| |
Timon von Athen.
William Shakespeare
Ubersetzt von Christoph Martin Wieland
Personen.
Timon, ein edler Athenienser.
Lucius, Lucullus, Sempronius und Ventidius, Schmeichler und falsche
Freunde des Timon.
Alcibiades, ein General der Athenienser.
Apemanthus, ein Cynischer Philosoph.
Flavius, Timons Verwalter.
Flaminius, Lucilius und Servilius, Bediente des Timon.
Caphis, Varro, Philo, Titus, Lucius und Hortensius, Bediente von
den Glaubigern des Timon.
Ein Poet.
Ein Mahler.
Ein Juweelen-Handler.
Ein Galanterien-Kramer.
Ein Kauffmann.
Drey Diebe.
Etliche Senatoren.
Cupido und Masken.
Phrynia und Timandra, Maitressen des Alcibiades.
Verschiedne Bediente, Soldaten, und andre als stumme Personen.
Die Scene, Athen, und ein nicht weit davon gelegner Wald.
Erster Aufzug.
Erste Scene.
(Eine Halle in Timons Hause.)
(Der Poet, der Mahler, der Juweelen-Handler, der Kauffmann, und
der Galanterie-Kramer treten durch verschiedne Thuren auf.)
Poet.
Guten Tag, mein Herr.
Mahler.
Ich erfreue mich uber euer Wohlbefinden.
Poet.
Ich hab' euch lange nicht gesehen; wie geht's in der Welt?
Mahler.
So das es besser seyn konnte, mein Herr.
Poet.
Nun, das ist etwas bekanntes. Aber was giebt es vor besondere
Seltenheiten?* Was ist so ausserordentlich, wovon wir nicht in den
Urkunden der Welt mehr als ein Beyspiel finden?--Seht, o Zauberey
der Freygebigkeit! Alle diese Geister hat deine Macht
zusammenbeschworen, dir aufzuwarten--Ich kenne den Kauffmann.
Mahler.
Ich kenne beyde; der andere ist ein Juweelen-Handler.
Kauffmann.
O! es ist ein wurdiger Edelmann!
Juweelen-Handler.
Das ist ausgemacht.
Kauffmann.
Ein recht unvergleichlicher Mann, von einer unerschopflichen und
immerwahrenden Gutigkeit beseelt. Er ubertrift --
Juweelen-Handler.
Ich habe hier ein Juweel--
Kauffmann.
O ich bitte euch, last mich's sehen--Fur den Lord Timon, mein Herr?
Juweelen-Handler.
Wenn er es so hoch bezahlt als es geschazt ist; doch was das
betrift --
Poet.
Wenn wir um Lohn den Lasterhaften singen,
So wird auch des Gerechten Lobes Glanz
Dadurch beflekt, das wir der Tugend bringen--
Kauffmann
(indem er das Juweel betrachtet.)
Es ist schon geschnitten.
Juweelen-Handler.
Und reich; was das fur ein Wasser ist! Seht ihr?
Mahler (zum Poeten.)
Mein Herr, ihr seyd, daucht mich, im Enthusiasmus, uber irgend
einem Werk, das diesem grossen Mann gewidmet werden soll.
Poet.
Es ist eine Kleinigkeit, die mir in einer mussigen Stund' entgangen
ist. Unsre Poesie ist wie ein Gummi, das daher entspringt, woher es
genahrt wird. Das Feuer in dem Kiesel zeigt sich nicht eher bis es
herausgeschlagen wird; unsre anmuthige Flamme entzundet sich von
selbst, und uberstromt wie ein reissendes Wasser jeden Damm, der
sie einzwangen will. Was habt ihr hier?
Mahler.
Ein Gemahlde, mein Herr--Wenn kommt euer Werk ans Licht?
Poet.
An den Fersen meiner Gegenwart, mein Herr. Last mich euer Stuk
sehen.
Mahler.
Es ist ein gutes Stuk.
Poet.
Das ist es; das reicht an vortrefflich.
Mahler.
Ertraglich.
Poet.
Bewundernswurdig! Was fur eine Wahrheit, welch ein Anstand in
dieser Stellung! Was fur eine geistige Kraft schiest aus diesem
Auge! Was fur eine schwangre Einbildungskraft bewegt sich in diesen
Lippen! Selbst die stumme Gebehrde wird hier zum Ausdruk --
Mahler.
Es ist eine ganz artige Nachaffung der Natur; hier ist ein Strich--
Was sagt ihr davon?
Poet.
Ich will nichts sagen, als, er meistert die Natur selbst; eine
kunstliche Bewegung lebt in diesen Strichen, die lebhafter ist als
das Leben selbst. (Einige Senatoren zu den Vorigen.)
Mahler.
Wie viel Aufwart dieser Herr hat!
Poet.
Die Senatoren von Athen! Gluklicher Mann!
Mahler.
Seht, noch etliche.
Poet.
Ihr seht diesen Zusammenflus, diese grosse Fluth von Besuchern--Ich
habe in diesem rohen Werk einen Mann entworffen, den diese
Unterwelt mit uberschwenglicher Hochachtung umfast, und in die Arme
schliest. Meine freye Absicht halt keinen besondern Lauf, sondern
bewegt sich selbst in einer weiten See von Wachs; keine gesaurte
Bosheit vergiftet ein einziges Comma in dem Lauf den ich halte:
sondern er fliegt einen Adler-Flug, kuhn, in einem fort, und last
keine Spur zuruk.
Mahler.
Wie soll ich euch verstehen?
Poet.
Ich will es euch aufrigeln. Ihr seht wie alle Stande, wie alle
Arten von Leute, sowohl die von glatter und schlupfriger als die
von sproder und herber Beschaffenheit, ihre Dienste zu den Fussen
des Lord Timon legen: Sein grosser Reichthum, der an seiner
leutseligen und gutigen Gemuthsart hangt, uberwaltigt alle Arten
von Herzen, und macht sie zu seinen freywilligen Unterthanen; ja,
von dem Spiegelartigen Schmeichler bis zum Apemanthus, der wenige
Dinge so sehr liebt als sich selbst zu verabscheuen; aber auch
dieser giest sich auf die Knie vor ihm hin, und kehrt vergnugt, und
durch ein Kopfniken des Timons, in seinen Gedanken, hochst gluklich
von ihm zuruk.
Mahler.
Ich sah sie mit einander reden.
Poet.
Ich dichte also das Gluk, auf einem hohen und anmuthigen Hugel
gethront. Der Fus des Berges ist mit allen Arten von Personen und
Verdiensten dicht umgeben, die sich bestreben sich auf dem Busen
dieser Sphare festzusezen. Unter allen diesen Wesen, deren Augen
auf diese allgewaltige Beherrscherin geheftet sind, personificire
ich einen in Timons Gestalt, den Fortuna mit ihrer elfenbeinernen
Hand zu sich winkt, und durch diese Gunst in ebendemselben
Augenblik alle seine Nebenbuhler zu seinen Dienern und Sclaven
macht.
Mahler.
Eine mahlerische Idee! Dieser Thron, diese Fortuna und dieser Hugel,
mit einem Manne, dem aus den ubrigen untenstehenden emporgewinkt
wird, und der sein Haupt gegen den schrofen Berg beugt, um zu
seinem Gluk hinaufzuklettern, wurde, nach unsrer Kunst, wohl
ausgesonnen seyn.
Poet.
Nein, hort mich nur weiter: Alle diese, die so kurzlich erst seines
gleichen waren, einige besser als er, folgen in diesem Augenblik
seinen Schritten, drangen sich aufwartsam um ihn her, regnen
flusternde Schmeichlereyen in sein Ohr, machen sogar seine
Schuhriemen zu einem Heiligthum, und trinken die freye Luft durch
ihn.
Mahler.
Zum Henker, was wollt ihr mit diesen?
Poet.
Sobald nun Fortuna, in einem Anstos von Wankelmuth den, der kaum
ihr Liebling war, mit Fussen tritt; so seht ihr, wie alle seine
Verehrer, die mit Knien und Handen sich auf den Gipfel des Berges
hinaufarbeiteten, ihn hinunter schlupfen lassen, ohne das nur ein
einziger seinen ausglitschenden Fus begleiten wollte.
Mahler.
Das ist gemein; ich kan euch tausend moralische Gemahlde zeigen,
die dergleichen plozliche Gluks-Streiche weit lebhafter vorstellen
sollen, als Worte. Doch thut ihr wohl, dem Lord Timon zu zeigen,
das es schon begegnet ist, das erniedrigte Augen den Fus uber dem
Kopf gesehen haben. * Unser Autor hat, wie der Augenschein zeigt,
seinen Poeten in diesem Stuke zu einem schlechten Kerl gemacht.
Damit sein Charakter aber nicht der Profesion selbst nachtheilig
sey, so hat er ihn zu einem eben so schlechten Poeten gemacht, als
er ein schlechter Mann ist. Ein untrugliches Kennzeichen von dem
falschen Geschmak und unreiffen Urtheil, so er ihm beylegt, ist
seine Liebe zu allem was seltsam, erstaunlich und abentheurlich,
und eine Verachtung alles dessen, was gewohnlich oder der Natur
gemas ist. Warburton.
(Inspicere tanquam in speculum jubeo)-- (Terent.)
Zweyte Scene.
(Trompeten. Timon tritt auf, und wendet sich auf eine leutselige
Art an die verschiednen Personen, die ihm die Aufwartung machen.)
Timon (zu einem Boten.)
Er sizt im Gefangnis, sagt ihr?
Bote.
Ja, gnadiger Herr; Seine Schulden belauffen sich auf funf Talente,
seine Mittel sind sehr knapp, seine Glaubiger sehr dringend; er
bittet euch, an diejenige, die ihn eingesezt haben, zu seinem Behuf
zu schreiben, und wurde ohne allen Trost seyn, wenn ihr ihm diese
Gunst versagen wurdet.
Timon.
Der edle Ventidius! Gut! Ich bin nicht von der Art, meinen Freund
zu verlassen, wenn er meiner am meisten nothig hat. Ich weis, er
ist ein Edelmann, der wohl verdient, das man ihm aushelfe; ich will
es thun, ich will die Schuld bezahlen, und ihn befreyen.
Bote.
Euer Gnaden verpflichtet sich ihn auf ewig.
Timon.
Empfehlt mich ihm; ich will ihm seine Ranzion schiken, und ihn,
wenn er wieder frey seyn wird, zu mir einladen. Es ist nicht genug,
dem Schwachen aufzuhelfen, man mus ihm auch den Arm zum Gehen
leyhen. Lebt wohl.
Bote.
Ich wunsche Euer Gnaden tausend Wohlergehen.
(Geht ab.)
(Ein alter Athenienser tritt auf.)
Alter Athenienser.
Lord Timon, hort mich reden.
Timon.
Rede frey, mein guter alter Vater.
Alter Athenienser.
Du hast einen Diener, namens Lucilius.
Timon.
So ist's; was soll er dann?
Alter Athenienser.
Sehr edler Timon, las diesen Mann sogleich vor dich kommen.
Timon.
Ist er hier oder nicht?--Lucilius!--(Lucilius tritt auf.)
Lucilius.
Hier, was befehlen Euer Gnaden?
Alter Athenienser.
Dieser Bursche hier, Lord Timon, dieser dein Diener besucht des
Nachts mein Haus. Ich bin ein Mann, der von der Jugend an sich Muh
gegeben hat, etwas zu erwerben, und mein Vermogen erheischt einen
gewichtigern Erben, als einen der auf einem holzernen Teller ist.
Timon.
Gut; was weiter?
Alter Athenienser.
Ich hab' eine einzige Tochter, und sonst keinen Anverwandten, dem
ich vermachen konnte was ich erworben habe. Das Madchen ist hubsch,
so jung als eine Braut seyn kan, und ich habe keine Kosten gespart,
sie zu den besten Eigenschaften zu erziehen. Dieser dein Diener
bewirbt sich um ihre Liebe; ich bitte dich, edler Lord, vereinige
dich mit mir, ihm ihren Umgang zu untersagen; ich selbst hab' es
fruchtlos gethan.
Timon.
Der Mann ist ein ehrlicher Mann.
Alter Athenienser.
So wird er's auch hierinn seyn, Timon. Seine Ehrlichkeit belohnt
ihn durch sich selbst, sie soll ihm nicht meine Tochter kuppeln.
Timon.
Liebt sie ihn?
Alter Athenienser.
Sie ist jung und mannbar; unsre eigene ehmalige Leidenschaften
lehren uns, wie leichtsinnig die Jugend ist.
Timon (zu Lucilius.)
Liebt ihr das Madchen?
Lucilius.
Ja, mein Gnadiger Herr, und sie ist es zufrieden.
Alter Athenienser.
Wenn sie einander ohne meine Einwilligung heurathen, so rufe ich
die Gotter zu Zeugen, das ich meinen Erben aus den Bettlern auf der
Strasse wahlen, und ihnen alles entziehen will.
Timon.
Wieviel soll sie zum Brautschaz haben, wenn sie einen Mann
heurathete, der ihr an Vermogen gleich ware?
Alter Athenienser.
Drey Talente furs Gegenwartige, und kunftig alles.
Timon.
Dieser wakere Mann hat mir lange gedient; um sein Gluk zu machen,
will ich mich ein wenig angreiffen; es ist eine Pflicht der
Menschlichkeit. Gieb ihm deine Tochter; so viel du ihr giebst, will
ich ihm auch geben, um zu machen, das er so viel wagen soll als sie.
Alter Athenienser.
Sehr edler Lord, verspreche mir das auf euer Ehrenwort, so soll er
sie haben.
Timon.
Hier hast du meine Hand, mein Ehrenwort ist mein Versprechen.
Lucilius.
Ich danke Euer Gnaden demuthigst; nimmer moge mir das Gluk gedeyhen,
welches ich nicht eurer Gute schuldig zu seyn erkenne.
(Lucilius und der Alte Athenienser gehen ab.)
Poet.
Nehmet diese Arbeit so gutig auf, als die Wunsche, die ich fur Euer
Gnaden langes Leben thue.
Timon.
Ich danke euch, ihr sollt gleich mehr von mir horen; geht nicht weg--
Was habt ihr hier, mein Freund?
Mahler.
Ein Gemahlde, welches ich Euer Gnaden bitte anzunehmen.
Timon.
Mahlerey ist mir allezeit willkommen. Seitdem die Falschheit mit
der Natur des Menschen ein Gewerbe treibt, ist ein gemahlter Mensch
soviel als ein naturlicher; gemahlte Figuren sind gerade das, wofur
sie sich geben. Euer Werk gefallt mir, und ihr sollt finden, das es
mir gefallt; wartet, bis ihr wieder von mir hort.
Mahler.
Die Gotter erhalten euch!
Timon.
Lebt wol, mein Herr; gebt mir eure Hand, wir mussen heute mit
einander zu mittagessen. Mein Herr, euer Juweel hat von
allzugrossem Lob gelitten.
Juweelen-Handler.
Wie, Milord? Ist es misfallig?
Timon.
Es ist mir bis zum Ekel angepriesen worden. Wenn ich es bezahlen
sollte, wie es geschazt wird, so muste ich mich zu Grunde richten.
Juweelen-Handler.
Gnadiger Herr, es ist so geschazt wie diejenige, die es verkauffen,
es gerne gaben; ihr wist aber wol, das Dinge von gleichem Werth,
wenn sie ungleiche Eigenthumer haben, nach ihren Besizern geschazt
werden; glaubt mir, Gnadiger Herr, das Juweel wurde einen noch
grossern Werth erhalten, wenn ihr es truget.
Timon.
Ihr scherzet mit mir, mein guter Mann.
Kauffmann.
Nein, Gnadiger Herr, er redt nur die gemeine Sprache, die alle
Leute mit ihm reden.
Timon.
Seht, wer hier kommt--Wollt ihr ausgescholten seyn?
Dritte Scene.
(Apemanthus)* (zu den Vorigen.)
{ed.-* Sehet diesen Character eines Cynikers, sehr fein vom Lucian in
seinem Ausruf der Philosophen gezeichnet, und wie gut Shakespear
ihn copirt hat. Warburton.}
Juweelen-Handler.
Wir wollen's mit Euer Gnaden theilen.
Kauffmann.
Er wird keinen verschonen.
Timon.
Guten Morgen, mein angenehmster Apemanthus.
Apemanthus.
Warte du auf einen Gegengrus, bis ich angenehm werde.
Poet.
Wenn werden wir das Gluk haben, das zu erleben?
Apemanthus.
Wenn du Timons Hund seyn wirst, und diese Schelmen ehrlich.
Timon.
Warum nennst du sie Schelme? Du kennst sie nicht.
Apemanthus.
Sind sie nicht Athenienser?
Timon.
Ja.
Apemanthus.
So nehm' ich mein Wort nicht zuruk.
Juweelen-Handler.
Ihr kennt mich, Apemanthus.
Apemanthus.
Du weisst das ich dich kenne, ich nannte dich bey deinem Namen.
Timon.
Du bist stolz, Apemanthus.
Apemanthus.
Auf nichts so sehr, als das ich dem Timon nicht ahnlich bin.
Timon.
Wo willt du hin?
Apemanthus.
Einem ehrlichen Athenienser das Hirn ausschlagen.
Timon.
Das war' eine That, wofur du sterben mustest.
Apemanthus.
Richtig, wenn das Gesez eine Todesstrafe auf nichts thun sezt.
Timon.
Wie gefallt dir dieses Gemahlde, Apemanthus?
Apemanthus.
Am besten, weil es nichts boses thut.
Timon.
Arbeitete der nicht gut, der es mahlte?
Apemanthus.
Der arbeitete noch besser, der den Mahler machte; und doch ist er
nur ein schlechtes Stuk Arbeit.
Mahler.
Ihr seyd ein Hund.
Apemanthus.
Deine Mutter ist von meinem Stamme; was war sie, wenn ich ein Hund
bin?
Timon.
Apemanthus, willt du mit mir zu mittagessen?
Apemanthus.
Nein, ich esse keine grosse Herren.
Timon.
Wenn du es thatest, wurden die Damen uber dich bose werden.
Apemanthus.
O! die verschlingen gar die grossen Herren, und kriegen dike Bauche
davon.
Timon.
Das ist ein unzuchtiger Einfall.
Apemanthus.
So nimmst du ihn auf; nimm ihn fur deine Muhe.
Timon.
Wie gefallt dir dieses Juweel, Apemanthus?
Apemanthus.
Nicht so wol wie Aufrichtigkeit, die doch einen keinen Heller
kostet.
Timon.
Wie viel meynst du, das es werth sey?
Apemanthus.
Nicht werth das ich darauf denke. Wie steht's, Poet?
Poet.
Wie steht's Philosoph?
Apemanthus.
Du lugst.
Poet.
Bist du keiner.
Apemanthus.
Ja.
Poet.
So lug' ich nicht.
Apemanthus.
Bist du nicht ein Poet?
Poet.
Ja.
Apemanthus.
So lugst du also: schau in dein leztes Werk; worinn du dichtest,
das er ein wurdiger Mann sey.
Poet.
Das ist nicht gedichtet, er ist es.
Apemanthus.
Ja, er ist deiner wurdig, und wurdig dich fur deine Arbeit zu
bezahlen. Wer sich gerne schmeicheln last, ist seines Schmeichlers
wurdig. Gotter! mocht' ich nur ein grosser Herr seyn!
Timon.
Was wolltest du denn thun, Apemanthus?
Apemanthus.
Eben das was Apemanthus izt thut, einen grossen Herrn hassen.
Timon.
Wie, dich selbst?
Apemanthus.
Ja.
Timon.
Warum denn?
Apemanthus.
Das ich nicht mehr Verstand hatte, als ein grosser Herr zu seyn--
Bist du nicht ein Kauffmann?
Kauffmann.
Ja, Apemanthus.
Apemanthus.
Die Handelschaft verderbe dich, wenn es die Gotter nicht thun
wollen!
Kauffmann.
Wenn es die Handelschaft thut, so thun es die Gotter.
Apemanthus.
Die Handelschaft ist dein Gott, und dein Gott verderbe dich! (Man
hort Trompeten. Ein Bote tritt auf.)
Timon.
Was fur Trompeten sind das?
Bote.
Es ist Alcibiades mit etlichen zwanzig Reitern, die ihn begleiten.
Timon.
Ich bitte euch, geht ihnen entgegen, ladet sie zu mir ein--ihr must
schlechterdings mit mir zu mittagessen--Geht nicht von hier bis ich
euch gedankt habe, und nach dem Essen, zeigt mir dieses Stuk; ich
erfreue mich euch zu sehen. (Alcibiades und seine Begleiter treten
auf.) Sehr willkommen, mein Herr.
(Sie buken sich, und umarmen einander.)
Apemanthus.
So, so! das euch die Gicht lahme und ausdorre, ihr biegsamen
Gelenke! Warum sollten auch diese artigen sussen Schelmen einander
nicht lieb haben! Wahrhaftig das menschliche Geschlecht wird zu
lauter Affen und Meerkazen.
Alcibiades.
Ich sehnte mich so sehr euch zu sehen, das ich es nicht satt werden
kan.
Timon.
Sehr willkommen, mein Herr; ehe wir scheiden, wollen wir einige
Tage mit allerhand Lustbarkeiten zubringen. Ich bitte euch, last
uns hinein gehen.
(Sie gehen ab.)
Vierte Scene.
(Apemanthus bleibt; zu ihm Lucius und Lucullus.)
Lucius.
Wie viel ist die Zeit, Apemanthus?
Apemanthus.
Zeit ehrlich zu seyn.
Lucius.
Diese Zeit ist immer.
Apemanthus.
Ein desto schlimmerer Bube bist du, das du sie immer vorbeylassest.
Lucullus.
Gehst du zu des Lord Timons Gastmahl?
Apemanthus.
Ja, um zu sehen, wie Speisen Schelme fallen, und Wein Narren erhizt.
Lucius.
Lebe wohl, lebe wohl.
Apemanthus.
Du bist ein Narr, das du mir zweymal lebe wohl sagst.
Lucullus.
Warum, Apemanthus?
Apemanthus.
Du hattest eines fur dich selbst behalten sollen, denn von mir
kriegst du keines.
Lucius.
Hang' dich auf!
Apemanthus.
Nein, ich will nichts thun, das du mir sagst; mache deine
Fordrungen an deinen Freund.
Lucius.
Hinweg du unvertraglicher Hund, oder--ich stosse dich mit den
Fussen hinaus.
Apemanthus.
Ich will fliehen, wie ein Hund vor den Hinterfussen eines Esels.
Lucius.
Er ist ein Antipode der Menschlichkeit. Kommt, wollen wir
hineingehen, und an Lord Timons Freygebigkeit Antheil nehmen? In
der That er ubertrift die Gute selbst.
Lucullus.
Das thut er. Plutus, der Gott des Reichthums ist nur sein Haus-
Hofmeister: Das kleinste Verdienst, das sich jemand um ihn macht,
bezahlt er siebenfaltig uber seinen Werth; und das kleinste
Geschenk das er annimmt, zieht dem Geber eine Erstattung zu, die
alle gewohnliche Erkenntlichkeit ubertrift.
Lucius.
Er hat das edelste Gemuth, das jemals einen Mann regiert hat.
Lucullus.
Mog' er lang' in diesem gluklichen Stande leben, wollen wir hinein?
Lucius.
Ich will euch Gesellschaft leisten.
(Sie gehen ab.)
Funfte Scene.
(Ein grosser Saal in Timons Hause.)
(Eine Musik mit Hautbois; Es wird ein grosses Banquet aufgetragen;
Timon, Lucius, Lucullus, Sempronius und andre Atheniensische
Senatoren, treten mit Ventidius auf. Wenn alle herein gekommen sind,
schlendert auch Apemanthus, mit misvergnugtem Gesicht, hinter
ihnen drein.)
Ventidius.
Hochstgeehrter Timon! es hat den Gottern gefallen, meinen alten
Vater in seine Ruhe eingehen zu lassen. Er ist gluklich vom
Schauplaz gegangen, und hat mich reich hinterlassen. Ich gebe euch
also, wie die Dankbarkeit gegen euer grosmuthiges Herz mich
verpflichtet, diese Talente, durch deren Hulf ich meine Freyheit
wieder erlangt, mit verdoppeltem Dank und Erbietung meiner
Gegendienste zuruk.
Timon.
O, das kan nicht seyn, mein rechtschaffner Ventidius; ihr miskennet
meine Freundschaft: Ich gab sie mit willigem Herzen hin; und wer
kan mit Wahrheit sagen, das er gebe, wenn er wieder empfangt? Wenn
hohere als wir sind es thun, so steht es doch uns nicht an.
Apemanthus.
Ahme ihnen kuhnlich nach; nuzliche Laster sind schon.
Ventidius.
Welch eine edle Denkungsart!
Timon,
(indem er sieht, das seine Gaste viele Complimente und Umstande
machen, eh sie sich sezen.)
Ceremonien sind nur erfunden worden, um falschen Thaten, holen
Bewillkommungen, und erzwungner Gutthatigkeit eine Glasur zu geben;
aber, wo wahre Freundschaft ist, bedarf es nichts dergleichen. Ich
bitte euch, nehmet Plaz; ihr seyd mir willkommner zu meinem
Wohlstand, als er mir selbst ist.
(Sie sezen sich.)
Lucius.
Wir sind immer davon uberzeugt gewesen.
Apemanthus.
Ho, ho, uberzeugt gewesen? Das ihr gehangen war't!
Timon.
Ha, Apemanthus! Ihr seyd willkommen.
Apemanthus.
Ich will es aber nicht seyn; ich komme nur, das du mich zur Thure
hinausstossest.
Timon.
Pfui, wie grob du bist! Ihr habt da einen Humor angenommen, der
einem Mann nicht gut last; es ist gar nicht hubsch. Man sagt sonst,
meine Herren, (ira furor brevis est), aber dieser Mann dort ist
immer entrustet.
Apemanthus.
Las mich auf deine Gefahr da bleiben, Timon; ich komme,
Beobachtungen zu machen, ich will dich gewarnt haben.
Timon.
Und ich gebe dir keine Acht; du bist ein Athenienser, und also
willkommen; ich mochte fur mich selbst kein Vermogen haben--Ich
bitte dich, las meine Schusseln dich zum Stillschweigen bringen.
Apemanthus.
Ich verschmahe deine Schusseln; ich wollt' eher dran erworgen, eh
ich dir jemals schmeicheln wollte. O ihr Gotter, wieviel Leute
essen den Timon, und er sieht sie nicht! Es schmerzt mich, ihrer so
viele zu sehen, die ihren Bissen in eines einzigen Mannes Blut
tauchen; und das unsinnigste ist, das er sie noch dazu aufmuntert.
Mich wundert nur, das es Menschen giebt, die sich bey andern
Menschen sicher halten. Sie sollten einander ohne Messer einladen,
es ware gut fur ihre Schusseln, und sichrer fur ihr Leben. An
Beyspielen fehlt es nicht; der Bursche, zum Exempel, der hier zu
nachst an ihm sizt, das Brodt mit ihm theilt, und thut als ob er
auch den Athem mit ihm theilen wollte, ist alle Augenblike
bereitwillig, ihm einen Dolch in das Herz zu stossen. Es sind
Beweise davon da. War' ich ein grosser Herr, ich hatte das Herz
nicht zu trinken, aus Furcht, sie mochten ausspahen, wo sie meiner
Luftrohre am besten beykommen konnten; grosse Herren sollten nicht
anders trinken, als mit einem Harnisch um ihre Gurgel.
Timon (indem er dem Lucullus zutrinkt.)
Milord, von Herzen; last die Gesundheit herumgehen.
Lucullus.
Last sie diesen Weg gehen, mein werthester Lord.
Apemanthus.
Diesen Weg gehen--Ein braver Kerl; er weis die Zeit wol in Acht zu
nehmen; diese Gesundheiten werden noch machen, das du und dein
Vermogen die Schwindsucht kriegen werden, Timon.
(Er langt ein Stuk Brodt und einen Krug mit Wasser aus seiner
Tasche.)
Hier ist etwas, das zu schwach ist, ein Sunder zu seyn, ehrliches
Wasser, das noch niemand in den Schuld-Thurm gebracht hat. Mein
Essen schikt sich zu meinem Trank--
(Er stellt sich hin, das Tisch-Gebett zu sprechen.)
Gastmahler sind zu stolz, den Gottern Dank zu sagen.
Apemanthus (betet:)
(Ihr Gotter, ich spreche euch um keine Reichthumer an, denn ich
achte sie fur Quark; ich bitte fur niemand, als mich selbst.
Verleihet, das ich niemals so ein guter Narr werde, einem Mann auf
seinen Eyd zu trauen, oder einer Hure auf ihre Thranen, oder einem
Hund, der zu schlafen scheint, oder meinen Freunden, wenn ich ihrer
nothig habe; Amen, Amen.) Izt zugegriffen! Reiche Leute sundigen,
und ich esse Wurzeln.
Timon.
General Alcibiades, mich daucht, euer Herz ist diesen Augenblik im
Felde.
Alcibiades.
Mein Herz ist allenthalben zu euern Diensten, Milord.
Timon.
Ihr waret lieber bey einem Fruhstuk von Feinden, als bey einem
Mittag-Essen von Freunden gewesen.
Alcibiades.
Wenn sie so frisch bluten, so ist kein besseres Gericht als sie;
ich wollte meinen Freund zu einem solchen Schmaus wunschen.*
Apemanthus.
Ich wollte also, das alle diese Schmarozer deine Feinde waren,
damit du sie umbrachtest, und mich darauf zu Gaste batest.
Lucullus.
Mochten wir nur das Gluk haben, Milord, das ihr uns einmal durch
etwas auf die Probe sezen wolltet, wobey wir euch unsre Ergebenheit
in etwas zeigen konnten; es wurde uns nichts mehr zu wunschen ubrig
bleiben.
Timon.
O, meine guten Freunde, ich zweifle keinen Augenblik, das die
Gotter fur Gelegenheiten gesorgt haben, wo ich eben so viel Hulfe
von euch erhalten werde; wie waret ihr sonst meine Freunde gewesen?
Warum truget ihr diesen herzruhrenden Namen, vor tausenden, wenn
ihr mein Herz nicht naher angienget? Ich habe uber diesen Punct
mehr von euch zu mir selbst gesagt, als ihr mit Bescheidenheit zu
euerm eignen Behuf sagen konntet. Ihr Gotter, denke ich, wozu
brauchten wir Freunde zu haben, wenn wir sie niemals nothig hatten;
sie wurden wie liebliche Instrumente seyn, die in Futteralen
aufgehangen sind, und ihre Tone fur sich selbst behalten. Mein
Vertrauen zu euch geht so weit, das ich mich oft armer gewunscht
habe, damit ich euch naher kommen mochte; wir sind dazu gebohren,
Gutes zu thun. Und was konnen wir gewisser und eigentlicher unser
eigen nennen, als die Reichthumer unsrer Freunde? O! was fur ein
unschazbarer Trost ist das, so viele zu haben, die, wie Bruder,
einer uber des andern Gluk und Vermogen schalten konnen! O Freude,
die schon eine Freude ist, eh sie gebohren werden kan! Meine Augen
konnen nicht Wasser halten, daucht mich; ihren Fehler zu verbessern,
trink ich euch zu!
Apemanthus.
Du weinst nur, um zu machen, das sie dich trinken.
Lucullus.
Das Vergnugen ward auf die nemliche Art in unsern Augen empfangen,
und kam in demselben Augenblik wie ein neugebohrnes Kind hervor.
Apemanthus.
Ho, ho! ich mus lachen, wenn ich denke, das dieses Kind ein Bastard
ist.
Ein andrer von den Gasten.
Ich versichre euch, ihr habt mich ausserordentlich geruhrt.
Apemanthus.
Ausserordentlich!
(Man hort einen Trompeten-Stos.)
Timon.
Was will diese Trompete? was giebt's? (Ein Bedienter kommt herein.)
Bedienter.
Gnadiger Herr, es sind etliche Frauenzimmer draussen, welche gerne
vorgelassen werden mochten.
Timon.
Frauenzimmer? Was wollen sie?
Bedienter.
Sie bringen einen Vorredner mit, der das Amt tragt, ihr Gewerb
anzubringen.
Timon.
Ich bitte, last sie hereinkommen. * Diese Scytische Art zu reden,
ist nicht im Character eines Atheniensers, noch des Alcibiades. Der
Alcibiades unsere Autors in diesem Stuk gleicht dem Alcibiades, den
Plutarch schildert, wie ein Affe einem Menschen; er ist ein Held in
Ostadens Geschmak gemahlt, oder wie--(Dieu le Pere dans sa gloire
eternelle, peint galamment dans le gout de Wateau.)
Sechste Scene.
(Cupido mit etlichen Weibspersonen, die als Amazonen gekleidet
sind, und ein Balletformiren.)
Cupido.
Heil dir, wurdiger Timon, und euch allen, die seine Gutigkeiten
schmeken! Die funf vorzuglichsten Sinnen erkennen dich fur ihren
Gutthater, und kommen, deiner uberfliessenden Grosmuth Dank zu
erstatten. Das Ohr, der Geschmak, der Geruch und das Gefuhl stehen
befriedigt von deiner Tafel auf, diese hier kommen nun, deinen
Augen einen Schmaus zu geben.
Timon.
Sie sind alle willkommen; last ihnen freundlich begegnet werden;
last Musik ihren Willkomm machen.
Lucius.
Ihr sehet, Milord, wie ausserordentlich ihr geliebt werdet.
Apemanthus.
Heyda! Was fur ein Geschweif von Eitelkeit zieht daher! Sie tanzen,
sie sind dem Tollhaus entloffen, glaub' ich.*
{ed.-* Apemanthus fahrt hier im Original in etlichen Zeilen fort, uber
die Weltfreuden und die Schmeichler loszuziehen; es ist aber,
ungeachtet der Bemuhung des Hrn. Warburton, so wenig Zusammenhang
in dieser corrupten Rede, das man sie lieber gar weggelassen; da es
ohnehin weiter nichts als eine ganz alltagliche Capucinade ist, an
der man wenig verliehrt.}
(Nach geendigtem Tanz stehen die Gaste von der Tafel auf, und
machen dem Timon eine Menge feyrlicher Ehrenbezeugungen: Ein jeder
liest sich sodann eine Amazonin aus, und so tanzen sie paarweise
einen oder Zween muntre Tanze, und horen auf.)
Timon.
Meine schonen Damen, ihr habt unserer Lustbarkeit einen Reiz
gegeben, ohne den sie nicht halb so schon und anmuthig war. Eure
Gegenwart hat ihr erst einen Werth und lebhaften Glanz gegeben, und
das Vergnugen vollkommen gemacht, das ich meinen Gasten zu
verschaffen gewunscht habe. Ich bin euch sehr dafur verbunden.
Lucius.
Milord, ihr nehmt sie uns gerade wie es am besten gegangen ware.
Timon.
Mesdames, es ist hier in dem Nebenzimmer eine kleine Tafel fur euch
gedekt. Nehmet einige Erfrischungen, wenn es euch beliebt.
Alle Frauenzimmer.
Mit vielem Dank, Milord.
(Sie gehen ab.)
Timon.
Flavius--
Flavius.
Gnadiger Herr--
Timon.
Bringt mir das kleine Kastchen her.
Flavius.
Ja, Gnadiger Herr.
(Bey Seite.)
Noch mehr Juweelen? Man darf ihm nicht einreden, wenn er in einer
Laune ist, sonst sollt ich ihm sagen--Gut!--In der That ich sollte;
wenn es zu spate seyn wird, wird er selbst wunschen, das man ihm
eingeredet hatte. Es ist zu bedauren, das die Freygebigkeit hinten
am Kopf keine Augen hat, damit ein ehrlicher Mann nicht durch ein
allzu gutes Herz ungluklich werden konnte.
Lucullus.
Wo sind unsre Leute?
Bedienter.
Hier, Gnadiger Herr.
Lucullus.
Unsre Pferde!
Timon.
O meine guten Freunde!
(zu Lucullus.)
Ich hab' euch nur ein Wort zu sagen: Sehet hier Mylord; ich bitte
euch, erweist mir die Ehre, dieses Kleinod anzunehmen und zu tragen,
mein gutiger Lord!
Lucullus.
Ich bin schon so sehr euer Schuldner--
Alle.
Das sind wir alle.
(Lucius, Lucullus, und die ubrigen gehen ab.)
Siebende Scene.
(Ein Bedienter zu Timon.)
Bedienter.
Gnadiger Herr, etliche Edelleute, die kurzlich in den Senat
befordert worden, wollen euch ihren Besuch machen.
Timon.
Sie sind hochstens willkommen. (Flavius kommt wieder zuruk.)
Flavius.
Ich bitte Euer Gnaden, erlaubet mir ein Wort; es geht euch sehr nah
an.
Timon. Mich? Nun, so will ich dich ein andermal anhoren. Ich bitte,
sorge davor, das wir ihnen mit etwas aufwarten konnen.
Flavius (vor sich.)
Ich weis kaum womit. (Ein andrer Bedienter.)
2. Bedienter.
Mit Euer Gnaden Erlaubnis, Lord Lucius macht euch aus Freundschaft
und Erkenntlichkeit ein Geschenk von vier milchweissen Pferden, mit
Silber angeschirrt.
Timon.
Ich werde sie auf eine edle Art annehmen;
(zu Flavius.)
Sorget davor, das ihnen wohl gewartet werde. (Ein dritter
Bedienter.) Was giebt's? was neues?
3. Bedienter.
Mit Euer Gnaden Erlaubnis, der hochgebohrne Lord Lucullus bittet
sich Euere Gesellschaft morgen auf eine Jagd aus, und hat Euer
Gnaden zwo Kuppeln Windhunde hergeschikt.
Timon.
Ich will mit ihm jagen; ich will sie annehmen, und nicht vergessen,
ihm einen schonen Ersaz zu thun.
Flavius (vor sich.)
Wo will das hinkommen? Er befiehlt uns immer Provisionen zu machen,
und macht grosse Prasente, und alles aus einer leeren Kiste. Und
doch will er nicht leiden, das ich ihm zeige, was fur ein Bettler
seine Freygebigkeit ist; seine Versprechungen fliegen soweit uber
sein Vermogen hinaus, das er fur alles was er spricht, fur jedes
Wort, schuldig werden muste. Er ist so gut, das er Intressen
bezahlt, um Andern Freygebigkeiten zu erzeigen. Alle seine Guter
stehen in den Schuldbuchern seiner Glaubiger. Gut! ich wollte ich
wurde mit einer guten Art meines Diensts entsezt, eh ich gezwungen
werde ihn zu verlassen. Gluklicher ist wer gar keine Freunde zu
futtern hat, als solche, die noch schlimmer sind als seine
erklarten Feinde selbst. Mein Herz blutet mir vor meinen Herren.
(Er geht ab.)
Timon.
Ihr thut euch selbst unrecht, ihr verringert eure Verdienste zu
sehr. Hier, Milord, ein kleines Merkmal unsrer Freundschaft.
1. Lord.
Ich nehm' es mit hochstem Dank an.
2. Lord.
Er hat das grosmuthigste Herz von der Welt.
Timon.
Ah, ich erinnere mich erst izt, Milord, das euch neulich das
Castanien-braune Pferd, worauf ich ritt, wohl zu gefallen schien:
Es ist euer, weil es euch gefallt.
3. Lord.
O ich bitte euch um Verzeihung, Milord, was das betrift.
Timon.
Nehmt mein Wort dafur, Milord; ich weis, niemand kan etwas nach
Verdienst loben, als was er liebt. Ich schaze meines Freundes
Geschmak nach meinem eignen! ich spreche in vollem Ernst--Meine
Herren, ich werde mich bey euch melden lassen.
Alle Lords.
O! niemand wird uns so willkommen seyn.
Timon.
Alle Besuche, und besonders die eurigen, sind mir so werth und
angenehm, das es nicht genug ist, wenn ich euch davor danke; ich
konnte Konigreiche unter meine Freunde austheilen, und es nie mude
werden. Alcibiades, du bist ein Soldat, und also selten reich;
deine Einkunfte sind unter den Todten, und deine Landereyen ligen
in einem Schlachtfeld --
Alcibiades.
Es ist noch Land's genug einzunehmen, Milord.
1. Lord.
Wir sind euch so ganzlich verpflichtet--
Timon.
Das bin ich euch.
2. Lord.
So unendlich verbunden--
Timon.
Alles auf meiner Seite. Lichter, mehr Lichter!
3. Lord.
Wir wunschen euch eine bestandige Dauer der vollkommensten
Glukseligkeit, Lord Timon.
Timon.
Zum Dienst meiner Freunde.
(Die Lords gehen ab.)
Achte Scene.
Apemanthus.
Was das fur ein Gelerm ist, fur ein Geschnabel, und fur Scharr-
Fusse! Ich zweifle, ob ihre Beine das Geld werth sind, das man fur
sie ausgegeben hat. Freundschaft ist voller Hefen; mich daucht,
falsche Herzen sollten niemals gesunde Beine haben. So tauschen
ehrliche Narren ihr Geld an Complimente.*
{ed.-* Wenn in dieser Rede wenig Sinn und Zusammenhang ist, so mus man
wissen, das sie im Original in Reimen geschrieben ist, wie viele
andre in diesem Stuke. Die Reime scheinen dem Shakespear viel zu
schaffen gemacht zu haben; sein freyer und feuriger Genie geht
darinn wie ein Lauffer in Courier-Stiefeln.}
Timon.
Nun, Apemanthus, wenn du nicht murrisch warest, so wollt' ich gut
gegen dich seyn.
Apemanthus.
Nein, ich will nichts; denn wenn ich auch noch bestochen wurde, so
bliebe niemand ubrig, der dich durch die Hechel ziehen wurde, und
denn wurdest du noch mehr sundigen. Du verschenkst so lange, Timon,
besorg' ich, das du in kurzem dich selbst weggeben wirst. Wozu
sollen alle diese Gastmahler, dieser Prunk und dieser eitle Aufwand?
Timon.
O wenn du anfangst uber alle Geselligkeit loszuziehen, so schwor
ich, ich will dir keinen Blik mehr gonnen. Lebe wohl, und komme mit
einer bessern Musik wieder.
Apemanthus.
So--du willt mich izt nicht horen, du sollst auch nicht! Ich will
dir das einzige Mittel entziehen, was dich noch retten konnte. O,
das die Ohren der Leute nur fur guten Rath taub sind, und nicht fur
Schmeicheley.
(Geht ab.)
Zweyter Aufzug.
Erste Scene.
(Ein offentlicher Plaz in der Stadt.)
(Ein Senator tritt auf.)
Senator.
Und unlangst, funf tausend; dem Varro und dem Isidorus ist er
neuntausend schuldig, und dann meine vorhergehende Schuld; das
macht zusammen funf und zwanzig--Nimmt denn die Wuth der
Verschwendung kein Ende bey ihm? Es kan nicht dauern, es kan nicht.
Wenn ich Geld brauche, so darf ich nur einen Bettler-Hund stehlen,
und ihn dem Timon geben; der Hund munzt mir Geld. Wenn ich gern
mein Pferd verkaufte, um zehen bessere dafur zu kauffen, gut, so
geb ich mein Pferd dem Timon; ich verlange nichts, ich schenk es
ihm, gleich wirft es mir zehen tuchtige Pferde. Er hat keinen
Thurhuter an seiner Pforte, sondern einen Kerl der immer lachelt
und alles einladt, was vorbey geht. Das kan nicht dauern; es ist
vernunftigerweise unmoglich, das eine solche Wirthschaft dauern
konnte. Caphis, he! Caphis, sag ich. (Caphis tritt auf.)
Caphis.
Hier, mein Herr, was habt ihr zu befehlen?
Senator.
Zieh deinen Rok an, und geh in Eile zu dem Lord Timon; treib ihn
fur die Bezahlung der Gelder, die er mir schuldig ist; las dich
durch keine schlechte Weigerung abweisen, oder durch ein: Mein
Compliment an euern Herrn, zum Schweigen bringen, und dir mit der
Muze in der rechten Hand die Thure weisen, so--sondern sag ihm, ich
hab es unumganglich nothig; der Termin sey verstrichen, und die
Frist die ich ihm gegeben, habe schon meinen Credit geschwacht; Ich
liebe und ehre ihn, aber es sey mir nicht zuzumuthen, das ich den
Hals breche, um seinen Finger zu heilen; Meine Bedurfnisse seyen
dringend, und konnen durch Vertrostungen nicht befriediget werden,
sondern erheischen unmittelbare Hulfe. Geh; nimm eine ungestume
Mine an, mach' ein Anforderungs-Gesicht; denn ich besorge, wenn
jede Feder in ihrem eignen Flugel steken wird, so wird Lord Timon,
der izt wie ein Phonix schimmert, nur eine nakte Mowe ubrig bleiben--
Geh, sag ich.
Caphis.
Ich gehe, Herr.
Senator.
Ich gehe, Herr?--Nehmt die Verschreibungen mit euch, und gebt wohl
auf die Datums Acht.
Caphis.
Ich will, Herr.
Senator.
Geh.
(Sie gehen ab.)
Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in Timons Halle.)
(Flavius tritt mit verschiednen Obligationen in der Hand auf.)
Flavius.
Keine Sorge, kein Maas noch Ziel! Er bekummert sich so wenig um
seine Ausgaben, das er weder darauf denkt wie er sie bestreiten,
noch wie er diesem Strom von Verschwendung Einhalt thun wolle.
Niemals ist so viel Gute mit so viel Thorheit in einem Menschen
beysammen gewesen--Was ist zu thun?--Er wird nicht horen, bis er
fuhlt; ich mus freymuthig mit ihm sprechen, wenn er von der Jagd
heimkommt! O! weh! weh! weh! (Caphis, Isidor und Varro treten auf.)
Caphis.
Guten Abend, Varro; wie, kommt ihr auch um Geld zu fordern?
Varro.
Das wird vermuthlich euer Geschaft auch seyn?
Caphis.
Es ist nicht anders, und euers auch, Isidor?
Isidor.
So ist es.
Caphis.
Ich wollte, wir waren alle bezahlt.
Varro.
Mir ist nicht wohl bey der Sache.
Caphis.
Hier kommt der Lord. (Timon und sein Gefolge treten auf.)
Timon.
Sobald wir zu Mittag gegessen haben, wollen wir wieder fort. Mein
Alcibiades--Nun, was ist euer Begehren.
(Sie bieten ihm ihre Handschriften hin.)
Caphis.
Gnadiger Herr, hier ist eine Rechnung von gewissen Schulden --
Timon.
Schulden? Woher seyd ihr?
Caphis.
Von Athen, hier, Gnadiger Herr.
Timon.
Geht zu meinem Verwalter.
Caphis.
Euer Gnaden wollen mir's zu gut halten, er hat mich diesen ganzen
Monat durch von einem Tag auf den andern vertrostet; mein Herr wird
durch eine dringende Veranlassung genothiget, das Seinige
einzufordern, und bittet demuthig, Euer Gnaden mochte, nach dero
bekannten Grosmuth ihm sein Recht angedeyhen lassen.
Timon.
Mein ehrlicher Freund, komm den nachsten Morgen wieder.
Caphis.
Nein, Gnadiger Herr--
Timon.
Masige dich, guter Freund.
Varro.
Eines gewissen Varro's Bedienter, gnadiger Herr.
Isidor.
Von Isidor, er bittet um schleunige Bezahlung.
Caphis.
Wenn Euer Gnaden die Noth wuste, worinn mein Herr stekt. --
Varro.
Die Verschreibung, gnadiger Herr, ist schon vor sechs Wochen
verfallen --
Isidor.
Euer Haushofmeister weist mich ab, und ich bin ausdruklich zu Euer
Gnaden geschikt worden.
Timon.
Last mich nur zu Athem kommen,--
(zu seinen Begleitern)
Ich bitte euch, meine werthesten Herren, gehet hinein, ich werde
euch in einem Augenblik aufwarten--
(Die Lords gehen ab.)
Kommt hieher;
(zu Flavius)
Wie geht das zu, das ich auf eine so schimpfliche Art mit
ungestumen Anfordrungen wegen Schulden, verfallnen Handschriften,
und Vorenthaltung langst richtig zumachender Zahlungen angefallen
werde?
Flavius.
Mit eurer Erlaubnis, meine Herren; es ist izt keine gelegne Zeit
fur euer Geschafte; wartet bis nach Mittag, damit ich Seiner Gnaden
inzwischen begreiflich machen kan, warum ihr noch nicht bezahlt
seyd.
Timon.
Thut das, meine Freunde.
(zu Flavius.)
Seht, das ihnen wohl begegnet werde.
(Timon geht ab.)
Flavius.
Ich bitte euch, kommt herein.
(Flavius geht ab.)
Dritte Scene.
(Apemanthus und ein Harlequin zu den Vorigen.)
Caphis.
Wartet, wartet, hier kommt der Narr mit Apemanthus, wir wollen ein
wenig Spas mit ihnen haben.
Varro.
An den Galgen mit ihm, er wird uns eins anhangen.
Isidor.
Das ihn die Pest,--den Hund!
Varro.
Wie geht's, Narr?
Apemanthus.
Redst du mit deinem Schatten?
Varro.
Ich rede nicht mit dir.
Apemanthus.
Das ist wahr, du redst mit dir selbst. Komm, las uns gehn.
(Zum Narren.)
Isidor.
Der Narr hangt schon an deinem Ruken.
Apemanthus.
Nein, du stehst einzeln.
Caphis.
Weil du noch nicht an ihm bist. Wo ist der Narr hingekommen?
Apemanthus.
Er hat die lezte Frage gethan. Arme Schelme und Wucherers Sclaven!
Kuppler zwischen Geld und Mangel!
Alle.
Was sind wir, Apemanthus?
Apemanthus.
Esel.
Alle.
Was?
Apemanthus.
Wenn ihr euch selbst kenntet, so brauchtet ihr mich nicht zu fragen.
Rede du mit ihnen, Narr.
Harlequin.
Was lebt ihr gutes, meine Herren?
Alle.
Grossen Dank, Narr; was macht eure Frau?
Narr.
Sie sezt eben Wasser uber, um solche Huhnchen abzubruhen, wie ihr
seyd. Ich wunschte wir konnten das Vergnugen haben, euch zu
Corinth* zu sehen.
{ed.-* Ein unter gewissen Leuten ubliches Wort anstatt Bordell,
vermuthlich von der Ausgelassenheit dieser alten Griechischen Stadt
hergenommen; wovon (Alexander ab Alexandro) sagt:(Corinthi super
mille Prostitutae in templo Veneris assiduae degere &
inflammata libidine quaestui meretricio operam dare & velut
Sacrorum ministrae Deae famulari solebant.) Warburton.}
Apemanthus.
Grossen Dank fur den guten Wunsch! (Ein Page zu den Vorigen.)
Narr.
Seht, hier kommt meiner Frauen Page.
Page.
Wie geht's, Capitain, Was macht ihr in dieser weisen Gesellschaft?
Wie befindst du dich, Apemanthus?
Apemanthus.
Ich wollt', ich hatte eine Ruthe in meinem Maul, um dir eine
heilsame Antwort geben zu konnen.
Page.
Ich bitte dich Apemanthus, lies mir die Aufschrift auf diesen
Briefen; ich weis nicht, wem jeder gehort.
Apemanthus.
Kanst du nicht lesen?
Page.
Nein.
Apemanthus.
Es wird also an dem Tag, da du gehangt werden wirst, nicht viel
Gelehrtheit sterben--Dieser ist an Lord Timon, dieser an Alcibiades.
Geh, du wardst ein Huren-Sohn gebohren, und wirst als ein Huren-
Wirth sterben.
Page.
Und du wardst als ein Hund geworffen, und wirst verhungern, wie ein
Hund. Antworte mir nicht, ich gehe.
(Er geht ab.)
Apemanthus.
Narr, ich will mit euch zum Lord Timon gehn.
Harlequin.
Wollt ihr mich dort verlassen?
Apemanthus.
Wenn Timon bey Hause ist--Ihr drey dient bey drey Wucherern?
Alle.
Ich wollte, sie dienten uns.
Apemanthus.
Das wollt' ich auch--Ein so feiner Streich, als jemals ein Henker
einem Dieb gespielt hat!
Harlequin.
Seyd ihr Drey Wucherers-Leute?
Alle.
Ja, Narr.
Harlequin.
Ich glaub', es giebt in der ganzen Welt keinen Wucherer, der nicht
einen Narren zum Diener hat. Meine Frau gehort auch in diese Zunft,
und ich bin ihr Narr; wenn die Leute zu euern Herren gehn um Geld
zu borgen, so kommen sie traurig, und gehn lustig fort; aber in
meiner Frauen Haus gehn sie lustig hinein, und traurig wieder fort.
Wist ihr die Ursach?
Varro.
Ich konnte wol eine sagen.
Harlequin.
So thue es dann, damit wir sehen, das du ein Hurenjager und ein
Lumpenhund bist; wofur du aber, auch ohne das, nichts desto minder
gehalten werden sollst.
Varro.
Was ist ein Hurenjager, Narr?
Harlequin.
Ein Narr in hubschen Kleidern, und dir in etwas ahnlich. Es ist ein
Geist; zuweilen last er sich in Gestalt eines Edelmanns sehen,
zuweilen in Gestalt eines Advocaten, zuweilen in Gestalt eines
Philosophen, mit zwey Steinen, ohne den Stein der Weisen zu rechnen.
Sehr oft nimmt er die Gestalt eines Soldaten an, und uberhaupt ist
keine Gestalt, worinn der Mensch von achtzig Jahren bis zu dreyzehn,
nur immer gesehen werden mag, in welcher dieser Geist nicht spuke.
Varro.
Du bist nicht ganz ein Narr.
Harlequin.
Und du nicht ganz gescheidt; ich habe gerade so viel Narrheit, als
dir an Gescheidtheit mangelt.
Apemanthus.
Das ist eine Antwort, deren Apemanthus sich nicht zu schamen hatte.
Alle.
Auf die Seite, auf die Seite, der Lord Timon kommt. (Timon und
Flavius treten auf.)
Apemanthus.
Komm mit mir, Narr, komm mit.
Harlequin.
Einem Liebhaber, einem altern Bruder, und einem Weibsbild folg' ich
nicht allemal; izt will ich einmal einem Philosophen folgen.
Flavius
(zu den Vorigen.)
Seyd so gut, und spaziert ein wenig dort, ich will gleich mit euch
reden.
(Die Glaubiger, Apemanthus und Harlequin, treten ab.)
Vierte Scene.
(Timon. Flavius.)
Timon.
Ihr sezt mich in Erstaunen: Warum habt ihr mir denn meine Umstande
nicht eher vollstandig vorgelegt, damit ich meine Ausgaben nach dem
Ertrag meiner Mittel hatte einrichten konnen?
Flavius.
Ich hab euch in manchen musigen Stunden daran erinnert, aber ihr
wolltet mich nicht anhoren.
Timon.
Ausfluchte! Ihr habt vielleicht gerade die Augenblike ausgesucht,
da ich nicht bey guter Laune war; und izt bedient ihr euch dessen,
euch selbst auf meine Unkosten zu entschuldigen.
Flavius.
O! mein gnadiger Herr, ich brachte meine Rechnungen manchmal, und
legte sie euch vor; ihr warfet sie weg, und sagtet, ihr verlasset
euch auf meine Ehrlichkeit. Wenn ihr, fur irgend ein nichtswurdiges
Geschenk von euern Freunden, mir so oder so viel dagegen zu geben
befahlet, schuttelt' ich den Kopf und weinte; ja, ich ubertrat oft
die Geseze des Wohlstands und bat euch, ein wenig sparsamer im
Austheilen zu seyn: Ich bekam nicht selten und nicht kleine
Verweise, wenn ich Euch die Ebbe euers Vermogens, und die grosse
Fluth eurer Schulden vorstellte. Mein allerliebstes Herr, ob ihr
gleich izt zu spat horet, so ist doch noch izt eine Zeit; die Summe
alles dessen, was ihr habt, mangelt nur eine Helfte, um alle eure
Schulden zu bezahlen.
Timon.
Last alle meine ligende Guter verkauft werden.
Flavius.
Sie sind meistens versezt, einige gar schon verfallen, oder sonst
veraussert; und der Rest wird kummerlich zureichen, die
dringendsten Schulden zu verstopfen; die kunftige Zeit rukt heran;
wovon sollen wir unterdessen leben, und wie werden wir zulezt mit
unsrer Rechnung bestehen konnen?
Timon.
Meine Landereyen erstrekten sich bis nach Lacedamon.
Flavius.
Ach, mein Gnadiger Herr, die Welt ist nur ein Wort; ware sie ganz
euer, so das ihr sie in einem Athemzug weggeben konntet, wie
schnell wurde sie weg seyn!
Timon.
Ihr habt recht.
Flavius.
Wofern ihr einigen Verdacht in meine Wirthschaft oder Treue sezet,
so fordert mich vor die scharfesten Richter, und stellt mich auf
die Probe. Die Gotter seyen mir gnadig, so wie ich die Wahrheit
sage! Wenn alle eure Vorraths-Kammern von schwelgerischen Prassern
erschopft wurden; wenn die Gewolbe und Deken in euern Salen von
Wein trauffelten, der in trunknem Muthwillen versprizt wurde; wenn
jedes Zimmer von Lichtern funkelte, und von Spielleuten zertrappt
wurde; zog ich mich oft in einen dunkeln Winkel unter dem Dach
zuruk, um meinen Thranen freyen Lauf zu lassen.
Timon.
Ich bitte dich, nichts mehr,
Flavius.
Himmel! rief ich aus! wie gutig dieser Herr ist! Wie manche
verschwenderische Bissen haben in dieser Nacht Sclaven und Bauren
verschlukt! Wer ist izt nicht Timons? Welches Herz, welcher Kopf,
welches Schwerdt, welches Vermogen und Ansehen steht nicht zu
Timons Diensten? des grossen, des edeln, wurdigen, koniglichen
Timons? Aber wenn die Mittel hin sind, die diese Lobspruche
erkauften, so ist auch der Athem hin, woraus diese Lobspruche
gemacht waren--Last nur eine einzige Winterwolke schaudern, so
ligen alle diese Fliegen.
Timon.
Komm, es ist genug geprediget! Mein Herz kan mir doch wegen meiner
Gutigkeit keinen Vorwurf machen. Unweislich, nicht unedel hab' ich
weggegeben; warum weinst du? Kanst du fahig seyn, dir einzubilden,
es werde mir jemals an Freunden fehlen? Beruhige dich! Wenn ich die
Gefasse meiner Liebe anzapfen, und den Inhalt ihrer Herzen durch
Borgen auf die Probe sezen wollte, ich konnte mich ihrer Personen
und ihres Vermogens so frey bedienen, als ich dir befehlen kan zu
reden.
Flavius.
Die Gotter geben das die Erfahrung eure Hoffnung erfulle!
Timon.
Und gewisser Maassen leisten mir diese Bedurfnisse einen Dienst,
der sie in meinen Augen zu grossen Vortheilen macht; denn durch sie
werd' ich Freunde bewahren. Ihr werdet sehen, wie sehr ihr euch
uber meine Gluks-Umstande betrugt; ich bin an Freunden reich.
Herein, he! Flaminius, Servilius!
Funfte Scene.
(Flaminius, Servilius, und andre Bediente treten auf.)
Servilius.
Gnadiger Herr--
Timon.
Ich will euch an verschiedne Orte schiken; Ihr zu Milord Lucius--
ihr zu Lord Lucullus, mit dem ich heut auf der Jagd war--ihr zu
Sempronius; empfehlt mich ihrer Freundschaft; sagt ihnen, ich sey
stolz darauf, das ich endlich Gelegenheit finde, ihre Beyhulfe in
einem mir zugestosnen Geldmangel gebrauchen zu konnen; begehrt
funfzig Talente.
Flaminius.
Nach Euer Gnaden Befehl.
(Flaminius und Bediente gehen ab.)
Flavius (bey seite.)
Lord Lucius und Lucullus! Hum!
Timon.
Ihr, mein Herr, geht zu den Senatoren, von denen ich, mit des
Staats grostem Vortheil, eine solche Gefalligkeit wohl verdient
habe: Sagt ihnen, sie mochten mir augenbliklich tausend Talente
schiken.
Flavius.
Ich bin so kuhn gewesen, (weil ich wuste, das dieses der
gewohnlichste Weg ist) euern Namen und euer Sigel zu einem solchen
Ansuchen bereits zu gebrauchen; allein, sie schuttelten die Kopfe,
und ich kam nicht reicher zuruk.
Timon.
Was sagst du? Ist das wahr? Ist's moglich?
Flavius.
Sie antworteten alle aus einem Mund und mit einer vereinigten
Stimme, sie seyen eben nicht versehen, sie brauchten Geld, konnten
nicht thun was sie wollten; es sey ihnen leid--Ihr seyt ein Mann
von Verdiensten--Aber doch mochten sie gewunscht haben--Sie wissen
nicht--Es hatte etwas anders seyn mogen--ein edles Naturell konne
sich verschlimmern--Ware zu wunschen es war' alles gut--Sey zu
bedauren--Und hiemit geriethen sie uber andre ernsthafte Materien,
nachdem sie mich durch unfreundliche Blike und diese harten Bruche,
mit gewissen halben Winken, und einem kaltsinnigen Kopfniken, zu
erstarrendem Stillschweigen gebracht hatten.
Timon.
Ihr Gotter, vergeltet's ihnen!--Ich bitte dich, Mann, sey ruhig!
Die Undankbarkeit ist bey diesen alten Gesellen etwas naturliches.
Ihr Blut ist geronnen, es ist kalt, es fliest selten; der Mangel an
freundlicher Warme macht sie unfreundlich; die Natur, so wie sie
nach und nach zur Erde herab sinkt, nimmt auch ihre Eigenschaften
an, und wird schwer und unempfindlich. Geh zum Ventidius--Ich bitte
dich, sey nicht traurig, du bist redlich und ohne Falsch; ich
spreche von Herzen: Es ist nichts an dir auszusezen--Ventidius hat
kurzlich seinen Vater begraben, durch dessen Tod er zu einem
grossen Vermogen gekommen ist; wie er arm, im Gefangnis, und von
jedermann verlassen war, half ich ihm mit funf Talenten aus der
Noth. Grus' ihn in meinem Namen; sag ihm, irgend ein dringendes
Bedurfnis sey seinem guten Freunde zugestossen, welches ihn nothige
sich dieser funf Talente zu erinnern. Wenn du sie hast, so gieb sie
diesen Leuten, die diesen Augenblik ihre Bezahlung fordern. Sage
nur niemals, und denk' es auch nicht, das Timons Gluksstand mitten
unter seinen Freunden, einsinken konne.
(Er geht ab.)
Flavius.
Wollte Gott, ich konnt' es nicht denken! Wie geneigt ist ein edles
und gutiges Herz, alle andern auch dafur zu halten.
(Er geht ab.)
Dritter Aufzug.
Erste Scene.
(Des Lucullus Haus in Athen.)
(Flaminius wartet auf Antwort, um vorgelassen zu werden; ein
Bedienter kommt zu ihm.)
Bedienter.
Ich hab euch bey meinem gnadigen Herrn angemeldt; er kommt eben
selbst herab.
Flaminius.
Ich danke euch. (Lucullus tritt auf.)
Bedienter.
Hier ist Milord.
Lucullus.
Einer von Lord Timons Leuten? ein Prasent, denk' ich; nun, es trift
recht artig zu; ich traumte diese Nacht von einem silbernen
Handbeken und einer Gieskannen. Flaminius, ehrlicher Flaminius, ihr
seyd recht besonders willkommen, mein Herr;--(bringt mir einen
Becher mit Wein)--Und wie befindet sich dann der wurdigste,
vollkommenste, grosmuthigste Edelmann in ganz Athen, dein sehr
gutiger lieber Herr und Meister?
Flaminius.
Er ist ganz wohl auf, was seine Gesundheit betrift.
Lucullus.
Nun das freut mich ja recht, das er wohl auf ist--und was hast du
hier unter deinem Mantel, mein lieber Flaminius?
Flaminius.
Mein Treue, nichts als einen leeren Beutel, Gnadiger Herr, Euer
Gnaden zu bitten, das ihr ihn aus Freundschaft fur meinen Herrn
fullen mochtet; der, da ihm eben eine dringende Noth zugestossen,
mich zu Euer Gnaden geschikt hat, mit Bitte, ihm mit funfzig
Talenten auszuhelfen; nicht zweiflend, das ihr ihm eure schleunige
Beyhulfe nicht versagen werdet.
Lucullus.
La, la, la, la,--Nicht zweiflend, sagt ihr? Ach, leider! der gute
Herr, er ist ein wakrer Edelmann, das ist wahr; wenn er nur nicht
eine so kostbare Haushaltung fuhrte. Ich hab' oft und viel mit ihm
zu Mittag gegessen, und es ihm gesagt, und bin wieder zum
Nachtessen zu ihm gekommen, um es zu wiederholen, das er seine
Ausgaben einschranken sollte: Allein er wollte nie keinen guten
Rath annehmen, und lies sich meine Besuche nicht zur Warnung dienen.
Jedermann hat seine Fehler, der seinige ist zuviel Ehrlichkeit.
Ich hab' es ihm oft gesagt, aber ich konnte nie was uber ihn
erhalten. (Ein Bedienter kommt mit Wein.)
Bedienter.
Gnadiger Herr, hier ist der Wein.
Lucullus.
Flaminius, ich habe dich allezeit fur einen verstandigen jungen
Menschen gehalten;--Auf deine Gesundheit!
Flaminius.
Ich danke Euer Gnaden.
Lucullus.
Ich hab immer bemerkt, das du einen muntern fertigen Kopf hast, und
das du gescheidt genug bist, dich selbst nicht zu vergessen, und
dich der Zeit zu bedienen, wenn sie dir Gelegenheit dazu giebt. Du
hast hubsche Gaben--
(Zu seinem Bedienten)
Geh deines Weges, Schurke--Komm naher, ehrlicher Flaminius; dein
Herr ist ein gutiger Edelmann, aber du bist verstandig, und
begreifst wol, (ob du gleich zu mir gekommen bist,) das es izt
keine Zeit ist Geld auszuleihen, zumal auf blosse Freundschaft,
ohne Sicherheit. Hier hast du drey Goldgulden, mein guter Junge;
verstehe mich wol, und sage deinem Herrn, du habest mich nicht
gesehen. Lebe wohl.
Flaminius.
Ist's moglich, das die Welt sich in so kurzer Zeit so verandert
hat? Weg, verdammte Niedertrachtigkeit,
(er schmeist das Geld weg)
geh' zu dem, dessen Abgott du bist.
Lucullus.
Ha! Nun seh' ich das du auch ein Narr bist, und wol zu deinem Herrn
taugst.
(Lucullus geht ab.)
Flaminius.
Moge geschmolznes Geld deine Strafe in der Holle seyn, und diese
Goldstuke zu den ubrigen kommen, die dir gluhend in den Rachen
gegossen werden sollen, du verfluchter Heuchler von einem Freund--
Hat Freundschaft ein so schwaches milchichtes Herz, das in weniger
als zwo Nachten gerinnt? O ihr Gotter, ich fuhle den Zorn, worinn
dieses meinen Herrn sezen wird. Dieser Nichtswurdige hat in diesem
Augenblik noch meines Herren Mahlzeit im Leibe! Last es, anstatt
ihn zu nahren, sich in Gall und Gift verwandeln! Last es nichts als
Krankheiten in ihm zeugen, und wenn er auf den Tod darnieder ligt,
o! so last jedes Theilchen von Nahrungssaft, wofur mein Herr
bezahlt hat, aller seiner heilsamen Kraft beraubt, zu nichts anderm
dienen als durch langsame Pein seine lezte Stunde zu verzogern!
(Geht ab.)
Zweyte Scene.
(Eine offentliche Strasse.)
(Lucius tritt mit dreyen Fremden auf.)
Lucius.
Wer? der Lord Timon? Er ist mein sehr guter Freund, und ein
wurdiger Edelmann.
1. Fremder.
Wir kennen ihn nicht anders, ob wir ihm gleich unbekannt sind. Aber
ich kan euch soviel sagen, Milord, und ich hab' es von dem
allgemeinen Geruchte, das Lord Timons glukliche Tage vorbey sind,
und das er sich in schlimmen Umstanden befindet.
Lucius.
Ey, nein, glaubt das nicht! Es kan ihm nicht an Gelde fehlen.
2. Fremder.
Seyd versichert, Milord, es ist noch nicht lange, so war einer von
seinen Leuten bey dem Lord Lucullus, und wollte funfzig Talente von
ihm entlehnen; er betrieb es ungemein, und machte die Noth sehr
dringend, und doch wurd' es ihm abgeschlagen.
Lucius.
Wie?
2. Fremder.
Was ich euch sage, abgeschlagen, Milord!
Lucius.
Das ist ein seltsamer Zufall! Nun, bey den Gottern! ich schame mich
fur den Lucullus. Einem so angesehnen wakern Mann abzuschlagen! Er
hat sehr wenig Ehre davon, wahrhaftig. Was mich betrift so mus ich
bekennen, ich habe einige kleine Hoflichkeiten von ihm empfangen,
Geld, Silbergeschirr, Juweelen und dergleichen Kleinigkeiten, die
in der That in keinen Vergleich mit demjenigen kommen, was Lucullus
von ihm hat; aber hatt er ihn vorbeygegangen und zu mir geschikt,
ich wollt ihm gewis funfzig Talente nicht abgeschlagen haben, ob
die Summe gleich nicht gering ist. (Servilius zu den Vorigen.)
Servilius.
Zu gutem Gluk, find' ich hier den Lord Lucius; ich sucht' ihn schon
in der ganzen Stadt--Gnadiger Herr!
Lucius.
Servilius! Es freut mich euch zu sehen. Lebt wohl, empfehlt mich
euerm wurdigen, tugendhaften Herrn, meinem sehr werthen Freund.
Servilius.
Mit Euer Gnaden Erlaubnis, mein Herr schikte--
Lucius.
Ha! was schikt er? Ich bin euerm Herrn schon so viel verpflichtet,
er schikt immer: Wie kan ich ihm meine Erkenntlichkeit bezeugen,
meynst du? Und was schikt er mir dann?
Servilius.
Er schikt Euer Gnaden nur seinen Grus, mit Bitte, ihm wegen einem
dringenden Anlas der ihm zugestossen, mit funfzig Talenten
auszuhelfen.
Lucius.
Ich weis, das Se. Gnaden nur Scherz mit mir treibt; es kan ihm
nicht an funfzigmal funfhundert Talenten fehlen.
Servilius.
Indessen fehlt es ihm doch dismal an einer viel kleinern Summe,
Gnadiger Herr. Wenn er sie nicht so nothwendig brauchte, wurd' ich
nicht halb so eifrig mich darum bewerben.
Lucius.
Sprichst du im Ernst, Servilius?
Servilius.
Bey meiner Seele, Milord, es ist Ernst.
Lucius.
Was fur ein verwunschtes dummes Thier war ich, das ich mich auf
eine so gute Gelegenheit so sehr an Geld entblost habe, wo ich
hatte zeigen konnen, das ich ein Mann bin, der auf Ehre halt! Wie
ungluklich es doch zutreffen mus, das er mich gerad in einer Zeit
auf die Probe sezt, da ich ausser Stand bin--In der That, Servilius,
bey den Gottern, ich bin ausser Stand--(ein desto dummeres Vieh,
sag ich) Ich wollte diesen Augenblik selbst zum Lord Timon schiken,
und ihn um eine Summe Gelds ansprechen, diese Herren konnen
Zeugschaft geben: Aber izt wollt' ich nicht um alles Geld in Athen,
das ich es gethan hatte. Empfehlt mich Sr. Gnaden zu geneigtem
Wohlwollen, und ich hoffe, Se. Gnaden werde keine schlimmere
Meynung deswegen von mir fassen, weil ich nicht im Stande bin, ihm
meine Dienstwilligkeit zu zeigen. Und sagt ihm in meinem Namen, ich
rechne es unter meine grosten Widerwartigkeiten, das ich einem so
wurdigen Edelmann nicht zu Gefallen seyn konne. Mein guter
Servilius, wollt ihr so viel Freundschaft fur mich haben, und ihm
meine eignen Worte hinterbringen?
Servilius.
Ja, Herr, ich will.
(Servilius geht ab.)
Lucius.
Ich will euch eine ziemliche Streke nachsehen, Servilius--Es ist,
wie ihr sagtet; Timon ist hin, in der That; wer kan helfen? Euer
Diener, meine Herren.
(Er geht ab.)
1. Fremder.
Merkt ihr das, Hostilius?
2. Fremder.
Nur gar zu wohl.
1. Fremder.
Das ist der Lauf der Welt; so denken alle Schmeichler: Wer kan den
seinen Freund nennen, der in Eine Schussel mit ihm taucht? Denn,
wie mir bekannt ist, war Lord Timon wie ein Vater zu diesem Herrn;
er unterhielt seinen Credit und seine Haushaltung aus seinem Beutel,
und bezahlte sogar seinen Bedienten ihren Lohn. Er trinkt nie,
ohne das Timons Silber seine Lippen drukt; und dennoch--o! was fur
ein Ungeheuer ist der Mensch, wenn er aus einer undankbaren Gestalt
hervorgukt! Er schlagt ihm ab, was gutthatige Leute Bettlern nicht
versagen.
3. Fremder.
Die Menschlichkeit schauert vor einer solchen Gefuhllosigkeit.
1. Fremder.
Was mich betrift, so hab' ich in meinem Leben niemals die geringste
Gutthat von Timon genossen, die mich vor andern verbande, sein
Freund zu seyn; und doch versichre ich, um seines edeln und
wohlthatigen Gemuths willen, und aus Hochachtung fur seine Tugend,
wollt' ich ihm die Helfte meines Vermogens geschenkt haben, wenn er
sich in seinem Bedurfnis an mich gewendet hatte, so sehr lieb' ich
sein Herz; allein, so wie die Welt geht, mus man sein Mitleiden
zurukhalten lernen; denn Klugheit geht uber Gewissen.
(Sie gehen ab.)
Dritte Scene.
(Ein dritter Bedienter des Timon mit Sempronius.)
Sempronius.
Must' er denn gerade mich damit beunruhigen? Vor allen andern? Er
hatt' es bey Lord Lucius oder Lucullus versuchen konnen, und nun
ist auch Ventidius reich, den er aus dem Gefangnis erledigt hat;
alle diese drey haben ihm ihr Vermogen zu danken.
Bedienter.
O Gnadiger Herr, sie sind alle auf die Probe gesezt und falsch
befunden worden; sie haben ihn alle abgewiesen.
Sempronius.
Wie? Abgewiesen? Ventidius und Lucullus, beyde ihn abgewiesen? Und
nun schikt er zu mir? Drey! hum--Es zeigt wenig Freundschaft oder
Vernunft auf seiner Seite an. Mus ich seine lezte Zuflucht seyn?
Seine Freunde, die gleich Aerzten sich auf seine Unkosten
bereichert haben, geben ihn au? Mus ich nun die Cur ubernehmen? er
hat mir eine schlechte Ehre damit angethan; es verdriest mich, er
hatte wol wissen konnen, wer ich bin; ich kan keinen Grund erdenken,
warum er nicht zuerst an mich gekommen ist, wenn er jemands Hulfe
nothig hatte. Auf mein Gewissen, ich war der erste unter allen die
iemals Gutes von ihm genossen haben; und denkt er denn so unbillig
von mir, das ich der lezte seyn werde, es wett zu machen? Es wird
allen ubrigen eine Materie zum Lachen geben, und ich werde der Narr
unter dem Atheniensischen Adel seyn. Ich wollte dreymal so viel als
er von mir verlangt darum geben, er hatte zu mir zuerst geschikt,
wenn es auch nur gewesen ware, um meiner Gemuthsart Gerechtigkeit
wiederfahren zu lassen; ich ware so geneigt gewesen ihm Gutes zu
thun. Aber so geh' nur wieder heim, und seze zu den abschlagigen
Antworten der ubrigen, in meinem Namen, noch dieses hinzu: Wer
meiner Ehre zu nahe tritt, soll nimmermehr mein Geld zu sehen
kriegen.
(Er geht ab.)
Bedienter.
Vortreflich! Euer Gnaden ist ein feiner Spizbube. Der Teufel wuste
gewis nicht was er that, wie er die Leute politisch machte; er
schadete sich selbst dadurch; und ich kan nichts anders als glauben,
am Ende werden sie ihn selbst mit ihren Schelmenstreichen zum
Narren machen.--Das waren nun diejenigen, auf die mein Herr seine
besten Hoffnungen gesezt hatte; nun sind alle zurukgetreten, und
ausser den Gottern bleibt ihm niemand ubrig. Seine Freunde sind
todt. Thuren, die so manches glukliche Jahr her nie mit ihren
Schlossern bekannt worden, mussen nun gebraucht werden, ihren Herrn
vor dem Ungestum seiner Glaubiger sicher zu stellen. Das ist alles,
was er von seiner Freygebigkeit davon tragt!
(Er geht ab.)
Vierte Scene.
(Verwandelt sich in Timons Vorhaus.)
(Varro, Titus, Hortensius, Caphis, und andre Bediente von Timons
Glaubigern treten auf, um auf sein Ausgehen zu warten.)
Varro.
Treffen wir uns hier an? Guten Morgen, Titus und Hortensius.
Titus.
Ebenmassig, mein werther Varro.
Hortensius.
Caphis, sehen wir einander auch hier?
Caphis.
Ich denke wir haben alle einerley Verrichtung. Die meinige ist,
Geld zu fordern.
Titus.
Das ist die unsrige auch. (Philo zu den Vorigen.)
Caphis.
Da kommt auch Herr Philo.
Philo.
Guten Tag allerseits.
Caphis.
Willkommen, Bruder. Wie viel, denkt ihr, ist es an der Zeit?
Philo.
Nicht weit von neun Uhr.
Caphis.
Schon so viel?
Philo.
Hat sich Milord noch nicht sehen lassen?
Caphis.
Noch nicht.
Philo.
Das wundert mich, er pflegte sonst um sieben Uhr schon zu scheinen.
Caphis.
Ja, aber die Tage haben bey ihm abgenommen; ihr must bedenken, das
der Lauf eines Verschwenders dem Sonnenlauf gleich ist, aber ich
furchte mit dem Unterscheid, das er nicht wieder von vornen anfangt.
Es ist tiefster Winter in Timons Sekel; das ist, es mag einer tief
genug hinunter langen, und doch nicht viel finden.
Philo.
Das besorg' ich auch.
Titus.
Ihr konnt bey dieser Gelegenheit eine feine Beobachtung machen:
Euer Herr hat euch geschikt, den Timon um Geld anzufodern.
Hortensius.
So ist's.
Titus.
Und er tragt in diesem Augenblik Juweelen, die ihm Timon geschenkt
hat, wofur ich die Bezahlung fordern soll.
Hortensius.
Ich thue es ungern genug.
Caphis.
Das ist seltsam, das Timon mehr bezahlen soll, als er schuldig ist;
und es kommt eben so heraus, als ob euer Herr kostbare Kleinode
truge, und schikte um Geld dafur.
Hortensius.
Die Gotter sind meine Zeugen, das mich diese Verrichtung recht
sauer ankommt; ich weis, mein Herr hat dem Timon geholfen, sein
Vermogen durchzubringen; seine Undankbarkeit macht, das es izt
arger ist, als wenn er's ihm gestohlen hatte.
Varro.
Meine Forderung ist dreytausend Cronen; wie viel ist die eurige?
Caphis.
Funftausend.
Varro.
Das ist viel; aus der Summe sollte man schliessen, euer Herr habe
mehr Confidenz gehabt als der meinige, sonst hatt' dieser gewis
seine Fordrung eben so gros gemacht.* (Flaminius zu den Vorigen.)
Titus.
Hier kommt einer von Timons Leuten.
Caphis.
Flaminius! Herr, ein Wort; ich bitte euch, ist Milord noch nicht
fertig heraus zu kommen?
Flaminius.
Nein, in der That, er ist nicht.
Titus.
Wir warten auf Se. Gnaden, seyd so gut und sagt ihm das.
Flaminius.
Das hab ich nicht nothig ihm zu sagen, er kennt eure Aufwartsamkeit.
(Flavius, in einen Mantel eingehullt.)
Caphis.
Ha! Ist das nicht der Verwalter, der so vermummt ist? Er lauft wie
in einem Sturm davon; ruft ihn, ruft ihn.
Titus.
Hort ihr, Herr--
Varro.
Mit eurer Erlaubnis, Herr.
Flavius.
Was wollt ihr von mir, mein Freund?
Titus.
Wir warten hier wegen gewissen Geld-Summen, Herr.
Flavius.
Wenn euer Geld so gewis ware als euer Warten, so war' es sicher
genug. Warum wieset ihr denn eure Rechnungen und Schuld-
Verschreibungen nicht damals vor, als eure verrathrischen Herren
aus meines Herrn Schusseln assen? Damals konnten sie seine Schulden
anlacheln, und die Interessen in ihren heishungrigen Rachen
hinunter schluken. Ihr thut euch nur selbst Schaden, wenn ihr mich
aufreizet; last mich in Ruhe meines Wegs gehen. Glaubt mir, Milord
und ich sind fertig; ich habe nichts mehr zu rechnen, und er nichts
mehr auszugeben.
Caphis.
Schon recht, aber die Antwort dient nicht--
Flavius.
Wenn sie nicht dienen mag, so ist sie nicht so niedertrachtig als
ihr; denn ihr dient Schelmen.
(Er geht ab.)
Varro.
Wie? was brummt seine verwalterische Herrlichkeit?
Titus.
Last es gehen--er ist arm, und das ist Straffe genug. Wer darf sich
breiter machen, als einer der kein Haus hat, wo er seinen Kopf
hinein steken kan? Solche Leute durfen sich wol uber Palaste
aufhalten. (Servilius zu den Vorigen.)
Titus.
O, hier ist Servilius; nun werden wir doch eine Antwort kriegen.
Servilius.
Wenn ich euch bitten durfte, meine Herren, zu einer andern Zeit
wieder zu kommen, so wurdet ihr mir einen Gefallen thun. Denn bey
meiner Seele, Milord ist auf eine seltsame Art unmuthig; sein
leutseliges Wesen hat ihn ganz verlassen, er ist gar nicht wohl auf,
er hutet das Zimmer.
Caphis.
Manche huten das Zimmer, die nicht krank sind; und wenn es so ubel
mit seiner Gesundheit steht, so daucht mich, sollt' er seine
Schulden nur desto eher bezahlen, und sich einen offnen Weg zu den
Gottern machen.
Servilius.
Ihr gutigen Gotter!
Titus.
Das konnen wir fur keine Antwort nehmen.
Flaminius (hinter der Buhne.)
Servilius, helft--Milord, Milord! * Ein Wortspiel mit (Confidence),
welches im Englischen Zutrauen und Unverschamtheit heissen kan.
Funfte Scene.
(Timon lauft in der Wuth heraus.)
Timon.
Wie, ist mir nicht mehr erlaubt zu meiner Thur heraus zu gehen? Ich
bin immer frey gewesen, und soll nun mein Haus mein Kerker werden?
Mus mich die eisenherzige Grausamkeit der Menschen bis in den Plaz
verfolgen, wo ich ihnen Bankette gab?
Caphis.
Bring dein Gewerb' izt an, Titus.
Titus.
Gnadiger Herr, hier ist meine Obligation.
Caphis.
Hier ist die meinige.
Varro.
Und hier die meinige, Milord.
Philo und die Ubrigen.
Und hier die unsrige.
Timon.
Schlagt mich damit zu Boden--Spaltet mich bis an den Gurtel.
Caphis.
Aber, Milord--
Timon.
Schneid mein Herz in Stuke.
Titus.
Meine ist funfzig Talente.
Timon.
Rechne sie an meinem Blut ab.
Caphis.
Funftausend Cronen, Milord.
Timon.
Funftausend Tropfen zahlen das. Wie viel ist eure--und eure?
Varro.
Milord!--
Philo.
Milord!--
Timon.
Hier nehmt mich, zerreist mich, und die Gotter zerschmettern euch,
und die so euch geschikt haben!
(Er geht ab.)
Hortensius.
Bey meiner Treue, ich sehe, unsre Herren konnen ihre Kappen nach
ihrem Gelde werfen; diese Schulden konnen wohl verzweifelt genennt
werden, denn der sie bezahlen soll, ist wahnwizig.
(Sie gehen ab.)
(Timon und Flavius kommen zuruk.)
Timon.
Sie haben mich ganz ausser Athem gebracht, die Sclaven! Glaubiger!--
Teufel!
Flavius.
Mein theurer Herr--
Timon.
Wie, wenn ich es so machte?
Flavius.
Mein theurer Herr--
Timon.
So soll es seyn!--Mein Verwalter!
Flavius.
Hier, Milord.
Timon.
Du bist schnell da--Geh, lade alle meine Freunde ein, Lucius,
Lucullus, Sempronius, Alle! Ich will diesen Galgenschwengeln noch
einmal zu schmausen geben.
Flavius.
Ach, mein gutiger Herr, ihr sprecht in der Zerstreuung euers
Gemuths; es ist nicht einmal so viel ubrig, als zu einer massigen
Mahlzeit nothig ist.
Timon.
Bekummre dich nicht um das; geh' und lade sie alle ein, las die
Fluth von Schelmen noch einmal herein; mein Koch und ich wollen
schon davor sorgen.
Sechste Scene.
(Verwandelt sich in das Rath-Haus.)
(Die Senatoren und Alcibiades.)
1. Senator.
Milord, ihr habt meine Stimme dazu, das Verbrechen ist blutig, er
mus dafur sterben; nichts muntert die Sunden mehr auf als
Barmherzigkeit.
2. Senator.
Sehr richtig; das Gesez mus sie zerschmettern.
Alcibiades.
Heil, Ehre und Mitleiden dem Senat!
1. Senator.
Nun, Feldherr--
Alcibiades.
Ich komme, Euern Herrlichkeiten eine demuthige Bitte vorzutragen.
Mitleiden ist der echte Geist der Geseze, und nur Tyrannen machen
einen grausamen Gebrauch davon. Zeit und Ungluk verfolgen einen von
meinen Freunden, der in der Hize seines Blutes in das Gesez
gefallen ist, welches fur diejenige, die unvorsichtiger Weise
hineinplatschern, eine bodenlose Tieffe zu seyn pflegt. Er ist,
dieses Vergehen bey Seite gesezt, ein Mann von Ehre und Tugend, und
dieses kauft seinen Fehler los. Auch ist seine That mit keiner
Niedertrachtigkeit beflekt; sondern mit einer edeln Wuth und einem
ruhmwurdigen Stolz sezt' er sich seinem Feind, der seiner Ehre eine
todtliche Wunde beygebracht hatte, entgegen; nachdem er lange genug
seinen Zorn zuruk gehalten, und sich mit einem so gemassigten Eifer
vertheidigt hatte, als ob er nur einen academischen Saz behauptete.
1. Senator.
Ihr ubernehmt etwas allzu anstosiges, indem ihr euch so viele Muhe
gebt, einer haslichen That einen schonen Anstrich zu geben; ihr
habt nicht anders gesprochen, als ob ihr im Sinn hattet, den
Menschen-Mord in Schwang zu bringen, und Schlagereyen auf Rechnung
der Dapferkeit zu sezen, die doch blos von einer unachten
Dapferkeit ihren Ursprung haben, und in die Welt kamen, eh noch
burgerliche Geseze den neugebohrnen Factionen und Zerruttungen
Einhalt gethan hatten. Der ist wahrhaftig dapfer, der das argste,
was ein Mensch athmen kan, weislich ertragt; und, anstatt
Beleidigungen bis zu seinem Herzen dringen, und es in gefahrliches
Feuer sezen zu lassen, sie fur Kletten ansieht, die nur an seinen
Kleidern hangen bleiben --
Alcibiades.
Milord--
1. Senator.
Ihr konnt schwarze Verbrechen nicht weis waschen; Nicht Rache,
sondern Geduld ist Tapferkeit.
Alcibiades.
So vergebet mir dann, gnadige Herren, wenn ich wie ein Soldat
spreche. Warum sind denn die Leute so albern und wagen ihr Leben in
einem Treffen? Und warum erdulden sie nicht lieber alle Drohungen
des Feindes, schlaffen ruhig dabey ein, und lassen sich von den
Feinden, ohne Wiederstand, die Halse abschneiden? Wenn im Erdulden
eine so grosse Tapferkeit ist, was machen wir im Felde? So sind
also unleugbar die Weiber, die zu Hause bleiben, tapfrer als wir;
so ist der Esel dapfrer als der Lowe; ja ein Kerl der eine Last von
Eisen auf dem Ruken tragt, ist weiser dann ein Rathsherr, wenn im
Tragen Weisheit ligt. O, Milords, wie ihr gros seyd, so seyd auch
gutig und mitleidig; wer kan nicht bey kaltem Blut das Vergehen
eines heissen Bluts verdammen? Morden, ich gesteh es, ist das
schwerste Verbrechen; aber zu seiner Vertheidigung--Bey allem was
billig ist, dieses macht es gerecht. Sich seinem Zorn uberlassen,
ist Sunde; aber wo ist der Mann, der nicht zornig werden kan? Wagt
das Verbrechen nur nach diesem ab.
2. Senator.
Du verschwendest deinen Athem umsonst.
Alcibiades.
Umsonst? Die Dienste, die er zu Byzanz und Lacedamon geleistet,
sollten allein vermogend seyn, seine Begnadigung zu erbitten.
1. Senator.
Was ist das?
Alcibiades.
Ich sage, Milords, er hat gute Dienste gethan, und in der Schlacht
manchen von euern Feinden erschlagen. Wie dapfer hielt er sich nur
in dem lezten Treffen, und was fur ergiebige Wunden macht' er nicht!
2. Senator.
Er ist ein vollkommen luderlicher Mensch; er hat noch eine andre
bose Gewohnheit, die seine Dapferkeit oft in Wein ertrankt; wenn
gleich keine Feinde waren, so ware das allein genug, ihn zu
ubermannen. Man weis, das er in dergleichen viehischer Raserey die
grosten Ausschweiffungen begangen, und Tumult angefangen hat. Es
ist uns geklagt worden, seine Tage seyen unnuze, und seine im Trunk
verbrausende Nachte gefahrlich.
1. Senator.
Er mus sterben.
Alcibiades.
Hartes Schiksal! Er hatt' im Kriege sterben konnen. Milords, wenn
euch seine eigne Verdienste nicht bewegen konnen, (obgleich sein
rechter Arm seine Sache gut machen sollte, ohne jemand anderm etwas
schuldig zu werden) so nehmt meine Verdienste zu den seinigen; und
da ich weis, das euer ehrwurdiges Alter Sicherheit liebt, will ich
euch meine Siege, meine Ehrenzeichen zum Pfand seiner Besserung
geben. Wenn er dieses Verbrechens halben sein Leben dem Gesez
schuldig ist, so last ihn's im Krieg auf eine dapfre Art in Wunden
ausstromen; wenn das Gesez scharf ist, so ist es der Krieg nicht
weniger.
1. Senator.
Wir sind um des Gesezes willen da, er stirbt, treib es nicht weiter,
bey den strengsten Folgen unsers Misvergnugens; Freund oder Bruder,
wer eines andern Blut vergiest, macht sich seines eignen verlustig.
Alcibiades.
Mus es denn seyn? Es mus nicht seyn; Milords, ich bitte euch,
miskennt mich nicht.
2. Senator.
Wie?
Alcibiades.
Erinnert euch meiner!
3. Senator.
Was?--
Alcibiades.
Ich kan nicht anders als denken, euer Alter mus mich vergessen
haben; es ware sonst unmoglich, das ich so verachtlich in euern
Augen seyn sollte, um eine so gemeine Gnade zu bitten, und
abgewiesen zu werden. Meine Wunden schmerzen mich um euertwillen.
1. Senator.
Trozt ihr unserm Zorn--er braucht wenig Worte, aber die Wurkung
reicht weit--Wir verbannen dich auf ewig.
Alcibiades.
Mich verbannen? Verbannt euern Aberwiz, verbannt den Wucher, die
den Senat verachtenswurdig machen!
1. Senator.
Wenn nach zween Tagen Athen dich noch enthalt, so erwart' unser
strengeres Urtheil. Und damit dein unmachtiger Stolz noch mehr
aufschwelle, soll er diesen Augenblik hingerichtet werden.
(Sie gehen ab.)
Alcibiades.
Die Gotter lassen euch alt genug werden, das ihr nur noch in
Knochen lebet, und euer Anblik alle Welt verscheuche! Ich bin mehr
als unsinnig; ich habe ihre Feinde von ihnen entfernt gehalten,
indessen das sie ihr Geld gezahlt, und auf Wucher ausgeliehen haben;
Wunden sind mein ganzer Gewinn dabey--Und alles das fur dis? Ist
das der Balsam, den der filzichte Senat in eines Feldherrn Wunden
giest? Ha! Verbannung! Doch es kommt nicht ungelegen; ich bin es
zufrieden, verbannt zu seyn; es ist mir eine gerechte Ursache,
Athen meine Wuth empfinden zu lassen. Ich will meine misvergnugten
Truppen aufmuntern, und alles aufs Spiel sezen. Es ist Ehre
einzulegen, wenn man es mit einer uberlegnen Anzahl aufnimmt.
Soldaten schluken so wenig eine Beleidigung ein, als die Gotter.
(Er geht ab.)
Siebende Scene.
(Verwandelt sich in Timons Haus.)
(Verschiedene Senatoren treten durch verschiedne Thuren auf.)
1. Senator.
Guten Tag, mein Herr.
2. Senator.
Ebenfalls; ich denke dieser wurdige Edelmann sezte uns lezthin nur
auf die Probe.
1. Senator.
Ich dachte nur eben auch daran. Ich hoffe, es steht nicht so
schlimm mit ihm, als er vorgab, wie er seine Freunde auf die Probe
sezte.
2. Senator.
Es sollte nicht seyn, wenn man von diesem neuen Banket schliessen
darf.
1. Senator.
Ich kan nicht anders denken; er hat mir eine ernstliche Einladung
zugesandt, die ich wegen vieler nothwendiger Geschafte gerne
abgelehnt hatte; allein, er hat mich so anhaltend bitten lassen,
das ich kommen muste.
2. Senator.
Ich befand mich in gleichen Umstanden, allein er wollte keine
Entschuldigung gelten lassen. Es ist mir leid, das ich nicht
versehen war, wie er um Geld zu mir schikte.
1. Senator.
Es verdriest mich fur meinen Theil nicht weniger, da ich nun merke,
wie die Sachen stehen.
2. Senator.
Es ist keiner hier, dem es nicht eben so ist, wie uns. Wie viel
wollt' er von euch entlehnen?
1. Senator.
Funfzig Talente.
2. Senator.
Funfzig Talente?
1. Senator.
Wie viel von euch?
2. Senator.
Er schikte zu mir--Hier kommt er. (Timon tritt mit seinem Gefolg
auf.)
Timon.
Von Herzen willkommen, meine Herren beyderseits--und wie steht es?
1. Senator.
Aufs allerbeste, da wir gute Zeitungen von Eu. Gnaden horen.
2. Senator.
Die Schwalbe folgt dem Sommer nicht williger, als wir Eu. Gnaden.
Timon (bey Seite.)
Und verlast den Winter nicht lieber; solche Sommer-Vogel sind die
Menschen--Meine Herren, unsre Mahlzeit wird nicht werth seyn, das
wir so lange drauf warten; Tractirt indessen eure Ohren mit der
Musik, wenn Trompeten-Schall nicht eine zu harte Speise fur sie ist;
wir werden uns gleich sezen konnen.
1. Senator.
Ich hoffe Euer Gnaden werde keinen Unwillen gefast haben, das ich
euch einen leeren Boten zurukgeschikt habe.
Timon.
O mein Herr, last euch das nicht beunruhigen.
2. Senator.
Mein edler Lord--
Timon.
Ah, mein guter Freund, wie gehts?
(Das Essen wird aufgetragen.)
2. Senator.
Mein hochgeehrtester Herr, ich bin ganz krank vor Schaam, das ich
so ein ungluklicher Bettler war, als Euer Gnaden neulich zu mir
schikte.
Timon.
Denkt nicht an das, mein Herr.
2. Senator.
Hattet ihr nur zwo Stunden eher geschikt--
Timon.
Last euch das nicht von angenehmern Erinnerungen abhalten--He,
stellt alles zugleich auf!
2. Senator (zum Ersten.)
Lauter bedekte Schusseln?
1. Senator.
Ein Konigliches Tractament, ich steh' euch dafur.
3. Senator.
Daran ist kein Zweifel, was Geld und die Jahrszeit aufbringen
konnen.
1. Senator.
Wie befindet ihr euch? Was giebt's Neues?
2. Senator.
Alcibiades ist aus der Stadt verwiesen worden.
1. Senator.
Alcibiades verwiesen?
3. Senator.
Es ist nichts gewissers.
1. Senator.
Wie das? wie das?
2. Senator.
Ich bitte euch, weswegen?
Timon.
Meine wurdigen Freunde, wollt ihr nicht naher kommen?
3. Senator.
Ich will's euch sogleich sagen--Wir haben ein prachtiges Gastmahl
vor uns.
2. Senator.
Er ist noch immer der vorige Mann.
3. Senator.
Wird es dauern? wird es dauern?
2. Senator.
Es wird, wenn Zeit und Gluk will, und so--
3. Senator.
Ich versteh euch.
Timon.
Ein jeder nehme seinen Plaz, so begierig, als ob er an die Lippen
seiner Liebsten wollte; ihr werdet an allen Plazen gleich gehalten
werden. Macht nicht eine Stadt-Gasterey daraus, und last das Essen
kalt werden, eh man einig werden kan, wer zu oberst sizen soll.
Sezt euch, sezt euch! Die Gotter fordern unsern Dank: "Ihr grossen
Wohlthater, besprengt unsre Gesellschaft mit Dankbarkeit. Macht,
das ihr fur eure Gaben gepriesen werdet; aber behaltet immer etwas,
das ihr geben konnt, sonst mochten Eure Gottheiten in Verachtung
gerathen. Leihet einem jeden genug, damit keiner nothig habe dem
andern zu leihen; denn wenn Eure Gottheiten selbst dazu kamen, das
sie von Menschen entlehnen musten, so wurden die Menschen Atheisten
seyn. Macht die Mahlzeit beliebter, als den der sie giebt. Last
keine Versammlung von funfzehn ohne eine Mandel Bosewichter seyn.
Wenn zwolf Weiber an einem Tisch sizen, so last ein Duzend von
ihnen seyn--was sie sind--den Rest eurer Feinde, o ihr Gotter, die
Senatoren von Athen, nebst der Grund-Suppe des ubrigen Volks,
zahlet, ihr Gotter, dem Verderben zu. Was diese meine Freunde
betrift--So, wie sie fur mich Nichts sind, so segnet sie auch mit
Nichts, und zu Nichts sind sie mir willkommen."
(Man dekt auf, und alle Schusseln sind mit Hunden von verschiedner
Gattung angefullt.)
Etliche von den Gasten.
Was meynen Se. Gnaden damit?
Andre.
Das weis ich nicht.
Timon.
Das ihr nie keine bessere Mahlzeit sehet, ihr Maul-Freunde; Dampf
und laues Wasser ist euer vollkommnes Ebenbild. Das ist Timons Leze.
Lebt lang, und von aller Welt verabscheut, ihr glatten, lachelnden,
verwunschten Schmarozer, ihr liebkosenden Zerstorer,
schmeichlerische Wolfe, zahme Baren, ihr Gluks-Narren, Teller-Leker,
und Fleisch-Fliegen, ihr Kopf- und Kniebeugenden Sclaven, das alle
ungezahlten Krankheiten von Menschen und Vieh euch in diesem
Augenblik uberdeken! Wo gehst du hin! Sachte, nimm erst deine
Arzney ein--du auch--und du --
(Er wirft die Teller nach ihnen, und jagt sie hinaus.)
Halt, ich will dir Geld leihen, ich will keines borgen. Wie? Alle
in Bewegung? Von nun an sey kein Gastmahl, wo ein Bosewicht nicht
willkommen sey! Brenn' auf den Grund ab, Haus; sink', Athen; und
Timon hasse von nun an den Menschen, und alles was menschlich ist!
(Geht ab.)
(Die Senatoren kommen zuruk.)
1. Senator.
Wie gefallt euch das, Milords?
2. Senator.
Kennt ihr die Beschaffenheit von Lord Timons Wuth?
3. Senator.
Zum Henker, habt ihr meine Muze nicht gesehen?
4. Senator.
Ich habe meinen Oberrok verlohren.
1. Senator.
Lord Timon ist nichts bessers als ein Narr, er last sich lediglich
durch die Laune regieren. Lezthin schenkt' er mir ein Kleinod, und
nun hat er mir's von meiner Muze abgeworfen. Seht ihr mein Kleinod
nicht?
2. Senator.
Habt ihr meine Muze nicht gesehen?
3. Senator.
Hier ist sie.
4. Senator.
Hier ligt mein Rok.
1. Senator.
Wir wollen uns nicht langer aufhalten.
2. Senator.
Lord Timon ist verrukt.
3. Senator.
Das fuhl ich an meinen Beinen.
4. Senator.
Den einen Tag giebt er uns Diamanten, und den andern Steine.
(Sie gehen ab.)
Vierter Aufzug.
Erste Scene.
(Ein Plaz ausser den Mauern von Athen.)
(Timon tritt auf.)
Timon.
Last mich noch einmal nach euch zuruksehen, o ihr Mauern, die diese
Wolfe umzingeln! Versink' in den Erdboden, Athen! ihr vermahlten
Frauen, werdet unkeusch! ihr Kinder emport euch wider eure Eltern,
und Sclaven und wahnwizige mogen den ehrwurdigen grauen Senat von
seinen Banken reissen, und an ihrer Stelle den Staat regieren! Gieb
dich der allgemeinen Unzucht Preis, unreiffe Jungferschaft, thut es
vor euerer Eltern Augen! haltet fest, ihr Bankerotierer; eh ihr den
Ruken kehret, die Messer heraus, und schneidet euern Glaubigern die
Kehlen ab! Stehlt, ihr Sclaven; euere ehrsamen Herren sind nur
Diebe mit langern Handen, und stehlen unter dem Schuz der Geseze.
In deines Herrn Bette, Madchen; deine Frau ist im Bordell.
Sechszehnjahriger Sohn, reis deinem alten hinkenden Vater die Kruke
aus der Hand, und schlag ihm damit das Hirn aus! Furcht und
Mitleiden, Scheu vor den Gottern, Friede, Gerechtigkeit, Wahrheit,
hausliche Zucht, Nacht-Ruhe, Nachbarschaft, Unterricht, Sitten,
Religions-Gebrauche, Unterschied der Stande, Herkommen,
Gewohnheiten und Geseze, artet in euer zerruttendes Gegentheil aus,
und nichts als die Zerruttung bestehe!--Ihr Plagen alle, deren der
Mensch fahig ist, hauffet eure gahrenden anstekenden Fieber uber
Athen zusammen; es ist reif zum Untergang! Du kalte Gicht, mach'
unsre Rathsherren zu Kruppeln, damit ihre Glieder so lahm seyn
mogen als ihre Auffuhrung! Zaumlose Ueppigkeit und wilde Frechheit
kriech in die Herzen und in das Mark unsrer Jugend, das sie dem
Strom der Tugend entgegen arbeiten, und sich selbst in
Ruchlosigkeit ertranken! Kraze und Eyterbeulen uberdeken jeden
Atheniensischen Busen, und ihr Kropf sey lauter Aussaz; ein Athem
steke den andern an, damit ihre Gesellschaft (wie ihre
Freundschaft) durch und durch vergiftet sey. Nichts will ich aus
dir hinaustragen als Naktheit, du abscheuliche Stadt! Nimm noch,
mit vervielfachten Fluchen, diese Versicherung: Timon will in den
Wald, wo er die wildesten Thiere milder als den Menschen finden
wird. Die Gotter verderben (o hort mich, ihr guten Gotter alle!)
die Athenienser inner- und ausserhalb ihrer Mauern, und verleihen,
das mit jedem Tage seines Lebens Timons Has gegen das ganze
Geschlecht der Menschen wachse!
(Geht ab.)
Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in Timons Haus.)
(Flavius mit zween oder dreyen Bedienten.)
1. Bedienter.
Hort ihr, guter Herr Verwalter, wo ist unser Herr? Sind wir
verdorben, ist alles aus, ist nichts ubrig?
Flavius.
Ach, meine lieben Cameraden, was soll ich euch sagen? So wahr als
ich wunsche, das die wohlthatigen Gotter sich meiner erinnern, ich
bin so arm als ihr.
1. Bedienter.
Das ein solches Haus gebrochen, ein so edler Herr gefallen seyn
soll! Alles hin! und nicht ein einziger Freund, der ihm in seinem
Ungluk unter die Arme greiffe?
2. Bedienter.
Wie wir uns von einem Bekannten wegwenden, der in sein Grab gesenkt
worden, so schleichen seine Freunde von seinem begrabnen Gluksstand
alle hinweg, hinterlassen ihm ihre treulosen Schwure und
Versprechungen; und er selbst, ein dem freyen Himmel preisgegebner
Bettler, mit einem Uebel das alle Welt von ihm scheucht, mit
Durftigkeit behaftet, geht, bleibt, gleich der Verachtung, allein.--
Noch mehr von unsern Cameraden. (Es treten noch einige Bediente auf.)
Flavius.
Lauter zerbrochnes Gerathe eines zerstorten Hauses!
3. Bedienter.
Doch tragen unsre Herzen noch Timons Liverey, das seh' ich in euer
aller Gesicht. Wir sind noch alle Cameraden, die, da sie ihrem
Herrn sonst nichts mehr dienen konnen, ihre Treu durch ihren Kummer
zeigen. Unsre Barke ist lek, und wir armen Tropfen stehen auf dem
sinkenden Verdek, und horen die Wellen drauen; wir mussen alle in
dem Meer der weiten Luft, jeder so gut er kan, seine Rettung suchen.
Flavius.
Meine guten Cameraden, ich will das ausserste meines Vermogens mit
euch theilen. Wo wir uns jemals wieder antreffen, wollen wir, um
Timons willen, immer gute Freunde seyn, unsre Kopfe schutteln, und
sagen: Wir haben bessere Tage gesehen. Jeder nehme seinen Antheil;
nein, streket alle eure Hande aus--Kein Wort mehr --
(Er giebt ihnen Geld, sie umarmen einander und scheiden, der eine
diesen, der andre einen andern Weg.)
Wer wollte sich Reichthum wunschen, wenn Reichthum in Elend und
Verachtung aufhort? Wer wollte (nach diesem Beyspiel,) sich durch
einen Traum von schimmerndem Gluk und Freundschaft tauschen lassen?
Durch ein Geprange von Herrlichkeit und Wohlleben, aber alles nur
gemahlt, wie diese gefirnisten Freunde! Mein armer redlicher Herr!
durch sein eignes gutes Herz so weit herunter gebracht! Durch Gute
zu Grunde gerichtet! Wie seltsam, das zuviel Gute eines Menschen
groste Sunde seyn soll! Unbegranzte Gute macht Gotter, und verderbt
Menschen--Mein theurester Herr, einst so gluklich um desto elender,
so reich um desto durftiger zu seyn; dein grosser Wohlstand ist die
Gelegenheit zu deinen grosten Widerwartigkeiten worden! Ach! der
gutige Herr! Er ist in Wuth aus dem undankbaren Siz unnaturlicher
Freunde geflohen, und hat nichts mit sich genommen, was sein Leben
unterhalten, oder diesen Unterhalt verschaffen kan. Ich will ihm
folgen und ihn aufsuchen; ich will ihm um seines Herzens willen
immer mit bestem Willen dienen, und, so lang ich Gold habe, immer
sein Verwalter bleiben.
(Er geht ab.)
Dritte Scene.
(Der Wald.)
(Timon tritt auf.)
Timon.
O Sonne, Quelle der segensvollesten Einflusse, ziehe faule Dunste
aus der Erde, und vergifte die Luft unter deiner Schwester Kreis--
Zwillings-Bruder, zugleich gezeugt, von einer Mutter gebohren und
gesaugt, sind im Gluke getheilt. Der Grossere verschmaht den
Kleinern. Die menschliche Natur selbst, sie, die von so unzahlbaren
Uebeln belagert wird, kan zu keinem grossen Gluke kommen, ohne sich
ihrer selbst zu schamen. Erhebt mir diesen Bettler und zieht mir
diesen Lord aus, so wird der Lord so verachtet seyn, als ob er zum
Bettler gebohren worden ware, und der Bettler geehrt werden, als ob
er kein gebohrner Bettler ware. Es ist die Weide, die des Widders
Seiten spikt, und der Mangel, der ihn mager macht. Wo ist der, dem
die Aufrichtigkeit seiner eignen unverfalschten Seele den Muth
giebt aufzustehen, und zu sagen: Dieser Mann ist ein Schmeichler?
Wenn einer es ist, sind es alle; denn jede Stuffe des Gluks findt
ihre Schmeichler eine Stuffe niedriger; der gelehrte Kopf bukt sich
vor dem goldnen Narren; alles ist krumm, es ist nichts gerades in
unsrer verfluchten Natur, als unverbesserliche Buberey. So sey dann
alle Gesellschaft und alle Gemeinschaft mit Menschen von mir
verabscheut! Alle von seiner Gattung, ja sich selbst hasset Timon.
Verderben uber das ganze Menschen-Geschlecht!--Erde, gieb mir
Wurzeln.
(Er grabt die Erde auf.)
Wer etwas bessers von dir begehrt, dem wurze den Rachen mit deinem
wurksamsten Gifte!--Was ist hier! Gold! gelbes, blinkendes, feines
Gold? Nein, ihr Gotter, das verlangt' ich nicht von euch; Wurzeln,
gutiger Himmel! Nur so viel von diesem hier ist genug, weis,
schwarz; schon, haslich; unrecht, recht; niedertrachtig, edel; ein
altes Gesicht, jung; und eine feige Memme, tapfer zu machen. Ihr
Gotter, wozu das? warum das? Ihr Gotter! wie, das kan eure Priester
von eurer Seite loken, und Leute mit frischem Herzen ins Grab
befordern; dieser gelbe Sclave kan geheiligte Bundnisse
zusammenkutten und auflosen; dem Verfluchten Segnungen, und dem
grindigen Aussaz Anbetung zuziehen; Diebe zu Ehrenstellen erheben
und ihnen neben den Senatoren, Titel, Kniebeugungen und Beyfall
geben: Dis ist's, was die bekummerte Wittwe wieder freyen macht,
und was einer von Geschwuren und Krebsschaden zerfressenen
Candidatin des Siechenhauses, durch seine balsamische Kraft die
frische Anmuth der Jugendbluthe wieder giebt. Komm, du verdammte
Erde, du gemeine Meze des menschlichen Geschlechts, die so viel
Lermens unter der Rotte der Nationen macht--
(Man hort von fern einen Marsch.)
Ha, eine Trummel--Du bist sehr lebendig, aber ich will dich doch
begraben; wenn deine podagrische Besizer nicht mehr stehen, kanst
du noch davon lauffen--Doch nein, bleib noch ein wenig da, ich will
dich fur Handgeld gebrauchen.
(Er stekt eine Anzahl Goldstuke zu sich.)
Vierte Scene.
(Alcibiades zieht auf eine kriegrische Weise mit Trummel und
Pfeiffen auf; und Phrynia und Timandra.)
Alcibiades.
Wer bist du hier? Sprich!
Timon.
Eine Bestie, wie du bist. Das der Krebs dein Herz dafur durchfresse,
das du mir wieder ein menschliches Gesicht zu sehen giebst!
Alcibiades.
Wie ist dein Name? Ist der Mensch dir so verhast, und du bist
selbst ein Mensch?
Timon.
Ich bin Misanthropos, und hasse das menschliche Geschlecht. Was
dich betrift, so wunscht' ich, du war'st ein Hund, damit ich dich
ein wenig lieben konnte.
Alcibiades.
Ich kenne dich wol; aber was fur Unfalle dir zugestossen seyn
mussen, davon weis ich nichts.
Timon.
Ich kenne dich auch, und verlange nicht mehr von dir zu wissen, als
ich weis; zieh deiner Trummel nach, farbe den Boden mit Menschen-
Blut; roth, roth;--Religions-Gebrauche, burgerliche Geseze sind
grausam, was soll dann der Krieg seyn? Diese faule Meze hier hat
mit allen ihren Cherubin-Bliken mehr Zerstorung in sich als dein
Schwerdt.
Phrynia.
Das dir die Lippen verfaulen!
Timon.
Das konnte nur begegnen wenn ich dich kuste, und das will ich nicht.
Alcibiades.
Wie kam der edle Timon zu diesem Wechsel?
Timon.
Wie der Mond, weil er kein Licht mehr zu geben hatte; aber ich
konnte mich nicht wieder erneuern wie der Mond, denn es waren keine
Sonnen da, von denen ich hatte borgen konnen.
Alcibiades.
Edler Timon, was fur Freundschaft kan ich dir erweisen?
Timon.
Keine, als mich in meiner Meynung zu bestarken.
Alcibiades.
Was ist diese, Timon?
Timon.
Mir Freundschaft zu versprechen, und keine zu halten. Wenn du mir
keine versprechen willst, so verderben dich die Gotter! denn du
bist ein Mensch; und wenn du sie haltst, so sollen sie dich
gleichfalls verderben, denn du bist ein Mensch.
Alcibiades.
Es sind mir einige verworrne Nachrichten von deinen Ungluksfallen
zu Ohren gekommen.
Timon.
Du sahst sie, wie ich im Wohlstand sas.
Alcibiades.
Ich seh sie izt, damals war eine glukliche Zeit.
Timon.
Wie die deinige izt ist, zwischen einem Paar Mezen.
Timandra.
Ist das der allgemeine Liebling von Athen, von dem die Welt so viel
ruhmliches sagte?
Timon.
Bist du Timandra?
Timandra.
Ja.
Timon.
Bleib immer eine Hure; die lieben dich nicht, die dich gebrauchen;
hang ihnen Krankheiten an, wenn sie ihre Lust mit dir gebust haben;
mach einen guten Gebrauch von deinen bittern Stunden, bringe die
Sclaven zu Schwiz-Kasten und Badern, bring die rosenwangichte
Jugend zur Hunger-Cur*, und zur Diat.
{ed.-* (Tub-Fast), (Tonne-Fasten) im Englischen. Der Autor zielt auf
die Venerische Seuche und ihre Wurkungen. Die Cur derselben wurde
in damaligen Zeiten entweder durch (Guaiacum), oder Mercurialische
Salben gemacht; und in beyden Fallen wurde der Patient sehr warm
und eingesperrt gehalten; das erste, damit der Schweis befordert
werde; und das andre, damit er sich nicht wieder erkalte, welches
gefahrlich war. Das Regimen beym Gebrauch des (Guaiacum), oder
(Lignum Sanctum) (sagt Dr. Friend in seiner Geschichte der Arzney-
Kunst, 2. Theil, S. 380.) war anfangs mit ausserordentlichen
Umstanden begleitet, und so strenge, das der Patient in ein enges
dunkles Loch gesperrt wurde, damit er desto besser schwizen mochte;
und durch diese Veranstaltung wurde, wie sich Fallopius ausdrukt,
der ganze Mensch bis auf die Knochen selbst durchgebeizt. Wisemann
sagt, in England habe man sich zu diesem Zwek, anstatt der
anderwarts ublichen Keller, Bak-Ofen, u. d. gl. einer Tonne bedient.
Was die Unction betrift, so wurde sie zuweilen sieben und dreysig
Tage fortgesezt, wie er S. 375. bemerkt, und wahrend dieser ganzen
Zeit war eine ausserordentliche Abstinenz nothwendig. Daher dann
das Wort (Tub-Fast.) Warburton. ** Ein Provinzial-Wort fur das
Englische (Slut), fur welches dem Uebersezer kein hochdeutsches
Wort bekannt ist.}
Timandra.
An den Galgen, du Ungeheuer.
Alcibiades.
Vergieb, meine liebe Timandra, seine Wiederwartigkeiten haben
seinen Verstand uberwaltiget. Ich habe nur wenig Geld ubrig, wakrer
Timon, und der Mangel daran verursacht taglichen Aufruhr unter
meiner abgemergelten Kriegs-Schaar. Ich horte mit Bekummernis, wie
das verfluchte Athen, deiner Verdienste uneingedenk, und
undankbarlich der Zeit vergessend, da sie ohne dein Schwerdt und
deine Reichthumer, von ihren Nachbarn mit Fussen zertreten worden
waren --
Timon.
Ich bitte dich, las deine Trummel ruhren, und geh' deines Wegs.
Alcibiades.
Ich bin dein Freund, und habe Mitleiden mit dir, mein liebster
Timon.
Timon.
Wie kanst du Mitleiden mit dem haben, den du beunruhigest; ich
wollte lieber allein seyn.
Alcibiades.
Nun, so fahr wohl; hier hast du Gold.
Timon.
Behalt es, ich kan es nicht essen.
Alcibiades.
Wenn ich das stolze Athen in einen Steinhauffen umgekehrt habe --
Timon.
Ziehst du gegen Athen?
Alcibiades.
Ja, Timon, und aus einer gerechten Ursache.
Timon.
Die Gotter verderben sie alle durch deine Hand, und wenn du sie
vernichtet hast, dich auch!
Alcibiades.
Warum mich, Timon?
Timon.
Weil du gebohren wardst, durch Ermordung von Bosewichtern mein
Vaterland zu Grunde zu richten. Lies dein Gold wieder auf. Geh
weiter, hier ist noch mehr Gold, geh; sey wie eine Planetarische
Seuche, wenn Jupiter uber irgendeine lastervolle Stadt sein Gift in
die sieche Luft aushangt; las dein Schwerdt nicht einen einzigen
uberspringen; schone dem ehrwurdigen Greis nicht um seines weissen
Barts willen, er ist ein Wucherer; schlage die Ehefrau nieder, ihr
Kleid allein ist ehrlich, sie ist eine Kupplerin. Las nicht die
jungfrauliche Wange dein schneidendes Schwerdt stumpf machen;
schone dieses milchweissen Busens nicht, der unter dem glasernen
Flor zu den Augen der Manner emporschwillt, er ist ein schandlicher
Verrather. Schone nicht des Sauglings, dessen kindisches Lacheln
Narren zur Erbarmung zwingt; denk es ist ein Bastard, von dem ein
dunkles Orakel vorhergesagt hat, das er dir die Kehle abschneiden
soll, und zerhak' ihn ohne Bedenklichkeit. Verschwore dich wider
jeden Gegenstand, der dein Herz erweichen konnte; leg' eine Rustung
um deine Ohren und deine Augen, deren Stahlung weder das Heulen der
Mutter, das Geschrey der Jungfrauen, und das Wimmern der Kinder;
noch der Anblik von Priestern, deren Blut uber ihre heiligen
Kleider herab stromt, nur um eine Nadelspize durchdringen moge.
Hier ist Gold, deine Soldaten zu bezahlen. Verbreite Verderben um
dich her, geh', und wenn du deine Wuth ausgelassen hast, so verdirb
selbst! Antworte nicht, geh!
Alcibiades.
Hast du noch Gold? Ich nehme das Gold an, das du mir giebst, und
lasse dir deinen Rath.
Timon.
Du folgest ihm oder nicht, so falle der Fluch des Himmels auf dich!
Timandra, Phrynia.
Gieb uns auch etwas Gold, guter Timon; hast du noch mehr?
Timon.
Genug, um zu machen das eine Hure ihr Handwerk verschwore und eine--
Kupplerin werde. Hebt auf, ihr Schlutten**, die Schurze auf! Ihr
seyd nicht eydfahig, ob ich gleich weis, das ihr schworen wurdet;
schworen, das die unsterblichen Gotter die euch horen, vor Entsezen
schaudern musten. Spart eure Schwure, ich will euerm blossen
Versprechen glauben. Bleibt immer Huren, und dem, dessen frommer
Zuspruch euch bekehren will, dem macht es dreymal arger als den
ubrigen; kodert ihn an, brennt ihn bis auf die Knochen; last nicht
eher von ihm ab, bis euer Feuer uber seinem Rauch Meister wird;
doch sollt ihr dafur alle Jahre sechs Monate eine ganz
entgegengesezte Muhe haben. Sezt euch falsche Haare an, und dekt
eure arme dunne Schadel mit Aufsazen von Todten (wenn schon einige
davon gehangen sind, das hindert nichts); tragt sie, betrugt damit,
und h** immer auf ihren Credit hin; schminkt euch, bis ein Pferd in
euerm Gesicht steken bleiben mochte; der Henker hole die Runzeln!
Beyde.
Gut, gut, nur mehr Gold; glaubt uns, um Gold thun wir was ihr nur
wollt.
Timon.
Saet Auszehrung in ihre marklosen Knochen, lahmet ihre dunnen Beine,
und dampfet den mannlichen Trieb. Brecht die Stimme des Advocaten,
das er untuchtig werde schlimme Sachen zu fuhren, und Rabulisten-
Streiche durch sein Geschrey gut zu machen; stekt den Priester an,
der wider die Triebe des Fleisches eifert und sich selbst nicht
glaubt; herab mit der Nase, platt ab, nehmt ihm den Nasenknorpel
ohne Verschonen, der, seinen Privat-Nuzen ausser Gefahr zu sezen,
das gemeine Beste aufopfert. Macht krauskopfichte Spizbuben kahl,
und last auch die jungen Eisenfresser nicht leer ausgehen, die mit
ihren grossen Thaten pralen, und nur nicht eine Narbe davon
aufzuweisen haben. Verpestet alle Welt, und ruhet nicht, bis ihr
die Quelle der Vermehrung selbst ganzlich verstopft und
ausgetroknet habt.--Hier ist mehr Gold fur euch, bringt alle andre
ins Verderben, dann verfaulet selbst und Misthauffen mogen euer
aller Grab seyn.
Beyde.
Mehr Rath und mehr Geld, guter Timon.
Timon.
Ihr mustet es erst besser verdienen; ihr habt nun euer Handgeld.
Alcibiades.
Ruhrt die Trummel, und gegen Athen zu. Lebe wohl, Timon, wenn es
mir gelungen seyn wird, will ich dich wieder besuchen.
Timon.
Wenn mich die Hoffnung nicht betrugt, werd ich dich nicht mehr
sehen.
Alcibiades.
Ich that dir nie was zu leide.
Timon.
Ja, du redtest Gutes von mir.
Alcibiades.
Nennst du das beleidigen?
Timon.
Die Menschen erfahren es alle Tage. Geh deines Weges, pake dich,
und nimm deine Dachshunde mit.
Alcibiades.
Wir sind ihm nur beschwerlich; ruhrt die Trummel!
(Alcibiades, Timandra und Phrynia gehen ab.)
Funfte Scene.
Timon.
Das die Natur noch zu eben der Zeit hungern soll, da der Unmuth
uber des Menschen Unbarmherzigkeit sie des Lebens uberdrusig macht!--
Allgemeine Mutter, du deren unermesliche Schoos und unbegrenzte
Brust alles gebiehrt und sauget; o du, deren nemliche Zeugungs-Hize,
woraus der stolze Mensch aufdunset, die schwarze Krote zeugt, und
die blaue Schlange, die goldflekichte Eidechs und den blinden
vergifteten Wurm mit allem andern verabscheuten Ungeziefer, das
Hyperions Feuer belebt: Gieb dem der alle deine menschlichen Sohne
hasset, gieb ihm aus deinem unerschopflichen Busen eine einzige
arme Wurzel. Verstopfe deine fruchtbare gern empfangende Schoos;
las sie nichts mehr fur den undankbaren Menschen hervorbringen. Geh
nur mit Tygern, Drachen, Wolfen und Baren schwanger; schwill von
neuen Ungeheuern auf, die dein emporgerichtetes Antliz dem
umwolbenden Himmel nie gezeigt hat!--O! eine Wurzel--habet Dank,
ihr Gotter!--trokne deine lokern Adern auf, und deine vom Pflug
zerrisne Schollen, aus denen der undankbare Mensch diese geistigen
Safte und diese niedlichen Bissen zieht, die sein reines Gemuth mit
einem Fett umgeben, woran alle Betrachtung abglitscht.
Sechste Scene.
Timon (zu Apemanthus.)
Wieder ein Mensch? Pest! Pest!
Apemanthus.
Ich bin hieher gewiesen worden. Die Leute sagen, du massest dich an,
meine Lebensart nachzuahmen.
Timon.
So mus es deswegen seyn, weil du keinen Hund haltst, den ich
nachahmen konnte. Das du die Schwindsucht kriegtest!
Apemanthus.
Es ist an dir nur etwas erzwungnes, eine arme unmannliche
Melancholey, die blos aus dem Wechsel deines Gluks entsprungen ist.
Wozu dieses Grabscheit? Warum in diesem Walde? Warum dieser
sclavenmassige Aufzug? Und diese kummervolle Blike? Deine
Schmeichler tragen indessen Seide, trinken Wein, ligen weich,
schwimmen in lieblichen Geruchen, und haben vergessen, das jemals
ein Timon war. Entehre diese Kleidung nicht, die dir das Ansehen
und die Vorrechte eines Censors geben soll. Sey du izt ein
Schmeichler, versuch' es, dich nun durch eben dieses fortzubringen,
was dich zu Grunde gerichtet hat; beuge deine Knie, und las den
blossen Athem dessen, dem du aufwartest, deine Muze vom Kopf
herabwehen; erhebe seine lasterhaftesten Ausschweiffungen, und
nenne sie vortreflich. So redte man mit dir; und du gabst deine
Ohren dazu her, den Bierwirthen ahnlich, die Schelmen und alles was
zu ihnen kommt willkommen heissen. Es ist hochst billig, das du ein
Spizbube werdest; hattest du noch Vermogen, so wurden Spizbuben es
haben. Affectire keine Gleichheit mit mir, sag ich dir!
Timon.
Wenn ich dir gleich ware, ich wollte mich selbst wegwerfen.
Apemanthus.
Du hast dich selbst weggeworffen, da du dir selbst gleich warst; so
lang' ein Unsinniger, izt ein Narr! Wie? denkst du, die kalte Luft,
dein ungestumer Kammerherr, werde dir ein warmes Hemde reichen?
Meynst du, diese bemoosten Baume, die den Adler uberlebt haben,
werden wie Pagen hinter dir hertreten, und dir auf einen Wink
zulauffen? Wird der kalte, mit Eis candirte Bach dir ein Cordial
zum Fruhstuk geben, um die Unverdaulichkeit der gestrigen
Nachtmahlzeit zu verbessern? Ruffe den nakten Geschopfen, die der
rauhen Witterung, und den kampfenden Elementen ihre unverwahrten
Rumpfe entgegen bieten; befiehl ihnen, dir zu schmeicheln; o, du
wirst finden --
Timon.
Das du ein Narr bist; zieh' ab.
Apemanthus.
Du bist mir izt lieber als jemals.
Timon.
Und du mir desto verhaster.
Apemanthus.
Warum?
Timon.
Du schmeichelst der Durftigkeit.
Apemanthus.
Ich schmeichle nicht; ich sage nur, das du ein elender Tropf bist.
Timon.
Warum suchst du mich auf?
Apemanthus.
Um dich zu scheeren.
Timon.
Das ist immer die Verrichtung eines Bosewichts, oder eines Narren.
Daucht sie dir kurzweilig?
Apemanthus.
Ja.
Timon.
Was fur ein Schurke du bist!
Apemanthus.
Wenn du diesen schwermuthigen kalten Habit angezogen hattest,
deinen Stolz zu zuchtigen, so hattest du wol daran gethan; aber du
thust es aus Noth; du wurdest ein Stuzer seyn, wenn du nicht ein
Bettler warest. Freywillige Armuth uberlebt ungewisses Wohlleben;
dieses wird immer gefullt und doch nie voll, jene erreicht ihren
hochsten Wunsch auf einmal; der gluklichste Stand ist misvergnugt,
der elendeste zufrieden. (Du) solltest zu sterben wunschen, weil du
in einem so armseligen Zustand bist.
Timon.
Nicht weil mir's einer sagt, der noch armseliger ist. Du bist ein
Sclave, den das Gluk nie mit zartlichen Armen an ihre Brust drukte;
sondern zu einem Hund gebohren. Warest du wie wir, von der ersten
Stuffe des Lebens an, durch alle die angenehmen Grade von
Glukseligkeit fortgeschritten, die diese kurze Welt denjenigen
gewahrt, die sich nur besinnen durfen, was sie von allen ihren
Waaren haben wollen: Du hattest dich in dem diksten Schlamm der
Luderlichkeit herumgewalzt, deine Jugend in den schandlichsten
Ausschweiffungen verschwendet, und nimmermehr die kalten
Vorschriften der Massigung und des Wohlstands beobachten gelernt,
sondern wurdest dem verzukerten Spiel vor dir her blindlings
nachgeloffen seyn. Aber das ich, fur dessen Vergnugen die ganze
Welt arbeitete, der die Zungen, die Augen, die Herzen der Menschen
zu seinem Gebot hatte, mehr als ich ihnen Verrichtungen erdenken
konnte, an dem unzahliche hiengen, wie die Blatter an einer Eiche;
die aber alle, von einem einzigen Winter-Anstos, von ihren Zweigen
abgefallen sind, und mich entblost und unbedekt jedem Sturm
ausgesezt gelassen haben: Das ich, der nie etwas anders als bessers
gekannt hat, dis ertragen soll, ist etwas schwer. Dein Wesen fieng
mit Elend an, und die Zeit hat dich dazu abgehartet. Warum solltest
du die Menschen hassen? Sie haben dir nie geschmeichelt. Was hast
du ihnen geben konnen? Wenn du fluchen willt, so mus dein Vater,
der arme Lumpenhund, der Gegenstand seyn, der, in einem Anstos von
Brunst, irgend eine Bettlerin uberfallen, und dich armseligen Erb-
Lumpenhund zusammgeflikt hat--Hinweg, pake dich!--Warest du nicht
zum untersten unter allen Menschen gebohren, so wurdest du ein
Spizbube und Schmeichler gewesen seyn.
Apemanthus.
Bist du noch stolz?
Timon.
Ja, das ich nicht du bin.
Apemanthus.
Und ich, das ich kein Verschwender gewesen bin.
Timon.
Und ich, das ich izt noch einer bin. War' aller Reichthum, den ich
hatte, in dir aufgeschuttet, so wollt' ich dir Erlaubnis geben, ihn
aufzuhangen. Geh deines Weges--O! das das Leben von ganz Athen in
dieser Wurzel ware! So wollt' ich es essen.
(Er ist eine Wurzel.)
Apemanthus.
Hier, ich will deine Mahlzeit verbessern.
Timon.
Verbesre erst meine Gesellschaft, und pake dich fort!
Apemanthus.
Was hattest du gern zu Athen--
Timon.
Dich, in einem Wirbelwind; wenn du willt, so sag ihnen, ich habe
Gold; siehst du, das ich habe.
Apemanthus.
Hier hat es keinen Nuzen.
Timon.
Den besten und sichersten; denn hier schlaft es, und thut keinen
gedungnen Schaden.
Apemanthus.
Wo ligst du des Nachts, Timon?
Timon.
Unter dem was uber mir ist. Wo futterst du des Tags, Apemanthus?
Apemanthus.
Wo mein Magen Speise findet, oder vielmehr wo ich sie esse.
Timon.
Ich wollte, das Gift muste mir gehorchen, und wuste meine Gedanken.
Apemanthus.
Wo wolltest du es hinschiken?
Timon.
Deine Schusseln zu wurzen.
Apemanthus.
Das Mittel der Menschlichkeit hast du nie gekannt, sondern nur das
ausserste von beyden Enden. Wie du in deinen vergoldeten Zimmern,
und von ausgesuchten Specereyen umduftet warst, da trieben sie ihr
Gespotte uber deine ausschweiffende Zartlichkeit des Geschmaks; izt
da du in Lumpen bist, hast du gar keine, sondern wirst des
Gegentheils halben verabscheut. Hier ist eine Mespel fur dich, is
sie.
Timon.
Ich esse von nichts, was ich nicht leiden kan.
Apemanthus.
Kanst du die Mespeln nicht leiden?
Timon.
Nein, ob sie schon dir gleich sehen.
Apemanthus.
Hattest du sie fruher nicht leiden konnen, so wurdest du izt besser
mit dir selbst zufrieden seyn. Hast du jemals einen Verschwender
gekannt, den man noch geliebt hat, nachdem er um seine Mittel
gekommen ist?
Timon.
Wen hast du jemals ohne diese Mittel, wovon du redst, beliebt
gesehen?
Apemanthus.
Mich selbst.
Timon.
Ich verstehe dich, du hast einige Mittel, einen Hund zu halten.
Apemanthus.
Was fur Dinge in der Welt findst du deinen Schmeichlern am
ahnlichsten?
Timon.
Weiber--Was wolltest du mit der Welt thun, Apemanthus, wenn sie in
deiner Gewalt ware?
Apemanthus.
Sie den wilden Thieren vorwerfen, damit ich der Menschen los wurde.
Timon.
Wolltest du selbst auch das Schiksal der Menschen haben, oder unter
den wilden Thieren ein wildes Thier werden?
Apemanthus.
Das lezte, Timon.
Timon.
Ein bestialischer Wunsch, den die Gotter dir gewahren mogen! Wenn
du ein Lowe warst, so wurde dich der Fuchs betrugen; warst du ein
Lamm, so wurde der Fuchs dich fressen; warst du der Fuchs, so
wurdest du dem Lowen verdachtig werden, wenn dich zufallsweis ein
Esel anklagte; warst du der Esel, so wurde dich deine Dummheit
plagen, und du lebtest immer als ein Fruhstuk fur den Wolf. Warst
du der Wolf, so wurde dir deine Gefressigkeit zur Quaal werden, und
du wurdest oft dein Leben fur dein Mittagessen wagen. Warst du das
Einhorn, so wurde dich Stolz und Grimm verderben, und in Ermanglung
eines andern wurdest du die Beute deiner eignen Wuth werden. Warst
du ein Bar, so wurde dich das Ros todten; warst du ein Ros, so
wurde dich der Leopard ergreiffen; warst du ein Leopard, so warst
du des Lowen Vetter, und deine Fleken wurden deine eigne Verwandten
gegen dein Leben aufhezen. Alle deine Sicherheit war' in Entfernung,
und dein Schuz in der Abwesenheit eines Feindes. Was fur ein Thier
konntest du seyn, das nicht einem Thier unterworffen ware? Und was
fur ein Stuk Vieh bist du izt schon, das du nicht siehst, wie viel
du bey der Verwandlung verliehren wurdest?
Apemanthus.
Wenn du mir durch irgend ein Gesprach gefallen konntest, so hattest
du es izt getroffen. Das gemeine Wesen von Athen ist ein Wald von
Thieren worden.
Timon.
Wie ist dann der Esel durch die Mauern gebrochen, das du ausser der
Stadt bist?
Apemanthus.
Dort kommt ein Poet und ein Mahler; die Pest der menschlichen
Gesellschaft falle auf dich! Ich besorge, das sie mich ansteken
mochte, und will mich mit der Flucht retten. Wenn ich sonst nichts
zu thun weis, will ich dich wieder sehen.
Timon.
Wenn sonst nichts lebendiges mehr ist als du, sollt du mir
willkommen seyn.
Apemanthus.
Du bist das Oberhaupt von allen iztlebenden Narren.
Timon.
Ich wollte, du warest sauber genug, das ich auf dich speyen konnte.
Das du die Kranke hattest!
Apemanthus.
Du bist ein zu schlechter Kerl, als das du jemandem fluchen
konntest.
Timon.
Alle Galgenschwengel werden rein, wenn sie neben dir stehen.
Apemanthus.
Es ist sonst kein Aussaz, als was du redst.
Timon.
Wenn ich dich nenne--Prugeln will ich dich; doch, ich wurde nur
meine Hande krazicht machen.
Apemanthus.
Ich wollte, meine Zunge konnte machen, das sie abfaulten.
Timon.
Weg, du Gezucht eines raudigen Hunds. Ich sterbe vor Zorn, das du
in der Welt bist; ich fall' in Unmacht, wenn ich dich ansehe.
Apemanthus.
Das du bersten mochtest?
Timon.
Hinweg, du verabscheuter Raker; ich furchte, du treibst mir einen
H*d*n ab.
Apemanthus.
Vieh!
Timon.
Sclave!
Apemanthus.
Krote!
Timon.
Lumpenhund, Lumpenhund, etc.
(Apemanthus zieht sich zuruk, als ob er gehe.)
Ich bin dieser falschen Welt uberdrussig, und will nichts in ihr
lieben, als ihre blossen Nothwendigkeiten. So zogre dann nicht,
Timon, dir dein Grab zu machen, dort, wo der leichte Meerschaum
deinen Grabstein taglich schlagen soll; mache deine Grabschrift,
das der Tod in mir uber andrer Leben lache.
(Er sieht auf das Gold, das zu seinen Fussen ligt.)
O du angenehmer Konigs-Morder! du werthe Scheidung zwischen dem
leiblichen Sohn und seinem Vater! du schimmernder Besudler von
Hymens keuschestem Bette! du dapfrer Mars! du immer junger,
frischer, beliebter, und reizender Buhler, dessen Rothe den
geheiligten Schnee, der auf Dianens Schoos ligt, zerschmelzt! Du
sichtbarer Gott, der Unmoglichkeiten zusammenfugt, und einander
kussen macht! der jede Sprache zu jeder Absicht reden kan! O du
Probstein der Herzen; denke, dein Sclave, der Mensch, empore sich
wider dich, und seze sie durch deine Macht in eine so zerruttende
Zwietracht, bis die Herrschaft uber die Welt den Thieren bleibt.
Apemanthus.
Ich wollt' es ware so, aber nicht eher, als bis ich todt bin! Ich
will sagen, du habest Gold; was fur einen Zulauff, du augenbliklich
bekommen wirst!
Timon.
Einen Zulauf?
Apemanthus.
Ja.
Timon.
Deinen Ruken, ich bitte dich.
Apemanthus.
Leb' und liebe dein Elend!
Timon.
Leb lange so und stirb so! Ich bin quitt.
Apemanthus.
Schau, mehr Dinge die wie Menschen aussehen--is, Timon, und
verabscheue sie.
(Apemanthus geht ab.)
Siebende Scene.
(Die Diebe treten auf.)
1. Dieb.
Wo mag er wol sein Geld haben? Es wird irgend ein armseliges
Fragment, irgend ein ubriges Bischen sein, das er noch davon
gebracht hat. Nichts anders, als der Mangel an Geld, und der Undank
seiner Freunde, hat ihn zu dieser Melancholey gebracht.
2. Dieb.
Das Gerucht geht, er hab' einen Schaz gefunden.
3. Dieb.
Wir wollen einen Versuch machen; wenn er nichts darnach fragt; wird
er's uns gutwillig geben; aber wenn er so geizig ist, das er's fur
sich allein behalten will, was ist dann zu thun?
2. Dieb.
Er wird den Schaz nicht bey sich tragen; er wird ihn verstekt haben.
1. Dieb.
Ist der nicht Timon?
Alle.
Wo?
2. Dieb.
Der Beschreibung nach ist er's.
3. Dieb.
Er ists, ich kenn' ihn.
Alle.
Grus dich Gott, Timon.
Timon.
He, Diebe.
Alle.
Soldaten, keine Diebe.
Timon.
Beydes, und von Weibern gebohren.
Alle.
Diebe sind wir nicht, aber Leute, die sehr viel Bedurfnisse haben.
Timon.
Euer grostes Bedurfnis ist, was ihr aller Orten finden konnet: Was
solltet ihr bedurfen? Seht, die Erde hat Wurzeln; innert einer
Meile um uns her entspringen hundert Quellen; die Eichen tragen
Eicheln, die Gestrauche, Hambutten; die gutthatige Hausmutter,
Natur, legt auf jedem Busch ihren ganzen Kram vor euch aus--
Bedurfnisse? Warum Bedurfnisse?
1. Dieb.
Wir konnen nicht von Gras, Beeren und Wasser leben; wie Thiere,
Vogel und Fische.
Timon.
Auch nicht von den Thieren, Vogeln und Fischen selbst; ihr must
Menschen essen. Doch mus ich euch Dank dafur sagen, das ihr
offenbare Diebe seyd, und euch nicht in heiligere Gestalten
einhullet; denn es herrscht grenzenlose Dieberey auch in
gesezmassigen Lebensarten. Galgenschwengel, Diebe, hier ist Gold!
(Er giebt ihnen Geld.)
Geht, saugt das fluchtige Blut der Traube, bis das hizige Fieber
euer Blut zu Schaum kocht, und entgeht dadurch dem Galgen. Vertraut
euch keinem Arzt, seine Arzneyen sind Gift, er todtet mehr Menschen
als ihr beraubt, und nimmt ihnen ihr Geld mit samt dem Leben.
Treibt eure Bubenstuke, treibt sie, weil ihr euch dazu bekennt, wie
ein andres Handwerk; ich will euch Beyspiele genug von Dieberey
geben. Die Sonn' ist ein Dieb, und beraubt durch ihre starke
Anziehung das weite Welt-Meer. Der Mond ist ein ausgemachter Dieb,
und maust sein blasses Licht der Sonne. Das Meer ist ein Dieb,
dessen schmelzende Wellen Damme in salzichte Thranen auflosen. Die
Erde ist ein Dieb, die uns das Futter, wovon sie lebt, aus dem
Unrath aller Dinge zusammenstiehlt; ein jedes Ding ist ein Dieb.
Die Geseze, die euch binden und mit Ruthen streichen, haben
ungestraften Diebstahl in ihrer rauhen Gewalt. Liebt euch selbst
nicht, hinweg, beraubt einander, hier habt ihr mehr Gold; schneidet
Kehlen ab; alle die euch begegnen sind Diebe: Geht nach Athen,
brecht in offne Buden ein, denn ihr konnt nichts stehlen; das nicht
von Dieben verlohren wird; stehlt nichts desto minder, weil ich
euch Gold gebe, und Gold verderbe euch, Amen!
(Er geht ab.)
3. Dieb.
Er hat mir mein Handwerk schier erleidet, indem er mich dazu
aufmunterte.
1. Dieb.
Das ist die allgemeine Bosheit der Menschen; er giebt uns einen
Rath, in Hoffnung, das er uns an den Galgen bringen werde.
2. Dieb.
So will ich ihm glauben wie einem Feind, und meine Profesion
aufgeben.
1. Dieb.
Wir wollen erst warten, bis zu Athen Fried' ist.
2. Dieb.
Es ist kein so schlimmer Zustand, worinn ein Mensch nicht noch gut
werden kan.
(Sie gehen ab.)
Funfter Aufzug.
Erste Scene.
(Der Wald und Timons Hole.)
(Flavius tritt auf.)
Flavius.
O ihr Gotter, ist jener verworfne, zerstorte Mann mein Herr? So
abgezehrt, so eingefallen! O! ein Denkmal, ein Wunder von
ubelangewandten Gutthaten! Was fur eine Veranderung hat eine
verzweiflungsvolle Durftigkeit in seiner Gemuthsart gemacht! Was
fur ein schandlicheres Ding ist auf der Erde als Freunde, die das
edelste Gemuth zu einem solchen Verfall bringen konnen! Wie wohl
schikt sich das Gebott, das wir unsre Feinde lieben sollen*, fur
unsre Zeiten! Wenn es mir auch frey stunde, wollt' ich sie doch
eher lieben als Schmeichler.--Er hat mich wahrgenommen; ich will
ihm meinen redlichen Kummer zeigen, und bis zum lezten Athemzug
sein treuer Diener bleiben.
{ed.-* Hier vergist unser Autor, das seine Personen keine Christen sind,
noch seyn konnen; kein Wunder, da er durch das ganze Stuk
vergessen hat, das sie Athenienser sind.}
(Timon kommt aus seiner Hole hervor.)
Mein theurester Herr.
Timon.
Weg! Wer bist du?
Flavius.
Habt ihr mich vergessen, mein Herr?
Timon.
Wie magst du fragen? Ich habe alle Menschen vergessen; wenn du also
gestehen must, das du ein Mensch bist, so hab ich dich vergessen.
Flavius.
Ein ehrlicher Diener--
Timon.
So kenn ich dich nicht: ich habe niemals ehrliche Leute um mich
gehabt; alle die ich hatte waren Spizbuben, um Galgenschwengeln
beym Essen aufzuwarten.
Flavius.
Die Gotter sind Zeugen, das niemals ein armer Verwalter einen
aufrichtigern Schmerz fur seinen zu Grunde gerichteten Herrn
gefuhlt hat, als meine Augen fur euch.
(Er weint.)
Timon.
Wie? weinst du? Komm naher, so will ich dich denn lieben, weil du
ein Weib bist; du kanst aus Mitleiden weinen; das kan das
kieselsteinerne Herz des mannlichen Geschlechts nicht; wenn ihre
Augen ubergehen, so geschieht es vor Lachen oder boser Lust.
Flavius.
Ich bitte euch, mein gutiger Herr, mich nicht abzuweisen, und mir
zu verstatten, das ich euern Kummer theile, und so lange dieser
arme Reichthum daurt,
(er zeigt ihm einen Beutel mit Geld,)
euer Verwalter bleibe.
Timon.
Hatt' ich einen Verwalter, der so getreu, so redlich, und nun so
hulfreich ist? Dis konnte mein verwildertes Gemuth beynahe zahm
machen. Las mich dein Gesicht sehen; wahrlich, dieser Mann ist von
einem Weibe gebohren. Verzeihet mir mein allgemeines, keine
Ausnahme machendes, zu rasches Urtheil, ihr unsterblichen, weisen
Gotter! Ich gestehe nun einen ehrlichen Mann zu; verstehet mich wol,
nur Einen; keinen mehr, ich bitte euch; und der einzige ist ein
Verwalter! Wie gerne wollt' ich das ganze Menschen-Geschlecht
gehasset haben, und du kaufst dich los; doch alle andre, dich
ausgenommen, mogen meine Fluche treffen! Mich daucht, du seyest
mehr ehrlich als klug; denn, wenn du mich betrogen und verrathen
hattest, so hattest du desto balder eine andre Bedienstung erhalten
konnen; viele kommen auf diese Art zu ihren zweyten Herren, auf
ihres ersten Herrn Naken. Aber sage mir aufrichtig, (denn ich mus
immer zweifeln, ob ich gleich niemals weniger Ursach dazu hatte;)
ist nicht diese deine Zartlichkeit listig und eigennuzig, eine
wuchernde Zartlichkeit, wie reiche Leute Geschenke machen, um
zwanzig mal so viel dafur zuruk zu bekommen?
Flavius.
Nein, mein wurdiger Herr, (in dessen Brust Zweifel und Argwohn, ach
leider! zu spat Plaz nehmen;) ihr hattet falsche Freundschafts-
Versicherungen vermuthen sollen, da ihr Bankette gabt. Das was ich
euch zeige, der Himmel weis es, ist lauter Liebe, Pflicht und
Ergebenheit gegen ein Herz, das seines gleichen nicht hat, Sorge
fur euern Unterhalt und euer Leben; und glaubt mir, es ist kein
Vortheil weder gegenwartig, noch den ich hoffen konnte, den ich
nicht um diesen einzigen Wunsch vertauschen wollte, euch wieder in
Gluk und Wohlstand zu sehen.
Timon.
Gut, ich glaube dir, es ist so; du einzelner ehrlicher Mann, hier,
nimm.
(Er giebt ihm einen Sak mit Gold.)
Die Gotter haben dir aus meinem Elend einen Schaz zugeschikt. Geh,
lebe reich und gluklich; aber mit dieser Bedingung, das du von den
Menschen abgesondert wohnen sollst. Has' alle, verwunsch' alle,
thue keinem Gutes; las einem Bettler eh sein verhungertes Fleisch
von den Knochen fallen, eh du ihm ein Almosen gabest. Gieb den
Hunden, was du den Menschen versagst. Das Gefangnisse sie
verschlingen, das sie in Schulden verderben, das die Menschen einem
verdorrten Walde gleich sehen, und verpestete Krankheiten ihr
falsches Blut aufleken! Und hiemit lebe wohl, und gedeyhe!
Flavius.
O last mich bey euch bleiben, mein gutiger Herr, und euch
unterstuzen --
Timon.
Wenn du meinem Fluch ausweichen willst, so saume dich nicht, flieh;
flieh, weil du noch gesegnet und frey bist. Sieh du keinen Menschen
mehr, und las dich nimmer vor mir sehen.
(Sie gehen auf verschiedne Seiten ab.)
Zweyte Scene.
(Der Poet und der Makler treten auf.)
Mahler.
Nach der Erkundigung, die ich von dem Ort eingezogen habe, kan er
nicht weit von hier sich aufhalten.
Poet.
Was soll man von ihm denken? bestattigt sich das Gerucht, das er
soviel Gold haben soll?
Mahler.
Er hat; Alcibiades erzahlt es, Phrynia und Timandra haben Gold von
ihm bekommen; er schenkt' auch etlichen armen verlaufenen Soldaten
eine grosse Menge davon. Man sagt, er gab seinem Verwalter eine
starke Summe.
Poet.
So war folglich diese Bankrutt nur eine Prufung seiner Freunde.
Mahler.
Nichts anders; ihr werdet ihn bald in Athen unter den Ersten wieder
glanzen sehen. Es wird also nicht ubel gethan seyn, wenn wir ihm in
dem Ungluks-Stand', worinn man ihn versunken glaubt, unsre
Freundschaft bezeugen; es wird uns das Ansehen eines edelmuthigen
Betragens geben; und es ist sehr wahrscheinlich, das es uns zu
unserm Zwek fuhren wird, wenn es wahr ist, das er so reich seyn
soll.
Poet.
Was habt ihr bey euch, womit ihr ihm aufwarten wollet?
Mahler.
Nichts fur dismal als meinen Besuch; allein ich will ihm ein
vortrefliches Stuk versprechen.
Poet.
Ich will ihn auf die nemliche Art bedienen.
Mahler.
So ist's am besten. Versprechen offnet das Auge der Erwartung, und
macht sich oft fur etwas, das niemals gehalten wird, zum voraus
bezahlt. Halten ist allemal der Narr in seinem eignen Spiel; sobald
ein Versprechen gehalten ist, so nuzt es, ausser bey der
einfaltigern Art von Leuten, dem Geber nichts mehr. Versprechen ist
hofmannisch, und ein Stuk von der feinen Lebensart; Halten ist eine
Art von leztem Willen oder Testament, welches bey dem, der es macht,
eine grosse Krankheit--am Verstand anzeigt. (Timon kommt, ohne das
ihn die vorigen Personen gewahr werden, aus der Hole hervor.)
Timon (vor sich.)
Vortreflicher Kunstler! du kanst keinen so schlechten Kerl mahlen
als du selbst bist.
Poet.
Ich besann' mich, was ich sagen will, das ich fur ihn in der Arbeit
habe--Es mus eine Vorstellung von ihm selbst seyn; eine Satyre uber
die Weichlichkeit, die eine Folge des Wohlstands zu seyn pflegt;
mit einer Entdekung der unendlichen Schmeicheleyen, die das Gefolge
von Jugend und Reichthum sind.
Timon.
Must du dich dann in deinem eignen Werk als einen Nichtswurdigen
abschildern? Willt du deine eigne Laster auf andrer Leute Ruken
peitschen? Thue es, ich habe Gold fur dich.
Poet.
Wir wollen ihn aufsuchen.
Wer einen Vortheil einzuholen
Zu spat kommt, hat sich selbst bestohlen.
Mahler.
Ihr habt recht.
Poet.
Such', was dir fehlt, bey Tag, der unbezahlt dir scheint;
Die Nacht im schwarzen Flor ist niemands Freund.
Kommt!
Timon.
Ich will euch beym Umkehren entgegen kommen--Was fur ein Gott ist
Gold, das er in Tempeln verehrt wird, die verachtlicher sind als
die Oerter, wo Schweine ihre Speise suchen. Du bist es der das
Schiff ausrehdet, und die beschaumten Wellen pflugt; du verschaffst
dem Sclaven Bewundrung und Ehrfurcht; niemals moge dein Dienst
abnehmen, und verderbliche Plagen sollen deine Anbeter umkranzen!--
Izt ist es Zeit, ihnen entgegen zu kommen.
Poet.
Heil dir, wurdiger Timon.
Mahler.
Einst unser edler Gebieter.
Timon.
Wie, erleb' ich es, noch zween ehrliche Manner zu sehen?
Poet.
Mein Herr, da wir so viel Gutes von euch genossen haben, und
vernehmen musten, das ihr euch entfernt, und das alle eure Freunde
abgefallen, fur deren undankbare Gemuther--(oh,
verabscheuungswurdige Seelen!) alle Ruthen des Himmels nicht
hinreichend sind--Was? von euch? dessen Stern-gleiche Grosmuth
Leben und Einflusse ihrem ganzen Wesen gab? Ich komme ganz ausser
mich, und kan keine Worte gros genug finden, die ungeheure Grosse
dieser Undankbarkeit darein zu kleiden.
Timon.
Last sie nakend gehen, so sehen die Leute sie desto besser; ihr,
die ihr ehrliche Manner seyd, macht durch das, was ihr seyd, das
was sie sind am besten sichtbar.
Mahler.
Er und ich haben in dem grossen Regen eurer Freygebigkeit gereist,
und ihn auf eine angenehme Art empfunden.
Timon.
Ja, ihr seyd ehrliche Manner.
Mahler.
Wir sind hieher gekommen, euch unsre Dienste anzubieten.
Timon.
Sehr ehrliche Manner! Wie kan ich's euch wett machen? Konnt ihr
Wurzeln essen, und kaltes Wasser trinken? Nein.
Beyde.
Wir wollen thun, was wir nur immer konnen, um euch Dienste zu
leisten.
Timon.
Ihr seyd ehrliche Manner; ihr habt gehort, das ich Gold habe; ich
bin versichert, ihr habt's gehort; sagt die Wahrheit, ihr seyd
ehrliche Manner.
Mahler.
So sagt man, mein edler Lord; allein deswegen kam ich und mein
Freund nicht hieher.
Timon.
Guter ehrlicher Mann; du mahlst das beste Portrait unter allen
Mahlern in Athen; du bist, in der That, der beste; du mahlst
vortreflich nach dem Leben.
Mahler.
So, so, Gnadiger Herr.
Timon.
Eben so, mein Herr, wie ich sagte.
(Zum Poet.)
Und was deine Gedichte betrift, deine Verse fliessen so voll und
lieblich, das du in deiner Kunst eben so naturlich bist. Allein
eben darum, meine ehrlich-gesinnten Freunde, mus ich euch sagen,
ihr habt einen kleinen Fehler; der aber in der That euch nicht sehr
entstellt; auch wunscht' ich nicht, das ihr euch grosse Muhe gabet,
ihn zu verbessern.
Beyde.
Wir bitten Euer Gnaden ihn uns bekannt zu machen.
Timon.
Ihr mochtet es ubel aufnehmen.
Beyde.
Mit hochstem Dank, Gnadiger Herr.
Timon.
Ist das euer Ernst?
Beyde.
Zweifelt nicht daran, Milord.
Timon.
Es ist niemals einer von euch allein, ohne sich einem Spizbuben
anzuvertrauen, der euch gewaltig hinter's Licht fuhrt.
Beyde.
Thun wir das, Gnadiger Herr?
Timon.
Das thut ihr, und ihr hort seine Schmeicheleyen; seht wie er sich
verstellt, kennt seine groben Schelmstuke, und doch liebt ihr ihn,
gebt ihm zu essen, und tragt ihn in euerm Busen; aber seyd
versichert, er ist ein ausgemachter Spizbube.
Mahler.
Ich kenne keinen solchen, Gnadiger Herr.
Poet.
Noch ich.
Timon.
Schaut ihr, ihr seyd mir lieb, ich will euch Gold geben, wenn ihr
mir diese Schelmen aus eurer Gesellschaft ausstossen wollt; hangt
sie oder erstecht sie, gebt ihnen Gift ein, oder schaft sie sonst
auf eine Art aus der Welt, und kommt wieder zu mir, so will ich
euch Gold genug geben.
Beyde.
Nennet sie, Gnadiger Herr, wir mochten sie kennen.
Timon.
Geht ihr auf diese Seite, und ihr auf diese--Aber es sollte jeder
allein seyn--wenn jeder von euch ganz allein und einzeln ist, so
halt ihm doch ein Erz-Spizbube Gesellschaft.
(Zum Mahler.)
Wenn da wo du bist, nicht zween Spizbuben seyn sollen, so komm ihm
nie zu nah--
(Zum Poet.)
Wenn du nirgends seyn willt, als wo nur ein Spizbube ist, so
verlas ihn. Fort, pakt euch, hier ist Gold;
(Er giebt ihnen Schlage.)
ihr kamet um Gold zu kriegen, ihr Sclaven; ihr habt Arbeit fur
mich;--hier ist eure Bezahlung--Fort--Ihr seyd ein Alchymist, macht
Gold aus diesem; fort, ihr Lumpenhunde!
(Er prugelt sie, und jagt sie fort.)
Dritte Scene.
(Flavius und zween Senatoren treten auf.)
Flavius.
Es ist umsonst, wenn ihr den Timon sprechen wollt; denn er ist so
ganzlich auf sich allein eingeschrankt, das er nichts was einem
Menschen gleich sieht, ausser sich selbst, um sich leiden kan.
1. Senator.
Fuhrt uns zu seiner Hole; es ist unser Auftrag, und wir haben uns
den Atheniensern dazu verpflichtet, mit Timon zu reden.
2. Senator.
Die Menschen sind nicht zu allen Zeiten gleich; Umstande und Kummer
haben ihm diesen Humor gegeben; die Zeit, die ihm nun die
Glukseligkeiten seiner ehmaligen Tage wieder anbietet, kan ihn
wieder zu dem vorigen Mann machen; fuhrt uns zu ihm, es mag gehen
wie es will.
Flavius.
Hier ist seine Hole! Fried' und Zufriedenheit wohne hier, Lord
Timon! Timon, schaue heraus, und rede mit Freunden; die Athenienser
grussen dich durch zwey Mitglieder ihres hochst ehrwurdigen Senats;
rede mit ihnen, edler Timon. (Timon kommt aus seiner Hole heraus.)
Timon.
Du Sonne, anstatt zu erquiken, brenne!--Redet, und dann geht an den
Galgen! wenn ihr fur jedes wahre Wort eine Blatter kriegtet, und
fur jedes falsche bis auf die Wurzel eurer Zunge gebrannt wurdet,
so wurd' euer Vortrag nicht lange dauern.
1. Senator.
Wurdiger Timon--
Timon.
Ja, solcher Leute wurdig wie ihr seyd, und ihr des Timons.
2. Senator.
Die Senatoren von Athen grussen dich, Timon.
Timon.
Ich dank' ihnen, und wollt' ihnen die Pest dafur zuruk schiken,
wenn ich sie kriegen konnte.
1. Senator.
O vergis dessen, an was wir selbst ohne Schaam und Kummer nicht
denken konnen; die Senatoren ruffen dich mit einhelliger
Freundschaft nach Athen zuruk, und sind darauf bedacht, dich mit
den ansehnlichsten Ehrenstellen zu uberhauffen, die fur dich
erledigt ligen.
2. Senator.
Sie bekennen, das ihre Unachtsamkeit auf deine Verdienste zu
allgemein, zu gros gewesen; die ganze Republik, (die sonst selten
Palinodien zu singen pflegt,) hat durch das Gefuhl, wie sehr ihr
Timon mangelt, eine lebhafte Empfindung von dem Unrecht bekommen,
das sie sich selbst angethan, indem sie dem Timon ihren Beystand
entzogen; und sendet uns nun, dir daruber ihre reuvolle Bekummernis
zu bezeugen, und dir zugleich einen Ersaz anzubieten, den ihr
Vergehen nicht um eine Drachme uberwiegen soll; ja so uberhaufte
Summen von Liebe, Ansehn und Reichthum, das sie jede Spur der
vergangnen Krankungen in deinem Andenken ausloschen, und die
Figuren ihrer Liebe so tief in dich eindruken sollen, das sie auf
ewig unausloschlich dauern werden.
Timon.
Ihr bezaubert mich, uberrascht mich durch eure Beredsamkeit beynahe
zu Thranen; leiht mir eines Narren Herz, und die Augen eines Weibs,
so will ich uber diese trostlichen Sachen weinen, wurdige Senatoren.
1. Senator.
Las dir also gefallen mit uns zuruk zu kehren, und die Ober-
Befehlhabers-Stelle uber unser Athen, dein und unser Athen,
anzunehmen: Du sollt mit allgemeinen Dankbezeugungen eingeholt, und
mit dem volligen Ansehn der hochsten Gewalt bekleidet werden; so
werden wir bald die wilden Anfalle des Alcibiades zuruk getrieben
haben, der izt, wie ein ergrimmter Bar, den Frieden seines
Vaterlands aufwuhlt,
2. Senator.
und sein drauendes Schwerdt gegen die Mauern von Athen gezukt halt.
1. Senator.
Daher, Timon--
Timon.
Gut, mein Herr, ich will; daher will ich, mein Herr; so, nemlich--
Wenn Alcibiades meine Landsleute umbringt, so last den Alcibiades
vom Timon dieses wissen, das Timon sich nichts darum bekummert.
Wenn er das schone Athen zu einem Steinhauffen macht, wenn er eure
wakern alten Manner bey den Barten zieht, und eure keuschen
Jungfrauen der Beflekung des schaamlosen, viehischen, wuthenden
Kriegs Preis giebt, so last ihn wissen--und sagt ihm, Timon hab' es
gesagt--Aus Mitleiden mit euern Alten und mit eurer Jugend kan ich
nicht anders als ihm sagen lassen, das ich--nichts darnach frage.
Und last es ihn im schlimmsten Sinn nehmen als er will, denn ihre
Messer fragen auch nichts darnach, das ihr Gurgeln zum Antworten
habt. Was mich selbst betrift, so ist in seinem ganzen zaumlosen
Lager kein so kleines Taschen-Messer, das ich nicht hoher schaze
und liebe, als die ehrwurdigste Gurgel in Athen. Und hiemit uberlas
ich euch der Obhut der Gotter, wie Diebe ihren Hutern.
Flavius.
Bleibet nicht langer, es ist alles umsonst.
Timon.
Wie, ich war eben im Begriff, meine Grabschrift zu schreiben;
morgen wird man sie sehen konnen. Meine lange Krankheit an
Gesundheit und Leben fangt an sich zu bessern, und Nichts bringt
mir Alles.--Geht, lebt immerhin; Alcibiades sey eure Geissel, ihr
die seinige; und so daurt einander aus, so lang es moglich ist!
1. Senator.
Alles, was wir reden konnten ist umsonst.
Timon.
Und doch lieb' ich mein Vaterland noch; und bin keiner, der an dem
allgemeinen Schiffbruch seine Freude hat, wie die Sage von mir geht.
1. Senator.
Das ist wol gesprochen.
Timon.
Empfehlt mich meinen werthesten Mitburgern.
1. Senator.
Das sind Worte, die euern Lippen wol anstehen!
2. Senator.
Und in unsre Ohren, wie triumphierende Sieger durch ihre
zujauchzenden Thore, eingehen.
Timon.
Empfehlt mich ihnen, und sagt ihnen, um ihnen in ihren bekummerten
Umstanden, ihrer Furcht vor feindlichen Streichen, ihren Drangsalen,
ihrem grossen Verlust, ihren Liebes-Aengsten, und andern
dergleichen zufalligen Wehen, die das zerbrechliche Gefas der
menschlichen Natur in der ungewissen Reise des Lebens auszustehen
hat, einige Linderung zu verschaffen, woll' ich ihnen noch eine
Probe von meiner gutigen Gemuthsart geben, und ihnen ein Mittel
sagen, wodurch sie dem Grimm des Alcibiades zuvorkommen konnen.
2. Senator (leise.)
Das geht ganz gut; er wird mit uns zuruk kommen.
Timon.
Ich habe einen Baum, der hier in meinem Einfang wachst, und den ich
zu meinem eignen Gebrauch nachstens fallen mus. Sagt meinen
Freunden, den Atheniensern, allen ohne Ausnahm, von dem Hochsten
bis zum Niedrigsten; das ein jeder der Lust habe, allem seinem Leid
ein Ende zu machen, unverzuglich hieher kommen, und eh noch mein
Baum die Axt gefuhlt hat, sich daran aufhangen soll--Ich bitte euch,
richtet es wohl aus.
Flavius.
Beunruhigt ihn nicht langer, ihr werdet ihn nie anders finden.
Timon.
Kommt nicht wieder zu mir, sondern sagt den Atheniensern: Timon
habe seine immerwahrende Wohnung an dem aussersten Strande der
gesalznen Fluth genommen, wo die ungestumen Wellen sie alle Tage
einmal mit ihrem schwellenden Schaum bedeken werden. Dahin kommt,
und last meinen Grabstein euer Orakel seyn. Schliesset euch nun,
meine Lippen, und macht euern Verwunschungen ein Ende; Pest und
Verderben vollende, was ihr vergessen habt; Graber allein seyen der
Menschen Arbeit, und Tod ihr Gewinn! Sonne, verbirg deine Stralen!
Timon hat seinen Lauf vollbracht.
(Timon geht ab.)
1. Senator.
Sein Unwille und Gram ist auf eine unzertrennliche Art mit seinem
Wesen zusammengewachsen.
2. Senator.
Unsre Hoffnung auf ihn ist todt; last uns zuruk kehren, und sehen,
was fur andre Mittel uns in dieser aussersten Gefahr noch ubrig
sind.
1. Senator.
Wir haben keinen Augenblik zu versaumen.
Vierte Scene.
(Die Mauern von Athen.)
(Zween andre Senatoren mit einem Boten treten auf.)
1. Senator (zum Bot.)
Du hast grosse Muhe bey deiner Auskundschaftung gehabt; sind denn
seine Linien so voll wie man sagt?
Bote.
Ich habe die geringste Zahl angegeben; zudem, so macht er Anstalten,
unmittelbar vor die Stadt anzuruken.
2. Senator.
Wir sind in grosser Gefahr, wenn sie den Timon nicht mit sich
bringen.
Bote.
Ich begegnete unterwegs einem Courier, einem alten guten Freund von
mir; wir sind zwar von entgegenstehenden Partheyen; allein unsre
alte Liebe hatte doch Starke genug, zu machen, das wir wie gute
Freunde mit einander sprachen. Dieser Mann war in Eile von
Alcibiades nach Timons Hole abgeschikt mit Briefen, worinn er ihn
einlud, seine Parthey wider eure Stadt zu verstarken, um so mehr
als das Unrecht, so dem Timon angethan worden, eine von den
Ursachen sey, die ihn in Waffen gesezt habe. (Andre Senatoren zu
den Vorigen.)
1. Senator.
Hier kommen unsre Bruder.
3. Senator.
Redet nicht von Timon, erwartet nichts von ihm; man hort schon die
Trummeln der Feinde, und das furchterliche Stampfen ihrer Tritte
fullt die Luft mit Staub. Hinein, und macht euch gefast; ich
besorge, unsre Gegenwehr werde wenig helfen.
(Sie gehen ab.)
(Ein Soldat geht in den Wald hinein, und sucht den Timon.)
Soldat.
Der Beschreibung nach mus dieses der Ort seyn. Wer ist hier?
Antworte! he! Keine Antwort?--was ist dis?--ha! Timon todt
ausgestrekt? Irgend ein wildes Thier mus dieses Grabmal aufgewuhlt
haben, denn hier lebt kein Mensch. Er ist todt, so ist's, und dis
ist sein Grab--Was ist auf diesem Stein? Ich kan nicht lesen; aber
ich will die Schrift in Wachs abdruken; unser General versteht
alles, er ist alt an Wissenschaft, obgleich jung an Tagen; anstatt
ihm seinen Freund zu bringen, bring ich ihm seine Grabschrift.
(Er geht ab.)
Funfte Scene.
(Vor den Mauern von Athen.)
(Trompeten. Alcibiades zieht mit seinem Heer auf.)
Alcibiades.
Verkundigt dieser feigen und von Wollust aufgelosten Stadt unsre
furchterliche Ankunft.
(Man hort Schamade schlagen.
Die Senatoren lassen sich auf den Mauern sehen.)
Bis izt habt ihr ohne Scheu euerm ausschweiffenden Uebermuth den
Zugel gelassen, und eure Willkuhr zum Zwek der Geseze gemacht.
Lange genug sind ich und andre, die im Schatten eurer Gewalt
schliefen, mit verkehrten Waffen, wie Nachtwandrer, herumgeirret,
und haben unsre Bedrukung umsonst in Klagen ausgehaucht. Nun ist
die Zeit gekommen, da das uberladne Mark unter der ubermassigen
Last ausruft: Es ist genug*; nun soll die keuchende Beleidigung
sich in eure grosse Lehnstuhle werfen, und ausschnauben; und der
aufgeschwollne Uebermuth vor Angst allen seinen Wind fahren lassen,
und mit emporstraubenden Haaren davon lauffen.
{ed.-* Das Mark wurde fur die Quelle der Starke gehalten. Das Bild ist
von einem Cameel hergenommen, welches auf den Knien ligt, um seine
Last aufzunehmen; und gleich aufsteht, wenn man ihm mehr auflegen
will, als es tragen kan. Warburton.}
1. Senator.
Edler Jungling, da deine ersten Beschwerden nur noch Gedanken waren,
eh du Macht hattest oder wir Ursache hatten dich zu furchten;
sandten wir zu dir, deinen Zorn zu besanftigen, und versprachen,
unsre Undankbarkeit mit uberschwanglicher Liebe auszuloschen.
2. Senator.
Wir hielten auch durch eine demuthige Gesandtschaft, und mit
versprochner Besserung, bey dem verwandelten Timon an, unsrer Stadt
seine Liebe wieder zu schenken; wir sind nicht alle undankbar, und
verdienen nicht alle unter dem allgemeinen Streich des Krieges zu
sinken.
1. Senator.
Diese unsre Mauern sind nicht von den Handen derjenigen aufgefuhrt
worden, von denen ihr Beleidigungen empfangen habt; und es ware
nicht billig, das diese schonen Thurme, diese Tropheen und diese
Schulen, um der Missethat etlicher Privatleute willen fallen
sollten.
2. Senator.
Diejenigen sind nicht einmal mehr am Leben, deren Bestraffung der
erste Beweggrund euers Auszugs war. Schaam und Verdrus uber die
Folgen ihrer Unbesonnenheit hat ihnen das Herz gebrochen. Ziehe nur,
o edler Lord, mit fliegenden Fahnen in unsre Stadt ein; las, wenn
deine Rache nach einer Nahrung hungert, wovor der Natur grauet, las
durch das fatale Loos den zehnten Mann sterben, und schone der
ubrigen.
1. Senator.
Nicht alle haben gesundiget; es ist nicht billig, an den
Unschuldigen die Rache zu nehmen, die nur die Schuldigen verdient
haben. Verbrechen werden nicht mit den Gutern geerbt. Fuhr' also,
theurer Mitburger, deine Schaaren herein, aber las deinen Zorn
voraussen; schone deiner Atheniensischen Wiege, und dieser
Geschlechter, die in dem Ungestum deines Grimms mit denen, so
gesundigt haben, fallen musten. Komm, gleich einem Schafer, in die
Hurden, um die angestekten auszusondern, nicht alle zusammen zu
erwurgen.
2. Senator.
Wozu willst du dein Schwerdt wieder uns ziehen, da du uns durch
dein Lacheln leichter zu allem was du willst, zwingen kanst?
1. Senator.
Seze nur deinen Fus gegen unsre verrigelten Thore, und sie sollen
sich offnen, wenn du dein gutiges Herz vorausschiken willst, uns zu
versichern, das du als Freund einziehen werdest.
2. Senator.
Zieh deinen Handschuh, oder gieb uns ein andres Pfand deines
Ehrenworts, das du deine Macht nur zu deiner eignen
Wiederherstellung, nicht zu unsrer Zerstorung, gebrauchen wollest;
alle deine Kriegsschaaren sollen so lange in unsern Mauern ligen
bleiben, bis deinen Fordrungen vollig genug geschehen seyn wird.
Alcibiades.
So ist dann hier mein Handschuh. Steigt herab, und offnet eure
wehrlosen Thore; diese Feinde des Timon und die meinige, deren
Verurtheilung euch selbst ubergeben seyn soll, diese allein sollen
fallen; und euch zu zeigen, das ihr von meinen edlern Gesinnungen
nichts zu besorgen habt, so soll keiner von meinen Leuten sein
angewiesenes Quartier uberschreiten, oder den Lauf der burgerlichen
Ordnung in den Bezirken eurer Stadt storen, ohne von den
offentlichen Gesezen zur scharfsten Verantwortung gezogen zu werden.
Beyde.
Dis ist sehr edel gesprochen.
Alcibiades.
Kommet herab, und haltet euer Wort. (Ein Soldat tritt auf.)
Soldat.
Mein edler Obrister, Timon ist todt; an dem aussersten Ufer des
Meers ist sein Grab, und auf dem Grabstein diese Aufschrift, die
ich in Wachs mit mir genommen habe, damit dieser Abdruk der
Dolmetscher meiner armen Unwissenheit sey.
Alcibiades (liest die Grabschrift:)
Hier ligt ein ungluklicher Leichnam, von einer
ungluklichen Seele verlassen; sucht meinen Namen nicht! Verderben
uber euch Bosewichter alle, die ich hinter mir lasse! Hier ligt
Timon, der alle Menschen hassete; geh' vorbey, und fluch' ihm bis
du genug hast, nur verweile dich nicht hier. Dieses drukt die
lezten Bewegungen deiner Seele wohl aus; ob du gleich unser
menschliches Mitleid verabscheuet, und die Thranen verschmahest,
die der kargen Natur entfallen; so lehrte dich doch ein edler Stolz,
den ungeheuern Neptun fur ewig auf dein niedriges Grab weinen zu
lassen--Wohlan--die Fehler sollen vergeben seyn--Der edle Timon ist
todt; und sein Gedachtnis soll eine unsrer Sorgen seyn--Fuhrt mich
in eure Stadt, und ich will mein Schwerdt mit Oelzweigen umwinden!--
Ruhrt die Trummeln, und rukt ein--
(Sie ziehen ab.)
END
This etext was retrieved by ftp from ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg
It is also available from www.ibiblio.org/gutenberg
This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de.
Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
zur Verfugung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
http://gutenberg2000.de erreichbar.
|
|
Buy all the books from our site on CD or DVD
B&R Samizdat Express publishes books you read on your computer,
collected
and organized in useful and suggestive ways on CD and DVD.
They offer classics and out-of-print gems, organized by author, genre,
time
period, theme/subject, and geographic region. Books in text form
are searchable, printable, and editable. You can buy an entire library
for
the price of a single printed book.
|