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Othello, der Mohr von Venedig.
William Shakespeare
Ein Trauerspiel.
Ubersetzt von Christoph Martin Wieland
Personen.
Der Herzog von Venedig.
Brabantio, ein Edler Venetianer.
Gratiano, dessen Bruder,
Lodovico, derselben Neffe.
Othello, der Mohr, Venetianischer General in Cypern.
Cassio, sein General-Lieutenant.
Jago, Fahndrich des Othello.
Rodrigo, ein einfaltiger Junker, in Desdemona verliebt.
Montano, des Mohren Vorfahrer im Commando zu Cypern.
Hans Wurst, des Mohren Diener.
Ein Herold.
Desdemona, des Brabantio Tochter.
Emilia, Jago's Weib.
Bianca, eine Courtisane, Cassio's Liebste.
Officiers, verschiedene Cavaliers, Abgeordnete, Musicanten,
Matrosen, und Bediente.
Der Schau-Plaz ist im ersten Aufzug in Venedig; und durch das ganze
ubrige Stuk in Cypern.
Erster Aufzug.
Erste Scene.
(Eine Strasse in Venedig.)
(Rodrigo und Jago treten auf.)
Rodrigo.
Stille, sage mir nichts mehr davon, ich nehm' es sehr ubel, das du,
Jago, der du mit meinem Beutel schalten und walten durftest, als ob
er dein eigen gewesen ware, Nachricht von diesem--
Jago.
Ihr wollt mich ja nicht anhoren: Wenn ich jemals von so was nur
getraumt habe, so seht mich als ein Scheusal an.
Rodrigo.
Du sagtest mir, du trugest einen unversohnlichen Has gegen ihn.
Jago.
Speyt mir ins Gesicht, wenn's nicht so ist. Drey grosse Manner in
dieser Stadt zogen, in eigner Person, die Muzen bis auf den Boden
vor ihm ab, das er mich zu seinem Lieutenant machen mochte: Und, so
wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich kenne mich, ich weis, das ich
keinen schlechtern Plaz werth bin.
Aber er, dessen hochmuthiger Eigensinn andre Absichten hatte,
entwischte ihnen mit einem Galimathias von Umstanden, und
rauhtonenden Kriegs-Kunst-Wortern; und das Ende vom Liede war, das
er meine Gonner mit einer langen Nase abziehen lies. Es ist mir
leid, sagt er, aber ihr kommt zu spat; ich habe mir meinen
Lieutenant schon ausersehen. Und wer ist denn der? Ein gewisser
Michel Cassio, ein Bursche, der noch keinen Feldzug gethan hat, der
von Anordnung eines Treffens gerade so viel versteht als eine Woll-
Spinnerin--nichts als was er aus Buchern gelernt, blosse Theorie,
wovon unsre ehrsamen, friedliebenden Senatoren eben so gelehrt
sprechen konnen als er; blosses Gewasche, ohne Erfahrung--Das ist
alles, was er vom Krieg versteht--Der hatte den Vorzug; und ich,
von dem seine Augen in Rhodis, in Cypern, und in so vielen andern
Orten, auf Christlichem und Heidnischem Boden, die Proben gesehen
haben; ich mus mich mit Complimenten und Versprechungen abspeisen
lassen--ich bin euer Schuldner, mein Herr, habt Geduld wir wollen
schon Gelegenheit finden, mit einander abzurechnen, und dergleichen-
-Kurz, er mus nun sein Lieutenant seyn, und ich, Dank sey den
Gottern! seiner Mohrischen Excellenz demuthiger Fahnen-Junker.
Rodrigo.
Beym Himmel, ich wollte lieber sein Profos seyn.
Jago.
Dafur ist nun kein Kraut gewachsen Es geht im Dienste nicht anders;
Befordrung geht heutigs Tags nach Gunst und Empfehlungs-Schreiben,
und nicht nach der Zeit, die man im Dienste gewesen ist, wie vor
Zeiten, da der zweyte allemal den erstern erbte. Nun, mein Herr,
mach' ich euch selbst zum Richter, ob ich mit einigem Schein der
Wahrheit beschuldiget werden kan, das ich den Mohren liebe.
Rodrigo.
Ich mochte nicht gerne haben, das du ihn begleitest.
Jago.
O mein Herr, das last euch keine Sorge machen; ich begleite ihn, um
mir selbst auf seine Unkosten Dienste zu thun. Wir konnen nicht
alle Befehlhaber seyn, und nicht alle Befehlhaber konnen getreue
Diener haben. Ihr werdet in der Welt manchen Dienst-ergebenen,
knie-biegenden Schurken sehen, der unter einer vieljahrigen treu-
eyfrigen Dienstbarkeit endlich so grau wird wie seines Herrn Esel,
ohne etwas anders davon zu haben, als das er gefuttert, und wenn er
alt ist gar abgedankt wird. Peitscht mir solche gutherzige
Schurken--Dagegen giebt es andre, die zwar ihr Gesicht meisterlich
in pflichtschuldige Falten zu legen wissen, aber ihr Herz hingegen
vor aller fremden Zuneigung rein bewahren; die ihren Herren nichts
als den ausserlichen Schein der Ergebenheit und eines erdichteten
Eifers zeigen, aber eben dadurch ihre Sachen am besten machen, und
wenn sie ihre Pfeiffen geschnitten haben, davon gehen, und ihre
eigne Herren sind. Das sind noch Leute die einigen Verstand haben,
und ich habe die Ehre einer von ihnen zu seyn. Es ist so gewis
als ihr Rodrigo seyd; war' ich der Mohr, so mocht ich nicht Jago
seyn: izt dien ich, das wissen die Gotter! blos um mir selbst zu
dienen, und nicht aus Ergebenheit und Liebe--ich stelle mich zwar
so, aber das hat seine Absichten--denn wahrhaftig, wenn mein
Gesicht, und meine ausserlichen Handlungen die wahre innerliche
Gestalt meines Herzens zeigten, so wurde mein Herz in kurzem den
Krahen zum Futter dienen--Mein guter Freund, ich bin nicht, was ich
scheine.
Rodrigo.
Was fur ein Gluk macht der dik-maulichte Kerl, wenn er sie so davon
tragen kann!
Jago.
Ruft ihren Vater auf, wekt ihn auf, macht Lerm, versalzt ihm
wenigstens seinen Spas; ruft es in den Strassen aus, jagt ihre
Verwandten in den Harnisch, und wenn ihr ihn aus dem Paradiese,
worein er sich eingenistert hat, nicht vertreiben konnt, so plagt
ihn doch mit Fliegen,
{ed. * Eine Anspielung auf die Beobachtung, das die
schonsten und fruchtbarsten Gegenden des Erdbodens am meisten mit
Ungeziefer gestraft sind.}
so das seine Freude, wenn sie gleich nicht
vollig aufhort Freude zu seyn, doch wenigstens durch die
Verdrieslichkeiten womit sie unterbrochen wird, etwas von ihrer
Farbe verliere.
Rodrigo.
Hier ist ihres Vaters Haus ich will ihm uberlaut ruffen.
Jago.
Thut es, und mit einem so graslichen Ton, und Zetter-Geschrey, als
wie wenn bey Nacht durch Nachlassigkeit Feuer in einer volkreichen
Stadt ausgekommen ist.
Rodrigo.
He! holla! Brabantio! Signor Brabantio! he!
Jago.
Wacht auf! he! holla! Brabantio! he! Diebe! Diebe!
Seht zu euerm Haus, zu eurer Tochter, und zu euern Geld-Saken:
Diebe! Diebe!
Zweyte Scene.
(Brabantio zeigt sich oben an einem Fenster.)
Brabantio.
Was ist die Ursache dieser furchterlichen Aufforderung? Was
giebt's hier?
Rodrigo.
Signor, ist eure ganze Familie zu Hause?
Jago.
Sind alle eure Thuren verriegelt?
Brabantio.
Was sollen diese Fragen?
Jago.
Sakerlot! Herr, man bestiehlt euch; zieht doch wenigstens einen
Rok an, und seht zu euern Sachen; man greift euch nach der Seele,
euer bestes Kleinod ist verlohren; eben izt in diesem Augenblik,
Herr, bespringt ein alter schwarzer Schaaf-Bok euer weisses Schaaf.
Auf, auf, wekt die schnarchenden Burger mit der Sturm-Gloke, oder
der Teufel wird euch zum Grosvater machen; auf, sag ich.
Brabantio.
Wie? Habt ihr euern Verstand verlohren?
Rodrigo.
Mein hochzuverehrender Herr und Gonner, kennt ihr meine Stimme
nicht?
Brabantio.
Wahrlich nicht; wer seyd ihr dann?
Rodrigo.
Mein Nam' ist Rodrigo.
Brabantio.
Desto schlimmer! Hab ich dir nicht verboten, um meine Thuren
herum zu schwarmen? Hab ich dir nicht aufrichtig und ehrlich
herausgesagt, meine Tochter sey nicht fur dich gemacht? Und izt,
nachdem du dich voll gefressen und gesoffen hast, kommst du in
tollem Muthe boshafter Weise den Narren mit mir zu treiben, und
mich in der Ruhe zu storen?
Rodrigo.
Herr, Herr, Herr--
Brabantio.
Aber du darfst dich unfehlbar darauf verlassen, das mein Unwille
und mein Ansehen es in ihrer Gewalt haben, dich theuer davor
bezahlen zu machen.
Rodrigo.
Geduld, mein guter Herr.
Brabantio.
Was sagst du mir von Dieben? Wir sind hier in Venedig; mein Haus
ist keine Scheure.
Rodrigo.
Sehr ehrwurdiger Brabantio, ich komm in der Einfalt meines Herzens,
und in guter Meynung zu euch.
Jago.
Sakerlot! Herr, ihr seyd, glaub ich, einer von denen die Gott den
Dienst aufkunden wurden, wenn's der Teufel so haben wollte. Weil
wir kommen, und euch einen Dienst thun wollen, so meynt ihr wir
seyen Spizbuben; ihr wollt also haben, das eure Tochter von einem
Barber-Hengst belegt werden soll; ihr wollt haben, das eure Enkel
euch anwiehern; ihr wollt Postklepper zu Vettern und kleine
Andalusische Stutten zu Basen haben.
Brabantio.
Was fur ein heilloser Lotterbube bist du?
Jago.
Ich bin einer, Herr, der ausdruklich hieherkommt euch zu sagen, das
eure Tochter und der Mohr im Begriff sind das Thier mit zween Ruken
zu machen.
Brabantio.
Du bist ein Nichtswurdiger--
Jago.
Ihr seyd ein Senator.
Brabantio.
Du sollst mir das bezahlen. Ich kenne dich, Rodrigo.
Rodrigo.
Mein Herr, ich bin fur alles gut. Aber ich bitte euch, hort mich
nur an. Wenn es mit euerm guten Willen und hochweisen Beyfall
geschehen ist, (wie ich fast vermuthen sollte) das eure schone
Tochter, in dieser nehmlichen Nacht, in keiner bessern Begleitung
als eines gemietheten Schurken, eines Gondoliers, den viehischen
Umarmungen eines geilen Mohren zugefuhrt worden; wenn das, sag ich,
mit eurer Begnehmigung geschehen ist, so haben wir euch allerdings
groblich beleidiget. Wist ihr aber nichts hievon, so sind wir
diejenigen, die sich uber Unrecht zu beschweren haben; oder ich
verstehe nicht was die gute Lebensart mit sich bringt. Glaubet
nicht, das ich von allem Gefuhl der Anstandigkeit so sehr verlassen
sey, das ich aus blossem Muthwillen hieher kommen und Eure
Excellenz zum Besten haben sollte. Ich sag es noch ein mal, wenn
ihr eurer Tochter nicht die Erlaubnis dazu gegeben habt, so hat sie
sich sehr vergangen, indem sie ihre Pflicht, ihre Schonheit, ihren
Verstand, und ihr Vermogen einem herumirrenden Ritter, einem
Abentheurer, aufopfert, der hier und allenthalben ein Fremdling ist--
Verzieht nicht langer; sezt euch selbst ins Klare: Wenn sie in
ihrem Zimmer oder in euerm Hause zu finden ist, so last mich die
ganze Strenge der Justiz dafur erfahren, das ich euch so mishandelt
habe.
Brabantio.
Schlagt Feuer, he! bringt mir ein Licht--Ruft meine Leute
zusammen--Dieser Zufall sieht meinem Traum nicht ungleich, und ich
sterbe vor Furcht, das es so seyn mochte. He! Licht, sag ich,
Licht!
Jago.
Lebt wohl, ich kan mich nicht langer aufhalten--Es wurde sich gar
nicht wol fur meinen Plaz schiken, und mir in keinerley Absicht
gesund seyn, als ein Zeuge gegen den Mohren vorgefuhrt zu werden.
Die Grunde, die ihn zum Heerfuhrer in dem Cyprischen Kriege, worinn
sie wurklich begriffen sind, bestimmen, sind so dringend, das sie,
fur ihre Seelen, keinen andern von seinem Gewicht finden konnen,
dem sie dieses Geschaft mit Sicherheit anvertrauen durften. Bey
solchen Umstanden mus ich, ob ich ihn gleich so herzlich hasse als
die Pein der Holle, doch ausserlich, meines eignen Vortheils wegen,
dergleichen thun, als ob ich ihm ganzlich ergeben sey. Damit ihr
ihn aber unfehlbar findet, so fuhret den Brabantio und seine Leute
zum Schuzen, und dort werd' ich bey ihm seyn. Hiemit, gehabt euch
wol.
(Jago geht ab.)
Dritte Scene.
(Brabantio und einige Bediente mit Fakeln.)
Brabantio.
Mein Ungluk ist nur allzugewis. Sie ist weg; und Schmach und
Bitterkeit ist nun der Antheil meines ubrigen Lebens. Nun,
Rodrigo, wo sahst du sie? O, das unglukselige Madchen! Mit dem
Mohren, sagst du? Wer wollte mehr ein Vater seyn wollen?--Woher
wustest du, das sie's war? O! das ist unbegreiflich, wie sehr
ich mich an ihr betrogen habe!--Was sagte sie zu euch?--Noch mehr
Fakeln her--Ruft meine ganze Verwandtschaft zusammen--meynt ihr,
sie seyen schon verheurathet?
Rodrigo.
Ich denke freylich, sie sind's.
Brabantio.
O Himmel! wie ist's moglich, das sie so aus der Art schlagen
konnte!--Vater, forthin trauet euern Kindern nicht weiter als ihr
sie sehet. Giebt es nicht Zauber-Mittel, wodurch die Unschuld
eines jungen unwissenden Madchens verfuhrt werden kan? Habt ihr
nichts von dergleichen Dingen gelesen, Rodrigo?
Rodrigo.
Ja mein Herr, das hab' ich, in der That.
Brabantio (zu einem Bedienten.)
Ruft meinen Bruder; oh, wie wollt' ich izt, ihr hattet sie gehabt,
auf eine oder die andre Art--Wist ihr, wo wir sie und den Mohren
antreffen konnen?
Rodrigo.
Ich denke, ich werde sie entdeken konnen, wenn es euch gefallt,
unter einer guten Bedekung mit mir zu gehen.
Brabantio.
Ich bitte euch, geht voran. Ich will von Hause zu Hause ruffen;
ich kann befehlen, wenn's nothig ist; schafft Waffen her, holla!
und holt einige Officiers, auf die man sich verlassen kan--Geht,
mein guter Rodrigo, ich will dankbar fur eure Bemuhung seyn.
(Sie gehen ab.)
Vierte Scene.
(Verwandelt sich in eine andre Strasse vorm Schuzen.)
(Othello, Jago, und Gefolge mit Fakeln.)
Jago.
Ob ich gleich, seitdem ich das Kriegs-Handwerk treibe, manchen im
Feld erschlagen habe, so mach' ich mir doch das grosseste Gewissen
draus, einen vorsezlichen Mord zu begehen! Weniger Bedenklichkeit
wurde manchmal mein Vortheil seyn--Ich dachte neun- oder zehn mal,
ich muste ihm nothwendig eins unter die Ribben geben.
Othello.
Es ist besser, das du's nicht gethan hast.
Jago.
Nein, aber er plapperte, er gayferte so lotterbubisches Zeug, und
in so empfindlichen Ausdruken gegen eure Ehre, das all mein Bischen
Sanftmuth kaum zureichend war, mich bey Geduld zu erhalten. Aber
ich bitte euch, mein Herr, seyd ihr auch recht gultig verheurathet?
Denn davon durft ihr versichert seyn, das der (Magnifico) sehr
beliebt ist, und das seine Stimme in der Republik zum wenigsten so
viel zu bedeuten hat, als des Herzogs selbst: Er wird auf die
Zerreissung euers Bandes dringen, und wenn sich seine Macht auch so
weit nicht erstrekt, euch doch so viel Uebels thun, als das Gesez
in seiner aussersten Strenge ihm Befugnis geben kan.
Othello.
Er mag sein Aergstes thun; die Dienste, die ich der Regierung
gethan habe, werden seine Klagen weit uberschreyen. Es ist noch
unbekannt, (ich werd es aber beweisen, wenn die Rettung meiner Ehre
mich zu einem Schritt zwingt, den ich sonst als eine meiner
unwurdige Pralerey ansehe,) das mein Blut aus einer koniglichen
Quelle geflossen ist; und meine Verdienste allein sind, ohne
Vergrosserung, zulanglich auf ein so stolzes Gluk Anspruch zu
machen, als dieses ist, dessen ich mich bemachtiget habe. Denn
wisse, Jago, war' es nicht, das ich die reizende Desdemona liebe,
der Werth des ganzen Oceans sollte mich nicht bewegen, meine
Freyheit in die Fesseln des ehlichen Standes schliessen zu lassen.
Aber siehe, was fur Lichter kommen dort?
Funfte Scene.
(Cassio, mit Fakeln, zu den Vorigen.)
Jago.
Es werden der aufgebrachte Vater und seine Freunde seyn--das beste
war', ihr giengt hinein.
Othello.
Ich? gewis nicht, ich mus gefunden werden. Meine Verdienste,
mein Titel, und mein unerschrokner Muth sollen mich in meinem
wahren Lichte zeigen. Sind sie's?
Jago.
Beym Janus, ich denke, nein.
Othello.
Es sind Leute vom Herzog und mein Lieutenant: guten Abend, meine
Freunde; was bringt ihr Neues?
Cassio.
Der Herzog entbeut euch seinen Grus, Feldherr; und ersucht euch mit
der eilfertigsten Behendigkeit, gleich diesen Augenblik, um eure
Gegenwart.
Othello.
Was meynt ihr, warum es zu thun sey?
Cassio.
Etwas von Cypern, soviel ich errathen kan. Es mus eine dringende
Anliegenheit seyn. Die Galeren haben in dieser nemlichen Nacht
zwolf Expressen hinter einander hergeschikt, ein grosser Theil der
Senatoren ist auf, und im Pallast des Herzogs versammelt. Man
lies euch sehr dringend ruffen, und da man euch nicht in euerm
Quartier fand, schikte der Senat drey verschiedene Partheyen aus,
euch uberall aufzusuchen.
Othello.
Es ist gut, das ihr mich gefunden habt: Ich habe nur ein Wort in
diesem Hause zu reden, und dann will ich mit euch gehen.
(Othello geht ab.)
Cassio.
Fahndrich, was thut er hier?
Jago.
Meiner Treue, er hat heute Nacht eine reiche Land-Caraque
{ed. * Eigner Name der ehmaligen grossen Portugiesischen
Kauf-Fardey-Schiffe.}
aufgebracht; wenn sie fur gute Prise erklart wird, so ist sein Gluk
gemacht.
Cassio.
Ich weis nicht, was ihr sagen wollt.
Jago.
Er hat sich verheurathet.
Cassio.
Mit wem?
Jago.
Bey G***, mit--he! Herr General, wollt ihr gehen? (Othello zu
den Vorigen.)
Othello.
Hier bin ich--
Cassio.
Da kommt eine andre Parthey, die euch sucht.
Sechste Scene.
(Brabantio, und Rodrigo, mit Officieren, Bedienten und Fakeln.)
Jago.
Es ist Brabantio; General, nehmt euch in Acht; er hat nichts Gutes im Sinn.
Othello.
Holla! Steht, ihr dort!
Rodrigo.
Signor, es ist der Mohr.
Brabantio.
Zu Boden mit ihm, dem Rauber!
(Sie ziehen auf beyden Seiten.)
Jago.
Wie, ihr, Rodrigo?--Kommt, mein Herr, ich bin auf eurer Seite--(Zu
Othello.)
Othello.
Stekt eure Degen ein, der Thau mochte sie rostig machen. Werther
Signor, euer Alter wird euch mehr Gewalt geben, als eure Waffen.
Brabantio.
O du schandlicher Rauber! Wo hast du meine Tochter hin verborgen?
Verdammlicher Bube! Du hast sie bezaubert; denn ich will alles was
Vernunft hat den Ausspruch thun lassen, ob ein Madchen, so jung, so
schon, so zartlich als sie war, von ihrem Stand und Gluk, und so
abgeneigt vom Heurathen, das sie den Augen der auserlesensten und
reichsten von unsrer edelsten Jugend sich entzog--ob ein solches
Madchen, ohne die fesselnde Gewalt zaubrischer Kunste fahig gewesen
ware, dem allgemeinen Spott Troz zu bieten, und aus dem vaterlichen
Haus zu entlauffen, um in die russichten Arme eines solchen Dings
wie du, das geschikter ist Schreken zu erweken, als Liebe, sich
hinein zu sturzen? Die ganze Welt sey Richter, ob es nicht
handgreiflich ist, das du vermittelst schnoder Zauber-Mittel oder
Liebes-Tranke die das Hirn verruken, ihre schuldlose Jugend
misbraucht und verleitet hast--Ich will es untersucht haben: Es ist
wahrscheinlich, man kan sich nichts anders vorstellen. Ich
arrestiere dich also hier, als einen Verfuhrer und der hiezu
verbotne Kunste treibt--Bemachtigt euch seiner; und wenn er sich
wehrt, so entwaffnet ihn auf seine Gefahr.
Othello.
Haltet ein, zu beyden Seiten; wenn es hier meine Scene zum Fechten
ware, so wurd' ich's ohne einen Einsager gewust haben. Wohin wollt
ihr, das ich mit euch gehen soll, mich auf diese Anklage zu
verantworten?
Brabantio.
Ins Gefangnis, bis zur gehorigen Zeit, wo du vor der Gerichts-Bank
erscheinen sollst.
Othello.
Aber wenn ich euch gehorche, wie soll indes der Herzog zufrieden
gestellt werden, dessen Abgeordnete hier zu meiner Seite und im
Begriff sind, mich in einer dringenden Angelegenheit des Staats zu
ihm zu fuhren?
Officier.
Dis verhalt sich wurklich so, sehr edler Herr; der Herzog ist im
Staats-Rath; und ich bin sicher, das ihr gleichfalls dahin beruffen
worden seyd.
Brabantio.
Wie? der Herzog im Staats-Rath? In dieser spaten Nacht? Fuhrt
ihn dahin; meine Sache ist keine Kleinigkeit. Der Herzog selbst
und jeder von meinen Brudern im Staat kan nicht anders als diese
Beleidigung so empfinden, als ob sie ihnen selbst angethan worden
ware. Wenn solche Frefel-Thaten ungestraft verubt werden durften,
so wurden bald Sclaven und Banditen unsre Befehlshaber seyn.
(Sie gehen ab.)
Siebende Scene.
(Verwandelt sich in das Rath-Haus.)
(Der Herzog und die Senatoren, an einer Tafel mit Lichtern sizend,
und einige Officianten etc.)
Herzog.
Es ist zu wenig Uebereinstimmung in diesen Zeitungen, als das sie
Glauben verdienen konnten.
1. Senator.
In der That, sie gehen weit von einander ab; meine Briefe sagen
hundert und sieben Galeren.
Herzog.
Und meine hundert und vierzig.
2. Senator.
Und die meinen zwoohundert; allein ob sie gleich in der Zahl nicht
zusammentreffen, (welches in Fallen, wo der Bericht nach blosser
Muthmassung gemacht werden mus, nicht zu verwundern ist,) so
stimmen doch alle darinn uberein, das eine turkische Flotte in der
See ist, und das es auf Cypern abgesehen sey.
Herzog.
Es ist moglich, und wenn ich mich auch irren sollte, so werd' ich
doch alle Maasnehmungen einer klugen Furcht, die allezeit die
Mutter der Sicherheit ist, bey diesen Umstanden gut heissen.
Matrosen (hinter der Scene.)
Holla! ho! he! aufgemacht! (Die Matrosen kommen herein.)
Officiers.
Eine Bottschaft von den Galeeren.
Herzog.
Nun!--was ist euer Anbringen?
1. Matrose.
Ich habe Befehl der Regierung anzuzeigen, das die Turkischen Kriegs-
Zurustungen der Insel Rhodis gelten.
(Die Matrosen gehen ab.)
Herzog.
Was sagt ihr zu diesem Wechsel?
1. Senator.
Es kan nicht seyn, es ist ganz und gar nicht glaublich. Es ist ein
blosser Kunstgriff, unsre Augen von der Seite abzuhalten, wo die
Gefahr wurklich ist. Wenn wir bedenken, wie wichtig Cypern den
Turken ist--wie viel gelegner es ihnen ist als Rhodis--und das sie
die Eroberung desselben weit eher hoffen konnen, da es weniger
befestigt, und in allen Absichten in schwacherm Vertheidigungs-
Stand ist--Wenn wir dieses in gehorige Betrachtung ziehen, so
werden wir uns schwerlich einbilden konnen, das der Turk so
unbesonnen seyn werde, eine reiche und leicht zu gewinnende Beute
fahren zu lassen, um sich an eine gefahrliche und wenig
vortheilhafte Unternehmung zu wagen, von der er sich mit keiner
Wahrscheinlichkeit einen guten Erfolg versprechen kan.
Herzog.
In der That, allen Umstanden nach ist es nicht auf Rhodis abgezielt.
Officiers.
Hier kommt wieder eine Zeitung. (Ein Expresser tritt auf.)
Expresser.
Erlauchte und Gnadige Herren, die Ottomannen, die in geradem Lauf
gegen die Insel Rhodis gesegelt hatten, haben sich dort mit einem
kleinern Geschwader vereinbart--
1. Senator.
Das dacht' ich ja; wie stark haltet ihr sie?
Expresser.
Dreysig Segel; und nun steuern sie ihren Lauf, ohne ihre wahre
Absichten langer zu verheelen, nach Cypern. Signor Montano, euer
getreuer und tapfrer Befehlshaber auf dieser Insel, erstattet Euch,
unter Versicherung seiner pflichtvollen Ergebenheit, diesen Bericht,
und bittet ihm vollen Glauben beyzumessen.
Herzog.
Wir sind also nun gewis, das es um Cypern zu thun ist; ist Marcus
Luccicos nicht in der Stadt?
1. Senator.
Er ist wurklich in Florenz.
Herzog.
Schreibet unverzuglich in unserm Namen an ihn, das er sich mit der
aussersten Eilfertigkeit hieher begebe.
1. Senator.
Hier kommt Brabantio und der tapfre Mohr.
Achte Scene.
(Brabantio, Othello, Cassio, Jago, Rodrigo und Officiers, zu den
Vorigen.)
Herzog.
Tapfrer Othello, wir sind im Begriff Eurer gegen unsern allgemeinen
Feind Ottoman vonnothen zu haben.
(Zu Brabantio.)
Ich sah euch nicht gleich; willkommen, werther Signor; wir
mangelten euern Rath und eure Hulfe diese Nacht.
Brabantio.
Und ich die eurige; vergebet mir, Durchlauchtigster; weder mein
Plaz, noch was mir von einem vorschwebenden Staats-Geschafte gesagt
wurde, hat mich aus meinem Bette aufgewekt; das gemeine Wesen ficht
mich izt wenig an; mein Privat-Schmerz ist von einer so wuthenden
und ungestumen Art, das er alle andre Sorgen verschlingt, und mich
nichts anders fuhlen last.
Herzog.
Wie? Was kan die Ursach seyn?
Brabantio.
Meine Tochter! O! meine Tochter!--
Senator.
Gestorben?
Brabantio.
Fur mich wenigstens; sie ist verfuhrt, von mir weggestohlen,
misbraucht worden, durch Zauber-Mittel und Liebes-Tranke, den Kram
von Markt-Schreyern, zu Grunde gerichtet worden--Denn auf eine so
widernaturliche Art konnte die Natur (da sie weder dumm, noch blind,
noch schwach von Sinnen ist,) nicht ausschweiffen--Zauberey allein
konnte sie dahin bringen--
Herzog.
Wer der auch seyn mag, der durch so schandliche Mittel eure Tochter,
sich selbst, und euch entfuhrt hat, dessen Urtheil sollt ihr
selbst in dem blutigen Gesez-Buch lesen, und selbst der Ausleger
des strengen Buchstabens seyn; ja, und wenn unser eigner Sohn der
Thater ware.
Brabantio.
Ich danke Eu. Durchlaucht unterthanig. Hier ist der Mann, dieser
Mohr, den nun eben, wie es scheint, euer Befehl, in Geschaften des
Staats hieher gebracht hat.
Alle.
Das thut uns herzlich leid.
Herzog (zu Othello.)
Und was konnt ihr, eurer Seits, hierauf antworten?
Brabantio.
Nichts, als das es so ist.
Othello.
Erlauchte und Grosmachtigste Herren, meine sehr edle, geliebte und
gnadige Gebieter; das ich dieses alten Mannes Tochter entfuhrt habe,
ist wahr; und wahr ist's, das ich mit ihr vermahlt bin--So weit
erstrekt sich die ausserste Linie meines Verbrechens, und weiter
nicht--Ich bin kein Redner, und wenig geubt in der friedsamen Kunst,
die Zuhorer durch Worte zu gewinnen--Seitdem diese meine Arme
siebenjahriges Mark hatten, bis izt, die leztverflosnen neun oder
zehen Monate ausgenommen, sind die Arbeiten des Kriegs meine
einzige Beschaftigung gewesen--in diesen Kreis ist alle meine
Wissenschaft eingeschlossen, und das ist alles, wovon ich reden kan.
Ich werde also, indem ich fur mich selbst rede, meiner Sache
wenig Vortheil verschaffen. Und doch will ich, mit eurer Erlaubnis,
eine aufrichtige ungeschminkte Erzahlung von dem ganzen Hergang
meiner Liebes-Geschichte machen; damit ihr sehet, durch was fur
Tranke, Zauber-Formeln, Beschworungen und ubernaturliche Kunste,
(weil ich doch solche Mittel gebraucht zu haben beschuldiget werde,)
ich seine Tochter gewonnen habe.
Brabantio.
Ein unschuldiges junges Madchen, die immer das zartlichste,
schuchternste Kind von der Welt war; eine so sanfte und ruhige
Seele, das jede ihrer Bewegungen uber sich selbst zu errothen
schien--und sie sollte, troz Natur, Jugend, Geburt, Ehre, allem in
der Welt, in einen Mann verliebt werden, den sie zu furchtsam war
nur anzusehen--Was fur eine Art zu schliessen mus der haben, der
sich vorstellen kan, das die Natur so weit von ihren eignen Gesezen
abweichen sollte--Es ist unmoglich; aus der Holle musten die
verdammten Kunste hergeholt werden, die das zuwegebringen konnten.
Ich behaupte also noch einmal, das er sie durch Tranke, die das
Blut in gewaltsame Unordnung sezen, oder durch irgend ein andres
ubernaturliches Mittel misbraucht und zu Falle gebracht habe.
Herzog.
Behaupten ist nicht Beweisen--es gehoren starkere Beweisthumer
hiezu als die blossen nakten Vermuthungen, die ihr, in ein dunnes
Gewand einer schaalen Wahrscheinlichkeit gekleidet, gegen ihn
aufzustellen vermeynt.
1. Senator.
Redet dann, Othello; brauchtet ihr krumme und gewaltsame
Kunstmittel, die Neigungen dieser jungen Tochter zu erzwingen; oder
erhieltet ihr sie durch Bitten, und auf diejenige Weise, wie eine
Seele die andre anzuziehen pflegt?
Othello.
Ich bitte euch, last die junge Dame aus dem Schuzen herholen, und
sich selbst in Gegenwart ihres Vaters erklaren; findet ihr, das
ihre Erzahlung seine Anklage rechtfertiget, so entsezet mich nicht
nur aller Ehren und Wurden, die ich von euch empfangen habe,
sondern last mein Leben selbst der strengen Gerechtigkeit verfallen
seyn.
Herzog.
Holet Desdemona hieher.
(Zween oder drey gehen ab.)
Othello (zu Jago.)
Fahndrich, weiset ihnen den Weg, ihr kennt den Ort am besten--
(Jago geht ab.)
--Und indessen bis sie kommt, will ich, so aufrichtig als ich dem
Himmel selbst die Vergehungen meines Blutes bekenne, dieser
ehrwurdigen Versammlung anzeigen, wie ich das Herz der schonen
Desdemona gewonnen habe.
Herzog.
Redet, Othello.
Othello.
Ihr Vater liebte mich, lud mich oft ein, fragte mich immer nach der
Geschichte meines Lebens, von Jahr zu Jahr, und lies mich alle
Schlachten, Belagerungen und Abentheuer, durch die ich passiert bin,
erzahlen. Das that ich nun, und durchlief mein ganzes Leben, von
meinen kindischen Tagen an bis auf den nemlichen Augenblik, worinn
er mich erzahlen hies: Und da sprach ich ihm also von den
verschiedenen seltsamen Gluks-Wechseln, die ich erfahren, von
hunderterley tragischen und herzbrechenden Unfallen, die mir zu
Wasser und Land aufgestossen, und wie oft ich kaum noch auf der
Breite eines Haars dem eindringenden Tod entgangen; und wie ich in
die Hande grausamer Feinde gefallen, und zum Sclaven verkauft
worden; und wie ich wieder in Freyheit gekommen, und dann die ganze
Geschichte meiner irrenden Ritterschaft--als von ungeheuern Grotten,
und unterirdischen Gewolben, einoden Inseln, Steinbruchen, Felsen
und Geburgen, die mit dem Kopf am Himmel anstossen, und von
Cannibalen die einander aufessen und von Anthropophagen, und von
Leuten, die die Kopfe unter den Schultern tragen,--und was der
Dinge mehr war, womit ich ihn zu unterhalten pflegte. Allem diesem
horte dann Desdemona mit grosser Aufmerksamkeit zu; und obgleich
die Hausgeschafte sie von Zeit zu Zeit wegrieffen, so machte sie
sich doch so schnell als sie konnte, davon los, kam wieder zuruk
und verschlang meine Erzahlung mit gierigem Ohr: Ich bemerkte
dieses, und da sich einst eine gunstige Stunde anbot, wuste ich
bald Anlas zu machen, das sie mich recht von Herzen bat, ihr die
ganze Geschichte meiner Reisen, wovon sie nur einzelne, zerrisne
Stuke gehort hatte, vollstandig und im Zusammenhang zu erzahlen:
Ich willigte ein, und lokte manche Thrane aus ihren schonen Augen,
wenn ich auf die verschiednen Trubsalen und Unfalle kam, die meine
Jugend ausgestanden. Wie ich mit meiner Geschichte fertig war,
belohnte sie meine Muhe mit einer Welt voll Seufzer
{ed. * Es hies "Kusse" in einigen Ausgaben; und das war freylich in
mehr als einer Betrachtung sehr ungereimt. Pope hat die achte
Lesart wieder hergestellt. Das junge Fraulein, meynt er, ware gar
zu freygebig gewesen, wenn sie fur die blosse Erzahlung einer
Historie eine Welt voll Kusse gegeben hatte--und er hat allerdings
recht.}
--sie schwur bey ihrer Treu, es sey ausserordentlich, uber die
Maassen ausserordentlich--es sey ruhrend, zum Verwundern ruhrend--
Sie wunschte, sie hatte nichts davon gehort--und doch wunschte sie,
der Himmel hatte einen solchen Mann fur sie gemacht--und endlich
dankte sie mir, und sagte, wenn ich einen Freund hatte, der in sie
verliebt ware, so mocht' ich ihn nur meine Geschichte erzahlen
lehren, und er wurde sie damit gewinnen. Auf diesen Wink fieng'
ich dann an zu reden,--und so verlohren wir beyde unsre Herzen--Sie
liebte mich aus Mitleiden mit den Gefahren die ich ausgestanden,
und ich liebte sie um dieses Mitleidens willen: Das ist die ganze
Zauberey die ich gebraucht habe. Aber hier kommt sie selbst, last
sie Zeugnis geben.
Neunte Scene.
Herzog.
Ich denke, in vollem Ernst, eine solche Erzahlung wurde meine eigne
Tochter noch oben drein behexen--Guter Brabantio, seht diese Sache,
da sie nun nicht mehr zu andern ist, von der besten Seite an. Die
Leute brauchen im Nothfall immer lieber ihre zerbrochne Waffen, als
die blosse Hand.
Brabantio.
Ich bitte euch, last sie reden. Bekennt sie, das sie seinen Liebes-
Bewerbungen auf halben Weg entgegen gegangen sey, so falle
Verderben auf mein Haupt, wenn ich ihn einen Augenblik langer tadle.
Kommt naher, angenehmes Frauenzimmer; empfindet ihr, wem in
dieser ganzen edeln Versammlung ihr am meisten Gehorsam schuldig
seyd?
Desdemona.
Mein edler Vater, ich empfinde das meine Pflicht hier getheilt ist:
Euch bin ich fur mein Leben und fur meine Erziehung verbunden, und
beydes lehrt mich die Ehrfurcht die ich euch schuldig bin. Ihr
seyd Herr uber meinen Gehorsam, in so fern ich eure Tochter bin.
Aber hier ist mein Gemahl; und soviel Ergebenheit, als meine Mutter
gegen euch zeigte, da sie ihren Vater verlies um euch anzuhangen,
so viel bin ich hoffentlich befugt zu bekennen, das ich dem Mohren,
meinem Gemahl, schuldig sey.
Brabantio.
Gott gesegne dir's; ich habe nichts mehr zu sagen. Gefallt's eurer
Durchlaucht, so wollen wir nun von den Staats-Angelegenheiten reden.
Ich wollte lieber ein Kind angenommen als gezeugt haben. Komm
hieher, Mohr; hier geb ich dir von ganzem Herzen, was ich, wenn
du's nicht schon hattest, von ganzem Herzen vor dir verwahren
wollte. Um euertwillen, Kleinod, bin ich in der Seele froh das ich
keine andre Kinder habe--Denn der Streich, den du mir gespielt hast,
wurde mich tyrannisch genug machen, ihnen Kloze anzuhangen. Ich
bin fertig, Gnadigster Herr.
Herzog.
Last mich nun in meinem eignen Character, in der Person eines
allgemeinen Vaters reden, und ein Urtheil fallen, das diesen
Liebenden zu einer Stuffe diene, sie wieder in eure Gunst zu heben.
{ed. * Von hier an spricht der Herzog im Original in Reimen, und wird
von Brabantio in gleicher Munze bezahlt.}
Sobald nicht mehr zu helfen ist, so hat man das Aergste gesehen,
und Klagen sind nicht nur fruchtlos, sondern der nachste Weg ein
geschehenes Ungluk mit einem neuen zu hauffen. Wenn die Klugheit
die Streiche des Gluks nicht allemal verhindern kan, so kan doch
Geduld einen Scherz aus seinen Beleidigungen machen. Der Beraubte,
der dazu lachelt, stiehlt dem Rauber etwas, und der beraubt sich
selbst, der sich in vergeblichem Kummer verzehrt.
Brabantio.
Wenn das ist, so last die Turken uns immer Cypern wegnehmen; wir
verliehren's nicht, so lange wir dazu lachen konnen--Ich erkenne,
Gnadigster Herr, die Weisheit euers Raths--Aber Worte sind doch nur
Worte, und ein verwundetes Herz ist noch nie durch die Ohren
geheilt worden--Ich bitte euch, zu den Staats-Geschaften.
Herzog.
Die Turken machen furchtbare Zurustungen, Cypern anzugreiffen:
Othello, dir ist am besten bekannt, in was fur einem Vertheidigungs-
Stand der Plaz ist. Wir haben zwar einen Befehlshaber von
bekannter Tuchtigkeit daselbst: Allein die allgemeine Meynung, die
unumschrankte Konigin der Welt, verspricht sich von euch eine noch
grossere Sicherheit; last's euch also gefallen, uber die Glasur
euers neuen Gluks hinweg zu schlupfen, und die Freuden der Liebe
mit den Beschwerden dieser hartnakigen und Gefahr-vollen
Unternehmung zu vertauschen.
Othello.
Die tyrannische Gewohnheit, erlauchte Senatoren, hat das steinharte
und stahlerne Lager des Kriegs mir langst zum weichsten Pflaum-
Bette gemacht. Die rauhe Arbeit des Kriegs ist fur mich ein
Lustspiel, dem meine Seele mit angebohrner, flatternder Freudigkeit
entgegen eilt. Ich unterziehe mich also dem gegenwartigen Krieg
mit den Ottomannen; und alles, warum ich die Durchlauchtigste
Republik mit gebognen Knien bitte, ist, meine Gemahlin in ihren
unmittelbaren Schuz zu nehmen, und darauf bedacht zu seyn, das sie
an einem anstandigen Ort, und mit allem dem Glanz und Ansehen, so
sich fur ihre Geburt schikt, unterhalten werde.
Herzog.
Also, in ihres Vaters Hause.
Brabantio.
Das will ich nicht.
Othello.
Ich noch weniger.
Desdemona.
Auch ich wollte nicht dort wohnen, und meinen Vater zu ungeduldigen
Gedanken reizen, wenn ich immer in seinen Augen ware. Gnadigster
Herr, leihet meiner Bitte ein geneigtes Ohr, und unterstuzet sie
mit eurer Stimme.
Herzog.
Was verlangt ihr, Desdemona?
Desdemona.
Das ich den Mohren liebte, um mit ihm zu leben, mag die
Entschlossenheit, womit ich so vielen Vorurtheilen Gewalt angethan
habe, durch die ganze Welt austrompeten. Mein Herz und meine
Person sind von meinem Gemahl unzertrennlich. Ich sah Othello's
Gesicht in der Schonheit seines Gemuthes, und seinen Verdiensten
und heldenmassigen Eigenschaften hab ich meine Seele und mein
ganzes Gluk gewiedmet. So das, theureste Herren, wenn ich
zurukgelassen werde, und er in den Krieg geht, ich des Rechts,
seine Gefahren mit ihm zu theilen, des Rechts, um deswillen ich ihn
liebe, verlustig, und in seiner schmerzlichen Abwesenheit zu einem
verdrieslichen Interim verurtheilt ware. Last mich also mit ihm
gehen.
Othello.
Eure Genehmigung, Gnadige Herren! Ich bitte euch, last sie ihren
Willen haben. Ich bitt' es nicht aus Ruksicht auf den Vortheil
meines eignen Vergnugens, nicht aus Gefalligkeit gegen die Hize
junger Begierden, die der erste Genus mehr gereizt als befriedigt
hat;--sondern dem Edelmuth ihres Herzens seinen freyen Lauff zu
lassen. Der Himmel verhute, das ihr mich fahig haltet, eure
ernsthaften und grossen Angelegenheiten zu vernachlasigen, wenn sie
bey mir ist--Nein! Wenn jemals die kindischen Puppen-Spiele des
befiederten Cupido die Werkzeuge meines Verstands und meiner
Thatigkeit in uppige Tragheit senken, und meine Ergozungen meinen
Arbeiten schadlich sind; dann last Haus-Weiber eine Brey-Pfanne aus
meinem Helm machen, und die unwurdigsten, schmahlichsten
Wiederwartigkeiten sich zum Untergang meines Ruhms verschworen.
Herzog.
Ihr Gehen oder Bleiben soll eurer eignen Willkuhr uberlassen seyn--
Die Geschafte fordern die hastigste Eilfertigkeit. Ihr must diese
Nacht noch fort.
Desdemona.
Diese Nacht, gnadigster Herr?
Herzog.
Diese Nacht.
Othello.
Von Herzen gerne.
Herzog.
Morgen um neun Uhr wollen wir hier wieder zusammen kommen. Othello,
last einen Officier zuruk, durch den wir euch euer Patent, und
eure Instruction nachschiken konnen.
Othello.
Wenn es Eu. Durchlaucht nicht entgegen ist, so ist hier mein
Fahndrich, ein Mann von Ehre und Redlichkeit, dem ich die
Begleitung meines Weibs anvertrauen will, und durch den mir
zugleich alles andre nachgeschikt werden kan, was Eu. Durchlaucht
fur nothig halt.
Herzog.
Ich bin's zufrieden. Gute Nacht allerseits--(Zu Brabantio.)
Und, edler Signor, wenn Tugend die glanzendste Schonheit ist, so
ist euer Tochtermann mehr weis als schwarz.
Senator.
Adieu, tapfrer Mohr, begegne Desdemonen wol.
Brabantio.
Sieh fleissig zu ihr, Mohr, wenn du Augen hast; sie hat ihren Vater
betrogen, und wird dir's vielleicht nicht besser machen.
(Der Herzog und die Senatoren gehen ab.)
Othello.
Ich stehe mit meinem Leben fur ihre Treue--Ehrlicher Jago, dir mus
ich meine Desdemona hinterlassen; ich bitte dich, gieb ihr deine
Frau zur Gesellschaft, und bringe sie mit der besten Gelegenheit
nach. Komm, Desdemona, ich habe nur eine Stunde, die ich der Liebe
und unsern Angelegenheiten schenken kan. Wir mussen der Zeit
gehorchen.
(Sie gehen ab.)
Zehnte Scene.
(Rodrigo und Jago bleiben.)
Rodrigo.
Jago--
Jago.
Was willst du mir sagen, tapfres Herz?
Rodrigo.
Was denkst du, das ich thun will?
Jago.
Was? Zu Bette gehen und schlaffen.
Rodrigo.
Ich will auf der Stelle gehn, und mich ins Wasser sturzen.
Jago.
Wenn du das thust, so werd' ich dich in meinem Leben nicht mehr
lieb haben. Wie, du bist ein recht alberner Edelmann!
Rodrigo.
Es ist etwas albernes, leben, wenn Leben eine Qual ist; und dann,
so sterben wir ja nach den Regeln, wenn der Tod unser Arzt ist.
Jago.
O wie niedertrachtig das gedacht ist! Es ist schon viermal sieben
Jahre, das ich mich auf der Welt umsehe, und seitdem ich einen
Unterscheid zwischen einer Wohlthat und einer Beleidigung machen
kan, hab' ich noch keinen Menschen gesehen, der den Verstand hatte
sich selbst zu lieben. Eh ich sagen wollte, ich wolle mich einer
Guineischen Henne zulieb ersauffen, eh wollt' ich meine Menschheit
mit einem Wald-Teufel vertauschen.
Rodrigo.
Wie soll ich mir aber anders helfen? Ich bekenn', es macht mir
schlechte Ehre, das ich so vernarrt in sie bin; aber meine Tugend
ist nicht stark genug, dem Uebel abzuhelfen.
Jago.
Tugend? Pfifferling. Auf uns kommt es an, ob wir so oder so seyn
wollen. Unsre Leiber sind unsre Garten, und unser Wille ist der
Gartner darinn. Ob wir Nesseln oder Lattich drein saen wollen, ob
wir ihn mit Ysop oder Thymian, mit einer einzigen Art von Gewachsen,
oder mit vielerley Gattungen besezen, aus Faulheit verwildern und
unfruchtbar werden lassen, oder durch fleissige Wartung in guten
Stand sezen wollen: Das hangt alles lediglich von unsrer Willkuhr
ab. Hatten wir nicht in der Waage unsers Lebens eine Schaale voll
Vernunft, um die Sinnlichkeit in der andern im Gleichgewicht zu
halten, zu was fur tollen Ausschweiffungen wurde uns die Hize des
Bluts und der thierische Trieb dahinreissen? Aber wir haben die
Vernunft dazu, das sie unsre rasenden Bewegungen, unsre
fleischliche Triebe und zugellose Luste bandigen soll--Was nennt
ihr Liebe? Meynt ihr, das es eine so feyrliche Sache sey, als ihr
euch einbildet? Ein blosser Trieb des Blutes ist's, dem der Wille
den Zugel verhangt--Komm, sey ein Mann! dich selbst ersauffen?
Ersauffe mir Kazen und junge blinde Hunde! Ich habe dir meine
Freundschaft zugesagt, und ich mache mich gros, mit Seilen, die
unser beyder Leben ausdauern sollen, zu deinen Diensten gebunden zu
seyn. Izt ist die Gelegenheit, da ich dir nuzlich seyn kan. Einen
wolgespikten Beutel, und fort in diesen Krieg! Verbrame dein
glattes Gesichtchen mit einem falschen Bart; Geld in deinen Beutel,
sag ich. Es ist unmoglich, das Desdemona den Mohren in die Lange
lieben konnte,--nur Geld in deinen Beutel--noch der Mohr sie.
Alle Sachen, die mit solcher Heftigkeit anfangen, pflegen auch
schnell wieder aufzuhoren--Spik du nur deinen Beutel--Diese Mohren
sind veranderlich in ihren Neigungen;--full deinen Beutel mit Geld--
Der Lekerbissen, der ihm izt so sus daucht wie Syrop, wird ihm
bald genug bittrer als Coloquinten schmeken; und wenn sie, an ihrem
Theil, sich einmal an ihm ersattiget hat, so werden ihr die Augen
uber ihre ungereimte Wahl auf einmal aufgehen. Sie (mus) sich
andern, sie mus! Also full du nur deinen Beutel. Wenn du ja zum
T** fahren willst, so thu es wenigstens auf einem angenehmern Weg
als Ersauffen. Mach alles zu Gelde was du kanst. Wenn Tugend und
ein armes zerbrechliches Gelubde zwischen diesem Landstreicher aus
der Barbarey und einer super-feinen verschmizten Venetianerin,
nicht starker sind als mein Wiz und die ganze Zunft der Holle, so
sollst du sie in deine Arme kriegen. Also Geld in deinen Sekel,
sag ich! Las du dich lieber dafur hangen, das du deine Lust gebust
hast, als dich zu ersauffen, und nichts dafur genossen zu haben.
Rodrigo.
Stehst du mir gut fur meine Hoffnungen, wenn ich's wage?
Jago.
Verlas dich auf mich--Geh, mach Geld zusammen--Ich habe dirs oft
gesagt, und sage dirs wieder und wieder, ich hasse den Mohren.
Meine Ursach stekt mir tief im Herzen; dein Has hat keinen
schlechtern Grund. Las uns gemeine Sache machen, um unsre Rache an
ihm zu nehmen. Wenn du ihn zum Hahnrey machen kanst, so machst du
dir selbst ein Vergnugen, und mir einen Spas. Die Zukunft geht mit
allerley Begebenheiten schwanger, von denen sie zu gehoriger Zeit
entbunden werden wird. Geh du izt, und sorge fur Geld; morgen mehr
von dieser Materie. Adieu.
Rodrigo.
Wo sehen wir einander morgen?
Jago.
In meinem Quartier.
Rodrigo.
Ich will bey Zeiten kommen.
Jago.
Gut, geht nur, lebt wohl. Hort ihr, Rodrigo?
Rodrigo.
Was soll ich horen?
Jago.
Nichts mehr vom Ersauffen, hort ihr's?
Rodrigo.
Es ist mir anders gekommen: Ich will gehen und alle meine Guter zu
Geld machen.
(Er geht ab.)
Eilfte Scene.
(Jago bleibt zuruk.)
Jago (allein.)
Geht nur, lebt wohl, nur einen wohlgespikten Beutel,--Bin ich nicht
ein gescheidter Kerl? So mach' ich aus meinem Narren meinen
Schazmeister--Denn das hiesse wol meine erworbne Geschiklichkeit
ubel anwenden, wenn ich die Zeit mit einem solchen kleinen
Schneppen verderben wollte, ohne das ich Spas und Vortheil davon
hatte. Ich hasse den Mohren, und das Publicum thut mir die Ehre an,
und glaubt, er habe zwischen meinen Bett-Laken meine Stelle
vertreten. Ich weis nicht, ob es so ist--aber mir ist eine blosse
Vermuthung von dieser Art genug, um so zu handeln, als ob ich's mit
Augen gesehen hatte. Er mag mich wol leiden--Desto besre
Gelegenheit hab ich, ihm beyzukommen; Cassio ist ein Mann, der zu
meinem Vorhaben taugt: Last einmal sehen--seine Stelle zu kriegen
und meinen Has zu ersattigen--Wie, wie kommt das? Last sehen--
Nach einiger Zeit dem Othello mit einer guten Art in's Ohr raunen,
das er zu vertraulich mit seiner Frau ist--Seine Figur und sein
ganzes Betragen, werden den Verdacht rechtfertigen; er ist der Mann
dazu, die Weiber ungetreu zu machen. Der Mohr ist von der offnen
treuherzigen Art Leuten, welche die Leute fur ehrlich halt, wenn
sie so aussehen; er wird sich so gutwillig an der Nase herumfuhren
lassen wie ein Esel--Ich hab es--Mein Entwurf ist gezeugt--und Rach
und Holle sollen die scheusliche Misgeburt ans Taglicht bringen!
(ab.)
Zweyter Aufzug.
Erste Scene.
(Die Hauptstadt von Cypern.)
(Montano, Statthalter von Cypern, und zween Officiers.)
Montano.
Was konnt ihr vom Vorgeburg in der See unterscheiden?
1. Officier.
Gar nichts, als aufgethurmte Wellen; ich kan zwischen dem Himmel
und der See nicht ein einziges Segel entdeken.
Montano.
Mich daucht, der Wind ist zu Land sehr heftig gewesen--Ein
ungestumerer Sturm hat noch nie unsre Zinnen erschuttert--wenn er
auf der See eben so geraset hat, was fur Ribben von Eichen sind,
wenn Berge auf sie herabschmelzen, stark genug, sich in ihren Fugen
zu erhalten? Was fur Zeitungen werden wir hievon horen?
2. Officier.
Die Zerstreuung der Turkischen Flotte--Steht nur am schaumenden
Ufer, die zornigen Wogen scheinen euch bis in die Wolken hinauf zu
sprizen--Man dachte, die vom Sturm geschleuderte Welle spruhe dem
brennenden Baren Wasser entgegen, und losche die Nachtlichter des
Himmels aus--Ich habe in meinem Leben keinen so rasenden Sturm
gesehen.
Montano.
Wenn die Turkische Flotte sich nicht bey Zeit in irgend eine Bucht
hat retten konnen, so ist sie verlohren--es ist unmoglich, dieses
Wetter auszuhalten.
Zweyte Scene.
(Ein dritter Officier zu den Vorigen.)
3. Officier.
Etwas Neues, meine Herren, der Krieg ist zu Ende; dieses
verzweifelte Ungewitter hat die Turken so zugerichtet, das ihre
Entwurfe Halt machen mussen. Ein ansehnliches Venetianisches
Schiff hat dem Schiffbruch und der Noth des grossesten Theils ihrer
Flotte zugesehen.
Montano.
Wie? Ist das wahr?
3. Officier.
Das Schiff ist wurklich hier eingelauffen; ein Veronesisches,
welches den Michael Cassio, den Lieutenant dieses tapfern Mohren
Othello, an Bord hatte; der Mohr selbst ist in der Ueberfahrt
begriffen, und wird in kurzem als oberster Kriegs-Befehlshaber hier
in Cypern eintreffen.
Montano.
Ich bin erfreut daruber; er hat alle Eigenschaften zu einem so
wichtigen Posten.
3. Officier.
Allein eben dieser Cassio, so trostlich das lautet, was er uns vom
Verlust der Turken berichtet, sieht doch duster aus, und wunscht
das der Mohr gluklich davon gekommen seyn moge; denn sie waren im
heftigsten Sturm abgereist.
Montano.
Der Himmel geb' es! Ich bin sein Freund, und er ist beydes ein
guter Soldat und ein vollkommner Feldherr. Wir wollen der See-
Seite zugehen, sowol um das schon eingelauffene Schiff zu
besichtigen, als dem wakern Othello, soweit bis Luft und Wasser
sich in unserm Auge vermischt, entgegen zu sehen.
Officier.
Kommt, wir wollen das thun--Eine jede Minute daucht uns lange, bis
wir seiner gluklichen Ankunft versichert sind.
Dritte Scene.
(Cassio zu den Vorigen.)
Cassio.
Dank sollen die Tapfern dieser kriegerischen Insel davor haben, das
sie so gute Freunde des Mohren sind--Der Himmel beschuze ihn gegen
der Wuth der Elemente; ich hab' ihn in einer gefahrlichen See
verlohren.
Montano.
Ist sein Schiff gut?
Cassio.
Sein Schiff ist gut gezimmert, und sein Pilot ein Mann von
Erfahrung und bewahrter Geschiklichkeit: Ich bin also nicht ohne
Hoffnung.
Hinter der Scene
Ein Segel! ein Segel! ein Segel!
Cassio.
Was bedeutet dieses Geschrey?
1. Officier.
Die Stadt ist leer; Schaarenweis steht das Volk am Ufer, und sie
ruffen: Ein Segel!
Cassio.
Ich hoffe es ist des Ober-Befehlhabers.
Officier.
Sie geben ihm ihre Freude durch Zujauchzungen zu erkennen; es sind
Freunde, wenigstens.
Cassio.
Ich bitte euch, mein Herr, geht und bringt uns Gewisheit, wer
angekommen ist.
Officier.
Ich will.
(ab.)
Montano.
Aber mein lieber Lieutenant, ist euer General vermahlt?
Cassio.
Ja, und hochstgluklich; er hat eine junge Gemahlin davongetragen,
die alles ubertrift, was das ausschweiffende Gerucht zu ihrem Lob
sagen kan: eine Gemahlin, deren Schonheit den Pinsel des feinsten
Mahlers beschamt, und die in einem irdischen Kleide ein wahrer
Auszug aller Vollkommenheiten der Schopfung ist--
Vierte Scene.
(Der Officier kommt zuruk.)
Cassio.
Wie steht's? Wer ist eingelauffen?
Officier.
Ein gewisser Jago, der Fahndrich des Generals.
Cassio.
Das kostbare Kleinod, womit er beladen war, hat seine Fahrt so
glucklich gemacht; die Ungewitter selbst, schwellende Seen und
heulende Winde, die Wasserbedekten Felsen und die aufgehauften
Sandbanke, (Verrather, die im Verborgnen lauren, den schuldlosen
Kiel anzuhalten) vergessen, gleich als ob sie ein Gefuhl der
Schonheit hatten, ihre naturliche Grausamkeit, um die gottliche
Desdemona unbeleidigt durchzulassen.
Montano.
Wer ist diese?
Cassio.
Sie, von der ich sprach, die Beherrscherin unsers grossen
Befehlshabers, die er der Fuhrung des kuhnen Jago anvertraut hat,
und deren beschleunigte Ankunft unsern Gedanken um eine Woche
wenigstens zuvorkommt. Beschuze nun, o Himmel, beschuze noch
Othello! und schwelle seine Seegel mit deinem eignen allmachtigen
Athem auf, damit er mit seinem schonen Schiff diese Bay beselige,
und wenn seine Liebe in Desdemonens Armen die Entzukung des
Wiedersehens ausgeathmet hat, unsre erloschende Geister in neues
Feuer seze, und ganz Cypern mit Muth und Vertrauen erfulle.--
Funfte Scene.
(Desdemona, Jago, Rodrigo und Aemilia zu den Vorigen.)
Cassio.
--O sehet! der Schaz des Schiffes ist ans Land gekommen: Ihr
Manner von Cypern, last eure Knie sie bewillkommen! Heil dir,
Gebieterin, und jeder Segen des Himmels gehe vor dir her, folge dir,
und schwebe zu deiner Seiten rings um dich her.
Desdemona.
Ich danke euch, tapfrer Cassio--Was fur Nachrichten konnt ihr mir
von meinem Herrn geben?
Cassio.
Er ist noch nicht angelandet, doch weis ich nichts anders, als das
er wohl ist und in kurzem hier seyn wird.
Desdemona.
O--ich besorge nur--Wie verlohret ihr ihn?
Cassio.
Der heftige Streit zwischen Luft und Meer trennte unsre
Gesellschaft--Aber horcht, ein Segel!
Hinter der Scene:
Ein Segel! ein Segel!
Officier.
Dieser Grus wird gegen die Citadelle gemacht; es ist gleichfalls
ein Freund.
Cassio.
Seht was es ist: Mein lieber Fahndrich, willkommen! (Zu Aemilia,
mit einem Kus.)
Willkommen, Madam. Nehmt mir nicht ubel, mein guter Jago, das ich
meiner Freude den Lauf lasse; es ist eine Gewohnheit von meiner
Erziehung her, das ich so frey im Ausdruk einer schuldigen
Hoflichkeit bin.
Jago.
Ich wollte, mein Herr, sie ware gegen euch so freygebig mit ihren
Lippen, als sie es oft gegen mich mit ihrer Zunge ist, ihr wurdet
ihrer genug kriegen!
Desdemona.
Wie, sie spricht ja gar nichts.
Jago.
Wahrhaftig, nur zuviel; ich find' es immer, wenn ich gerne schlafen
mochte; vor Euer Gnaden, da glaub' ich selber, das sie ihre Zunge
ein wenig in ihr Herz stekt, und nur in Gedanken keift.
Aemilia.
Ihr habt wenig Ursache so zu reden.
Jago.
Kommt, kommt, ich kenne euch Weiber so gut als einer; ihr seyd
Gemahlde ausser Hause; Gloken in eurem Zimmer; wilde Kazen in eurer
Kuche; Heilige, wenn ihr beleidigt; Teufel, wenn ihr beleidigt
werdet; Comodiantinnen in eurer Wirthschaft, und nirgends Haus-
Weiber, als in--euerm Bette.
Desdemona.
O fy, schamt euch, ihr garstiger Verlaumder!
Jago.
Nein, es ist wie ich sage, oder ich will ein Turk seyn; ihr steht
auf, um zu spielen, und legt euch zu Bette, um zu arbeiten.
Aemilia.
Ihr sollt mir gewis keine Lobrede schreiben!
Jago.
Ich rathe euch nicht, das ihr mich dazu bestellet.
Desdemona.
Was wurdest du von mir schreiben, wenn du mich loben mustest?
Jago.
O Gnadige Frau, sezt mich nicht in Versuchung; ich bin nichts, oder
ich bin ein Criticus.
Desdemona.
Kommt, eine kleine Probe--Dort ist jemand in die Bay eingelauffen.
--
Jago.
Ja, Gnadige Frau.
Desdemona.
Ich bin nicht aufgeraumt; ich beluge das was ich bin, indem ich was
anders scheine;--Komm, was wolltest du zu meinem Ruhm sagen?
Jago.
Ich bin wurklich daran; aber, in der That, meine Erfindung geht so
ungern von meinem Hirnkasten ab, wie Vogel-Leim von einem Fries-Rok--
doch meine Muse arbeitet, und nun ist sie entbunden--Ein jeder
Mund bekennt und spricht, sie ist so weis' als schon,
Doch eines zehrt das andre auf, das mus man auch gestehn.
Desdemona.
Vortreflich; aber wie, wenn sie schon und albern ware?
Jago.
Albern? Gut, die blodste Schone hatte stets so viel Verstand
Das sie, wo nicht einen Mann, mindstens einen Erben fand.
Desdemona.
Das sind alte abgedroschne Einfalle, um Narren im Bierhause lachen
zu machen. Was fur ein armseliges Lob hast du dann fur eine, die
haslich und albern ist?
Jago.
Keine ist so dumm und haslich, die an List bey schlimmer Sache
Den Verschmiztesten und Schonsten nicht den Vorzug streitig mache.
Desdemona.
O grobe Ungeschiklichkeit! Du lobest die Schlechteste am besten.
Aber was konntest du dann zum Lob eines Frauenzimmers sagen, das in
der That Lob verdiente? Einer solchen, deren Verdienste so
unstreitig waren, das sie es auf den Ausspruch der Bosheit selbst
ankommen lassen durfte?
Jago.
Die, bey niemals welker Schonheit frey von Stolz und Eigensinn,
Meisterin von ihrer Zunge, und doch keine Schreyerin,
Immer Geld im Beutel hat, und sich nie dadurch entehrte,
Die gelassen meiden kan, was ihr Herz sich gern gewahrte;
Die, wenn sie der Mann beleidigt, doch der Rache gern entsagt,
Welche sanften Weiber-Herzen, wie man glaubt, so sehr behagt:
Die so treu der Weisheit ist, das sie nie in ihrem Leben,
Um den Schwanz des besten Salms, eines Schel-Fischs Kopf gegeben;
Die zwar denkt, doch was sie denkt, niemand als sich selbst
vertraut,
Noch, wenn ihr Verehrer folgen, aus Zerstreuung um sich schaut;
Diese, wenn sie jemals war, konnte wol vortrefflich taugen--
Desdemona.
Und wozu dann?
Jago.
Ein Schmahl-Bier-Protocoll zu fuhren, und Narren auszusaugen.
Desdemona.
O, was fur ein kruppelhafter, armseliger Schlus! Lerne ja nichts
von ihm, Aemilia, ob er gleich dein Mann ist. Was sagt ihr, Cassio,
wurd' er nicht einen feinen Rath abgeben?
Cassio.
Es ist besser gemeynt als gesagt, Madam; Euer Gnaden werden den
Soldaten grosser in ihm finden, als den Gelehrten.
Jago (bey Seite.)
Er nimmt sie bey der Hand; gut, wol gegeben--flustert einander ins
Ohr--Ich brauche kein starkeres Gewebe als dis, um eine so grosse
Fliege wie Cassio zu verstriken. Ey ja doch, lachle sie an, thu's--
in deiner eignen Hoflichkeit sollst du gefangen werden--Ihr habt
recht, es ist so, in der That--Wenn solche arme kleine Freyheiten
euch um eure Lieutenants-Stelle bringen sollten, so war' es besser,
ihr hattet eure drey Finger nicht so oft gekust--O vortrefflich!
wol gekust! vortreffliche Galanterie!--es ist so, in der That--
Noch einmal--eure Finger an eure Lippen? Ich wollt' es waren
Clystier-Sprizen, so lieb seyd ihr mir.
(Trompeten.)
Ha, der Mohr kommt; ich kenne seine Trompete.
Cassio.
Es ist wurklich so.
Desdemona.
Wir wollen ihm entgegen gehen--
Cassio.
Seht, hier ist er schon.
Sechste Scene.
(Othello und Gefolge zu den Vorigen.)
Othello.
O meine schone Heldin!
Desdemona.
Mein theurer Othello!
Othello.
Meine Verwundrung euch vor mir hier zu sehen, ist so gros als mein
Vergnugen. O Wonne meines Herzens! Wenn auf jeden Sturm eine so
susse Stille folgte, so mochten die Winde blasen, bis sie den Tod
aufgewekt hatten: So mochte die arbeitende Barke an Hugeln von
Wasser bis an den Olymp hinauf klettern, dann wieder so tief sich
tauchen, als die Holle vom Himmel ist! Wenn ich izt sterben muste,
so war's in dem Augenblik, da meine Glukseligkeit ihren hochsten
Punkt erreicht hat; ich besorge sehr, diese Wonne meiner Seele ist
zu gros, als das noch eine solche in der unbekannten Zukunft fur
mich ligen kan.
Desdemona.
Das verhute der Himmel, das unsre Liebe und unser Vergnugen nicht
in gleichem Maasse zunehmen sollte, wie unsre Tage wachsen!
Othello.
Amen, zu diesem holden Wunsch! Ich kan nicht genug von dieser
Freude sagen, mein Herz ist so voll--
(er kust sie--)
und dis, und dis, moge die grosseste Dissonanz seyn, die jemals
unsre Herzen machen werden!
Jago (bei Seite.)
O, izt seyd ihr noch wolgestimmt; aber ich will den Wirbel legen,
der diese Musik macht, so wahr ich ehrlich bin!
Othello.
Kommt, wir wollen in's Schlos. Nun, meine Freunde, der Krieg ist
geendigt, eh er angefangen hat; die Turken sind ertrunken. Wie
leben unsre alten Bekannten auf dieser Insel?--Mein liebstes Herz,
ihr werdet in Cypern sehr geliebt werden; ich habe viele
Freundschaft hier empfangen--O meine Liebe, ich merke das ich mich
vergesse; das Uebermaas meiner Freude macht mich schwarmen.--Ich
bitte dich, guter Jago, geh an die Rhede und las meine Kisten
auspaken; und den Schiffs-Patron bring' in die Citadelle zu mir; er
ist ein geschikter Mann, dessen Verdiensten eine vorzugliche
Achtung gebuhrt. Kommt, Desdemona, noch einmal willkommen in
Cypern!
(Othello und Desdemona gehen ab.)
Siebende Scene.
(Jago und Rodrigo bleiben.)
Jago (zu einigen Bedienten.)
Geht ihr dem Hafen zu, ich werde in einem Augenblik folgen--(zu
Rodrigo.)
Komm naher, wenn du ein tapfrer Mann bist; (und man sagt doch, das
die Liebe auch den feigesten Seelen eine gewisse Starke und
Erhabenheit gebe, die ihnen sonst nicht naturlich ist)--Horch mir
zu; der Lieutenant commandirt diese Nacht auf der Hauptwache.
Zuerst mus ich dir sagen, das diese Desdemona geradezu in ihn
verliebt ist.
Rodrigo.
In ihn? Wie, das ist nicht moglich.
Jago.
Leg deine Finger auf den Mund und las dir sagen, was du zu wissen
brauchst. Bedenk einmal mit was fur einer Heftigkeit sie anfangs
den Mohren liebte, blos weil er aufschnitt, und ihr romanhafte
Lugen vorsagte. Meynst du, sein Pralen werde machen, das sie ihn
immer liebe? Sey nicht so einfaltig, und bilde dir solche Dinge
ein. Ihr Auge mus doch auch eine Nahrung haben. Und was ein
Vergnugen kan sie davon haben, wenn sie den Teufel ansieht? Wenn
die Entzukungen des Liebes-Spiels das Blut ermattet haben, so
braucht es Reizungen, Schonheiten, Sympathie im Alter, zartliche
Empfindungen, was weis ich's, kurz lauter Eigenschaften, die der
Mohr nicht hat, um es wieder anzuflammen. Nun aber kan's nicht
fehlen, der Abgang dieser Erfordernisse und Uebereinstimmungen wird
ihre jugendliche Zartlichkeit gar bald emporen; sie wird finden,
das sie sich betrogen hat; sie wird des Mohren erst satt, dann
uberdrussig werden, dann einen Ekel vor ihm bekommen, und ihn
endlich gar verabscheuen, die Natur selbst wird sie das lehren und
sie zu einer andern Wahl nothigen. Nun, Herr, dieses vorausgesezt,
(wie es dann eine ausgemachte Sonnenklare Sache ist,) wer darf sich
dieses Gluk mit besrer Hoffnung versprechen als Cassio? Der
geschmeidigste Schurke von der Welt; der nicht mehr Gewissen oder
Tugend hat, als der Wohlstand und die Klugheit erfordern, um unterm
Schuz der ausserlichen Form eines bescheidnen und wohlgesitteten
Betragens seine geheimen Ausschweiffungen und Leichtfertigkeiten
desto sichrer auszuuben; ein glatter, abgeteilter Schurke, ein
Gelegenheits-Hascher, ein Gleisner, der sich das Ansehen von
Tugenden geben kan, die er nie gehabt hat; ein verteufelter Schurke!
Und dann kommt noch in Betrachtung, das der Schurke hubsch, jung,
und mit allen den Erfordernissen begabt ist, worauf Thorheit und
unreiffe Jugend am meisten sehen. Ein schwernothischer
ausgemachter Schurke! Und das Weibsbild kennt ihn schon besser,
als du dir einbildest.
Rodrigo.
Das kan ich unmoglich von ihr glauben; sie ist von einer so
tugendhaften Gemuthsart--
Jago.
Tugendhafter Pfifferling! Der Wein den sie trinkt ist aus Trauben
gemacht. Wenn sie tugendhaft gewesen ware, so wurde sie sich nicht
in den Mohren verliebt haben: Tugendhafter Quark! Hast du dann
nicht gesehen wie sie mit seiner Hand auf- und abschaukelte? Hast
du nicht darauf Acht gegeben?
Rodrigo.
Ja, das that ich; aber das war nur Hoflichkeit.
Jago.
Leichtfertigkeit war's, bey meiner Seele! Eine geheime Andeutung,
ein stillschweigender Prologus zu einem Lustspiel, wo man keine
Zuschauer verlangt. Sie kamen einander ja mit ihren Lippen so nah,
das ihr Athem sich vermischen und zusammenfliessen muste. Das ist
ein vertrakter Gedanke, Rodrigo! Wenn solche Vertraulichkeiten den
Weg bahnen, so darf man sich darauf verlassen, das die Haupt-Action
bald nachkommen wird--Fy, Henker!--Aber, last euch nur von mir
rathen, Herr. Ich hab' euch von Venedig mitgebracht. Zieht mit
auf die Wache diese Nacht, ich will euch dazu commandieren. Cassio
kennt euch nicht; und ich will nicht weit von euch seyn. Seht das
ihr dann eine Gelegenheit findet, ihn aufzubringen; redet zu laut,
oder haltet euch uber seine Art zu commandieren auf, oder thut
sonst was das ihn argern kan, wie es Zeit und Umstande an die Hand
geben werden.
Rodrigo.
Gut.
Jago.
Er ist jah, und in einem Augenblik aufgebracht; es kan leicht
begegnen, das er euch einen Schlag giebt. Reizt ihn dazu; dann das
wurde mir einen vortrefflichen Anlas geben, die Cyprier in eine
solche Emporung gegen ihn zu sezen, das nichts als seine Entfernung
sie besanftigen soll. Dadurch kommt ihr desto balder zu euerm Zwek;
denn wenn Cassio einmal aus dem Weg ist, so will ich fur das
ubrige schon Mittel finden, und ihr sollt gluklich werden.
Rodrigo.
Ich verstehe mich zu allem, wenn ihr's dahin bringen konnt.
Jago.
Dafur steh ich dir. Las dich vor der Citadelle wieder antreffen;
ich mus nur einen kleinen Gang machen, um sein Gepake ans Land zu
holen. Lebt wohl indessen.
Rodrigo.
Adieu.
(Er geht ab.)
Achte Scene.
Jago (allein.)
Das Cassio sie liebt, das glaub ich, und das sie ihn wieder liebt,
das last sich wenigstens glauben. Was den Mohren betrift, so mus
ich gestehen, ob ich ihn gleich nicht leiden kan, das er von einer
gesezten, liebreichen und edeln Gemuths-Art ist; und ich zweifle
gar nicht daran, das er gegen Desdemona ein recht zartlicher Ehmann
seyn wird. Nun lieb ich sie auch, nicht eben aus Antrieb einer
sonderlichen Lust zu ihr, (ob ich gleich vielleicht fur eben so
grosse Sunden in des Teufels Schuldbuch stehe,) sondern mehr um an
dem uppigen Mohren Rache zu uben, den ich im Verdacht habe, das er
meinem Weibe zu nah' gekommen seyn mochte; ein Gedanke, der mir wie
mineralisches Gift an meinem Inwendigen nagt, und mir keine Ruhe
lassen wird, bis ich quitt mit ihm bin, Weib um Weib: Oder wenn mir
auch das fehlschluge, so mus mir der Mohr wenigstens in eine so
starke Eifersucht gesezt werden, das die Vernunft selbst ihm nichts
dagegen helfen soll. Und wenn dieser arme Venetianische Brak, den
ich blos um seines guten Jagens willen liebe, unserm Michael Cassio
nur recht zu Leibe geht, so wollen wir ihn bald bey der Hufte
kriegen, und ihn dem Mohren auf eine Art empfehlen, die ihre
Wurkung thun soll; und der Mohr soll mir noch danken, und mich noch
dafur lieben und belohnen, das ich ihn fein sauber zu einem Esel
mache, und ihn aus dem stolzen Frieden seiner Seele bis zur
Tollheit herausbetruge. Das alles ligt hier--aber noch verworren;
Spizbuberey last ihr ganzes Gesicht nicht eher sehen, bis sie
vollbracht ist.
(Geht ab.)
Neunte Scene.
(Die Strasse.)
(Ein Herold tritt auf.)
Herold.
Es ist Othello's, unsers edeln und tapfern Ober-Befehlhabers, Wille
und Belieben, das auf die zuverlassig eingelauffene Nachricht von
dem ganzlichen Untergang der Turkischen Flotte, jedermann seine
Freude offentlich, durch Tanze, Freuden-Feuer, und alle die Spiele
und Lustbarkeiten, wozu einen jeden seine Neigung treiben mag, an
den Tag geben moge--Zumal, da noch uber diese glukliche Zeitung,
sein Vermahlungs-Fest ein Gegenstand der allgemeinen Freude ist.
Alle seine Vorraths-Kammern sind aufgeschlossen, und es ist jedem
erlaubt von dieser funften Stunde an, bis die Gloke eilfe
geschlagen haben wird, zu schmausen und sich zu erlustigen, wie es
ihm beliebt. Dieses sollte, nach seinem Befehl, durch offentlichen
Ausruf bekannt gemacht werden. Heil der Insel Cypern, und unserm
edeln General!
(Othello, Desdemona, Cassio, und Gefolge treten auf.)
Othello.
Mein lieber Cassio, seht diese Nacht zur Wache; wir wollen nicht
vergessen, in unsern Lustbarkeiten nie uber das Ziel der
Anstandigkeit und Massigung hinauszuschweiffen.
Cassio.
Jago hat schon Befehl auf die Nacht; ich will aber nichts
destoweniger selbst ein Aug' auf alles haben.
Othello.
Jago ist ein ehrlicher Mensch--Gute Nacht, Cassio. Morgen, so fruh
als euch gelegen ist, last mich eine Unterredung mit euch haben--
(Zu Desdemona.)
Komm, meine theure Liebe--Wenn der Kauf geschehen ist, so folgt die
Nuzniessung;--Gute Nacht.
(Othello und Desdemona gehen ab.)
(Jago zu Cassio.)
Cassio.
Willkommen Jago, wir mussen zur Wache.
Jago.
Izt noch nicht, Lieutenant, es ist noch nicht zehn Uhr. Unser
General hat uns seiner Desdemona zu lieb so fruh entlassen, und wir
konnen ihn nicht deswegen tadeln--es ist seine erste Nacht, und sie
ist ein Lekerbissen fur einen Jupiter.
Cassio.
Sie ist eine vortreffliche Dame.
Jago.
Und sie liebt das Spiel, ich stehe fur sie.
Cassio.
In der That, sie ist ein reizendes Geschopf.
Jago.
Was sie fur ein paar Augen hat! Es ist, als ob sie einen
auffordern--
Cassio.
Sehr anziehende Augen, und doch, wie mich daucht, vollkommen
sittsam.
Jago.
Und wenn sie redt, ist nicht der blosse Ton ihrer Stimme ein Signal
zur Liebe?
Cassio.
Sie ist, in der That, die Vollkommenheit selbst.
Jago.
Gut, viel Gluks zu ihrer Hochzeit-Nacht! Kommt, Lieutenant, ich
habe eine Flasche Wein, und es sind ein paar brave junge Cyprier
draussen, die gerne eins auf Othello's Gesundheit mit uns trinken
mochten.
Cassio.
Diese Nacht kan's nicht seyn, Jago; ich habe ein armes unglukliches
Gehirn zum Trinken. Ich mochte wol wunschen, das man eine andre
Manier, einander seinen guten Willen zu bezeugen, erfinden mochte
als Gesundheittrinken.
Jago.
Oh, es sind gute Freunde; nur ein Glaschen; ich will fur euch
trinken.
Cassio.
Ich habe diesen Abend nicht mehr als einen Bechervoll getrunken,
der noch dazu mit Wasser gemischt war, und ihr seht, was fur
Veranderungen er schon hier gemacht. Es ist ein Ungluk fur mich,
das ich so wenig ertragen kan, aber ich darf es nicht wagen, mehr
zu thun.
Jago.
Wie, Mann? Die heutige Nacht ist dazu bestimmt, das man sich
lustig mache, und die jungen Herren wurden sich durch unsre
Weigerung beleidigt finden.
Cassio.
Wo sind sie?
Jago.
Hier, vor der Thur; ich bitte euch, ruft sie herein.
(Cassio geht ab.)
Jago (allein.)
Wenn ich ihm, uber das was er schon getrunken hat, nur noch einen
Becher voll beybringen kan, so wird er so handelsuchtig seyn, und
sich so unnuz machen wie meiner jungen Fraulein Hund--Nun hat mein
ehrlicher Rodrigo, dem die Liebe nun vollends die unrechte Seite
herausgekehrt hat, diese Nacht auch manchen Stuzer auf Desdemonens
Gesundheit ausgeleert, und izt wird er mit auf die Wache ziehen.
Drey junge Cyprier, frische rustige Bursche, die Herz und Ehre
haben, hab ich gleichfalls mit vollen Bechern zugedekt, und sie
sind auch von der Wache. Unter dieser Schaar von Betrunknen kan es
mir also nicht schwer fallen, unsern Cassio zu einem Exces zu
bringen, wodurch er diese Insulaner vor die Kopfe stost--Aber da
kommen sie ja schon. Wenn der Erfolg meinem Entwurf antwortet, so
segelt mein Boot mit Wind und Fluth davon.
Zehnte Scene.
(Cassio, Montano, und drey junge Cyprier.)
Cassio.
Beym Himmel, sie haben mir schon einen Tips angehangt.
Montano.
Einen sehr kleinen, in der That: ihr habt nicht uber eine Maas
getrunken, so wahr ich ein Soldat bin.
Jago.
Wein her, Wein her! (er fangt an zu singen)
he! Wein her, ihr Jungens!
Cassio.
Beym Himmel, das war ein hubsches Lied.
Jago.
Das lernt ich in England, wo sie, in der That, machtige Zecher sind.
Euer Dahne, euer Deutscher, euer schmerbauchichter Hollander--he!
zu trinken! sind nichts gegen meinen Englander.
Cassio.
So ist euer Englander ein so grosser Trinker?
Jago.
Ob er's ist? Ich sag euch, er trinkt euch eure Danen zu Boden,
ohne das ihr's ihm anseht. Er braucht nicht zu schwizen, um uber
euern Deutschen Meister zu werden; und euern Hollander bringt er
zum Speyen, eh die nachste Flasche gefullt werden kan.
Cassio.
Auf die Gesundheit unsers Generals!
Montano.
Da bin ich auch dabey, Lieutenant, ich will euch Bescheid thun.
Jago.
O das liebe England!
(Konig Stephan war ein braver Pair etc.)
(Er singt.)
Mehr Wein her, he!
Cassio.
Ha, das Lied ist noch schoner als das vorige.
Jago.
Wollt ihr's noch einmal horen?
Cassio.
Nein, wahrhaftig, und hielte den fur einen Mann der seines Plazes
nicht wurdig ware, der solche Dinge thun wollte--Gut--Der Himmel
ist uber uns alle; und es ist nun schon einmal so, das die einen
selig werden, und die andern nicht selig werden.
Jago.
Das ist wahr, Herr Lieutenant.
Cassio.
Was mich betrift, (ohne unserm General, oder sonst einem Mann von
Stande zu nah zu treten,) so hoff' ich, selig zu werden.
Jago.
Und ich auch, Lieutenant.
Cassio.
Schon gut, aber, mit eurer Erlaubnis, nicht vor mir. Der
Lieutenant mus vor dem Fahndrich selig werden. Sagt mir nichts
mehr hievon!--Wir wollen von unsern Geschaften reden--Vergieb uns
unsre Schulden!--Meine Herren, wir wollen zu unsern Geschaften
sehen. Bildet euch nicht ein, ihr Herren, das ich betrunken sey:
Das ist mein Fahndrich; das ist meine rechte Hand, und das ist
meine linke. Ich bin noch nicht betrunken, ich kan noch ziemlich
aufrecht stehen, und ich rede noch gut genug.
Alle.
Vortreflich gut.
Cassio.
Nun, recht gut also; so must ihr also nicht denken, das ich
betrunken sey.
(Er geht ab.)
Eilfte Scene.
Montano.
Auf die Platte-Forme, meine Herren; kommt, wir wollen die Wache
besezen.
Jago.
Ihr seht diesen Burschen, der voraus gegangen ist; er ist ein guter
Soldat, werth zunachst an Casarn zu stehen, und unter ihm Befehle
zu geben. Aber ihr seht auch sein Laster;--es ist schade fur ihn--
er hat Stunden, wo dieses einzige Gebrechen alle seine Tugenden
unbrauchbar macht--ich furchte nur, das Vertrauen, das Othello in
den Mann sezt, mag in irgend einem solchen ungluklichen Augenblik
das Verderben dieser Insel seyn.
Montano.
Ist er denn oft so?
Jago.
Es ist jedesmal der Prologus zu seinem Schlaf. Er wurde euch
zweymal vier und zwanzig Stunden an einem Weg wachen, wenn Bacchus
seine Wiege nicht ruttelte.
Montano.
Es ware gut, wenn dem General eine Vorstellung hieruber gemacht
wurde; vielleicht weis er's nicht; oder sein gutes Gemuth ist von
den Verdiensten, die an Cassio in die Augen leuchten, so
eingenommen, das er ihm seine Untugenden ubersieht; ist's nicht so?
(Rodrigo zu den Vorigen.)
Jago.
Was macht ihr hier, Rodrigo? Ich bitte euch, seht wo der
Lieutenant ist, geht.
(Rodrigo geht ab.)
Montano.
Und es ist in der That recht zu bedauren, das der Mohr einen so
wichtigen Plaz, die Vertretung seiner eignen Person, einem Mann
anvertrauen soll, der mit einem so eingewurzelten Gebrechen
behaftet ist; es ware die That eines ehrlichen Mannes, wenn man dem
Mohren das sagen wurde.
Jago.
Der mocht' ich nicht seyn, und wenn ich diese ganze Insel damit zu
gewinnen wuste; ich liebe den Cassio, und wollte alles in der Welt
thun, ihn von diesem Uebel zu heilen. Horcht, was fur ein Lerm ist
das?
(Man schreyt hinter der Scene: Helft, helft!)
(Cassio verfolgt den Rodrigo auf den Schau-Plaz.)
Cassio.
Du Raker! du Lumpenhund!
Montano.
Was habt ihr, Lieutenant?
Cassio.
Ein Schurke soll mich meine Schuldigkeit lehren! Ich will den
Schurken in eine Kurbis-Flasche hineinprugeln.
Rodrigo.
Mich prugeln--
Cassio.
Ruppelst du dich noch, Lumpenkerl?
Montano (der ihn zurukhalt.)
Haltet ein, guter Lieutenant; ich bitte euch, mein Herr, haltet ein.
Cassio.
Last mich gehen, Herr, oder ihr kriegt eins auf die Ohren.
Montano.
Kommt, kommt, ihr seyd ein betrunkener Mann.
Cassio.
Betrunken?--
(Er zieht den Degen gegen Montano, welcher sich zur Wehr sezt.)
Jago (zu Rodrigo leise.)
Weg, sag ich, hinaus, und schlagt Lermen.
(Rodrigo geht.)
Nein, guter Lieutenant--Ums Himmels willen, meine Herren--Helft!
he!--Lieutenant--meine Herren--Montano--helft, ihr Herren! das ist
mir eine feine Wache, in der That!--Nu ja, wer hat den Einfall gar
die Sturmgloke zu lauten?--Zum Teufel, halt! die ganze Stadt wird
in Bewegung kommen. Fy, fy, Lieutenant! halt, sag ich! Ihr
verliehrt eure Ehre auf eine unwiederbringliche Art.
Zwolfte Scene.
(Othello, mit seinem Gefolge zu den Vorigen.)
Othello.
Was giebt es hier?
Montano.
Ich blute stark, ich bin verwundet, doch nicht todtlich.
Othello.
Halt, so lieb euch euer Leben ist.
Jago.
Halt, he, Lieutenant--Herr--Montano--meine Herren--Habt ihr denn
allen Verstand verlohren? Wist ihr nicht mehr, wer, und vor wem
ihr seyd? Der General redt mit euch--Halt, sag ich--schamt euch
doch wenigstens, und haltet ein--
Othello.
Wie, was soll das seyn, he! Wer ist der Urheber von diesem Unfug?
Sind wir zu Turken geworden? Und thun uns selbst was der Himmel
den Ottomannen verboten hat? Aus Schaam wenigstens vor diesen
Unglaubigen, macht diesem barbarischen Gefecht ein Ende; der erste
von euch, der sich noch ruhrt, ist auf der Stelle des Todes! Heist
diese Gloke schweigen, sie schrekt diese Insel aus ihrer Ruhe auf.
Was war denn der Anlas zu diesem Handel? Ehrlicher Jago, dein
blasses Gesicht sagt mir, das du bekummert bist--Sprich, wer machte
den Anfang? Sage die Wahrheit, so lieb ich dir bin!
Jago.
Ich weis es nicht; wir waren alle gute Freunde, nur eben, nur noch
vor einem Augenblik auf der Hauptwache beisammen, so freundlich wie
Braut und Brautigam, wenn sie zu Bette gehen wollen--und dann, in
einem Augenblik (nicht anders als ob irgend ein aufgehender Planet
den Leuten die Vernunft genommen hatte) sind sie mit ihren Degen
heraus, und gehen einander auf Leib und Leben. Ich kan nicht sagen,
was der Anlas zu diesem unsinnigen Zwist war; aber ich wollte, ich
hatte in irgend einer ruhmlichen Action diese Beine verlohren, die
mich zu einem Theil davon gefuhrt haben.
Othello.
Wie kommt es, Cassio, das ihr euch so vergessen habt?
Cassio.
Ich bitte euch, entschuldigt mich, ich kan nicht reden.
Othello.
Wurdiger Montano, ihr seyd sonst ein gesitteter Mann: die Welt legt
euch den Charakter eines gesezten und sittsamen Junglings bey, und
die Weisesten sprechen euern Namen mit Hochachtung aus. Was fur
ein Anlas konnte euch dahin bringen, euern Ruhm so leichtsinnig zu
verschleudern, und die gute Meynung der Welt um den Namen eines
Nacht-Schwarmers hinzugeben? Antwortet mir auf das!
Montano.
Wurdiger Othello, ich bin gefahrlich verwundet: Euer Officier, Jago,
kan mir eine Muhe ersparen, die mir izt einige Ungelegenheit
verursachen wurde; er weis alles, was ich euch sagen konnte; und
ich wiste auch nicht was ich diese Nacht uber Unrechtes gesagt oder
gethan hatte, es ware denn, das Selbstvertheidigung, wenn wir
gewaltsam angefallen werden, eine Sunde seyn sollte.
Othello.
Nun, beym Himmel, mein Blut fangt an uber meine Vernunft Meister zu
werden--Reizt mich nicht, sag ich euch, oder wenn ich nur diesen
Arm hebe, so soll der Beste von euch unter meinem Zorn zu Boden
sinken. Last mich wissen, wie dieser schandliche Tumult sich anhub;
wer der Anfanger war; und derjenige, welcher schuldig befunden
wird, hat einen Freund an mir verlohren, und wenn er mein Zwillings-
Bruder ware--Wie? in einer mit Krieg bedrauten Stadt, deren
Einwohner noch mit Schreken angefullt sind, sich von der Furcht
eines feindlichen Ueberfalls noch nicht erholt haben, um Privat-
Handeln willen einen Lerm anfangen? Und das bey Nacht, und auf der
Hauptwache, die der Schirm der allgemeinen Sicherheit seyn soll?
Es ist etwas ungeheures! Rede, Jago, wer war der Anfanger?
Montano.
Wenn du aus Partheylichkeit, Freundschaft oder vermeynter Pflicht
mehr oder weniger sagst als wahr ist, so bist du kein Soldat.
Jago.
Ruhret mich an keinem so empfindlichen Theil an: Ich wollte mir
lieber diese Zunge aus dem Mund reissen lassen, als das ich meinem
Freund Cassio zum Schaden reden wollte: jedoch hoff' ich es konne
ihm keinen Schaden thun, wenn ich die Wahrheit sage. So verhalt
sich die Sache, General: Montano und ich waren in einem Gesprach
begriffen, als ein Bursche hereinzulauffen kam, der aus vollem Hals
um Hulfe schrie, und Cassio mit blossem Degen hinter ihm her,
vermuthlich um ihn abzustraffen. Hieruber gieng dieser Herr auf
den Cassio zu, und bat ihn sich zufrieden zu geben, ich selbst aber
lief dem schreienden Kerl nach, aus Furcht, sein Geschrey mochte
(wie es auch wurklich begegnet ist,) die Stadt in Unruh sezen;
allein, da er schneller auf den Beinen war, so verlohr' ich ihn
gleich aus dem Gesicht, kehrte also wieder zuruk, um so mehr als
ich das Klingeln und Fallen von blossen Degen und den Cassio
gewaltig fluchen horte, welches ich vor dieser Nacht niemals hatte
von ihm sagen konnen. Wie ich nun zuruk kam, so fand ich sie im
hizigsten Gefecht begriffen, kurz, in den nemlichen Umstanden,
worinn ihr selbst sie auseinander gebracht habt. Mehr kan ich von
diesem Handel nicht sagen. Aber Menschen sind Menschen; die besten
vergessen sich zuweilen; und wenn ihm auch Cassio ein wenig zuviel
gethan hat, wie denn Leute in der Wuth oft ihre liebsten Freunde
schlagen, so glaub ich doch gewis, das Cassio von dem Burschen, der
entlaufen ist, irgend eine grobe Beleidigung, die nicht zu dulden
war, empfangen haben mus.
Othello.
Ich sehe, Jago, das dein gutes Gemuth und deine Liebe zu Cassio
seine Schuld zu verkleinern sucht. Cassio, ich liebe dich, aber du
bist mein Officier nicht mehr--(Desdemona, mit Gefolge, zu den
Vorigen.) Seht, ist nicht meine liebste Desdemona aufgestanden--ich
will dich zu einem Exempel machen.
Desdemona.
Was ist hier zu thun?
Othello.
Es ist alles in seiner Ordnung. Komm zu Bette, meine Liebe--Mein
Herr, ich will selbst der Arzt fur eure Wunden seyn--Fuhrt ihn nach
Hause. Jago, las dir die Beruhigung der Stadt angelegen seyn--Komm,
Desdemona; es ist einer von den Zufallen des Soldaten-Lebens, oft
vom sussesten Schlummer durch kriegrisches Getummel aufgewekt zu
werden.
(Sie gehen ab.)
Dreyzehnte Scene.
(Jago und Cassio bleiben.)
Jago.
Wie, seyd ihr verwundet, Lieutenant?
Cassio.
So, das mir alle Wundarzte der Welt nicht helfen konnen.
Jago.
Das verhute der Himmel!
Cassio.
O Guter Name! Guter Name! Ich habe meinen guten Namen verlohren;
ich habe mein unsterbliches Theil verlohren, was mir ubrig
geblieben, ist ein blosses Thier. Meinen guten Namen, Jago, meinen
guten Namen!--
Jago.
So wahr ich ein Bidermann bin, ich dachte, ihr hattet irgend eine
tieffe Wunde in den Leib bekommen; das hatte mehr zu bedeuten als
ein guter Name--Diese Schimare, die so oft ohne Verdienste gewonnen,
und ohne Verschuldung verlohren wird. Ihr habt nichts verlohren,
als in so fern ihr euch einbildet, das ihr was verlohren habt. Wie,
Mann--man kan Mittel finden, den General wieder zu gewinnen. Ihr
seyd nur noch mundlich cassiert, eine Straffe, worinn mehr Politik
als boser Willen ist; gerade so, als wenn einer seinen unschuldigen
Hund schluge, um einen ubermuthigen Lowen zu erschreken. Gebt ihm
gute Worte, so ist er wieder euer.
Cassio.
Ich wollte lieber selbst um meine Verwerfung bitten, als einen so
rechtschaffnen General mit einem so schlechten, so versoffenen, so
unbedachtsamen Officier betrugen. Besoffen? und plappern wie ein
Papagay? und Handel anfangen? grospralen? fluchen? und dummes
Zeug mit seinem eignen Schatten reden? O du unbandiger Geist des
Weins, wenn du noch keinen Namen hast, woran man dich kennen kan,
so las dich Teufel heissen.
Jago.
Wer war der Kerl, den ihr mit dem Degen verfolgtet? was hatte er
euch gethan?
Cassio.
Das weis ich nicht.
Jago.
Ists moglich?
Cassio.
Ich erinnere mich eines verworrenen Klumpens von Sachen, aber
nichts deutlich: Eines Handels, aber nicht warum. O das ein Mann
einen Feind zu seinem Mund einlassen soll, damit er ihm seine
Vernunft wegstehlen konne! das wir fahig sind, mit lauter Freude,
Lust, Scherz und Wohlleben uns in Bestien zu verwandeln!
Jago.
Nun, gebt euch zufrieden, ihr seyd wieder ganz wohl: Wie habt ihr
euch sobald wieder erholt?
Cassio.
Der Teufel der Trunkenheit hat dem Teufel des Zorns Plaz gemacht;
eine Unvollkommenheit zeigt mir eine andre--o wie herzlich veracht'
ich mich selber!
Jago.
Kommt, ihr seyd ein allzustrenger Moralist. In Betrachtung der
Zeit, des Orts und der gegenwartigen Umstande dieses Lands mocht'
ich selbst von Herzen wunschen, es ware nicht begegnet; aber da es
nun einmal so ist wie es ist, so ergebt euch darein, und denkt
darauf, wie ihr's wieder gut machen wollt.
Cassio.
Gesezt, ich geh, und bitt' ihn wieder um meine Stelle, so wird er
mir sagen, ich sey ein Trunkenbold--Hatte ich so viele Mauler als
die Hydra, eine solche Antwort wurde sie mir alle stopfen. Izt ein
vernunftiger Mensch seyn, bald darauf ein Narr, und dann plozlich
gar ein Vieh--Ein jedes Glas das man zuviel trinkt ist verflucht,
und das Ingrediens davon ist ein Teufel.
Jago.
Kommt, kommt, guter Wein ist ein guter (Spiritus familiaris,) wenn
man mit ihm umzugehen weis: Keine Declamationen mehr dagegen!--Mein
lieber Lieutenant, ich hoffe doch, ihr glaubt, das ich euer Freund
bin.
Cassio.
Ihr habt mir Proben davon gegeben, mein Herr--Ich, betrunken!--
Jago.
Das ist etwas, das euch und einem jeden andern ehrlichen Mann in
der Welt einmal begegnen kan--Ich will euch sagen, was ihr thun
solltet. Unsers Generals Frau ist izt der General. Ich kan mich
dieses Ausdruks bedienen, weil er sich ganz und gar der Beschauung,
Betrachtung und Beherzigung ihrer Vollkommenheiten und Schonheiten
gewiedmet und uberlassen zu haben scheint. Macht ihr ein
freymuthiges Gestandnis euers Fehlers, und last nicht ab, bis sie
euch verspricht euch wieder zu euerm Plaz zu helfen. Sie ist von
einer so grosmuthigen, so gutigen, so menschenfreundlichen Gemuths-
Art, das sie es fur einen Mangel an Gute hielte, nicht noch mehr zu
thun als man von ihr begehrt. Bittet sie, dieses zerbrochne Band
zwischen euch und ihrem Manne wieder zusammen zu lothen--und ich
will alles was ich habe gegen eine Steknadel sezen, eure
Freundschaft wird starker werden als sie je gewesen ist.
Cassio.
Euer Rath ist gut.
Jago.
Er ist wenigstens gut gemeynt, und kommt aus einem aufrichtigen und
freundschaftlichen Herzen.
Cassio.
Davon bin ich uberzeuget; ich will es nicht langer als bis morgen
fruh anstehen lassen, die tugendhafte Desdemona um ihr Vorwort zu
bitten; ich bin ganzlich verlohren, wenn ich auf eine so
schimpfliche Art von hier gejagt werde.
Jago.
Ihr habt recht; gute Nacht, Lieutenant; ich mus zur Wache sehen.
Cassio.
Gute Nacht, redlicher Jago--
(Er geht ab.)
Vierzehnte Scene.
Jago (allein.)
Und wo ist nun der, welcher sagen kan, ich spiele die Rolle eines
Spizbuben? Da der Rath, den ich ihm gebe, gut, ehrlich, von dem
wahrscheinlichsten Erfolg, ja in der That der gerade Weg ist, den
Mohren wieder zu gewinnen. Denn es ist etwas sehr leichtes die
gutherzige Desdemona zu bewegen, das sie irgend eine erlaubte Bitte
begunstige; sie ist von einer so uberfliessend-wohlthatigen Natur
wie die alles umfassenden Elemente. Und dann ist fur sie wiederum
nichts leichters als den Mohren zu gewinnen, war' es auch seinem
Taufbund zu entsagen, so ganzlich ist seine Seele in ihrer Liebe
verstrikt; sie kan mit ihm anfangen was sie will, machen, wieder
vernichten, wie es ihrem Eigensinn nur belieben mag, den Gott mit
seiner Schwache zu spielen. Bin ich denn also ein Spizbube, dem
Cassio einen Weg zu rathen, der ihn so gerade zu seinem Besten
fuhrt? Beym Abgott der Holle! wenn Teufel ihre schwarzeste Sunden
ausuben wollen, so tauschen sie uns zuvor in himmlischen Gestalten--
So mach' ichs wurklich auch. Denn indes das dieser ehrliche Thor
sich Desdemonen zu Fussen wirft, um sein Gluk wieder herzustellen,
und sie alle ihre Macht uber den Mohren zu Cassio's Vortheil
anwendet; ich will ihm den giftigen Argwohn in die Ohren blasen,
das sie ihn nur zu Bussung ihrer Lust so gerne bey sich zu behalten
wunsche; und je eyfriger sie sich bemuhen wird, ihm Gutes zu thun,
je mehr wird sie ihren Credit in den Augen des Mohren verliehren.
So will ich ihre Tugend in Pech verwandeln, und aus ihrer Gute
selbst ein Nez machen, worinn sie alle gefangen werden sollen. Wo
kommt ihr her, Rodrigo?
Funfzehnte Scene.
(Rodrigo zu Jago.)
Rodrigo.
Ich lauffe hier mit der Jagd, nicht wie ein Hund der jagt, sondern
nur, wie einer der schreyen hilft. Mein Geld ist beynah
aufgebraucht; heute Nachts bin ich ganz unvergleichlich abgeprugelt
worden; und ich denke, das Ende vom Liede wird seyn, das ich so
viel Erfahrung fur meine Muhe habe; und so werd' ich mit einem
leeren Beutel und einem Bischen mehr Wiz wieder nach Venedig zuruk
kehren--
Jago.
Was fur elende Leute sind doch die, so keine Geduld haben konnen!
Wenn heilt jemals eine Wunde anderst als nach und nach--Du weisst
doch, das wir nicht zaubern konnen, sondern das alles was wir thun,
naturlich zugehen mus; und die Natur will ihre Zeit haben. Wo
fehlt es dann, last sehen? Cassio hat dich geprugelt, und du hast
fur ein paar arme Schlage diesen Cassio cassiert--Was reiff werden
soll, mus erst bluhen. Gedulde dich noch ein wenig: Es ist
wurklich schon Tag. Vergnugen und Arbeit machen, das uns die
Stunden kurz scheinen. Entfern' dich; geh, wohin du angewiesen
bist; geh, sag ich--du sollst bald mehr von mir horen--Nun, so geh
doch--
(Rodrigo geht.)
Nun sind zwey Dinge zu thun; mein Weib mus fur den Cassio zur
Desdemonen gehen, und das will ich bald veranstaltet haben; ich mus
indes den Mohren auf die Seite nehmen, und ihn nicht eher wieder
erscheinen lassen, als gerade wenn er den Cassio bey seiner Frauen
uberraschen kan--ja, so mus es gehen--und das Eisen soll
geschmiedet werden, weil es noch warm ist.
(Er geht ab.)
Dritter Aufzug.
Erste Scene.
(Vor Othello's Pallast.)
(Cassio, mit Musicanten, tritt auf.)
Cassio.
Meine Herren, hier spielt eins, (ich will eure Muhe vergelten,)
etwas das nicht zu lange wahrt, und dann wunscht dem General einen
guten Morgen.
(Die Musik fangt an; Hans Wurst kommt aus dem Hause heraus.)
Hans Wurst.
Wie, ihr Herren, sind eure Instrumente in Neapel gewesen, das sie
so durch die Nase reden?--Hier ist Geld fur euch; eure Musik
gefallt dem General so wol, das er wunscht, ihr mochtet ihm den
Gefallen thun, und nicht gar zu laut damit seyn.
Musicant.
Gut, Herr, wir wollen's leiser machen.
Hans Wurst.
Wenn ihr eine Musik habt, die man nicht hort, so macht immer fort:
Aber was man heist, Musik zu horen, davon ist der General kein
sonderlicher Liebhaber.
Musicant.
Eine Musik, die man nicht hort?--Wir konnen eine solche, Herr.
Hans Wurst.
So stekt eure Pfeiffen wieder in euern Sak, und zieht ab. Geht,
zerfliest in Luft, fort.
(Die Musicanten gehen ab.)
Cassio.
Horst du, guter Freund?
Hans Wurst.
Mit beyden Ohren.
Cassio.
Hier ist ein kleines Goldstuk fur dich; wenn die Kammer-Frau der
Generalin auf ist, so sag' ihr, es sey ein gewisser Cassio da, der
sich die Erlaubnis ausbitte, ein paar Worte mit ihr zu reden.
Willt du?
Hans Wurst.
Sie ist auf, Herr; wenn sie mir in den Wurf kommt, so will ich
nicht ermangeln, es ihr zu notificieren.
(Er geht.)
Cassio.
Thu das, guter Freund--Da kommt Jago eben recht.
Jago. (zu ihm.)
Ihr seyd also nicht zu Bette gegangen?
Cassio.
Nein, gewis nicht; der Tag brach ja schon an, eh wir schieden. Ich
bin so frey gewesen, und habe eure Frau hieher bitten lassen; ich
will sie ersuchen, sie mochte mir Zutritt bey Desdemona verschaffen.
Jago.
Ich will sie augenbliklich hieher schiken, und indes ein Mittel
ausfindig machen, um den Mohren auf die Seite zu bringen, damit ihr
ungehindert mit Desdemonen sprechen konnt.
(Er geht ab.)
Cassio.
Ich dank euch gehorsamst davor--In meinem Leben hab' ich keinen
gutherzigern und ehrlichern Florentiner gesehen! (Aemilia zu
Cassio.)
Aemilia.
Guten Morgen, Herr Lieutenant. Es ist mir leid, das ihr Verdrus
gehabt habt; aber ich hoffe, es wird alles wieder gut werden. Der
General und seine Gemahlin reden mit einander davon, und sie nimmt
eure Parthey sehr lebhaft. Der Mohr halt ihr entgegen, derjenige,
den ihr verwundet hattet, sey ein Mann von grossem Namen in Cypern,
und von einer ansehnlichen Familie; er konne aus politischen
Ursachen nicht anders, als euch von sich entfernen. Jedoch
versichert er zu gleicher Zeit, er liebe euch, und habe keine andre
Furbitter nothig, um euch wieder bey ihm in Gunst zu sezen, als
seine eigne Zuneigung.
Cassio.
Ich bitte euch dem ungeachtet, wenn ihr anders glaubt das es
schiklich sey, und wenn es sich thun last, mir Gelegenheit zu
verschaffen, das ich ein paar Worte mit Desdemonen allein sprechen
konnte.
Aemilia.
Ich bitte euch, kommt herein; ich will euch an einen Ort fuhren, wo
ihr Gelegenheit haben sollt, ihr alles zu sagen was ihr auf dem
Herzen habt.
Cassio.
Ich bin euch sehr dafur verbunden.
(Sie gehen ab.)
Zweyte Scene.
(Othello, Jago, und etliche Cyprische Edelleute.)
Othello.
Diese Briefe, Jago, gieb dem Schiffs-Patron, und bitte ihn, dem
Senat meine Schuldigkeit zu bezeugen. Ich will indessen einen Gang
in die Vestungs-Werker thun, mache, das du dort wieder zu mir
kommst.
Jago.
Ich werde nicht ermangeln, gnadiger Herr.
Othello.
Wollen wir gehen, meine Herren, und die Vestung besehen?
Edelleute.
Wir werden die Ehre haben, Eu. Gnaden zu begleiten.
(Sie gehen ab.)
Dritte Scene.
(Verwandelt sich in das Zimmer im Pallast.)
(Desdemona, Cassio, und Aemilia.)
Desdemona.
Sey versichert, mein guter Cassio, ich will alle meine Vermogenheit
zu deinem Besten anwenden.
Aemilia.
Thut es, liebste Madam; ich weis, es bekummert meinen Mann, als ob
es seine eigne Sache ware.
Desdemona.
Ich glaub' es, er ist ein guter Mensch; zweifelt nicht, Cassio, ich
will meinen Herrn und euch wieder zu so guten Freunden machen, als
ihr gewesen seyd.
Cassio.
Meine grosmuthigste Gebieterin, was auch aus Cassio werden mag, so
wird er nie was anders als euer getreuer Diener seyn.
Desdemona.
Ich weis es; ich danke euch; ihr liebet meinen Gemahl; ihr kennt
ihn schon lange; und seyd vollkommen versichert, er wird in dieser
Entfernung von euch nicht weiter gehen, als er durch politische
Ursachen sich genothigt sehen wird.
Cassio.
Sehr wohl, Gnadige Frau; aber diese politische Freundschaft kan so
lange wahren, und indes mit einer so leichten und wasrichten
Nahrung unterhalten werden, das, indem ich abwesend bin, und ein
andrer meine Stelle inne hat, mein General meiner Ergebenheit und
meiner Dienste endlich ganzlich vergessen wird.
Desdemona.
Macht euch keine solche Gedanken; hier in Aemiliens Gegenwart
verburg' ich mich selbst fur deine Stelle. Versichre dich, wenn
ich meine Freundschaft verspreche, so darf man sich darauf
verlassen, das ich ihre Pflichten bis auf den aussersten Punkt
erfullen werde. Mein Gemahl soll keine Ruhe haben, bis er sich
ergeben wird; er soll Tag und Nacht nichts anders horen, ich will
ihn bis in sein Bette damit verfolgen, und er soll nichts sagen
noch thun konnen, wovon ich nicht den Anlas nehme, ihn an Cassio's
Gesuch zu erinnern; sey also ruhig, Cassio; deine Sachwalterin soll
eher das Leben lassen, ehe sie deine Sache aufgeben soll.
Vierte Scene.
(Othello und Jago treten von der Seite, in einiger Entfernung auf.)
Aemilia.
Gnadige Frau, dort kommt euer Gemahl.
Cassio.
So will ich meinen Abschied nehmen, Gnadige Frau.
Desdemona.
Warum dann? Bleibt da, und hort mich reden.
Cassio.
Izt nicht, Gnadige Frau; ich bin so ubel aufgeraumt, das ich meiner
Sache keinen guten Schwung geben wurde.
(Cassio geht ab.)
Desdemona.
Gut, nach euerm Belieben.
Jago (leise.)
Ha! Das gefallt mir nicht zum Besten--
Othello (zu Jago.)
Was sagst du?
Jago.
Nichts, Gnadiger Herr; oder wenn--ich weis selbst nicht was.
Othello.
Gieng nicht diesen Augenblick Cassio von meiner Frauen weg?
Jago.
Cassio, Gnadiger Herr?--Nein, versichert, ich kan mir nicht
vorstellen, das er sich, sobald er euch kommen sieht, so eilfertig
davon schleichen wurde, als ob er kein gutes Gewissen hatte.
Othello.
Ich glaube nicht anders als er war's.
Desdemona.
Wie steht's, mein Gemahl? Ich sprach eben izt mit einem
Supplicanten, einem Mann, den eure Ungnade sehr ungluklich macht.
Othello.
Und wer ist dieser Mann?
Desdemona.
Wer sollt es seyn als euer Lieutenant, Cassio? Liebster Gemahl,
wenn ich nur das mindeste Vermogen uber euer Herz habe, so sohnt
euch auf der Stelle wieder mit ihm aus. Wenn er nicht ein Mann ist,
der euch aufrichtig liebt, und der aus blosser Uebereilung und
nicht mit Vorsaz gefehlt hat, so versteh ich nichts davon was ein
ehrliches Gesicht ist.
Othello.
War er's, der nur eben weggieng?
Desdemona.
Und so niedergeschlagen, das er meinem mitleidigen Herzen einen
Theil seines Kummers zurukgelassen hat. Ich bitte euch, mein Schaz,
last ihn zurukruffen.
Othello.
Noch nicht, liebste Desdemona, ein andermal.
Desdemona.
Aber doch bald?
Othello.
Bald genug, mein Herz, fur dich.
Desdemona.
Heute, Abends, zum Nacht-Essen?
Othello.
Das nicht.
Desdemona.
Also doch morgen auf den Mittag?
Othello.
Ich esse morgen mit einigen Officiers in der Citadelle zu Mittag.
Desdemona.
Nun, also doch Morgen Nachts, oder Dienstag Morgens oder Nachts,
oder Mittwoch Morgens, ich bitte dich, bestimme die Zeit; aber las
es nicht langer als drey Tage seyn; bey meiner Treue, er ist
busfertig; und doch ist sein Verbrechen, nach der gemeinen Art
davon zu urtheilen und bey Seite gesezt, das in Kriegszeiten von
einem Officier das beste Exempel gefordert wird, eine kleine
Uebereilung, die kaum einen Privat-Verweis verdient--Wenn soll er
kommen? Sag mir's, Othello! Mich nimmt in der Seele Wunder, was
ihr mich bitten konntet, das ich euch abschlagen wurde, oder wobey
ich so verdrieslich dastuhnde! Wie? Michael Cassio!--Der eurer
Liebe zu mir so gute Dienste leistete; der so oft, wenn ich nicht
sehr vortheilhaft von euch sprach, eure Parthey nahm--und ich soll
soviel Muhe haben, ihn wieder bey euch in Gunst zu sezen? Glaubt
mir auf mein Wort, ich wollte wohl mehr--
Othello.
Ich bitte dich, las es genug seyn; er kan kommen, wenn er will; ich
will dir nichts abschlagen.
Desdemona.
Wie, das ist keine Gefalligkeit, die ich fur mich bitte; es ist als
ob ich euch bitte eure Kleider zu tragen oder von einer gesunden
Speise zu essen, oder euch warm zu halten; kurz, als ob ich bey
euch darum anhielte, das ihr euch selbst etwas zu gut thun mochtet.
Nein, wenn ich eine Bitte habe, wodurch ich eure Liebe in der That
auf die Probe zu stellen gedenke, so soll es etwas schweres und
grosses seyn, etwas das Herz erfordert, um bewilliget zu werden.
Othello.
Ich werde dir nichts abschlagen, und alles was ich mir dagegen von
dir ausbitte, ist, das du mich izt ein wenig allein lassen wollest.
Desdemona.
Sollt' ich euch's abschlagen? Nein; lebt wohl, mein Gemahl.
Othello.
Lebe wohl, meine Desdemona, ich will gleich folgen.
Desdemona.
Aemilia, komm; seyd wie es euch eure Laune eingiebt, ihr mogt seyn
wie ihr wollt, so bin ich gehorsam.
(Sie gehen ab.)
Funfte Scene.
(Othello und Jago bleiben.)
Othello.
Anmuthsvolle Spizbubin!--Verderben erhasche meine Seele, wenn ich
dich nicht liebe--und wenn ich dich nicht mehr liebe, so ist die
Welt wieder zum Chaos worden.
Jago.
Mein Gebietender Herr--
Othello.
Was willt du sagen, Jago?
Jago.
Wie ihr euch um eure Gemahlin bewarbet, wuste Michael Cassio etwas
von eurer Liebe?
Othello.
Allerdings, vom Anfang bis zum Ende: Warum fragst du?
Jago.
Blos zu meiner eignen Befriedigung; es hat gar nichts boses zu
bedeuten.
Othello.
Warum zu deiner eignen Befriedigung?
Jago.
Ich glaubte nicht, das er etwas davon gewust habe.
Othello.
Oh, ja, das hat er, und er war oft die Mittels-Person zwischen uns
beyden.
Jago.
In der That!
Othello.
In der That? Ja, in der That! Siehst du was hierinn? Ist er
nicht ein rechtschaffner Mann?
Jago.
Rechtschaffen, Gnadiger Herr?
Othello.
Rechtschaffen? Ja, rechtschaffen!
Jago.
Gnadiger Herr, so viel ich weis.
Othello.
Was denkst du?
Jago.
Denken, Gnadiger Herr!
Othello.
Denken, Gnadiger Herr!--Wie, beym Himmel! Was meynst du damit, das
du mir immer nachhallest, gleich als ob irgend ein Ungeheuer, zu
graslich um gezeigt zu werden, in deinen Gedanken verborgen lage?
Du meynst etwas damit; vor einer kleinen Weile hort' ich dich sagen,
(das gefalle dir nicht)--wie Cassio von meinem Weibe weggieng.
Was gefiel dir nicht?--Und wie ich dir sagte, er sey wahrend dem
ganzen Lauf meiner Bewerbung um Desdemona mein Vertrauter gewesen,
riefst du, (in der That?) und zogst deine Augbraunen auf eine Art
zusammen, als ob du in selbem Augenblik irgend einem scheuslichen
Gedanken in deinem Gehirn den Ausgang versperren wolltest: Wenn du
mein Freund bist, so sage mir was du denkst.
Jago.
Gnadiger Herr, ihr wist, das ich euer Freund bin.
Othello.
Ich denke, du bist's: Und weil ich weis, das du ein gutherziger,
ehrlicher Mann bist, und deine Worte wiegst, eh du ihnen Athem
giebst, so schreken mich diese Pausen an dir; denn wenn es an einem
falschen unredlichen Spizbuben ein Kunstgriff oder auch oft blos
ein angewohntes Wesen ist, das nichts zu bedeuten hat; so ist es
hingegen an einem rechtschaffnen Mann ein Zeichen, das er sich Muhe
giebt etwas in seinem Herzen zuruck zu halten, dessen Entdekung
schlimme Folgen habe konnte.
Jago.
Was Michael Cassio betrift, so darf ich schworen, das ich ihn fur
einen ehrlichen Mann halte.
Othello.
Dafur halt' ich ihn auch.
Jago.
Die Leute sollten seyn, was sie scheinen; oder die es nicht sind,
von denen ware zu wunschen, das sie auch so aussahen, wie Schelmen.
Othello.
Es ist wahr, die Leute sollten seyn, was sie scheinen.
Jago.
Nun, ich denke also, Cassio ist ein ehrlicher Mann.
Othello.
Nein, du willt mehr damit sagen; ich bitte dich, rede mit mir, wie
mit deiner eignen Seele, und gieb deinem argsten Gedanken auch den
argsten Ausdruk.
Jago.
Mein liebster General, verschonet mich. Ob ich euch gleich einen
vollkommnen Gehorsam schuldig bin, so bin ich doch dazu nicht
verbunden, worinn alle Sclaven frey sind--euch meine Gedanken zu
sagen--Wie? gesezt, sie seyen einmal falsch, schandlich; wo ist
der Pallast, in den sich nicht zuweilen garstige Dinge eindrangen?
Wer hat ein so reines Herz, das nicht manchmal unziemliche
Vorstellungen sich unter seine guten Gedanken einmischen sollten?
Othello.
Du bist ein Verrather an deinem Freund, Jago, wenn du glaubst, er
werde betrogen, und ihm doch nicht entdekest was du denkst.
Jago.
Ich denke, das ich mich vielleicht in meiner Muthmassung betruge;
(wie ich dann bekennen mus, das es ein ungluklicher Fehler meines
Temperaments ist, zum Mistrauen geneigt zu seyn, und mir eine Sache
manchmal schlimmer einzubilden als sie ist,) ich bitte euch also,
Gnadiger Herr, euch selbst aus den ungefehren und unsichern
Bemerkungen eines Menschen, den sein Argwohn so leicht betrugen kan,
keine Ursachen zur Unruhe zu ziehen: Es ware nicht gut fur euch,
und nicht ehrlich und vernunftig an mir, wenn ich euch meine
Gedanken wollte wissen lassen.
Othello.
Was meynst du damit?
Jago.
Der gute Name, mein liebster gnadiger Herr, ist bey Manns- und
Weibsleuten ein Kleinod das ihnen so theuer seyn soll als ihre
Seele. Wer mir mein Geld stiehlt, stiehlt Quark; es ist etwas und
ist nichts; es war mein, nun ists sein, und ist schon ein Sclave
von Tausenden gewesen; aber wer mir meinen guten Namen nimmt,
beraubt mich eines Schazes, der ihn nicht reicher und mich in der
That arm macht.
Othello.
Ich will wissen, was du denkst--
Jago.
Ihr konntet das nicht, wenn ihr gleich mein Herz in eurer Hand
hattet; und sollt es nicht, so lang es in meiner Verwahrung ist.
Othello.
Ha!
Jago.
Oh, Gnadiger Herr, nehmt euch vor der Eifersucht in Acht; sie ist
ein grun-augiges Ungeheuer, das sich toller Weise von demjenigen
nahrt was es am meisten verabscheut. Mancher betrogne Ehemann ist
seines Schiksals gewis, ohne desto ungluklicher zu seyn, weil ihm
seine Ungetreue gleichgultig ist--Aber, o was fur unselige Minuten
zahlt derjenige uber, der vor Liebe schmachtet und doch zweifelt;
der argwohnet, und nur desto heftiger liebt!
Othello.
Ein elender Zustand, beym Himmel!
Jago.
Arm und zufrieden, ist reich und reich genug; aber ein
unermeslicher Reichthum ist so arm als der Winter fur denjenigen,
der immer besorgt, es werde ihm ausgehen. Gutiger Himmel! bewahre
alle menschlichen Herzen vor Eifersucht!
Othello.
Wie? Was meynst du damit? Denkst du, ich wollte jemals mein Leben
in Eifersucht zubringen? Die Monds-Veranderungen unverwandt mit
argwohnischen Augen begleiten? Nein, einmal zweifeln heist bey mir
entschlossen seyn. Tausche mich gegen eine Ziege aus, wenn ich
jemals fahig bin meine Seele so misgeschaffnen Gespenstern einer
kranken Phantasie Preis zu geben, als du dir einbildest. Das kan
mich nicht eifersuchtig machen, wenn jemand sagt, mein Weib ist
schon, ist mit gutem Appetit, liebt Gesellschaft, ist munter,
gesprachig, singt, spielt und tanzt gut; an einer tugendhaften
Person werden diese Dinge selbst zu Tugenden. Eben so wenig werd'
ich jemals von meinen eignen Unvollkommenheiten Anlas zum kleinsten
Zweifel oder Verdacht einer Untreue von ihrer Seite nehmen; denn
sie hatte Augen und wahlte mich. Nein, Jago; ich will sehen eh ich
zweifle; wenn ich zweifle, so will ich Beweise; und sobald ich
diese habe, weg auf einmal mit Liebe und Eifersucht!
Jago.
Das hor' ich sehr gerne; dann nun darf ich mir also kein Bedenken
mehr machen, euch die Freundschaft und Ergebenheit sehen zu lassen,
die ich zu euch trage. Nehmt also was ich sagen werde so auf, wie
es gemeynt ist. Ich rede noch nicht von Beweisen; gebt auf eure
Gemahlin Acht, habt ein aufmerksames Auge auf sie und Cassio, das
ist alles was ich sagen kan: Nicht eifersuchtig, aber auch nicht
sicher; ich mochte nicht gerne, das ein so edles Gemuthe wie das
eurige, aus einem Uebermaas von angebohrner Gutherzigkeit betrogen
wurde; seht euch also vor. Ich kenne die Venetianische Landes-Art;
in Venedig bekummern sie sich wenig, ob der Himmel ein Zeuge ihrer
Streiche ist, wenn nur ihre Manner nichts davon gewahr werden; ihre
groste Gewissenhaftigkeit geht insgemein nicht weiter, als das sie
niemand zusehen lassen, wenn sie sundigen.
Othello.
Sagst du das?
Jago.
Sie betrog ihren Vater, wie sie sich euch ergab; und zu eben der
Zeit, da sie euch am heftigsten liebte, stellte sie sich, als ob
sie sich vor euch furchte.
Othello.
Das machte sie wurklich so.
Jago.
Macht also den Schlus; konnte sie, so jung, so unschuldig als sie
war, sich so gut verstellen, das ihr eigner Vater von allem was in
ihrem Herzen vorgieng, nichts gewahr werden konnte--Er dachte, es
musse nothwendig Zauberey dabey gebraucht worden seyn--Doch ich bin
sehr zu tadeln: Ich bitte euch recht demuthig um Vergebung, das ich
mich von meiner Liebe zu euch so weit verleiten lasse.
Othello.
Ich bin euch auf immer dafur verbunden.
Jago.
Ich sehe doch, es hat eure Lebensgeister ein wenig in Unordnung
gebracht.
Othello.
Im mindsten nicht, im mindsten nicht!
Jago.
Glaubt mir, ich besorge, es ist so etwas; ich hoffe wenigstens, ihr
werdet uberzeugt seyn, das, was ich sagte aus Freundschaft zu euch
geflossen ist. Aber, ich seh' es, ihr seyd beunruhigt--Ich bitte
euch recht instandig, meinen Reden keine schlimmere Auslegung zu
geben, als meine Meynung ist.
Othello.
Das will ich auch nicht.
Jago.
Thatet ihr's, Gnadiger Herr, so konntet ihr Folgen daraus ziehen,
an die ich in der That nie gedacht habe. Cassio ist mein Freund
und ein Mann der Verdienste hat--Gnadiger Herr, ich sehe, ihr seyd
unruhig--
Othello.
Nein, nicht sonderlich unruhig--ich denke nichts anders, als
Desdemona ist tugendhaft.
Jago.
Lange lebe sie so! Und lange moget ihr leben, so zu denken!
Othello.
Und doch, wenn die Natur einmal aus ihrem Geleis getreten ist--
Jago.
Das ist eben der Punct--Das sie (wenn ich so frey seyn darf, es
herauszusagen) so viele Partheyen, die ihr naturlicher Weise hatten
angemesner scheinen sollen, abgewiesen hat, um sich einem Liebhaber
zu ergeben, dessen Landesart, Farbe und Alter dem ihrigen so
entgegen gesezt war. In der That, das scheint etwas
ausschweiffendes in ihrem Gemuth, eine gewisse Ueppigkeit und
Unordnung ihrer Einbildung und ihrer Neigungen anzuzeigen. Doch
ich bitte euch um Vergebung, ich rede eigentlich nicht von ihr ins
besondere; ob ich gleich nicht ohne alle Sorge bin, so konnte, bey
kuhlerm Blut, darauf fallen, eure Gestalt mit derjenigen von ihren
Landsleuten zu vergleichen, und sich vielleicht ihre Wahl gereuen
zu lassen.
Othello.
Leb wohl, leb wohl; wenn du etwas weiters merkest, so las mich's
wissen: Trag es deiner Frau auf, sie genau zu beobachten. Verlas
mich, Jago.
Jago.
Ich beurlaube mich, gnadiger Herr.
(Er geht.)
Othello.
O warum heurathete ich! Dieser ehrliche Mann sieht und weis ohne
Zweifel mehr, weit mehr, als er sagt.
Jago (wieder zurukkommend.)
Gnadiger Herr, ich wollt' ich durfte Eu. Gnaden bitten, dieser
Sache nicht weiter nachzuhangen; uberlast es der Zeit; ob es gleich
ganz gut ware, das Cassio wieder seine Stelle hatte, (denn in der
That, bekleidete er sie mit grosser Geschiklichkeit,) so wurdet ihr
doch, wenn es euch gefiele ihn noch eine Zeitlang in der
Ungewisheit zu lassen, dabey Anlas finden, ihn und sein Betragen
besser kennen zu lernen. Gebt auch acht, ob eure Gemahlin seine
Wiedereinsezung mit Merkmalen von Ungestum und Heftigkeit betreiben
wird; daraus wurde sich vieles abnehmen lassen. Mittlerweile
glaubet lieber, ich treibe meine Besorgnisse zu weit, und begegnet
ihr so, das sie keine Veranderung spuren konne; ich bitte Eu.
Gnaden sehr darum.
Othello.
Verlas dich hieruber auf meine Klugheit.
Jago.
Ich empfehle mich nochmals.
(Er geht ab.)
Sechste Scene.
(Othello allein.)
Othello.
Dieser Bursche ist der ehrlichste Mensch von der Welt, und kennt
die Menschen und den Lauf der Welt meisterlich: Find' ich sie
unkeusch, so soll alle meine Liebe sie nicht vor meinem Grimm
retten--Vielleicht weil ich schwarz bin, und keine von den
einschmeichelnden Eigenschaften im Umgang habe, die das ganze
Verdienst dieser Jungfern-Knechte ausmachen; oder weil ich schon im
herabsteigenden Alter bin--Doch, das will nicht viel sagen--Sie ist
hin, ich bin betrogen, und mein Trost mus seyn, einen Ekel vor ihr
zu fassen. O der Fluch des Ehestandes! Das wir diese reizenden
Geschopfe unser nennen konnen, und nicht ihre Neigungen! Ich
wollte lieber eine Krote seyn, und von den Ausdunstungen einer
Mistgrube leben, als in dem was ich liebe, einen Winkel fur eines
andern Gebrauch zu wissen. Und doch ist das die gewohnliche Plage
der Grossen, die hierinn ungluklicher als die Geringen sind; es ist
ein unvermeidliches Schiksal wie der Tod--Hier kommt sie ja!
(Desdemona und Aemilia treten auf.) Wenn sie ungetreu ist, so
spottet der Himmel seiner selbst. Ich kan es nicht glauben!
Desdemona.
Wie geht's, mein liebster Othello? Euer Mittag-Essen, und die
edeln Insulaner, die ihr dazu eingeladen habt, warten auf eure
Gegenwart.
Othello.
Ich bin zu tadeln.
Desdemona.
Warum redet ihr so schwach? Fehlt euch was?
Othello.
Ich hab' einen Schmerz hier an meiner Stirne.
Desdemona.
Das kommt nur, weil ihr zu viel gewacht habt, es wird bald wieder
vergehen. Erlaubt mir nur, das ich euch die Stirne hart verbinde,
so wird es in einer Stunde wieder besser seyn.
(Sie zieht ihr Schnupftuch heraus, um es ihm umzubinden.)
Othello.
Euer Schnupftuch ist zu klein: last es gut seyn: Kommt, ich will
mit euch gehen.
(Das Schnupftuch entfallt ihr, indem sie es einsteken will.)
Desdemona.
Es ist mir recht leid, das ihr nicht wohl seyd.
(Sie gehen ab.)
Siebende Scene.
(Aemilia bleibt zuruk.)
Aemilia (indem sie das Schnupftuch aufliest.)
Ich bin froh, das ich dieses Schnupftuch gefunden habe; das war das
erste Geschenk, das sie von dem Mohren empfieng. Mein wunderlicher
Mann hat mir schon hundertmal gute Worte gegeben, das ich es
stehlen sollte. Allein sie liebt es so sehr, (denn er beschwor sie,
es immer zu seinem Andenken zu behalten,) das sie es immer mit
sich herum tragt, um es zu kussen und damit zu schwazen. Ich will
den Ris von der Stikerey abzeichnen, und es dann dem Jago geben;
was er damit machen will, weis der Himmel, nicht ich: Ich habe
nichts dabey, als seine Grille zu befriedigen. (Jago tritt auf.)
Jago.
Wie steht's? Was macht ihr hier allein?
Aemilia.
Schmahlt mich nicht; ich hab etwas fur euch.
Jago.
Ihr habt etwas fur mich? Es ist etwas gemeines--
Aemilia.
Wie?
Jago.
Ein narrisches Weib zu haben.
Aemilia.
O, ist das alles? Was gebt ihr mir fur dieses Schnupftuch?
Jago.
Was fur ein Schnupftuch?
Aemilia.
Was fur ein Schnupftuch?--Wie, das so der Mohr Desdemonen gab; das
nemliche, wo ihr mich so lange schon stehlen hiesset.
Jago.
Hast du ihr's gestohlen?
Aemilia.
Nein; aber sie lies es aus Versehen entfallen, und da ich zu allem
Gluk dabey war, so hub ich's auf; sieh, da ist es.
Jago.
Du bist ein braves Mensch; gieb mir's.
Aemilia.
Was wollt ihr damit machen, das ihr so ernstlich haben wolltet, das
ich's stehlen sollte?
Jago.
Wie, was geht das dich an?
Aemilia.
Wenn es nicht zu irgend einem Vorhaben von Wichtigkeit ist, so gebt
mir's wieder. Die arme Frau! Sie wird narrisch werden, wenn sie
es missen wird.
Jago.
Thut nicht, als ob ihr was davon wist. Ich hab es nothig. Geh,
las mich allein--
(Aemilia geht ab.)
Izt will ich dieses Schnupftuch in Cassio's Quartier verliehren,
und es ihn finden lassen. Die armsten Kleinigkeiten sind fur
eifersuchtige Leute so starke Bekraftigungen, als Beweise aus der
Bibel. Dieses Ding kan zu was gut sein. Das Gift das ich dem
Mohren beygebracht habe, fangt schon an bey ihm zu wurken:
Argwohnische Einbildungen haben in der That die Natur des Gifts,
welches man anfangs am Geschmak kaum erkennen kan: aber sobald es
ins Blut ubergeht, wie eine Schwefel-Mine brennt--Das sagt ich!
Achte Scene.
Jago.
Seht, da kommt er! Weder Mohn-Saamen, noch Mandragora, noch alle
einschlafernde Safte in der Welt zusammen genommen werden dir
jemals diesen sussen Schlaf wiedergeben, den du gestern noch
hattest--
Othello (vor sich.)
Ha! Sie soll mir untreu seyn!
Jago.
Wie, wie stehts, General? Nichts solches mehr!
Othello.
Hinweg! fort! Du spannst mich auf die Folter: Ich schwor' es, es
ist besser mit seinen Augen sehen, das man betrogen wird, als nur
besorgen mussen, das man's sey.
Jago.
Wie, Gnadiger Herr?
Othello.
Was wust' ich von ihren verstohlnen Ausschweiffungen? Ich sah sie
nicht, ich dachte nicht daran, sie thaten mir kein Leid; ich
schlief die Nacht darauf wohl; war ruhig und froh; ich fand
Cassio's Kusse nicht auf ihren Lippen. Last den der bestohlen ward
und das Gestohlne nicht vermist, last ihn nichts davon wissen, und
es ist soviel als ob er gar nicht bestohlen worden ware.
Jago.
Ich bedaure, das ich solche Dinge horen mus.
Othello.
Und hatte das ganze Lager bis auf die Trosbuben herab, ihren holden
Leib gekostet, und ich wuste nur nichts davon, so war' ich gluklich.
Aber, o! nun auf ewig fahr wohl, Ruhe des Gemuths! Fahr wohl,
Zufriedenheit! Fahret wohl, ihr mit Federbuschen geschmukten
Schaaren; und du, stolzer Krieg, der die schwellende Seele mit
edler Ruhmbegierde fullt: O fahret wohl! Fahret wohl wiehernde
Stuten, schmetternde Trompete, Muth-erwekende Trummel, und du
muntre Queer-Pfeiffe, konigliches Panner, und der ganze Prunk und
Pomp des glorreichen Kriegs! Und, o! ihr todtlichen Werkzeuge,
deren eherner Rachen Jupiters furchtbaren Donner nachahmt, fahret
wohl! Othello's Arbeit ist gethan!
Jago.
Ist's moglich, Gnadiger Herr?--
Othello.
Nichtswurdiger, sey gewis, das du mir beweisen kanst, das meine
Liebe eine Hure ist; sey dessen gewis, gieb mir eine sichtbare
Probe--
(Er fast ihn wuthend an.)
Oder, beym Werth der unsterblichen Seele des Menschen! es ware dir
besser, wenn du ein Hund gebohren worden warest, als meinem
aufgeschrekten Grimm zu begegnen.
Jago.
Ist es dazu gekommen?
Othello.
Las mich's sehen; oder beweis es wenigstens so, das kein Schatten
eines Zweifels ubrig bleibe: Oder weh deinem Leben!
Jago.
Mein edler Gebieter--
Othello.
Wenn du sie unschuldig angeklagt, und mich auf diese Folterbank
geschraubt hast, so bete nicht mehr, erstik dein Gewissen, hauffe
Greuel auf Greuel, begeh Sunden, das der Himmel weinen und die Erde
sich entsezen mus; du kanst nichts argers thun, um das Maas deiner
Verdammnis voll zu machen als du schon gethan hast.
Jago.
O! Barmherzigkeit! Der Himmel steh mir bey! Seyd ihr ein Mann?
Habt ihr eine Seele? oder ein menschliches Gefuhl? Gott sey bey
euch; nehmt mir mein Amt, und wenn ihr wollt, mein Leben dazu--O
ich ungluklicher Thor, das ich erleben soll das meine Ehrlichkeit
zum Verbrechen gemacht wird! O Welt! Welt! Das ist dein Lauff;
ehrlich und aufrichtig, ist sein eigner Feind seyn. Ich dank' euch
fur diesen Unterricht; von nun will ich der Freundschaft gute Nacht
geben, und niemand mehr lieben als mich selbst.
Othello.
Nein, warte--Du solltest ehrlich seyn--
Jago.
Ich sollte klug seyn; Ehrlichkeit ist ein Narr, der jedermann gutes
thut, und nur sich selbst schadet.
Othello.
Bey allem was in der Welt ist, ich denke mein Weib ist unschuldig,
und denke sie ists nicht; ich denke du bist rechtschaffen, und
denke du bist's nicht; ich will Beweis haben. Ihr Name, der so
frisch war wie Dianens Antliz, ist nun so schwarz als mein eignes.
Nein, wenn noch Strike, noch Dolche, noch Gift, Feuer oder Wasser
in der Welt sind, so will ich diese Pein nicht langer ausstehen--
Ich wollt' ich ware meines Schiksals gewis!
Jago.
Ich sehe, Gnadiger Herr, ihr werdet von eurer Leidenschaft
aufgerieben. Es reut mich, das ich Anlas dazu gegeben habe. Ihr
wollt eures Schiksals gewis seyn?
Othello.
Ja, das will ich.
Jago.
Und konnt; aber wie? wie gewis seyn, Gnadiger Herr? wolltet ihr
ein Augenzeuge seyn--mit weitoffnen Augen zusehen? Sehen wie sie--
Othello.
Tod und Verdammnis! oh!
Jago.
Ich denk' es wurde schwer halten, sie so vertraulich zu machen: Bey
solchen Spielen liebt man keine fremde Augen zu Zuschauern. Was
dann? Wie dann? Was soll ich sagen? Was nennt ihr Gewisheit? Es
ist unmoglich, das ihr's mit Augen sehen konnt; und wenn sie so
unverschamt waren wie Geissen, so hizig wie die Wald-Teufels, und
so unbesonnen wie ein Dummkopf, den man mit Wein angefullt hat.
Und doch sag ich, wenn Wahrscheinlichkeiten, wenn Umstande die
geradeswegs bis vor die Thure der Wahrheit fuhren, euch Gewisheit
geben konnen, so konnt' ihr sie haben.
Othello.
Gieb mir einen uberfuhrenden Beweis, das sie ungetreu ist.
Jago.
Ihr legt mir eine unangenehme Pflicht auf; aber da ich mich nun
einmal, aus unuberlegter Aufrichtigkeit und Freundschaft, so weit
in diese Sache eingelassen habe, so will ich weiter gehen. Ich lag
lezthin mit Cassio in einem Bette; ein rasender Zahn machte das ich
nicht schlafen konnte--Es giebt eine Art von Leuten, deren Seele so
schlapp ist, das ihnen ihre geheimsten Gedanken im Schlaf entgehen.
Von dieser Art ist Cassio. Er redte im Schlaf. Liebste Desdemona,
hort' ich ihn sagen, las uns vorsichtig seyn. Las uns unser
Liebes-Verstandnis dem scharfsten Aug' unerforschlich machen! Und
dann, gnadiger Herr, tappte er um sich, und drukte mir die Hand,
rief--O bezauberndes Geschopf! und kuste mich dann nicht anders,
als ob er Kusse, die auf meinen Lippen wuchsen, mit den Wurzeln
ausziehen wollte, legte dann sein Bein uber meinen Schenkel, und
seufte und kuste mich, und rief, verfluchtes Schiksal, das dich dem
Mohren gab!
Othello.
O Scheusal! Scheusal!
Jago.
Nein, das war nur ein Traum.
Othello.
Aber ein Traum, der ganz deutlich anzeigt, was geschehen ist.
Jago.
Das ist ein verdammter Zweifel, ob es gleich nur ein Traum ist. Es
kan doch immer dazu dienen, andre, an sich selbst zu schwache
Anzeigen zu verstarken.
Othello.
Ich will sie von Glied zu Glied in Stuke reissen.
Jago.
Nicht so heftig! Fasset euch; noch (sehen) wir nichts, sie kan
noch unschuldig seyn--Sagt mir nur das, habt ihr niemals ein
Schnupftuch, mit Erdbeeren uberstikt, in eurer Gemahlin Hand
gesehen?
Othello.
Ich gab ihr so eines, es war mein erstes Geschenk.
Jago.
Davon weis ich nichts; aber mit einem solchen Schnupftuch (und ich
bin gewis, es war eurer Gemahlin ihres,) sah ich Cassio heute
seinen Bart wischen.
Othello.
Wenn's das nemliche ware--
Jago.
Es mag dieses oder ein anders seyn, so war es doch von ihr, und, zu
den andern Proben genommen, spricht es nicht zu ihrem Vortheil.
Othello.
O das die Elende tausend Leben hatte! Eines ist zu wenig fur meine
Rache. Nun seh ich endlich--Schau, Jago, so blase ich alle meine
Liebe dem Himmel zu: Sie ist weg;--erhebe dich, schwarze Rache, aus
deiner unseligen Gruft! und du, Liebe, tritt dem tyrannischen Has
deinen Thron und deine Krone ab! Wie mein Herz mir schwillt, als
ob es mit lauter Natter-Zungen angefullt ware!
Jago.
Gebt euch noch zufrieden.
Othello.
O Blut, Blut, Blut!--
Jago.
Geduld, sag ich; ihr konnt vielleicht anders Sinnes werden.
Othello.
Niemals, Jago--niemals sollen meine blutige Gedanken, in ungestumer
Fluth sich daherwalzend, zu sanfter Liebe zuruk fliessen, bis eine
weite hinlangliche Rache sie verschlungen haben wird--Das schwor'
ich,
(er kniet,)
hore Himmel das schrekliche, unwiederrufliche Gelubd!--Bey deiner
unzerstorbaren Veste schwor' ich Rache!
Jago (kniend.)
Stehet noch nicht auf--Seyd Zeugen, ihr ewigbrennenden Lampen dort
oben, und ihr Elemente, die uns rings umfassen; seyd Zeugen, das
Jago hier alles was sein Verstand, seine Hand und sein Herz vermag,
zum Dienste des beleidigten Othello wiedmet! Er befehle! Und ich
will gehorchen, ohne Zaudern gehorchen, so blutig auch der Befehl
seyn mag!
Othello.
Ich bewillkomme deine Freundschaft nicht mit eiteln Danksagungen,
sondern mit gutwilliger Annahm; und im gleichen Augenblik will ich
dir sagen, wozu ich sie nothig habe. In den nachsten dreyen Tagen,
las mich von dir horen, das Cassio nicht mehr ist.
Jago.
Mein Freund ist todt; ihr wollt es, es ist gethan. Aber sie--sie
last leben!
Othello.
Verderben uber sie, die unzuchtige Gleisnerin! oh! Verderben,
Verderben uber sie! Komm, geh mit mir auf die Seite, ich mus auf
irgend ein schnelles Mittel denken, den schonen Teufel aus der Welt
zu schaffen. Nunmehr bist du mein Lieutenant--
Jago.
Ich bin auf ewig der eurige.
(Sie gehen ab.)
Neunte Scene.
(Ein andrer Theil des Pallasts.)
(Desdemona, Aemilia, und Hans Wurst.)
Desdemona.
Guter Freund, wist ihr, wo der Lieutenant Cassio ligt?
Hans Wurst.
Das unterstuhnd' ich mich wol nicht zu sagen, das er irgendwo luge.
Desdemona.
Warum?
Hans Wurst.
Er ist ein Soldat; und wenn unser einer sagte, ein Soldat luge, das
ware Hals-Arbeit.
Desdemona.
Keine Possen! Wo ist sein Quartier?
Hans Wurst.
Da wurd' ich selbst lugen, wenn ich euch das sagen wollte.
Desdemona.
Auf diese Art werd' ich von dir keine Antwort kriegen.
Hans Wurst.
Ich weis sein Quartier nicht; und wenn ich folglich ein Quartier
erdenken wollte, und sagen, er lige da, oder er lige da im Quartier,
so wurd ich's in meinen Hals hinein lugen.
Desdemona.
Du kanst ihn doch erfragen?
Hans Wurst.
Ich will die ganze Welt catechisieren; ich will so lange nach ihm
fragen, bis mir jemand antwortet, wo er ist.
Desdemona.
Such ihn auf, und heis ihn hieher kommen; sag ihm, ich habe meinen
Herrn auf gute Gedanken fur ihn gebracht, und ich hoffe, es werde
alles gut gehen.
Hans Wurst.
Das ist endlich eine Verrichtung, die innert den Grenzen von eines
ehrlichen Kerls Wiz ligt; und also will ich sehen, ob ich damit zu
Stande kommen kan.
(Er geht.)
Desdemona.
Wo mag ich doch das Schnupftuch verlohren haben?
Aemilia.
Ich weis es nicht, gnadige Frau.
Desdemona.
Ich versichre dich, ich wollte lieber einen Beutel voll Crusado's
verlohren haben. Wenn mein edler Mohr nicht zu vernunftig und zu
grosmuthig gesinnt ware, um eifersuchtig zu seyn, so brauchte es
nicht mehr, um ihn auf schlimme Gedanken zu bringen.
Aemilia.
Ist er nicht eifersuchtig?
Desdemona.
Wer, er? Ich denke, die Sonne, unter der er gebohren ward, zog
alle groben Dunste von dieser Art aus ihm.
Aemilia.
Seht, da kommt er.
Desdemona.
Ich will izt nicht von ihm ablassen, bis er den Cassio zu sich
ruffen last--Wie stehts mit euch, mein lieber Gemahl?
Zehnte Scene.
(Othello zu den Vorigen.)
Othello.
Wohl, meine liebe Gemahlin--Himmel! wie werd ich an mich halten
konnen!--wie gehts euch, Desdemona? Gebt mir eure Hand; diese Hand
ist feucht, Madam. Heis, heis, und feucht--eine solche Hand
erfordert Eingezogenheit; fasten und beten, viel Casteyung, und
geistliche Uebungen; denn es ist ein feuriger, schwizender Teufel
hier, der oft rebellisch wird; es ist eine gute Hand, eine
freygebige Hand.
Desdemona.
Ihr konnt in der That wohl so sagen; denn es war die Hand die mein
Herz weggab.
Othello.
Eine freygebige Hand. In vorigen Zeiten gaben die Hande Herzen;
aber unsre neue Heraldik ist Hande ohne Herz.
{ed. * Eine satyrische Anspielung auf die vielen Baronets, welche Konig
Jacob der Erste machte, und die unter andern Vorrechten eine rothe
Hand in einem silbernen Feld in den Wappen-Schild ihrer Vorfahren
bekamen.}
Desdemona.
Ich verstehe mich nichts hierauf; kommt, wir wollen nun von euerm
Versprechen reden.
Othello.
Was fur ein Versprechen, mein Daubchen?
Desdemona.
Ich habe zu Cassio geschikt, das er kommen und mit euch reden solle.
Othello.
Ich bin mit einem beschwerlichen Schnuppen geplagt; leih mir dein
Schnupftuch!
Desdemona.
Hier, mein Gemahl.
Othello.
Das, so ihr von mir bekommen habt.
Desdemona.
Ich hab es nicht bey mir.
Othello.
Nicht?
Desdemona.
In der That, nicht.
Othello.
Das ist ein Fehler. Das nemliche Schnupftuch hatte meine Mutter
von einer Zigaunerin, die sich auf die Zauberey verstuhnd, und den
Leuten so gar sagen konnte, was sie dachten. Sie sagte ihr, so
lange sie es behalten wurde, wurd' es sie liebenswurdig und ihr das
Herz meines Vaters ganzlich eigen machen; wenn sie es aber verlohre,
oder verschenkte, wurde sie auf einmal allen Reiz in seinen Augen
verliehren, und ihm verhast und unertraglich werden. Meine Mutter
gab mir's da sie starb und bat mich, wenn ich jemals heurathete, es
meinem Weibe zu geben. Ich that es, und ich sag euch, habt Acht
darauf.--Bewahrt es, wie euern Augapfel: Es verliehren oder
weggeben, war' ein Ungluk, dem kein anders zu vergleichen ware.
Desdemona.
Ists moglich?
Othello.
Es ist wurklich so; es ist etwas zauberisches in dem Gewebe davon.
Eine Fee, welche den Lauf der Sonne zweyhundert mal anfangen und
enden gesehen hatte, machte die Stikerey daran: Die Wurmer waren
geweyht, welche die Seide dazu spannen, und es wurde mit Mumien von
einbalsamierten Jungfern-Herzen gefarbt.
Desdemona.
In der That! Ist das wahr?
Othello.
Sehr wahr; ihr konnt also nur Sorge dazu tragen.
Desdemona.
Wenn es so ist, so wollt' ich zu Gott, ich hatt' es nie gesehen!
Othello.
Ha! Warum?
Desdemona.
Warum sprecht ihr so hastig und auffahrend?
Othello.
Ist's verlohren? Ist's hin? Sagt, ist es fort?
Desdemona.
Gott sey bey uns!--
Othello.
Was sagt ihr?
Desdemona.
Es ist nicht verlohren; aber gesezt, es ware verlohren?
Othello.
Ha!
Desdemona.
Ich sag, es ist nicht verlohren.
Othello.
Holt es, ich will es sehen.
Desdemona.
Gut, das kan ich, mein Herr; aber ich will izt nicht: Das ist ein
kleiner Streich, wodurch ihr mich von meiner Bitte abbringen wollt.
Ich bitte euch, last euer Haus dem Cassio wieder offen seyn.
Othello.
Holt mir das Schnupftuch--ich will nicht hoffen--
Desdemona.
Kommt, ihr werdet niemals einen bravern Mann an seinen Plaz
bekommen.
Othello.
Das Schnupftuch--
Desdemona.
Ein Mann, der bisher sein ganzes Gluk auf eure Freundschaft gebaut
hat; der Gefahren mit euch getheilt hat--
Othello.
Das Schnupftuch.
Desdemona.
Wahrhaftig, ihr seyd zu tadeln--
Othello.
Hinweg!--
(Er geht ab.)
Eilfte Scene.
Aemilia.
Wie? Ich glaube der Mann ist eifersuchtig?
Desdemona.
So hab' ich ihn noch nie gesehen. O ganz gewis ist etwas
ausserordentliches in diesem Schnupftuch. Ich bin hochst
ungluklich es verlohren zu haben.
Aemilia.
Man lernt weder in einem noch in zweyen Jahren was ein Mann ist;
sie sind alle lauter Magen, und wir Arme sind ihr Futter; sie
schlingen uns gierig hinein; und wenn sie sich uberfullt haben, so
rulpsen sie uns wieder aus.
{ed. * Dieses Gleichnis ist freylich unanstandig genug; allein darum
bekummert unser Autor sich nicht; genug fur ihn, das es wahr ist.}
Seht, da kommt Cassio und mein Mann.
(Jago und Cassio treten auf.)
Jago.
Es ist kein andres Mittel ubrig; das mus sie thun--Wie gluklich!
hier ist sie schon; geht und bittet sie so sehr ihr konnt.
Desdemona.
Wie steht's, guter Cassio? wie gehn eure Sachen?
Cassio.
Gnadige Frau, ich habe noch immer meine vorige Bitte. Auf eurer
Grosmuth beruht alle meine Hofnung zu meiner Wiederherstellung in
die Freundschaft euers Gemahls, den ich mit so ganzlicher
Ergebenheit des Herzens ehre und liebe. Ich mochte nicht noch
langer aufgezogen werden. Ist mein Vergehen so gros, das weder
meine Reue noch meine ehmaligen Dienste, noch diejenigen die ich
kunftig zu leisten wunsche, mich loskauffen und wieder in seine
Gunst einsezen konnen, so ist wenigstens das eine Wohlthat, wenn
ich weis das es so ist; damit ich in diesem Fall, in eine
erzwungene Zufriedenheit eingehullt, einen andern Weg suchen kan,
um vom Allmosen des Gluks zu leben.
Desdemona.
Ach, mein lieber guter Cassio, meine Fursprache ist dermalen sehr
unvermogend; mein Gemahl ist nicht mein Gemahl; ich wurde ihn nicht
mehr kennen, wenn er sich an Gestalt so sehr wie am Humor,
verandert hatte. So stehe jeder gute Engel mir bey, wie ich nach
meinem aussersten Vermogen fur euch gesprochen habe. Aber alles
was ich durch meine Freymuthigkeit erhielt, war, das ich mir seinen
Unwillen zuzog. Ihr must euch noch ein wenig gedulden; was ich
thun kan, das will ich: Und ich will mehr als ich Herz hatte fur
mich selbst zu thun. Last euch das genug seyn.
Jago.
Ist der General zornig?
Aemilia.
Er gieng nur erst von hier fort, und, versichert, er ist in einer
seltsamen Gemuths-Unruhe.
Jago.
Kan er zornig seyn? Ich war dabey, wie die Canone seine Linien in
die Luft zerstiebte, und so schnell und gewaltsam wie der Teufel,
seinen Bruder unmittelbar an seiner Seite wegrafte; und kan er
zornig seyn? So mus etwas wichtiges daran Ursache seyn; ich will
gehn und ihn aufsuchen; in der That, das bedeutet was, wenn er
zornig ist.
(Er geht ab.)
Zwolfte Scene.
(Desdemona, Aemilia und Cassio bleiben.)
Desdemona.
Ich bitte dich, thu das--Ganz gewis mus etwas das den Staat betrift,
entweder von Venedig, oder irgend ein unausgebrutetes Complot hier
in Cypern, wovon er die Entdekung gemacht hat, seinen sonst immer
heitern Geist verfinstert haben; und in solchen Fallen ist es die
Art der Menschen, das sie ihren Unmuth an geringern Dingen
auslassen, wenn gleich grosse ihr Gegenstand sind. Es ist nicht
anders. Es darf uns nur ein Finger weh thun, so verbreitet sich
auch uber unsre ubrigen gesunden Gliedmassen ein Gefuhl von Schmerz.
Nein, wir mussen denken, das unsre Manner keine Gotter sind; wir
konnen nicht von ihnen fordern, das sie immer so zartlich mit uns
umgehen, als sie vor der Hochzeit thun. Schilt mich nur recht sehr
aus, Aemilia; ich unartiges Ding, ich war schon im Begriff seiner
Unfreundlichkeit in meinem Herzen den Proces zu machen; aber nun
find' ich, das meine Eigenliebe den Zeugen bestochen hat, und das
er ungerechter Weise angeklagt worden ist.
Aemilia.
Gebe der Himmel, das es Staats-Sachen seyen, wie ihr glaubt, und
keine eifersuchtige Grillen, die euch angehen.
Desdemona.
Das ware gar zu ungluklich! Ich gab ihm niemals Ursache dazu.
Aemilia.
Eifersuchtige Gemuther lassen sich damit nicht beruhigen; sie sind
nicht allezeit eifersuchtig, weil sie eine Ursache dazu haben,
sondern oft nur, weil sie eifersuchtig sind. Die Eifersucht ist
ein Ungeheuer, das keinen andern Vater und keine andre Mutter hat
als sich selbst.
Desdemona.
Der Himmel bewahre Othello's Herz vor diesem Ungeheuer!
Aemilia.
Dazu sag ich Amen, Gnadige Frau.
Desdemona.
Ich will sehen, wo er ist. Cassio, entfernt euch nicht zu weit;
wenn ich ihn in einer bessern Laune finde, so will ich euer Anligen
wieder in Bewegung bringen, und das ausserste versuchen, um
gluklich damit zu seyn.
Cassio.
Ich danke Eu. Gnaden demuthig.
(Sie gehen auf verschiedenen Seiten ab.)
Dreyzehnte Scene.
(Eine Strasse vor dem Pallast.)
(Cassio, tritt wieder auf, und begegnet der Bianca.)
Bianca.
Guten Tag, Freund Cassio.
Cassio.
Was fuhrt euch hieher? Wie steht's mit euch, meine schonste
Bianca? In der That, mein Herzchen, ich war im Begriff bey euch
anzusprechen.
Bianca.
Und ich war im Begriff euch einen Besuch in euerm Quartier
abzustatten, Cassio. Wie? eine ganze Woche wegbleiben? Sieben
Tag' und Nachte? Hundert und acht und sechszig Stunden? Und eines
Liebhabers Abwesenheits-Stunden, die hundert und sechszig mal
langweiliger sind als der Stunden-Zeiger. O! eine verdriesliche
Rechnung!
Cassio.
Vergieb mir, Bianca; ich war diese Zeit uber von bleyernen Gedanken
zu Boden gedrukt; aber ich werde in einer gluklichern Zeit diese
lange Rechnung von Abwesenheit zu tilgen wissen. Liebste Bianca,
zeichne mir diesen Ris ab--
(Er giebt ihr Desdemonens Schnupftuch.)
Bianca.
O Cassio, woher habt ihr das? Das hat mir die Mine von einem
Liebes-Pfand irgend einer neuern Freundin: Nun merk' ich die
Ursache deiner Abwesenheit die mir so schmerzlich war: Ist es dazu
gekommen? Wohl, wohl!
Cassio.
Geh, Madchen, und wirf deine haslichen Muthmassungen dem Teufel in
die Zahne, von dem du sie hast. Du bildest dir also ein, das sey
ein Andenken von einer Liebste? Nein, Bianca, in ganzem Ernst.
Bianca.
Wie, von wem ist es dann?
Cassio.
Das weis ich selbst nicht; ich fand es in meinem Zimmer; die Arbeit
daran gefallt mir ungemein, und eh man es wieder begehrt, (welches
vermuthlich geschehen wird) mocht' ich einen Abris davon haben.
Nimm es, mein Herz, und zeichn' es ab, und las mich izt allein.
Bianca.
Euch allein lassen? Warum?
Cassio.
Ich warte hier auf den General, und denke, es wurde mir eben keine
grosse Dienste bey ihm thun, wenn er mich beweibt sehen wurde.
Bianca.
Wie ist das zu verstehen?
Cassio.
Nicht als liebt' ich euch nicht.
Bianca.
Sondern nur das ihr mich nicht liebet. Ich bitte euch, macht mir
das ein wenig deutlicher und sagt mir, ob ich euch diese Nacht
nicht sehen soll?
Cassio.
Wenigstens will ich euch sehen, sobald ich kan.
Bianca.
Nun wohl dann, ich mus es also drauf ankommen lassen.
(Sie gehen ab.)
Vierter Aufzug.
Erste Scene.
(Eine Strasse vor dem Pallast.)
(Othello und Jago treten auf.)
Jago.
Denkt ihr das?
Othello.
Ob ich's denke, Jago?
Jago.
Wie, einander heimlich kussen?
Othello.
Unauthorisierte Kusse?
Jago.
Oder auch nakend bey ihrem Freund im Bette zu ligen, eine, zwo und
mehr Stunden, ohne was boses dabey zu meynen? Das sollte nicht
moglich seyn?
{ed. * Eine Anspielung auf die beruchtigte Keuschheits-Probe des
heiligen Robert von Arbrissel, der mitten zwischen zwoen schonen
jungen Nonnen eine Probe machte, die mit einer Haslichen gefahrlich
ware.}
Othello.
Nakend im Bette, Jago, und nichts boses dabey meynen? Das heist,
den Teufel zum Narren machen wollen: Leute, die mit tugendhaften
Absichten so etwas thun, die versucht der Teufel nicht; sie
versuchen den Himmel.
Jago.
Und doch, wenn sie nichts thun, so ist es nur eine lasliche Sunde:
Aber wenn ich meinem Weib ein Schnupftuch gebe--
Othello.
Was dann?
Jago.
Was dann? So gehort's ihr zu, Gnadiger Herr; und da es ihr
zugehort, so kan sie's, denk' ich, wieder einem andern geben.
Othello.
Ihre Ehre gehort auch ihr zu; darf sie solche darum weggeben?
Jago.
Ihre Ehre ist ein unsichtbares Ding und es bleibt immer
problematisch ob man sie hat oder nicht hat; aber das Schnupftuch--
Othello.
Beym Himmel! du erinnerst mich an etwas das ich so gern vergessen
hatte; du sagtest--oh, es kommt uber mein Gedachtnis wie ein Ungluk-
weissagender Rabe uber ein verpestetes Haus--er habe mein
Schnupftuch.
Jago.
Ja, und was ist's dann mehr?
Othello.
Es ist nur zuviel.
Jago.
Was war' es denn, wenn ich sagte, ich habe mit meinen eignen Augen
gesehen, das er euch beleidigt habe, oder ich hab' es von ihm
selbst gehort, (wie es denn solche Schurken giebt, die, wenn sie
irgend ein Frauenzimmer, entweder durch ungestume Verfolgungen oder
durch die freywillige Ergebung der Dame unter sich gebracht haben,
es unmoglich von sich selbst erhalten konnen nicht zu plaudern.)
Othello.
Hat er dann etwas gesagt?
Jago.
Das hat er, Gnadiger Herr; aber dessen seyd versichert, nichts was
er nicht wieder laugnen und verschworen wurde.
Othello.
Was sagt' er denn?
Jago.
Was? Er habe bey ihr--ich weis nicht was gethan--
Othello.
Was denn, was denn?
Jago.
Gelegen.
Othello.
Bey ihr?
Jago.
Bey ihr, oder auf ihr--was ihr wollt--
Othello.
Bey ihr! Auf ihr! Bey ihr gelegen! Das ist alles was man sagen
kan: Das Schnupftuch--Sein eigen Gestandnis--Das Schnupftuch! das
Schnupftuch!--Ich erschuttre vom blossen Gedanken--Ohne eine grosse
Ursache wurde die Natur sich selbst in keinen solchen Schatten
einhullen. Es sind keine Worte, die mich so schutteln--Nasen,
Ohren und Lippen--ist's moglich! Sein Gestandnis! Ihr Schnupftuch!
--O Teufel!
(Er wird ohnmachtig.)
Jago.
Wurke du nur wohl, meine Mixtur, wurke! So mus man leichtglaubige
Narren fangen--manche rechtschaffne und keusche Frauen kommen, mit
aller ihrer Unschuld, gerad auf solche Art um ihren guten Namen.
Wie, he! Gnadiger Herr! Hort ihr nicht? Othello! he!
Zweyte Scene.
(Cassio tritt auf.)
Jago.
Wo kommt ihr her, Cassio?
Cassio.
Was giebt's hier?
Jago.
Der General ist von dem fallenden Weh uberfallen worden; das ist
nun der zweyte Anstos; er hatte gestern den ersten.
Cassio.
Reibt ihn um die Schlafe.
Jago.
Nein, ruhrt ihn nicht an; man mus der Ohnmacht ihren ruhigen Gang
lassen; oder, er fangt an zu schaumen, und bricht endlich vollig in
die wildeste Tobsucht aus: Seht, er ruhrt sich; entfernt euch ein
wenig, er wird gleich wieder zu sich selbst kommen; wenn er weg ist,
so mocht' ich uber eine Sache von grosser Wichtigkeit mit euch
sprechen konnen.
(Cassio geht ab.)
--Wie steht's mit euch, Gnadiger Herr? Habt ihr den Kopf nicht
angeschlagen?
Othello.
Spottest du meiner noch?
Jago.
Ich spotte, beym Himmel! nicht; aber ich wunschte, das ihr euer
Ungluk wie ein Mann truget.
Othello.
Ein gehornter Mann ist ein Ungeheuer; ein Unthier.
Jago.
Wenn das ist, so giebt es in volkreichen Stadten eine Menge
Ungeheuer, und dazu noch recht zahme und manierliche Ungeheuer.
Othello.
Er gestand's also selbst?
Jago.
Liebster General, seyd ein Mann! denkt, es sind wenige bartige
Gesellen, die, wenn sie anders bejocht sind, nicht mit euch ziehen.
Millionen Manner leben diesen Augenblik, die alle Nacht in einem
Bette ligen, das sie mit andern theilen; und die doch schwuren, das
es ihnen eigen sey. Euer Fall ist doch noch besser. O, das ist
des Teufels groster Spas, eine unzuchtige Meze in ein sichres Ehe-
Bette zu legen, und sie fur ein Tugendbild zu geben. Nein, besser
ist's ich wisse's; wenn ich weis, was ich bin, so weis ich auch,
was sie seyn soll.
Othello.
O, du sprichst wie ein Orakel; das ist gewis.
Jago.
Geht nur eine kleine Weile bey Seite, verbergt euch, und habt ein
wenig Geduld. Wahrend das ihr hier von euerm Schmerz so unmannlich
uberwaltigt laget, kam Cassio hieher. Ich erdachte gleich etwas,
um eurer Ohnmacht eine scheinbare Ursache zu geben, und schaffte
ihn wieder weg, bat ihn aber bald wieder zu kommen, weil ich mit
ihm zu reden hatte. Er versprach mir's. Verbergt euch also nur
irgendwo, wo ihr ihn sehen konnt; und beobachtet das schelmische,
triumphierende Lacheln, die honische Zuge, die sichtbare
Leichtfertigkeit, die sein Geheimnis in seinem ganzen Gesicht
verrathen. Denn er soll mir seine Erzahlung wieder von vorn
anfangen; wo, wie, wie oft, seit wie lange, und wenn er mit eurer
Frau handgemein worden ist, und es noch ferner werden will; ich
sage, gebt nur auf seine Mine Acht--O zum Henker, Geduld, oder ich
mus endlich glauben, ihr seyd uber und uber lauter Galle, und habt
nicht das mindeste von einem Mann.
Othello.
Horst du, Jago! Ich will dir zeigen, das ich so lange geduldig
scheinen kan, als es nothig ist; aber eine blutige Rache soll mich
davor schadlos halten.
Jago.
Es last sich horen; aber nur alles zu rechter Zeit. Wollt ihr bey
Seite gehen?
(Othello verbirgt sich.)
(--Jago, ohne das ihn Othello horen kan, fahrt fort:)
Nun will ich den Cassio nach seiner Bianca fragen, einem Weibsbild,
das seine Reizungen verkauft, um sich Brod und Kleider davor
anzuschaffen. Die Narrin ist sterblich in Cassio verliebt, und zur
Straffe davor, das sie schon so viele betrogen hat, wird sie izt
von ihm betrogen; denn er kan sich, wenn er nur von ihr reden hort,
des uberlauten Lachens nicht verwehren.--Da kommt er.
Dritte Scene.
(Cassio (zu Jago.)
Jago.
Je mehr er lachen wird, je mehr wird Othello rasen; sein Lacheln,
seine Gebehrden, seine leichtsinnigen Manieren, seine kleinsten
Bewegungen, werden durch die Auslegung, die der eifersuchtige Mohr
davon macht, zu Verrathern an ihm werden Nun, wie geht's euch,
Lieutenant?
Cassio.
Desto schlimmer, weil ihr mir einen Charakter beylegt, dessen
Beraubung mir das Leben zur Quaal macht.
Jago.
Macht euch nur recht lebhaft an Desdemona, so kan's euch nicht
fehlen. (leiser.)
Gelt, wenn Bianca die Gewalt dazu hatte, wie schnell wurdet ihr
wieder hergestellt seyn.
Cassio (lachend.)
Wie kommt ihr auf diese arme Narrin?
Othello (vor sich.)
Seht, wie er schon lacht.
Jago.
In meinem Leben hab' ich kein Weibsbild so verliebt in einen Mann
gesehen.
Cassio.
Der arme Tropf, ich denke, in der That, sie ist in mich verliebt.
Othello (vor sich.)
Izt laugnet er's so ganz kaltsinnig, und lacht hinten nach.
Jago.
Hort ihr, Cassio?
Othello (vor sich)
Izt sezt er ihm zu, es ihm zu gestehen: Gut, gut, nur weiter!
Jago.
Sie giebt aus, ihr wollt sie heurathen. Ist das eure Absicht?
Cassio.
Ha, ha, ha!
Othello.
Triumphierest du, Schurke? Triumphierest du?
Cassio.
Ich, sie heurathen?--Eine barmherzige Schwester? Ich bitte dich,
erweise meiner Vernunft so viel Christliche Liebe, und glaube etwas
bessers von ihr. Ha, ha, ha!
Othello (vor sich.)
So, so: Wer gewinnt, hat gut lachen.
Jago.
In der That, die Rede geht, ihr werdet sie heurathen.
Cassio.
Ich bitte dich, redst du im Ernst?
Jago.
Ich will ein Schelm seyn, wenn es anderst ist.
Othello (vor sich.)
Hast du mein Mas genommen? Nun, wohl dann!
Cassio.
Wenn das ist, so kommt es von dem Affen selbst. Sie hat sich's in
den Kopf gesezt, das ich sie heurathen werde, und das blos, weil
sie es wunscht, und nicht, weil ich ihr's versprochen hatte.
Othello.
Izt fangt er die Historie an--
Cassio.
Sie war erst kurzlich hier; sie spukt mir nach, wo ich hingehe.
Ich war neulich am Ufer, und sprach mit etlichen Venetianerinnen,
da kommt die Narrin, und fallt mir so zartlich um den Hals--
Othello (bey Seite.)
Und ruft, o du allerliebstes Cassio, oder so was; seine Gebehrden
sagen das.
Cassio.
Hangt sich so an, und herzt und kust mich, und weint auf mich, und
schuttelt und drukt mich, so abscheulich zartlich--Ha, ha, ha!--
Othello.
Izt erzahlt er, wie sie ihn in mein Schlafzimmer gezogen habe: O,
ich sehe deine aufgestulpte Nase vor mir, aber ich seh' den Hund
nicht, dem ich sie vorwerfen will.
Cassio.
Gut, ich kan mich nicht langer hier aufhalten.
Jago.
Wie es euch beliebt--Aber da kommt sie ja selbst.
Vierte Scene.
(Bianca zu den Vorigen.)
Cassio.
Was das fur eine Meer-Kaze ist! Zum Henker, und sie riecht noch
dazu nach Biesam:--Was soll denn das bedeuten, das ihr mir so
nachlauft?
Bianca.
Das mag der Teufel und seine Grosmutter thun! Sagt mir einmal, was
wolltet ihr mit dem Schnupftuch, das ihr mir vorhin gegeben habt?
Ich war wol eine grosse Narrin, das ich's annahm: Ich sollte die
Arbeit absehen? Ein feines Stuk Arbeit, das ihr in euerm
Schlafzimmer gefunden habt, und wist nicht, wer es da verlohren
haben mag. Ich will nicht ehrlich seyn, wenn es nicht ein Geschenk
von irgend einer ehrsamen Matrone ist; und ich soll die Arbeit dran
absehen? Da, gebt es euerm Steken-Pferde: Woher ihr's auch haben
mogt, ich will nichts daran absehen, ich.
Cassio.
Nun, nun, meine schone Bianca, sachte, sachte!
Othello (bey Seite.)
Beym Himmel, das wird wohl mein Schnupftuch seyn.
Bianca.
Wenn ihr heute zu mir zum Nachtessen kommen wollt, so konnt ihr; wo
nicht, so kommt nicht eher als bis man Anstalten auf euch gemacht
hat.
(Sie geht ab.)
Jago.
Lauft ihr nach, lauft ihr nach.
Cassio.
Das mus ich, sonst fangt sie auf der Strasse einen Lermen an.
Jago.
Wollt ihr bey ihr zu Nacht essen?
Cassio.
Ja, ich hab es im Sinn.
Jago.
Gut, vielleicht seh ich euch dort; denn ich mochte sehr gern mit
euch reden.
Cassio.
Ich bitt euch, kommt; wollt ihr--
Jago.
Verlast euch darauf--
(Cassio geht ab.)
Funfte Scene.
(Othello und Jago.)
Othello.
Was fur eine Todesart soll ich ihm anthun, Jago?
Jago.
Habt ihr gesehen, wie lustig er sich mit seinem Verbrechen machte?
Othello.
Oh, Jago!
Jago.
Und saht ihr das Schnupftuch?
Othello.
War's das meinige?
Jago.
Das eurige, auf meine Ehre! und habt ihr gesehen, wie viel er sich
aus dem einfaltigen Geschopf, eurer Frau, macht?--Sie gab es ihm
und er verschenkt es an seine Hure!
Othello.
Ich wollt, ich konnte neun Jahre lang an ihm morden--eine so artige
Frau! Eine so schone Frau! Eine so anmuthsvolle Frau!
Jago.
Nein, das must ihr nun vergessen!
Othello.
O, las sie verfaulen, verdorren und zur Holle fahren, eh es wieder
Tag wird! leben soll sie nicht! Nein, mein Herz ist zu Stein
worden: ich schlage drauf, und die Hand schmerzt mich davon--O, die
ganze Welt hat keine reizendere Creatur! Sie hatte an eines
Kaysers Seite ligen konnen, er wurd' ihr Sclave gewesen seyn!
Jago.
Nicht doch; das sind Gedanken, die gar nicht zur Sache taugen.
Othello.
An den Galgen mit ihr, ich sage nur was sie ist--eine so feine
Arbeiterin mit der Nadel--eine vortrefliche Musicantin--Oh, sie
wurde die Wildheit aus einem Baren heraus singen so belebt, so
wizig! So voller Geist!
Jago.
Desto schlimmer ist sie um das alles.
Othello.
O, tausend, tausendmal: Und dann von so einnehmender Gestalt!--
Jago.
Nur gar zu einnehmend.
Othello.
Ja, das ist wahr. Aber doch ist es erbarmlich, Jago--oh, Jago, es
ist erbarmlich!--
Jago.
Wenn ihr so zartlich gegen ihre Bosheiten seyd, so gebt ihr ein
Patent, das sie euch beleidigen darf wie sie will; wenn ihr
gleichgultig dabey seyd, so hat sich niemand darum zu bekummern.
Othello.
Ich will sie in kleine Stukchen haken: Mich zum Hahnrey zu machen!
Jago.
Es ist garstig an ihr!
Othello.
Mit meinem Lieutenant!
Jago.
Das ist noch garstiger!
Othello.
Verschaffe mir eine Dose Gift bis auf die Nacht, Jago; ich will
keinen Wortwechsel mit ihr haben--ich darf meine Standhaftigkeit
nicht an ihre Reizungen wagen--Diese Nacht, Jago--
Jago.
Aber nicht durch Gift; erdrosselt sie in ihrem Bette, in dem Bette,
das sie entweiht hat.
Othello.
Gut, gut; dieses Mittel gefallt mir, weil es gerecht ist--
Jago.
Und was den Cassio betrift, den uberlast mir; bis Mitternacht sollt
ihr mehr horen.
(Eine Trompete hinter der Scene.)
Othello.
Vortrefflich! Wie? Was bedeutet diese Trompete?
Jago.
Vermuthlich etwas von Venedig--Es ist Lodovico, vom Herzog
abgeschikt: Au, seht, eure Gemahlin ist schon bey ihm.
Sechste Scene.
(Lodovico, Desdemona, und Gefolge treten auf.)
Lodovico.
Seyd mir gegrust, wurdiger General.
Othello.
Ich erwiedre den Wunsch von ganzem Herzen, mein Herr.
Lodovico.
Der Herzog und die Senatoren von Venedig grussen euch.
(Er uberreicht ihm ein Schreiben.)
Othello.
Ich kusse die Urkunde ihrer Befehle.
Desdemona.
Und was giebt es neues, mein lieber Vetter Lodovico?
Jago.
Ich bin sehr erfreut euch zu sehen, mein Herr; willkommen in Cypern.
Lodovico.
Ich danke euch; was macht der Lieutenant Cassio?
Jago.
Er lebt, mein Herr.
Desdemona.
Vetter, es ist zwischen meinem Gemahl und ihm zu einem
unfreundlichen Bruch gekommen; aber ihr werdet alles wieder gut
machen.
Othello (vor sich.)
Seyd ihr dessen so gewis?
Desdemona.
Mein Gemahl?
Othello (liest.)
"Ermangelt nicht, dieses zu befolgen, so lieb euch--"
Lodovico (zu Desdemona.)
Er rief euch nicht; er ist in seinem Schreiben vertieft. Ist ein
Misverstandnis zwischen dem General und Cassio?
Desdemona.
Ein sehr unglukliches; ich wollte gern alles thun, sie wieder zu
vereinigen, so lieb ist mir Cassio.
Othello.
Feuer und Schwefel! (vor sich.)
Desdemona.
Mein Gemahl!
Othello.
Seyd ihr bey Verstand?
Desdemona (zu Lodovico.)
Wie, ist er zornig?
Lodovico.
Vielleicht hat ihn das Schreiben in einige Bewegung gebracht. Denn,
wie ich vermuthe, so beruffen sie ihn nach Hause, und befehlen ihm,
sein Gouvernement dem Cassio zu uberlassen.
Desdemona.
Glaubt mir, es erfreut mich.
Othello.
In der That! (vor sich.)
Desdemona.
Mein Gemahl!
Othello.
Ich bin erfreut, dich toll zu sehen. (vor sich.)
Desdemona.
Wie, mein liebster Othello?
Othello (nach ihr schlagend.)
Teufel!--
Desdemona.
Das hab' ich nicht verdient.
Lodovico.
Mein Herr, in Venedig wurde das niemand glauben, wenn ich gleich
schwure, das ichs gesehen habe. Es ist sehr viel; bittet ihr's ab;
sie weint.
Othello.
O Teufel! Teufel! Konnte die Erde von Weiberthranen geschwangert
werden, jeder Tropfe, den sie weint, wurde ein Crocodil werden: Aus
meinem Gesicht--
Desdemona (indem sie gehen will.)
Ich will gehen, wenn euch mein Anblik so zuwieder ist.
Lodovico.
Wahrhaftig, eine gehorsame Frau--ich bitte Euer Gnaden, ruffet sie
zuruk.
Othello.
Madam--
Desdemona.
Mein Gemahl--
Othello.
Was wollt ihr mit ihr, mein Herr?
Lodovico.
Wer, ich, mein Herr?
Othello.
Ja; ihr wolltet ja, ich sollte machen, das sie sich wieder umdrehe.
Herr, sie kan sich drehen, und drehen, und doch weiter kommen; sie
ist eine Meisterin darinn. Und sie kan auch weinen, Herr, weinen;
und sie ist gehorsam; wie ihr sagtet, gehorsam; sehr gehorsam--
weint ihr nur fort--Was das anbetrift, mein Herr--O die
Leidenschaften spielt sie vortreflich!--Ich bin zurukberuffen--
(zu Desdemona.)
Pakt ihr euch fort, ich will gleich wieder nach euch schiken--Mein
Herr, ich gehorche dem Oberherrlichen Befehl, und will nach Venedig
zuruk kehren--Weg, pake dich!--
(Desdemona geht ab.)
--Cassio soll meinen Plaz haben. Und ihr, mein Herr, werdet mir
die Ehre erweisen, heute mit mir zu Nacht zu essen. Ihr seyd
willkommen in Cypern--
(vor sich.)
Geissen, und Affen!
{ed. * [Sind diese Venetianer,] denkt er hinzu.}
(Er geht ab.)
Siebende Scene.
(Lodovico und Jago bleiben zuruk.)
Lodovico.
Ist dis der edle Mohr, den unser ganzer Senat sein Alles und Alles
nennt? Ist dis das Gemuth, dessen standhafte Tugend keine
Leidenschaft, kein Gluk, kein Zufall erschuttern kan?
Jago.
Er hat sich sehr verandert.
Lodovico.
Ist er recht bey Sinnen? Leidet er etwann am Gehirn?
Jago.
Er ist was er ist; ich mag nicht sagen, was ich denke. Ich wollte
zu Gott, er ware, was er seyn konnte, wenn er nicht ist, was er
sollte.
Lodovico.
Wie, seine Gemahlin schlagen!
Jago.
In der That, es war nicht fein; und doch wunscht' ich, ich wiste,
das dieser Streich das argste ware.
Lodovico.
Ist er gemeiniglich so? oder wurkte das Schreiben so stark auf
sein Blut, das er zum ersten mal sich selbst so ungleich war?
Jago.
Es ist eine schlimme Sache, leider! Es ware nicht anstandig, wenn
ich sagen wollte, was ich gesehen und gehort habe. Ihr werdet ihn
durch euch selbst kennen lernen, und sein eignes Betragen wird ihn
so charakterisieren, das ich meine Worte sparen kan. Geht ihm nur
nach, und seht, wie er fortfahren wird.
(Sie gehen ab.)
Achte Scene.
(Verwandelt sich in einen Saal im Pallast.)
(Othello und Aemilia treten auf.)
Othello.
Ihr habt also nichts gesehen?
Aemilia.
Noch jemals was solches gehort, oder nur gemuthmasset.
Othello.
Ihr habt doch den Cassio und sie beysammen gesehen?
Aemilia.
Aber da sah ich nichts boses, und ich horte eine jede Sylbe, die
sie mit einander redeten.
Othello.
Wie, flusterten sie niemals zusammen?
Aemilia.
Niemals, Gnadiger Herr.
Othello.
Und schikten sie euch niemals fort?
Aemilia.
Niemals.
Othello.
Etwann ihren Facher, ihre Handschuhe, ihre Maske, oder so was zu
holen?
Aemilia.
Niemals, Gnadiger Herr.
Othello.
Das ist seltsam!
Aemilia.
Ich durfte meine Seele an einem Pfahl wetten, Gnadiger Herr, das
sie ehrlich ist: Wenn ihr anders denkt, so verbannet diesen
Gedanken, er betrugt euer Herz. Der Himmel vergelt' es dem Elenden,
der es euch in den Kopf gesezt haben mag, mit dem Fluch der
Schlange! Wahrhaftig, wenn sie nicht tugendhaft, keusch und getreu
ist, so giebt's keinen gluklichen Mann auf Erden; so ist die
reinste ihrer Weiber so haslich als Lasterung.
Othello.
Geh, ruffe sie hieher.
(Aemilia geht ab.)
Sie sagt genug; allein sie ist eine einfaltige Kupplerin, die nicht
mehr sagen kan--Das ist eine verschmizte Hure, die ihre garstigen
Geheimnisse behutsam zu verriegeln weis--und doch kniet sie euch in
ihrem Zimmer hin, und betet: Das hab' ich selbst gesehen.
Neunte Scene.
(Desdemona und Aemilia treten auf.)
Desdemona.
Was ist euer Wille, mein Gemahl?
Othello.
Kommt naher, Huhnchen, wenn ich bitten darf.
Desdemona.
Was beliebt euch?
Othello.
Last mich eure Augen sehen; seht mir in's Gesicht.
Desdemona.
Was fur eine entsezliche Einbildung kommt euch an?
Othello (Zu Aemilia.)
Ein Stuk von euerm Amt, Madam; last die handelnden Personen allein,
und schliest die Thure zu; hustet, oder ruft wenn jemand kommt.
Euer Geheimnis, euer Geheimnis--nein, macht euch fort.
(Aemilia geht ab.)
Desdemona.
Auf meinen Knien, was wollen diese Reden sagen? Ich sehe wol, das
etwas Entsezliches in euern Worten ist, aber ich verstehe sie
dennoch nicht.
Othello.
Wie? Was bist du?
Desdemona.
Euer Weib, mein Herr; euer getreues, redliches Weib.
Othello.
Komm, schwor mir das; sprich dir dein Urtheil selbst; sonst mochten,
da du einem himmlischen Wesen so ahnlich bist, die Teufel sich
scheuen Hand an dich zu legen. Zieh dir also eine zweyfache
Verdammnis zu; schwore, du seyest ehrlich.
Desdemona.
Der Himmel weis es.
Othello.
Der Himmel weis, das du falsch wie die Holle bist.
Desdemona.
An wem, mein Gemahl? Mit wem? Wie bin ich falsch?
Othello (Er weint.)
Ach, Desdemona! Weg, weg, weg!--
Desdemona.
O des unglukseligen Tags! Warum weint ihr? Bin ich die Beweg-
Ursach dieser Thranen, mein liebster Mann?--Wenn ihr vielleicht
meinen Vater in Verdacht habt, das er an eurer Zurukberuffung
Schuld habe, so last es doch mich nicht entgelten; wenn ihr ihn
verlohren habt, so hab' ich ihn ja auch verlohren.
Othello.
Hatt' es dem Himmel gefallen, mich durch Trubsale zu prufen, hatt'
er alle Arten von Schmerzen und Demuthigungen auf mein naktes Haupt
regnen, mich bis an die Lippen in Armuth versinken, mich ohne
Hoffnung der Befreyung in Sclaverey gerathen lassen; so wurd' ich
noch in irgend einem Winkel meiner Seele einen Tropfen Geduld
gefunden haben. Aber, ach! mich zu einem festen Ziel fur den
unbeweglichen Finger der spottenden Verachtung zu machen--und doch
auch das, auch das wollt' ich noch ertragen konnen. Aber da,
{ed. * Man hat hier, einem herrschenden, obgleich an sich vielleicht
ungerechten Vorurtheil zu gefallen, von dem buchstablichen Sinn des
Originals ein wenig abweichen mussen.}
wo die Ruhe, der Trost, die Wonne meines Lebens lag, aus deinem Herzen
vertrieben zu seyn, oder es als eine Cisterne, worinn unflatige
Kroten zugeln, zu besizen: Hebe dich weg, Geduld, du junger,
rosenwangichter Cherubin,--Da seh' ich grimmig wie die Holle aus.
Desdemona.
Ich hoffe, mein edelmuthiger Mann kennt mich genugsam, mich fur
unschuldig zu halten.
Othello.
O, ja, wie Sommerfliegen in Schlachthausern, die von einem
anwehenden Luftchen lebendig werden. O du giftiges Unkraut, warum
bist du so lieblich anzusehen? Du riechst so gut, das einem der
Kopf davon weh thut. Ich wollte, du warest nie gebohren worden!
Desdemona.
Himmel! was fur eine Sunde kan ich unwissender Weise begangen
haben?
Othello.
Wie, du fragst noch? Du fragst was du begangen habest? Begangen?--
O du Nichtswurdige, ich wurde meine Wangen zu Feuer-Essen machen,
wo die Zucht zu Asche verbrennen muste, wenn ich deine Thaten
nennen wollte. Wie? was du begangen hast? Der Himmel stopft sich
die Nase davor zu, und der Mond die Augen; der buhlerische Wind
sogar, der alles kust was ihm vorkommt, hat sich in die holen Minen
der Erde verkrochen, und will es nicht anhoren. Was du begangen
hast?--Unverschamte Meze!
Desdemona.
Beym Himmel! ihr thut mir Unrecht.
Othello.
Du bist keine Meze?
Desdemona.
Nein, so wahr ich eine Christin bin. Wenn ein Weib, die sich fur
ihren Mann allein, und von jeder fremden, unkeuschen, unerlaubten
Beruhrung rein bewahrt hat, keine Meze ist, so bin ich keine.
Othello.
Wie, auch keine Hure?
Desdemona.
Nein, so wahr ich selig zu werden wunsche!
Othello.
Ists moglich?
Desdemona.
O Himmel, sey uns gnadig!
Othello.
So bitt' ich also um Vergebung. Ich sah euch fur diese abgefeimte
Hure von Venedig an, die den Othello heurathete--
Zehnte Scene.
(Aemilia zu den Vorigen.)
Othello.
Ihr, Frau Gelegenheits-Macherin,--Ihr, ihr, ja ihr! Wir haben
unsre Sachen gemacht. Hier ist Geld fur eure Muhe; ich bitte euch,
dreht den Schlussel, und behaltet unser Geheimnis fur euch.
(Er geht ab.)
Aemilia.
Um's Himmels willen, was macht der Herr sich vor Gedanken!--Wie
befindet sich Eu. Gnaden? Wie steht's um meine liebste Gnadige
Frau?
Desdemona (allein.)
Es ist billig, das mir so mitgespielt wird, sehr billig; wie hab
ich mich denn aufgefuhrt, das er nur den Schatten eines Grundes zum
allerkleinsten Mistrauen gefunden haben soll?--
Eilfte Scene.
(Jago und Aemilia zu Desdemona.)
Jago.
Was ist zu Eu. Gnaden Befehl? Wie steht's?
Desdemona.
Das kan ich nicht sagen; diejenigen, die eure Kinder ziehen, thun
es mit Freundlichkeit, und legen ihnen nicht zuviel auf; er hatte
mich ja mit Sanftmuth ausschelten konnen: Denn, die Wahrheit zu
sagen, ich bin wie ein Kind wenn ich ausgescholten werde.
Jago.
Wovon ist die Rede, Gnadige Frau?
Aemilia.
Ach, Jago, der Gnadige Herr hat sie so behurt, ihr so schmahlich
begegnet, so garstige Namen uber sie ausgegossen, das ein ehrliches
Herz es nicht ertragen kan.
Desdemona.
Verdien' ich einen solchen Namen, Jago?
Jago.
Was fur einen Namen, Gnadige Frau?
Desdemona.
Den, so sie sagte, das mir mein Mann gegeben habe.
Aemilia.
Er nannte sie eine Hure; ein betrunkner Bettler wurde sich schamen,
seinem Menschen einen solchen Namen zu geben.
Jago.
Warum that er das?
Desdemona.
Das weis ich nicht; was ich weis, ist, das ich nichts solches bin.
Jago.
Weinet nicht, weinet nicht; das ist ein leidiger Handel!
Aemilia.
Hat sie so viele grosse Partheyen ausgeschlagen--Hat sie ihren
Vater, ihr Vaterland, ihre Freunde aufgeopfert--um eine Hure
geheissen zu werden? Sollte das einen nicht weinen machen?
Desdemona.
Das ist nun mein Schiksal.
Jago.
Ihr must es nicht von ihm leiden. Wie uberfiel ihn denn dieser
Anstos?
Desdemona.
Das weis der Himmel.
Aemilia.
Ich will mich hangen lassen, wenn nicht irgend ein hollischer Bube,
irgend ein geschaftiger, raubsuchtiger Schurke, irgend ein glatter,
lekender, Schlangen-zungigter Sclave, um sich ein Verdienst bey ihm
zu machen, sie bey ihm verlastert hat; ich will mich hangen lassen,
wenn es anders ist.
Jago.
Fy, es lebt kein solcher Mann, es ist unmoglich.
Desdemona.
Wenn ein solcher Mann ist, so vergeb ihm der Himmel!
Aemilia.
Ein Strik vergeb ihm! Und der Teufel nag' ihm seine verdammten
Knochen ab! Warum soll er sie eine Hure heissen? Wer soll denn
ihr Buhler seyn? Wo? wann? wie? Wo ist auch nur eine
Wahrscheinlichkeit davon? Der Mohr ist durch irgend einen
galgenbubischen Schurken, irgend einen elenden nichtswurdigen
Erzlotterbuben belogen worden. O Himmel, das du doch solche
Gesellen an's Taglicht ziehen, und in jede ehrliche Hand eine
Geisel steken mochtest, um den Raker nakend durch die ganze Welt zu
peitschen, von einem Ende der Welt bis zum andern!
Jago.
Schreyt nur nicht so laut.
Aemilia.
O fy, die garstigen Kerls! Gerad ein solcher Schuft wars, der euch
einst den Kopf auf die unrechte Seite stellte, und euch weis machte,
das ich mit dem Mohren in heimlichem Verstandnis sey.
Jago.
Du bist nicht klug; geh, geh.
Desdemona.
Ach, Jago, sage mir, was soll ich thun um meinen Gemahl wieder zu
gewinnen? Mein guter Freund, geh, rede du mit ihm; bey diesem
Licht des Himmels, ich weis nicht, wie ich sein Herz verlohren habe.
Hier knie ich;
(sie kniet.)
Wenn jemals mein Wille in Worten, Gedanken oder in wurklicher That
sich gegen seine Pflicht aufgelehnt hat; oder wenn jemals meine
Augen, meine Ohren oder irgend einer meiner Sinne sich an einem
andern Gegenstand ergozt haben; oder wenn ich ihn nicht immer liebe,
geliebt habe, und sollt' er mich auch als eine Bettlerin von sich
verstossen, aufs zartlichste lieben werde, so komme kein Trost in
meine Seele! Unzartlichkeit kan viel thun, sie kan mich ums Leben
bringen, aber meine Liebe kan sie nicht vermindern. Ich kan nicht
sagen, Hure; es graut mir, da ich izt das Wort ausgesprochen habe;
aber das zu thun, was er bezeichnet, konnte mich die Welt mit ihrer
ganzen Masse von Eitelkeit nicht bewegen.
Jago.
Ich bitte euch, gebt euch zufrieden; es ist nur eine Laune von ihm;
die Staats-Angelegenheiten gehen ihm im Kopf herum, er ist
misvergnugt daruber, und da mus nun sein Unmuth uber euch
ausbrechen.
Desdemona.
Wenn es nur dieses ware--
Jago.
Es ist nichts anders, ich stehe dafur. (Trompeten.)
Horcht, diese Trompeten ruffen zum Nacht-Essen. Der Abgeordnete
von Venedig bleibt bey der Tafel; geht hinein und weint nicht; es
wird alles wieder gut werden.
(Desdemona und Aemilia gehen ab.)
Zwolfte Scene.
(Rodrigo (zu Jago.)
Jago.
Ha, wo kommt ihr her, Rodrigo?
Rodrigo.
Ich finde nicht, das du ehrlich mit mir zu Werke gehst.
Jago.
Wie findt ihr das?
Rodrigo.
Jeden Tag machst du mir irgend einen Dunst vor die Augen, Jago; und
ich fange endlich an zu sehen, das du, anstatt mich nur um einen
Schritt meinen Hoffnungen naher gebracht zu haben, mich weiter
zurukgesezt hast, als ich jemals war. Ich will es nicht langer
dulden; und bin auch gar nicht der Meynung so ruhig einzusteken,
was ich narrischer Weise bereits gelitten habe.
Jago.
Wollt ihr mich anhoren, Rodrigo?
Rodrigo.
Meiner Treue, ich habe nur zuviel angehort; eure Worte und eure
Thaten haben gar keine Gemeinschaft mit einander.
Jago.
Ihr beschuldiget mich mit grostem Unrecht.
Rodrigo.
Ich sage die lautre Wahrheit: Ihr habt mich um mein ganzes Vermogen
gebracht. Die Juwelen, die ihr von mir bekommen habt, um sie
Desdemonen zu uberliefern, hatten eine Vestalin verfuhren sollen.
Ihr sagtet mir, sie habe sie empfangen, und brachtet mir die
trostlichsten Versicherungen von ihrer guten Wurkung; aber ich
finde keine.
Jago.
Gut, nur weiter; sehr gut.
Rodrigo.
Sehr gut, nur weiter; ich kan nicht weiter, Herr, und es ist nicht
sehr gut; nein, ich denke, es ist boshaft, und ich fange an zu
merken, das man mich nur am Narren-Seil herumfuhrt.
Jago.
Sehr gut.
Rodrigo.
Ich sag euch, es ist nicht sehr gut. Ich will mich Desdemonen
selbst entdeken; wenn sie mir meine Juwelen wieder geben will, so
will ich klug seyn und ihr mit meiner Bewerbung nicht mehr
beschwerlich fallen: Wo nicht, so versichr' ich euch, ich will
meine Schadloshaltung an euch suchen.
Jago.
Ihr habt nun geredt--
Rodrigo.
Ja, und nichts, als was ich, meiner Seel! zu thun im Sinn habe.
Jago.
Wie, nun seh ich doch das du Feuer im Leibe hast; und von diesem
Augenblik an hab' ich eine grossere Meynung von dir als jemals.
Gieb mir deine Hand, Rodrigo; du hast alle Ursache gehabt, mir
Vorwurfe zu machen, aber ich schwore dir, das ich in der ganzen
Sache redlich an dir gewesen bin.
Rodrigo.
Es hat sich nicht gezeigt.
Jago.
Ich mus es gestehen, in der That, euer Argwohn ist nicht ohne
Wahrscheinlichkeit. Aber, Rodrigo, wenn du das hast, was ich dir
izt mit besserm Grund als jemals zutraue, (ich meyne,
Standhaftigkeit, Herz und Tapferkeit,) so zeig es diese Nacht.
Wenn du in der nachstfolgenden Nacht nicht bey Desdemonen ligen
wirst, so halte mich fur einen Verrather, und schaffe mich aus der
Welt wie du willst.
Rodrigo.
Gut, was ist es? Ist es etwas, das sich vernunftiger Weise
unternehmen last?
Jago.
Wisset, mein Herr, das eine Special-Commision von Venedig
eingetroffen ist, um den Cassio an Othello's Stelle einzusezen.
Rodrigo.
Ist das wahr? Nun, so kehren Othello und Desdemona wieder nach
Venedig zuruck.
Jago.
O nein; er geht nach Mauritanien, und nimmt seine schone Desdemona
mit sich; das geschieht unfehlbar, es muste denn etwas begegnen,
wodurch sein hiesiger Aufenthalt verlangert wurde: Und das konnte
durch nichts gewisser erhalten werden, als wenn Cassio auf die
Seite geschaft wurde.
Rodrigo.
Was nennt ihr, den Cassio auf die Seite schaffen?
Jago.
Das versteht sich von selbst; ihn unfahig machen, in Othello's
Stelle einzutreten, mit einem Wort, ihm den Hals zu brechen.
Rodrigo.
Und ihr wollt, das ich das thun soll?
Jago.
Ja, wenn ihr das Herz habt euch selbst Gutes zu thun. Er ist heute
bey einer Courtisane zu Nacht; und ich will ihm dort Gesellschaft
leisten. Er weis noch nichts von seiner Beforderung; wenn ihr dann
nur aufpassen wollt, bis er dort weggeht, (und ich will schon dafur
sorgen, das es zwischen zwolf und ein Uhr geschehen soll:) So konnt
ihr ihn mit der grosten Bequemlichkeit uberraschen. Ich will in
der Nahe seyn, euern Angriff zu unterstuzen, und wir wollen ihn
zwischen zwey Feuer kriegen. Kommt, steht nicht so besturzt da;
kommt mit mir; wir wollen von der Sache reden. Ich will euch
zeigen, das sein Tod so unumganglich nothwendig ist, das ihr euch
verbunden sehen werdet, ihn zu befordern. Es ist izt bald Nacht-
Essens-Zeit, und die Nacht nimmt uberhand--Wir mussen gehen.
Rodrigo.
Ich mus mehr Licht in dieser Sache haben--
Jago.
Das sollt ihr bekommen.
(Sie gehen ab.)
Dreyzehnte Scene.
(Othello, Lodovico, Desdemona, Aemilia und Gefolge.)
Lodovico.
Ich bitte euch, mein Herr, bemuht euch nicht weiter.
Othello.
Oh, ich bitte um Vergebung; die Bewegung wird mir wohl bekommen.
Lodovico.
Madam, gute Nacht; ich danke Eu. Gnaden unterthanig.
Desdemona.
Ihr werdet allezeit willkommen seyn, mein Herr.
Othello.
Wollt ihr gehen, mein Herr?--o, Desdemona!--
Desdemona.
Mein Gemahl--
Othello.
Geht sogleich zu Bette, ich werde bald wieder zuruk kommen; schikt
eure Bedienung hier fort; thut, was ich euch sage.
Desdemona.
Ich will, mein Gemahl.
(Lodovico und Othello gehen ab.)
Aemilia.
Wie geht es nun? Er sieht freundlicher aus als diesen Abend.
Desdemona.
Er sagt, er wolle gleich zuruk kommen, und hat mir befohlen zu
Bette zu gehen, und euch wegzuschiken.
Aemilia.
Mich wegzuschiken?
Desdemona.
Das war sein Befehl; also, meine gute Aemilia, gieb mir mein Nacht-
Zeug, und gute Nacht. Wir mussen ihm keinen Verdrus machen.
Aemilia.
Ich wollte, ihr hattet ihn nie gesehen!
Desdemona.
Das wollt' ich nicht; meine Liebe ist so wol mit ihm zufrieden, das
sogar sein murrisches Bezeugen, sein Schelten und Zurnen, eine Art
von Anmuth in meinen Augen hat. Ich bitte dich, steke mir mein
Kopfzeug ab--
Aemilia.
Ich habe die Laken, die ihr mir sagtet, auf euer Bette gelegt.
Desdemona.
Es ist all eins: Guter Himmel! Was fur alberne Geschopfe sind wir
nicht! Wenn ich vor dir sterbe, so mache mir, ich bitte dich, aus
einem dieser Tucher mein Todten-Hemde.
Aemilia.
Kommt, kommt; wie ihr redt!
Desdemona.
Meine Mutter hatte ein Kammer-Madchen, die Barbara hies; das arme
Ding war in jemand verliebt, der sie nicht wieder lieben wollte,
und da wurde sie zulezt narrisch; sie hatte ein Lied, das sich
immer mit (Weide) endigte, es war ein altes Ding, aber es schikte
sich auf ihre Umstande, und sie sang es bis in den lezten Augenblik
ihres Lebens. Ich kan mir dieses Lied diese ganze Nacht durch
nicht aus dem Sinn bringen; es braucht alles, das ich mich erwehre,
den Kopf auf eine Seite zu hangen, und es zu singen, wie die arme
Barbara. Ich bitte dich, mach' das du fertig wirst.
Aemilia.
Soll ich gehn und euern Schlaf-Rok holen?
Desdemona.
Nein, steke mich hier ab; dieser Lodovico ist ein recht artiger
Mann.
Aemilia.
Ein sehr hubscher Mann.
Desdemona.
Er spricht gut.
Aemilia.
Ich kenn' eine Dame in Venedig, die um einen Druk von seiner
Unterlippe eine Wallfahrt ins Gelobte Land gemacht hatte.
Desdemona (singt.)
Das arme Ding, sie sas und sang, an einem Baum sas sie,
Singt alle, grune Weide;
Die Hand gelegt auf ihre Brust, den Kopf auf ihrem Knie,
Singt Weide, Weide, Weide;
Der Bach, der murmelt neben ihr, in ihre Seufzer ein,
Singt Weide, Weide, Weide;
Und ihrer Thranen heisse Fluth erweichte Kieselstein;
Singt Weide, Weide, Weide;
Weide, Weide, Weide etc. Ich bitte dich, mache hurtig, er wird
alle Augenblike wiederkommen. Singt all', ein grunes Weiden-Zweig,
das mus mein Kranzchen seyn.
* * * O! tadelt nicht sein hartes Herz, mein Herz
verzeiht ihm gern;
Nein, das folgt noch nicht--Horch was klopft so?
Aemilia.
Es ist nur der Wind.
Desdemona (singt.)
Ich nannte meinen Liebsten falsch; was sagt' er denn dazu?
Singt Weide, Weide, Weide;
Ich thu mit andern Weibern schon, mit andern Mannern du. So, geh
du izt, gute Nacht; meine Augen brennen mich; bedeutet das Weinen?
Aemilia.
Das wollen wir nicht hoffen.
Desdemona.
Ich hab' es sagen gehort; o diese Manner, diese Manner! Sag mir
einmal, Aemilia, glaubst du in deinem Gewissen, das es Weiber giebt,
die ihre Manner auf eine so grobe Art hintergehen?
Aemilia.
Es giebt solche, das ist nur keine Frage.
Desdemona.
Wolltest du um die ganze Welt so was thun?
Aemilia.
Wie, thatet ihr's nicht?
Desdemona.
Nein, bey diesem himmlischen Licht!
Aemilia.
Ich bey diesem himmlischen Licht auch nicht; es liesse sich eben so
gut im Dunkeln thun.
Desdemona.
Wolltest du eine solche That um die ganze Welt thun?
Aemilia.
Die ganze Welt ist gleichwol ein hubsches ansehnliches Ding, es
war' ein feiner Preis fur ein so kleines Verbrechen.
Desdemona.
Bey meiner Treu, ich denke, du thatest es nicht.
Aemilia.
Und bey meiner Treu, ich denk', ich that' es; mit dem Vorbehalt,
das es das erste und lezte mal seyn sollte. Wahrhaftig, ich thate
so was nicht um einen Finger-Ring, noch fur ein paar Ellen Kammer-
Tuch, noch fur einen neuen Unterrok, oder eine Kappe, oder so was
armseliges; aber fur die ganze Welt! Welches Weib wollte ihren
Mann nicht zu einem Hahnrey machen, damit er Herr von der ganzen
Welt wurde? Dafur wollt' ich noch wol das Fegfeuer wagen.
Desdemona.
Ich will des Todes seyn, wenn ich so was Unrechtes um die ganze
Welt thun wollte.
Aemilia.
Wie, das Unrecht ist nur ein Unrecht in der Welt; und da ihr die
Welt fur eure Muhe bekamet, so war' es ein Unrecht in eurer Welt,
und ihr konntet es bald recht machen.
Desdemona.
Ich kan nicht glauben, das es ein solches Weib giebt.
Aemilia.
O Ja, wohl ein duzend und so viele oben drein, das sie die Welt, um
die sie spielten, bevolkern konnten. Allein, ich denke, der Fehler
ligt an den Mannern, wenn ihre Weiber fallen; gesezt, sie vergessen
ihre Pflichten gegen uns, und verschwenden an andre, was uns gehort;
oder sie brechen in eine verdriesliche Eifersucht aus, und belegen
uns mit sclavischem Zwang; oder sie schlagen uns, oder sie bringen
uns unser Vermogen durch; wahrhaftig, wir haben auch Galle, und so
sanft wir sind, so rachen wir uns doch gerne, wenn wir beleidigt
werden. Unsre Herren Manner sollen wissen, das ihre Weiber so gut
Empfindlichkeit haben als sie; sie sehen, und riechen, und haben
einen Geschmak fur sus und sauer, so gut wie ihre Manner. Was thun
sie, wenn sie uns mit andern vertauschen? Ist es Spas? Ich will
es glauben: Geschieht es aus Leidenschaft? Ich will es glauben:
Ist es eine menschliche Schwachheit? es mag auch seyn. Und haben
wir nicht auch Leidenschaften? Lieben wir den Zeitvertreib nicht
auch? Sind wir nicht so gebrechlich als sie? Sie mogen uns also
nur wohl begegnen; oder sie sollen wissen, das wenn wir sundigen,
sie unsre Lehrmeister gewesen sind.
Desdemona.
Gute Nacht, gute Nacht; der Himmel gebe mir Gnade, anstatt Boses
mit Bosem zu vertreiben, das Bose gut zu machen!
(Sie gehen ab.)
Funfter Aufzug.
Erste Scene.
(Eine Strasse vor dem Pallast.)
(Jago und Rodrigo treten auf.)
Jago.
Hier stellt euch hinter diese Fasser. Er wird augenbliklich kommen:
Deinen blossen Degen in die Hand, und dann frisch dran! Nur
munter, munter, sey unverzagt: ich will an deinem Ellenbogen seyn:
Es macht unser Gluk oder wir sind verlohren: Denk an das, und
entschliesse dich wie ein Mann.
Rodrigo.
Seyd ihr nur nahe bey der Hand, ich konnt' ihn verfehlen.
Jago.
Ich will hier stehen, es konnte nicht naher seyn; fasst, Muth und
zieh deinen Degen.
Rodrigo (indem er sich auf die Seite stellt.)
Ich gehe ungern an diese That, aber er hat mir Grunde vorgelegt,
gegen die nichts einzuwenden ist; es ist endlich nichts, als ein
einzelner Mann weniger--Heraus, mein Schwerdt; er soll sterben.
Jago (vor sich.)
Ich habe diesen armen Geken gerieben, bis er empfindlich worden ist,
er fangt an aufzubrennen. Nun mag er den Cassio ermorden, oder
Cassio ihn, oder einer den andern, so find' ich allemal meine
Rechnung dabey--Gut, aber wenn Rodrigo lebt, so wird er mich
anhalten, ihm die Menge Gold und Juwelen wieder zu erstatten, die
ich ihm als Geschenke fur Desdemona, abpracticiert habe? Das mus
nicht seyn--Bleibt Cassio ubrig, so macht mir der Anblik seines
Gluks meinen Zustand unertraglich; und uberdem, konnte mich der
Mohr verrathen; da kam' ich in saubere Ungelegenheiten; nein,
sterben soll er! So mus es seyn; ich hor' ihn kommen. (Cassio
tritt auf.)
Rodrigo.
Den Gang kenn' ich; es ist Er: Schelm, du must sterben.
(Er fallt den Cassio an, und bringt ihm einen Stos bey.)
Cassio.
Dieser Stos hatte mir in der That ubel bekommen konnen, wenn mein
Kleid nicht besser gefuttert ware als du wustest: Nun will ich
sehen, wie das deinige die Probe halt.
(Er ficht mit Rodrigo; Jago haut den Cassio von hinten in die Beine,
und entlauft; Rodrigo und Cassio fallen.)
Rodrigo.
O, ich bin des Todes.
Cassio.
Ich bin auf immer zum Krippel gemacht; Hulfe, he! Morder! Morder!
Zweyte Scene.
(Othello erscheint am Fenster.)
Othello (vor sich.)
Das ist Cassio's Stimme--Jago halt sein Wort.
Rodrigo.
Oh, Bosewicht, der ich bin!
Othello.
Das ist wol nicht anders.
Cassio.
Oh, Hulfe, Hulfe! he! Licht! einen Wund-Arzt!
Othello.
Es ist Er! O braver, ehrlicher, redlicher Jago, den das erlittne
Unrecht seines Freundes in einen so edlen Eifer sezt! Du lehrst
mich--Pupchen, euer Liebling ist todt; und eure Stunde eilt heran--
Ich komme, Meze--Deine Reizungen, deine Blike, dein Lacheln, sind
aus meinem Herzen ausgewischt; und in deinem Bette, dem Schau-Plaz
deiner zugellosen Lust, soll deine Straffe dich erhaschen!
(Er geht ab.)
Dritte Scene.
(Lodovico und Gratiano treten in der Ferne auf.)
Cassio.
Wie dann, he! Ist kein Wachter, ist kein Mensch da? Morder,
Morder!
Gratiano.
Es ist irgend ein Unheil begegnet; die Stimme ist graslich.
Cassio.
O Hulfe!
Lodovico.
Horcht!
Rodrigo.
O elender Bosewicht!
Lodovico.
Ich hore zween oder drey wehklagen. Es ist stokfinster; es konnte
Verstellung seyn: Es ist nicht sicher, naher hinzugeben, da unsrer
nur zween sind. (Jago, in seinem Hemd, mit gezognem Degen und
einem Licht, tritt auf.)
Lodovico.
Horcht.
Gratiano.
Hier kam einer in blossem Hemde, mit einem Licht und gezognem Degen.
Jago.
Wer ist hier? Wer ruft Morder?
Lodovico.
Das wissen wir nicht.
Jago.
Hort ihr nicht schreyen?
Cassio.
Hier, hier: Um's Himmels willen, helft mir.
Jago.
Was giebt's hier?
Gratiano (zu Lodovico.)
Wie mich daucht, so ist dieser hier Othello's Fahndrich.
Lodovico.
Er ist's, in der That, ein wakrer herzhafter Camerad.
Jago.
Wer seyd ihr hier, die ein so klagliches Geschrey erheben?
Cassio.
Jago?--O ich bin gestummelt, von Banditen zum elenden Manne gemacht-
-Kommt mir zu Hulfe!
Jago.
Gott sey bey uns! Lieutenant! Was fur Bosewichter haben das
gethan?
Cassio.
Ich denke, einer davon ligt hier, und kan sich nicht davon machen.
Jago.
Die meuchelmordrischen Schurken! (zu Lodovico und Gratiano.)
Wer seyd ihr hier? Kommt naher, und helft.
Rodrigo.
O, helft mir hier.
Cassio.
Das ist einer von ihnen.
Jago.
Du mordrischer Sclave! du Raker!
(Er giebt dem Rodrigo vollends den Rest.)
Rodrigo.
O verruchter Jago! unmenschlicher Hund!
Jago.
Leute im Dunkeln zu ermorden! Wo sind diese blutige Diebe? Wie?
diese Stadt ist ja so still als wenn alles ausgestorben ware! He!
Mord! Mord!--Wer seyd wohl ihr? Seyd ihr ehrliche Leute oder--
Lodovico.
Qualificiert uns, wie ihr uns findet.
Jago.
Signor Lodovico?--
Lodovico.
Er selbst, mein Herr.
Jago.
Ich bitte tausendmal um Vergebung! Hier ligt Cassio, von
Meuchelmordern verwundet.
Gratiano.
Cassio?
Jago.
Wie steht's um dich, Bruder?
Cassio.
Mein Bein ist entzwey gehauen.
Jago.
Das verhute der Himmel! Licht, meine Herren, ich will ihn mit
meinem Hemde verbinden.
Vierte Scene.
(Bianca zu den Vorigen.)
Bianca.
Was ist hier fur ein Lerm? He, wer ist der, so ruft?
Cassio.
Wer ist der, so ruft?
Bianca.
O mein liebster Cassio! Mein susser Cassio! O, Cassio, Cassio!
Cassio!
Jago.
O merkwurdige Meze! Cassio, konnt ihr nicht errathen, wer
diejenigen seyn mogen, die euch so zugerichtet haben?
Cassio.
Nein.
Gratiano.
Es bekummert mich sehr, euch so zu finden. Ich war im Begriff,
euch aufzusuchen.
Jago.
Lehnt mir ein Knieband. So--O wenn wir nur einen Lehn-Sessel
hatten, um ihn bequemer wegzutragen!
Bianca.
O Himmel, er wird ohnmachtig. O Cassio, Cassio, Cassio!
Jago.
Meine Herren allerseits; ich hab' eine Vermuthung, das dieser
Bundel hier Antheil an dem verubten Bubenstuk haben mochte. Ein
wenig Geduld, lieber Cassio; kommt, kommt: Leiht mir das Licht:
Kennen wir dieses Gesicht oder nicht? O Himmel! Mein Freund, mein
liebster Landsmann? Rodrigo? Nein: ja, wurklich: ja, es ist
Rodrigo.
Gratiano.
Wie, von Venedig?
Jago.
Eben er, mein Herr; kanntet ihr ihn?
Gratiano.
Ob ich ihn kannte? Ah!
Jago.
Signor Gratiano! Ich bitte Eu. Gnaden sehr um Vergebung: Die
Verwirrung bey einem so blutigen Auftritt mus die Entschuldigung
meiner Unhoflichkeit machen.
Gratiano.
Ich erfreue mich euch zu sehen.
Jago.
Wie geht's euch, Cassio? O, einen Arm-Sessel! Einen Arm-Sessel!
Gratiano.
Rodrigo?
Jago.
Er, Er, es ist Er--Wenn wir nur einen Sessel hatten, damit man ihn
ohne Erschutterung von hier wegbringen konnte; ich will den Wund-
Arzt des Generals holen. Ihr, Mamsel, konn't eure Muhe sparen.
Der Mann, Cassio, der hier in seinem Blute ligt, war mein bester
Freund. Was fur ein Misverstandnis war denn zwischen euch?
Cassio.
Keines in der Welt; ich kenn' ihn nicht einmal.
Jago.
Wie? Ihr seht ganz bleich aus?--Oh, tragt ihn doch aus der freyen
Luft!--Bleibt doch hier, meine Gnadige Herren--
(Zu Bianca.)
Seht ihr blas aus, Mamsel?--Merkt ihr meine Herren, wie verstort
ihre Augen herumfahren? Gut, gut, das bedeutet was, wir werden
bald mehr horen. Betrachtet sie recht, ich bitte euch, seht sie an;
seht ihr, meine Herren? O, ein boses Gewissen wird reden, wenn
alle Sprachen abgegangen waren.
Funfte Scene.
(Aemilia zu den Vorigen.)
Aemilia.
Ums Himmels willen, was giebt's hier? Was giebt's hier, Mann?
Jago.
Cassio ist hier im Dunkeln von Rodrigo und seinen Gesellen, welche
entsprungen sind, angefallen worden; er ist ubel verwundet, und
Rodrigo todt.
Aemilia.
O Jammer! der arme Cavalier! der arme, gute Cassio!
Jago.
Das sind die Fruchte vom Huren-Leben--Ich bitte dich, Aemilia, geh,
frage den Cassio, wo er heute zu Nacht gegessen habe--
(zu Bianca.)
Wie, zittert ihr vor dieser Frage?
Bianca.
Er as in meinem Hause zu Nacht, aber ich zittre nicht deswegen.
Jago.
O, that er das?--ich arretiere euch hier--kommt mit mir.
Aemilia.
O fy, die garstige Hure!
Bianca.
Ich bin keine Hure, ich bin eine so ehrliche Frau als ihr, die mich
so beschimpfst!
Aemilia.
Als ich? Pfuy, das garstige Ding!
Jago.
Meine liebsten Herren, wir wollen dafur sorgen, das Cassio
verbunden wird. Kommt, Mamsell, wir wollen euch schon die Zunge
losen. Aemilia, lauft ihr in die Citadelle, und sagt dem General
und der Gnadigen Frauen was begegnet ist: Wollt ihr voran gehen?--
(vor sich.)
Der Ausgang dieser Nacht wird mein Gluk oder meinen Untergang
entscheiden.
(Sie gehen ab, Jago zulezt.)
Sechste Scene.
(Ein Schlaf-Zimmer. Desdemona in einem Bette, wovon der Vorhang
halb weggezogen ist.)
(Othello tritt mit einem Degen in einer, und einem Licht in der
andern Hand auf.)
Othello.
Die Beleidigung ist zu gros, zu gros, meine Seele--Last sie mich
nicht vor euch nennen, ihr keuschen Sterne! Sie ist zu gros!--Und
doch will ich ihr Blut nicht vergiessen, noch diese ihre Haut
zerrizen, die weisser als Schnee, und so glatt wie Alabaster ist.
(Er legt seinen Degen nieder.)
Und doch mus sie sterben; sie wurde sonst noch mehr Unglukliche
machen. Das Licht ausgeloscht, und dann--Das Licht ausloschen--O
du dienstbare Flamme, wenn ich dich auslosche, und es gereut mich,
so kan ich dir dein Licht wieder geben: Aber wenn (dein) Licht
einmal ausgeblasen ist, du vollkommenstes Modell der sich selbst
ubertreffenden Natur, so weis ich nicht, wo dieser prometheische
Funke ist, der es wieder anzunden kan--
(Er stellt das Licht hin.)
Wenn ich deine Rose abgepflukt habe, so kan ich ihr den belebenden
Geist nicht wiedergeben; sie mus verwelken--Ich will dich noch am
Stoke riechen--
(Er kust sie.)
--O du balsamischer Athem, fast konntest du die Gerechtigkeit
bewegen ihr Schwerdt zu zerbrechen--Noch einen; noch einen--Sey so,
wenn du todt bist, und ich will dich erst ermorden, und dann lieben--
noch einen, der soll der lezte seyn--Holdseliges Geschopf, wie
Schade, das du sterben sollst! Ich mus weinen, aber es sind
grausame Thranen--Sie weinen auf die Hand, die dir den Tod bringt--
Sie erwacht.
Desdemona.
Wer ist hier? Othello?
Othello.
Ja, Desdemona.
Desdemona.
Wollt ihr zu Bette kommen, mein Gemahl?
Othello.
Habt ihr euer Nachtgebet gebetet, Desdemona?
Desdemona.
Ja, mein Herr.
Othello.
Wenn ihr euch noch irgend eines Verbrechens erinnert, woruber ihr
euch mit dem Himmel noch nicht ausgesohnt habt, so saumt euch nicht,
um seine Gnade zu flehen.
Desdemona.
O Gott! was meynt ihr mit dieser Aufforderung?
Othello.
Gut, thu es, und machs kurz; ich will bey Seite gehen. Ich mochte
dich nicht unbereitet uberraschen, nein, (der Himmel bewahre mich
davor!) ich mochte deine Seele nicht ermorden.
Desdemona.
Redet ihr von ermorden?
Othello.
Ja, das thu ich.
Desdemona.
So erbarme sich der Himmel uber mich!
Othello.
Amen, von ganzem Herzen.
Desdemona.
Wenn ihr so sagt, so werdet ihr mich doch nicht umbringen wollen.
Othello.
Hum!
Desdemona.
Und doch furcht' ich euch; ihr seyd gefahrlich, wenn eure Augen so
rollen. Warum ich mir forchten soll, weis ich nicht, da ich mir
keiner Schuld bewust bin; und doch fuhl' ichs, das mir bang ist.
Othello.
Denk an deine Sunden.
Desdemona.
Ich kenne keine, als die zu grosse Liebe, die ich zu euch trage.
Othello.
Ja, und davor must du sterben.
Desdemona.
Das ist unnaturlich, Liebe mit dem Tode zu bestrafen. O Gott!
Warum beist ihr so in eure Unter-Lippe? Irgend ein blutiges
Vorhaben erschuttert euern ganzen Bau; das sind furchterliche
Vorbedeutungen; und doch hoff' ich, ich hoffe, sie zielen nicht auf
mich.
Othello.
Schweig, und sey still.
Desdemona.
Ich will; was habt ihr dann?
Othello.
Das Schnupftuch, das mir so lieb war, und das ich dir gab, gabst du
dem Cassio?
Desdemona.
Nein, bey meinem Leben und meiner Seele; schikt nach ihm, und fragt
ihn.
Othello.
Holde Seele, nimm dich in Acht, nimm dich vor Meineyd in Acht; du
bist auf deinem Tod-Bette.
Desdemona.
Ja, aber doch noch nicht izt zu sterben.
Othello.
Diesen Augenblik; entlade dich also durch ein aufrichtiges
Bekenntnis deiner Sunde; denn wenn du auch jeden Artikel mit einem
Eyde laugnen wurdest, so wurd' es unvermogend seyn, die tiefe
Ueberzeugung zu erschuttern, die mir diesen Seufzer erprest. Du
must sterben.
Desdemona.
O Himmel, erbarme dich meiner!
Othello.
Ich sag, Amen.
Desdemona.
Und erbarmt ihr euch auch!--Nie, in meinem Leben hab ich euch nie
beleidigt; niemals diesen Cassio geliebt, als mit dieser
allgemeinen Liebe, die der Himmel selbst billigt und fordert. Ich
gab ihm niemalen kein Andenken.
Othello.
Beym Himmel, ich sah mein Schnupftuch in seiner Hand. O
meineydiges Weibsbild! du versteinerst mein Herz! du machst, das
ich das was ich zu thun vorhabe, einen Mord nennen mus, da ich es
fur ein Opfer hielt. Ich sah das Schnupftuch.
Desdemona.
So hat er's also gefunden; ich gab' es ihm nie; schikt nach ihm,
last ihn die Wahrheit gestehen.
Othello.
Er hat gestanden.
Desdemona.
Was, mein Gemahl?
Othello.
Das er--mit dir zu thun gehabt--
Desdemona.
Wie, auf eine unerlaubte Art?
Othello.
Ja.
Desdemona.
Das kan er nicht sagen.
Othello.
Nein, sein Mund ist verstopft. Der ehrliche Jago hat davor gesorgt.
Desdemona.
Wie, ist er todt?
Othello.
War' in jedem seiner Haare ein eignes Leben gewesen, meine grosse
Rache hatte Zorn genug fur alle gehabt.
Desdemona.
O Gott, so ist er verrathen, und ich bin verlohren!
Othello.
Weg mit dir, Schandhure! Weinst du vor meinen Augen um ihn?
Desdemona.
Verbanne mich, lieber Mann, todte mich nur nicht.
Othello.
Hinab, unzuchtiger Balg!
Desdemona.
Todte mich morgen, las mich nur diese Nacht noch leben.
Othello.
Nein, wenn du dich straubst--
Desdemona.
Nur noch eine halbe Stunde.
Othello.
Schweige, du bekommst keinen Aufschub.
Desdemona.
Nur so lang ich ein Vater Unser beten kan.
Othello.
Es ist zu spat.
(Er erstekt sie.)
Siebende Scene.
(Aemilia, vor der Thure.)
Aemilia.
Gnadiger Herr, Gnadiger Herr! He! Gnadiger Herr!
Othello.
Was fur ein Getos ist das?--Noch nicht todt? noch nicht vollig
todt? So grausam ich bin, bin ich doch barmherzig; ich wollte dich
nicht gern lang leiden lassen--So, so.
Aemilia (vor der Thure.)
Wie? he! Gnadiger Herr! Gnadiger Herr!
Othello.
Wer ist da?
Aemilia.
O mein lieber Gnadiger Herr, ich mochte nur ein Wort mit euch reden.
Othello.
Ja, es ist Emilia--In einem Augenblik--sie ist todt--Vermuthlich
wird sie mir die Nachricht von Cassios Tode bringen--Der Lerm war
gros--Ha, du ruhrst dich nicht mehr? Still wie ein Grab. Soll ich
sie hereinlassen? War' es gut? Mich daucht, sie ruhrt sich wieder-
-Nein--Was ist das Beste? Wenn sie herein kommt, so wird sie mit
meinem Weibe reden wollen; meinem Weib? Meinem Weib? Was fur
einem Weib? Ich habe kein Weib--O Unertraglich! o bange Stunde!
Mich daucht, es sollte izt eine dichte Verfinsterung der Sonne und
des Monds seyn, und der geschrekte Erdball sollte vor Entsezen
beben--
Aemilia.
Ich bitte euch, nur ein paar Worte, ach; mein lieber Gnadiger Herr!
--
Othello.
Ich hatte dich vergessen; oh, komm herein, Aemilia. Sachte,
augenbliklich, ich mus nur erst den Vorhang ziehen.--Wer bist du?
Was willst du?
(Er riegelt die Thur auf.)
(Aemilia kommt herein.)
Aemilia.
Ach, Gnadiger Herr, es ist eine greuliche Mordthat begangen worden!
Othello.
Wie? izt?
Aemilia.
Eben izt, Gnadiger Herr.
Othello.
Da hat der Mond die Schuld; er ist der Erde naher gekommen als
seine Gewohnheit ist, und nun werden alle Leute toll.
Aemilia.
Cassio hat einen jungen Venetianer, Rodrigo genannt, umgebracht.
Othello.
Rodrigo umgebracht? und Cassio umgebracht?
Aemilia.
Nein, Cassio ist nicht todt.
Othello.
Cassio ist nicht todt? So ist die Rache nur halb befriedigt.
Desdemona.
O unbillig, unbillig ermordet!--
Aemilia.
Gott helf uns! was fur ein Geschrey ist das?
Othello.
Das? Was?
Aemilia.
O Himmel, es war meiner Gnadigen Frauen Stimme. Zu Hulfe, zu Hulfe!
He! zu Hulfe! O Gnadige Frau, redet weiter; englische Desdemona,
o meine theureste Gebieterin, redet!
Desdemona.
Ich sterbe unschuldig.
Aemilia.
O, wer hat diese entsezliche That gethan?
Desdemona.
Niemand, ich selbst, lebe wohl; bringe meinem gutigen Gemahl meinen
lezten Grus; o, lebe wohl.
(Sie stirbt.)
Othello.
Wie, wie sollte sie ermordet worden seyn?
Aemilia.
O Gott! wer weis das?
Othello.
Ihr hortet's, sie sagte selbst, ich sey's nicht gewesen.
Aemilia.
Sie sagte so, ich kan nichts anders sagen.
Othello.
Sie ist als eine Lugnerin zur Holle gefahren; ich war's, der sie
ermordete.
Aemilia.
Oh, desto mehr Engel ist sie nun, und du ein desto schwarzerer
Teufel.
Othello.
Sie ergab sich der Leichtfertigkeit, sie war eine Hure.
Aemilia.
Du lasterst sie, du bist ein Teufel.
Othello.
Sie war falsch wie Wasser.
Aemilia.
Und du bist rasch wie Feuer, wenn du das sagst. Oh, sie war ein
Engel von Unschuld.
Othello.
Sie lies sich von Cassio deken; frag deinen Mann, wenn du's nicht
glauben willst. Welcher Abgrund in der flammenden Holle ware tief
genug fur mich, wenn ich ohne die starksten Grunde so weit gegangen
ware? Dein Mann weis alles.
Aemilia.
Mein Mann?
Othello.
Dein Mann.
Aemilia.
Das sie ihrem Ehbett untreu war?
Othello.
Ja, mit Cassio. Ware sie treu gewesen, glaube mir, wenn mir der
Himmel noch eine solche Welt, wie diese, aus einem einzigen ganzen
Chrysolith hatte machen wollen, ich hatte sie nicht darum gegeben.
Aemilia.
Mein Mann!
Othello.
Ja, er war's, der mir die erste Nachricht davon gab. Er ist ein
ehrlicher Mann, und ein Feind schandlicher Thaten.
Aemilia.
Mein Mann!
Othello.
Wozu soll diese doppelte Ausruffung, Weib? Ich sage, dein Mann.
Aemilia.
O meine Gebieterin! Arglistige Bosheit hat die eifersuchtige Liebe
betrogen, und du bist das Opfer. Mein Mann soll gesagt haben, sie
sey ungetreu!
Othello.
Er, Weibsbild; ich sage, dein Mann; verstehst du das Wort? Mein
Freund, dein Mann, der ehrliche, rechtschaffne Jago.
Aemilia.
Wenn er das sagt, so verderbe seine verruchte Seele in langsam
marternden Qualen! Er lugt's in sein Herz hinein! Nur zu sehr
liebte sie den hassenswurdigen Teufel, mit dem sie sich beladen
hatte.
Othello.
Ha!--
Aemilia.
Thu dein argstes; diese greuliche That, die du gethan hast, ist den
Himmel nicht mehr werth, wie du ihrer werth warst.
Othello.
Schweigen ware das rathsamste fur dich.
Aemilia.
Du kanst nicht halb so geneigt seyn, mir Leid anzuthun, als ich es
wunsche: o Erzbetruger! o dummer Kerl! dumm wie Mist! du hast
eine That gethan--ich frage nichts nach deinem Degen, ich will
bekannt machen wer du bist, und wenn ich zwanzig Leben zu
verliehren hatte--Hulfe! Hulfe! He! Hulfe! Der Mohr hat meine
Frau umgebracht. Hulfe, Hulfe!
Achte Scene.
(Montano, Gratiano, Jago und andre treten auf.)
Montano.
Was giebt es hier? Wie, was bedeutet das, General?
Aemilia.
O, seyd ihr auch da, Jago? Ihr habt es weit gebracht, das die
Leute ihre Mordthaten auf euern Hals schieben.
Gratiano.
Was soll dieses bedeuten?
Aemilia.
Wiedersprich diesem Bosewicht, wenn du ein Mann bist; er giebt aus,
du habest ihm gesagt, seine Frau sey untreu gewesen: Ich bin gewis,
du hast es nicht gesagt; du bist kein solcher Bube! Rede, mein
Herz ist so voll, das es zerspringen wird.
Jago.
Ich sagte ihm was ich dachte; und nicht mehr, als er selbst
glaubwurdig und wahr befand.
Aemilia.
Aber sagtet ihr ihm jemals, sie sey untreu?
Jago.
Ja, das that ich.
Aemilia.
So sagtet ihr eine Luge. eine hassenswurdige, verdammte Luge; auf
meine Seel', eine Luge; eine verfluchte Luge. Sie untreu mit
Cassio? Sagtet ihr, mit Cassio?
Jago.
Mit Cassio, Frau; geht, geht, und last euch eure Zunge legen.
Aemilia.
Das will ich nicht; ich will, ich mus reden; es ist meine Pflicht,
das ich rede. Meine Frau ligt hier ermordet in ihrem Bette.
Alle.
Das wolle der Himmel nicht!
Aemilia.
Und eure Ohrenblasereyen sind der Antrieb zu diesem Mord gewesen.
Othello.
Nein, seht nicht so erschroken aus, meine Herren; es ist wahr, es
ist wurklich so.
Gratiano.
Das ist eine verwunschte Wahrheit.
Montano.
O ungeheure That!
Aemilia.
Buberey! Schandliche versuchte Buberey! Ich seh--ich rieche sie--
Verdammte Buberey!--Ich dachte gleich--O, ich mochte vor Schmerz
Hand an mich selbst legen--o Buberey! Buberey!
Jago.
Wie, seyd ihr toll? Ich befehls euch, pakt euch heim.
Aemilia.
Meine liebe Herren, erlaubt mir das ich reden darf, ich bin ihm
sonst Gehorsam schuldig, aber nicht izt: Vielleicht, Jago, werd'
ich nie wieder heim gehen.
Othello.
O! O! O!
(Er sinkt auf das Bette.)
Aemilia.
Ja, leg dich nur hin, und heule: Du hast die liebenswurdigste
Unschuldige umgebracht, die jemals geathmet hat.
Othello (auffahrend.)
O, sie war lasterhaft!--Ich erkenn' euch erst izt, Oheim; hier ligt
eure Nichte, deren Athem, ich bekenn' es, diese Hande nur eben
gestopft haben; ich weis es, diese That sieht graslich aus.
Gratiano.
Arme Desdemona! Ich bin froh, das dein Vater todt ist: Deine
Heurath kurzte ihm das Leben ab. Lebte er noch, dieser Anblik
wurde ihn zur Verzweiflung treiben; ja, er wurde seinen guten Engel
von seiner Seite wegfluchen, und in Verzweiflung sterben.
Othello.
Es ist erbarmenswurdig; aber Jago weis es, das sie die schaamvolle
That mit Cassio wol tausendmal begangen hat. Cassio hat es
eingestanden; und zu Vergeltung seiner Liebes-Proben gab sie ihm
das, womit ich ihr das erste Geschenk gemacht hatte; ich sah es in
seiner Hand; es war ein Schnupftuch, ein altes Andenken, das mein
Vater meiner Mutter gegeben hatte.
Aemilia.
O Himmel! O himmlische Machte!
Jago.
Schweig, sag ich dir!
Aemilia.
Es mus heraus, es mus heraus--Ich, schweigen? Last Engel, Menschen
und Teufel, last sie alle, alle, alle Schaam uber mich schreyen,
wenn ich nicht rede.
Jago.
Sey klug und geh heim.
(Jago will sein Weib ermorden, und wird zuruk gehalten.)
Gratiano.
Fy, euern Degen gegen ein Weibsbild!
Aemilia.
O du dummer Mohr! Dieses Schnupftuch, wovon du redst, fand ich von
ungefehr, und gab es meinem Manne, der mich gar oft aufs
instandigste, angelegenste, (mehr, in der That, als eine solche
Kleinigkeit werth war,) bat, das ich es stehlen mochte.
Jago.
Verfluchte Hure!
Aemilia.
Sie soll es dem Cassio gegeben haben? Weh mir! ich fand es, und
gab es meinem Manne!
Jago.
Rabenaas! du lugst.
Aemilia.
Beym Himmel! ich luge nicht; ich luge nicht, meine Herren; o du
meuchelmordrischer Dummkopf! Was sollte ein solcher Narr mit einer
so vortreflichen Frau machen?
(Jago bricht los, verwundet seine Frau, und entspringt.)
Othello.
Sind keine Donnerkeile mehr im Himmel? Wozu nuzt dann der Donner?
Unerhorter Lotterbube!
Gratiano.
Sie fallt; er hat sein Weib umgebracht--
Aemilia.
Ja, ja; oh, legt mich an meiner Frauen Seite.
Gratiano.
Seine Frau ist ermordet, und er ist entlauffen.
Montano.
Das ist ein entsezlicher Bosewicht; nehmt diesen Degen in
Verwahrung, damit ihn der Mohr nicht erhasche; kommt, besezt die
auswendigen Thuren, last ihn nicht durch; todtet ihn eher; ich
selbst will diesem Bosewicht nach; es ist ein verdammter Geselle!
(Montano und Gratiano gehen ab.)
Neunte Scene.
Othello.
Ich bin auch nicht mehr tapfer; ein jeder kleiner Klopffechter
nimmt mir meinen Degen weg. Aber warum sollte die Ehre die Tugend
uberleben? Last immer alles dahin fahren!
Aemilia.
Was bedeutete dein Gesang, meine Gebieterin? Hore, kanst du mich
horen? Ich will den Schwanen machen, und singend sterben; (Weide,
Weide, Weide--)--Mohr, sie war keusch; sie liebte dich, grausamer
Mohr; so sehe mein Geist die Seligkeit, wie ich die Wahrheit rede,
und diese Wahrheit--sey mein leztes Wort--
(Sie stirbt.)
Othello.
Ich habe noch einen andern Degen in diesem Zimmer, eine Spanische
Klinge, mit Wasser aus dem Ebro gestahlt; o, hier ist sie: Oheim,
ich mus hinaus.
Gratiano (vor der Thure.)
Wenn du es versuchst, wird es dir theuer zu stehen kommen; du hast
kein Gewehr, und sollst dich unterwerfen, du magst wollen oder
nicht.
Othello.
So schau zu mir herein und rede mit mir, oder ich will ohne Gewehr
uber dich.
(Gratiano kommt herein.)
Gratiano.
Was wollt ihr?
Othello.
Seht! ich hab ein Gewehr; ein schoneres hieng niemals an eines
Soldaten Hufte. Ich habe den Tag gesehen, da ich mit diesem
kleinen Arm, und diesem guten Degen mir durch mehr Hinternisse
einen Weg machte, als zwanzig solche Wachter wie ihr seyd. Aber, o
eitle Pralerey! Wer kan uber sein Schiksal Meister werden? Es ist
nun ein anders. Erschreket nicht, ob ihr mich gleich bewaffnet
sehet; hier ist das Ende meiner Fahrt, hier ist mein Ziel, die
ausserste Marke, die mein leztes Segel noch erreichen kan--tretet
ihr erschroken zuruk? Es ist eine vergebliche Furcht: Zuket nur
ein Schilfrohr gegen Othello's Brust, so wird er sich zurukziehen.
Wo sollte Othello hin gehen? Nun--
(Er sieht auf Desdemona.)
--Wie siehst du nun aus? Unglukliches Geschopf! wie bleich! Wenn
wir vor Gericht zusammen kommen, wird diese Mine, die du hast,
meine Seele vom Himmel herabschleudern, und Teufel werden sie
auffangen--Kalt, kalt, mein Madchen; kalt, wie deine Keuschheit--O
verfluchter Sclave! Peitscht mich, ihr bosen Geister, peitscht
mich vom Genus dieses himmlischen Anschauens weg; zerstaubt mich in
die Winde, rostet mich in Schwefel, wascht mich in bodenlosen
Schlunden von flussigem Feuer--O Desdemona! Desdemona! todt!
todt! oh, oh!
Zehnte Scene.
(Lodovico, Cassio, der hereingefuhrt wird, Montano, Jago gebunden,
und einige Officiers, zu den Vorigen.)
Lodovico.
Wo ist dieser rasche und hochst unglukliche Mann?
Othello.
Das ist der, der einst Othello war, hier bin ich.
Lodovico.
Wo habt ihr diese Viper? Bringt den Buben hervor!
Othello.
Ich seh ihm auf die Fusse; aber das ist eine Fabel. Wenn du ein
Teufel bist, so kan ich dich nicht todten.
(Othello stost nach Jago, und verwundet ihn.)
Lodovico.
Windet ihm seinen Degen aus den Handen.
Jago.
Ich blute, Herr, aber ich lebe noch.
Othello.
Auch ist es mir nicht leid; ich will das du lebest; du verdienst
nicht, so gluklich zu seyn und zu sterben.
Lodovico.
O du, Othello, einst ein so vortrefflicher Mann--nun in die
Fallstrike eines verruchten Sclaven gefallen--was soll man zu dir
sagen?
Othello.
Wie, was man will; das ich ein ehrlicher Morder sey, wenn ihr wollt:
Denn was ich that, that ich nicht aus Has, sondern meine Ehre zu
rachen.
Lodovico.
Dieser Unselige hat einen Theil seines Bubenstuks eingestanden:
Beschlosset ihr und er mit einander, den Cassio zu ermorden?
Othello.
Ja.
Cassio.
Mein theurer General, ich gab euch niemals Ursache dazu.
Othello.
Ich glaub es, und bitte euch um Vergebung: Wollt ihr, ich bitte
euch, diesen Halb-Teufel fragen, warum er meinen Leib und meine
Seele so verstrikt habe?
Jago.
Fragt mich nichts; was ihr wist, das wist ihr; von diesem Augenblik
an soll kein Wort mehr aus meinem Munde gehen.
Lodovico.
Wie? Auch nicht zum Beten?
Gratiano.
Foltern sollen dir den Mund schon aufthun.
Othello.
Gut, du thust am besten.
Lodovico.
Mein Herr, mich daucht, ihr seht noch nicht klar in der Sache;
diese zween Briefe, die man in des erschlagenen Rodrigo Tasche
gefunden, werden euch aus dem Wunder helfen. Einer davon enthalt
die Ermordung des Cassio, welche Rodrigo auf sich nehmen sollte--
Othello.
O Bosewicht!
Cassio.
Mehr als heidnisch!
Lodovico.
Und hier ist der andre, die Antwort, die, dem Ansehen nach, Rodrigo
ihm zugeschikt haben wollte, wenn Jago nicht indessen selbst
gekommen und ihn befriediget hatte.
Othello.
O du verpesteter Bube!--Wie kam't ihr zu meines Weibs Schnupftuch,
Cassio?
Cassio.
Ich fand es in meiner Kammer, und er gestuhnd uns eben izt, das er
es in einer besondern Absicht daselbst hingeworfen habe, welche er
auch nach Herzens-Lust erreicht habe.
Othello.
O Narr! Narr! Narr! der ich war!
Cassio.
Hier ist auch noch in Rodrigo's Briefe, wie er ihm vorwirft, das er
ihn vermocht habe, mich auf der Wache zu beschimpfen; welches die
Gelegenheit dazu gab, das ich cassiert wurde: Und eben erst, da er
nach einer langen Ohnmacht, worinn er fur todt gehalten wurde,
wieder zu sich selbst kam, sagte er, Jago selbst habe ihm den Rest
gegeben.
Lodovico (zu Othello.)
Ihr must nun diesen Ort verlassen, und mit uns gehen: Eure Gewalt
ist euch abgenommen, und Cassio regiert nun in Cypern. Was diesen
Sclaven betrift, wenn irgend eine sinnreiche Marter ausgedacht
werden kan, die ihn die grausamste Pein leiden mache, ohne ihn zu
bald aufzureiben, so wartet sie auf ihn. Ihr, Othello, sollt in
enger Verwahrung bleiben, bis die Beschaffenheit eures Vergehens
der Regierung von Venedig bekannt gemacht seyn wird. Kommt, fuhret
ihn hinweg.
Othello.
Sachte; ein paar Worte, eh ihr geht. Ich habe dem Staat einige
Dienste geleistet, und sie wissen's: Nichts mehr davon. Ich bitte
euch, wenn ihr in euern Briefen diese unglukliche Geschicht'
erzahlet, so redet von mir wie ich bin; verkleinert meine Fehler
nicht, aber macht mich auch nicht schlimmer als ich war. Redet
also von einem, der nicht weislich liebte, aber zu sehr; von einem
der nicht leicht eiferte; aber nachdem er einmal von dieser
Leidenschaft ergriffen war, keine Grenzen kannte; von einem, dessen
Hand gleich dem verworfnen Juden (Herodes) eine Perle wegwarf,
deren unschazbaren Werth sein ganzer Stamm nicht bezahlen konnte;
von einem dessen ungewohnte Augen, ihr gleich Arabiens Balsam-
Staude Thranen, Jammer-lindernde Thranen quellen sahet. Dieses
schreibet, und sezt hinzu, das ich einst in Aleppo, wo ein
boshafter, schelmischer Turke einen Venetianer schlug und auf den
Staat schimpfte, den beschnittnen Hund bey der Gurgel gefast, und
ihn so gekizelt habe.
(Er ersticht sich.)
Lodovico.
O blutige Nacht!
Gratiano.
Hier verliehren Worte alle ihre Kraft!
Othello (zu Desdemona.)
Ich kuste dich, eh ich dich todtete; nun ist nichts ubrig, als da
ich mich selbst getodtet habe, mit einem Kus zu sterben.
(Er sinkt auf Desdemonens Leiche und stirbt.)
Cassio.
Das besorgte ich, aber ich glaubte nicht, das er ein Gewehr habe;
er hatte ein grosses Herz.
Lodovico (zu Jago.)
O Spartanischer Hund, verderblicher als Pest, Hunger, oder die
tobende See! Schau auf die jammervolle Last dieses Bettes hin; das
ist dein Werk; der grasliche Anblik vergiftet das Gesicht--Last ihn
verhullen, Gratiano. Behaltet das Haus, und bemachtigt euch des
Vermogens des Mohren, denn ihr seyd sein Erbe.
(Zu Cassio.)
Euch, Herr Statthalter, verbleibt die Abstraffung dieses hollischen
Bubens, die Zeit, der Ort, die Marter, o! last sie so greulich als
seine Bosheit seyn. Ich selbst eile zu Schiffe, um mit schwerem
Herzen dem Staat diesen jammervollen Zufall vorzutragen.
END
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