte, es sey allezeit sein
Gebrauch gewesen, es so zu machen.
Kerkermeister.
Seine Freunde wurkten immer einen Aufschub nach dem andern aus; und
in der That, kam sein Verbrechen, bis izo in der Regierung des
Freyherrn Angelo, zu keinem vollstandigen Beweis.
Herzog.
Es ist also nun erwiesen?
Kerkermeister.
Vollkommen erwiesen, und von ihm selbst nicht gelaugnet.
Herzog.
Wie hat er sich im Gefangnis aufgefuhrt? Scheint er geruhrt zu
seyn?
Kerkermeister.
Er ist ein Mann, der sich nicht mehr vor dem Tod furchtet, als vor
einem trunknen Schlaf; ohne Reue, ohne Kummer und ohne Furcht vor
irgend etwas Vergangnem, Gegenwartigen oder Zukunftigen,
unempfindlich gegen die Unsterblichkeit, und auf eine viehische Art
sterblich.
Herzog.
Es mangelt ihm an Unterricht.
Kerkermeister.
Er nimmt keinen an; er hat im Gefangnis allezeit viel Freyheit
gehabt; man konnte ihm erlauben, zu entwischen, ohne das er es thun
wurde; er ist die meiste Zeit vom Tag, und oft ganze Tage
hintereinander betrunken. Wir haben ihn oft aufgewekt, als ob wir
ihn zur Hinrichtung fuhren wollten, und ihm alle Zurustungen dazu
gezeigt, ohne das es ihn im mindesten bewegt hat.
Herzog.
Hernach ein mehrers von ihm. Kerkermeister, Redlichkeit und
Standhaftigkeit sind auf eure Stirne geschrieben; wenn ich nicht
recht lese, so betrugt mich eine Kunst, in der ich einige
Erfahrenheit habe. Ich will mich selbst auf diese gute Meynung hin
wagen. Claudio, zu dessen Hinrichtung ihr hier einen Befehl habt,
ist kein grosserer Sunder gegen das Gesez als Angelo, der ihn
verurtheilt hat. Um euch hievon durch eine augenscheinliche Probe
zu uberzeugen, verlange ich nur vier Tage Zeit; fur welche ich euch
um eine eben so verbindliche als gefahrliche Gefalligkeit ersuche.
Kerkermeister.
Und worinn besteht sie, ich bitte euch.
Herzog.
Den Tod des Claudio aufzuschieben.
Kerkermeister.
Aber wie kan ichs, da mir die Stunde vorgeschrieben, und der
ausdrukliche Befehl bey angedrohter Straffe gegeben ist, sein Haupt
dem Angelo vor Augen zu bringen? Die Ueberschreitung des kleinsten
Umstands konnte mir das Schiksal des Claudio zuziehen.
Herzog.
Bey meinem Ordens-Gelubde, ich steh euch fur alles, wenn ihr meinem
Rath Gehor geben wollt. Last diesen Bernardin morgen hingerichtet
werden, und schiket dem Angelo seinen Kopf statt Claudios.
Kerkermeister.
Angelo hat beyde gesehen, und wird den Betrug entdeken.
Herzog.
O! besorget das nicht, der Tod ist ein Meister im Verstellen, und
ihr konnt ihm noch helfen, die Unkenntlichkeit vollkommen zu machen;
scheert ihm den Kopf glatt und den Bart weg, und sagt, der arme
Sunder hab' es vor seinem Ende so haben wollen; ihr wist, das es
gewohnlich ist. Wenn ihr irgend etwas anders davon haben werdet,
als Dank und gutes Gluk, so will ich, bey dem Heiligen, von dessen
Familie ich bin, es mit meinem Leben von euch abwenden.
Kerkermeister.
Verzeihet mir, mein guter Vater, es ist wider meinen Eid.
Herzog.
Habt ihr dem Herzog geschworen, oder seinem Stadthalter?
Kerkermeister.
Dem Herzog, und allen die seine Stelle vertreten wurden.
Herzog.
Wollt ihr glauben, das ihr euch nicht vergehet, wenn der Herzog
diese Handlung billiget?
Kerkermeister.
Wie kan er das, da er abwesend ist?
Herzog.
Er kan es, weil er es wurklich thut; da ich sehe das ihr so
furchtsam seyd, das weder mein Habit, noch meine Redlichkeit, noch
meine Ueberredung euch bewegen konnen, so will ich weiter gehen,
als ich im Sinn hatte, um alle Furcht in euch auszureuten. Sehet,
mein Herr, hier ist des Herzogs Hand und Sigel; ihr kennt ohne
Zweifel seine Hand, und das Signet wird euch auch nicht fremde seyn.
Kerkermeister.
Ich erkenne beydes.
Herzog.
Der Inhalt dieses Briefs ist die Wiederkunft des Herzogs. Ihr
sollt ihn hernach bey Musse ganz durchlesen, ihr werdet finden, das
er binnen diesen zween Tagen hier seyn wird. Dis ist ein Umstand,
den Angelo nicht weis, denn diesen heutigen Tag erhalt er Briefe
von seltsamem Inhalt; vielleicht von des Herzogs Tod; vielleicht
das er in ein Kloster gegangen sey; aber, zum Gluk, nichts von dem
was hier geschrieben ist. Seht, der Morgen bricht schon an.
Hanget der Verwundrung nicht nach, wie diese Dinge zugehen; alle
Schwierigkeiten sind nur leicht, wenn man sie kennt. Ruft euern
Nachrichter, und weg mit Bernardins Kopf; ich will sogleich seine
Beichte horen, und ihm dann an einen bessern Ort Anweisung geben.
Ich sehe das ihr noch erstaunt seyd, aber dieses hier mus euch
schlechterdings zum Entschlus bringen. Kommt mit mir, es ist schon
beynahe heitrer Tag.
Achte Scene.
(Harlequin tritt auf.)
Harlequin.
Ich bin hier so bekannt als ob ich daheim ware; einer mochte denken,
es ware Frau Overdons eignes Haus, soviel von ihren alten
Kundsleuten trift man hier an. Furs erste ist hier der junge Herr
Rasch, wegen einer Kleinigkeit von braunem Pfeffer und altem Ingwer,
hundert und sieben und neunzig Pfund, aus denen er funf Mark
baares Geld gemacht hat: Meiner Six, der Ingwer mus damals nicht
viel Abgang gefunden haben; die alten Weiber mussen alle todt
gewesen seyn. Hernach ist hier ein gewisser Herr Caper, auf
Ansuchen Meister Three-Pile, des Kramers, wegen etlicher Stuke
Pfersichbluthfarbnen Atlas, welche Herr Caper umsonst gekauft haben
mochte. Ferner der junge Schwindel, der junge Herr Kupfersporn,
und Monsieur Hungerdarm der Klopffechter, und der junge Herr
Luderlich, der den braven Pudding erschlug, und Hr. Schuzen, der
grosse Wanderer, und der wilde Halbkanne, der den Pott' erstochen
hat, und ich denke, noch vierzig andre, lauter grosse Manner in
unsrer Profession, die izt hier sind, und sehen mogen, wie sie
wieder heraus kommen. (Abhorson kommt herein.)
Abhorson.
Fort, Kerl, Bring den Bernardin hieher.
Harlequin.
Monsieur Bernardin, ihr sollt aufwachen und euch hangen lassen;
Monsieur Bernardin!
Abhorson.
Holla, ho, Bernardin.
Bernardin (hinter der Scene.)
Das ihr die Kranke kriegt, ihr Hunde! Was fur einen Lerm macht ihr
da? Wer seyd ihr?
Harlequin.
Herr, euer guter Freund, der Henker; ihr sollt so gut seyn, Herr,
und aufstehen und euch erdrosseln lassen.
Bernardin (hinter der Scene.)
Geh zum T** du Schurke, geh, sag ich; ich bin schlafrig.
Abhorson.
Sag ihm, er musse aufstehen, und das nur gleich.
Harlequin.
Ich bitte euch, Monsieur Bernardin, wacht nur auf, bis ihr gehenkt
seyd, und schlaft denn wieder so lang ihr wollt.
Abhorson.
Geh zu ihm hinein, und schaff ihn heraus.
Harlequin.
Er kommt, Herr, er kommt; ich hore das Stroh rascheln. (Bernardin
zu den Vorigen.)
Abhorson.
Ligt das Beil auf dem Blok, Kerl?
Harlequin.
Ja, Herr.
Bernardin.
Wie gehts, Abhorson? Was habt ihr Neues?
Abhorson.
In gutem Ernst, Herr, ich wollte ihr wurdet hurtig euer Gebet
verrichten; denn, seht hier, der Befehl fur eure Execution ist da.
Bernardin.
Ihr Schurke, ich habe die ganze Nacht durch gesoffen, es ist mir
izt ungelegen.
Harlequin.
O, desto besser, Herr; einer der die ganze Nacht trinkt, und des
Morgens bey Zeiten gehenkt wird, kan den ganzen nachsten Tag desto
ruhiger schlafen. (Der Herzog zu den Vorigen.)
Abhorson.
Seht, Herr, hier kommt euer geistlicher Vater; meynt ihr noch, das
es nur Spas sey?
Herzog.
Mein Herr, da ich gehort habe, wir schnell ihr die Welt verlassen
sollt, so komm ich aus Christlicher Liebe bewogen, euch
vorzubereiten, zu trosten, und mit euch zu beten.
Bernardin.
Frater, ich nicht; Ich habe die ganze Nacht stark getrunken, und
ich will mehr Zeit zu meiner Vorbereitung haben, oder sie sollen
mir das Hirn mit Knitteln ausschlagen; ich werde mich nimmermehr
dazu verstehen, heute zu sterben, das ist ausgemacht.
Herzog.
O, mein Herr, ihr must; und also bitte ich euch, bedenket die Reise
wohl, die ihr zu machen habt.
Bernardin.
Ich schwor euch aber, das mich kein Mensch in der Welt uberreden
soll, heute zu sterben.
Herzog.
Aber ihr hort ja--
Bernardin.
Nicht ein Wort; wenn ihr mir etwas zu sagen habt, so kommt in mein
Gefangnis, denn heute soll mich niemand anders wo hin bringen.
(Er geht ab.)
Neunte Scene.
(Der Kerkermeister zu den Vorigen.)
Herzog.
Er ist ungeschikt zum Leben und zum Sterben: es angstiget mein Herz!
aber es mus seyn--Geht ihm nach, ihr Leute, und fuhrt ihn zu dem
Blok.
Kerkermeister.
Nun, mein Ehrwurdiger Herr, wie findet ihr den Gefangnen?
Herzog.
Unbereitet und untuchtig zum Sterben; ihn in der Gemuthsfassung
worinn er ist, in die andre Welt zu schiken, ware verdammlich.
Kerkermeister.
Diesen Morgen, Vater, starb hier im Gefangnis an einem hizigen
Fieber ein gewisser Ragozin, ein sehr beruchtigter Rauber, ein Mann
von Claudios Jahren; Bart und Haar vollig von der nemlichen Farbe;
wie wenn wir diesen Ruchlosen gehen liessen, bis er sich besser
anlast, und den Statthalter mit Ragozins Haupt befriedigten, der
dem Claudio ahnlicher sieht?
Herzog.
O, dis ist ein Zufall, den uns der Himmel geschikt hat; nur hurtig
zur Ausfuhrung geschritten; die von Angelo bestimmte Stunde rukt
heran; sorget davor, das alles seinem Befehl so gemas eingerichtet
werde, das er den Tausch nicht merken konne; indessen das ich mich
bemuhen werde, diesen rohen Unglukseligen zum Tode willig zu machen.
Kerkermeister.
Es soll alles sogleich geschehen, mein guter Vater; aber Bernardin
mus diesen Nachmittag sterben; und wie sollen wir den Claudio
langer hier behalten, ohne das ich in Gefahr komme, wenn es bekannt
wird das er noch lebt?
Herzog.
Bringet Claudio und Bernardin jeden in irgend einen geheimen
Enthalt; eh die Sonne zweymal untergegangen seyn wird, sollt ihr
von eurer Sicherheit durch den Augenschein uberzeugt werden.
Kerkermeister.
Ich gehorche euch mit Vergnugen.
Herzog.
Schnell, beschleunigt euch, und schiket dem Angelo den Kopf.
(Kerkermeister geht ab.)
Nun will ich dem Angelo neue Briefe zufertigen, aus denen er
ersehen soll, das ich nahe bey der Stadt bin, und das wichtige
Ursachen mich verbinden, einen offentlichen Einzug zu halten; ich
will ihm darinn befehlen, mir eine halbe Stunde weit vor der Stadt
bis zum heiligen Brunnen entgegen zu gehen: Von da soll sich dann,
nach der geheimen Veranstaltung, die wir machen werden, ein Umstand
nach dem andern entfalten; und Angelo, in die Unmoglichkeit gesezt,
sich loszuwinden, soll sich selbst das Urtheil sprechen. (Der
Kerkermeister kommt.)
Kerkermeister.
Hier ist der Kopf; ich will ihn selbst hintragen.
Herzog.
Es ist das sicherste; beschleunigt eure Rukkunft, denn ich habe
euch Sachen zu eroffnen, die keine andre Ohren brauchen als die
eurigen.
Kerkermeister.
Ich will so hurtig seyn als ich kan.
(Geht ab.)
(Isabella ruft hinter der Scene.)
Herzog.
Das ist der Isabella Stimme--Sie kommt sich zu erkundigen, ob ihres
Bruders Begnadigung angelangt sey. Aber ich will ihr das Beste
noch verhalten, damit sie desto angenehmer davon uberraschet werde,
wenn sie es am wenigsten erwarten kan.
Zehnte Scene.
Isabella.
Mit eurer Erlaubnis--
Herzog.
Guten Morgen, meine schone und liebenswurdige Tochter.
Isabella.
Von einem so heiligen Mann kan dieser Grus nicht anders als werth
seyn. Hat der Stadthalter Befehl fur meines Bruders Begnadigung
geschikt?
Herzog.
Er hat ihn von der Welt abgeruffen, Isabella; sein Kopf ist
abgeschlagen, und dem Angelo zugeschikt.
Isabella.
Nein, es ist nicht so, will ich hoffen.
Herzog.
Es ist nicht anders. Gebt durch eure gedultigste Gelassenheit,
meine Tochter, eine Probe eurer Weisheit.
Isabella.
O, ich will zu ihm, und ihm die Augen ausreissen.
Herzog.
Ihr wurdet nicht vor ihn gelassen werden.
Isabella.
Ungluklicher Claudio! Arme Isabella! Ungerechte Welt! Verdammter
Angelo!
Herzog.
Dis schadet ihm nichts, und nuzt euch nicht ein Jot. Geduldet euch
also, stellet eure Sache dem Himmel anheim; horet was ich euch sage;
ihr werdet ganz gewis erfahren, das es von Sylbe zu Sylbe eine
sichre Wahrheit ist. Morgen kommt der Herzog wieder heim; troknet
eure Augen; ein Priester von eurem Orden, der sein Beichtvater ist,
hat mir diese Nachricht gegeben: Er hat dieses dem Angelo und
Escalus schon zuwissen gethan, welche sich rusten, ihm vor die
Stadt entgegen zu gehen, und ihre Gewalt zu ubergeben. Wenn ihr
soviel von euch selbst gewinnen konnet, meinem Rath zu folgen, so
werdet ihr durch den Herzog alle Rache die euer Herz wunschen kan,
an diesem Unglukseligen nehmen, und allgemeinen Ruhm davon tragen.
Isabella.
Ich uberlasse mich eurer Fuhrung.
Herzog.
Uebergebet also dieses Schreiben dem Bruder Peter; es ist eben
dasjenige, worinn er mir von des Herzogs Wiederkunft Nachricht
giebt. Sagt ihm, es soll das Zeichen seyn, das ich ihn heute
Nachts in Marianens Hause sprechen wolle. Ich will ihm daselbst
von eurer und Marianens Sache vollkommne Wissenschaft geben; er
soll euch vor den Herzog stellen, und den Angelo ins Angesicht
anklagen und uberweisen. Denn ich selbst bin durch ein geheiligtes
Gelubde genothiget, um diese Zeit abwesend zu seyn. Geht izt mit
diesem Briefe: Fasset guten Muth, und befehlet diese azenden
Thranen aus euern Augen. Bey der Ehre meines heiligen Ordens, eure
Sache soll einen guten Ausgang gewinnen. Wer ist hier?
Eilfte Scene.
(Lucio zu den Vorigen.)
Lucio.
Guten Abend; Frater, wo ist der Kerkermeister?
Herzog.
Nicht hier, mein Herr.
Lucio.
O! meine artige Isabella, ich bin recht von Herzen blas, deine
schone Augen so roth zu sehen; du must geduldig seyn; ich mus mich
auch gedulden, statt der Mittags- und Abend-Mahlzeit mit Wasser und
Brot vorlieb zu nehmen; ich darf mich fur meinen Kopf nicht
unterstehen, meinen Bauch zu fullen; eine einzige gute Mahlzeit
wurde mich liefern. Aber sie sagen, der Herzog werde morgen hier
seyn. Bey meiner Treu, Isabell, ich liebte deinen Bruder; ware der
alte phantastische Herzog anstatt der finstern Winkel, bey Hause
gewesen, so lebte er noch.
(Isabella geht ab.)
Herzog.
Mein Herr, der Herzog ist euch fur eure Discourse von ihm
ausserordentlich wenig Dank schuldig; das beste ist indessen, das
sie nicht wahr sind.
Lucio.
Frater, du kennst den Herzog nicht sowol als ich; er ist ein besrer
Weidmann als du dir einbildest.
Herzog.
Gut, ihr sollt zu seiner Zeit Red' und Antwort davor geben. Lebet
wohl.
Lucio.
Nein, warte noch, ich will mit dir gehen; ich kan dir artige
Historchen von dem Herzog erzahlen.
Herzog.
Ihr habt mir bereits schon zuviel von ihm erzahlt, wenn sie wahr
sind; und sind sie es nicht, so waren gar keine schon genug.
Lucio.
Ich bin einmal vor ihm gewesen, weil ich einem Menschen ein Kind
gemacht hatte.
Herzog.
Thatet ihr das?
Lucio.
Das denk ich, zum Henker, das ich es that; aber ich schwur es
sauber weg; mein Seel, wenn ichs nicht gethan hatte, sie hatten
mich an die faule Mispel verheurathet.
Herzog.
Mein Herr, eure Gesellschaft ist schoner als ehrenhaft: Bleibt ein
wenig zuruk oder geht voraus, wenn ich bitten darf.
Lucio.
Mein Seel, ich gehe mit dir, bis die Gasse zu Ende ist; wenn dir
H**jagers-Discourse argerlich sind, so wollen wir sparsam damit
seyn; mein Seel, Frater, ich bin eine Art von Klette, ich hange
mich an.
(Sie gehen ab.)
Zwolfte Scene.
(Der Palast.)
(Angelo. Escalus.)
Escalus.
Jeder Brief den er geschrieben hat, widerspricht dem vorhergehenden.
Angelo.
Seine Handlungen sehen dem Wahnwiz nur allzu gleich. Der Himmel
gebe, das sein Verstand nicht angegriffen seyn moge! Und warum
sollen wir ihm vor dem Thor entgegen kommen, und unsre Amter dort
niederlegen?
Escalus.
Das kan ich nicht errathen.
Angelo.
Und warum sollen wir eine Stunde vor seinem Einzug ausruffen lassen,
das wofern irgendjemand sich durch einen ungerechten Spruch
beschwert zu seyn glaube, er seine Bitte auf der Strasse ubergeben
solle?
Escalus.
Fur dieses sagt er uns seine Ursache; seine Absicht ist, allen
Klagen auf einmal abzuhelfen, und uns furs kunftige gegen
Beschwerungen sicher zu stellen, die hernach keine Kraft mehr gegen
uns haben sollen.
Angelo.
Gut; ich bitte euch, last den Ausruf morgen bey Zeiten geschehen;
ich will euch in euerm Hause abholen: Lasset es alle diejenige
wissen, denen es zusteht, ihm mit uns entgegen zu gehen.
Escalus.
Ich werde nicht ermangeln, mein Herr; lebet wohl.
Angelo.
Gute Nacht. Diese That entmannet mich ganzlich, macht mich unfahig
zum Denken, und ungeschikt zu allem was ich thun soll? Eine
geschandete Jungfrau! Und von wem? Von demjenigen, der das Gesez
wider solche Verbrechen in seiner ganzen Strenge gelten machte.
Allein, ausserdem das ihre zartliche Schaamhaftigkeit sich nicht
wird uberwinden konnen, den Verlust ihrer jungfraulichen Ehre
selbst auszuruffen, was wurde ihr Zeugnis gegen mich vermogen? Was
ich auch sagen mag, so kan ich allemal ihrem Nein troz bieten.
Mein Ansehen ist zu gros, zu befestigt, als das irgend eine
Beschuldigung von dieser Art an mir haften konnte, und nicht mit
Schaam auf denjenigen zuruckfiele, der meinen Ruhm anhauchen wollte--
Ich hatte ihn leben lassen, wenn ich nicht besorgt hatte, seine
hizige Jugend mochte dereinst seine beleidigte Ehre rachen, ohne
sich mir fur ein Leben verbunden zu halten, das er mit einer
solchen Schande erkauffen muste. Und doch wunschte ich, das er
noch lebte! Himmel! Wie ungluklich sind wir, wenn wir nur einmal
unsrer Pflicht vergessen haben! Wie schnell reist uns eine bose
That zur andern fort! Und wie wenig bleiben wir Meister uber das,
was wir wollen oder nicht wollen!
(Geht ab.)
Dreyzehnte Scene.
(Eine Gegend vor der Stadt.)
(Der Herzog in seiner eignen Kleidung, und Bruder Peter.)
Herzog.
Vor allen Dingen gebt diese Briefe ab, wohin sie gehoren. Der
Kerkermeister weis bereits von unserm Vorhaben und von der
Veranstaltung desselben. Wenn die Sache einmal anhangig gemacht
ist, so spielet eure Rolle wohl, und haltet euch immer an eure
besondere Instruction, ob ihr gleich zuweilen einen kleinen
Absprung machen konnt, wenn es die Gelegenheit erfordert: Geht,
suchet den Flavius auf, und sagt ihm, wo ich anzutreffen bin; eben
diese Nachricht gebt auch dem Valentius, Roland und Crassus, und
befehlet ihnen, die Trompeten vor das Thor bringen zu lassen. Aber
schiket vorher zu dem Flavius.
Peter.
Es soll aufs schleunigste geschehen.
(Peter geht ab.)
(Varrius.)
Herzog.
Ich danke dir, Varrius; du bist sehr hurtig gewesen; Komm, wir
wollen auf und abgehen; Es sind noch andre gute Freunde, die uns
hier grussen werden, mein werther Varrius.
(Sie gehen ab.)
Vierzehnte Scene.
(Isabella und Mariane treten auf.)
Isabella.
Ich verstehe mich ungern dazu, so viele Umschweife zu gebrauchen;
ich mochte die Wahrheit sagen; aber ihn so geradezu anzuklagen, ist
eure Rolle; die meinige ist mir so vorgeschrieben; er sagt, das es
zu Erreichung unsrer Absicht nothig sey.
Mariane.
Ueberlast es ihm, euch zu sagen, was ihr thun sollt.
Isabella.
Er sagt mir auch, ich soll' es mir nicht seltsam vorkommen lassen,
wenn er allenfalls auch auf die andre Seite, und wider mich reden
sollte--
Mariane.
Ich wunschte, der Bruder Peter--
Isabella.
Stille, da kommt er ja.
(Peter zu den Vorigen.)
Peter.
Kommt, ich habe einen Ort fur euch ausfundig gemacht, wo ihr ganz
bequem warten konnet, und wo euch der Herzog nicht entgehen kan.
Die Trompeten haben schon zweymal getont; die angesehensten Burger
haben sich schon bey dem Stadt-Thor versammelt; der Herzog ist im
Anzug; wir mussen eilen.
(Sie gehen ab.)
Funfter Aufzug.
Erste Scene.
(Ein offentlicher Plaz nahe bey der Stadt.)
(Der Herzog, Varrius, etliche andre Edelleute, Angelo, Escalus,
Lucio und einige Burger, treten auf verschiednen Seiten auf.)
Herzog.
Mein wurdiger Vetter, ich danke euch fur diesen Willkomm; unser
alter und getreuer Freund, wir sind erfreut euch zusehen.
Angelo und Escalus.
Beglukt sey Euer Durchlaucht Wiederkunft!
Herzog.
Wir danken euch beyden von Herzen.
(Zu Angelo.)
Wir haben uns nach euch erkundiget, und wir horen so viel Gutes
von der Gerechtigkeit eurer Staatsverwaltung, das wir nicht umhin
konnen, euch deswegen offentlichen Dank zu erstatten, bis wir
Gelegenheit haben, es auf eine vollstandigere Art zu thun.
Angelo.
Euer Durchlaucht macht meine Verpflichtungen immer grosser.
Herzog.
O! euer Verdienst redet laut, und ich wurde ungerecht gegen
dasselbe seyn, wenn ich es in den Kerker meines eignen Busens
einschliessen wollte; da es wurdig ist, mit Buchstaben von Erzt
gegen den Zahn der Zeit und den Rost der Vergessenheit gesichert zu
werden. Gebt mir eure Hand, und last die Unterthanen sehen, wie
begierig wir sind, unsre innerliche Achtung fur euch durch
ausserliche Merkmale offentlich bekannt zu machen. Kommt, Escalus;
ihr sollt auf der andern Seite mit uns gehen, ihr habt euch unsers
Zutrauens wurdig bewiesen.
(Der Herzog macht einige Schritte, als ob er weiter gehen wollte.)
Zweyte Scene.
(Peter und Isabella zu den Vorigen.)
Peter (zu Isabella.)
Izt ist eure Zeit: Redet laut, und kniet vor ihm.
Isabella.
Gerechtigkeit, Gnadigster Herr; werfet euern Blik auf eine
unglukliche, mishandelte--Schier hatte ich gesagt, Jungfrau: O,
wurdiger Furst, entehret euer Auge nicht, es auf einen andern
Gegenstand zu richten, bevor ihr meine gerechten Klagen angehort,
und mir Recht verschaft habt.
Herzog.
Was fur Unrecht ist euch dann geschehen, worinn? von wem? macht
es kurz; hier ist der Freyherr Angelo, der euch Recht schaffen wird;
eroffnet euch ihm.
Isabella.
O mein Gnadigster Herr! Ihr befehlet mir, Erlosung bey dem Teufel
zu suchen. Horet mich selbst an, denn das was ich zu sagen habe,
mus entweder mich straffen, wenn ich keinen Glauben finde, oder
euch Rache abnothigen; o, horet mich, horet mich.
Angelo.
Gnadigster Herr, ich besorge, sie ist nicht recht bey Vernunft; sie
hat eine vergebliche Furbitte fur ihren Bruder bey mir eingelegt,
der nach dem Lauf der Gerechtigkeit den Kopf verlohren hat.
Isabella.
Lauf der Gerechtigkeit!
Angelo.
Und izt wird sie in ihrer Verbitterung seltsame Reden ausstossen.
Isabella.
Hochst seltsame; aber nur allzuwahr ist es, was ich sagen werde;
das Angelo ein meyneydiger Mann ist, ist das nicht seltsam? das
Angelo ein Morder ist, ist das nicht seltsam? das Angelo ein
ehebrechrischer Rauber, ein Heuchler, ein Jungfrauen-Schander ist?
ist das nicht seltsam, und abermal seltsam?
Herzog.
In der That, es ist zehenmal seltsam.
Isabella.
Und doch ist es nicht wahrer, das er Angelo ist, als das alles
dieses so wahr ist, als es seltsam ist; ja, es ist zehenmal wahrer;
denn Wahrheit ist am Schlus allemal Wahrheit.
Herzog.
Schaft sie hinweg, die arme Seele; sie sagt das in der Verrukung
ihres Gehirns.
Isabella.
O Furst ich beschwohre dich, wenn du anders glaubest das noch ein
andrer Trost ist als diese Welt, verachte mich nicht, in der
Meynung, das ich nicht bey gesunder Vernunft sey. Mache nicht
unmoglich, was nur unbegreiflich scheint; es ist nicht unmoglich,
das der argste Bube im Herzen von aussen so sprode, so ernsthaft,
so gerecht, so unstraflich scheinen kan, als Angelo;
gleichergestalt kan Angelo, mit allen seinen Masken, Charactern,
Titeln und Anscheinungen, doch nur ein Erz-Bosewicht seyn; Glaubet
mir, gnadigster Herr, er ist es; wenn er weniger ist, so ist er gar
nichts; aber er ist mehr, wenn ich Namen fur seine Bosheit hatte.
Herzog.
Bey meiner Ehre, wenn sie unsinnig ist, wie ich nicht anders glaube,
so hat doch ihr Unsinn die seltsamste Gestalt von Vernunft; so
viel Zusammenhang in allem was sie spricht, als ich jemals in den
Reden eines Wahnwizigen gehort habe.
Isabella.
Gnadigster Herr, bleibet doch nicht immer auf dieser Einbildung;
verwerfet die Vernunft nicht, weil sie unwahrscheinliche Dinge sagt;
sondern bedient euch der eurigen, die Wahrheit ans Licht zu ziehen,
wo sie verborgen scheint, anstatt den Irrthum zu verbergen, weil
er Wahrheit scheint.
Herzog.
Manche, die nicht wahnwizig sind, haben, wahrhaftig, weniger
Vernunft--Was wollt ihr dann sagen?
Isabella.
Ich bin die Schwester eines gewissen Claudio, der wegen der Sunde
der Hurerey verurtheilt wurde, den Kopf zu verliehren; Angelo war
es, der ihn verurtheilte: Ich, die im Begriff bin meine Probzeit in
einem Kloster zu vollenden, wurde von meinem Bruder zu ihm geschikt;
ein gewisser Lucio, von dem ich die Nachricht hatte--
Lucio.
Das bin ich, mit Euer Durchlaucht Erlaubnis; Claudio hatte mich zu
ihr geschikt, um sie zu bewegen, das sie versuchen sollte, durch
ihre ruhrende Furbitte die Begnadigung ihres Bruders auszuwurken.
Isabella.
Er ist es, in der That.
Herzog (zu Lucio.)
Man hat euch nicht befohlen zu reden.
Lucio.
Nein, Gnadigster Herr, noch gewunscht das ich schweigen mochte.
Herzog.
Ich wunsch euch's also izt; seyd so gut und merkt euch das; und
wenn ihr Gelegenheit bekommt fur euch selbst zu sprechen, so bittet
den Himmel, das ihr alsdenn nicht verstummen moget.
Lucio.
Dafur steh' ich Euer Gnaden.
Herzog.
Es wird sich zeigen.
Isabella.
Dieser Edelmann erzahlte etwas von meiner Geschichte.
Lucio.
So ists.
Herzog.
Es mag so seyn, aber ihr sollt nicht eher reden bis die Reyhe an
euch kommt. Weiter!
Isabella.
Ich gieng also zu diesem verderblichen gottlosen Stadthalter.
Herzog.
Das ist ein wenig wahnwizig gesprochen.
Isabella.
Vergebet mir, der Ausdruk ist der Materie gemas.
Herzog.
Wieder verbessert--der Materie--Nur weiter.
Isabella.
Kurz, um die unnothigen Umstande zu ubergehen, wie viel
Vorstellungen ich ihm gemacht, wie sehr ich gebeten, wie ich ihm zu
Fusse gefallen, was er mir entgegengesezt, und wie ich ihm
geantwortet, denn dieses daurte sehr lang--ich will den Anfang
damit machen, womit dieser Auftritt sich beschlos, wenn ich es
anders vor Schmerz und Schaam heraussagen kan. Er beharrte darauf,
das er meinen Bruder unter keiner andern Bedingung losgeben wollte,
als wenn ich meinen jungfraulichen Leib seiner unkeuschen Begierde
uberlassen wurde; und nach vielem Wortwechsel ubertaubte endlich
das schwesterliche Mitleiden die Stimme der Ehre, und ich gab nach:
Aber den folgenden Morgen fruh, nachdem er seinen Zwek erhalten
hatte, schikt' er Befehl, das meinem Bruder der Kopf abgeschlagen
werden sollte.
Herzog (spottisch.)
Das ist sehr wahrscheinlich!
Isabella.
O mocht es so scheinbar* seyn, als es wahr ist.
{ed.-* Der Sinn dieser Rede besteht in einem Spiel mit dem Wort (like),
welches der Herzog fur wahrscheinlich, und Isabella fur artig oder
anstandig gebraucht; denn es hat beyde Bedeutungen.}
Herzog.
Beym Himmel, du wahnwiziger Tropf, du weist nicht was du sprichst,
oder du bist durch boshafte Kunste gegen seine Ehre aufgestiftet
worden. Furs erste, so ist er ein Mann, dessen Tugend ausser
Zweifel ist. Zweytens ist es wider alle Vernunft, das er eine
Vergehung, deren er sich selbst schuldig gemacht, so hart an einem
andern gestraft haben sollte; hatte er sich so vergangen, so wurde
er deinen Bruder nach sich selbst gemessen, und ihm seinen Kopf
gelassen haben. Ihr seyd von jemand aufgestiftet worden; Gesteht
die Wahrheit, und sagt, auf wessen Anrathen habt ihr diese Anklage
hier vorgebracht?
Isabella.
Und ist das alles? O dann, so verleihet mir Geduld, ihr Heiligen
dort oben! und entdeket zu seiner Zeit die Uebelthat, die hier in
partheyische Gunst eingehullet wird! Der Himmel bewahre Euer
Durchlaucht so gewis vor Unfall, als es wahr ist, das ich das
Unrecht erlitten habe, ob ich gleich keinen Glauben finde.
Herzog.
Das glaube ich, das ihr gerne davon gehen mochtet. Einen
Stadtbedienten, ins Gefangnis mit ihr. Sollten wir gestatten, das
eine Person die uns so nahe ist, ungestraft so argerlich
angeschmizt werden durfte? Das mus nothwendig eine angestellte
Sache seyn. Wer weis mit von euerm Vorhaben und Hieherkommen?
Isabella.
Einer den ich gerne hieher wunschen mochte, der Pater Ludewig.
Herzog.
Ein Ordensmann, wie es scheint; wer kennt diesen Ludewig?
Lucio.
Gnadigster Herr, ich kenn' ihn; es ist ein Monch, der seine Nase in
alles stekt, ich kan ihn nicht leiden; war er ein Lay gewesen,
Gnadigster Herr, ich wollte ihn wegen einiger Reden, die er wider
Euer Durchlaucht, in Dero Abwesenheit ausgestossen hat,
abgeschmiert haben, das er es gefuhlt hatte.
Herzog.
Reden wider mich? Das ist ein feiner Ordensmann, dem Ansehen nach;
und dieses unglukliche Weibsbild wider unsern Stadthalter
aufzustiften! Last diesen Monchen aufsuchen.
Lucio.
Erst noch in verwichner Nacht, traf ich sie und diesen Monch im
Gefangnis bey einander an; eine unverschamte Kutte, wie gesagt, ein
recht boshafter Geselle.
Peter.
Mit Euer Durchlaucht gnadigster Erlaubnis, ich stand dabey, und ich
horte genug um zu sehen, wie sehr euer konigliches Ohr misbraucht
wird. Furs erste; so hat dieses Weibsbild euern Stadthalter hochst
frefelhafter Weise angeklagt; er ist so rein von einiger Besudlung
mit ihr, als sie von einem, der noch nicht gebohren ist.
Herzog.
Ich glaube auch nichts anders. Kennt ihr diesen Pater Ludewig, von
dem sie spricht?
Peter.
Ich kenn ihn als einen heiligen Mann; nicht boshaft, nicht furwizig
sich in zeitliche Dinge einzumischen, wie dieser Edelmann gesagt
hat; und ein Mann, bey meiner Treue, der niemals, wie er vorgiebt,
von Euer Durchlaucht ungebuhrlich gesprochen hat.
Lucio.
Gnadigster Herr, auf eine ganz infame Art; glaubet mir.
Peter.
Gut; er kan noch zeitig genug kommen sich zu rechtfertigen; aber in
diesem Augenblik, Gnadigster Herr, ist er an einem wunderbaren
Fieber krank. Blos auf sein Bitten (da es bekannt wurde, das hier
eine Klage wieder den Freyherrn Angelo angestellt werden sollte)
bin ich hieher gekommen, um aus seinem Munde zu sagen, was er von
der Sache weis, und was er, wenn er vorgeladen werden sollte, mit
seinem Eyde zu bekraftigen im Stand ist. Was anforderst dieses
Weibsbild betrift, so sollt ihr, zur Rechtfertigung dieses wurdigen
Herrn, der auf eine so offentliche und personliche Art von ihr
beschimpft wird, horen wie sie vor euern Augen dergestalt wird
uberwiesen werden, das sie es selbst wird eingestehen mussen.
Herzog.
Mein guter Pater; last's uns horen. Lachelt ihr nicht uber diese
Begebenheiten, Angelo? Himmel! Was fur eine Unbesonnenheit von
diesen ungluklichen Thoren!--Gebt uns Size; kommt, mein Vetter
Angelo; ich will an dieser Sache keinen Theil nehmen; seyd ihr
Richter in eurer eignen Sache.
(Isabella wird mit einer Wache weggefuhrt,
und Mariane tritt mit einem Schleyer bedekt auf.)
Dritte Scene.
Herzog.
Ist das der Zeuge, Pater? Sie mag zuerst ihr Gesicht sehen lassen,
eh sie spricht.
Mariane.
Um Vergebung, Gnadigster Herr; ich lasse mein Gesicht nicht sehen,
ausser mein Gemahl befohl' es mir.
Herzog.
So seyd ihr verheurathet?
Mariane.
Nein, Gnadigster Herr.
Herzog.
Seyd ihr ein Madchen?
Mariane.
Nein, Gnadigster Herr.
Herzog.
Eine Wittwe also?
Mariane.
Auch das nicht, Gnadigster Herr.
Herzog.
Wie, seyd ihr denn nichts? Weder Madchen, noch Frau, noch Wittwe?
Lucio.
Gnadigster Herr, sie ist vielleicht eine Pf** Kochin--
Herzog.
Macht doch diesen Kerl schweigen; ich wollte, er hatte etwas mit
sich selbst zu dahlen.
Lucio.
Gut, Gnadigster Herr.
Mariane.
Gnadigster Herr, ich gesteh's, ich bin nie verheurathet gewesen;
ich gesteh auch zugleich, das ich kein Madchen bin; ich habe meinen
Gemahl gekannt, aber mein Gemahl weis nicht, das er mich jemals
gekannt hat.
Lucio.
So war er also betrunken, Gnadigster Herr, es kan nicht anders seyn.
Herzog.
Ich wollte du war'st es auch, so schwiegest du doch wenigstens.
Lucio.
Gut, Gnadigster Herr.
Herzog.
Das ist keine Zeugin fur den Freyherrn Angelo.
Mariane.
Ich komme nun dazu, Gnadigster Herr. Das Frauenzimmer, das ihn
beschuldiget, das er sie entehrt habe, klagt dadurch meinen Gemahl
an, indem sie vorgiebt, das es zu einer Zeit geschehen sey, von der
ich behaupte, das ich ihn mit allen Wurkungen der Liebe in meinen
Armen hatte.
Angelo.
Beschuldiget sie jemand mehr als mich?
Mariane.
Nicht das ich wuste.
Herzog.
Nicht? Ihr sagt, euer Gemahl?
Mariane.
So ist es, Gnadigster Herr, und der ist Angelo; der sich einbildt,
er wisse gewis, das er mich nie beruhrt habe, aber gewis weis, das
er sich einbildt, es sey Isabella gewesen.
Angelo.
Das heist die Bosheit weit getrieben; las dein Gesicht sehen!
Mariane.
Mein Gemahl befiehlt es, nun will ichs thun.
(Sie nimmt ihren Schleyer ab.)
Siehe hier, du grausamer Angelo, siehe das Gesicht, welches einst,
wenn deine Schwure Glauben verdienten, werth war angesehen zu
werden; dieses ist die Hand, die durch einen feyerlichen
Ehverspruch in die deinige geschlossen wurde; dis ist der Leib, der
das Versprechen der Isabella bezahlte, und in deinem Gartenhaus
ihre eingebildete Person vorstellte!
Herzog (zu Angelo.)
Kennt ihr dieses Frauenzimmer?
Lucio.
Fleischlicher Weise, sagt sie.
Herzog.
Schlingel, kein Wort mehr.
Lucio.
Genug, Gnadigster Herr.
Angelo.
Gnadigster Herr, ich mus gestehen, das ich dieses Frauenzimmer
kenne. Vor ungefehr funf Jahren wurde eine Verbindung zwischen mir
und ihr in Vorschlag gebracht, die sich aber wieder zerschlug,
theils weil ihr Vermogen sich weit geringer befand als man es
angegeben hatte; vornemlich aber, weil der Ruf einer unvorsichtigen
Auffuhrung ihre Ehre zweifelhaft machte. Seit diesem bezeuge ich
bey meiner Ehre und Treue, das ich sie binnen funf Jahren weder
gesehen, noch mit ihr gesprochen, noch von ihr gehort habe.
Mariane.
Grosser Furst, so gewis als das Licht vom Himmel, und Worte vom
Athem kommen; so gewis als Vernunft in der Wahrheit, und Wahrheit
in der Tugend ist; so gewis bin ich, in Kraft der feyerlichsten
Gelubde, dieses Mannes verlobtes Weib: Und nur erst in verwichner
Dienstags-Nacht, in seinem Garten-Hause, erkannte er mich wie ein
Weib. So wahr als dis ist, moge ich gesund von meinen Knien wieder
aufstehen, oder wo nicht, auf ewig hier als ein marmornes Denkbild
stehen bleiben.
Angelo.
Ich lachelte bisher nur; aber nun, Gnadigster Herr, mus ich Euer
Durchlaucht bitten, mir Recht zu schaffen. Meine Geduld geht zu
Ende; ich sehe, das diese armen einfaltigen Weibsbilder nur die
Werkzeuge einer verborgnen und machtigern Hand sind, die sie in
Bewegung sezt. Verstattet mir, Gnadigster Herr, das ich mich
bemuhe, auf den Grund dieses Complots zu kommen.
Herzog.
Von Herzen gern, und die Schuldigen so hart als ihr wollt,
abzustraffen. Du thorichter Monch und du boshaftes Weibsbild,
denkt ihr, eure Eydschwure selbst, und wenn sie alle Heiligen
personlich herabschworen wurden, waren ein hinlangliches Zeugnis
gegen sein bewahrtes und so lange festgeseztes Ansehen? Escalus,
sezet euch mit meinem Vetter, und leihet ihm eure freundschaftliche
Muhe, die Quelle dieser schandlichen Verlaumdungen zu entdeken. Es
ist noch ein andrer Monch, der sie aufgestiftet hat; last ihn
herbeyschaffen.
Peter.
Ich wunschte, Gnadigster Herr, er ware hier; denn in der That ist
er derjenige, der diese Frauenzimmer aufgemuntert, diese Klagen
anhangig zu machen. Euer Kerkermeister kennt den Ort, wo er sich
aufhalt, und kan ihn holen.
Herzog.
Geht, thut es augenbliklich; und ihr, mein edler und wurdiger
Vetter, dem am meisten daran ligt, diese Sache genauer zu
untersuchen, verfahret nach euerm Gutdunken in Bestrafung der
Schuldigen. Ich will euch fur eine Weile verlassen; aber bleibt
ihr so lange zuruk, bis ihr die Bosheit dieser Verlaumder vollig zu
Schanden gemacht habt.
(Er geht ab.)
Vierte Scene.
Escalus.
Gnadigster Herr, wir wollen nichts ermangeln lassen. Herr Lucio,
sagtet ihr nicht, ihr kennet diesen Frater Ludewig fur einen Mann
von schlechter Auffuhrung?
Lucio.
(Cucullus non facit Monachum;) es ist nichts ehrwurdig an ihm als
seine Kutte; er hat auf eine hochst infame Art von der Person des
Herzogs gesprochen.
Escalus.
Wir ersuchen euch, hier zu bleiben, bis er kommt, und ihn dessen zu
uberweisen; es wird sich finden, das dieser Monch ein schlimmer
Vogel ist.
Lucio.
Als irgend einer in Wien, auf mein Wort.
Escalus.
Ruft diese Isabella wieder hieher; ich mochte mit ihr reden; ich
bitte euch, Gnadiger Herr, erlaubet mir, sie abzuhoren; ihr sollt
sehen wie ich sie behandeln werde.
Lucio (vor sich.)
Ich denke nicht besser als er, nach ihrer eignen Aussage.
Escalus.
Wie beliebt?
Lucio.
Mein Seel, ich denke mein Herr, wenn ihr sie ohne Zeugen behandeln
wurdet, sie wurde schneller bekennen; vielleicht schamt sie sich,
es so vor allen Leuten zu thun. (Der Herzog in Monchshabit, und
der Kerkermeister;
Isabella wird herbeygefuhrt.)
Escalus.
Ich will ernstlich mit ihr zu Werke gehen. Ein wenig naher Madam;
Hier ist ein Frauenzimmer, das allem widerspricht, was ihr gesagt
habt.
Lucio.
Gnadiger Herr, hier kommt der Schurke, von dem ich sagte, hier mit
dem Kerkermeister.
Escalus.
Er kommt eben recht; sagt ihr nichts zu ihm, bis wir euch aufruffen.
Lucio.
Nein!--
Escalus.
Kommt, Herr, seyd ihr derjenige, der diese Weibsbilder aufstiftete,
den Freyherrn Angelo zu verlaumden? Sie haben bekennt, das ihr es
seyd.
Herzog.
Es ist nicht wahr.
Escalus.
Wie? Wist ihr auch wo ihr seyd?
Herzog.
Den Respect vor eurer hohen Wurde vorbehalten, der Teufel selbst
kan manchmal um seines brennenden Throns willen geehrt werden. Wo
ist der Herzog? Er soll mich horen, wenn ich reden soll.
Escalus.
Der Herzog ist in uns, und wir wollen euch reden horen; sehet zu,
das ihr die Wahrheit sagt.
Herzog.
Ganz ungescheut. Aber, o ihr armen Seelen, kommt ihr, das Lamm
hier von dem Fuchs zu fordern? Gute Nacht eurer Satisfaction!
Wenn der Herzog weggegangen ist, so ist eure Sache verlohren. Der
Herzog handelt unbillig, eure Appellation an ihn so abzuweisen, und
die Untersuchung eurer Sache dem Bosewicht zu uberlassen, den ihr
anzuklagen gekommen seyd.
Lucio.
Da haben wir den Schurken; es ist der von dem ich sagte.
Escalus.
Wie, du unehrwurdiger und unheiliger Monch, ist es dir nicht genug,
das du diese Weibsleute heimlich gewonnen hast, diesen wurdigen
Mann anzuklagen; unterstehst du dich noch, ihn unverschamter Weise
und vor seinen eignen Ohren einen Bosewicht zu nennen? ja von ihm
auf den Herzog selbst zu fallen, und ihn der Ungerechtigkeit zu
beschuldigen? Fuhrt ihn fort; an die Folter mit ihm; wir wollen
dir eher Glied fur Glied verzetteln, eh du uns dein Vorhaben
ablaugnen sollst. Was? Ungerecht?
Herzog.
Nicht so hizig; der Herzog hat so wenig das Herz, einen Finger von
mir streken zu lassen, als seinen eignen: Ich bin sein Unterthan
nicht, ich stehe auch nicht unter der hiesigen Provinz; meine
Geschafte in diesem Staat gaben mir Gelegenheit, auf das was hier
in Wien vorgeht Acht zu geben; ich habe gesehen, wie die Verderbnis
der Sitten siedet und strudelt, bis der Kessel uberlauft; Geseze
gegen alle Verbrechen; aber Verbrechen, die so vorsichtig begangen
werden, das sie der Geseze spotten.
Escalus.
Er schmaht den Staat, weg mit ihm ins Gefangnis.
Angelo.
Was habt ihr wider ihn vorzubringen, Herr Lucio? Ist das der Mann,
von dem ihr uns erzahltet?
Lucio.
Er ists, Gnadiger Herr; kommt naher, guter Freund Kahlkopf; kennt
ihr mich?
Herzog.
Ich erinnre mich eurer am Ton eurer Stimme; ich traf euch wahrender
Abwesenheit des Herzogs im Gefangnis an.
Lucio.
So, traft ihr mich an? und erinnert ihr euch noch, was ihr von dem
Herzog sagtet?
Herzog.
Vollkommen, mein Herr.
Lucio.
Vollkommen, mein Herr? Und war denn der Herzog ein Hurenjager, ein
Gek, ein Hasenfus, wie ihr sagtet?
Herzog.
Ihr must erst eure Person mit mir tauschen, eh ihr mich das sagen
lassen konnt; ihr sagtet das von ihm, und noch argers.
Lucio.
O du verruchter Geselle! Zog ich dich nicht bey der Nase, wie du
so redtest?
Herzog.
Ich versichre, das ich den Herzog so sehr liebe als mich selbst.
Angelo.
Hort ihr, wie der Bube sich wieder heraushalftern mochte, nachdem
er so verrathrische Reden ausgestossen hat?
Escalus.
Mit einem solchen Kerl mus man sich nicht einlassen; weg mit ihm
ins Gefangnis; wo ist der Kerkermeister? weg mit ihm ins Gefangnis;
legt ihm Fesseln an; last ihn nicht mehr reden; weg mit diesen
Mezen, ins Gefangnis, und mit den ubrigen Zusammenverschwornen.
Herzog.
Haltet, mein Herr, haltet noch ein wenig.
Angelo.
Wie? er widersezt sich? helft ihm, Lucio.
Lucio.
Kommt, mein Herr; hey da, Herr, kommt, ein wenig hieher, mein Herr;
wie? du kahlkopfichter lugenhafter Schurke; du must um einen Kopf
kurzer gemacht werden; gelt, du must? Zeig dein Schelmengesicht,
das du die Kranke kriegest; zeig dein bisiges Schaafs-Gesicht, und
las dich in einer Stunde hangen: Willt du nicht fort?
(Er reist die Monchs-Kutte ab, und entdekt den Herzog.)
Herzog.
Du bist der erste Spizbube, der jemals einen Herzog gemacht hat.
Furs erste, Kerkermeister, las mich fur diese drey wakern Leute
Burge seyn--Schleicht euch nicht hinweg, junger Herr, denn der
Frater und ihr haben noch ein Wort mit einander zu sprechen; macht
ihn feste.
Lucio.
Das kan noch arger werden, als hangen.
Herzog (zu Escalus.)
Was ihr gesprochen habt, soll vergeben seyn; Sezt euch; wir wollen
einen Plaz von diesem Herrn da borgen.
(Zu Angelo.)
Mit eurer Erlaubnis, mein Herr--Hast du Worte, oder Wiz, oder
Unverschamtheit, die dir noch Dienste thun konnen? Wenn du hast,
so stuze dich darauf, bis ich meine Erzahlung gemacht habe, und
halte dann noch aus, wenn du kanst.
Angelo.
O mein furchtbarer Furst, ich muste schuldiger seyn als meine
Schuld, wenn ich hoffen wollte verborgen zu bleiben, da ich merke,
das Euer Durchlaucht, gleich einer unsichtbaren Gottheit, meine
Tritte beobachtet hat: Lasset also, Gnadigster Herr, kein langeres
Gericht uber meine Schande gehalten werden, mein eignes Bekenntnis
macht alle Untersuchung uberflussig; ein unmittelbares Urtheil und
der Tod, ist alle Gnade, um die ich bitte.
Herzog.
Kommt hieher, Mariane! Sprich, warst du jemals mit diesem
Frauenzimmer verlobt?
Angelo.
Ich war, Gnadigster Herr.
Herzog.
So nimm sie hier, und heurathe sie diesen Augenblik; verrichtet ihr
die Ceremonie, Pater; wenn sie vorbey ist, so bringt ihn wieder
hieher: Geht mit ihm, Kerkermeister.
(Angelo, Mariane, Peter und Kerkermeister gehen ab.)
Funfte Scene.
Escalus.
Gnadigster Herr, ich bin mehr uber seine Schande besturzt, als uber
die Seltsamkeit der Sache.
Herzog.
Tretet naher, Isabella; euer Frater ist nun euer Furst, ich war in
jener Person euer getreuer Freund und Rathgeber, und, ohne mein
Herz mit meinem Anzug zu verandern, werde ich allezeit zu euerm
Dienst gewidmet bleiben.
Isabella.
O! vergebet mir, mein gnadigster Herr, das ich, eure Vasallin,
eure unerkannte Hoheit beschaftigt und bemuhet habe.
Herzog.
Es ist euch vergeben, Isabella; und nun, theures Madchen, lasset
mir das gleiche Recht wiederfahren. Ich weis es, euers Bruders Tod
ligt schwer auf euerm Herzen, und ihr werdet euch wundern, warum
ich mich begnugt, verborgner Weise seine Rettung zu suchen, und
nicht lieber meine verkleidete Macht plozlich zu erkennen gegeben,
als ihn so verlohren gehen zu lassen; aber wisset,
liebenswurdigstes Geschopf, das nichts als die zuschnelle
Vollziehung seines Todesurtheils, von der ich dachte, das sie
spater erfolgen wurde, meinem Vorsaz zuvoreilte; doch Friede sey
uber ihn! Das Leben ist das Beste, das sich vor keinem Tode mehr
furchten mus; trostet euch damit; euer Bruder ist gluklich.
Isabella.
Ich thu es, Gnadigster Herr.
Sechste Scene.
(Angelo, Mariane, Peter und Kerkermeister zu den Vorigen.)
Herzog (zu Isabella.)
Was diesen neuvermahlten Mann, der hier wieder zuruk kommt, betrift,
dessen uppige Einbildungskraft eure wolvertheidigte Ehre beleidigt
hat, so vergebt ihm um Marianens willen: Allein in sofern er, der
eines doppelten Verbrechens, der verlezten Keuschheit und des
gebrochnen Versprechens, sich schuldig wuste, euerm Bruder das
Todes-Urtheil sprach, so ruft selbst die Barmherzigkeit des Gesezes
mit lauter Stimme, und aus seinem eignen Munde, Angelo fur Claudio,
Tod fur Tod, Gleiches fur gleiches, und Maas fur Maas.
(Er wendet sich zum Angelo.)
Angelo, deine Verbrechen sind so offenbar, das du sie nicht
laugnen konntest, wenn du auch wolltest; wir verurtheilen dich also,
auf eben demselben Blok dein Leben zu verliehren, worauf Claudio
sich zum Tod bukte, und mit eben solcher Eile. Hinweg mit ihm.
Mariane.
O! mein Gnadigster Herr, ich hoffe Euer Durchlaucht hat mir nicht
zum Scherz einen Gemahl gegeben.
Herzog.
Ich hielt eure Vermahlung nur nothig, um eure Ehre sicher zu
stellen, und einen Vorwurf von euch abzuwenden, der euerm kunftigen
Gluk im Wege gestanden ware; was seine Guter betrift, so sezen wir,
ob sie gleich durch Confiscation unser waren, euch in den Besiz
davon, und machen sie zu euerm Witthum, damit ihr einen bessern
Gemahl kauffen konnet.
Mariane.
O Mein theurester Furst, ich verlange keinen andern und keinen
bessern Mann.
Herzog.
Bittet nicht fur ihn, unser Schlus ist gefast.
Mariane.
Mein gnadigster Herr--
Herzog.
Ihr verliehrt nur eure Muhe--weg mit ihm zum Tode.
(Zu Lucio.)
Nun, mein Herr, kommt die Reyhe an euch.
Mariane.
O! mein gnadigster Herr! O! theurste Isabella, kommet mir
zuhulfe; lehnt mir eure Knie, und mein ganzes kunftiges Leben soll
zu eurem Dienst gewidmet seyn.
Herzog.
Was ihr von ihr fordert ist unbillig, und wider die Natur; sollte
sie niederknien, um fur eine solche That Erbarmung zu erflehen,
ihres Bruders Geist wurde sein Grab durchbrechen, und sie in
Schreknissen von hinnen reissen.
Mariane.
Isabella, liebste Isabella, kniet doch mit mir hin; breitet eure
Hande aus, redet nichts, ich will alles sagen. Die besten Menschen,
sagt man, werden erst durch die Fehler die sie gemacht haben,
vollkommen; dieses kan auch meines Mannes Fall seyn. O Isabella,
wollt ihr nicht mit mir knien?
Herzog.
Er stirbt fur Claudios Tod.
Isabella (kniend.)
Gutigster Furst, sehet, wenn es euch gefallt, auf diesen
verurtheilten Mann, als ob er mein Bruder ware; ich glaube, ich
hoffe es, seine Tugend war aufrichtig, bis er mich sah; wenn dieses
ist, so last ihn nicht sterben. Meinem Bruder ist nichts als
Gerechtigkeit widerfahren; er starb fur eine Sunde, die er wurklich
ausgeubt hatte; Angelo sundigte nur durch einen Vorsaz der nicht
zur Vollziehung kam; Gedanken sind dem Gesez nicht unterworffen,
und Vorsaze sind blosse Gedanken.
Mariane.
Blosse Gedanken, Gnadigster Herr.
Herzog.
Eure Furbitte ist fruchtlos; stehet auf, sage ich. Ich habe mich
indessen eines andern Fehlers erinnert. Kerkermeister, wie kam es,
das Claudio zu einer ungewohnlichen Stunde enthauptet wurde?
Kerkermeister.
Es wurde so befohlen.
Herzog.
Hattet ihr einen Richterlichen Befehl deswegen?
Kerkermeister.
Nein, Gnadigster Herr, es geschah auf eine privat-Botschaft.
Herzog.
Und deswegen entseze ich euch eures Amts; gebt die Schlussel ab.
Kerkermeister.
Vergebet mir, Gnadigster Herr; ich dachte gleich, es mochte ein
Fehler seyn, doch wuste ichs nicht gewis; aber es reuete mich, da
ich mich besser erkundigt hatte; und der Beweis hievon ist dieses,
das ich einen gewissen Gefangnen, der kraft eines privat-Befehls
sterben sollte, noch habe leben lassen.
Herzog.
Wer ist er?
Kerkermeister.
Er nennt sich Bernardin.
Herzog.
Ich wollte, du hattest dieses beym Claudio gethan; geht, holt ihn
hieher, ich will ihn sehen.
Escalus.
Es ist mir leid, das ein so gelehrter und weiser Mann, als ihr,
Freyherr Angelo, allezeit geschienen habt, beydes durch Hize des
Bluts und Mangel einer klugen Ueberlegung, so grosse Fehltritte
gemacht habt.
Angelo.
Mir ist leid, das ich euch dieses Leid verursache, und ich fuhle
mein Verbrechen so sehr, das ich mit grosserm Verlangen um den Tod
flehe als um Gnade: Ich habe ihn verdient, und ich bitte darum.
Siebende Scene.
(Der Kerkermeister, Bernardin, Claudio und Juliette zu den Vorigen.)
Herzog.
Welcher ist dieser Bernardin, von dem ihr sprachet?
Kerkermeister.
Dieser, Gnadigster Herr.
Herzog.
Ein gewisser Monch sagte mir von diesem Manne; Kerl, man sagt du
habest eine verstokte Seele, die nach dieser Welt nichts furchte,
und du lebest dieser Denkungsart gemas; du bist zum Tode
verurtheilt; doch will ich dir die Strafe nachlassen, die deine
Verbrechen in dieser Welt verdient haben; ich bitte dich, wende
diese Gnade dazu an, fur eine bessere Zukunft besorgt zu seyn;
Frater, gebt ihm Anleitung dazu, ich ubergebe ihn in eure Hande.
Was fur ein vermummter Geselle ist das?
Kerkermeister.
Es ist ein andrer Gefangner, den ich rettete und welcher sterben
sollte, als Claudio den Kopf verlohr; er gleicht dem Claudio so
sehr als sich selbst.
Herzog (zu Isabella.)
Wenn er euerm Bruder gleicht, so sey er um euertwillen begnadiget,
und um euers liebenswurdigen Selbst willen, gebt mir eure Hand, und
sagt ihr wollt mein seyn, so ist er mein Bruder dazu; doch hievon
zu gelegnerer Zeit. Angelo siehet hieraus, das er nichts mehr zu
besorgen hat; mich daucht ich sehe einen Schimmer von Hoffnung in
seinen Augen. Gut, Angelo, ihr habt euer Vergehen abgebust; liebet
eure Gemahlin, ihr Werth erganzt den Eurigen. Ich finde mich heut
ungemein aufgelegt zur Nachsicht, und doch ist hier einer, dem ich
nicht verzeihen kan.
(Zu Lucio.)
Ihr, frecher Bursche, der mich fur einen Geken, eine Memme, einen
luderlichen Bruder, einen Esel, einen Wahnwizigen kennet, womit hab
ich um euch verdient, das ihr mich so erhebet?
Lucio.
Bey meiner Seele, Gnadigster Herr, ich sagt' es nur, weil es Mode
ist, boses von den Leuten zu sagen; wenn Euer Durchlaucht mich
deswegen hangen lassen will, so mus ich es leiden; aber ich wollte
lieber, das es euch gefallen mochte, mir den Staupbesen geben zu
lassen.
Herzog.
Den Staupbesen zuerst, Herr, und hernach den Galgen. Kerkermeister,
last durch die ganze Stadt ausruffen, wenn irgend ein Weibsbild
sey, die sich uber diesen Gesellen zu beschweren habe, (wie ich ihn
dann selbst habe sagen gehort, es sey eine schwanger von ihm,) so
soll sie sich darstellen, und er soll sie heurathen; wenn die
Hochzeit vorbey ist, so last ihn peitschen und aufhangen.
Lucio.
Ich bitte Euer Durchlaucht, mich nicht an eine H** zu verheurathen;
Euer Durchlaucht sagte nur erst, ich habe euch zum Herzog gemacht;
Mein Gnadigster Herr, belohnet mich nicht so ubel dafur, und macht
mich zu einem Hahnrey.
Herzog.
Bey meiner Ehre, du sollst sie heurathen. Deine Schmahungen und
alle deine ubrigen Uebelthaten sollen dir vergeben seyn; fuhrt ihn
indessen ins Gefangnis, und sehet, das mein Wille hierinn vollzogen
werde. Ihr, Claudio, saumet euch nicht, dem Frauenzimmer, das ihr
gekrankt habt, Genugthuung zu geben. Ich wunsche euch Gluk,
Mariane; liebet sie, Angelo, ich habe ihre Beichte gehort, und
kenne ihre Tugend. Habe Dank, mein guter Freund Escalus, fur
deinen guten Willen, du sollt Ursache finden dich dessen zu
erfreuen. Habe Dank, Kerkermeister, fur deine Sorgfalt und
Verschwiegenheit; wir werden dich in einem wurdigern Plaz zu
gebrauchen wissen. Vergebt ihm, Angelo, das er euch Ragozins Kopf
statt Claudios gebracht hat; die Beleidigung vergiebt sich von
selbst. Und ihr, meine theure Isabella, wenn ihr ein williges Ohr
zu der guten Gesinnung neiget, die ich fur euch trage, so ist was
mein ist euer, und was euer ist, mein; und hiemit fuhret uns in
unsern Palast, wo wir euch deutlicher entdeken werden, was ihr alle
zu wissen nothig habt.
Maas fur Maas, oder: Wie einer mist, so wird ihm wieder gemessen,
von William Shakespeare (Ubersetzt von Christoph Martin Wieland).
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This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
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Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
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