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Romeo und Juliette.
William Shakespeare
Ein Trauerspiel.
Ubersetzt von Christoph Martin Wieland
Personen.
Escalus, Furst von Verona.
Paris, ein junger Cavalier, dem Fursten verwandt, und Juliettens
Liebhaber.
Montague und Capulet, die Haupter von zween edlen Geschlechtern,
die in Feindschaft mit einander stehen.
Romeo, Montaguens Sohn.
Mercutio, ein Verwandter des Fursten, und Romeos Freund.
Benvolio, Vetter und Freund des Romeo.
Tybalt, Neffe des Capulet.
Bruder Lorenz und Bruder Johann, Monche.
Balthasar, Bedienter von Romeo.
Ein Edelknabe des Paris.
Sampson und) Gregorio(, Capulets Bediente.
Abraham, ein Bedienter von Montague.
Ein Apotheker.
Simon Kazen-Darm, Hug Leyermann und Samuel Windlade, Musicanten.
Peter, der Amme Diener.
Lady Montague.
Lady Capulet.
Julietta, Capulets Tochter.
Die Amme derselben.
Burger von Verona, Masken, Trabanten, Wache, und andre stumme
Personen.
Die Scene ist im Anfang des funften Aufzugs in Mantua, und sonst
immer in Verona.
Erster Aufzug.
Erste Scene.
(Eine Strasse in Verona.)
(Sampson und Gregorio, zween Bediente der Capulets, treten mit
Schwerdtern und Schilden bewaffnet auf, und ermuntern einander sich
tapfer gegen die Montagues zu halten; ihre ganze Unterredung ist
ein Gewebe von Wortspielen, Doppelsinn und Zoten.)
(Abraham und Balthasar zu den Vorigen.)
Gregorio (zu Sampson.)
Zieh vom Leder, hier kommen ein Paar von den Montagischen--
Sampson.
Meine Fuchtel ist heraus; fang nur Handel an, ich will dir den Weg
weisen--
Gregorio.
So? Willt du davon lauffen?
Sampson.
Sey ohne Sorge, ich will stehen wie eine Mauer; aber es ist doch
das Sicherste, wenn wir das Gesez auf unsrer Seite haben; wir
wollen sie anfangen lassen.
Gregorio.
Ich will die Nase rumpfen, indem ich bey ihnen vorbeygehe; sie
mogen's dann aufnehmen, wie sie es verstehen.
Sampson.
Oder wie sie das Herz dazu haben. Ich will meinen Daumen gegen sie
beissen, welches eine Beschimpfung fur sie ist, wenn sie's leiden.
Abraham.
Beist ihr euern Daumen gegen uns, Herr?
Sampson.
Ich beisse meinen Daumen, Herr.
Abraham.
Beist ihr euern Daumen gegen uns, Herr?
Sampson (zu Gregorio leise.)
Ist das Gesez auf unsrer Seite, wenn ich sage, ja?
Gregorio.
Nein.
Sampson (laut.)
Nein, Herr, ich beisse meinen Daumen nicht gegen euch, Herr: Aber
ich beisse doch meinen Daumen, Herr.
Gregorio.
Sucht ihr Handel, Herr?
Abraham.
Handel, Herr? Nein, Herr.
Sampson.
Wenn ihr's thut, Herr, so bin ich auch da, ich diene einem so
brafen Mann als ihr.
Abraham.
Keinem bessern.
Sampson.
Gut, Herr. (Benvolio zu den Vorigen.)
Gregorio (zu Sampson leise.)
Sag, einem bessern: Hier kommt einer von unsers Herrn Neffen.
Sampson (laut.)
Ja, einem bessern, Herr.
Abraham.
Ihr lugt.
Sampson.
Zieht, wenn ihr Manner seyd--Gregorio, das war eine Ohrfeige, die
du nicht einsteken must--
Benvolio.
Aus einander, ihr Narren, stekt eure Degen ein, ihr wist nicht was
ihr thut. (Tybalt zu den Vorigen.)
Tybalt.
Wie, du ziehst deinen Degen gegen diese verzagten Hasen? Kehre dich
um, Benvolio, und sieh deinen Tod an.
Benvolio.
Ich mache nur Frieden; stek deinen Degen ein, oder brauch' ihn, mir
Friede unter diesen Leuten machen zu helfen.
Tybalt.
Wie, mit gezogenem Degen von Frieden schwazen? Ich hasse diess Wort
wie die Holle, wie alle Montagues und dich--wehr dich, H**
(Sie fechten.)
(Drey oder vier Burger mit Knitteln treten auf.)
Ein Burger.
Knittel, Spiesse, Hellebarden her! Schlagt zu! Schlagt sie nieder!
Zu Boden mit den Capulets! Zu Boden mit den Montagues! (Der alte
Capulet in einem Schlafrok, und Lady Capulet.)
Capulet.
Was fur ein Lerm ist das? Gebt mir meinen langen Degen, he!
Lady Capulet.
Eine Kruke, eine Kruke--was wollt ihr mit einem Degen machen?
Capulet.
Meinen Degen, sag ich; da kommt der alte Montague, und fuchtelt mir
mit seiner Klinge unter die Nase--
(Der alte Montague, und Lady Montague.)
Montague.
Du nichtswurdiger Capulet--Halt mich nicht, las mich gehn!
Lady Montague.
Du sollt mir keinen Fus ruhren, um einen Feind zu suchen.
(Der Furst von Verona mit seinem Gefolge tritt auf, erzurnt sich
gewaltig uber diesen Unfug, wirft den beyden Alten vor, das sie
ihrer Familien-Feindschaft wegen Verona schon dreymal in Aufruhr
gesezt, verbietet ihnen bey Todes-Straffe die Strassen nicht mehr
zu beunruhigen, und tritt, nachdem er sie geschieden, wieder ab.)
Zweyte Scene.
(Der alte Montague, Lady Montague, und Benvolio bleiben zuruk.)
Lady.
Wer brachte diesen alten Handel wieder in Bewegung? Redet, Neffe,
war't ihr dabey, wie er angieng?
Benvolio.
Hier fand ich die Bedienten euers Gegentheils, und die eurigen, die
sich mit einander herumschlugen, wie ich kam; ich brachte sie aus
einander: In dem nemlichen Augenblik kam der feurige Tybalt mit
gezognem Degen, den er unter drohenden Herausforderungen uber
meinem Kopf schwang, und damit auf die Winde zuhieb, die so wenig
nach seinen Streichen fragten, das sie ihn noch dazu auszischten.
Wie wir nun an einander waren, so kamen immer mehr Leute, und
fochten zu beyden Seiten, bis der Furst kam, und uns aus einander
sezte.
Lady.
O wo ist Romeo? Habt ihr ihn heute nie gesehen? Ich bin recht froh,
das er nicht bey dieser Schlagerey war.
Benvolio.
Madam, eine Stunde eh die* Sonne aufgieng, trieb mich ein
beunruhigtes Gemuth aufzustehen, und vor die Stadt hinaus zu gehen;
und da traf ich auf der West-Seite der Stadt euern Sohn einsam
unter einem Gang von Egyptischen Feigen-Baumen an. Ich gieng auf
ihn zu; aber kaum ward er mich gewahr, so schlich er sich in das
dichteste Geholze. Ich urtheilte von seiner Gemuths-Beschaffenheit
nach der meinigen, (denn wir sind innerlich nie mehr beschaftigst,
als wenn wir die Einsamkeit suchen,) und anstatt ihm nachzugehen,
gieng ich meinen Gedanken nach, und war so vergnugt, das er mich
ausgewichen hatte, als er selbst.
{ed.-* Im Original: "Eh die angebetete Sonne sich durch das goldne
Fenster des Osten sehen lies." Es ist nichts leichters, als durch
eine allzuwortliche Ubersezung den Shakespear lacherlich zu machen,
wie der Herr von Voltaire neulich mit einer Scene aus dem Hamlet
eine Probe gemacht, die wir an gehorigem Ort ein wenig naher
untersuchen wollen. Indes erzurnt sich doch Herr Freron zu sehr
uber diese und andre Alters-Schwachheiten des Autors der Zayre. Er
mag seine Ursachen dazu haben; aber die Welt urtheilt mit kalterm
Blute; wenigstens werden die Briten, welche sehr wol wissen warum
sie auf ihren Shakespear stolz sind, es dem franzosischen Poeten
sehr leicht zu gut halten konnen, das er (in einem Alter, wo er
sich nicht mehr stark genug fuhlt, sich mit der Beute die er ihrem
Shakespear abgenommen zu brusten) seine Freude daran hatte, durch
eine Schulknaben-masige Nachaffung den Narren mit ihm zu spielen,
und dadurch dem Publico wenigstens eben so viel Spas zu machen, als
er selbst von einer so kindischen Kurzweil nur immer haben kann.}
Montague.
Schon manchen Morgen ist er dort gesehen worden, wie er den
frischen Morgenthau mit seinen Thranen, und die Morgen-Wolken mit
tieffen Seufzern vermehrte; aber kaum fangt die alles erfreuende
Sonne an, im fernsten Osten die Vorhange von Aurorens Bette
wegzuziehen, so schleicht sich der schwermuthige Jungling vom Licht
nach Hause und kerkert sich in sein Zimmer ein, versperrt seine
Fenster, schliest das schone Tageslicht hinaus, und macht sich
selbst eine erkunstelte Nacht. Er mus nothwendig in einen schwarzen
und Ungluk-brutenden Humor verfallen wenn nicht bey Zeiten darauf
gedacht wird, die Ursache des Ubels wegzuraumen.
Benvolio.
Mein edler Oheim, kennt ihr die Ursache?
Montague.
Ich kenne sie nicht, und kan sie auch nicht aus ihm herausbringen.
Benvolio.
Habt ihr schon in ihn gedrungen?
Montague.
Durch euch selbst und durch viele andre Freunde, aber vergebens;
seines eignen Herzens geheimer Rathgeber, ist er gegen sich selbst,
ich will nicht sagen so getreu, aber doch so geheim und
verschwiegen, so entfernt sich selbst zu verrathen, oder nur einer
Muthmassung Grund zu geben, als eine Blumen-Knospe, die von einem
inwendig verborgnen Wurm gebissen worden, eh sie ihre zarten
Schwingen an der Luft ausspreiten, und ihre Schonheit der Sonne
wiedmen konnte. Konnt' ich nur erfahren, woher sein Kummer
entspringt, es sollte ihm augenbliklich abgeholfen werden. (Romeo
tritt auf.)
Benvolio.
Hier kommt er selbst; wenn's euch beliebt, so gehet bey Seite; ich
will sein Geheimnis ausfundig machen, oder ich muste mich sehr
betrugen.
Montague.
Ich wunsche, das du so gluklich seyn mogest--Kommt Madam, wir
wollen gehen.
(Sie gehen ab.)
Benvolio.
Guten Morgen, Vetter.
Romeo.
Ist der Tag noch so jung?
Benvolio.
Es hat eben neune geschlagen.
Romeo.
Weh mir! Wie lang scheinen uns Kummer-volle Stunden! War das mein
Vater, der so eilfertig sich entfernte?
Benvolio.
Er war's; aber was fur ein Kummer verlangert Romeo's Stunden?
Romeo.
Der Kummer, das nicht zu haben, was sie verkurzen wurde.
Benvolio.
Seyd ihr verliebt?
Romeo.
Ohne Hoffnung wieder geliebt zu werden.
Benvolio.
Wie Schade, das die Liebe, die von Ferne so reizend anzusehen ist,
so grausam und tyrannisch seyn soll, so bald sie uns erreicht!
Romeo.
Wie Schade, das die Liebe, mit verbundnen Augen, Pfade zu ihrem
Ungluk sehen soll!--Wo werden wir zu Mittag essen?--Weh mir!--Was
fur ein Tumult war vorhin?--Doch sagt mir nichts davon, ich hab
alles schon gehort. Der Has macht hier viel zu thun, aber die Liebe
noch mehr: Wie dann, o mishellige Liebe! o liebender Has! O
unwesentliches Etwas, und wurkliches Nichts! So leicht und doch zu
Boden drukend! So ernsthaft und doch Tand! Du ungestaltes Chaos von
reizenden Phantomen! Bleyerne Feder, glanzender Rauch, kaltes Feuer,
kranke Gesundheit, immer-wachender Schlaf--o! du wunderbares
Gemisch von Seyn und Nichtseyn!--Das ist die Liebe die ich fuhle,
ohne in dem was ich fuhle die Liebe zu erkennen--Lachst du nicht?
Benvolio.
Nein, Vetter, ich mochte lieber weinen.
Romeo.
Du gutes Herz! Woruber?
Benvolio.
Dein gutes Herz so beklemmt zu sehen.
Romeo.
Du vermehrest meinen Kummer durch den deinigen, anstatt ihn zu
erleichtern.**--Liebe ist ein Rauch, der vom Hauch der Seufzer
erregt wird, aber gereinigt ein Feuer das in der Liebenden Augen
schimmert--Unglukliche Liebe ist eine See, die mit den Thranen der
Liebenden genahrt wird; was ist sie noch mehr? Eine vernunftige
Tollheit, eine erstikende Galle, eine erquikende Herzstarkung--Lebt
wohl, Vetter.
{ed.-** Es ist ein Ungluk fur dieses Stuk, welches sonst so viele
Schonheiten hat, das ein grosser Theil davon in Reimen geschrieben
ist. Niemals hat sich ein poetischer Genie in diesen Fesseln
weniger zu helfen gewust als Shakespear; seine gereimten Verse sind
meistens hart, gezwungen und dunkel; der Reim macht ihn immer etwas
anders sagen als er will, oder nothigt ihn doch, seine Ideen ubel
auszudruken. Die Feinde des Reims werden dieses vielleicht als eine
neue Instanz anziehen, um diese vergebliche Fesseln des Genie den
Liebhabern und Lesern so verhast zu machen, als sie ihnen sind.
Aber warum hat z. Ex. Pope die schonsten Gedanken, die
schimmerndste Einbildungskraft, den feinsten Wiz, den freyesten
Schwung, den lebhaftesten Ausdruk, die groste Anmuth, Zierlichkeit,
Correction, und uber alles dieses, den hochsten Grad der
musicalischen Harmonie, deren die Poesie in seiner Sprache fahig
ist, in seinen Gedichten mit dem Reim durchaus zu verbinden gewust?
Die Reime konnen vermuthlich nichts dazu, wenn sie fur einige
Dichter schwere Ketten mit Fus-Eisen sind; fur einen Prior oder
Chaulieu sind sie Blumen-Ketten, womit die Grazien selbst sie
umwunden zu haben scheinen, und in denen sie so leicht und frey
herumflattern als die Scherze und Liebes-Gotter, ihre bestandigen
Gefehrten. Shakespears Genie war zu feurig und ungestum, und er
nahm sich zu wenig Zeit und Muhe seine Verse auszuarbeiten; das ist
die wahre Ursache, warum ihn der Reim so sehr verstellt, und seinen
Ubersezer so oft zur Verzweiflung bringt.}
(Er will gehen.)
Benvolio.
Sachte, ich will mitgehen. Ihr beleidigt meine Freundschaft, wenn
ihr mich auf eine solche Art verlast.
Romeo.
Still! Ich habe mich selbst verlohren, ich bin nicht hier; das ist
nicht Romeo, er ist sonst irgendwo.
Benvolio.
--*** Aber wer ist dann die Person, die du liebst?
{ed.-*** Hier haben etliche (Non-Sensicalische) Zeilen ausgelassen
werden mussen.}
Romeo.
Ich will dir's sagen, Vetter; ich liebe--ein Weibsbild.
Benvolio.
Das errieth ich, sobald ich merkte, das ihr verliebt waret.
Romeo.
Du hast eine vortreffliche Gabe zum Errathen--und sie ist schon,
die ich liebe.
Benvolio.
Ein schones Ziel ist desto leichter zu treffen.
Romeo.
Aber sie wird von Cupido's Pfeile nicht getroffen werden; sie hat
Dianens Sprodigkeit, und lebt in der wolgestahlten Rustung ihrer
Keuschheit sicher vor Amors kindischem Bogen. Sie sezt sich keinen
nachstellenden Bliken aus, sie offnet ihr Ohr keinen Liebes-
Erklarungen, noch ihren Schoos dem Golde, das sonst oft die
Heiligen selbst verfuhrt. O! Sie ist reich an Schonheit, und allein
darinn arm, das der ganze Schaz der Schonheit, in ihr versammelt,
sterblich ist.
Benvolio.
Hat sie denn geschworen, das sie in ewiger Jungfrauschaft leben
will?
Romeo.
Sie hat, und macht sich durch diese Sparsamkeit einer ungeheuren
Verschwendung schuldig. Denn Schonheit, die durch ihre eigne
Strenge umkommt, vernichtet auf einmal die Schonheit einer ganzen
Nachkommenschaft. Sie ist zu weise um so schon, oder zu schon um so
weise zu seyn; und es ist grausam an ihr, den Himmel damit
verdienen zu wollen, das sie mich zur Verzweiflung treibt--
Benvolio.
Last euch einen guten Rath geben, und vergest, an sie zu denken.
Romeo.
O lehre mich erst, wie ich vergessen kan, mich meiner selbst zu
erinnern.
Benvolio.
Gieb deinen Augen ihre Freyheit wieder; lenke deine Aufmerksamkeit
auf andre Schonheiten.
Romeo.
Das ware das Mittel, alle Augenblike an den Vorzug der ihrigen
erinnert zu werden. Diese gluklichen Schleyer, die die Stirne
schoner Damen kussen, erheben durch ihre Schwarze, die Schonheit,
so sie verbergen. Wer durch einen Unfall blind worden ist, kan
nicht vergessen, was fur einen kostbaren Schaz er mit seinem
Gesicht verlohren hat. Zeigt mir ein Frauenzimmer, das unter
tausenden die schonste ist; wozu kan mir ihre Schonheit dienen, als
zu einem Spiegel, worinn ich diejenige erblike, die noch schoner
als die schonste ist? Lebe wohl, und gieb' es auf, mich sie
vergessen zu lehren.
Benvolio.
Ich will diesen Unterricht bezahlen, oder als Schuldner sterben.
(Sie gehen ab.)
Dritte Scene.
(Capulet, Paris, und ein Bedienter treten auf.)
Capulet.
Montague ist so gut gebunden als ich; er hat die nemliche Straffe
zu befurchten; und fur alte Leute wie wir sind, sollt' es nicht
schwer seyn, Frieden zu halten.
Paris.
Ihr seyd beyde rechtschaffne Manner, und es ist recht zu bedauren,
das ihr so lang in Mishelligkeit gelebt habt--Aber nun, gnadiger
Herr, was sagt ihr zu meiner Anwerbung?
Capulet.
Ich kann euch nichts anders sagen, als was ich schon gesagt habe:
Mein Kind ist noch ein neu angekommener Fremdling in der Welt, sie
hat noch nicht vierzehn Jahre gesehen; last wenigstens noch zween
Sommer verbluhen, eh wir denken konnen, das sie zum Braut-Stande
reif sey.
Paris.
Jungere als sie, sind schon glukliche Mutter geworden.
Capulet.
Und verderben auch desto fruher, je fruhzeitigere Fruchte von ihnen
erzwungen werden. Die Erde hat alle meine andern Hoffnungen
verschlungen; ich habe kein Kind als sie; sie ist das einzige
Vergnugen meines Alters, indes bewirb dich bey ihr selbst um sie,
mein lieber Paris, such ihr Herz zu gewinnen; wenn du ihren Beyfall
hast, so hast du meine Einwilligung. Diese Nacht geb' ich, einer
alten Gewohnheit nach, ein Gastmahl, wozu ich viele werthe Freunde
eingeladen habe: Vermehret ihre Anzahl, unter allen soll mir keiner
willkommner seyn. Ihr werdet diese Nacht in meinem armen Haus
irdische Sterne sehen, welche die himmlischen selbst verdunkeln
konnen.* Ihr werdet mit dem Vergnugen, das muntre junge Leute
fuhlen wenn der schmuke April den hinkenden Winter vor sich
hertreibt, unter einem Fruhling voll neu entfalteter Madchen-
Knospen wandeln; betrachtet sie alle, horet alle, und last euch
diejenige am besten gefallen, die es am meisten verdient; ihr
werdet so viele liebenswurdigere finden, das die meinige sich
unbemerkt in der Menge verliehren wird. Kommt, geht mit mir--Du,
Bursche, geh, trotte ganz Verona durch, und lade die Personen zu
mir ein, deren Namen auf diesem Zettel stehen--
{ed.-* Hr. Warburton ist der Welt als ein grosser Criticus bekannt, und
es ist gewis, das wir seiner Scharfsinnigkeit viele Verbesserungen
unsers durch die Schauspieler so ubel zugerichteten Autors zu
danken haben. Dem ungeachtet, scheint er zuweilen in den fast
allgemeinen Fehler der Verbal-Critiker zu fallen, und mit dem
Shakespear nicht viel besser zu verfahren, als der gelehrte Bentley
mit dem Horaz. Hier ist ein Beyspiel davon, das wir zur Probe
anfuhren wollen, ob es gleich sonst desto unnothiger ist, die Leser
mit critischen Noten zu behelligen, da selbige die Kenntnis der
Englischen Sprache voraussezen, und diese Ubersezung nur fur
diejenige gemacht ist, die das Original nicht lesen konnen.
Warburton nennt den Vers: (Earthtreading stars that make dark
heaven's Light), Unsinn, und will das man lesen soll: (That make
dark Even light)--Eine Verbesserung im echten Bentleyischen
Geschmak! Die Verbesserung ist wahrer Unsinn, der Text aufs hochste
eine weder ungewohnliche noch unschikliche Hyperbole. Es ist etwas
sehr mogliches, das die irdischen Sterne, welche Shakespear meynt,
bey einem Bal den Glanz der himmlischen in den Augen eines jungen
Liebhabers verdunkeln; und das ist der naturlichste Sinn des Texts:
Aber das eine ganze Schaar der schimmerndsten Schonen durch den
blossen Glanz ihrer Augen, einen Tanzsaal so wol erleuchten sollte,
das man die Lichter dabey ersparen konnte, ist mehr als man auch
der feurigsten Orientalischen Einbildungskraft zumuthen durfte.
Wenn wir, wie schon ofters geschehen ist, die Lesart des Texts der
vermeynten Verbesserung des Hrn. Warburtons vorziehen, so geschieht
es allemal mit so gutem Grund als dieses mal, obgleich manche von
denenjenigen, die wir verwerfen, seinem Wiz mehr Ehre machen, als
die gegenwartige.}
(Capulet und Paris gehen ab.)
Bedienter.
Lade mir die Personen ein, die auf diesem Zettel stehen--Es steht
geschrieben, der Schuster soll sich mit seinem Ellen-Stab abgeben,
der Schneider mit seinem Leist, der Fischer mit seinem Pinsel, und
der Mahler mit seinem Nez. Aber ich soll die Personen finden, deren
Namen hier geschrieben sind, und kan doch nicht finden, was fur
Namen die schreibende Person hieher geschrieben hat. Ich mus mich
bey den Gelehrten Raths erholen--Da lauffen mir gerad ihrer ein
Paar in die Hande--
(Benvolio und Romeo treten auf.)
Benvolio.
Still, Mann! Eine Hize treibt die andre aus, und die Pein eines
Schmerzens wird durch einen andern Schmerz vermindert; wenn dir
taumlicht ist, so hilfst du dir damit, das du dich wieder zuruk
drehest, und deiner Hoffnungslosen Liebe kan nicht besser als durch
eine neue geholfen werden.
Romeo.
Wegbreit-Blatter sind unvergleichlich fur das.
Benvolio.
Fur was, wenn man bitten darf?
Romeo.
Fur euern Beinbruch.
Benvolio.
Wie, Romeo, bist du toll?
Romeo.
Nicht toll, aber fester angebunden als irgend einer im Tollhause;
in ein Gefangnis eingesperrt, zur Hunger-Cur verurtheilt,
gepeitscht und gepeinigt: Und--guten Abend, Camerad--
(Zum Bedienten.)
Bedienter.
Einen guten Abend geb' euch Gott: Ich bitte euch, Herr, konnt ihr
lesen?
Romeo.
Ja, mein Schiksal in meinem Ungluk.
Bedienter.
Vielleicht habt ihr ohne Buch lesen gelernt; aber ich bitte euch,
konnt ihr alles lesen was ihr seht?
Romeo.
Ja, wenn ich die Buchstaben und die Sprache weis.
Bedienter.
Das ist gesprochen wie ein Bidermann--Gott behut' euern guten Humor!
(Er will gehen.)
Romeo.
Bleib, Bursche, ich kan lesen--(Er liest das Papier.) Signor
Martino und seine Frau und Tochter: Graf Anselmo und seine schonen
Schwestern; die verwittibte Donna Vitruvia; Signor Placentio und
seine liebenswurdige Nichten; Mercutio und sein Bruder Valentin;
mein Oheim Capulet mit Frau und Tochtern; meine schone Nichte
Rosalinde; Livia, Signor Valentio und sein Vetter Tybalt; Lucio,
und die lebhafte Signora Helena--
Eine hubsche Assamblee, und wohin sollen sie kommen?
Bedienter.
Herauf--
Romeo.
Wohin?
Bedienter.
Zum Nacht-Essen in unser Haus.
Romeo.
In wessen Haus?
Bedienter.
In meines Herren seines.
Romeo.
In der That, das hatte ich dich vorher fragen sollen.
Bedienter.
Nein, ich will euch eine Muh ersparen. Mein Herr ist der grosse
reiche Capulet, und wenn ihr keiner vom Haus der Montagues seyd, so
bitt' ich euch, kommt, und helft uns die Glaser ausleeren. Eine
gute Zeit.
(Geht ab.)
Benvolio.
Wie wohl sich das fugt! die schone Rosalinde, in die du so verliebt
bist, wird mit allem was das Schonste in Verona ist, diesem
Familien-Gastmal der Capulets beywohnen. Geh du auch hin, vergleich
mit unpartheyischen Augen ihr Gesicht mit einigen, die ich dir
zeigen will, und du sollst finden, das dein Schwan eine Krahe ist.
Romeo.
**--Eine schonere als meine Liebe! die allsehende Sonne sah niemals
ihres gleichen, seit die Welt begann.
{ed.-** Eine Luke von vier abgeschmakten Reimen.}
Benvolio.
Gut, gut! Ihr habt sie nur gesehen, wenn keine andre dabey war, und
ihr sie, in beyden Augen, nur mit sich selbst abwoget; aber last
ihre Reizungen in diesen crystallnen Waagschaalen gegen ein
gewisses andres Madchen, das ich euch bey diesem Gastmahl in seinem
vollen Glanze zeigen will, abgewogen werden; so wird euch diejenige
kaum noch ertraglich vorkommen, die izt die beste scheint.
Romeo.
Ich will mit dir gehen, nicht weil ich dir glaube, sondern um das
Vergnugen zu haben, dich von dem Triumph meiner Geliebten zum
Zeugen zu machen.
(Sie gehen ab.)
Vierte Scene.
(Verwandelt sich in Capulets Haus.)
(Lady Capulet und die Amme treten auf.)
Lady.
Amme, wo ist meine Tochter? Ruffe sie zu mir heraus.
Amme.
Nun, bey meiner Jungferschaft, (wie ich zwolf Jahre alt war, meyn'
ich;) ich sagte ihr, sie mochte kommen; wie, Schafchen--he! Mein
Daubchen--das uns Gott behute! Wo ist das Madchen? he! Juliette!
(Juliette zu den Vorigen.)
Juliette.
Was ists? Wer ruft?
Amme.
Eure Frau Mutter.
Juliette.
Madam, hier bin ich, was ist euer Wille?
Lady.
Das ist eben die Sache--Amme, verlas uns eine Weile, wir mussen
allein mit einander reden; Amme, komm wieder zuruk, ich habe mich
anders besonnen, du darfst wohl bey unsrer Unterredung zugegen seyn:
du weist, meine Tochter hat ein artiges Alter.
Amme.
Mein Treu, ich kan ihr Alter bey einer Stunde sagen.
Lady.
Sie ist noch nicht vierzehn.
Amme.
Ich will gleich vierzehn Zahne daran sezen, (und doch mus ich's zu
meiner Schande sagen, ich habe nur noch vier,) sie ist nicht
vierzehn; wie lang ist es noch von izt bis an St. Peters-Tag?
Lady.
Vierzehn Tage, oder noch ein paar druber.
Amme.
Sey es vierzehn Tage oder funfzehn, das thut nichts, kommt St.
Peters-Abend, so wird sie vierzehn seyn. Suschen und sie (Gott
trost ihre Seele!) waren von gleichem Alter. Wohl, Suschen ist im
Himmel, sie war zu gut fur mich. Aber, wie ich sagte, an St. Peters-
Abend des Nachts wird sie vierzehn seyn, das wird sie, meiner Six,
ich erinnre mich's als ob's seit gestern ware. Es ist seit dem
Erdbeben nun eilf Jahre das sie entwohnt wurde; unter allen Tagen
im Jahr will ich den Tag nicht vergessen; ich hatte denselben Tag
Wermuth an meine Brust gestrichen, und sas in der Sonne an der
Mauer unter dem Dauben-Schlag; der Gnadige Herr und Eu. Gnaden
waren damals zu Mantua--gelt, ich kan etwas im Kopf behalten?--Aber,
wie ich sagte, wie das Kind den Wermuth an meiner Brustwarze
kostete, und schmekte das es bitter war, das artige Narrchen, da
hattet ihr sehen sollen, wie es so gescheid war und augenbliklich
die Brust fahren lies. Schuttle dich, sagte der Dauben-Schlag--mein
Treu! es muste mir niemand sagen, das ich hurtig lauffen sollte;
und seitdem ist es nun eilf Jahre, denn sie konnte damals schon
allein stehen; ja, bey meiner Treu, sie, konnte schon lauffen, und
watschelte schon allenthalben herum; dann just den Tag vorher, da
sie das Loch in ihre Stirne fiel, und da hub mein Mann (Gott trost
ihn, er war ein muntrer Mann) da hub er das Kind auf; so, sagt' er,
fallst du auf die Nase? Du wirst auf den Ruken fallen, wenn du mehr
Verstand haben wirst; wirst du nicht Julchen? Und, bey unsrer
lieben Frauen! Das artige Tropfchen horte auf schreyen, und sagte,
Ay--so das man sehen kan, wie endlich aus Spas Ernst wird--Da steh
ich dafur, und wenn ich tausend Jahre leben sollte, so verges ichs
nicht: Wirst du nicht, Julchen, sagt' er? Und das artige Narrchen,
es horte auf schreyen, und sagte, Ay!
Lady Capulet.
Genug hievon, ich bitte dich, stille!
Amme.
Ja, Gnadige Frau; und doch kan ich mir nicht helfen, ich mus lachen,
wenn ich dran denke das es aufhorte zu schreyen, und Ay sagte; und
doch bin ich gut dafur, das es eine Beule an der Stirne hatte, so
dik wie ein junger Hahnen-Stein, eine recht gefahrliche Beule, und
es weinte bitterlich. So, sagte mein Mann, fallst du auf die Nase?
Du wirst rukwarts fallen, wenn du alter wirst, wirst du nicht,
Julchen? Und da schwieg es, und sagte, Ay.
Juliette.
Und schweig du auch, ich bitte dich, Amme, sag ich.
Amme.
Still, ich bin fertig: Gott zeichne dich zu seinem Segen aus! Du
warst das holdseligste Kind, das ich gesaugt habe; und wenn ich nur
so lange lebe, das ich dich verheurathet sehe, so wunsch' ich mir
nichts mehr.
Lady Capulet.
Diese Heurath ist eben die Sache, wovon ich reden wollte. Sagt mir,
Tochter Juliette, habt ihr Lust zum Heurathen?
Juliette.
Es ist eine Ehre, von der ich mir nicht traumen lasse.
Amme.
Eine Ehre? Wenn ich nicht deine leibliche Amme ware, so wurd' ich
sagen, du habst die Weisheit mit der Milch eingezogen.
Lady Capulet.
Gut, es ist nun Zeit daran zu denken; es giebt hier in Verona
jungere als ihr, und Frauenzimmer von Stand und Ansehen, die schon
Mutter sind. Bey meiner Ehre, in dem Alter worinn ihr noch ein
Madchen seyd, war ich schon eure Mutter. Ich will's also kurz
machen, und euch sagen, das sich der junge Paris um euch bewirbt.
Amme.
Ein Mann, junges Fraulein, ein Mann, dessen gleichen in der ganzen
Welt--Sapperment! es ist ein Mann wie in Wachs bosiert.
Lady Capulet.
Verona's Sommer hat keine schonere Blume.
Amme.
Das ist wahr, er ist eine Blume; mein Treu, eine wahre Blume.
Lady Capulet.
Was sagt ihr dazu? Gefallt euch der Cavalier? Ihr werdet ihn diese
Nacht bey unserm Gastmahl sehen; beobachtet ihn recht, ihr werdet
gestehen mussen, das nichts liebenswurdigers seyn kan. Er ist eurer
wurdig, und wird euch gluklich machen*--Doch, ihr habt ihn ja sonst
schon gesehen; sagt, mit einem Wort, konnt ihr euch seine Liebe
gefallen lassen?
{ed.-* Man hat gut gefunden diese Rede zu verandern und
abzukurzen. Sie ist im Original die Grundsuppe der abgeschmaktesten
Art von Wiz, und des Characters einer Mutter ausserst unwurdig.
Pope scheint zu vermuthen, das sie von Schauspielern eingeflikt
worden sey.}
Juliette.
Ich will ihn erst genauer betrachten; alles was ich izt sagen kan,
ist, das meine Augen allezeit durch euern Willen geleitet werden
sollen. (Ein Bedienter zu den Vorigen.)
Bedienter.
Gnadige Frau, die Gaste sind angekommen, das Essen ist aufgetragen,
man wartet auf Euer Gnaden und mein junges Fraulein, man flucht auf
die Amme im Speisgewolbe, und alles ist in der Extremitat. Ich mus
wieder zur Aufwartung; ich bitte euch, kommet augenbliklich.
Lady Capulet.
Wir kommen--Juliette, es wird den Grafen nach dir verlangen.
Amme.
Geh, Madchen, und suche zu deinen guten Tagen auch glukliche Nachte.
(Sie gehen ab.)
Funfte Scene.
(Eine Strasse vor Capulets Haus.)
(Romeo, Mercutio, Benvolio mit funf oder sechs andern Masken,
Fakel-Tragern und Trummeln.)
Romeo.
Wie, soll diese Rede unsre Entschuldigung machen, oder wollen wir
ohne Apologie auftreten?
Benvolio.
Diese Weitlaufigkeiten sind nicht mehr Mode. Wir brauchen keinen
Cupido, mit einer Scharpe von Flittergold und einem gemahlten
Tartar-Bogen von Schindeln, der die armen Madchen, wie ein Vogel-
Schrek die Krahen, zu furchten macht. Sie mogen von uns halten was
sie wollen, wenn wir ihnen nicht gefallen, oder sie uns nicht, so
gehen wir wieder.
Romeo.
Gebt mir eine Fakel; ich bin nicht im Humor, Sprunge zu machen.
Mercutio.
Nicht doch, mein lieber Romeo, ihr must eins tanzen.
Romeo.
Ich gewis nicht, das glaubt mir; ihr habt Tanzschuhe mit dunnen
Solen, ich habe eine Seele von Bley,* die mich so zu Boden zieht,
das ich nicht von der Stelle kommen kan.
{ed.-* Wortspiel mit Sole, und Soul, welche fast gleich ausgesprochen
werden. }
Mercutio.
Ihr seyd ein Liebhaber; borgt dem Cupido seine Flugel ab, und
schwingt euch damit empor.**
{ed.-** In dieser Rede, der Antwort des Romeo, und etlichen
folgenden Zeilen, die man ganzlich weglassen muste, dreht sich
alles um Wortspiele mit (Bound) und (bound, soar) und(sore), und
ein paar eben so frostige Antithesen herum. Alles dieses armselige
Zeug findet sich, wie Pope bemerkt, nicht in der ersten Ausgabe
dieses Stuks von 1597.}
Romeo.
Ich bin zu hart von seinem Pfeil verwundet, als das ich mich auf
seinen Flugeln erheben konnte--
Mercutio.
Gebt mir ein Futteral, worein ich mein Gesicht steken kan--
(Er nimmt seine Maske ab.)
--Eine Maske fur ein Frazen-Gesicht!--wozu brauch ich eine Maske?
Es wird niemand so vorwizig seyn, ein Gesicht wie das meinige genau
anzusehen.
Benvolio.
Kommt, wir wollen anklopfen und hineingehn; und wenn wir einmal
drinn sind, dann mag ein jeder seinen Fussen zusprechen.
(Hier fallen noch etliche sinnreiche Wizspiele von der
grammaticalischen Art, zwischen Mercutio und Romeo weg.)
Romeo.
Wir gedenken uns bey diesem Ball eine Kurzweil zu machen, und doch
sind wir nicht klug, das wir gehen.
Mercutio.
Warum, wenn man fragen darf?
Romeo.
Mir traumte vergangne Nacht--
Mercutio.
Mir auch.
Romeo.
Gut, was traumte euch?
Mercutio.
Das Traumer manchmal lugen.
Romeo.
Ja, in ihrem Bette,*** wo sie oft wahre Dinge traumen.
{ed.-*** Wortspiel mit lie und lye, liegen, und lugen, welches sich
zu gutem Gluk ubersezen last.}
Mercutio.
O, dann seh ich, das ihr einen Besuch von der Konigin Mab gehabt
habt. Sie ist die Heb-Amme der Phantasie, kommt bey Nacht, nicht
grosser als ein Agtstein am Zeigfinger eines Aldermanns, und fahrt
euch mit einem Gespan von kleinen Atomen uber die Nasen der
Schlafenden hin. Ihre Rad-Speichen sind von langen Spinnen-Beinen,
die Deken von Grashupfers-Flugeln, das Geschirr vom feinsten
Spinnen-Web, die Kummet von Mondscheins-Stralen; ihre Peitsche von
einem Grillen-Bein, und der Riemen von der feinsten Membrane; ihr
Kutscher eine dunne grau-rokichte Schnake, nicht halb so dik als
ein kleiner runder Wurm, den der schleichende Finger eines kleinen
Madchens aufgestochert hat. Ihr Wagen ist eine leere Hasel-Nus, von
Schreiner Eichhorn, oder Meister Wurm gemacht, die seit
unfurdenklicher Zeit die Wagner der Feen sind: und in diesem Staat
galloppiert sie, Nacht fur Nacht, durch das Gehirn der Verliebten,
und dann traumen sie von Liebe; uber die Kniee der Hofleute, welche
dann straks von Aufwartungen; uber die Finger der Advocaten, die
straks von Sporteln; uber die Lippen der Damen, die straks von
Kussen traumen, aber oft von der erzurnten Mab mit Hiz-Blattern
gestraft werden, wenn ihr Athem nach parfumiertem Zuker-Werk riecht.
Zuweilen galloppiert sie uber eines Hofschranzen Nase, und da
traumt er, er hab' eine Pension ausgespurt: ein andermal kommt sie
mit dem Wedel eines Zehend-Schweins in der Hand, und kuzelt den
schnarchenden Pfarrer; straks traumt er, das er eine bessere
Pfrunde bekommen habe. Zuweilen fahrt sie uber eines Soldaten Hals,
und da traumt er von auslandischen Halsen die er abgeschnitten, von
Friedens-Bruchen, Scharmuzeln, Spanischen Klingen, und funf-Faden-
tieffen Gesundheiten; dann trummelt sie wieder in seinen Ohren und
er fahrt erschroken auf, und erwacht, schwort ein paar Stos-Gebette,
und schlaft wieder ein. Das ist die nemliche Mab, die den Kuhen
die Milch aussaugt, und den Pferden im Schlaf die Mahne verstrikt;
das ist die Drutte,
(der Alp,)
welche die Madchens drukt, wenn sie Nachts auf dem Ruken ligen--
das ist--
Romeo.
Stille, Stille, Mercutio, wie lange kanst du von nichts reden?
Mercutio.
In der That, ich rede von Traumen, diesen Kindern die ein musiges
Hirn mit der eiteln Phantasie erzeugt, welche so wenig Leib hat als
die Luft, und unbestandiger ist als der Wind, der nur eben um den
kalten Busen des Nords buhlte, und den Augenblik drauf, in einem
Anstos von Laune, hinwegsturmt, und sein Gesicht dem thauichten Sud
zudreht.
Benvolio.
Dieser Wind von dem ihr euch so gelassen besprecht, blast uns von
uns selbst weg; das Gastmal ist indes vorbey, und wir werden zu
spat kommen.
Romeo.
Ich furchte, nur zu fruh--Denn mein Gemuth weissagt mir irgend eine
schwarze noch in den Sternen hangende Begebenheit, die von den
Spielen dieser Nacht ihren furchtbaren Anfang nehmen, und
vielleicht das Ziel meines verhasten Lebens durch die gewaltsame
Hand eines fruhzeitigen Todes beschleunigen wird. Doch Er, der das
Steuer-Ruder meines Lauffes fuhrt, lenk' ihn nach seinem Gefallen!--
Wohlan, meine muntern Freunde!
Benvolio.
Ruhrt die Trummel!--
(Sie ziehen uber den Schauplatz, und treten ab.)
Sechste Scene.
(Verwandelt sich in eine Halle in Capulets Hause.)
(Etliche Bediente, mit Handtuchern.)
1. Bedienter.
Wo ist Potpan, das er uns nicht aufraumen hilft--er hat einen
Teller weggeschnappt! Er hat einen Teller mit sich gehen heissen!
2. Bedienter.
Wenn gute Manieren alle in eines oder zweener Handen liegen, und
die noch dazu ungewaschen sind, das ist eine garstige Sache.
1. Bedienter.
Fort mit den Lehnstuhlen, das kleine Schenk-Tisch'gen aus dem Wege,
seht zu dem Silber-Geschirr; du, guter Freund, mache das du mir ein
Stuk Marzipan auf die Seite kriegst; und wenn du mich lieb hast, so
sorge, das der Thorhuter Susanna Muhlstein und Nell, Antoni und den
Potpan hereinlast--
2. Bedienter.
Gut, Junge, das will ich.
3. Bedienter.
Man sieht sich nach euch um, man ruft euch, man fragt nach euch,
man sucht euch, im grossen Saal.
2. Bedienter.
Wir konnen nicht an zween Orten zugleich seyn; hurtig, ihr Jungens;
seyd eine Weile munter, und wer alle andre uberlebt, kriegt alles!--
(Sie gehen ab.)
(Die Gaste und Damen, nebst den Masken treten samtlich auf.)
1. Capulet.
Willkommen, meine Herren--Und ihr, meine Damen, ihr habt noch keine
Huner-Augen an den Zehen, wir wollen eins lustig mit einander
machen. Ich will doch nicht hoffen, meine Koniginnen, das mir eine
unter euch ein Tanzchen abschlagen wird--eine jede, die sich lange
bitten last, hat Huner-Augen, das schwor' ich;--He? bin ich euch zu
nah gekommen?--Willkommen allerseits, ihr Herren; ich weis die Zeit
auch noch, da ich eine Maske trug, und einem jungen Fraulein
hubsche Sachen ins Ohr flustern konnte; aber es ist vorbey, vorbey,
vorbey!
(Die Musik fangt an; man tanzt.)
Mehr Lichter her, ihr Schurken, und die Tische aus dem Weg; und
last das Feuer abgehen, es ist zu warm im Zimmer--Gelt, junger Herr,
ein unvermutheter Spas ist der angenehmste--Nun sezt euch, sezt
euch, mein guter Vetter Capulet, denn die Tanz-Zeit ist doch bey
euch und mir vorbey: Wie lang ist es wohl, seit ihr und ich das
leztemal auf einem Masken-Bal tanzten?
2. Capulet.
Bey unsrer Frauen! dreisig Jahre.
1. Capulet.
Wie, Mann? Es ist noch nicht so lang, es ist noch nicht so lang; es
war an Lucentio's Hochzeit; es wird auf kommende Pfingsten funf und
zwanzig Jahre, das wir in Masken tanzten.
2. Capulet.
Es ist mehr, es ist mehr; sein Sohn ist alter, Herr; sein Sohn hat
schon dreisig.
1. Capulet.
Das werdet ihr mir nicht weis machen; sein Sohn war vor zwey Jahren
noch nicht mundig.
Romeo (in einem andern Theil des Saals.)
Wer ist die junge Dame, die dort jenem Ritter die Hand giebt?
Bedienter.
Ich weis es nicht.
Romeo.
O, sie glanzt mehr als alle diese Fakeln zusammen genommen; ihre
Schonheit hangt an der Stirne der Nacht, wie ein reiches Kleinod an
eines Mohren Ohr: Und welch eine Schonheit! Sie ist zu reich zum
Gebrauch, und zu kostbar fur diese Erde. So glanzt die schneeweisse
Daube aus einem Schwarm von Krahen, wie dieses Fraulein unter ihren
Gespielen glanzt. Wenn der Tanz vorbey ist, will ich mir den Plaz
merken, wo sie steht, und ihr meine Hand geben. Welch eine
Glukseligkeit ihre Hand zu beruhren!--Nein, ich habe noch nie
geliebt--Schwor es, mein Auge; vor dieser gluklichen Nacht wustest
du nicht, was Schonheit ist.
Tybalt (der dem Romeo bey den lezten Worten sich nahert.)
Der Stimme nach sollte dies ein Montague seyn--hol mir einen Degen,
Junge--wie? der Sclave darf sich erfrechen in einer Maske hieher zu
kommen, und unsrer feyerlichen Lust zu spotten? Nein, bey der
bejahrten Ehre meines Geschlechts, es ist keine Sunde, den
Nichtswurdigen zu todt zu schlagen.
Capulet.
Wie, wie, Vetter? Warum so sturmisch?
Tybalt.
Oheim, hier ist einer unsrer Feinde, ein Montague; ein Bube der
gekommen ist, uns unter die Nase zu lachen, und unsre Familien-
Freude zu storen--
Capulet.
Ist es vielleicht der junge Romeo?
Tybalt.
Er selbst, der Schurke Romeo!
Capulet.
Gieb dich zu frieden, lieber Vetter, las ihn gehen; er sieht einem
jungen wakern Edelmann gleich; und, wenn ich die Wahrheit sagen
soll, er hat den Ruf eines tugendhaften wohlgesitteten Junglings,
der Verona Ehre macht. Ich wollte nicht um unsre ganze Stadt, das
ihm in meinem Hause was zu Leide gethan wurde. Seyd also ruhig,
thut als ob ihr ihn nicht kennet; ich will es so haben, und wenn
ihr einige Achtung fur mich habt, so heitert eure Stirne auf, und
macht keine Gesichter, die sich so ubel zu einer Lustbarkeit
schiken.
Tybalt.
Sie schiken sich, wenn ein solcher Bube sich zum Gast aufdringt:
ich will ihn nicht dulden!
Capulet.
Das sollt ihr aber! Wie, Herr Junge?--Ihr sollt, sag ich--Geht,
geht, bin ich hier Meister oder ihr? Geht, geht--Ihr wollt ihn
nicht dulden? Hol mich Gott, ihr wurdet mir einen feinen Lermen
unter meinen Gasten anrichten! Ihr wollt mir hier den Eisenfresser
machen? Gelt, das wollt ihr?
Tybalt.
Wie, Oehm, es ist eine Schande--
Capulet.
Geht, geht, ihr seyd ein abgeschmakter Knabe--
(auf die Seite zu einem von der Gesellschaft.)
Ist es so, in der That?--
(zu Tybalt)
ihr konnt was anfangen, das euch gereuen wird, ich weis was ich
sage--
(Seitwarts;)
wohl gesprochen, meine Kinder--
(zu Tybalt,)
Ihr seyd ein Hasenfus, geht--seyd ruhig, oder--
(seitwarts.)
Mehr Lichter, mehr Lichter, es ist eine Schande, so dunkel ist's--
(zu Tybalt)
ich will euch ruhig machen--
(Seitwarts:)
Wie, munter, meine Herzen!
Tybalt.
Geduld und Zorn vertragen sich nicht wohl bey mir zusammen; sie
stossen, indem sie sich begegnen, die Kopfe so hart an einander an,
das mir alle Glieder davon wakeln. Ich will mich entfernen, aber er
soll mir diese Zudringlichkeit bezahlen!
(Tybalt geht ab.)
Romeo (zu Juliette.)
* [Wenn meine unwurdige Hand diesen heiligen Leib entweiht hat, so
las dir diese Busse gefallen: Meine Lippen, zween errothende
Pilgrimme, stehen bereit den Frefel, mit einem zartlichen Kus
abzubussen.
{ed.-* Dieser Dialogus ist im Original eine Elegie mit verschrankten
Reimen.}
Juliette.
Ihr thut eurer Hand unrecht, mein lieber Pilgrim; sie hat nichts
gethan, als was die bescheidenste Andacht zu thun pflegt; Heilige
haben Hande, die von den Handen der Wallfahrenden beruhrt werden,
und Hand auf Hand ist eines Pilgrims Kus.
Romeo.
Haben Heilige nicht Lippen, und andachtige Pilgrimme auch?
Juliette.
Ja, Pilgrim, sie haben Lippen, aber zum Beten.
Romeo.
O so erlaube, theure Heilige, erlaube den Lippen nur, was du den
Handen gestattest; sie bitten, (und du, erhore sie,) das du den
Glauben nicht in Verzweiflung fallen lassest.
Juliette.
Heilige ruhren sich nicht, wenn sie gleich unser Gebet erhoren.
Romeo.
O so ruhre du dich auch nicht, indem ich mich der Wurkung meines
Gebets versichre--
(Er kust sie.)
Die Sunde meiner Lippen ist durch die deinige getilgt.]
Juliette.
Also tragen nun meine Lippen die Sunde, die sie von den deinigen
weggenommen haben.
Romeo.
Sunde von meinen Lippen? O! angenehme Strenge! Gebt mir meine Sunde
nur wieder zuruk.
Juliette.
Ihr habt kussen gelernt; ich verstehe mich nicht darauf.
Amme.
Gnadiges Fraulein, eure Frau Mutter mochte gern ein Wort mit euch
sprechen--
(Juliette entfernt sich.)
Romeo.
Wer ist ihre Mutter?
Amme.
Sapperment, junger Herr, ihre Mutter ist hier die Frau vom Hause,
und eine brave, gescheidte, tugendsame Frau. Ich saugte ihre
Tochter, mit der ihr geredet habt; und ich sag euch, wer sie kriegt,
bekommt so gewis eine Jungfer--
Romeo (indem er sich entfernt, vor sich.)
Eine Capulet? O Himmel! Mein Herz und mein Leben sind
unwiderbringlich in der Gewalt meiner Feindin.
Benvolio.
Weg, wir wollen gehen, der groste Spas ist vorbey.
Romeo.
Das furcht' ich selbst, das ubrige wird mich mehr als meinen Schlaf
kosten.
Capulet.
Nein, ihr Herren, geht noch nicht weg, wir haben noch ein kleines
schlechtes Nachtessen vor uns--Wie, mus es denn seyn? Nun dann, so
dank ich euch allen--Ich dank euch, meine liebe Herren, gute Nacht--
Mehr Fakeln her--
(Zu den ubrigen:)
Kommt hinein, und dann zu Bette.--Ah, guter Freund, bey meiner
Treu, es ist schon spate. Ich will in mein Bette.
(Sie gehen nach einander ab.)
Juliette.
Ein wenig hieher, Amme--Wer ist der junge Herr dort?
Amme.
Der einzige Sohn des alten Tiberio.
Juliette.
Wer ist der, der eben izt zur Thure hinausgeht?
Amme.
Das ist der junge Petrucchio, bild' ich mir ein.
Juliette.
Wer ist der, der ihm folgt, der nicht tanzen wollte?
Amme.
Ich kenn' ihn nicht.
Juliette.
Geh, frage nach seinem Namen
(leise.)
Wenn er schon vermahlt ist, so ist sehr wahrscheinlich, das mein
Grab mein Braut-Bette seyn wird.
Amme.
Er heist Romeo, er ist ein Montague, der einzige Sohn von unserm
grosen Feind.
Juliette (vor sich.)
O Himmel! der, den ich einzig lieben kan, ist der, den ich einzig
hassen sollte--Zu fruh gesehn, eh ich ihn kannte; und zu spat
erkannt; was fur eine seltsame Misgeburt ist meine Liebe--ich liebe--
meinen verhastesten Feind.
Amme.
Was sagtet ihr da? Was habt ihr?
Juliette.
Ein paar Reime, die ich eben von einem gelernt, mit dem ich tanzte.
(Man ruft hinter der Scene Juliette.)
Amme.
Gleich, gleich; Kommt, wir wollen gehen, die Fremden sind schon
alle fort.
(Sie gehen ab.)
([Zum Beschlus dieses Aufzugs tritt ein Chor auf, und sagt den
Zuschauern in vierzehn Reimen, was sie vermuthlich von selbst
errathen hatten--das Romeo, seit der Nacht, da er die schone
Juliette gesehen, seine erste Liebste nicht mehr schon befunden--
das er nun Julietten liebe, und von ihr wieder geliebt werde)--(das
die todtliche Feindschaft ihrer Hauser zwar die Sympathie ihrer
Herzen nicht habe verhindern konnen, aber ihnen hingegen alle
Gelegenheit abschneide, sich zu sehen und zu sprechen, ohne das
jedoch dieser harte Zwang eine andre Wurkung gethan habe, als die
Heftigkeit ihrer Liebe und Sehnsucht zu verdoppeln.])
Zweyter Aufzug.
Erste Scene.
(Die Strasse.)
(Romeo tritt allein auf.)
Romeo.
Kan ich weggehen, wenn mein Herz hier ist? Dreh dich zuruk, plumpe
Erde, und suche deinen Mittelpunct.
(Er geht ab.)
(Indem er sich entfernt, treten Benvolio und Mercutio von der
andern Seite auf und werden ihn gewahr.)
Benvolio.
Romeo, Vetter Romeo!
Mercutio.
Er ist klug, und schleicht sich, auf mein Leben, heim zu Bette.
Benvolio.
Nein er lief diesen Weg, und sprang dort uber die Garten-Mauer. Ruf
ihm, Mercutio!
Mercutio.
Nicht nur das, ich will ihn gar beschworen. He! Romeo!
Grillenfanger! Wetterhahn! Tollhausler! Liebhaber! Erscheine du,
erschein in der Gestalt eines Seufzer, rede, aber in lauter Reimen,
und ich bin vergnugt. Achze nur, Ach und O! reime nur Liebe und
Triebe, sag meiner Gevatterin Venus nur ein einziges hubsches
Wortchen, hang' ihrem stokblinden Sohn und Erben nur einen einzigen
Uber-Namen an, (dem jungen Abraham Cupido, ihm der so gut schos,
als Konig Cophetua um ein Bettel-Madchen seufzte*--doch er hort
nicht, er ruhrt sich nicht, er giebt kein Zeichen von sich; der
Affe ist todt, ich mus ihn schon beschworen--So beschwor' ich dich
dann bey Rosalinens schonen Augen, bey ihrer hohen Stirne, und bey
ihren Purpur-Lippen, bey ihrem niedlichen Fus, schlanken Bein,
runden Knie, und bey den angrenzenden schonen Gegenden, beschwor'
ich dich, das du uns in deiner eignen Gestalt erscheinest!
{ed.-* Eine doppelte Anspielung, auf eine alte Ballade, oder
Romanze, und einen damals bekannten Schuzen, der Abraham hies.}
Benvolio.
Wenn er dich horte, wurdest du ihn bose machen.
Mercutio.
Das kan ihn nicht bose machen: Das wurd' ihn bose machen, wenn ich
einen Geist von irgend einer seltsamen Gestalt in seines Madchens
Circel citierte, und ihn so lange dort stehen liesse, bis sie ihn
gelegt und zu Boden beschworen hatte; das ware was, das er
vielleicht ubel nehmen konnte--Aber meine Citation ist ehrlich und
redlich, und ich beschwor' ihn, in seiner Liebsten Namen, einzig
und allein zu seinem eignen Besten.
Benvolio.
Kommt, er hat sich vermuthlich hinter diese Baume verstekt, um
keine andre Gesellschaft zu haben, als die schwermuthige Nacht; die
Liebe ist blind, und schikt sich am besten in die Dunkelheit.
Mercutio.
Izt wird er dir unter einem Mispeln-Baum sizen, und wunschen, das
seine Liebste von der Art von Fruchten seyn mochte, welche die
Madchens Mispeln nennen, wenn sie allein zusammen schwazen--Gute
Nacht, Romeo, ich will in mein Roll-Bette, ich; dieses Feld-Bette
ist mir zu kalt; kommt, wollen wir gehen?
Benvolio.
Es wird kluger seyn, als hier jemand zu suchen, der sich nicht
finden lassen will.
Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in Capulets Garten.)
(Romeo tritt auf.)
Romeo.
Der lacht uber Narben, die nie keine Wunde fuhlte--Aber stille! was
fur ein Licht bricht aus jenem Fenster hervor? Es ist der Osten,
und Juliet ist die Sonne--
(Juliette erscheint oben am Fenster.)
Geh auf, schone Sonne, und losche diese neidische Luna aus, die
schon ganz bleich und krank vor Verdrus ist, das du, ihr Madchen,
schoner bist als sie. Sey nicht langer ihre Aufwarterin, da sie so
neidisch ist; ihre Vestalen-Livree ist nur blas und grun, und wird
nur von Thorinnen getragen; wirf sie ab--Sie spricht, und sagt doch
nichts; was ist das?--Ihr Auge redt, ich will ihm antworten--Wie
voreilig ich bin! Sie redt nicht mit mir: Zween von den schonsten
Sternen des ganzen Himmels, die anderswo Geschafte haben, bitten
ihre Augen, das sie, indessen bis sie wiederkommen, in ihren
Spharen schimmern mochten--Wie wenn ihre Augen dort waren, und jene
in ihrem Kopfe? Der Glanz ihrer Wangen wurde diese Sterne beschamen,
wie Tag-Licht eine Lampe; ihre Augen, wenn sie am Himmel stuhnden,
wurden einen solchen Strom von Glanz durch die Luft herabschutten,
das die Vogel zu singen anfiengen, und dachten, es sey nicht Nacht:
Sieh! sie lehnt ihre Wange an ihre Hand! O das ich ein Handschuh an
dieser Hand ware, damit ich diese Wange beruhren mochte!
Juliette.
Ach! ich Unglukliche!--
Romeo.
Sie redt. O, rede noch einmal, glanzender Engel! Denn so uber
meinem Haupt schwebend scheinst du diesen Augen so glorreich als
ein geflugelter Bote des Himmels den weitofnen emporstarrenden
Augen der Sterblichen, die, vor Begierde ihn anzugaffen, auf den
Ruken fallen--wenn er die tragschleichenden Wolken theilend auf dem
Busen der Luft in majestatischem Flug dahersegelt.
Juliette.
O Romeo, Romeo--Warum bist du Romeo?--Verlaugne deinen Vater und
entsage deinem Namen--oder wenn du das nicht willt, so schwore mir
nur ewige Liebe und ich will keine Capulet mehr seyn.
Romeo (leise.)
Soll ich langer zuhoren, oder auf dieses antworten?
Juliette.
Nicht du, blos dein Nahme ist mein Feind; du wurdest du selbst seyn,
wenn du gleich kein Montague warest--Was ist Montague?--Es ist
weder Hand noch Fus, weder Arm noch Gesicht, noch irgend ein andrer
Theil. Was ist ein Name; Das Ding das wir eine Rose nennen, wurde
unter jedem andern Namen eben so lieblich riechen. Eben so wurde
Romeo, wenn er schon nicht Romeo genannt wurde, diese ganze
reizende Vollkommenheit behalten, die ihm, unabhangig von diesem
Namen, eigen ist--Romeo, gieb deinen Namen weg, und fur diesen
Namen, der kein Theil von dir ist, nimm mein ganzes Ich.
Romeo.
Ich nehme dich beym Wort; nenne mich nur deinen Freund, und ich
will meinem Taufnamen entsagen, ich will von nun an nicht mehr
Romeo seyn.
Juliette.
Wer bist du, der hier, in Nacht gehullt, mein einsames
Selbstgesprache belauscht?
Romeo.
Durch einen Namen weis ich dir nicht zu sagen, wer ich bin; mein
Name, theure Heilige, ist mir selbst verhast, weil er ein Feind von
dir ist. Ich wollt' ihn zerreissen, wenn ich ihn geschrieben hatte.
Juliette.
So neu sie mir ist, so kenn' ich doch diese Stimme--Bist du nicht
Romeo, und ein Montague?
Romeo.
Keines von beyden, schone Heilige, wenn dir eines davon misfallt.
Juliette.
Wie kamst du hieher, sage mir das, und warum? Die Garten-Mauer ist
hoch und schwer zu ersteigen, und der Ort Tod, wenn dich einer von
meinen Verwandten gewahr wurde.
Romeo.
Mit der Liebe leichten Flugeln uberflog ich diese Mauern, einen zu
schwachen Wall gegen den machtigsten Gott; was die Liebe thun kan,
dazu hat sie auch den Muth; und deswegen konnen deine Verwandten
mich nicht abschreken.
Juliette.
Wenn sie dich sehen, so ermorden sie dich.
Romeo.
O Gotter! Es ist mehr Gefahr in deinem Aug als in zwanzig ihrer
Schwerdter; sieh nur du mich huldreich an, so verlache ich alles
was ihr Groll gegen mich unternehmen kan.
Juliette.
Ich wollte nicht um die ganze Welt, das sie dich hier sahen.
Romeo.
Der Mantel der Nacht wird mich vor ihren Augen verbergen, und wenn
nur du mich liebst, so mogen sie mich immer finden; besser das ihr
Has mein Leben ende, als das der Mangel deiner Liebe meinen Tod
verlangre.
Juliette.
Wer gab dir Anweisung diesen Plaz zu finden?
Romeo.
Die Liebe, die mich antrieb ihn zu suchen; sie lehnte mir Wiz, und
ich lehnte ihr Augen--Ich bin kein Steuermann, aber warst du so
fern als jenes vom entferntesten Ocean bespulte Ufer, ich wurd' um
ein solches Kleinod mein Leben wagen.
Juliette.
Die Maske der Nacht liegt auf meinem Gesicht, sonst wurde meine
gluhende Wange dir zeigen, wie beschamt ich bin, das du mich reden
hortest da ich allein zu seyn glaubte. Vergeblich wurd' ich izt
mich befremdet stellen wollen, vergeblich, vergeblich laugnen
wollen was ich gesprochen habe--So fahre dann wohl, Verstellung!
Liebst du mich? Ich weis, du wirst sagen, ja; und ich will mit
deinem Wort zufrieden seyn--wenn du schworst, so konntest du
meineydig werden; Jupiter lacht nur, sagen sie, zu den falschen
Schwuren der Verliebten. O werther Romeo, sey redlich, wenn du mir
sagst, du liebest mich: Oder wenn du denkst, ich lasse mich zu
leicht gewinnen, so will ich sauer sehen, und verkehrt seyn, und
dir nein sagen--aber anders nicht um die ganze Welt--In der That
liebenswurdiger Montague, ich bin zu zartlich; du konntest deswegen
nachtheilig von meiner Auffuhrung denken; Aber glaube mir, edler
Jungling, du wirst mich in der Probe zuverlasiger finden, als
diejenigen welche List genug haben sich zuverstellen und Umstande
zu machen. Ich wurde selbst mehr gemacht haben, ich mus es bekennen,
wenn der Zufall dich nicht, mir unwissend, zum Zeugen meiner
zartlichen Gesinnungen gemacht hatte. Vergieb mir also, und denke,
um dieser schleunigen Ergebung willen, nicht schlimmer von einer
Liebe, die dir die dunkle Nacht so unverhoft entdekt hat.
Romeo.
Fraulein, bey jenem himmlischen Mond schwor' ich, der alle diese
frucht-vollen Wipfel mit Silber mahlt--
Juliette.
O schwore nicht bey dem Mond, dem unbestandigen Mond, der alle
Wochen in seinem cirkelnden Kreise sich andert--oder deine Liebe
konnte eben so veranderlich werden.
Romeo.
Wobey soll ich denn schworen?
Juliette.
Schwore gar nicht, oder wenn du ja willst, so schwore bey deinem
anmuthsvollen Selbst, bey dem theuren Gegenstand meiner Anbetung,
und ich will dir glauben.
Romeo.
Wenn jemals meine redliche Liebe--
Juliette.
Gut, schwore nicht--So angenehm du selbst mir bist, so ist mir doch
diese nachtliche Verbindung nicht angenehm; sie ist zu rasch, zu
unbesonnen, zu plozlich zu ahnlich dem Bliz, der schon aufgehort
hat zu seyn, eh man sagen kan, es blizt--Gute Nacht, mein Liebster.
Diese Knospe von Liebe kan durch des Sommers reiffenden Athem sich
zu einer schonen Blume entfalten, bis wir wieder zusammen kommen.
Gute Nacht, gute Nacht--Eine so susse Ruhe komme uber dein Herz,
als die, so ich in meiner Brust empfinde!
Romeo.
O, willt du mich so unbefriediget verlassen?
Juliette.
Und was fur eine Befriedigung kanst du noch verlangen?
Romeo.
Die Auswechslung des Gelubds deiner treuen Liebe gegen das Meinige.
Juliette.
Das that ich schon, eh du mich darum batest, und ich wollte lieber
ich hatt' es nicht gethan.
Romeo.
Mochtest du dein Herz wieder zuruknehmen? Warum das, meine Liebe?
Juliette.
Nur damit ich dir's noch einmal geben konnte--und doch, was wunsch'
ich mir damit, als was ich schon habe? Meine Zartlichkeit ist so
grenzenlos als die See, meine Liebe so tief; je mehr ich dir gebe,
je mehr ich habe, denn beyde sind unerschopflich--Ich hore ein
Getose--Lebe wohl, mein Geliebter--
(Man ruft Julietten hinter der Scene.)
Gleich, gute Amme; lieber Romeo, sey getreu warte nur ein wenig,
ich komme gleich wieder.
(Sie geht weg.)
Romeo.
O, glukliche, glukliche Nacht! Ich besorge nur, weil es Nacht ist,
das alles das nur ein Traum sey; es ist zu schmeichelnd-sus um
wurklich zu seyn. (Juliette kommt wieder.)
Juliette.
Drey Worte, liebster Romeo, und dann gute Nacht, im Ernst--Wenn die
Absicht deiner Liebe rechtschaffen ist, und auf eine geheiligte
Verbindung abzielet, so las mich durch jemand, den ich morgen an
dich schiken will, wissen, wann und wo du die Ceremonien verrichten
lassen willst, und ich bin bereit, mein ganzes Gluk zu deinen
Fussen zu legen, und dir, mein Liebster, durch die ganze Welt zu
folgen.
(Man ruft Julietten hinter der Scene.)
Ich komme gleich--wenn du es aber nicht wohl meynst, so bitt' ich
dich--
(Man ruft wieder)
Den Augenblik--ich komme--gieb deine Bewerbung auf und uberlas
mich meinem Gram--Morgen will ich schiken--
Romeo.
So moge meine Seele leben--
Juliette.
Tausendmal gute Nacht--
(Sie geht weg.)
Romeo.
Wie kann dein Wunsch erfullt werden, da du mich verlassest?--
Schmerzen-volles Scheiden!--Liebe zu Liebe eilt so freudig wie
Schulknaben von ihren Buchern--aber wenn Liebe sich von Liebe
scheiden soll, da geht's der Schule zu, mit schwermuthigen Bliken--
(Er entfernt sich.)
(Juliette kommt noch einmal zuruk.)
Juliette.
St! Romeo! St!--Wo nemm' ich eines Falkeniers Stimme her, um diesen
Terzelot sachte wieder zuruk zuloken--Ich darf nicht laut ruffen,
sonst wollt ich die Hole wo Echo ligt zersprengen, und ihre helle
Zunge von Wiederholung meines Romeo heiser machen.
Romeo.
Ist es meine Liebe die mir bey meinem Namen ruft? welche Musik tont
so sus als die Stimme der Geliebten durch die Nacht hin dem
Liebenden tont!
Juliette.
Romeo!
Romeo.
Meine Liebe!
Juliette.
In welcher Stunde soll ich morgen zu dir schiken?
Romeo.
Um neun Uhr.
Juliette.
Ich will es nicht vergessen, es ist zwanzig Jahre bis dahin--Ich
habe vergessen, warum ich dich zurukrief.
Romeo.
Las mich hier stehen, bis es dir wieder einfallt.
Juliette.
Deine Gegenwart ist mir so angenehm, das ich vergessen werde, das
ich dich zu lange hier stehen lasse.
Romeo.
Und ich stehe so gerne hier, das ich mich nicht erinnre eine andre
Heimat zu haben als diese.
Juliette.
Es ist bald Morgen--Ich wollte du warest weg, und doch nicht weiter
als der Vogel eines spielenden Madchens, den sie ein wenig von
ihrer Hand weghupfen last, aber aus zartlicher Eifersucht uber
seine Freyheit, wenn er sich zu weit entfernen will, den armen
kleinen Gefangnen gleich wieder an einem seidnen Faden zurukzieht.
Romeo.
Ich wollt' ich ware dein Vogel.
Juliette.
Das wollt' ich auch, mein Herz, wenn ich nicht furchtete das ich
dich gar zu tode liebkosen mochte. Gute Nacht, gute Nacht. Das
Scheiden kommt mich so sauer an, das ich so lange gute Nacht sagen
werde, bis es Morgen ist.
(Sie geht weg.)
Romeo.
Schlummer ruhe auf deinen Augen, und susser Friede in deiner Brust!
Mocht' ich der Schlaf und der Friede seyn, um so lieblich zu ruhen!--
Ich gehe nun in die Celle meines Geistlichen Vaters, ihm mein Gluk
zu entdeken und ihn um seinen Beystand zu bitten.
(ab.)
Dritte Scene.
(Verwandelt sich in ein Kloster.)
(Pater Lorenz tritt mit einem Korb auf.)
Lorenz.
Der grau-augichte Morgen lachelt die runzelnde Nacht weg, und
zeichnet die ostlichen Wolken mit Streiffen von Licht; indem die
geflekte Finsternis gleich einem Betrunknen, den brennenden Radern
des Titan aus dem Wege taumelt. Nun ist es Zeit, das ich, eh das
flammende Auge der Sonne naher kommt, dem Tag zu liebkosen, und den
nachtlichen Thau aufzutroknen, diesen Korb mit balsamischen
Krautern und Blumen von heilsamer Kraft anfulle. Die Erde, die
Mutter der Natur, ist auch ihr Grab, und dieses fruchtbare Grab
ists, aus dessen Schoos alle diese verschiednen Kinder entspringen,
die wir saugend an ihrem mutterlichen Busen hangen sehen; jede Art
mit besondern Kraften begabt, jede mit einer eignen Tugend
geschmukt, und keine der andern gleich. Wie gros ist nicht die
manchfaltige Kraft die in Pflanzen, Krautern und Steinen ligt!
Nichts was auf der Erde sich findet, ist so schlecht, das die Erde
nicht irgend einen besondern Nuzen davon ziehe; nichts so gut,
dessen Misbrauch nicht schadlich sey. Die Tugend selbst, wird durch
Uberspannung oder irrige Anwendung zum Laster, und das Laster
hingegen zuweilen durch die Art wie es ausgeubt wird, geadelt--In
dieser kleinen Blume hier liegt Gift und Heil-Kraft beysammen; ihr
Geruch starkt und ermuntert alle Lebens-Krafte; gekostet hingegen,
raubt sie den Sinnen alle Empfindung, und das Leben selbst. Zween
eben so feindselige Gegner ligen allezeit in jedes Menschen Brust,
die Gnade, und der verdorbne Wille, und wo dieser die Oberhand
gewinnt, da hat der krebsartige Tod nur gar zu bald die ganze
Pflanze aufgefressen. (Romeo zu dem Vorigen.)
Romeo.
Guten Morgen, Vater.
Bruder Lorenz.
Benedicite! Was fur eine fruhe Zunge grust mich so freundlich?--
Junger Sohn, es zeigt einen verstorten Kopf an, das du dein Bette
so fruh schon verlassest. Sorgen wachen wohl in alter Leute Augen,
und wo Sorge wohnt, wird der Schlaf nie sein Nachtlager nehmen:
Aber wo kummerfreye Jugend mit unbeladnem Hirn ihre Glieder ruhen
last, da herrschst der goldne Schlaf. Dein fruhes Aufseyn ist mir
also ein Zeichen das irgend eine aufruhrische Leidenschaft deine
innerliche Ruhe stort--oder wenn dieses nicht ist, nun, so ist's
bald errathen, das unser Romeo diese Nacht gar nicht zu Bette
gegangen ist.
Romeo.
Das leztere ist wahr, weil mir eine sussere Ruhe zu theil ward.
Bruder Lorenz.
Gott verzeihe dir deine Sunde! warst du bey Rosalinen?
Romeo.
Bey Rosalinen, mein geistlicher Vater? Nein. Ich habe sie bis auf
ihren Namen vergessen.
Bruder Lorenz.
Das ist mein guter Sohn! Aber wo bist du denn gewesen?
Romeo.
Ich will es aufrichtig gestehen; ich befand mich vor einiger Zeit,
unerkannt, bey einem Gastmal meines Feindes; dort wurd' ich
unversehens, von einer Person verwundet, die ich zu gleicher Zeit
verwundet habe; du besizest die geheiligte Arzney, die uns allein
helfen kan; du siehest, heiliger Mann, das ich keinen Has in meinem
Herzen hege, da meine Bitte sich auf meinen Feind erstrekt.
Bruder Lorenz.
Rede gerad und ohne Umschweiffe mit mir, mein Sohn; eine
rathselhafte Beicht' erhalt auch nur einen rathselhaften Ablas.
Romeo.
So wisse dann, das ich des reichen Capulets schone Tochter liebe;
ihr Herz hangt an meinem, wie das meinige an dem ihrigen: Alles ist
schon unter uns verglichen, und um ganzlich vereinigt zu seyn,
fehlt uns nichts, als der Knoten, den du machen kanst. Wenn, wo,
und wie, wir einander zuerst gesehen, geliebt, und unsre Herzen
ausgetauscht haben, will ich dir hernach erzahlen; alles warum ich
izt bitte, ist, das du einwilligest uns heute noch zu vermahlen.
Bruder Lorenz.
Heiliger Franciscus! Was fur eine Veranderung ist das! Ist Rosaline,
die du so zartlich liebtest, so schnell vergessen? So sizt wohl
die Liebe junger Leute blos in ihren Augen und nicht im Herzen!
Jesu, Maria! Was fur Fluthen von Thranen haben deine Wangen um
Rosalinen willen uberschwemmt! Die Sonne hat deine Seufzer noch
nicht vom Himmel weggewischt, dein Gewinsel hallt noch in meinen
alten Ohren; sieh, hier sizt auf deiner Wange noch der Flek von
einer alten Thrane, die noch nicht weggewaschen ist. Wenn du damals
du selbst warst, so gehorst du Rosalinen--und du bist ihr untreu
worden? So gestehe dann, das es unbillig ist, auf den Leichtsinn
der Weiber zu schmahlen, da in Mannern selbst keine Standhaftigkeit
ist.
Romeo.
Und doch beschaltest du mich so oft, das ich Rosalinen liebe?
Bruder Lorenz.
Das du in sie vernarrt warst, nicht das du sie liebtest, mein Kind--
Romeo.
Und befahlst mir, meine Liebe zu begraben?
Bruder Lorenz.
Aber nicht eine neue aus ihrem Grab heraus zu holen.
Romeo.
Ich bitte dich, schohne meiner; Sie die ich liebe, erwiedert meine
Zuneigung durch die ihrige; das that die andre nicht.
Bruder Lorenz.
Ohne Zweifel sagte ihr Herz ihr vorher, wie unzuverlasig das
deinige sey! Doch komm nur, junger Flattergeist, folge mir; dein
Wankelmuth kan vielleicht gute Folgen nach sich ziehen. Diese
Verbindung kan das gesegnete Mittel werden, den alten Has eurer
Familien auszuloschen--und in dieser einzigen Betrachtung will ich
dir behulflich seyn.
Romeo.
O las uns gehen, ich habe keine Zeit zu versaumen--
Bruder Lorenz.
Bedachtlich und langsam! Wer zu schnell lauft, stolpert leicht.
(Sie gehen ab.)
Vierte Scene.
(Verwandelt sich in die Strasse.)
(Benvolio und Mercutio treten auf.)
Mercutio.
Wo, zum T**, mag denn dieser Romeo seyn? Kam er verwichene Nacht
nicht nach Hause?
Benvolio.
Sein Bedienter sagt, nein.
Mercutio.
Wie, zum Henker, dieses bleichsuchtige, hartherzige Mensch, diese
Rosaline qualt ihn, das er endlich zum Narren d'ruber werden wird.
Benvolio.
Tybalt, des alten Capulets Neffe, hat einen Brief in seines Vaters
Haus geschikt.
Mercutio.
Eine Ausforderung, auf mein Leben!
Benvolio.
Romeo wird ihm antworten, wie sich's gebuhrt.
Mercutio.
Auf einen Brief kan endlich ein jeder antworten, der Schreiben
gelernt hat.
Benvolio.
Nein, ich meyne, Tybalt wird seinen Mann in Romeo finden.
Mercutio.
Wollte Gott! Aber ach, der arme Romeo! er ist schon tod; von einer
weissen Dirne schwarzem Aug zu tod gestochen! mit einem Liebes-
Liedchen durch und durch--die Ohren gestossen! Der kleine blinde
Bogenschuze hat ihm den Herz-Bendel abgeschossen; und er soll der
Mann seyn, sich mit einem Tybalt zu messen?
Benvolio.
Wie, was ist denn Tybalt--
Mercutio.
Mehr als der Furst der Kazen; das glaube mir--O, das ist der
herzhafte Obrist-Leutenant aller Complimente; er ficht dir so
leicht als du einen Gassen-Hauer singst, und bohrt dir nach der
Cadenz, troz dem besten Tanzmeister--mit eins, zwey, drey, sein
Federmesser in den Busen, das es eine Lust zu sehen ist--ein wahrer
Morder eines seidnen Knopfs, ein Duellist, ein Duellist! Ein Mann,
der immer zu forderst an der Spize seines hohen Hauses steht, ein
Mann der sich nach den Noten schlagt--ah, der unsterbliche
(Passado), der (Punto reverso), der--Hey! --
Benvolio.
Der--was?
Mercutio.
Der Henker hohle diese frazigten, lispelnden, affectierten Narren!
Diese sussen Burschchen, die mit einem halbauslandischen Accent
ausruffen: Jesu! die allerliebste Klinge!--Der allerliebste
Grenadier!--die allerliebste H**!--Wie, ist es nicht erbarmlich,
Grosvater, das wir mit diesen Schmetterlingen, mit diesen Mode-
Frazen, diesen (pardonnes-moi's) heimgesucht seyn sollen, die so
steiff auf der neuen Mode halten, das sie unmoglich auf dem alten
Bank ruhig sizen konnen?--O! ihre (bons), ihre (bons!) (Romeo zu
den Vorigen.)
Benvolio.
Hier kommt Romeo, hier kommt er--
Mercutio.
Ohne seinen Rogen, wie ein gedorrter Haring--O Fleisch, Fleisch,
wie bist du fischificiert!--Izt ist er in den Harmonien vertieft,
worinn Petrarch daherfliest: Laura war gegen sein Fraulein nur ein
Kuchen-Mensch--Zum Henker, sie hatte einen Liebhaber der sie besser
bereimen konnte--Dido war gegen sein Madchen nur eine dike Saug-
Amme, Helena und Hero Mezen und Landstreichers-Waare, Thisbe ein
kazen-augichtes Ding, oder so was--Aber nun zur Sache! Signor Romeo,
(bon jour); das ist ein franzosischer guter Morgen fur eure
franzosischen Hosen--Ihr spieltet uns einen artigen Streich lezte
Nacht--
Romeo.
Guten Morgen--meine Freunde: Was fur einen Streich spielt' ich euch
dann?
Mercutio.
Das ihr so davon schlupftet, wie wir euch ruften.
Romeo.
Um Vergebung, mein lieber Mercutio, mein Geschafte war wichtig, und
in einem solchen Fall wie der meinige, ist es einem ehrlichen Mann
erlaubt, eine kleine Ausnahme von den Regeln der Hoflichkeit zu
machen--* (Die Amme, mit Peter, ihrem Diener, zu den Vorigen.)
{ed.-* Hier fangt sich bis zum Auftritt der Amme eine Art von wizigem
Duell mit Wortspielen, und abgeschmakt-sinnreichen Einfallen
zwischen Romeo und Mercutio an, welcher leztere zuweilen auch noch
mit schmuzigen Scherzen um sich wirft, wenn er sich nicht anders
mehr zu helfen weis--Man kennt schon diese Mode-Seuche von unsers
Autors Zeit, und erlaubt uns, eine Luke zu machen, wo es in unsrer
Sprache unmoglich ist so wizig zu seyn wie seine Spas-Macher.}
Amme.
Peter--
Peter.
He?
Amme.
Meinen Facher, Peter--
Mercutio.
Thu es, guter Peter, damit sie ihr Gesicht verbergen kan; ihr
Facher ist doch das schonste von beyden.
Amme.
Guten Tag geb euch Gott, ihr Herren.
Mercutio.
Ein gutes Mittag-Essen geb euch Gott, schones Frauenzimmer.
Amme.
Ist es schon Mittag-Essens-Zeit?
Mercutio.
Es ist nicht weniger, sag ich euch; denn die--** ([Nachdem diese
drey jungen Herren eine Zeitlang ihren geistreichen Spas mit der
Amme gehabt haben, welche dem Romeo sagt, das sie einen Auftrag an
ihn habe, so fuhren sich endlich die beyden andern ab, und Romeo
bleibt bey der Amme zuruk.])
{ed.-** Eine abermalige Luke, die sich von einer Zote des sinnreichen
Mercutio anhebt, und im Original mit dem albersten Zeug von der
Welt ausgefullt ist.}
Amme.
Ich bitte euch, Gnadiger Herr, wer war der grobe Geselle da, der so
voller Raupereyen stekte?
Romeo.
Ein junger Edelmann, Amme, der sich selber gerne reden hort, und in
einer Minute mehr sagt, als er in einem Monat zu verantworten im
Sinn hat.
Amme.
Wenn er etwas wider mich sagte, so wollt' ich ihn auf den Boden
kriegen, und wenn er noch einmal so muthig war' als er ist, und
zwanzig solche Hansen; und wenn ich nicht kan, so will ich die wol
finden, die es konnen--der Schurke, der! Ich bin keine von seinen
Fleder-Wischen; ich bin keine von seinen Unter-Pfulben! Und du must
so da stehn, und zusehen, wie ein jeder Flegel seine Lust an mir
bust?
Peter.
Ich sah niemand seine Lust an euch bussen; wenn ich so was gesehen
hatte, ich wollte bald mit der Fuchtel heraus gewesen seyn, das
versichr' ich euch. Ich habe so viel Herz als ein andrer, wenn ich
Sicherheit in einem Handel sehe, und das Gesez auf meiner Seite ist.
Amme.
Nun, bey Gott, ich bin so ubel, das alles an mir zittert--der
garstige Mensch! Ich bitte euch, Gnadiger Herr, ein einziges Wort;
und wie ich euch sagte, mein junges Fraulein befahl mir euch
aufzusuchen; was sie mir sagte, das ich sagen sollte, will ich bey
mir behalten; aber ich will nur so viel sagen, wenn ihr sie ins
Narren-Paradies fuhren wurdet, wie man zu sagen pflegt, so war' es
gewislich eine grosse Sunde, denn das Fraulein ist jung, und wenn
ihr sie also nur betrugen wolltet, so war' es in der That nicht
hubsch mit einem jungen Fraulein umgegangen--
Romeo.
Empfiehl mich deiner Fraulein; ich protestiere dir--
Amme.
Das gute Herz! Wohl, meiner Treue, das will ich ihr sagen: Herr,
Gott, sie wird sich vor Freude kaum zu lassen wissen--
Romeo.
Was willt du ihr denn sagen, Amme? Du horst mich ja nicht an.
Amme.
Ich will ihr sagen, Gnadiger Herr, das ihr protestiert, welches,
wie ich's verstehe, ein recht honnettes Anerbieten von einem jungen
Cavalier ist--
Romeo.
Sag ihr, sie mochte ein Mittel ausfindig machen, diesen Nachmittag
zur Beichte zu gehen; so solle sie in Bruder Lorenzens Celle zu
gleicher Zeit absolviert und copuliert werden--Hier ist was fur
deine Muhe.
Amme.
Nein, wahrhaftig, Gnadiger Herr, nicht einen Pfenning.
Romeo.
Geh, geh, mach keine Umstande, du must--
Amme.
Diesen Nachmittag, Gnadiger Herr? Gut, wir wollen uns einfinden.
Romeo.
Noch eins, gute Amme; warte hinter der Kloster-Mauer, mein Diener
soll binnen dieser Stunde bey dir seyn, und dir eine Strik-Leiter
bringen, die mich diese Nacht auf den Gipfel meiner Glukseligkeit
fuhren soll. Lebe wohl, sey getreu, und ich will deine Muhe
reichlich belohnen.
Amme.
Nun, Gott im Himmel segne dich! Hort einmal, Gnadiger Herr--
Romeo.
Was willt du mir sagen, meine liebe Amme?
Amme.
Ist euer Bedienter auch verschwiegen? Hortet ihr niemal sagen,
zween konnen ein Geheimnis am besten bey sich behalten, wenn man
einen davon thut?
Romeo.
Ich stehe dir davor, mein Kerl ist so zuverlassig als Stahl und
Eisen.
Amme.
Gut, Gnadiger Herr, mein Fraulein ist das holdseligste Fraulein von
der Welt--Herr Gott! wie sie noch ein kleines plapperndes Ding war--
O,--es ist ein Edelmann in der Stadt, ein gewisser Paris, der
seinen Mann gar zu gern bey ihr anbringen mochte; aber sie, die
gute Seele, sie sah eben so gern eine Krote als sie ihn sieht: Ich
erzurne sie manchmal und sag ihr, Paris sey der schonere von beyden--
aber das versichr' ich euch, wenn ich so rede, so wird sie so
bleich wie ein weisses Tuch--Fangen nicht Rosmarin und Romeo beyde
mit einem Buchstaben an?
Romeo.
Ja, Amme, warum fragst du das? Beyde mit einem R.
Amme.
Ah, Spottvogel! Das ist ja ein Hunds-Name--Nein, nein, ich weis, es
fangt mit einem andern Buchstaben an, und sie sagt die artigsten
Sentenzien daruber, uber euch und den Rosmarin, das es euch im
Herzen wohlthate, wenn ihr's hortet.
Romeo.
Meine Empfehlung an dein Fraulein--
(Romeo geht ab.)
Amme.
O, tausendmal, Peter--
Peter.
He?
Amme.
Nimm meinen Facher, und geh voran.
(Sie gehen ab.)
Funfte Scene.
(Verwandelt sich in Capulets Haus.)
(Juliette tritt auf.)
Juliette.
Die Gloke schlug neun, wie ich die Amme ausschikte: und sie
versprach in einer halben Stunde wieder zu kommen. Vielleicht kan
sie ihn nicht finden--Das kan es nicht seyn--Oh, sie ist lahm. Die
Boten der Liebe sollten Gedanken seyn, die zehnmal schneller
fortschlupfen als Sonnenstralen, wenn sie von dammernden Hugeln die
Schatten der Nacht vertreiben. Deswegen ziehen leicht-geflugelte
Dauben die Liebes-Gottin, und deswegen hat der Wind-schnelle Cupido
Schwingen. Die Sonne hat bereits den hochsten Gipfel ihrer
taglichen Reise erstiegen; von neun bis zwolf sind drey lange
Stunden--und doch ist sie noch nicht da--O, hatte sie warmes
jugendliches Blut und ein geruhrtes Herz, sie wurde so schnell seyn
als ein Ball; meine Worte wurden sie zu meinem Geliebten stossen,
und die seinigen zu mir--
(Die Amme und Peter treten auf.) O Gott, sie kommt--O Zuker-Amme,
was bringst du mir fur eine Zeitung? Hast du ihn angetroffen?--
Schik deinen Diener weg.
Amme.
Peter warte vor der Tur auf mich.
(Peter geht ab.)
Juliette.
Nun, gute liebe Amme--O Himmel, warum siehst du so finster? Wenn
deine Zeitung bose ist, so solltest du doch freundlich dazu
aussehen; und ist sie gut, so verderbst du ihre Musik, wenn du sie
mir mit einem sauern Gesicht vorspielst.
Amme.
Ich bin mude, last mich ein wenig ausruhen--Fy, meine Beine
schmerzen mich, was das fur ein Gang war!
Juliette.
Ich wollte du hattest meine Beine, und ich deine Zeitung. Nein,
komm, ich bitte dich, rede--Gute, liebe Amme rede.
Amme.
Jesu! was fur eine Ungeduld! Konnt ihr denn nicht ein wenig warten?
Seht ihr nicht, das ich ganz ausser Athem bin.
Juliette.
Wie bist du ausser Athem, da du Athem genug hast mir zu sagen, das
du ausser Athem bist? Die Entschuldigung die du fur dein Zaudern
machst ist langer als die Erzahlung, auf die du mich warten lasst.
Ist deine Zeitung gut oder bose? Antworte mir nur das; Sag eines
von beyden, und ich will auf die Umstande warten; las mich nicht in
der Unruh, ist sie gut oder bose?
Amme.
Wohl, wohl, ihr habt eine feine Wahl getroffen; ihr wist nicht wie
man sich einen Mann auslesen mus: Romeo nein, er nicht; und doch,
wenn sein Gesicht gleich nicht besser ist als andrer Leute ihres,
so hat er doch die schonsten Waden, die man sehen kan; und was eine
Hand, einen Fus, und einen Leib anbetrift, wenn man schon nicht
davon redt, so sind sie doch unvergleichlich. Er ist kein
Complimenten-Narr nicht, aber ich bin gut davor, das er so sanft
ist wie ein Lamm--Geh deines Wegs, Madchen, und danke Gott--Wie,
habt ihr schon zu Mittag gegessen?
Juliette.
Nein, nein aber das alles wust' ich schon vorher; was sagt er von
unsrer Verheurathung? was sagt er davon?
Amme.
Herr, wie mir der Kopf weh thut! was ich fur einen Kopf habe! Es
schlagt nicht anders drinn, als ob er in zwanzig Stuke fallen
sollte--Und mein Ruken--O mein Ruken, mein Ruken! Gott verzeih' es
euch, das ihr mich ausgeschikt, mit auf- und ablauffen mein Leben
einzubussen.
Juliette.
Bey meiner Treue, es ist mir leid, das du so ubel bist. Liebe,
liebe, liebe Amme, ich bitte dich, was sagt mein Romeo?
Amme.
Euer Romeo redt wie ein rechtschaffner Edelmann, und ein artiger,
und ein freundlicher, und ein hubscher, und, ich bin gut dafur,
auch ein tugendhafter--Wo ist eure Mutter?
Juliette.
Wo meine Mutter ist? Wie, sie ist in ihrem Zimmer; wo soll sie
sonst seyn? Wie wunderlich du fragst? Euer Liebhaber redt wie ein
rechtschaffner Edelmann--wo ist eure Mutter! --
Amme.
O heilige Mutter Gottes, wie hizig ihr seyd! Wahrhaftig, ihr macht
mir's, das es nicht recht ist. Ist das der Lohn fur meine Schmerzen
in den Beinen? Ein andermal rustet eure Gesandschaften selbst aus--
Juliette.
Was du fur einen Lerm machst? Komm, was sagt Romeo?
Amme.
Habt ihr Erlaubnis gekriegt, heut zur Beichte zu gehen?
Juliette.
Ja.
Amme.
So macht euch, sobald ihr konnt, nach Bruder Lorenzens Celle; dort
wartet ein Mann auf euch, der euch zu einem Weibe machen will--Nun
rennt das muthwillige Blut wieder in eure Wangen--Man kan euch kaum
was neues sagen, so sind sie lauter Scharlach. Geht ihr zur Kirche;
ich mus einen andern Weg, eine Leiter zu holen, auf der euer
Liebhaber zu einem Vogel-Nest hinaufklettern soll, so bald es
dunkel seyn wird. Ich bin den ganzen Tag mit euerm Vergnugen
geplagt, aber heute Nacht werdet ihr die Last selber tragen. Geht,
ich will zum Mittag-Essen, macht ihr das ihr in die Celle kommt.
Juliette.
Wie gluklich bin ich! Leb wohl indessen, gute Amme!
(Sie gehen ab.)
Sechste Scene.
(Verwandelt sich in das Kloster.)
(Bruder Lorenz und Romeo treten auf.)
Bruder Lorenz.
So lachle der Himmel auf diese heilige Handlung, das keine
nachfolgende Ungluks-Stunden uns zur Reue zwingen mogen!
Romeo.
Amen, Amen! Doch komme was fur ein Ungluk auch will, es kan die
Wonne nicht uberwiegen, die mir eine einzige kurze Minute in ihrem
Anblik giebt: Vereinige du nur mit heiligen Worten unsre Hande, und
dann mag der Tod selbst sein argstes thun; es ist genug, wenn ich
sie nur mein nennen kann.
Bruder Lorenz.
Diese heftigen Entzukungen nehmen gemeiniglich ein plozliches Ende,
und sterben in ihrem Triumph; wie Feuer und Pulver, die sich, indem
sie sich begegnen, verzehren. Des sussesten Honigs wird man um
seiner Sussigkeit willen zulezt uberdrussig. Liebe also massig,
damit du lange lieben konnest; zu schnell kommt eben so spat an,
als zu langsam.
(Juliette zu den Vorigen.)
Hier kommt das Fraulein. Wie munter, wie leicht auf den Fussen sie
ist! Ein Verliebter konnte das leichte Pflaum-Federchen besteigen,
das in der uppigen Sommer-Luft herumflattert, und wurde doch nicht
fallen, so leicht ist Eitelkeit.
Juliette.
Guten Abend, mein geistlicher Vater.
Bruder Lorenz.
Romeo, meine Tochter, soll dir fur uns beyde danken.
Juliette.
Ich wunsche ihm eben so viel, sonst ware sein Dank zu viel.
Romeo.
Ah! Juliette, wenn das Maas deiner Freude so aufgehauft ist als das
meinige, und du fahiger bist als ich, sie auszudruken, o so
versusse durch deinen Athem diese umgebende Luft, und las die
zauberische Musik deiner Zunge die Glukseligkeit entfalten, die wir
beyde von dieser frohen Zusammenkunft erhalten.
Juliette.
Mein Herz ist zu voll von seinem Gluk, als das es sich in Worte
ergiessen konnte--Die sind nur arm, welche sagen konnen, wie reich
sie sind--Meine Zartlichkeit ist zu einem solchen Ubermaas
gestiegen, das ich nicht die Halfte meines Reichthums anzugeben
vermag.
Bruder Lorenz.
Kommt, kommt mit mir, und wir wollen kurze Arbeit machen; denn, mit
eurer Erlaubnis, sollt ihr nicht allein beysammen bleiben, bis die
heilige Kirch aus beyden (Einen) Leib gemacht hat.
(Sie gehen ab.)
Dritter Aufzug.
Erste Scene.
(Die Strasse.)
(Mercutio und Benvolio mit ihren Bedienten treten auf.)
Benvolio.
Ich bitte dich, lieber Mercutio, las uns gehen, der Tag ist heis,
und die Capulets schwarmen in den Strassen herum; wenn wir ihnen
begegnen, so wird es unfehlbar Handel absezen; denn in diesen
heissen Tagen ist das tolle Blut aufruhrisch.
Mercutio.
Du kommst mir gerade so vor, wie einer von den tapfern Mannern, die,
wenn sie in ein Weinhaus kommen, gleich ihren Degen auf den Tisch
schmeissen und sagen: Gott gebe das ich dich nicht nothig habe!
aber sobald ihnen die zweyte Flasche in den Kopf gestiegen ist, ihn
gegen den Keller-Jungen ziehen, welches sie in der That nicht
nothig hatten.
Benvolio.
Und einem solchen Burschen bin ich gleich?
Mercutio.
Komm, komm, wenn du aufgebracht bist, bist du ein so hiziger
Klingen-Fresser als irgend einer in Italien--und das schlimmste
dabey ist, das du eben so schnell aufzubringen bist, als du hizig
bist, wenn man dich aufgebracht hat.
Benvolio.
Wie kommt das?
Mercutio.
Wahrhaftig, wenn zween solche waren wie du, wir wurden gar bald gar
keinen haben, denn einer wurde den andern in der ersten Stunde
aufreiben. Du? du fangst ja Handel mit einem an, weil er ein Haar
mehr oder weniger in seinem Bart hat, als du; du wurdest mit einem
anbinden, der Nusse aufknakte, ohne eine andre Ursache angeben zu
konnen, als weil du nusbraune Augen hast. Dein Kopf ist so voller
Handel, als ein Ey voll von Dotter und Eyer-Klar--und doch ist dir
dieser nemliche Kopf, um deiner Schlagereyen willen, schon so weich
geschlagen worden, als ein gesottnes Ey. Du hast dich mit einem
geschlagen, der auf der Strasse hustete, weil er deinen Hund damit
aufgewekt habe, der in der Sonne schlafend lag. Fiengst du nicht
mit einem Schneider Handel an, weil er sein neues Wams vor Ostern
trug? und mit einem andern, weil er seine neue Schuhe mit einem
alten Nestel zugeknopft hatte? Und du willt hier den Hofmeister mit
mir machen, und mich vor Handeln warnen!
Benvolio.
Wenn ich so handelsuchtig ware wie du, es wurde mir niemand zwo
Stunden um mein Leben geben--
(Tybalt, Petrucchio und andre von den Capulets treten auf.) Bey
meinem Kopf, hier kommen die Capulets--
Mercutio.
Bey meiner Ferse, ich frage nichts darnach.
Tybalt.
Haltet euch dicht an mir, ich will mit ihnen reden--Guten Tag,
meine Herren, ein Wort mit einem von euch.
Mercutio.
Warum nur Ein Wort? Kuppelt es mit einem leibhaftern Ding zusammen,
macht das ein Wort und eine Ohrfeige draus wird.
Tybalt.
Ihr sollt mich willig genug dazu finden, Herr, wenn ihr mir
Gelegenheit dazu geben wollt.
Mercutio.
Konnt ihr denn keine Gelegenheit nehmen, ohne das man sie euch
geben mus?
Tybalt.
Mercutio, du ziehst immer mit Romeo herum--
Mercutio.
Herumziehen! wie, machst du Bier-Fidler aus uns? Wenn du Bier-
Fidler aus uns machst, so erwarte nichts bessers als Mistone zu
horen--Hier ist mein Fiddel-Bogen--Hier ist was, das euch tanzen
machen soll!--Holl-Teufel! Herumziehen!
(Er legt die Hand an seinen Degen.)
Benvolio.
Wir sind hier mitten unter den Leuten. Entweder zieht euch an einen
abgelegnen Ort zuruk, oder macht euren Zwist mit kaltem Blut aus;
hier gaffen uns alle Augen an.
Mercutio.
Die Leute haben ihre Augen drum, damit sie sehen sollen; las sie
gaffen; ich will niemand zum Gefallen von der Stelle gehen, ich.
(Romeo zu den Vorigen.)
Tybalt.
Gut! Ihr konnt Friede haben, Herr! Hier kommt mein Mann.
Mercutio.
Aber ich will gehangen seyn, Herr, wenn er euere Liverey tragt;
geht nur zuerst zu Felde, er wird euch auf dem Fusse folgen; in
diesem Sinn kan Eu. Gnaden ihn wol einen Mann heissen.
Tybalt.
Romeo, die Liebe die ich zu dir trage, giebt mit keinen bessern
Grus fur dich als diesen, du bist ein nichtswurdiger Kerl--
Romeo.
Tybalt, die Ursache die ich habe dein Freund zu seyn, ist gros
genug, mich gegen die beleidigende Wuth eines solchen Grusses
unempfindlich zu machen--Ich bin nicht was du sagst--Also, lebe
wohl; ich sehe, du kennst mich nicht.
Tybalt.
Junge, damit sollst du nicht fur die Beleidigungen davon kommen,
die ich von dir empfangen habe; kehr um, und zieh.
Romeo.
Ich schwore dir, das ich dich nie beleidigt habe; ich liebe dich
mehr als du dir einbilden kanst; und bis du die Ursach erfahren
wirst, warum ich dich liebe, guter Capulet,
(leiser)
--dessen Name mir so theuer ist als mein eigner--gieb dich
zufrieden.
Mercutio.
Wie? So gelassen? O schimpfliche, niedertrachtige Gelassenheit!--
Tybalt, du Razenfanger, willt du mit mir kommen?
Tybalt.
Was willst du von mir?
Mercutio.
Guter Kazen-Konig, nichts als eines von deinen neun Leben, um ein
bischen lustig damit zu machen, und je nach dem ihr euch kunftig
auffuhren werdet, euch auch die ubrigen auszuklopfen. Wollt ihr
euern Degen ziehen? Macht hurtig--
Tybalt.
Ich bin zu euern Diensten.
(Er zieht.)
Romeo.
Liebster Mercutio, stek dein Rapier ein.
Mercutio.
Wolan, Herr, einen kleinen Gang.
(Mercutio und Tybalt fechten.)
Romeo.
Zieh, Benvolio--hilf mir ihnen die Degen aus den Handen schlagen--
Meine Herren--Um's Himmels willen, haltet ein--Tybalt--Mercutio--
Ihr wist das ausdrukliche Verbot des Fursten--Halt, Tybalt--armer
Mercutio--
(Tybalt geht ab.)
Mercutio.
Ich bin verwundet--Verderben uber eure beyde Hauser! Ich habe
meinen Theil. Ist er weg, und hat nichts?
Benvolio.
Wie, bist du verwundet?
Mercutio.
Ja, ja, eine Rize, eine Nadelrize--Zum Henker, es ist genug, wo ist
mein Diener? Geh, Schurke, hol einen Wund-Arzt.
Romeo.
Gutes Muths, Mann, die Wunde wird nicht viel zu bedeuten haben.
Mercutio.
Nein, sie ist nicht so tief als ein Zieh-Brunnen, noch so weit als
eine Kirchen-Thur, aber sie ist eben recht, so viel ich brauche;
fragt morgen wieder nach mir. Ich bin gepfeffert fur diese Welt,
das glaubt mir; der Henker hole eure beyden Hauser! Wie? ein Hund,
eine Raze, eine Maus, eine Kaze soll einen Mann zu tod krazen? Eine
feige Hure, ein Schurke, ein Lumpen-Kerl, der nach dem Rechenbuch
ficht? Warum zum Teufel kam't ihr zwischen uns? Ich wurde unter
euerm Arm gestossen--
Romeo.
Ich that es aus der besten Absicht.
Mercutio.
Hilf mir in irgend ein Haus, Benvolio, oder ich werde umsinken--Die
Pest uber eure Hauser! Sie haben eine Wurms-Mahlzeit aus mir
gemacht; ich hab' es, und bald genug--Den Teufel uber eure Hauser!--
(Mercutio und Benvolio gehen ab.)
Zweyte Scene.
Romeo.
Dieser Edelmann, ein naher Verwandter des Prinzen, mein bester
Freund, mus um meinetwillen sein Leben lassen--meine Ehre ist durch
Tybalts Lasterungen beflekt, Tybalts, der kaum seit einer Stunde
mein Vetter ist: O susse Juliette, deine Schonheit hat mich
weibisch gemacht--Wurd' ein Mann soviel leiden und gelassen
bleiben? (Benvolio tritt auf.)
Benvolio.
O Romeo, Romeo, der brave Mercutio ist todt--
Romeo.
Dieser unglukselige Tag, es ahnet mir, wird mehr andre nach sich
ziehen--
(Tybalt zu den Vorigen.)
Benvolio.
Hier kommt der rasende Tybalt wieder zuruk.
Romeo.
Lebend, im Triumph? und Mercutio ist erschlagen? Hinweg gen Himmel,
zurukhaltende Sanftmuth, und du, feuer-augichte Wuth, sey nun meine
Fuhrerin! Nun, Tybalt nimm den nichtswurdigen Kerl zuruk, den du
vorhin mir gabst--Mercutio's Seele schwebt nicht weit uber unsern
Hauptern und wartet auf die deinige--Du oder ich, einer von uns mus
ihm Gesellschaft leisten.
Tybalt.
Du, armseliger Junge, der hier mit ihm zu lauffen gewohnt war, du
sollst mit ihm.
(Sie fechten; Tybalt fallt.)
Benvolio.
Romeo, hinweg, fliehe--die Burger lauffen zusammen, und Tybalt ist
erschlagen--Steh nicht so sinnlos da--der Prinz wird dein Todes-
Urtheil sprechen, wenn du ergriffen wirst--Hinweg, fliehe, fort!
Romeo.
O! Ich unglukseliger Ball des Gluks--
Benvolio.
Wie, du zogerst noch?
(Romeo entweicht.)
Dritte Scene.
(Einige Burger treten auf.)
Burger.
Welchen Weg floh Tybalt, der den Mercutio ermordet hat? Wo floh er
hin?
Benvolio.
Hier ligt Tybalt.
Burger.
Auf, Herr, geht mit mir--ich befehle dir's in des Fursten Namen,
gehorche. (Der Prinz, Montague, Capulet, ihre Weiber, u. s. w.
treten auf.)
Prinz.
Wo sind die schandlichen Urheber dieser Unruh?
Benvolio.
Gnadigster Herr, ich kan den ganzen ungluklichen Hergang dieses
fatalen Zwists erzahlen; hier ligt, vom jungen Romeo erschlagen,
der Mann der den tapfern Mercutio, euern Vetter erschlug.
Lady Capulet.
Tybalt, mein Neffe! O meines Bruders Kind! Unglukseliger Anblik! O
weh mir, das Blut meines liebsten Neffen ist vergossen--Prinz, so
wahr du diesen Namen verdienst, so las unser Blut durch das Blut
des mordrischen Montague gerochen werden.
Prinz.
Benvolio, wer war der Anfanger des Handels?
Benvolio.
Tybalt, der hier von Romeo's Hand erschlagen ligt, von Romeo, der
ihm freundlich zuredete, ihn bat die Gefahrlichkeit der Handel, die
er anfieng, zu bedenken, und das er sich die scharfste Ahndung von
Eurer Durchlaucht zuziehen werde; aber alles was er mit sanfter
Stimme, ruhigen Bliken, und demuthig gebognen Knien sagte, war
nicht vermogend die wuthende Galle des tauben Tybalts zu
besanftigen--noch ihn abzuhalten, den scharfen Stahl nach des
kuhnen Mercutio Brust zu zuken, der gleich hizig ihm Stos um Stos
wiedergab, und mit furchtlosem Kaltsinn, mit der einen Hand den
kalten Tod auf die Seite schlug, mit der andern ihn zu Tybalt zuruk
sandte, von dessen geschikter Faust er gleich wieder auf seinen
Gegner zurukprallte.--Romeo ruft was er kan: haltet ein! Freunde!
Freunde, haltet ein! und schneller als seine Zunge schlagt sein
behender Arm beyder todtliche Klingen nieder, und sturzt sich
zwischen sie: Aber in eben diesem Augenblik durchbort, unter seinem
Arm, ein ungluklicher Stos von Tybalt des unbandigen Mercutio's
Herz; Tybalt entflieht, aber bald kommt er wieder zu Romeo zuruk,
den eines Freundes Tod zur Rache anspornt, und wie der Bliz sind
sie an einander: Denn eh ich sie von einander reissen konnte, war
Tybalt erschlagen, und so wie er fiel, begab sich Romeo auf die
Flucht. Dis ist die Wahrheit, oder last Benvolio sterben.
Lady Capulet.
Er ist ein Verwandter von den Montaguen, die Freundschaft macht ihn
verdachtig, er sagt nicht die Wahrheit. Es waren ihrer wenigstens
zwanzig gegen den einzigen Tybalt, weniger als diese zwanzig hatten
nichts uber ihn vermocht. Ich verlange Justiz, Prinz, und es ist
nicht in deiner Gewalt sie abzuschlagen. Romeo todtete Tybalt,
Romeo soll nicht leben!
Prinz.
Romeo erschlug ihn, und er erschlug den Mercutio--von wem soll dann
ich das werthe Blut meines Anverwandten fordern?
Lady Montague.
Nicht von Romeo, Prinz, er war Mercutio's Freund: Sein ganzer
Fehler war, das er dem Morder Tybalt das Leben nahm, welches ihm
das Gesez ohnehin genommen hatte.
Prinz.
Und dieses Verbrechens wegen verbannen wir ihn von Stund an aus
Verona--Euere Feindschaft, euer ungezahmter Groll kostet mich mein
eignes Blut, es ist hohe Zeit um meiner eignen Sicherheit willen
ihm Einhalt zu thun. Ich will es, ich will durch den Zwang der
Straffen erhalten, was Drohung nicht vermocht hat. Keine
Entschuldigungen! Keine Vorbitten! weder Thranen noch Fusfalle
sollen die ermudete Gerechtigkeit versohnen--Last Romeo
unverzuglich fliehen, oder die Stunde, worinn er ergriffen wird,
ist seine lezte--Traget diesen Leichnam von hinnen, und erwartet
meinen fernern Willen--Gnade wird selbst zur Morderin, wenn sie
Mordern vergiebt.
(Sie gehen ab.)
Vierte Scene.
(Verwandelt sich in ein Zimmer in Capulets Haus.)
(Juliette tritt allein auf.)
Juliette.
Eilet, eilet davon, ihr feurigen Rosse der Sonne, euerm Nachtlager
zu--ein solcher Fuhrer, wie Phaeton war, wurde euch bald nach
Westen gepeitscht, und in einem Augenblik den Tag in dustre Nacht
verwandelt haben--Spreite deinen dichten Vorhang aus,
Liebebefordernde Nacht! das die Augen des muden Phobus niken, und
unbesprochen und ungesehn Romeo in diese Arme fliege. Liebende
sehen genug zu ihren zartlichen Geheimnissen beym Glanz ihrer
eignen Schonheiten: Oder wenn die Liebe blind ist, so taugt sie am
besten zur Nacht. Komm, stille Nacht, gleich einer sittsamen
Matrone ganz in Schwarz gekleidet; komm und lehre mich ein
gewinnreiches Spiel verliehren, das um ein paar unbeflekte
Jungferschaften gespielt wird--Verhulle das unbemannte Blut, das
meine Wangen erhizt, in deinen schwarzen Schleyer, bis die
ungewohnte Liebe kuhner wird, und in ihren brunstigsten Ausbruchen
nichts als Unschuld findt. Komm, Nacht, komm, Romeo, komm du Tag in
der Nacht, denn du wirst auf den Flugeln der Nacht weisser als
Schnee auf eines Raben Ruken ligen; komm, holde Nacht, komm,
liebende, schwarz-augichte Nacht! Gieb mir meinen Romeo, und wenn
er einst sterben mus, so nimm ihn und schneid ihn in kleine Sterne
aus, und er wird dem Antliz des Himmels eine so reizende Anmuth
geben, das die ganze Welt in die Nacht verliebt werden, und den
Flitter-Glanz der Sonne nichts mehr achten wird--O wie lang, wie
verdrieslich lang ist dieser Tag, so lang, wie die Nacht vor einem
Festtag einem ungeduldigen Kinde, das neue Kleider bekommen hat,
und sie noch nicht tragen darf. O, hier kommt meine Amme--
(Die Amme mit einer Strik-Leiter.) und bringt mir Nachrichten--
jede Zunge, die meines Romeo Namen ausspricht, ist die Zunge eines
Engels fur mich--Nun Amme, was giebt's neues? Was hast du hier? Die
Strik-Leiter die Romeo dich holen hies?
Amme.
Ja, ja, die Strik-Leiter--
Juliette.
Weh mir! was ist begegnet? warum ringst du die Hande?
Amme.
Ach! das's Gott erbarm'! er ist todt, er ist todt, er ist todt! wir
sind verlohren, Fraulein, wir sind verlohren!--Ach, das's Gott
erbarm! er ist hin, er ist umgebracht, er ist todt!
Juliette.
Kan der Himmel so misgunstig seyn?
Amme.
Was der Himmel nicht kan, kan Romeo--O Romeo! Romeo! Wer hatte sich
das einbilden konnen, Romeo?
Juliette.
Was fur ein Teufel bist du, der mich so martert? Diese Folter
sollte im Abgrund der Holle geheult werden! Hat Romeo sich selbst
ermordet? Sag nur ja, und diese einzige Sylbe wird mich schneller
vergiften als das todtschiessende Auge des Basilisken.
Amme.
Ich sah die Wunde, ich sah sie mit meinen Augen, Gott behute mich!
Hier--auf seiner mannlichen Brust. Eine erbarmliche Leiche, eine
blutige erbarmliche Leiche, bleich, bleich wie Asche, ganz mit Blut
beschmiert, lauter geronnen Blut--es wurde mir ohnmachtig wie ich
es sah.
Juliette.
O brich mein Herz--schliest euch zu, meine Augen; offnet euch nicht
mehr--stirb, arme Unglukliche, das dich und Romeo Eine Baare druke!
Amme.
O Tybalt, Tybalt, der beste Freund den ich hatte: O freundlicher,
wakrer, edler Tybalt, das ich leben muste, dich todt zu sehen!
Juliette.
Was fur ein Sturm ist das, der von so entgegenstehenden Seiten
blast. Ist Romeo erschlagen, und ist Tybalt todt? Mein
vielgeliebter Vetter, und mein geliebterer Gemahl? Wenn das ist, so
mag die Posaune zum allgemeinen Gerichts-Tag blasen--Denn wer lebt
noch, wenn diese zween nicht mehr sind?
Amme.
Tybalt ist todt, und Romeo verbannt; Romeo, der ihn erschlug, ist
verbannt.
Juliette.
O Gott! Romeo's Hand vergos Tybalts Blut?
Amme.
Das that sie, das that sie, leider Gott erbarm's, das that sie.
Juliette.
O Schlangen-Herz, unter einem bluhenden Gesicht verborgen! wohnte
jemals ein Drache in einer so schonen Hohle? Liebreizender Unmensch,
Englischer Teufel!--O Natur, was hast du in der Holle zu thun,
wenn du den Geist eines solchen Teufels in ein irdisches Paradies
herbergest? War jemals ein Buch von so schandlichem Inhalt so schon
eingebunden? O, das in einem so prachtigen Palast gleisnerisches
Laster wohnen soll!
Amme.
Es ist weder Treu, noch Glauben, noch Ehrlichkeit in diesen
Mannsleuten; sie sind alle meineydig, alle Verrather, lauter Nichts,
alle Heuchler--Ah! wo ist mein Diener? Gieb mir ein wenig Aquavit--
Dieser Jammer, diese Noth, diese Sorgen machen eins vor der Zeit
grau--Schaam uber diesen Romeo!
Juliette.
Verflucht sey deine Zunge durch einen solchen Wunsch! Er ward nicht
zur Schaam gebohren, sie untersteht sich nicht auf seine Stirne zu
sizen: Sie ist ein Thron, wo die Ehre zum allgemeinen Monarchen der
ganzen Welt gekront werden sollte! O was fur eine Unglukliche war
ich, so wider ihn auszubrechen!
Amme.
Wolltet ihr gut von dem Morder euers Verwandten reden?
Juliette.
Soll ich ubel von meinem Ehemann reden? Ach, armer Gemahl, was fur
eine Zunge soll deinem Namen liebkosen, da ich, dein dreystundiges
Weib, ihn mishandelt habe?--Aber warum, Ungluklicher, todtetest du
meinen Vetter? Dieser Vetter, der Unglukselige! wurde sonst meinen
Gemahl getodtet haben. Zuruk, thorichte Thranen, zuruk in eure
Quelle; ihr seyd ein Zoll der dem Kummer gebuhrt, und ihr bietet
ihn aus Irrthum der Freude dar? Mein Gemahl lebt, den Tybalt
ermorden wollte, und Tybalt ist todt, der meinen Gemahl gern
getodtet hatte; alles dieses ist Trost; warum wein' ich dann? Ach!
es war noch ein Wort, schlimmer als Tybalts Tod, das mich ermordet
hat; ich streb' umsonst es zu vergessen, ach! es dringt sich meinem
Gedachtnis auf, wie das Bewustseyn boser Thaten dem Gemuthe des
Sunders; Tybalt ist todt und Romeo verbannt; dieses (verbannt),
dieses einzige Wort verbannt, hat zehntausend Tybalts ermordet;
Tybalts Tod war fur sich allein Ungluks genug--Oder wenn das Ungluk
ja Gesellschaft haben will, warum folgte, wie sie sagte--Tybalt ist
todt--warum folgte nicht, dein Vater, oder deine Mutter, oder gar
beyde? Aber mit diesem graslichen Nachklang: auf, Tybalt ist todt--
Romeo ist verbannt--Durch dieses einzige Wort ist Vater, Mutter,
Tybalt, Romeo, Juliet, alles erschlagen, alles todt!--Romeo
verbannt! Es ist weder Ziel, noch Maas, noch Ende in dem Tod dieses
Worts--es sind keine Worte die den Jammer ausdruken, den es in sich
halt. Wo ist mein Vater und meine Mutter, Amme?
Amme.
Weinend und jammernd uber Tybalts Leiche. Wollt ihr zu ihnen? Ich
will euch hinfuhren.
Juliette.
Waschen sie seine Wunden mit Thranen? Meine sollen, wenn die
ihrigen vertroknet sind, uber Romeo's Verbannung fliessen. Nimm
diese Strike zu dir--arme Strike, ihr seyd verrathen, ihr und ich;
Romeo ist verbannt! Er wollte sich auf euch einen Weg zu meinem
Bette machen; aber nun werd' ich als eine verwittwete Jungfrau
sterben. Komm, Strik-Leiter; komm, Amme; ich will in mein Braut-
Bette, um dem Tod, nicht meinem Romeo in die Arme zu sinken.*
{ed.-* Im Original sagt Juliette: (And Death, not Romeo, take my
Maidenhead!)--Shakespear muste einen Reim auf den vorhergehenden
Vers haben, und es ist kein Unsinn, keine Unanstandigkeit, die er
sich nicht erlauben sollte, um sich nicht lang auf einen Reim
besinnen zu durfen.}
Amme.
Geht in euer Zimmer; ich will den Romeo aufsuchen, der euch trosten
soll. Ich weis wol wo er ist; ich will zu ihm, er ist in Bruder
Lorenzens Celle.
Juliette.
O such ihn, find ihn, gieb ihm diesen Ring, und bitt' ihn das er
komme, sein leztes Lebewohl zu nehmen.
(Sie gehen ab.)
Funfte Scene.
(Verwandelt sich in das Kloster.)
(Bruder Lorenz und Romeo treten auf.)
Bruder Lorenz.
Romeo, komm hervor, hervor du furchtsamer Mann; der Kummer ist in
deine Schonheit verliebt, und du bist mit der Wiederwartigkeit
verheurathet.
Romeo.
Was bringt ihr mir neues, mein Vater? Was ist des Prinzen Urtheil?
Was fur ein noch unbekanntes Elend will Bekanntschaft mit mir
machen?
Lorenz.
Nur allzuvertraut ist mein theurer Sohn mit so beschwerlicher
Gesellschaft. Ich bringe dir Nachricht von des Prinzen Urtheil.
Romeo.
Was weniger kan mein Urtheil seyn als der Tod?
Lorenz.
Ein milderer Spruch ergieng von seinen Lippen--Nicht dein Tod, nur
deine Verbannung.
Romeo.
Ha! Verbannung! Sey mitleidiger, sage, Tod; denn Verbannung hat
weit mehr schrekliches in ihren Bliken als der Tod selbst. Sage
nicht, Verbannung.
Lorenz.
Hier aus Verona bist du verbannt; sey geduldig, die Welt ist weit
und breit.
Romeo.
Ausser Verona's Mauern ist keine Welt, sondern nichts als Fegfeuer,
Abgrund und Holle. Von hier verbannt ist aus der ganzen Welt
verbannt, und aus der Welt verbannt seyn, ist Tod. Dieses
(verbannt) ist nur ein unrecht benannter Tod; wenn du den Tod
Verbannung nennst, so ist das nichts bessers als ob du mir den Kopf
mit einem goldnen Beil abhautest und zu dem Streich lacheltest,
womit du mir das Leben nimmst.
Lorenz.
O Todsunde! O rohe Undankbarkeit! Auf dein Vergehen sezt unser
Gesez den Tod; der gutige Furst tritt dazwischen, stost das Gesez
auf die Seite, und verwandelt das schwarze Wort Tod in Verbannung;
welch eine Gnade, und du siehst sie nicht?
Romeo.
Marter ist's, nicht Gnade! Der Himmel ist da, wo Juliette lebt;
jede Kaze, jeder Hund, jede kleine Maus, jedes unwurdige Ding lebt
hier im Himmel, und kan sie ansehen, nur Romeo nicht. Armselige
Schmeis-Fliegen haben mehr Recht, sind achtbarer, edler, gluklicher
als Romeo; sie konnen sich auf die weisse Hand meiner theuren
Juliette sezen, und unsterbliche Wonne von ihren Lippen stehlen--
Fliegen konnen das thun, indes das ich von ihr fliehen mus; und
sagst du noch, das Verbannung nicht Tod ist?--Sie konnen's, nur
Romeo kan nicht, denn er ist verbannt--Hast du keinen Gift-Trank,
keinen Dolch, kein plozliches Todes-Werkzeug, (so elend es seyn mag,
kan es doch nicht so elend seyn als verbannt) mir das Leben zu
nemmen? Ha! Verbannt! O Vater, die Verdammten in der Holle brauchen
dieses Wort, und Heulen folgt darauf--Wie kanst du so unbarmherzig
seyn, du ein Mann Gottes, ein geistlicher Vater, ein Beichtiger,
und mein erklarter Freund, mich mit diesem verfluchten Wort, zu
zerschmettern?
Lorenz.
Wahnwiziger, liebeskranker Thor, hore mich reden--
Romeo.
O du willst wieder von Verbannung anfangen--
Lorenz.
Ich will dir Waffen geben, wodurch du dieses Wort von dir abhalten
kanst; die susse Milch der Wiederwartigkeit--Philosophie, die dich
beruhigen wird, ob du gleich verbannt bist.
Romeo.
Immer noch verbannt? An den Galgen mit Philosophie; wenn
Philosophie nicht eine Juliette machen, eine Stadt versezen, die
Urthel eines Prinzen aufheben kan, so hilft sie nicht, so nuzt sie
nichts, sagt mir nichts mehr davon--
Lorenz.
Nun dann, tolle Leute haben keine Ohren, wie ich sehe.
Romeo.
Wie sollten sie, wenn kluge Leute keine Augen haben?
Lorenz.
Komm, las uns vernunftig von deinen Umstanden reden--
Romeo.
Du kanst von dem nicht reden was du nicht fuhlst; warest du so jung
wie ich, und ware Juliette deine Liebste, warst du vor einer Stunde
mit ihr verheurathet, und hattest in dieser Stunde Tybalten
umgebracht, und liebtest bis zum Wahnwiz wie ich, und warest wie
ich verbannt--dann mochtest du reden, dann mochtest du dir die
Haare ausrauffen, und dich auf den Boden werfen, wie ich izt thue,
und das Maas zu deinem Grabe nemmen.
(Er wirft sich auf den Boden.)
Lorenz.
Steh auf--es klopft jemand:
(Man hort klopfen.)
Guter Romeo, verbirg dich.
Romeo.
Nein wahrhaftig, wenn nicht der Dampf Herzzersprengender Seufzer,
mich wie ein Nebel vor den Augen der Leute verbirgt.
Lorenz.
Horche! was das fur ein Klopfen ist! wer ist da?--
(leise.)
Romeo steh auf, du wirst ergriffen werden--
(laut.)
--Nur einen Augenblik Geduld!--
(leise.)
Steh auf,
(Man klopft immer lauter.)
lauf in meine Celle--
(laut.)
Gleich, gleich--Um Gottes willen, was fur eine Halsstarrigkeit ist
das!--
(Man klopft.)
Ich komme, ich komme. Wer klopft so stark? Wer seyd ihr? Was wollt
ihr?
Amme (hinter der Scene.)
Last mich nur ein, so sollt ihr gleich erfahren, worinn mein
Auftrag besteht--Ich komme von Fraulein Juliette--
Lorenz.
So seyd willkommen--
(Er macht auf.)
(Die Amme tritt auf.)
Amme.
O ehrwurdiger Herr, o sagt mir, ehrwurdiger Herr, wo ist meiner
Fraulein ihr Herr? Wo ist Romeo?
Bruder Lorenz.
Hier, auf dem Boden, den seine Thranen uberschwemmen.
Amme.
O, so macht er's gerade wie mein Gnadiges Fraulein, sie macht's
gerade auch so; o trauervolle Sympathie! Gerade so ligt sie,
schluchzend und weinend, und weinend und schluchzend--Die Baken
sind ihr ganz davon aufgeschwollen--Steht auf, steht auf--Steht,
wenn ihr ein Mann seyd--Um Juliettens willen, um ihrentwillen, auf
vom Boden und steht! warum sollt ihr in ein so tiefes O!--fallen? --
Romeo.
Amme!--
Amme.
Ach, Gnadiger Herr, Gnadiger Herr!--Mit dem Tod hort alles auf.
Romeo.
Redst du von Julietten? Wie steht es um sie? Glaubt sie nicht, ich
sey ein verhartetet Ruchloser, ein Morder vom Handwerk, da ich die
Kindheit unsrer Freude mit ihr so nahverwandtem Blut beflekt habe?
Wo ist sie? Was macht sie? Was sagt meine neuangetraute Gemahlin zu
den unverhoften Hinternissen unsrer Liebe?
Amme.
O, sie sagt nichts, Gnadiger Herr; sie thut nichts als weinen und
weinen, und sinkt dann auf ihr Bett hin, und fahrt dann wieder auf,
ruft Tybalt, und dann Romeo,--und sinkt dann wieder von neuem hin--
Romeo.
--Als ob dieser Name wie aus dem todtlichen Canal einer Flinte
geschossen, sie ermorde, wie dieses Namens verfluchte Hand ihren
Verwandten ermordet hat--Sag mir, Vater, sag mir, in was fur einem
verworfnen Theil dieses Korpers mein Name wohnt? Sag mir's, damit
ich die verhaste Wohnung zerstoren kan.
(Er zukt seinen Degen.)
Bruder Lorenz.
Halt deine verzweifelnde Hand. Deine Thranen sind unmannlich und
deine wilden Bewegungen die Ausbruche der vernunftlosen Wuth eines
wilden Thiers--Unweibliches Weibsbild in Gestalt eines Manns,
wildes Thier in der schonen Gestalt eines vernunftigen Geschopfs--
Du sezst mich in Erstaunen. Bey meinem heiligen Orden! Ich traute
dir mehr Muth, mehr geseztes Wesen zu. Du hast Tybalten erschlagen--
Willt du nun auch dich, auch deine Geliebte, die in dir lebt,
ermorden? Verachtest du so, was deine Geburt, was Himmel und Erde
fur dich gethan haben; alle drey vereinigten sich, dich gros und
gluklich zu machen, und du willt alles durch einen Streich
verliehren? Fy, fy, du entehrst deine Gestalt, deine Liebe, deine
Vernunft, da du, wie ein Wucherer, an allen dreyen so reich bist,
und keines zu dem edeln Gebrauch anwendest wozu du es empfiengest.
Deine schone Gestalt ist ohne den tapfern Muth eines Mannes, nur
ein wachsernes Bild--Deine heilig beschwohrne Liebe nur treuloser
Meineyd, da du eben diese Liebe todten willst, die du zu ernahren
angelobet hast. Deine Vernunft, welche beyde regieren und
verschonern sollte, wird wie Pulver in eines unachtsamen Soldaten
Beutel, durch deine eigne Unbesonnenheit in Feuer gesezt, und du
durch dasjenige aufgerieben, was dich beschuzen sollte. Wie, stehe
auf, Mann, deine Julia lebt noch, um derentwillen du todt warest:
Hierinn bist du gluklich. Tybalt wollte dir das Leben nehmen, aber
du nahmst es ihm; hierinn bist du auch gluklich. Das Gesez, das dir
den Tod draute, wurde dein Freund, und verwandelte ihn in
Verweisung; auch darinn bist du gluklich. Wie viel Glukseligkeiten--
und du erkennst sie nicht? Die Glukseligkeit kleidet dich in ihren
schonsten Puz, und wie ein unartiges verdriesliches Madchen,
schielst du dein Gluk und deine Liebe mit unzufriednen Bliken an.
Nimm dich in acht, nimm dich in acht, solche Leute nehmen meistens
ein elendes Ende. Geh, geh zu deiner Geliebten wie es abgeredet war,
steig in ihr Zimmer, weg, und troste sie; aber siehe zu, das du
dich nicht so lange verweilest, bis die Wache aufzieht; sonst
konntest du nicht nach Mantua entrinnen, wo du dich so lange
aufhalten sollst, bis wir die gelegne Zeit ersehen, eure Heyrath
bekannt zu machen, euch mit euern Freunden auszusohnen, des Prinzen
Verzeihung zu erlangen, und dich mit zwanzigtausendmal mehr Freude
zuruk zu beruffen, als izt der Schmerz ist mit dem du fortgehst.
Geh voran, Amme; grusse mir dein Fraulein, und bitte sie, sie soll
machen, das das ganze Haus fein bald zu Bette komme, wozu die
allgemeine Betrubnis sie ohnehin geneigt machen wird. Romeo wird
bald nachfolgen.
Amme.
O Herre, ich hatte die ganze Nacht hier stehen mogen, um so
gescheidte Sachen reden zu horen: O was das ist, wenn man
gestudiert ist! Gnadiger Herr, ich will meiner Fraulein sagen, das
ihr kommen werdet.
Romeo.
Thu das, und bitte sie, sie soll sich gefast machen, mich
auszuschelten.
Amme.
Hier ist ein Ring, Gnadiger Herr, den sie mir fur euch mitgab--
Eilet doch, macht hurtig, es ist schon sehr spat--
Romeo.
Wie schnell diese Erwartung meinen Muth wiederaufleben macht!
Bruder Lorenz.
Halte dich in Mantua auf; ich will einen zuverlasigen Mann fur euch
ausfundig machen, der euch von Zeit zu Zeit berichten soll, was fur
gunstige Umstande sich hier fur euch ereignen. Gieb mir deine Hand,
es ist spate, lebe wohl! Gute Nacht!
Romeo.
Rieffe mich nicht Freude uber alle Freuden hinweg, wie schmerzlich
wurde mir dieser schnelle Abschied seyn!
(Sie gehen ab.)
Sechste Scene.
(Verwandelt sich in Capulets Haus.)
(Capulet, Lady Capulet und Paris treten auf.)
Capulet.
Es sind so unglukliche Umstande eingefallen, mein Herr, das wir
keine Zeit gehabt haben, unsrer Tochter zuzureden. Seht ihr, sie
liebte ihren Vetter Tybalt gar herzlich, und das that ich auch--
Wohl, wir werden gebohren, um wieder zu sterben--Es ist sehr spat,
sie wird diese Nacht nicht herunter kommen; ich versichre euch,
wenn mir eure Gesellschaft nicht so lieb ware, ich wurde schon eine
Stunde im Bette seyn.
Paris.
Ich bescheide mich gerne, das diese Trauer-Tage keine Zeit zu
Liebes-Bewerbungen sind. Gute Nacht, Gnadige Frau--Empfehlt mich
eurer Tochter--
Lady Capulet.
Ich will, und morgen fruh nachforschen, wie sie gesinnt ist--Fur
diese Nacht ist sie zu ihrer Traurigkeit eingeschlossen.
Capulet.
Signor Paris, ich getrau es auf mich zu nehmen, euch meines Kindes
Liebe zu versprechen: Ich denke, sie wird sich in allen Stuken von
mir regieren lassen--nichts weiter, ich zweifle gar nicht, Frau,
geh du noch zu ihr, eh du zu Bette gehst, gieb ihr Nachricht von
Signor Paris Liebe, und sag ihr, horst du, bis nachsten Mittwoch--
aber sachte--was ist heut fur ein Tag? --
Paris.
Montag, Gnadiger Herr.
Capulet.
Montag? Ha, ha, gut, Mittwoch ist zu bald, last es den Donnerstag
seyn; nachsten Donnerstag, sag ihr, soll sie mit diesem edeln
Grafen vermahlt werden--Wollt ihr bisdahin fertig seyn? Seyd ihr
mit dieser Eilfertigkeit zufrieden?--wir wollen kein grosses Wesen
nicht machen--Einen oder zween Freunde--Denn, seht ihr, da Tybalt
so kurzlich erst ermordet worden, so wurde es so herauskommen, als
ob wir wenig Antheil an seinem Unfall nahmen, wenn wir grosse
Freuden-Bezeugungen anstellen wollten--Deswegen wollen wir etwann
ein halb Duzend Freunde haben, und damit ist's aus. Aber was sagt
ihr zum Donnerstag?
Paris.
Gnadiger Herr, ich wollte der Donnerstag ware Morgen.
Capulet.
Gut, gut, geht izt zu Bette--auf Donnerstag sey es also--
(Zu Lady Capulet.)
Du, geh zu Julietten eh du zu Bette gehst, Weib--Bereite sie auf
ihren Hochzeit-Tag vor. Lebt wohl, Graf--Licht in mein Zimmer, he!--
Geht zu, geht zu, es ist schon so spat, das wir's bald fruh heissen
durften. Gute Nacht--
(Sie gehen ab.)
Siebende Scene.
(Juliettens Zimmer, von der Garten-Seite.)
(Romeo und Juliette, oben an einem Fenster; woran eine Strik-
Leiter befestigt ist.)
Juliette.
Willt du schon gehen? Es ist noch lange bis zum Tag: Es war die
Nachtigall und nicht die Lerche, die dich vorhin erschrekte--sie
pflegt alle Nacht auf jenem Granatbaum zu singen; glaube mir, mein
Herz, es war die Nachtigall.
Romeo.
Es war die Lerche, die Heroldin des Morgens, nicht die Nachtigall.
Siehst du, meine Liebe, die neidischen Streiffen, die dort im Osten
die sich scheidenden Wolken umwinden: Die Kerzen der Nacht sind
abgebrannt, und der froliche Tag gukt auf den Zehen stehend uber
die Spizen der neblichten Berge. Ich mus gehen und leben, oder
bleiben und sterben.
Juliette.
Jenes Licht ist nicht Tag-Licht, glaube mir's, es ist irgend ein
Meteor, das die Sonne ausdunstet, um in dieser Nacht deine Reise
nach Mantua zu beleuchten; bleibe noch ein wenig, du sollst nicht
so fruh gehen.
Romeo.
Las mich ergriffen, las mich zum Tod verurtheilt werden; ich bin
zufrieden, wenn du es haben willst. Ich will sagen, jenes Grau sey
nicht des Morgens Auge, sondern nur der blasse Gegenschein von
Cynthia's Stirne; und es sey nicht die Lerche, deren Noten so hoch
uber unserm Haupte zu den himmlischen Gewolben hinauftonen. Nichts
als die Sorge um unsre Sicherheit kan mich aus deinen Armen reissen;
aber Juliette will's, und der Tod soll mir willkommen seyn. Wie
ists, meine Seele? Las uns schwazen, es ist noch nicht Tag.
Juliette.
Es ist, es ist; verlas mich, fliehe, mein Geliebter; es ist die
Lerche, die so tonlos singt, ihr mislautendes, unangenehm-scharfes
Gurgeln ruft dich weg--O gehe, gehe, es wird immer heller und
heller.
Romeo.
Sage, immer finstrer und finstrer, da ich in wenigen Augenbliken
dich nicht mehr sehen werde. (Die Amme kommt herein.)
Amme.
Gnadige Frau--
Juliette.
Amme?
Amme.
Euer Gnaden Frau Mutter ist im Begriff heraufzukommen: Der Tag
bricht an, nehmt euch in Acht, seht euch vor--
(ab.)
Juliette.
So mus ich dann von meinem Leben scheiden? --
Romeo.
Lebe wohl, lebe wohl; noch einen Kus, und ich will gehen.
(Romeo steigt aus dem Fenster herab.)
Juliette.
Und gehst du dann so? O mein Liebster, mein Herr, mein Gemahl, mein
Freund! Ich mus alle Tage Nachricht von dir haben, alle Stunden,
denn in einer Minute ohne dich sind viele Tage. Ach! nach dieser
Rechnung werd' ich alt seyn, eh ich meinen Romeo wieder sehe.
Romeo.
Lebe wohl, meine Liebe: ich will keine Gelegenheit versaumen,
wodurch ich dir meinen Grus ubermachen kan.
Juliette.
Ach, denkst du, wir werden uns jemals wieder sehen?
Romeo.
Zweifle nicht; es wird eine Zeit kommen, wo alle diese
Wiederwartigkeiten uns zum Stoff angenehmer Gesprache dienen werden.
Juliette.
O Gott! ich hab' eine Ungluk-weissagende Seele--Mich dunkt, ich seh
dich, da ich so auf dich hinunter schaue, wie einen, der todt in
seinem Grabe ligt. Entweder werden meine Augen duster, oder du
siehst bleich--
Romeo.
Glaube mir, Liebe, du kommst mir eben so vor; der Kummer trinkt das
Blut in unsern Wangen auf--Lebe wohl, lebe wohl!--
(Romeo geht ab.)
Achte Scene.
Juliette.
O Gluk, Gluk, alle Leute nennen dich unbestandig; wenn du
unbestandig bist, was thust du mit dem, dessen Treue du kennen
solltest? Doch, sey immerhin unbestandig, denn so hab ich Hoffnung,
das du ihn nicht lange behalten, sondern mir bald zuruckschiken
wirst. (Lady Capulet tritt auf.)
Lady.
Wie, Tochter, seyd ihr schon auf?
Juliette.
Wer ist da, wer ruft? Ist es meine Gnadige Mamma? Was fur eine
ungewohnliche Ursache fuhrt sie so fruh hieher?
Lady.
Wie, Juliette, wie steht's um dich?
Juliette.
Ich bin nicht wohl, Gnadige Frau.
Lady.
Immer noch in Thranen um deines Vetters Tod? Wie, hofst du ihn mit
deinen Thranen aus seinem Grab herauszuwaschen? Wenn du es auch
konntest, so konntest du ihn doch nicht wieder lebendig machen.
Gieb dich also einmal zufrieden. Ein gemassigter Schmerz ist ein
Beweis der Liebe; aber zuviel Schmerz beweist allemal zu wenig
Verstand.
Juliette.
Ich kan einen so empfindlichen Verlust nicht zuviel beweinen.
Lady.
Auf diese Art verewigst du das Gefuhl deines Verlusts, und kanst
doch den Freund nicht zuruk bringen, dessen Verlust du beweinst.
Juliette.
So wie ich den Verlust meines Freundes fuhle, kan ich nicht anders
als ihn immer beweinen.
Lady.
Gut, Madchen, du weinst nicht so sehr um seinen Tod, als das der
Bosewicht lebt, der ihn ermordet hat.
Juliette.
Was fur ein Bosewicht, Gnadige Frau?
Lady.
Was fur ein andrer als Romeo?
Juliette
(leise.)
Bosewicht, und er, sind manche Meilen von einander.
(laut.)
Gott verzeih' ihm! Ich thue es von ganzem Herzen--Und doch ist
niemand der meinem Herzen empfindlichere Schmerzen verursacht als
er.
Lady.
Du meynst, weil der Verrather lebt--
Juliette.
Ich, gnadige Frau,--
(leise.)
Ohne das ihn diese meine Arme erreichen konnen--
(laut.)
Ich wollte nichts, als das ich allein meines Vetters Tod rachen
durfte.
Lady.
Wir wollen uns Rache verschaffen, sey du unbekummert; hore nur auf
zu weinen. Ich will jemand nach Mantua, wo der verbannte Renegat
sich aufhalt, senden, der ihn bald genug dem Tybalt nachschiken
soll; und dann, hoff ich, wirst du doch zufrieden seyn.
Juliette.
In der That, Gnadige Frau, ich werde nie mit Romeo zufrieden seyn,
ich seh' ihn dann--todt--ist mein armes Herz fur meinen
ungluklichen Freund.* Gnadige Frau, wenn ihr mir nur einen Mann
finden konnt, der ihm einen Gift-Trank bringen wollte, ich wollte
ihn so mischen, das Romeo, sobald er ihn eingenommen hatte, im
Frieden schlafen sollte--O! wie mein Herz es verabscheut, das ich
ihn nennen hore--und nicht zu ihm kommen kan--um die Liebe, die ich
zu meinem ermordeten Vetter trug, an der Person desjenigen
auszulassen, der ihn ermordet hat.
{ed.-* Der Leser bemerkt ohne unsre Erinnerungen, den erkunstelten
Doppelsinn in den Reden der Juliette, womit der Autor ein ziemlich
kindisches Spiel treibt. Man hat sie, so gut es moglich war,
auszudruken gesucht, obgleich die naturliche Wortfugung in unsrer
Sprache sich nicht recht dazu bequemen wollte.}
Lady.
Finde du nur das Mittel aus, und las du mich fur den Mann sorgen.
Aber nun will ich dir eine angenehme Zeitung sagen, Madchen.
Juliette.
Sie kommt sehr zu gelegner Zeit, wenn sie angenehm ist. Und worinn
besteht sie dann, wenn ich Euer Gnaden bitten darf?
Lady.
Gut, gut, du hast einen sorgfaltigen Vater, Kind; der, um dich von
deiner Schwermuth zu befreyen, einen unverhoften Freuden-Tag
angeordnet hat, an den keine von uns beyden dachte.
Juliette.
Und darf man fragen, was fur ein Tag das ist, Gnadige Frau?
Lady.
Den nachsten Donnerstag, mein Kind, fruh Morgens wird der junge,
edle, liebenswurdige Graf Paris in St. Peters Kirche dich zu einer
gluklichen Braut machen.
Juliette.
Nun, bey St. Peters Kirch, und bey St. Peter selbst, das soll er
nicht. Ich bin sehr verwundert, das ich mit so grosser
Eilfertigkeit vermahlt werden soll, eh mein bestimmter Gemahl sich
die mindeste Muhe um mich gegeben hat. Ich bitte Eu. Gnaden, sagt
meinem Herrn und Vater, das ich noch nicht heurathen will; und wenn
ichs thue, so soll es eher Romeo seyn, den ich hasse, wie ihr wist,
als Paris--das sind neue Zeitungen, in der That!
Lady.
Hier kommt euer Vater, sagt ihm das selbst, und seht wie wohl ers
von euch aufnehmen wird. (Capulet und Amme zu den Vorigen.)
Capulet.
Nun, wie gehts? was machst du, Madchen? Wie, immer noch Thranen?
Immer regnerisch? Du stellst in deiner einzigen kleinen Person ein
Schiff, die See und den Wind vor; deine Augen, die eine immer
abwechselnde Ebbe und Fluth von Thranen machen, sind die See; dein
Leib ist das Schiff das in dieser salzichten See dahersegelt; und
die Winde deine Seufzer, die, mit deinen Thranen in die Wette
rasend, wenn nicht eine plozliche Stille erfolgt, deinen vom Sturm
herumgewalzten Leib endlich untergehen machen werden--Was ist's,
Frau? Habt ihr dem Madchen unsern Entschlus bekannt gemacht?
Lady.
Ja, mein Herr; aber sie will nichts davon horen, sie bedankt sich
davor; ich wollte, die Narrin ware mit ihrem Grabe verheurathet.
Capulet.
Sachte, nehmt mich mit, Frau, nehmt mich mit euch. Wie, sie will
nichts davon horen? Sie dankt uns nicht davor? Sie ist nicht stolz
darauf, sie schazt sich nicht gluklich so unwurdig als sie ist, das
wir ihr einen so wurdigen Edelmann zum Brautigam auserkohren haben?
Juliette.
Nicht stolz darauf, das ihr es gethan habt, aber doch dankbar;
stolz kan ich nicht seyn auf etwas das ich hasse, aber dankbar,
selbst fur etwas Boses das eure Liebe gut gemeynt hat.
Capulet.
Wie, was, wie, Distinctionen-Macherin? Was soll das bedeuten? Stolz!
und ich dank euch! und ich dank euch nicht! und doch nicht stolz!--
Wie, Fraulein Wunderlich, Ihr, schwazt mir nichts von Dank und
Stolz und Unstolz und Undank daher, sondern legt eure schonsten
Kleider auf Donnerstag Morgen zurechte, um mit Paris zur St. Peters
Kirche zu gehen, oder ich will dich auf einer Schleiffe hinziehen
lassen. Aus meinem Gesicht, du bleichsuchtiges Raben-Aas! Fort, du
Sausodel! du Talk-Gesicht!
Lady Capulet.
Fy, fy, wie, seyd ihr toll?
Juliette.
Liebster Herr Vater, ich bitte euch auf meinen Knien, hort mich nur
ein einziges Wort mit Geduld an.
Capulet.
An den Galgen, du junge Meze! Ungehorsame, leichtfertige Creatur!
Ich will dir was sagen, geh mir auf den Donnerstag in die Kirche,
oder komm mir nimmer vor mein Angesicht. Sag nichts, replicier
nicht, antworte mir nichts; meine Finger juken mir. Weib, wir
hielten uns kaum fur gluklich, weil uns Gott nur dieses einzige
Kind gegeben hatte; aber nun seh ich, das dieses einzige zuviel ist,
und das wir sie zu einem Fluch bekommen haben--Aus meinem Gesicht,
Bastart!
Amme.
Gott im Himmel segne sie! Ihr habt unrecht, Gnadiger Herr, das ihr
so hart mit ihr verfahrt.
Capulet.
Und wie, My Lady Weisheit? Haltet ihr euer Maul, und schnattert mit
euern Gevattrinnen--pakt euch--
Amme.
Ich rede nichts unrechtes;--O, Gott gebe euch einen guten Tag--Darf
eins nicht mehr reden?
Capulet.
Still, still, ihr murmelnde Narrin, spielt eure Gravitat wenn ihr
mit euern Gevatterinnen zecht; hier haben wir ihrer nicht vonnothen.
Lady.
Ihr seyd zu hizig.
Capulet.
Wie, Sakerlot! Soll einen das nicht wild machen? Tag und Nacht,
fruh und spat, daheim und ausser dem Haus, allein und in
Gesellschaft, wachend und schlafend ist immer meine einzige Sorge
gewesen, wie ich sie wohl verheurathen wolle: und izt, da ich einen
wakern jungen Edelmann, von schonen Mitteln, von der ansehnlichsten
Verwandtschaft, fur sie gefunden habe; der, wie alle Leute sagen,
Verdienste hat; kurz einen Mann, wie man sich einen wunschen mag,
soll ich eine heillose alberne Tropfin, ein pinselndes Pupchen
haben, die, wenn das Gluk sie anlacht, antwortet: Ich will noch
nicht heurathen--Ich kan nicht lieben--Ich bin noch zu jung--ich
bitte um Vergebung--Gut, wenn ihr nicht heurathen wollt, so will
ich euch vergeben; grast wo ihr wollt, aber mit mir sollt ihr nicht
in einem Hause leben; Uberlegts, denkt ihm nach, es ist mein
Brauch nicht, zu spassen. Es ist nicht mehr lange bis Donnerstag;
leg die Hand auf dein Herz, bedenk dich; wenn du mein bist, so will
ich dich meinem Freunde geben; und bist du's nicht, so hang dich,
bettle, verhungre, stirb auf der Strasse; bey meiner Seele, ich
will dich nicht fur mein Kind erkennen, und du sollst von dem
meinigen nicht soviel bekommen, als du auf der Zunge spuren
konntest--Verlas dich drauf, und bedenk dich, ich werde meinen Eyd
gewis nicht brechen.
(Er geht ab.)
Juliette.
Ist denn hier kein mitleidiges Wesen, in den Wolken sizend, das in
den Grund meines Schmerzens hinabschaut?--O meine liebste Mutter,
werft mich nicht hinweg, verschiebt diese Heurath nur einen Monat--
nur eine Woche; oder, wenn ihr nicht wollt, so macht mein Braut-
Bette in das dustre Begrabnis, wo Tybalt ligt.
Lady Capulet.
Wende dich nicht an mich, ich will kein Wort reden: Thu, was du
willst, ich habe dir nichts mehr zu sagen.
(Sie geht ab.)
Juliette.
O Gott! O Amme, wie kan diesem vorgebaut werden? Mein Gemahl ist
auf Erden; meine Treue im Himmel; wie kan diese Treue wieder zuruk
kommen, wenn nicht mein Gemahl sie mir zurukschikt, indem er die
Erde verlast?--Troste mich, gieb mir einen Rath. O Jammer, Jammer,
das der Himmel so hart, so streng mit einem so sanften Geschopf als
ich bin, verfahren soll! Was sagst du? Hast du kein einziges
trostliches Wortchen? Nur einen kleinen Trost, Amme! --
Amme.
Ey ja, und hier ist er; Romeo ist verbannt: Ich wette die ganze
Welt gegen nichts, das er das Herz nicht hat, zuruk zu kommen, und
Anspruch an euch zu machen; oder wenn ers thun wollte, so must er's
doch nur heimlich thun. Weil also die Umstande so beschaffen sind,
so ware das beste, daucht mich, ihr nahmet den Grafen. Oh, er ist
ein liebenswurdiger junger Herr! Romeo ist nur ein Feg-Lumpen gegen
ihn; ein Adler hat kein so scharfes, so munteres, so schones Aug
als Paris hat. Ich will nicht ehrlich seyn, wenn diese andre Partie
nicht besser ist als die erste; und wenn es auch nicht ware, so ist
ja euer erster Mann gestorben, oder so viel als gestorben, da er
fern von hier lebt, und euch zu nichts gut ist.
Juliette.
Redst du aus deinem Herzen?
Amme.
Und aus meiner Seele dazu, oder ich will beyde verlohren haben!
Juliette.
Amen.
Amme.
Was?
Juliette.
Gut; du hast mir einen vortrefflichen Trost gegeben; geh hinein,
und sag der Gnadigen Frau, weil ich meinen Vater erzurnt habe, so
sey ich in Bruder Lorenzens Celle gegangen, um meine Beicht
abzulegen, und den Ablas zu empfangen.
Amme.
Meiner Six, das will ich; und es ist auch wohl gethan.
(Sie geht ab.)
Juliette.
Alte Todsunde! boser verfuhrischer Teufel! Es ist wol eine grossere
Sunde von dir, das du mich treubruchig machen willst, und das du
meinen Gemahl mit eben dieser Zunge lasterst, mit der du ihn so
viel tausendmal uber alles erhoben hast? Geh, Rathgeberin--du und
mein Busen sollen von nun an keine Gemeinschaft mehr mit einander
haben: Ich will zu dem Pater, um zu horen, ob er mir zu helfen weis;
und fehlt alles andre, so hab ich Muth zum Sterben.
(Sie geht ab.)
Vierter Aufzug.
Erste Scene.
(Das Kloster.)
(Bruder Lorenz und Paris treten auf.)
Bruder Lorenz.
Auf den Donnerstag, Gnadiger Herr! Die Zeit ist sehr kurz.
Paris.
Mein Vater Capulet will es so haben, und seine Eilfertigkeit stimmt
zu sehr mit meinen Wunschen uberein, als das ich sie aufzuhalten
gedenken konnte.
Bruder Lorenz.
Ihr gesteht doch, das ihr die Gesinnungen der jungen Dame noch
nicht wist--Diese Sache geht nicht wie sie gehen soll; es gefallt
mir gar nicht.
Paris.
Sie uberlast sich einer ganz unmassigen Traurigkeit uber Tybalts
Tod, und das war die Ursache, warum ich ihr noch wenig von Liebe
sagen konnte; denn Venus lachelt nicht in einem Trauer-Hause. Nun
halt es ihr Vater fur gefahrlich, das sie ihrem Kummer so viel Plaz
geben solle, und beschleuniget unsre Vermahlung, in der Absicht,
dem Lauf ihrer Thranen dadurch Einhalt zu thun; allein und sich
selbst uberlassen, findet sie eine Art von Ergozung darinn, eine
Traurigkeit zu nahren, von der nichts als die Gesellschaft sie
zerstreuen kan. Begreift ihr nun die Ursache dieser Eilfertigkeit?
Bruder Lorenz (bey Seite.)
Ich wollt', ich wiste nicht, warum ihr Einhalt gethan werden mus--
Seht, Gnadiger Herr, hier kommt das Fraulein gegen meine Celle her.
(Juliette zu den Vorigen.)
Paris.
Willkommen, meine Liebe, meine Gebieterin, und mein Weib.
Juliette.
Das erste mag alsdann seyn, wenn das lezte seyn kan.
Paris.
Das wird, das mus nachsten Donnerstag seyn, meine Liebe.
Juliette.
Was seyn mus, das wird seyn.
Bruder Lorenz.
Das ist ein Text, uber den kein Streit seyn kan.
Paris.
Kommt ihr, diesem Vater zu beichten?
Juliette.
Wenn ich diese Frage beantwortete, so wurd' ich euch beichten.
Paris.
Laugnet ihm wenigstens nicht, das ihr mich liebet.
Juliette.
Ich will euch hiemit gebeichtet haben, das ich ihn liebe.
Paris.
Das will ich auch; ich bin gewis, das ihr mich liebt.
Juliette.
Wenn ich das thue, so wurd' es von grosserm Werth seyn, es hinter
euerm Ruken, als es euch ins Gesicht zu sagen.
Paris.
Arme Seele, dein Gesicht ist ganz von Thranen entstellt.
Juliette.
Die Thranen haben nur einen kleinen Sieg dadurch erhalten, denn es
war vorhin schon schlecht genug.
Paris.
Du thust ihm mehr Unrecht, mein Kind, indem du das sagst, als alle
deine Thranen.
Juliette.
Was die blosse Wahrheit ist, mein Herr, ist keine Verlaumdung; und
was ich da sagte, sagt' ich zu meinem Gesicht.
Paris.
Dein Gesicht ist mein, und du hast es verleumdet.
Juliette.
Es mag seyn, denn mein ist es in der That nicht--Ist es euch izt
gelegen, heiliger Vater, oder soll ich nach der Vesper wieder
kommen?
Bruder Lorenz.
Ich habe izt Musse, meine Gedanken-volle Tochter. Gnadiger Herr,
mit eurer Erlaubnis--
Paris.
Gott verhute, das ich eure Andacht storen wolle--Juliette, nachsten
Donnerstag will ich euch fruh genug weken--bis dahin, adieu, mit
diesem unschuldigen Kus.
(Paris geht ab.)
Juliette.
Geh, verschlies die Thur, und wenn du's gethan hast, so komm, und
weine mit mir--Mein Elend last keine Hoffnung, kein Mittel, keine
Rettung ubrig.
Bruder Lorenz.
O Juliette, ich kenne deine Noth, und es angstigt mich, das ich
kein Mittel kenne dir zu helfen. Bis nachsten Donnerstag, hor' ich,
sollt ihr an diesen Grafen vermahlt werden, und nichts kan es
hintertreiben.
Juliette.
Sage mir nichts davon, das du das horst, wenn du mir nicht sagen
kanst, wie ich's vermeiden kan. Wenn deine Weisheit dir kein Mittel
an die Hand geben kan, so billige du nur meinen Entschlus, und ich
will mir auf der Stelle durch diesen Dolch helfen. Gott vereinigte
mein Herz und Romeo's; du, unsre Hande; und eh diese Hand, die du
meinem Romeo versiegelt hast, eh dieses Herz, das ihn allein fur
seinen Herrn erkennt, verrathrischer Weise sich einem andern
ergeben soll, eh soll dieser Stahl beyden die Bewegung rauben.
Suche also in der Wissenschaft, womit die graue Erfahrung eines
langen Lebens dich bereichert hat, einen schleunigen Rath; oder
gestatte, das dieses blutige Messer der Schiedrichter zwischen mir
und meinem grausamen Schiksal sey--Antworte mir kurz--ein jeder
Augenblik den ich noch lebe, ist mir verhast, wenn das was du mir
sagen willst, kein Rettungs-Mittel ist.
Bruder Lorenz.
Halt ein, meine Tochter, ich entdeke eine Art von Hoffnung, die von
einem eben so verzweifelten Mittel abhangt, als dasjenige ist, was
wir vermeiden wollen. Wenn du entschlossen bist dir eher selbst das
Leben zu nehmen, als den Grafen Paris zu heurathen, so ist zu
vermuthen, du werdest dir kein Bedenken machen etwas zu wagen, das
dem Tod ahnlich ist, um einer Schande zu entgehen, der du dich
durch den Tod selbst zu entziehen bereit bist. Wofern du also Muth
genug dazu hast, will ich dir ein Mittel geben.
Juliette.
O, befiehl mir, eher als das ich mich dem Paris uberlasse, von den
Zinnen jenes Thurms herabzuspringen, oder fesle mich an die
felsichte Spize eines steilen Geburgs, wo heulende Baren und Grimm-
volle Lowen schwarmen--Oder schlies mich eine ganze Nacht durch in
ein Beinhaus ein, bis an den Hals, mit morschen Todten-Knochen,
durren Schien-Beinen, und kahlen gelben Schadeln bedekt--oder
befiehl mir in ein neugemachtes Grab zu gehen, und mich zu einem
Todten unter sein Leichen-Tuch zu verbergen--Dinge, wovon der
blosse Gedanke mich zittern macht--befiehl mir's, und ich will es
ohne Zogern thun, um meinem Geliebten eine unbeflekte Treue zu
erhalten.
Bruder Lorenz.
Wolan dann, so geh heim, sey aufgeraumt, und thu, als ob du in
deine Vermahlung mit dem Paris einwilligest; morgen ist Mittwoch;
morgen Nachts siehe, das du dich von deiner Amme erledigest, und
allein ligen konnest; und wann du dann in deinem Bette bist, so
nimm diese Phiole, und trinke sie rein aus, so wird augenbliklich
ein erkaltender einschlafernder Dunst durch alle deine Adern
lauffen, und jeden deiner Lebens-Geister binden; der Kreislauf
deines Bluts wird stillstehen, keine Warme, kein Athem wird
verrathen, das du noch lebest; die Rosen auf deinen Lippen und
Wangen werden zu aschfarber Blasse verwelken; deine Auglieder sich
schliessen, als ob der Tod selbst sie vorm Licht des Tages
verriegelt hatte; jeder Theil, seiner elastischen Biegsamkeit
beraubt, wird steif, kalt und starr seyn; und in dieser
anscheinenden Todes-Gestalt wirst du zwo und vierzig Stunden
verharren, und dann wie aus einem sussen Schlaf erwachen. Wenn nun
der Brautigam des Morgens kommt, dich aufzuweken, so bist du todt,
und wirst dann, nach dem Gebrauch unsers Landes, in deinem
schonsten Anzug in eine Baare ohne Dekel gelegt, und in das
Begrabnis deiner Familie gebracht--in eben diese alte Gruft, wo
alle Abkommlinge der Capulets ligen. In der Zwischen-Zeit bis du
erwachst, will ich durch Briefe den Romeo von unserm Anschlag
benachrichtigen, und ihn hieher beruffen; er und ich wollen dein
Erwachen abwarten, und in der nemlichen Nacht soll Romeo dich von
hier nach Mantua bringen. Hier hast du das Mittel, das dich von der
vorschwebenden Schande, die du furchtest, retten kan, wenn du frey
genug von weibischer Zagheit bist, es mit Entschlossenheit zu
gebrauchen.
Juliette.
Gieb mirs, o, gieb mir's, sag mir nichts von Furcht.
(Sie nimmt die Phiole.)
Bruder Lorenz.
Gut, geh izt, und bleibe standhaft bey diesem Entschlus; ich will
eilends einen vertrauten Ordensmann mit Briefen an deinen Gemahl
nach Mantua senden.
Juliette.
Liebe, gieb mir Starke, und Starke wird mir Hulfe geben--Lebet wohl,
mein theurer Vater!--
(Sie gehen ab.)
Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in Capulets Haus.)
(Capulet, Lady Capulet, Amme, und zween oder drey Bediente treten
auf.)
Capulet.
Lade alle Gaste ein, deren Namen auf diesem Papier sind--Du, geh
und bestelle mir zwanzig gute Koche.
Bedienter.
Ihr sollt keinen schlechten kriegen, Gnadiger Herr, denn ich will
probieren, ob sie ihre Finger leken konnen.
Capulet.
Wie willst du das probieren?
Bedienter.
Sapperment, Gnadiger Herr, das mus ein schlechter Koch seyn, der
seine eigne Finger nicht leken kan; wenn also einer seine Finger
nicht leken kan, so soll er daheim bleiben.
Capulet.
Geh, geh--Wir werden schlecht genug auf einen solchen Anlas
versehen seyn--He? ist meine Tochter zu Bruder Lorenzen gegangen?
Amme.
Ja, wahrlich.
Capulet.
Gut; vielleicht kan er etwas gutes bey ihr ausrichten: die unartige,
eigensinnige Beze, die sie ist! (Juliette zu den Vorigen.)
Amme.
Seht, da kommt sie von der Beichte; sie sieht ganz frolich aus--
Capulet.
Was giebts, Starr-Kopf? Wo seyd ihr herumgeschwarmt?
Juliette.
Ich war an einem Ort, wo ich die Sunde des Ungehorsams gegen euch
und eure Befehle bereuen lernte, und wo mir auferlegt wurde, auf
meine Knie zu fallen und euch um Vergebung zu bitten--Vergebet mir
also, ich bitte euch; von nun an soll euer Wille allezeit meine
Richtschnur seyn.
Capulet.
Schikt nach dem Grafen, geht, sagt ihm das; ich will diesen Knoten
gleich morgen zusammengeknupft haben.
Juliette.
Ich traf ihn in Bruder Lorenzens Celle an, und begegnete ihm so
freundlich als ich konnte, ohne die Grenzen der Anstandigkeit zu
uberschreiten.
Capulet.
Gut, das hor' ich gerne, es ist gut, steh auf; es ist wie es seyn
soll; ich mus den Grafen sehen--He, zum Henker, geht, sag' ich, und
holt ihn her--Nun, bey Gott, dieser Pater ist in der That ein
ehrwurdiger heiliger Mann, und ein Mann, dem unsre ganze Stadt viel
zu danken hat.
Juliette.
Amme, wollt ihr mit mir in mein Zimmer gehen, und mir den Puz
aussuchen helfen, den ihr auf den morgenden Tag schiklich findet?
Lady Capulet.
Es ist noch Zeit genug bis Donnerstag.
Capulet.
Geh, Amme, geh mit ihr; morgen soll die Ceremonie vor sich gehen.
(Juliette und Amme gehen ab.)
Lady Capulet.
Aber wo sollen wir auf diese Weise Zeit zu den Vorbereitungen
hernehmen? Es ist schon beynahe Nacht.
Capulet.
Still, ich will selbst ausgehen, und es soll fur alles gesorgt
werden, Frau, ich stehe dir davor. Geh du zu Julietten, hilf sie
aufpuzen; ich will heute nicht zu Bette gehen, las mich allein: Ich
will einmal in meinem Leben die Hausmutter vorstellen--he! holla!--
Sie sind alle fort; gut, ich will selbst zu Graf Paris gehen, damit
er sich auf morgen gefast mache. Es ist mir recht leicht um's Herz,
seitdem sich das Hexen-Madchen so zum Ziel gelegt hat.
(Sie gehen ab.)
Dritte Scene.
(Juliettens Zimmer.)
(Juliette und die Amme treten auf.)
Juliette.
Ja, dieser Anzug ist der beste; aber, liebe Amme, ich bitte, las
mich heute Nacht allein; ich werde einen guten Theil davon mit
beten zubringen, um den Himmel zu bewegen, das er mein Vorhaben
begunstige--Du kennst meine sundhaften Umstande, und weisst also
wol, das ichs nothig habe. (Lady Capulet zu den Vorigen.)
Lady.
Wie, so geschaftig? Kan ich euch was helfen?
Juliette.
Nein, Gnadige Mamma, wir haben alles zusammengesucht, was wir auf
unsern morgenden Umstand nothig haben konnen; wenn ihr's erlauben
wolltet, so wunscht' ich izt allein gelassen zu werden, und das ihr
die Amme bey euch aufbleiben liesset; denn ich bin gewis, das ihr
bey diesem unverhoften Vorfall alle Hande voll zu thun haben werdet.
Lady Capulet.
Gute Nacht, geh du zu Bette und schlafe; du hast es vonnothen.
(Lady Capulet und Amme gehen ab.)
Juliette.
Gute Nacht--Gott weis, wenn wir uns wieder sehen werden!--Ich weis
nicht was fur ein kalter schrekhafter Schauer durch meine Adern
fahrt--Ich will sie zurukruffen, das sie mir einen Muth einsprechen--
Amme!--Aber was soll sie hier? Ich mus meine schrekenvolle Scene
nothwendig allein spielen--Komm, Phiole--Wie wenn diese Tinctur
keine Wurkung thate? Soll ich mich dann mit Gewalt an den Grafen
verheurathen lassen? Nein, nein, dis soll es verwehren--Lig' du
hier--
(Sie weist auf einen Dolch.)
Wie, wenn es ein Gift ware, das mir der Pater auf eine feine Art
beybringen will, um mich aus dem Wege zu schaffen, aus Furcht seine
Ehre mochte unter dieser Heurath leiden, da er mich schon vorher
mit dem Romeo getrauet hat? Ich furcht', es ist so, und doch,
daucht mich, kan es nicht seyn, denn er ist immer als ein heiliger
Mann befunden worden. Wie, wenn ich, nachdem man mich in die Gruft
geleget, eher erwache als Romeo gekommen ist, mich abzuholen? Das
ist ein furchterlicher Umstand: Werd ich nicht in diesem Gewolbe,
dessen fauler Mund keine gesunde Luft einathmet, von dem
verpesteten Schwall erstikt werden, eh mein Romeo kommt? Und wenn
ich auch lebe, ist es nicht ganz naturlich, das die grauenvolle
Scene von Tod und Nacht, die Vorstellung des Orts, wo ich bin--in
diesem uralten Gewolbe, wo seit so vielen hundert Jahren die
Gebeine aller meiner Vorfahren zusammengehauft ligen--wo der
blutige Tybalt in gahnender Verwesung in seinen Grabtuchern ligt--
wo, wie man sagt, zu gewissen Stunden in der Nacht Geister gehen--O!
Himmel, ist es nicht wahrscheinlich, das die scheuslichen
Ausdunstungen, das grasliche Geheul der Gespenster, (gleich den
Alraunen, wenn sie aus der Erde gerissen werden,) Tone, von deren
Anhoren lebende Menschen den Verstand verliehren--mich vor der Zeit
erweken werden; oder wenn ich erwache, werd' ich von allen diesen
Schreknissen umringt, von Sinnen kommen, wahnwiziger Weise mit
meiner Voreltern Gebeinen spielen, den halbverfaulten Tybalt aus
seinen Tuchern reissen, und in dieser Raserey, mit den Knochen
irgend eines grossen Ahnherrn, wie mit einer Keule, mir mein
verzweifelndes Gehirn ausschlagen?--O! Sieh, mich daucht ich sehe
meines Vetters Geist, der diesen Romeo bey mir sucht, seinen Morder!
und meinen Gemahl!--Halt, Tybalt, halt! Romeo, ich komme! Dis
trink ich dir zu.
(Sie trinkt die Phiole aus, und wirft sich auf ihr Bette.)
Vierte Scene.
(Ein Vorsaal in Capulets Hause.)
(Lady Capulet und die Amme treten auf.)
Lady Capulet.
Warte, nimm diese Schlussel, und hole mehr Gewurz, Amme.
Amme.
Sie ruffen um Datteln und Quitten in die Tarte? (Capulet zu den
Vorigen.)
Capulet.
Auf, munter, hurtig, regt euch, der Hahn hat schon zum andern mal
gekraht, die Morgen-Gloke ist schon gelautet worden, es ist drey
Uhr--Sieh zu dem Bakwerk, gute Angelica--Spar't nur nichts an den
Sachen--
Amme.
Geht, geht, und mengt euch nicht in Weiber-Sachen--geht in euer
Bett, ihr werdet morgen krank dafur seyn, das ihr diese Nacht nicht
geschlaffen habt.
Capulet.
Nein, nichts weniger--was? Ich denke wol der Zeit, da ich ganze
Nachte durch um einer schlechtern Ursache willen gewacht habe, und
bin nie krank geworden.
Lady.
Ja, ja, ihr seyd ein feiner Mause-Jager in eurer Jugend gewesen--
aber heutigs Tags will ich euch schon bewachen, das ihr nicht so
wachen sollt.
(Lady Capulet und Amme gehen ab.)
Capulet.
Eifersucht, pure Eifersucht! Nun, Bursche, was giebt's hier zu
thun? (Drey oder viere mit Bratspiessen, Korben, Holz, u. s. w.
treten auf.)
Bedienter.
Sachen fur den Koch, Gnadiger Herr, aber ich weis nicht was.
Capulet.
Macht hurtig, macht hurtig; Schurke, hole trokneres Holz, ruf dem
Peter, er wird dir weisen wo es ligt.
Bedienter.
Gnadiger Herr, um Kloze zu finden, hab' ich selber Kopfs genug, ich
brauche keinen Peter dazu.
Capulet.
Sakerlot! wol gegeben,--du hast Wiz, Bursche, ha, ha--Aber bey
meiner Treue, es ist schon Tag--
(Man hort Musik von Ferne.)
Der Graf wird bald mit Musicanten hier seyn--er hat es versprochen--
Ich hor ihn schon kommen. Amme--Frau--wie, holla, he! Amme, sag
ich! (Die Amme kommt.) Geh, weke Julietten, geh und puze sie auf,
ich will gehn und indes mit Paris schwazen: Fort, mach hurtig, mach
hurtig, der Brautigam ist schon da--Mach hurtig, sag ich--
(Sie gehen ab.)
Funfte Scene.
(Verwandelt sich in Juliettens Schlaf-Zimmer; Juliette ligt auf
dem Bette.)
(Die Amme tritt wieder auf.)
Amme.
Gnadiges Fraulein he! Fraulein! Juliette Das heist geschlaffen, das
gesteh ich--he, Daubchen--he, Fraulein--fy, ihr Sieben-Schlaferin--
he! Liebchen, sag ich--Fraulein--Herzchen--Braut--wie? nicht ein
Wort? Ich seh, ihr nehmt fur eure drey Pfenninge zum Voraus; ihr
schlaft vor die ganze Woche; gut, in der nachsten Nacht, da bin ich
gut dafur, wird Graf Paris Mann dafur seyn, das ihr wenig genug
schlafen sollt--Gott verzeih mir's--heilige Marie! und Amen!--was
fur einen gesunden Schlaf sie hat! Ich mus sie aufschreyen--
Fraulein, Fraulein, Fraulein--Nun, wahrlich, last nur den Grafen
euch in sein Bette kriegen, er wird euch aufrutteln, mein Treu--
Kan's denn nicht seyn? Wie, angezogen, in euern Kleidern--und
wieder zuruk!--Ich mus Ernst brauchen--Fraulein, Fraulein, Fraulein--
O Gott! o Gott! helft, helft, helft! Mein Fraulein ist todt! O
Herzenleid! O! warum must ich gebohren werden!--O, einen Schluk
Aquavit--he!--Gnadiger Herr! Gnadige Frau! (Lady Capulet.)
Lady Capulet.
Was ist hier fur ein Geschrey?
Amme.
O unglukseliger Tag!
Lady Capulet.
Was ist's, was ist's?
Amme.
Da seht--O ungluklicher Tag!
Lady Capulet.
O Gott, o Gott! mein Kind, mein einziges Leben! leb wieder auf,
sieh mich an, oder las mich mit dir sterben. Hulfe, Hulfe! schrey
um Hulfe! (Capulet zu den Vorigen.)
Capulet.
Schamt euch doch, warum bringt ihr Julietten so lange nicht; ihr
Gemahl ist gekommen.
Amme.
Sie ist todt, gestorben ist sie, sie ist todt: O! das es Gott
erbarme!
Capulet.
Ha! last mich sehen--O Himmel! es ist aus, sie ist kalt, ihr Blut
ist gestockt und ihre Gelenke sind starr--ihre Lippen sind ohne
Leben, der Tod ligt auf ihr, wie ein fruhzeitiger Frost auf der
angenehmsten Blume des ganzen Gefildes. Verfluchter Unfall!
Unglukseliger alter Mann!
Amme.
O des klaglichen Hochzeit-Tags!
Lady Capulet.
Arme trostlose Mutter!
Capulet.
Der Tod, der mir die Freude meines Alters geraubt hat, bindet meine
Zunge, und will mich nicht reden lassen. (Bruder Lorenz und Paris
mit Musicanten.)
Bruder Lorenz.
Kommt, ist die Braut fertig zum Kirchgang?
Capulet.
Zum Kirchgang, aber nicht zur Heimholung. O Sohn, in der Nacht vor
deinem Hochzeit-Tag ist der Tod bey deinem Weibe gelegen. Sieh,
hier ligt sie, die holde Blume die sie war, nun von ihm ihres
Schmuks beraubt: Der Tod ist mein Tochter-Mann.
Paris.
Hab ich so lange mich gesehnt, diesen Morgen zu sehen, und giebt er
mir nun einen solchen Anblik?
Lady Capulet.
Verfluchter, elender, unseliger, verhaster Tag! Jammervolleste
Stunde, die jemals die Zeit auf ihrer immerwahrenden Pilgrimschaft
erblikte! Nur ein einziges, ein armes, einziges, liebes, zartliches
Kind; nur ein einziges, das mir zur Freude und zum Trost war, und
der unbarmherzige Tod hat es mir weggenommen.*
{ed.-* Paris hat hier im Original eine Rede, die vollkommner (Non-
Sense) ist, und durch die er die Amme ablost, die sich mit
unaufhorlichen Ausruffungen "O weh, o weh; o Tag, o Tag," heiser
geschrien. Man hat beyde dem Genius des Shakespears aufgeopfert.}
Capulet.
Unseliger Zufall!--Muste unsre Freude auf eine so meuchelmordrische
Art ermordet werden! O mein Kind, mein Kind! Meine Seele, nicht
mein Kind, sollst du todt seyn? O Gott, todt!--Mein Kind ist todt--
alle meine Hoffnungen sinken mit ihm ins Grab.
Bruder Lorenz.
Nun, so hemmt doch endlich diesen Ausbruch der Ungeduld und
Verzweiflung! Alle diese trostlosen Klagen konnen euer Weh nicht
heilen: Der Himmel und ihr hattet Antheil an diesem liebenswurdigen
Madchen; nun hat der Himmel Alles, und desto besser ist es fur sie.
Euern Antheil an ihr konntet ihr nicht vor dem Tode bewahren: Aber
der Himmel erhalt den seinen bey ewigem Leben. Alles was ihr
suchtet, war ihre Erhebung--und ihr weint nun, sie uber die Wolken,
so hoch als der Himmel selber ist, erhoben zu sehen? Was fur eine
verkehrte Liebe zu euerm Kind ist das, das ihr von Sinnen kommen
wollt, da ihr seht das sie gluklich ist! Troknet eure Thranen,
umstekt diese schone Leiche mit Rosmarin, und traget sie, wie es
der Gebrauch ist, in ihrem besten Anzug in die Kirche.
Capulet.
Alle Zurustungen, die wir zu unserm Fest gemacht haben, verwandeln
sich nun in ein trauervolles Leichen-Geprange. Unsre musicalischen
Instrumente in melancholische Todten-Gloken, unser hochzeitliches
Gastmahl in ein schwermuthiges Leichen-Mahl, unsre festlichen
Lobgesange in bange Klaglieder, und unsre hochzeitlichen Blumen-
Kranze dienen nun eine Todten-Baare zu schmuken--O der klaglichen
Verwandlung!
Bruder Lorenz.
Gnadiger Herr, geht hinein, und ihr, Madam, geht mit ihm, und ihr,
Signor Paris; ein jedes bereite sich, diese schone Leiche zu ihrem
Grabe zu begleiten; und hutet euch, durch murrende Ungeduld den
uber euch schwebenden Zorn des Himmels noch mehr zu reizen.
(Sie gehen ab.)
Sechste Scene.
(Die Amme und die Musicanten bleiben, wie naturlich, zuruk. Die
leztern sind so fein, es von sich selbst zu merken, das sie hier zu
nichts mehr nuzen, und die weise Amme sagt es ihnen noch zum
Uberflus; sie steken also ihre Pfeiffen ein, und wollen gehen.
Aber zu grossem Vergnugen der Zuschauer in den obersten Gegenden
kommt Peter, und verlangt, das sie ihm ein lustiges Stukchen
aufspielen sollen; dieses giebt dann den Anlas zu einem kleinen)
Divertissement (von Wortspielen und Spassen im Geschmak des Wiener-
Harlequins; einer Abwechslung, die freylich, (wie der sinnreiche
Herr von Voltaire weislich bemerkt,) dem Geschmak unsers Autors und
seiner Zeitgenossen wenig Ehre macht, aber doch den Vortheil mit
sich fuhrt, das die Zuschauer, (welche ans Ende doch in die Comodie
gegangen sind, um sich einen Spas zu machen,) durch die klaglichen
Scenen nicht gar zu sehr geruhrt werden.)
Funfter Aufzug.
Erste Scene.
(Mantua.)
(Romeo tritt auf.)
Romeo.
Wenn ich den schmeichelnden Eingebungen des Schlafs trauen durfte,
so wurden mir meine Traume angenehme Neuigkeiten vorbedeuten. Ein
ungewohnlicher Geist der Frolichkeit erfullt meinen Busen, und hebt
mich mit angenehmen Gedanken uber den Boden empor: Ich traumte,
meine Geliebte kame und fande mich todt--(Was fur ein seltsames
Ding ein Traum ist, das er todten Leuten doch noch die Erlaubnis
giebt zu denken!)--und hauchte durch ihre Kusse ein solches Leben
in meine Lippen, das ich wieder von den Todten auferstand und ein
Kayser wurde. O Himmel! wie sus ist der wurkliche Genus der Liebe,
da ihre Schatten schon so reich an Wonne sind! (Balthasar tritt auf.)
Neue Zeitungen von Verona--Wie steht's Balthasar? Bringst du mir
Briefe vom Pater? Was macht meine Geliebte? Ist mein Vater wohl?
Was macht meine Juliette? Das mus ich noch einmal fragen; denn wenn
sie wohl ist, so ist nichts ubel.
Balthasar.
So ist sie denn wohl und nichts ist ubel. Ihr Leichnam schlaft in
dem Begrabnis der Capulets, und ihr unsterblicher Theil lebt mit
Engeln. Ich sah sie in das Gewolb ihrer Familie legen, und nahm
sogleich die Post es euch zu berichten. Vergebung, Gnadiger Herr,
das mein Dienst mich nothigt, euch eine so bose Zeitung zu bringen!
Romeo.
Ist es wurklich so?--So biet' ich euch Troz, ihr Sterne!--Du kennst
meine Wohnung, geh, hole mir Dinte und Papier, und bestelle Post-
Pferde--Ich will diese Nacht noch fort.
Balthasar.
Um Vergebung, Gnadiger Herr, ich darf euch nicht so verlassen. Eure
Blike sind duster und wild, und bedeuten nichts Gutes.
Romeo.
Stille! du betrugst dich. Verlas mich und thu was ich dir sage:
Hast du keine Briefe vom Pater an mich?
Balthasar.
Nein, gnadiger Herr.
Romeo.
Das hat nichts zu bedeuten: geh, und bestelle die Pferde; ich will
gleich bey dir seyn.
(Balthasar geht ab.)
Gut, Juliette, heute Nacht will ich bey dir ligen--Las sehen, wie
machen wir das? Wie schnell findet Unheil den Eingang in ein
verzweifelndes Gemuth!--Ich erinnre mich eines Apothekers, der hier
irgend wohnt, und den ich lezthin in einem zerlumpten Kittel, mit
uberhangenden Augbrauen, Krauter suchend fand. Ich faste den Mann
ins Auge; seine Blike sahen mager und verhungert aus, Kummer und
Elend schien ihn bis auf die Knochen abgenuzt zu haben; in seiner
armseligen Bude hieng eine Schildkrote, ein ausgestopfter Alligator,
und ein paar andre Haute von misgeschaffnen Fischen; und rings um
auf dem Gestelle stuhnd ein bettelhaftes Geprange von leeren
Buchsen, grunen irdnen Topfen, Blasen, muffigen Saamen, Resten von
Pakfaden, und alte Rosen-Kuchen dunn genug zerstreut, damit es doch
etwas gleich sehen sollte. In dem Augenblik da mir dieser armselige
Zustand in die Augen fiel, dacht' ich bey mir selbst, wenn izt
einer Gift brauchte, dessen Verkauff in Mantua ohne Gnad' am Leben
gestraft wird, so lebt hier ein armseliger Tropf, der ihm's zu
kauffen gabe. O! dieser Gedanke war eine Ahnung, das ich diesen
Mann bald selber nothig haben wurde. So viel ich mich erinnere,
sollte dis das Haus seyn; weil heut ein Feyertag ist, so ist des
Bettlers Bude geschlossen. Holla! he! Apotheker. (Der Apotheker
kommt heraus.)
Apotheker.
Wer ruft so laut?
Romeo.
Komm hervor, Mann! Ich sehe, du bist arm; sieh, da sind vierzig
Ducaten, gieb mir eine Drachme Gift davor, von so schneller Wurkung,
das es sich in einem Augenblik durch alle Adern verbreite, und der
Lebens-uberdrussige, der es einnimmt, so plozlich und mit solcher
Gewalt des Athemholens entladen werde, als das unaufhaltsame Pulver,
sobald es sich entzundet, aus dem fatalen Bauch einer Canone
losbricht.
Apotheker.
Dergleichen todtliche Praparata hab' ich; aber das Gesez ist Tod
fur den, welcher sie hergiebt.
Romeo.
Bist du so nakend und mit Elend beladen, und furchtest den Tod?
Hunger sizt auf deinen Wangen, Mangel und Kummer schauen aus deinen
holen Augen hervor, Verachtung und Betteley hangen auf deinem Ruken,
und du furchtest den Tod? Die Welt ist nicht dein Freund, und ihr
Gesez auch nicht; die Welt giebt kein Gesez dich reich zu machen;
sey also kluger, brich es, und nimm mein Gold.
Apotheker.
Meine Durftigkeit williget ein, nicht mein Wille.
Romeo.
Auch bezahl' ich nicht deinen Willen, sondern deine Durftigkeit.
Apotheker.
Giest dieses in was fur einen Liquor ihr wollt, und trinkt es aus;
und wenn ihr die Starke von zwanzig Mannern hattet, so wird es euch
in die andre Welt schiken.
Romeo.
Hier ist dein Gold; ein schadlichers Gift fur die Seelen der
Menschen, und welches mehr Mordthaten in dieser heillosen Welt
verursacht, als diese arme Quaksalbereyen, die du nicht verkauffen
kanst: Ich habe dir Gift verkauft, nicht du mir--fahre wohl, kauf
dir zu essen, und mach, das du zu Fleisch kommst--Komm, Herz-
Starkung, nicht Gift; komm mit mir, wo ich dich brauche, zu
Juliettens Grab.
(Sie gehen ab.)
Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in das Kloster zu Verona.)
(Bruder Johann tritt auf.)
Johann.
Ehrwurdiger Sohn des heiligen Franciscus, Bruder! he! (Bruder
Lorenz kommt heraus.)
Lorenz.
Das sollte Bruder Johanns Stimme seyn--Willkommen von Mantua; was
sagt Romeo? Oder habt ihr mir einen Brief von ihm?
Johann.
Da ich abreisen wollte, gieng ich, einen Baarfusser-Bruder von
unserm Orden zum Reise-Gefahrten zu suchen, der hier in der Stadt
war, um Kranken beyzustehen. Ich fand ihn; aber wie wir aus dem
Hause gehen wollten, kamen die Visitatoren der Stadt, und weil sie
einen Argwohn hatten, das in dem Hause worinn sie uns fanden, eine
anstekende Krankheit grassiere, versiegelten sie die Thuren und
liessen uns nicht fort; so das also meine Reise nach Mantua
unterbleiben muste.
Lorenz.
Wer brachte dann dem Romeo meinen Brief?
Johann.
Ich konnt' ihn nicht fortschiken, hier ist er wieder; ich konnte
nicht einmal jemand finden, der ihn dir wiedergebracht hatte, so
gros war ihre Furcht, sie mochten angestekt werden.
Lorenz.
Das ist ein ungluklicher Zufall! Bey meinem Ordens-Gelubd, der
Brief enthielt Sachen von der grossesten Wichtigkeit, und diese
Versaumung kan bose Folgen haben. Bruder Johann, geh, schaff mir
ein Brech-Eisen und bring mirs in meine Celle.
Lorenz.
Nun mus ich allein in die Gruft; in den nachsten drey Stunden wird
die schone Juliette erwachen--Wie wird sie uber mich schmahlen, das
ihr Romeo von allen diesen Vorfallen keine Nachricht bekommen hat!
Aber ich will noch einmal nach Mantua schreiben, und sie indes in
meiner Celle verbergen, bis Romeo kommt. Arme lebende Leiche, ich
eile, dich aus deiner Todten-Gruft zu ziehen!--
(Er geht ab.)
Dritte Scene.
(Verwandelt sich in einen Kirchhof--auf demselben die Familien-
Gruft der Capulets.)
(Paris und sein Edelknabe, mit einer Fakel, treten auf.)
Paris.
Gieb mir deine Fakel, Junge: Geh und steh von Ferne. Doch nein,
losche sie aus, ich mochte nicht gesehen werden--Leg dich, so lang
du bist, unter jenen Taxus-Baumen hin, und halte dein Ohr dicht an
den hohlen Boden, so wird kein Fus auf diesen Kirchhof treten
konnen, ohne das du es horst; und sobald du horst, das sich etwas
nahert, so zische mir zu; das soll das Zeichen seyn. Gieb mir diese
Blumen--thu, was ich dir sage, geh.
Edelknabe.
Ich furchte mich herzlich, so allein hier auf dem Kirchhof zu seyn,
und doch will ich es wagen.
(Geht ab.)
Paris
(geht an die Gruft, und streut Blumen uber sie.)
Anmuthsvolle Blume! So bestreu' ich mit Blumen dein Brautbette:
Schone Juliette, nun die Gespielin der Engel, nimm dieses lezte
Merkmal der Liebe, von einem der im Leben dich verehrte, und nun im
Tode--
(der Knabe zischt)
Der Junge giebt ein Zeichen, es nahert sich was--was fur
verfluchte Fusse wandern in dieser spaten Nacht hieher, mich in den
zartlichen Gebrauchen der traurenden Liebe zu storen?--Wie? ein
Licht? Verhulle mich eine Weile, o Nacht--
(Er geht bey Seite.)
Vierte Scene.
(Romeo und Balthasar mit einem Lichte.)
Romeo.
Gieb mir den Karst und das Heb-Eisen. Hier, nimm diesen Brief, und
sieh das du ihn morgen fruh meinem Herrn und Vater uberlieferst.
Gieb mir das Licht; so lieb dir dein Leben ist, befehl' ichs dir,
du magst horen oder sehen, was du willst, so bleib von ferne stehen,
und unterbrich mich nicht in meinem Vorhaben. Warum ich in diese
Gruft herabsteige, ist, theils meine Geliebte noch einmal zu sehen,
hauptsachlich aber um von ihrem todten Finger einen kostbaren Ring
zu ziehen, einen Ring den ich zu einem wichtigen Gebrauch nothig
habe; entfern dich also von hier, geh--unterfangst du dich aber aus
Furwiz zurukzukehren, um zu sehen, was ich noch mehr zu thun im
Sinn habe, beym Himmel, so will ich dich Gelenk fur Gelenk in Stuke
reissen, und diesen hungrigen Kirchhof mit deinen Gliedern
bestreuen. Die Zeit und meine Absichten sind grausam und wild,
grimmiger und unerbittlicher als blut-lechzende Tyger und die
heulende See.
Balthasar.
Ich will gehen, Gnadiger Herr, und euch nicht storen.
Romeo.
So kanst du mir deine Freundschaft beweisen--Nimm du das; leb und
sey gluklich, fahrwohl, guter Junge.
Balthasar (im Weggehen vor sich.)
Das alles ist mir ein desto starkerer Beweggrund, mich hier in der
Nahe zu verbergen. Ich furchte seine Blike, und zweifle, das er was
Gutes im Sinn habe.
Romeo.
Du abscheulicher Schlund, verfluchter Rachen des Todes, der das
kostbarste was die Welt hatte, verschlungen hat, so zwing ich deine
morschen Kinnbaken sich zu ofnen,
(er bricht die Gruft auf)
um dich mit Gewalt mit noch mehr Speise vollzustopfen.
Paris (kommt hervor.)
Dis ist der verbannte ubermuthige Montague, der den Vetter meiner
Geliebten erschlug, (welches durch den Kummer den sie daruber hatte,
wie man glaubt, die Ursach ihres Todes gewesen ist), und nun ist
er gekommen, irgend eine niedertrachtige Schmach an ihren
Leichnamen auszuuben: Ich will ihn anhalten--Halt ein mit deiner
verdammlichen Arbeit, nichtswurdiger Montague: Willt du deine Wuth
bis auf die Todten ausdehnen? Verurtheilter Bosewicht, ich
bemachtige mich deiner; gehorche, geh mit mir, du must sterben.
Romeo.
Ich mus, in der That, und darum kam ich hieher--Guter junger Mensch,
reize nicht einen verzweifelnden Mann; flieh von hinnen, und las
mich: Denk an diese, die hier ligen, und las sie dich schreken. Ich
bitte dich, Jungling, hauffe nicht noch eine neue Sunde uber mein
Haupt, treibe mich nicht zur Wuth. O geh! Beym Himmel! ich liebe
dich besser als mich selbst; denn ich bin gegen mich bewaffnet
hieher gekommen. Verweile nicht, geh, und sage, das du dein Leben
der Barmherzigkeit eines rasenden Mannes zu danken habest.
Paris.
Ich verschmahe dein Mitleiden, und arrestiere dich hier als einen
Hochverrather.
Romeo.
So willst du mich denn mit Gewalt reizen? Hab es dann an dir selber,
Junge.
(Sie fechten. Paris fallt.)
Edelknabe.
O Gott, sie fechten, ich will gehen und die Wache holen.
Paris.
Oh, ich bin des Todes; wenn du einiger Erbarmung fahig bist, so
offne die Gruft und lege mich zu Julietten.
(Er stirbt.)
Romeo.
Auf meine Ehre, das will ich: Las mich dieses Gesicht in der Nahe
besehen--Mercutio's Vetter! der edle Graf Paris! was sagte mir mein
Diener unterwegs, indem meine im Sturm herumgewalzte Seele nicht
darauf Acht gab, was er sagte--Mich daucht, er erzahlte mir, Paris
habe Julietten heurathen sollen. Sagte er das nicht? oder traumte
mir's nur? Oder bin ich unsinnig, das ich mir einbilde es sey so,
weil ich ihn so zartlich von Julietten reden horte?--O gieb mir
deine Hand, du, den das Schiksal in mein Ungluk verflochten hat,
ich will dir ein beneidenswurdiges Grab gewahren--Ein Grab? O nein,
eine Glorie, ermorderter Jungling; denn Juliette ligt hier, und
ihre Schonheit erfullt diese grauenvolle Gruft mit Licht und
Herrlichkeit; Todter, lige du hier, von einem Todten begraben.
(Er legt ihn in die Gruft.)
Wie oft ist es schon begegnet, das Sterbende kurz vor ihrem lezten
Augenblik noch aufgeraumt gewesen sind--O gonne mir noch einen
solchen Augenblik!--Meine Geliebte, mein Weib, der Tod, der den
Honig deines Athems aufgesogen, hat noch keine Gewalt uber deine
Schonheit gehabt; du bist nicht besiegt; noch schwebt die purpurne
Fahne der Schonheit auf deinen Lippen und Wangen, und die blasse
Flagge des Todes ist hier noch nicht aufgestekt--Tybalt, ligst du
hier in deinem blutigen Leichen-Tuch? O was kan ich mehr thun, wie
kan ich dich besser rachen, als eben diese Hand, die dein
jugendliches Leben geendigt hat, gegen deinen Morder zu gebrauchen?
Vergieb mir, theurer Vetter!--Ach! liebste Juliette, warum bist du
noch so schon? Soll ich glauben, der unwesentliche Tod sey in dich
verliebt worden, und das durre scheusliche Ungeheuer unterhalte
dich hier im Dunkeln, um seine Liebste zu seyn? Aus Furcht es
mochte so seyn, will ich immer bey dir bleiben, und von diesem
Augenblik diesen Palast der dustern Nacht nimmermehr verlassen;
hier, hier will ich bleiben, bey den Wurmern, die deine Kammer-
Madchen sind; hier will ich eine immerwahrende Ruhe finden, wenn
ich das tyrannische Joch erboster Sterne von diesem Lebens-
uberdrussigen Fleisch abgeschuttelt habe--Mein Auge, sieh' sie zum
leztenmal an; umfanget sie zum leztenmal, meine Arme, und ihr,
siegelt, o meine Lippen, mit dem lezten Kus dem wuchernden Tod eine
Verschreibung, die nie wieder abgelost werden kan--Dis, meine Liebe,
trink ich dir zu!--o ehrlicher Apotheker,
(er trinkt das Gift aus,)
Deine Tranke wurken gut--Noch diesen Kus.
(Er stirbt.)
(Bruder Lorenz mit einer Laterne, einem Brech-Eisen, und einer
Spathe.)
Bruder Lorenz.
St. Franciscus steh mir bey! Wie manchmal haben schon in spater
Nacht meine alten Fusse an Grabern gestolpert! Wer ist hier?
(Balthasar kommt hervor.)
Balthasar.
Ein Freund, der euch wol kennt.
Lorenz.
Heil sey dir! Sage mir, guter Freund, was fur eine Fakel seh ich
dort, die ihr Licht so vergeblich Wurmern und auglosen Schadeln
leiht? Wie mich daucht, so brennt sie in der Gruft der Capulets.
Balthasar.
Es ist wurklich so, heiliger Vater, und derjenige, der darinn ist,
ist mein Herr, einer von euern liebsten Freunden.
Lorenz.
Wie nennt er sich?
Balthasar.
Romeo.
Lorenz.
Wie lang ist er schon da?
Balthasar.
Eine volle halbe Stunde.
Lorenz.
Geh mit mir in die Gruft.
Balthasar.
Ich habe das Herz nicht, ehrwurdiger Herr--Mein Herr weis nichts
anders als das ich weggegangen sey, und bedraute mich auf eine
furchterliche Art, das er mich umbringen wolle, wenn ich
zurukbleiben und sein Vorhaben belauschen wurde.
Lorenz.
So bleibe du hier, ich will allein gehen--mich kommt ein Grauen an--
ich furcht', ich furcht' es ist ein Ungluk geschehen.
Balthasar.
Wie ich unter diesem Taxus-Baum schlief, da traumte mir mein Herr
und ein andrer fechten mit einander und mein Herr habe ihn
erschlagen.
Lorenz (bey dem Eingang der Gruft.)
Romeo! O Himmel! was bedeutet dieses Blut das den steinernen
Eingang dieser Gruft beflekt? Was bedeuten diese herrenlose
Schwerdter, die mit geronnenem Blut beschmizt an diesem Ort des
Friedens ligen? Romeo! o Gott, ohne Leben! und dieser?--Wie? Paris?--
im Blute schwimmend? Ha, was fur eine unselige Stunde ist an
diesem jammervollen Zufall schuldig?--Das Fraulein ruhrt sich--
Juliette (erwachend.)
O Trostbringender Vater! wo ist mein Gemahl? Ich erinnre mich wohl,
wo ich seyn soll, und ich bin da--Aber wo ist Romeo?
Lorenz.
Ich hor ein Getose--Fraulein, komm hervor aus dieser Hole des Todes,
der Verwesung und des unnaturlichen Schlafs; eine grossere Macht,
als der wir wiederstreben konnten, hat unsern Entwurf
durchschnitten; komm, komm mit mir--dein Gemahl ligt todt hier, und
Paris auch--Komm, ich will dich in ein Kloster von heiligen
Schwestern fuhren: Halte dich nicht mit Fragen auf, ich sehe die
Wache kommen--Komm, geh, liebste Juliette; ich kan nicht langer
bleiben--
(Er geht.)
Juliette.
Geh, geh du, und las mich hier bleiben--Was ist hier? Ein Becher,
in meines Geliebten Hand?--Gift, wie ich seh, ist sein unzeitiger
Tod gewesen--O du Unfreundlicher, alles auszutrinken, und nicht
einen freundschaftlichen Tropfen ubrig zu lassen, der mir dir nach
helfe! Ich will deine Lippen kussen; vielleicht hangt noch so viel
Gift daran, als ich nothig habe--Deine Lippen sind noch warm--
(Der Edelknabe, mit der Wache treten auf.)
Wache.
Weis' uns den Weg, Junge.
Juliette.
So? Kommt jemand? So will ich's kurz machen--
(sie findt einen Dolch.)
O gluklicher Dolch! hier ist deine Scheide, hier roste und las
mich sterben.
(Sie ersticht sich.)
Knabe.
Hier ist der Ort; dort, wo die Fakel brennt.
Wache.
Der Boden ist voller Blut. Sucht auf dem ganzen Kirchhof, geht,
etliche von euch, macht feste wen ihr findet. Erbarmlicher Anblik!
Hier ligt der Graf erschlagen, und Juliette in ihrem Blut, noch
warm, und kaum entseelt, die doch diese zween Tage schon hier
begraben gelegen ist. Geht, zeigt es dem Fursten an, rennt zu den
Capulets, wekt die Montaguen auf--Und ihr andere sucht--Die
Umstande allein konnen diese klagliche Begebenheit begreiflich
machen. (Etliche Wachter mit Balthasar.)
2. Wachter.
Hier ist ein Bedienter von Romeo, den wir auf dem Kirchhof gefunden
haben.
1. Wachter.
Haltet ihn auf, bis der Furst kommt. (Ein andrer Wachter, mit
Bruder Lorenzen.)
3. Wachter.
Hier ist ein Franciscaner, der zittert, achzt und weint; wir fanden
dieses Brech-Eisen und diese Spathe bey ihm, und er kam von dieser
Seite des Kirchhofs her.
1. Wachter.
Das ist sehr verdachtig; haltet ihn auch auf.
Funfte Scene.
(Der Furst und sein Gefolge, treten vorn auf der Schaubuhne auf.)
Furst.
Was fur ein Unheil ist so fruh auf, das es uns aus unserm Morgen-
Schlaf wekt? (Capulet und Lady Capulet, treten auf der andern Seite
auf.)
Capulet.
Was mag das seyn, das ein so grasliches Geschrey auf den Strassen
ist?
Lady Capulet.
Die Strassen sind voll Volks das Romeo schreyt; einige schreyen,
Juliette; einige Paris; und alle rennen mit Entsezen und Geschrey
unserm Begrabnis zu.
Furst.
Was fur Tone des Schrekens sturzen sich in unser Ohr?
1. Wachter.
Gnadigster Herr, hier ligt der Graf Paris ermordet, und Romeo todt,
und Juliette, die zuvor todt war, warm, und vor wenigen Minuten
umgebracht.
Furst.
Sucht, forscht nach, und spaht aus, woher diese scheusliche
Mordthaten kommen?
1. Wachter.
Hier ist ein Monch, und des erschlagnen Romeo's Diener, die mit
Werkzeugen, diese Todten-Graber aufzubrechen, ertappt worden sind.
Capulet.
O Himmel!--O Weib! Sieh, wie unsre Tochter blutet! Dieser Dolch hat
sich verfehlt; sieh, die Scheide ligt auf dem Ruken des Montaguen,
und die entbloste Klinge in meiner Tochter Busen--
Lady Capulet.
O Gott, dieser Anblik ist wie eine Todten-Gloke, die meinem grauen
Alter zu Grabe lautet. (Montague zu den Vorigen.)
Furst.
Komm, Montague--und sieh hier deinen einzigen Sohn und Erben--
Montague.
Weh mir!--Mein Weib, Gnadigster Herr, ist in dieser Nacht
verschieden--Der Gram uber ihres Sohnes Verbannung hat ihr das Herz
gebrochen--Was fur ein neues Weh verschwort sich gegen mein graues
Alter?
Furst.
Schau hieher, so wirst du's sehen.
Montague.
O du Ubelgezogner, was fur Lebens-Art war das, dich vor deinem
Vater so in's Grab zu drangen?
Furst.
Haltet noch mit euern Klagen ein, bis wir diese verworrene
Geschichte ins Klare gesezt, und ihren Ursprung und wahren Hergang
herausgebracht haben; alsdann will ich selbst der Anfuhrer euers
Klag-Geschreys seyn--Bis dahin, haltet inn!--bringet die
verdachtigen Personen herbey!
Bruder Lorenz.
Ich, der unvermogendste, bin derjenige, den der starkste Verdacht
drukt; Zeit und Ort scheinen mich dieses graslichen Mords
anzuklagen; und hier steh ich, zugleich mein eigner Anklager und
Advocat zu seyn.
Furst.
So sage dann, ohne Umschweiffe, was dir davon bekannt ist.
Bruder Lorenz.
Ich will kurz seyn, mein Athem ist ohnehin nicht lang genug fur
eine langweilige Historie. Romeo, der hier todt ligt, war
Juliettens Gemahl, und Sie, die hier todt ligt, Romeo's getreues
Weib: Ich segnete ihre Ehe ein; und der Tag ihrer heimlichen
Vermahlung war Tybalts Sterb-Tag, dessen unzeitiger Tod den neuen
Brautigam aus dieser Stadt verbannte, und dieses, nicht Tybalts Tod,
war die Ursache von Juliettens Gram. Ihr,
(zu Capulet)
um ihr diesen Kummer aus dem Sinn zu bringen, versprachet sie dem
Grafen Paris, und waret im Begriff, sie zu dieser Heurath mit
Gewalt zu zwingen. In diesen Umstanden kommt sie zu mir, und, mit
wilden Bliken, bittet sie mich das ich ihr ein Mittel an die Hand
gebe, diese zweyte Heurath zu vermeiden, oder sie wolle sich in
meiner Celle selbst ums Leben bringen. In diesem schwurigen
Augenblik kam mir meine Wissenschaft zu Hulfe; ich gab ihr einen
Schlaf-Trunk, dessen Wurkung meiner Absicht vollkommen antwortete--
denn er sezte sie in einen Zustand, der dem Tode so gleich sah, das
sie fur eine Leiche angesehen, und so behandelt wurde. Inmittelst
schrieb ich an Romeo, und bestellte ihn, das er in eben dieser
schreklichen Nacht, als der Zeit, worinn die Wurkung des Tranks zu
Ende gehen wurde, hieher kommen, und mir helfen mochte, sie aus
ihrem geborgten Grabe heraus zu holen. Allein, Bruder Johann, der
ihm meinen Brief uberbringen sollte, wurde durch einen Zufall
aufgehalten, und gestern kam mein Brief mir wieder zu; ich war also
genothigt, um die bestimmte Zeit ihres Erwachens ganz allein hieher
zu kommen, und sie aus der Gruft ihrer Familie zu befreyen: Des
Vorhabens, sie so lange in meiner Celle verborgen zu halten, bis
ich Gelegenheit fande, den Romeo hieher zu beruffen. Aber wie ich
kam, (wenige Minuten vor ihrem Erwachen) da lag der edle Paris hier
erschlagen, und der allzugetreue Romeo todt. Sie erwacht, und ich
bitte sie instandigst mit mir zu gehen, und diese Schikung des
Himmels mit Geduld zu tragen: Allein ein Getose, das ich gleich
darauf horte, scheuchte mich von der Gruft weg, und sie,
verzweifelnd und entschlossen zu sterben, wollte nicht mit mir
gehen, sondern legte, wie es scheint, gewaltsame Hand an sich
selbst. Alles dieses weis ich, und von der heimlichen Heurath kan
auch ihre Amme Zeugnis geben: Ist aber in allem diesem etwas durch
meine Schuld gefehlt und zu diesem ungluklichen Ausgange gebracht
worden, so last immer mein altes Leben, etliche Stunden vor meiner
bestimmten Zeit, der Strenge des Gesezes aufgeopfert werden.
Furst.
Wir haben dich jederzeit als einen heiligen Mann gekannt. Wo ist
Romeo's Diener? Was kan Er von der Sache berichten?
Balthasar.
Ich brachte meinem Herren die Zeitung von Julia's Tod, und sogleich
kam er mit Post-Pferden von Mantua hieher, unmittelbar hieher, zu
dieser nehmlichen Gruft; ubergab mir diesen Brief an seinen Vater,
und draute mir, indem er auf die Gruft zugieng, den Tod, wenn ich
nicht weggehen und ihn allein lassen wollte.
Furst.
Gieb mir den Brief, ich will ihn ubersehen--Wo ist des Grafen Knabe,
der die Wache herbeyholte? Bursche, was machte dein Herr an diesem
Orte?
Knabe.
Er kam, das Grab seiner Geliebten mit Blumen zu bestreuen, und
befahl mir von Ferne stehn zu bleiben, wie ich auch that; bald
darauf kommt einer mit einem Licht, die Gruft zu offnen, und
augenbliklich zieht mein Herr den Degen gegen ihn; und da lief ich
und holte die Wache.
Furst.
Dieser Brief bekraftiget die Erzahlung des Ordens-Manns--und hier
schreibt er, das er Gift von einem armen Apotheker gekauft, und
damit in diese Gruft gekommen sey, um zu sterben und in Juliettens
Grab zu ligen--Wo sind diese Feinde? Capulet! Montague! Seht hier
die Ruthe, womit euere Unversohnlichkeit gezuchtiget wird; seht wie
der Himmel Mittel findet, durch die Liebe selbst die Freuden euers
Lebens zu todten. Auch ich, weil ich zuviel Nachsicht gegen euere
Uneinigkeiten hatte, habe zween Verwandte verlohren: Wir sind alle
gestraft!
Capulet.
O Bruder Montague, gieb mir deine Hand; das ist meiner Tochter
Witthumb--mehr kan ich nicht verlangen.
Montague.
Aber ich kann dir mehr geben; denn ich will ihre Bild-Saule von
gediegnem Gold aufstellen, das, so lange Verona diesen Namen tragt,
kein Denkmal dem Denkmal der zartlichen und getreuen Juliette
gleich geschazt werde!
Capulet.
Eben so glanzend soll Romeo bey seiner Gattin ligen; theure,
unglukliche Opfer unsrer unseligen Feindschaft!
Furst.
Dieser Morgen bringt uns einen dustern Frieden, und die Sonne
selbst scheint trauernd ihr Haupt verhullt zu haben--Geht, und
erwartet unsre Entscheidung, was in diesem ungluklichen Handel
Strafe und was Verzeihung verdient--[Ihr aber, getreue Liebende,
die ein allzustrenges Schiksal im Leben getrennt, und nun ein
freiwilliger Tod auf ewig vereiniget hat, lebet, Juliette und Romeo,
lebet in unserm Andenken, und die spateste Nachwelt moge das
Gedachtnis eurer ungluklichen Liebe mit mitleidigen Thranen ehren!]
Romeo und Juliette, von William Shakespeare
(Ubersetzt von Christoph Martin Wieland).
END
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